INTER.NOCTEM - Isobel NeX - E-Book

INTER.NOCTEM E-Book

Isobel NeX

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Beschreibung

Der Falle ihrer Familie nur um Haaresbreite entkommen, tötet Katharina in Notwehr einen Jäger. Doch nicht nur diese Häscher haben es auf sie und Philippe abgesehen, auch das Oberhaupt aller Vampire hat ein berechtigtes Interesse. Und zu allem Übel stellt sich ein unerwarteter Blutdurst bei Katharina ein, denn Philippe hat ihr wichtige Informationen vorenthalten, die nicht nur ihr Leben in große Gefahr bringen.

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Seitenzahl: 349

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Isobel NeX

INTER.NOCTEM

In der Nacht

© 2021 Isobel NeX

Umschlag: ©[Blood Moon von Celina Ortelli] und ©[Vampire von D-Keine] via Canva.com

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-27215-6

Hardcover:

978-3-347-27216-3

e-Book:

978-3-347-27217-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Danksagung

Eva Kurrek

Für Deinen Rat und die

Anmerkungen, die auch Teile dieses Buches

wieder zur Druckreife gebracht haben.

Allen Freunden und Bekannten,

die mir mit Rat und Unterstützung

zur Seite standen.

Blood.Line.Prequel Teil II

INTER.NOCTEM - In der Nacht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Blood.Line.Prequel Teil II

INTER.NOCTEM

In der Nacht

Isobel Nex

Kapitel 1

„Meine Schwester ist eine dreckige Vampirhure!“, brüllte die aggressive Stimme ihres Bruders, etwa einen Meter von ihrem Ohr entfernt, als Katharina schließlich erkannte, in welch misslicher Lage sie sich gerade befand.

Alles drehte sich irgendwie vor ihrem Sichtfeld und sie konnte nicht wirklich sagen, ob sie aufrecht stand oder auf den Knien war. Weitere Stimmen dröhnten in ihren Ohren, aber sie schaffte es nicht, deren Ursprünge auszumachen.

Nach eigenem Empfinden stark schwankend, wandte sie den Kopf und erkannte ihren Bruder neben sich. Also wurde sie im Moment gerade nicht von ihm festgehalten?

Karl stand, sichtlich in Rage, in ihrem Schlafzimmer und hatte Philippe niedergeschlagen, ihm vermutlich sogar die Nase gebrochen, während sein Mentor, der Medici Jäger, den Vampir mit ihrem eigenen Schwert am Boden hielt.

Sollte Philippe versuchen, sich zu bewegen, dann würde die Klinge sein Herz durchbohren!

Katharina starrte ihn jetzt an.

Wie zum Teufel waren die Jäger hier hereingekommen?! Die Tür zum Treppenabgang war verriegelt gewesen!

Sie mussten Philippe genauso überrascht haben, denn der Vampir war ihnen durch sein hohes Alter an körperlicher Kraft und Schnelligkeit weit überlegen und er hätte sie kommen hören müssen!

Philippes Augen suchten den Blickkontakt zu ihr; sie waren weit aufgerissen und Katharina erkannte darin Furcht. Sie konnte es ganz deutlich an seinem Gesicht ablesen.

Das dunkle, rötlich-schwarze Blut lief ihm an den Schläfen herab und als Rinnsale auch aus Mund und Nase und tropfte auf den Korkboden, auf dem sich bereits eine kleine Lache zu bilden begann.

Die Jäger mussten mehr als nur einmal sehr brachial zugeschlagen haben. Am Boden, vor dem Bett, lag noch die blutbefleckte Eisenstange.

Das vormittägliche Licht fiel dumpf durch die Scheibe des Gaubenfensters und die Haut am nackten Oberkörper des Vampirs verfärbte sich schon rötlich.

Tageslicht!

Die plötzliche Erkenntnis ließ sie schwer schlucken. Die Jäger hatten die Vorhänge heruntergerissen! Er würde ganz langsam verbrennen!

Erst jetzt schmeckte Katharina das Blut in ihrem Mund; ihre Lippen waren von dem heftigen Schlag gegen ihren Kiefer aufgeplatzt. Das erklärte auch ihr Problem, die eigene Position genau zu verorten.

Im selben Moment packte sie jemand im Genick und drückte sie in eine gebückte Haltung.

„Wie konntest du uns nur so verraten, Katharina?!“, zischte jemand abschätzig hinter ihr.

Es war die vertraute Stimme ihres Vaters.

„Lässt dich mit so einer Kreatur ein! Hältst du uns für so einfältig, dass wir euch nicht lange genug beobachtet hätten?!“

Faktisch betrachtet, wusste er es selbst erst seit wenigen Wochen und heute Morgen ergab sich dann durch die Sichtung der Videobänder die Gewissheit, dass die Falle, die er mit seinem Sohn ausgetüftelt und initiiert hatte, nun endlich zugeschnappt hatte.

Seine Tochter Katharina war die Gespielin eines Blutsaugers geworden. Sie paktierte mit dem Feind. Wenngleich er so etwas seit diesem Vorkommnis im Park, mit den drei Kreaturen, von denen sie behauptet hatte, sie ganz allein getötet zu haben, schon fast befürchtet hatte.

Die im Hausflur und auf dem Grundstück heimlich aufgestellten und versteckt positionierten Überwachungskameras hatten seit einiger Zeit und in stetig wiederkehrenden Abständen, einige Ungereimtheiten angezeigt, zuletzt gestern Abend. Wären Karl und der Medici dem nicht nachgegangen, dann wäre dieser Neujahrsvormittag sicherlich gänzlich anders verlaufen.

Sie hätten Katharina nur noch einmal folgen und sie nicht wieder aus den Augen verlieren dürfen, dann hätten sie den Blutsauger vielleicht sogar in seiner Zufluchtsstätte überraschen können. So war er ihnen zwar in die Falle gegangen, aber er könnte noch Verbündete haben, die sie durch eine Durchsuchung seiner Zuflucht hätten aufstöbern können.

„Was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte Fabrizio, der Italiener, und trat Philippe in die Seite.

Der Vampir stöhnte unter zusammengebissenen Zähnen auf, blieb jedoch am Boden liegen, weil sich die Spitze des Katana immer noch bedrohlich an seinem Rücken ins Fleisch bohrte.

„Holzkreuz!“, antwortete Karl wutschnaubend.

„Dieses Monster hatte Sex mit deiner kleinen Schwester! Ich wette, er hat sie die ganze Nacht lang durchgefickt! Er muss brennen!“, giftete der Medici Erbe.

