Adeline - Ann Radcliffe - E-Book

Adeline E-Book

Ann Radcliffe

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Beschreibung

In 'Adeline' entfaltet Ann Radcliffe ein meisterhaft komponiertes Schauerroman, das den Leser in eine düstere und geheimnisvolle Welt führt. Vor der Kulisse der wilden, romantischen Landschaften des 18. Jahrhunderts, verfolgt die Erzählung die bewegende Geschichte der jungen Adeline, die nach dem unaufgeklärten Tod ihrer Eltern in eine Abfolge erschütternder Ereignisse verwickelt wird. Radcliffes unverwechselbarer literarischer Stil verbindet eine poetische Sprache mit einer atmosphärischen Spannung, die den Leser fesselt und den klassischen Gothic-Elementen neue Facetten verleiht. Radcliffe, eine Schlüsselfigur der romantischen Literatur, wird oft für ihre Fähigkeit gelobt, natürliche Szenerien als Spiegel innerer Konflikte zu nutzen und so eine emotionale Komplexität zu erzeugen, die zugleich bezaubert und beunruhigt. Ann Radcliffe, geboren 1764, bekannt für ihre einflussreiche Rolle in der Entwicklung des Gothic-Romans, wurde von den gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzungen ihrer Zeit geprägt. Ihre Romane spiegeln oft das Spannungsverhältnis zwischen Vernunft und Emotion wider, das die Aufklärung und frühe Romantik prägte. Die Intrigen und Geheimnisse in 'Adeline' lassen vermuten, dass Radcliffe nicht nur von der literarischen Mode, sondern auch von ihren persönlichen Einsichten in die Unsicherheiten und Ängste der menschlichen Seele inspiriert wurde. Diese tiefgründige Auseinandersetzung mit moralischen und emotionalen Themen macht 'Adeline' zu einem unverzichtbaren literarischen Werk für jeden Liebhaber klassischer Literatur. Wer den Nervenkitzel sucht, wird von den geschickt arrangierten Spannungsmomenten und der kunstvollen Darstellung psychologischer Komplexität in den Bann gezogen. Die Lektüre dieses Romans ist nicht nur ein Eintauchen in ein faszinierendes literarisches Universum, sondern auch eine Gelegenheit, die zeitlosen Themen der menschlichen Existenz zu erforschen, die Radcliffe mit unvergleichlicher Tiefe und Einsicht darstellt.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ann Radcliffe

Adeline

Die Liebesgeschichte aus dem Wald
 
e-artnow, 2025 Kontakt:

Inhaltsverzeichnis

Das Abentheuer im Walde
Erstes Kapitel
Zweytes Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehentes Kapitel
Eilftes Kapitel
Zweyt- und driter Theil
Erstes Kapitel
Zweytes Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Eilftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreyzehentes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel

Das Abentheuer im Walde

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

In dem Herzen, dessen einmahl schnöder Eigennutz sich bemächtigt, erstirbt die Quelle jedes warmen und edlen Gefühls; ein Gift der Tugend und des Geschmacks am Schönen, verdirbt er diesen, so wie er jene vernichtet. Es wird eine Zeit kommen, mein Freund, wo der Tod die Bande der Habsucht auflösen, und es der Gerechtigkeit vergönnt seyn wird, wieder in ihre Rechte zu treten.«

Mit diesen Worten nahm der Advokat Nemours von dem Herrn de La Motte Abschied, als dieser um Mitternacht in den Wagen stieg, der ihn von Paris, von seinen Gläubigern und der Verfolgung der Gesetze entfernen sollte. De La Motte dankte seinem Freunde für den letzten Beweis seiner Güte, für die Beförderung seiner Flucht, und sagte ihm noch ein letztes trauriges Lebewohl. Die Todtenstille der Stunde und seine äußerst bedrängte Lage versenkten ihn in stummen Tiefsinn.

Diejenigen Leser, welche Guyot de Pitaval kennen, den treusten der Schriftsteller, welche uns die Rechtshändel im Pariser Parlament während des siebenzehnten Jahrhunderts aufbehalten haben, werden sich gewiß der merkwürdigen Geschichte zwischen Pierre de La Motte und dem Marquis Philipp de Montalt erinnern; und ihnen sey hiemit zur Nachricht gesagt, daß der Flüchtling, den wir hier in ihre Bekanntschaft einführen, eben dieser Pierre de La Motte war.