- „Das reicht jetzt…“

Ihr Vater riss Katharina wieder hoch.

„Hat er dich auch gebissen?!“

Katharina biss die Zähne zusammen, als er ihren Kopf grob hin und her drückte, um ihren Halsbereich zu inspizieren. Sie wehrte sich heftig gegen die unnachgiebigen Hände ihres Vaters, doch dieser hatte sie fest in der Mangel und zog jetzt an dem dunkelblauen Hemd, das sie trug.

„Hat er dich etwa weiter unten gebissen?!“

- „Nein!“, stieß sie brüskiert hervor und versuchte, sich das Hemd, das gerade so bis auf das obere Drittel ihrer Oberschenkel reichte, an Ort und Stelle festzuhalten.

Die Jägerin schielte wieder zu Philippe; die Haut des Vampirs verfärbte sich langsam von hellrot, wie bei einem Sonnenbrand, zu einem dunkleren Farbton und begann schon kleine Blasen zu werfen.

Die Schmerzen mussten schrecklich sein!

Er hatte die Zähne immer noch zusammengebissen und gab nur noch schmerzhaftes Stöhnen von sich.

„Ja, jammere nur, du dreckige Kreatur! Das war dein letzter Fick!“

Fabrizio trat ihm erneut mit voller Wucht in die Rippen und wieder gab es ein in Katharinas Ohren widerlich klingendes Knacken.

Philippe schrie auf und spukte einen Schwall Blut; seine Hände krampften sich am Boden zu Fäusten. Er hätte aufspringen und beide Jäger töten können, selbst mit einer riskanten Stichverletzung in Herz Nähe, aber was wäre dann mit Katharina? Ihr eigener Vater bedrohte sie gerade!

„Den nehme ich nachher höchstpersönlich auseinander!“

Fabrizio giftete wieder los. Der Zorn und die Abscheu standen ihm mehr als deutlich ins Gesicht geschrieben.

Katharina sah ihn an und blanke Panik erfasste nun ihre Züge. Der Medici würde es tun! Er würde ihn umbringen! Dieser verdammte Giftmischer Nachkomme würde Philippe wirklich umbringen und der Vampir wehrte sich nicht einmal! Warum, zum Teufel, riss er die beiden nicht einfach in Stücke?! Sie musste sofort etwas tun!

Schon im nächsten Augenblick stieß sie ihrem überraschten Vater unerwartet brachial den Ellenbogen in den Magen und riss sich dadurch aus seinem festen Griff los. Eine weitere Sekunde später warf sie sich mit der rechten Schulter kraftvoll gegen den Medici und stieß ihn damit zur Seite, so dass er stürzte und den Griff des Schwertes verlor.

Blitzschnell hatte sie es gepackt und drängte jetzt ihren Bruder damit gegen die Wand.

Karl wusste im ersten Moment gar nicht, wie ihm geschah. Er hatte seine kleine Schwester unterschätzt, denn die Klinge berührte sogar schon seinen Hals!

Sie wagte es tatsächlich, sich gegen ihre Familie zu stellen, um eine Kreatur zu retten!

Das war Hochverrat!

Der Vampir war aufgesprungen und im dunkleren Teil des Zimmers verschwunden. Seine verbrannte Haut schmerzte furchtbar und spannte, als ob sie ihm gleich in Fetzen von den Muskeln fallen würde. Zwei seiner Rippen waren gebrochen, ebenso ein Knochen in seinem Gesicht, aber das war alles nebensächlich.

Was würde jetzt mit ihr geschehen? Ihre eigene Familie attackierte sie! Und Philippe war sich sicher, dass sie sie auch umbringen würden.

Katharina funkelte ihren Bruder drohend an, richtete das Wort jedoch an ihren Vater.

„Du kannst jetzt wählen, Papa. Entweder lässt du uns gehen oder dein einziger Sohn wird heute und hier sterben…“

Ihr Vater schwieg; sein Blick spießte sie jedoch förmlich auf. Es war dennoch nicht zu erkennen, ob er ihr Derartiges zutraute oder einfach nur dominant wirken wollte.

„Nun?“, hakte sie nach, ohne sich zu ihrem Vater umzuwenden. Die Klinge bohrte sich weiter in Karls Haut.

„Du wirst diese Kreatur nie wieder treffen. Hast du verstanden?!“, drohte ihr Vater dann nach langem Zögern.

- „Nein. Du lässt uns auf der Stelle gehen…“, fauchte sie halb zur Seite gewandt.

„Wie lange geht das schon, Katharina? Weißt du nicht, was du da getan hast? Himmel! Kind! Er ist ein Vampir!“

Ihr Vater klang jetzt tatsächlich sehr aufgebracht.

Katharina ignorierte seine Worte jedoch ganz offensichtlich, denn sie ließ den Griff des Katana nicht los.

Hans Georg Kramer schnaufte plötzlich und der Medici starrte ihn nun empört an.

„Du bist eine armselige Verräterin…“, zischte ihr Bruder und stierte sie wütend an, „Lässt dich von so einer Leiche ficken! Du Miststück!“

- „Er ist keine Leiche…“, zischte sie zurück und drückte die Klinge noch weiter in sein Fleisch, so dass jetzt Blut austrat.

„Er lebt, wie du und ich, nur anders…“

Karl starrte sie ungläubig an. Ihm wurde gerade klar, dass das zwischen ihr und der Kreatur ernster zu sein schien, als er das zunächst angenommen hatte. Allein die Art und Weise, wie er sie beide schlafend vorgefunden hatte, nachdem er das Türschloss lautlos geknackt hatte, eng umschlungen, wie ein Liebespaar! Diese verfluchte Kreatur hatte den Kopf in ihrem Nacken und die unreinen Hände an ihrem halbnackten Körper, als ob er sie würde schützen wollen. Was hatte dieser Bastard mit seiner Schwester veranstaltet?!

„Du dreckige, kleine Hure stellst dich gegen deine Familie? Für eine Kreatur?! Das ist Hochverrat!“

Der Medici schrie sie jetzt wutschnaubend an, blieb aber an Ort und Stelle. „Und ich wollte dich flach legen! Wer weiß, was ich mir da eingefangen hätte!“

Philippe starrte Katharina wieder an. Davon hatte sie ihm nichts erzählt! Hatte dieser florentinische Giftmischer sie etwa angerührt?!

Sein Zorn flammte auf und trotz der immer noch anhaltenden Schmerzen, fletschte er die Zähne und gab ein bedrohlich fauchendes Geräusch von sich, so dass Katharina sich erschrocken zu ihm umwandte.

Der Italiener riss augenblicklich seine Schusswaffe aus dem Holster an seinem Bein und zielte auch schon auf sie. Doch er kam nicht mehr dazu, den Abzug zu betätigen, denn der Vampir preschte urplötzlich aus dem Halbdunkel hervor ins Tageslicht, schlug ihm die Waffe aus der Hand und stieß ihn brutal zu Boden.

Der Medici schrie unter Schmerzen auf, als er mit einem Knacken am Boden aufschlug.

Der Vampir packte nun ihren Bruder am Kragen und Katharina konnte ihr Schwert gerade noch wegziehen, bevor die Klinge zu tief ins Fleisch geschnitten und damit womöglich Karls Schlagader durchtrennt hätte.

Philippe stieß ihn, mit einer halben Drehbewegung, weg von der Wand, ihrem Vater und dem anderen Jäger, der mit Schmerz verzerrtem Gesicht gerade wieder im Aufstehen begriffen war, in die Arme.

Im nächsten Moment hatte Philippe das Mädchen gepackt und war mit ihr im Flur verschwunden.

Karl und der Italiener sprangen wieder auf und wollten ihnen folgen, aber die Tür wurde ins Schloss geworfen und der Schlüssel von außen herumgedreht.

Während die beiden versuchten, mit drei Armen die Tür aufzuhebeln, denn durch den Sturz hatte sich der Italiener vermutlich den rechten Arm gebrochen, ging Hans Georg Kramer scheinbar seelenruhig zum Fenster und öffnete es.

Sein Blick fiel im nächsten Moment zurück auf das zerwühlte Bett seiner Tochter und die am Boden verteilte Kleidung.

Nirgends war Blut zu erkennen.

Der Vampir hatte sie scheinbar nicht gebissen…

Der Jäger schloss kurz die Augen und atmete laut aus. Diese Kreatur musste sich schon länger unbemerkt herein geschlichen haben. Dieser Vampir war nicht zum ersten Mal hier gewesen und hatte sich Befriedigung an dem Mädchen verschafft!

Seine Tochter, eine Jägerin, hatte sich von einem Vampir verführen lassen!

Wenn Karl diese zeitlichen Unregelmäßigkeiten in den Kamerabildern nicht bemerkt hätte! Wer weiß, wie lange das noch so weitergegangen wäre unter seinem Dach! Was für eine Schande! Und ausgerechnet jetzt war der Medici im Hause zu Gast! Es würde sich verbreiten wie ein Lauffeuer!

Die vor einem Monat installierten Kameras hatten zwar nie jemanden aufgezeichnet, aber immer einige Minuten in der Anzeige übersprungen. Und Katharina wusste auch gar nichts von den Kameras, die in den Fluren und rings um das Haus verteilt worden waren, um sie manipuliert haben zu können. Also musste irgendjemand anderes sich daran zu schaffen gemacht haben…

Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich in dem Moment, als die Erkenntnis ihn überkam.

Der Motor von seinem Zweitwagen heulte gerade unten auf und raste nun über die Einfahrt davon.

Karl und dem Italiener gelang es jetzt, die Tür aus den Angeln zu heben und beide stürmten die Treppe hinunter. Hans Georg Kramer vernahm das Poltern auf den Stufen und dann, kurz darauf, wie Karls Wagen davon jagte.

„Warum tust du mir das schon wieder an, Nicki?“

Er wandte sich nicht zu ihr um, wusste er doch bereits, dass sie in der Tür stand und ihn, wie so oft, mit ausdruckslosem Gesicht, anstarrte.

„Hat dir der Verlust unseres Sohnes nicht gereicht? Willst du jetzt auch noch seine Zwillingsschwester opfern?“

Der Jäger blickte sie dann vorwurfsvoll und ärgerlich an. Seine Frau schwieg und blieb im dunkleren Flur stehen, als vermeide sie es absichtlich ins Tageslicht zu treten.

„Oder ist das deine Rache an mir…?“, fuhr er sie plötzlich an. „Du bist mein Weib! Und ohne mich hätten sie dich längst verbrannt für das, was du bist!“

Véronique blieb weiter stumm und stierte ihn mit ihren eisig blauen Augen an.

„Verdammt! Weib! Was willst du noch von mir?!“, brüllte er sie schließlich an, packte sie grob am Arm und riss sie mit sich die Treppe hinunter.

Kapitel 2

Katharina wartete mit laut pochendem Herzen, bis sie den Wagen ihres Bruders in sicherer Entfernung, zwischen den Nadelbäumen, im Rückspiegel vorbei rasen sah, dann startete sie den Motor, legte den Rückwärtsgang ein und steuerte das Auto aus dem schmalen, unbefestigten Waldweg. Den Führerschein hatte sie seit ihrem Geburtstag im September, aber sie fuhr nur selten.

Ihre Hände zitterten vor Aufregung, aber sie durfte jetzt keinen Fehler machen. Sie musste den Vampir in Sicherheit bringen und der im Moment einzig sichere Ort für ihn war seine Zuflucht, sein Haus in der Altstadt. Wenn ihr Vater davon gewusst hätte, wäre man ihnen dort schon viel früher in den Rücken gefallen.

Also hatten die Jäger keine Ahnung, wo Philippe bei Tag Ruhe fand und sie hatten es mit ihrem Silvesterstreifzug gar nicht auf ihn abgesehen gehabt. Trotzdem mussten sie sie irgendwie entdeckt haben. Vermutlich war der Medici die treibende Kraft hinter diesem Überfall in ihrem Zimmer gewesen.

Dieser verfluchte Bastard! Philippe hätte ihn eben umbringen sollen!

Die Fahrt zu seinem Haus beanspruchte nur wenige Minuten. Der Vampir kauerte noch unter der dicken Decke im Kofferraum, die ihr Vater immer zum zusätzlichen Abschirmen der Vampirleichen im Auto dabei hatte, als sie den Kombi in einer Seitenstraße abstellte.

Sie fröstelte sichtlich, als sie ausstieg und barfuß über das gefrorene Kopfsteinpflaster zur Kofferraumtür huschte. Hoffentlich blickte jetzt keiner der Nachbarn aus dem Fenster und sah sie so halb nackt hier stehen.

„Wir müssen noch durch den Hinterhof… Bitte bleib unter der Decke… Ich führe dich…“, flüsterte sie ihm zu, als sie den mit sehr dunklen Folien bespannten und damit vor unliebsamen und neugierigen Blicken geschützten Kofferraum öffnete und dem Vampir, der komplett in die Decke eingewickelt war, heraushalf.

Sie schlichen vorsichtig durch den Hinterhof des Nachbargrundstücks in den Garten und schließlich durch die Balkontür des kleinen Fachwerkhauses, zu der Philippe den Zweitschlüssel, ihrer Meinung nach, wenig klug unter einem Stein versteckt hatte.

Es würde ein paar Stunden dauern, bis ihr Bruder sie hier aufgespürt hätte, weil er das geparkte Auto entdeckt haben würde; ein wenig Zeit, um Philippes Wunden zu versorgen und bei Einbruch der Nacht zu verschwinden.

Der Vampir sah wirklich schlimm aus mit den Brandblasen und der gebrochenen Nase. Er bräuchte jetzt dringend frisches Blut, um seine Wunden heilen zu können.

Die Jägerin betrachtete ihn nun kurz mit gequältem Gesichtsausdruck, wie er im schummerigen Kunstlicht der Deckenleuchte auf der Badewannenwand hockte und vor sich hin starrte, während sie, mit immer noch zitternden Fingern, und von der Verpackung sichtlich überfordert, das Verbandsmaterial aus dem Erste Hilfe Kasten im Flur schließlich doch aufriss.

Die Tränen liefen ihr dabei übers Gesicht, ohne dass sie es hätte verhindern können. Sie schluchzte plötzlich unerwartet laut und schnitt das Klebeband gerade zurecht, als der Vampir sie vorsichtig an der Wange berührte.

„Es sieht schlimmer aus, als es ist…“, versuchte er sie zu beruhigen, „Du musst das nicht verbinden…“

Aber ihre Tränen wollten nicht versiegen.

Behutsam neigte er sich zu ihr und berührte ihre Stirn mit seiner Eigenen.

„Je t’aime…“, flüsterte er dann zärtlich und seine Zunge leckte ihr über die noch blutigen Lippen, doch er wandte das Gesicht abrupt ab und biss die Zähne zusammen.

Die Blutgier schrie wieder nach ihm… Entweder müsste er zwei Menschen teilweise oder einem vollständig das Blut aussaugen. Anders würde sein Organismus die nötigen Kräfte nicht mobilisieren können.

Aber sie hatten vermutlich keine Zeit mehr, bis es in sechs Stunden endlich dämmern würde und sein Notvorrat war fast aufgebraucht, weil er sich leider um andere Dinge gekümmert hatte, die ihm wichtiger erschienen waren.

„Holst du mir bitte die beiden Flaschen aus dem Kühlschrank?“, bat er sie, als er sich wieder zu ihr umwandte.

Die Jägerin nickte, wischte sich beim Aufstehen die Wangen und ging in die kleine Küche schräg gegenüber. Als sie die Kühlschranktür aufzog, sog sie den Atem ein. Im obersten Fach lagen zwei, noch volle Glasflaschen mit Blut…

Katharina schluckte und nahm schließlich beide heraus. Sie musste sich kurz vorstellen, wie er das Blut wohl in die Flaschen bekommen haben könnte und verzog angewidert das Gesicht.

Der Vampir stand schon wieder hinter ihr, als sie sich umdrehte und erschrocken zusammenzuckte.

„Ich bin es nur… Du musst nicht zusehen, wenn es dich anekelt…“, seine Stimme klang sehr verständnisvoll, wenn auch noch deutlich von Schmerzen gequält.

Sie nickte und gab ihm eine Flasche in die Hand, bevor sie sich wegdrehte und die andere mit beiden Händen umfasste und an sich drückte, als wolle sie sich daran festhalten.

Katharina atmete laut aus, als sie ihn trinken hörte.

Dieses Geräusch, wenn er schluckte… Und sie wusste, was er da schluckte…

Dieser Laut war gerade unerträglich für sie.

„Entschuldige…“, stieß sie nur hervor und stellte die zweite Flasche hastig auf dem Tisch ab.

Sie musste den Raum verlassen, weil sie glaubte, das Blut sogar in der Luft riechen zu können und ihr das gerade Übelkeit verursachte.

Katharina hielt sich den Mund zu, als sie ins Bad zur Toilette stürzte und brauchte einen Moment, bis sie den Brechreiz unterdrückt hatte und einigermaßen normal weiter atmen konnte. Sie schluckte noch mehrmals und schnaufte laut.

Aus der Küche hörte sie Philippe schwer atmen und drückte die Tür zu. Sie konnte das alles gerade nicht ertragen und drehte den Wasserhahn auf.

Nachdem sie sich frisch gemacht hatte, verarztete sie notdürftig die Platzwunde an ihrer Unterlippe. Im Spiegel begutachtete sie den Riss und verzichtete dann auf ein Pflaster. Sie band sich die noch halb feuchten Haare hinten zusammen und hielt den Blick mit ihrem Spiegelbild.

Das war nicht der erste Schlag, den sie von ihrem Vater hatte einstecken müssen…

Aber der erste außerhalb eines Trainings.

Sie hatte ihn verdient, diesen Hieb.

Ihr Vater war jetzt sicherlich sehr wütend auf sie. Sie hatte ihn verraten, den Codex missachtet.

Der Medici würde sie bestimmt dem Rat ausliefern wollen. Ihr Vater würde nun große Schwierigkeiten wegen ihr bekommen.

Katharina betrachtete ihre Handgelenke, an denen er sie grob gepackt hatte; sie waren schon ganz dunkelblau verfärbt. Sie bekam immer recht schnell Hämatome, die aber genauso schnell wieder abheilten.

Sie warf sich den Bademantel über und öffnete die Tür. Im Flur konnte sie den Vampir aus der Küche immer noch schwer atmen hören.

Das Blut hatte vermutlich nicht ausgereicht, um die Verletzungen vollständig zu heilen…

Katharina ging weiter ins Schlafzimmer. Dort griff sie sich die kleine Reisetasche, die sie vor Silvester hier gelassen hatte und zog sich etwas daraus an.

Ihr Blick schweifte umher, als sie sich die Hose über die Oberschenkel zog und am Gürtel nestelte.

Auf dem Bett lag noch das Buch, aus dem Philippe ihr vorgelesen hatte und seine offensichtlich frisch gewaschene Garderobe lag sorgsam zusammengelegt auf der Ablage der Kommode. Alles wirkte wie ein normales Schlafzimmer…

Welch ein grotesker Widerspruch zu seinen Nahrungsgewohnheiten…

Die Jägerin schnaufte und setzte sich auf das Bett, um sich die Turnschuhe zu schnüren.

Ihre Hand zitterte plötzlich wieder.

Waren das etwa gerade Zweifel, die da in ihren Gedanken aufkamen? War das der Weg? Wollte sie so leben? Immer in Angst, dass er sie doch noch anfallen könnte, oder dass man sie entdecken könnte? Dass man sie bestrafen würde? Und ihn einfach umbrächte?

Katharina stand auf, zog sich die Jacke über und wollte dann das Auto zur Sicherheit doch noch etwas weiter weg parken, wie sie dem Vampir vom Flur aus zurief, bevor sie die Haustür ins Schloss zog.

Aber Philippe wusste schon, dass sie gerade nicht in seiner Nähe sein konnte oder gar wollte.

Der Vampir, der nun im Handtuch aus dem Bad kam, lehnte sich noch mit Wasserperlen auf dem Oberkörper an die Wand im Flur, nur Sekunden, nachdem sie gegangen war.

Laut ausatmend ließ er sich an der Wand hinab gleiten, bis er auf dem Boden hockte.

Er saß für die kommenden Stunden dort fest und spürte Angst in sich aufsteigen, dass sie vielleicht nicht wiederkommen könnte, dass er sie nie wieder sehen würde… Dass er sie so schnell und unerwartet verloren haben könnte… Dass die Jäger ihn dort finden könnten, während sie weg war… Oder, noch schlimmer, dass sie ihn doch noch verraten könnte…

Er hätte sie einfach mit sich fortschaffen und nicht auf diesen naiven Plan eingehen sollen!

Die Jäger hatten ihnen eine Falle gestellt und sie waren nur mit Glück eben daraus entwischt. Das nächste Zusammentreffen mit diesen Häschern würde wohl deutlich weniger gut ausgehen.

Blutige Tränen liefen ihm übers Gesicht, als er sich durch die nassen, langen Haare fuhr.

Katharina stieg ins Auto und ließ den Motor an.

Für einen Moment saß sie nur so da und starrte stumm nach vorne durch die Windschutzscheibe. Erst nach einem Augenblick atmete sie stockend aus und fuhr los.

Einige Querstraßen weiter bog sie in ein Parkhaus, zog ganz korrekt ein Parkticket und steuerte das Auto in den obersten Bereich, um es dort abzustellen.

Es würde dauern, bis man den Wagen dort entdeckt hätte. Dennoch riss sie das rückwärtige Kennzeichen ab und warf es auf den Rücksitz. Von einem anderen, unweit entfernt geparkten Auto, entfernte sie das vordere Kennzeichenschild und befestigte es auf der Rückseite des Kombis an der dafür vorgesehenen Halterung. Sie hoffte, dass dies ausreichend sei, um sich und Philippe noch etwas mehr Zeit zu verschaffen.

Als sie aus dem Parkhaus trat, zog sie ihre Kapuze hoch und schloss den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Anschlag, um mit der Platzwunde an ihren Lippen nicht zu viel Aufsehen zu erregen.

Sie sah sich erst aufmerksam um und lief dann zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war.

Zwei Straßen weiter musste sie an einem Ampelübergang warten und schaute zur Seite - gerade noch rechtzeitig, denn sie erkannte das Nummernschild am Wagen ihres Bruders, der in die Straße einbog und zu den bereits wartenden Autos an der Ampel aufschloss.

Hastig wandte sie sich um und rannte zurück, um sich hinter einem parkenden PKW zu verstecken.

Man hatte sie scheinbar nicht gesehen, denn der Wagen ihres Bruders fuhr geradewegs weiter.

Katharina erkannte jedoch nur Karl darin – von dem Medici fehlte jede Spur. Hatten sie sich getrennt, um schneller voran zu kommen bei ihrer Suche? Dann konnte er jetzt überall auftauchen!

Die Jägerin zog sich zur Sicherheit die Kapuze noch tiefer ins Gesicht und lief mit gesengtem Kopf wieder los. Sie würde also Umwege gehen müssen, um in die Altstadt zurück zu kommen, falls der Medici sie doch entdeckt hatte und ihr folgen sollte.

Etwa eine gute Stunde nachdem Katharina gegangen war, wurde die Haustür aufgesperrt und jemand betrat das Haus.

Philippe versteckte sich erschrocken, stellte aber schnell fest, dass es keinen Grund zur Besorgnis gab.

Katharina war zurück und ein kräftiger Mann im Blaumann folgte ihr in den abgedunkelten Raum.

„So, junge Frau, wo ist nun die schwere Last, die sie tragen müssen? Aber ziehen sie doch hier erst mal die Rollläden hoch! Und dann gehen sie zu einem Arzt mit ihrer Platzwunde…“

Die Jägerin knipste in diesem Moment das herunter gedimmte, elektrische Licht an, trat zur Seite und der Vampir stürzte sich auf den Mann.

Sie hörte, wie dieser aufschrie und Philippe ihm dann wohl den Mund zuhielt, die Zähne fletschte und das leise Knacken, als die Haut unter dem Druck der Eckzähne nachgab und aufbrach.

Katharina atmete stockend aus.

Sie machte sich gerade mit schuldig…

Die Jägerin schluckte und drehte sich um.

Das Blut musste ihm schon entgegen geströmt sein, noch bevor er angefangen hatte, gierig zu saugen, denn an seiner nackten Brust lief es vereinzelt in dünnen Rinnsalen herab und tropfte zu Boden.

Seine Augen funkelten gerade ganz merkwürdig, als er ihren Blick auffing und festhielt. Es war das erste Mal, dass sie ihn so direkt trinken sah und zu ihrer eigenen Überraschung widerte es sie nicht so an, wie sie das erwartet hätte. Sie hatte früher schon Vampire von Menschen trinken gesehen und für gewöhnlich gingen diese nicht sonderlich zimperlich und wenig gesittet mit ihrem Abendessen um.

Bis auf die verbliebenen Blutspritzer und die schmalen Rinnsale auf seiner Brust, schien Philippe Manieren zu haben oder aber er wollte so wenig wie möglich vergeuden.

Der Vampir hielt den Blickkontakt mit ihr, während er weiter trank und Katharina fühlte sich in diesem Moment so unglaublich zu ihm hingezogen, als schliefe er gerade mit ihr. Ganz erstaunt stellte sie fest, dass es sie zu erregen schien, wenn sie ihm dabei zusah, wie er das Leben dieses Mannes aus dessen Ader nahm.

Unwillkürlich leckte sie sich über die Lippen.

Philippe hielt sie mit seinem Blick weiter im Bann und bemerkte ihre Reaktion.

Nach dem letzten Schluck riss er seine noch ganz blutigen Zähne aus dem sterbenden Fleisch.

Der Mann sank leblos zu Boden und schlug dann mit dem Kopf dumpf auf dem Teppich auf.

Katharina zuckte in diesem Moment zusammen, als sei sie mit einem Mal aus einem anregenden Traum gerissen worden. Sie starrte den Vampir an, der jetzt langsam auf sie zukam und sie dabei mit seinem Blick fixierte.

Seine Zunge beleckte die letzten Blutstropfen an seinen Lippen, als er vor ihr zum Stehen kam und sie seinen, vom Blut noch warmen, Atem in ihrem Gesicht spüren konnte.

Er roch auch noch nach Blut… Aber das störte sie gerade nicht.

Die Verletzungen in seinem Gesicht waren schon gar nicht mehr zu erkennen.

Sie fühlte seine Hände an ihrer Taille und hielt den Blickkontakt, als er anfing, sie ganz unerwartet und stürmisch zu küssen.

Der Vampir drängte sie rückwärts gegen die Wand im Flur und streifte dann mit den Eckzähnen an ihrem Hals.

Katharina stieß den Atem aus und realisierte in diesem Moment, dass er sie schon fast halb entkleidet hatte. Im nächsten Augenblick hatte er sie auf dem Küchentisch abgesetzt und ihr auch noch die restliche Kleidung beinahe schon grob vom Leib gerissen.

Er streichelte ihr über die Wange und Katharina schmiegte sich wieder an ihn.

Es war ein kurzer Moment der Ruhe, aber er würde nicht lange währen; sie müssten schnellstens weg von hier, sobald es draußen dunkel geworden war.

Ihr Blick war auf den Lichtkegel der Kerze gerichtet.

„Ich habe das Auto vorhin ins Parkhaus gefahren. Da werden sie es so ohne Nummernschild wohl länger suchen müssen. Danach habe ich den Handwerker getroffen…“, erklärte sie und ließ ihre Fingerspitzen auf seiner Brust langsam hin und her streifen.

„Ich wusste übrigens gar nicht, dass du auch kaltes Blut trinkst… Das aus den Flaschen, meine ich.“

Der Vampir küsste ihre Stirn und strich ihr durchs Haar.

„Für gewöhnlich erwärme ich es, aber dafür war vorhin keine Zeit.“

Der Gedanke an ihr Blut zwang ihn wieder, die Zähne zusammenzubeißen und das Gesicht abzuwenden.

„Du brauchst noch mehr Blut…“

- „Aber nicht deins…“, antwortete er und küsste wieder ihre Stirn.

„Wie hast du es vom Gerinnen abgehalten?“

- „Citrat…“, sagte er leise.

„Du kommst an chemische Gerinnungshemmer heran?“

Sie sah ihn an und er nickte leicht.

Kapitel 3

Als die Nacht hereinbrach, waren seine Haut und sein Körper vollständig regeneriert.

Die Leiche des Monteurs hatte Philippe vorerst im Keller abgelegt, da ihm keine Zeit mehr blieb, um sie verschwinden zu lassen. Er fiel draußen den nächst Besten an, der ihnen auf dem Weg zu seinem Auto begegnete und Katharina zwang sich erneut dabei zuzusehen.

Zu ihrer Überraschung kniete er sich dann zu seinem Opfer hinab und strich mit blutender Fingerspitze über die Bisswunde, die sich daraufhin langsam zu schließen begann.

„Macht ihr das etwa immer so? Ist es tatsächlich so einfach, eure Spuren zu vertuschen?“ Sie blickte ihn sichtlich überrascht an. Er tat das also nicht nur für sie, wenn sie verletzt war…

Philippe wischte sich das verbliebene Blut von den Lippen und legte den Arm um sie.

„Man lernt in dreihundert Jahren, dass es klüger ist, seine Spuren zu verwischen. Gerade in Anbetracht, dass es immer mehr von euch Jägern gibt…“

Katharina musste beinahe lachen, verkniff sich den Ausbruch jedoch und boxte ihm stattdessen sanft in die Seite, worauf er sie abrupt noch näher an sich zog und festhielt.

„Verlasse mich nicht, meine Artemis… Bitte komm mit mir fort…“, seine Stimme klang schlagartig fast schon wie ein Schluchzen.

Die Jägerin ließ ihre kleine Reisetasche fallen und der Vampir atmete laut aus, als er spürte, dass sich ihre Finger nun in seine Jacke krallten.

Philippe drückte die Zimmertür leise ins Schloss und setzte sich dann neben sie auf das Bett. Katharina war schon eingeschlafen, während er, unten vom Empfang aus, zwei wichtige Telefonate geführt hatte. Das war vermutlich alles zu viel für sie gewesen.

Er betrachtete sie, wie sich ihr Brustkorb hob und wieder absenkte. Ihr Atem war ruhig und gleichmäßig, aber ihr Blut hatte jetzt einen anderen Geruch. Vermutlich war es wegen der ganzen Aufregung noch stark angereichert mit Adrenalin.

Der Vampir legte sich neben sie und deckte sie zu; sie hätten zumindest diese Nacht in dem Hotel noch ein wenig Ruhe. Im Morgengrauen würden sie mit einem Mietwagen nach Osten aufbrechen.

Er musste doch irgendwann eingeschlafen sein, denn er erwachte sanft, als er ihre Lippen auf seinen spürte.

Philippe fühlte sein Herz in diesem Moment wieder schlagen. Sie hielt ihn am Leben… Hätte er sie nicht getroffen, er hätte sich selbst gerichtet oder von einem anderen Jäger richten lassen. Nur, um sie zu sehen, ginge er durch die Hölle!

Sie würde seine Gefährtin sein, seine Frau.

Sein Lebensinhalt.

Ihre aufgesprungenen Lippen waren beinahe schon verheilt und die Wange war wieder normal gefärbt. Sie lächelte, als er sie ansah.

Diese extrem schnelle Wundheilung irritierte, ja, verunsicherte ihn zusehends…. Lieber wandte er seine Aufmerksamkeit wieder ihren Augen zu.

„Ich muss zurück…“, konstatierte sie dann und entriss ihn damit brüsk seiner Träumerei.

- „Tu est folle!?“, stieß er hervor und starrte sie verständnislos an.

Katharina schmunzelte amüsiert über die Reaktion. „Ich will nur ein paar Sachen holen, dann werden wir von hier verschwinden.“

Sie stupste ihn in die Seite und lachte über seinen immer noch verstörten Gesichtsausdruck.

„Ich schleiche mich bei Tagesanbruch ins Haus und so schnell wie möglich wieder raus. Die werden gar nicht merken, dass ich da bin. Mein Vater schläft dann schon und Karl und der Medici haben Quartier hinten im Gästehaus bezogen. Es wird da keine Probleme geben.“

Ihr Vater suchte sie überall und wenn er sie fand, so fürchtete Philippe, würde er sie töten. Ganz zu schweigen von dem Medici, den sie wohl zurückgewiesen haben musste und der ihr deswegen alles andere als wohl gesonnen war.

Ihre warmen Fingerspitzen strichen ihm sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sie sah ihn liebevoll an.

Er wusste, was sie ihm jetzt sagen würde und obwohl er diesen Moment herbeigesehnt hatte, legte er ihr hastig den Finger auf die Lippen; das war nicht der richtige Augenblick für diese Worte.

„Je le sais…“, sagte er leise und küsste sie.

Der Vampir liebte sie in diesen Stunden, als seien es ihre letzten gemeinsamen Momente. Er biss sie beim Akt in die Schulter und gab ihr im Gegenzug wieder von seinem Blut. Zu seiner Überraschung schien sie nun danach zu gieren, denn sie beobachtete ihn mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen, während sie trank und für einen Moment fühlte er sogar ihre menschlichen Zähne in seiner Handfläche.

Mit blutigen Lippen ließ sie sich schließlich nach hinten auf den Rücken fallen und übergab ihm damit die weitere Führung.

Er beobachtete sie, wie sie sich dann über den Mund leckte und den Kopf in den Nacken legte, sich ihm immer weiter entgegen schob.

Philippe hielt sie noch in dieser Position, bis beide ihr Ziel erreicht hatten und Katharina sich aufrichtete und ihn in einen Kuss zog, bei dem sie ihm die Zunge blutig biss.

Zunächst empfand er das als sehr erregend, aber da sie immer heftiger an seiner Zunge zu saugen begann, stieß er sie in einer instinktiven Reaktion weg von sich.

Wieder fiel sie zurück nach hinten und blieb jetzt zitternd und mit noch blutigen Lippen und Zähnen liegen. Ihr Atem kam sehr stockend und sie hatte die Augen geschlossen.

Der Vampir starrte sie erschrocken an, bevor er sie am Kinn packte und ihre Eckzähne begutachtete. Doch sie waren noch unverändert. Erleichtert ließ er sich neben sie fallen und schmiegte sich an sie.

„Ich bin kein Vampir geworden, keine Sorge…“, sagte sie leise und immer noch etwas außer Atem.

Philippe lachte in sich hinein. „Das wäre auch eine meiner geringsten Sorgen…“

Aber tatsächlich fürchtete er sich vor diesem unausweichlichen Augenblick, wenn es nur noch diese eine Möglichkeit gäbe. Es bereitete ihm zwar Vergnügen und Erregung, sie sein Blut trinken zu lassen, aber wenn sie von sich aus so stark nach seinem Blut gierte, war das in der Tat ein sehr beunruhigendes Zeichen.

- „Ich mag dein Blut… Den Geschmack… Und… wenn ich es aus deinen Adern trinken kann…“, flüsterte sie neben ihm.

Der Vampir stemmte sich abrupt über sie und starrte sie fast schon erschrocken an. „Dann hattest du bereits zu viel davon… Du könntest dich ganz plötzlich verwandeln!“

Manchmal veränderte man sich nicht nur körperlich, wenn die Blutgier die Kontrolle übernahm und die Befürchtung, dass dieser seltene Umstand bei ihr eintreten könnte, wurde stetig lauter in seinen Gedanken, gerade weil sie so nach seinem Blut dürstete. Dann könnte sie selbst für ihn zu einem Risiko werden…

Sie antwortete ihm noch mit geschlossenen Augen. „Du weißt, dass mir das jetzt egal ist…“

- „Lass‘ das deine Familie lieber nicht hören… Sie werden dafür wenig Verständnis aufbringen, wenn du nun anfängst Blut zu trinken.“

Er versuchte seiner Stimmlage etwas Amüsiertes beizufügen, was ihm jedoch nur zum Teil gelang, denn seine Gedanken befassten sich noch mit der Gefahr, die sie als Vampir für ihn darstellen könnte, sollte sie ihren Appetit auf Vampirblut beibehalten.

Sie schmiegte sich an ihn. „Nein… Nicht einfach nur irgendwelches Blut… Dein Blut. Vampirblut…“

Katharina sah ihn jetzt ganz merkwürdig an.

Philippe bemerkte, wie sein Puls abrupt anstieg. Sie war sich bereits bewusst, dass sie eine Vorliebe für Vampirblut entwickelt hatte… Davon würde er sie nach einer Verwandlung tatsächlich nur schwer bis gar nicht mehr abbringen können.

Sie grinste ihn jetzt an. Ihre Zähne wiesen immer noch keinerlei Veränderungen auf, aber der Geruch ihres Blutes hatte sich wirklich geändert. Er war nicht weniger anziehend, nur irgendwie anders.

Philippe vermochte nicht zu sagen, woran es lag. Womöglich tatsächlich an ihrer Lust nach seinem Blut. Trotz allem musste er wieder vorsichtiger sein, wie viel er ihr davon verabreichte. Ihre Verwandlung wäre jetzt wohl schon nicht mehr aufzuhalten, aber er wollte es noch ein wenig hinauszögern, wollte ihre Wärme noch etwas für sich behalten.

„Gib‘ mir noch mehr…“, flüsterte sie dann und warf ihn plötzlich auf den Rücken.

Der Vampir spürte, wie sie ihm beim Küssen erneut die Zunge aufbiss, aber direkt danach wieder davon abließ. Er genoss ihre Liebkosungen und die folgenden Bisse an Hals und Brust, mit denen sie blutige Schlieren auf seiner bleichen Haut hinterließ. Vergessen waren die Gedanken, sie noch etwas länger menschlich zu halten. Wenn sie es wollte und sich so überzeugend von ihm nehmen konnte, dann war sie schon längst bereit dazu.

Er stöhnte laut, als er seinen Höhepunkt erreichte. Sie blickte auf zu ihm und kam grazil an ihm entlang gekrochen; ihr Blick hielt ihn dabei in seiner Fixierung.

Philippe beobachtete sie, wie sie lasziv und sehr langsam über seine Brust glitt, bis sie wieder auf Augenhöhe waren und sie sich sichtlich erregt über ihm positionierte.

Der Vampir ließ sie nur ungern gehen und konfrontierte sie nicht mit seinen Gedanken über ihre Naivität, denn er war gerade selbst wieder außerordentlich naiv.

Er hatte erneut ein ungutes Bauchgefühl bei dieser Sache. Es war zu riskant, aber Katharina wollte nicht hören. Sie war noch zu verhaftet an menschlichem Besitz. Ähnlich wie er mit seinen Büchern…

Sie hatten verabredet, dass er seine Habseligkeiten zusammenpackte, während sie das Gleiche tat, um dann wieder zu ihm zu kommen. Er hatte ihr ja noch nicht gesagt, dass er bereits alles Wichtige aus seinem Haus fortgeschafft hatte.

Philippe blickte hinüber zu der kleinen Uhr auf der Kommode, es war sechs Uhr in der Früh.

Katharina beobachtete das Grundstück; das Haus war stockdunkel, aber die Außenlaternen waren eingeschaltet. Die Garagen im Hinterhof schienen mit Vorhängeschlössern verriegelt, so dass sie diesen Weg nicht nehmen konnte. Durch die Garagen wäre sie in den Keller gelangt und von dort wäre es leichter gewesen, nach oben in ihr Zimmer zu kommen.

Der Wagen ihres Bruders stand nicht auf dem Hof. Er war also immer noch unterwegs oder vielleicht auch mit dem Medici im Krankenhaus, denn Fabrizios Arm war mit Sicherheit durch den Sturz gebrochen. Damit musste sie nur auf ihren Vater und ihre Mutter achten.

Kalter Nebel schlängelte sich über den Boden und kroch an ihren Beinen hoch.

Sie atmete aus und richtete den Blick nun zu den Fenstern. Wenn man sie von dort beobachten würde, gäbe es nur den Weg über die Seitentür. Nur in diesem einen Winkel konnte man sie nicht wirklich sehen, wenn sie durch die Bäume kam. Aber diese Tür würde sie irgendwie aufbrechen müssen.

Ihre Hand kramte in ihrer Jackentasche nach dem Taschenmesser.

Sie schlich sich vorsichtig weiter durch den Wald und um die Ecke des Hauses. Die Kapuze ihrer dunkelgrünen Sweatjacke hatte sie jetzt tief ins Gesicht gezogen. Ihr warmer Atem stand förmlich in der kalten Luft vor ihr.

Katharina schob sich dicht an der Wand entlang, um nicht vom ersten Stock aus gesehen zu werden. Im Erdgeschoss gab es an dieser Stelle des Hauses keine Fenster.

Ihre ausgekühlte Hand berührte schon die Klinke der Seitentür und, als jemand sie packte, hielt sie erschrocken in der Bewegung inne und blickte über ihre Schulter ins anklagende Gesicht ihres Vaters.

Er gebot ihr den Mund zu halten und zog sie stumm mit sich, um das Haus herum und über die nach hinten gelegene Terrasse hinein.

In seinem Arbeitszimmer drückte er die Glastür zu und packte sie dann an den Schultern. Er schüttelte sie.

„Wieso bist du zurückgekommen!? Was hast du dir dabei gedacht?! Ein Vampir! Katharina! Habe ich dir denn gar nichts beigebracht?!“

Sie riss sich los aus dem Griff an ihren Schultern und fauchte ihn an. „Offensichtlich hast du mir sehr elementare Dinge vorenthalten!“

- „Du hast dich von dieser Kreatur berühren lassen! Freiwillig! Weißt du denn nicht, was da alles hätte passieren können?! Hast du denn keinen Verstand entwickelt in all den Jahren, die du jetzt mit mir zur Jagd gehst?!“

Ihr Vater hatte Mühe nicht zu laut zu schreien, um niemanden aufzuwecken.

- „Das sind keine Kreaturen, wie du sie mir beschrieben hast! Philippe ist ganz anders!“

Ihr Vater nickte entsetzt.

„Ah… Philippe… Ich wusste ich kenne diese Visage… Der Grufti, ja?“

Katharina sah ihn erschrocken an.

„Ja, natürlich… Der Grufti… Ich hätte es da schon erkennen müssen… Oh, Kind… Was hast du da nur getan… Er benutzt dich! Das tun sie immer. Und dann töten sie dich. Verdammt, Katharina! Du bist eine Jägerin! Du hast eine Verpflichtung! Du tötest solche Kreaturen!“

- „Aber ich liebe ihn!“, brach es schließlich aus ihr heraus.

Hans Georg stand wie vom Blitz getroffen.

„Und er liebt mich. Dagegen kannst du nichts tun…“, schob sie noch hinterher.

Ihr Vater starrte sie verständnislos und mit großen Augen an und packte sie dann an der Hand. „Mein Gott! Du bist schon eisig kalt! Wie viel von seinem Blut hattest du?!“

Die Jägerin riss ihre Hand aus seinem Griff. „Ich bin immer noch ich! Er hat mir mehrfach das Leben gerettet, Papa. Würde er das tun, wenn es ihm nicht ernst wäre? Du hast sie mir als Monster beschrieben und so habe ich sie gesehen, bis er vor mir stand…“

Hans Georg ließ sich jetzt nach hinten in den Sessel fallen und hielt sich die Hand vor den Mund, während er durch seine Tochter hindurch zu starren schien.

Es klopfte leise und jemand öffnete die Tür. Erschrocken starrte das Mädchen dorthin, während ihr Vater überhaupt nicht reagierte.

„Georg…“ Katharinas Mutter schob sich durch den Türspalt.

- „Nicht jetzt, Nikki…“, stieß der Jäger dann hervor und schlug mit der Handfläche auf die Armlehne des Sessels.

Katharina zuckte durch das klatschende Geräusch zusammen.

„Georg, er hat den Rat informiert…“, fuhr Véronique fort und blieb dann auf halbem Weg zum Schreibtisch stehen.

- „Was?!“ Hans Georg Kramer sprang auf. „Dieser Vollidiot!“, rief er noch aus, bevor er hastig im Flur verschwand.

Katharina blickte zur Terrassentür. Ihr Verstand berechnete bereits, wie ihre Chancen stünden, jetzt zu flüchten und ob ihre Mutter es eventuell versuchen würde, sie aufzuhalten. Aber diese bleiche Frau stand nur da und starrte sie an.