Als Frau von La Motte sich aus dem Kutschenschlage lehnte, und den letzten Scheideblick auf die Mauern von Paris warf – diese Scene ihres vergangenen Glückes, den Aufenthalt so vieler, die ihrem Herzen theuer waren, wich die Standhaftigkeit, welche bisher sie aufrecht hielt, der Gewalt des Schmerzes.

»Lebt alle wohl!« seufzte sie, »noch diesen Blick, und wir sind auf immer getrennt.« –

Thränen folgten ihren Worten; sie sank zurück und überließ sich ihrer Wehmuth. Die Erinnerung vergangener Zeiten drang schwer an ihr Herz. Noch vor wenig Monathen hatte sie sich von Freunden umgeben gesehen, im Schooße des Überflusses und der Ehre! jetzt des allen beraubt, eine elende Verwiesene aus ihrem Geburtsort, ohne Heimath, ohne Trost – ohne Hoffnung besserer Zeiten! Es war nicht ihr geringstes Leiden, daß sie Paris hatte verlassen müssen, ohne von ihrem einzigen Sohne Abschied zu nehmen, der sich bey seinem Regiment in Deutschland befand; ja, man hatte sie so eilig fortgetrieben, daß sie nicht Zeit behielt, ihm von ihrer Abreise und der unglücklichen Veränderung in seines Vaters Umständen Nachricht zu geben, hätte sie auch den Ort, wo er im Quartier lag, gewußt.

Pierre de La Motte stammte aus einem alten adelichen Geschlecht in Frankreich. Er war ein Mann, dessen Leidenschaften oft seine Vernunft überwältigten, und auf eine Zeitlang die bessere Stimme in seinem Innern betäubten; doch erlosch das Bild der Tugend, welches die Natur seinem Herzen eingeprägt hatte, nie ganz, wenn gleich der vorübergehende Reiz des Lasters es oft verdunkelte. Mit etwas mehr Seelenstärke, um der Versuchung zu wiederstehen, würde er ein schätzbarer Mensch gewesen seyn; so war er stets ein schwacher, und oft ein lasterhafter. Sein Geist war thätig und unruhig; seine Einbildungskraft war feurig, und verblendete oft, von der Gewalt der Leidenschaft unterstützt, sein Urtheil, und warf seine Grundsätze um. Unstät in seinen Zwecken, ohne festen Begriff von Tugend, leitete mehr Empfindung des Augenblicks, als Grundsatz seine Handlungen, und seine Tugend – wenn er je welche besaß – vermochte nie dem Drange des gegenwärtigen Eindrucks zu widerstehen.

Er hatte sich in früher Jugend mit Constanze Valencia, einem schönen reizenden Mädchen, das an ihrer Familie hieng, und von ihr zärtlich geliebt ward, vermählt. Ihre Geburt war der seinigen gleich; ihr Vermögen größer, und ihre Verbindung wurde unter dem schmeichelnden Beyfall und den frohen Glückwünschen aller ihrer Bekannten gefeiert. Ihr Herz hing an La Motte, in welchem sie eine Zeitlang den zärtlichsten Gemahl fand, bald aber rissen die verführerischen Lockungen von Paris ihn hin, und nach wenig Jahren ging sein Vermögen und seine Liebe im Strudel der Zerstreuung verloren. Ein falscher Stolz verhindert ihn, seinem Besten gemäß zu handeln und sich mit Ehren zurückzuziehen, so lange es noch Zeit war; seine angenommene Gewohnheiten ketteten ihn an den Ort seiner bisherigen Vergnügungen, und er lebte auf großen Fuß fort, bis alle Mittel erschöpft waren.

Endlich erwachte er aus seiner Betäubung, aber nur um sich in neue Verirrungen zu stürzen, und Plane zur Wiederherstellung seiner Finanzen zu versuchen, die ihn nur tiefer zum Verderben führten. Die Folgen einer Geschichte, worin er sich verwickelt hatte; trieben ihn jetzt mit dem kleinen Rest seines gescheiterten Vermögens zu einer gefährlichen und schimpflichen Flucht.

Es war seine Absicht, in eine der südlichen Provinzen zu gehen, und an den Gränzen des Königreichs in einem entlegenen Dorfe eine Zuflucht zu suchen. Seine Familie bestand aus seiner Frau, ihrem Mädchen und einem Bedienten, welche treu dem Schicksal ihrer Herrschaft folgten.

Die Nacht war dunkel und stürmisch, und sie mochten kaum anderthalb Meilen zurückgelegt haben, als Peter, der die Stelle des Kutschers vertrat, auf einer wüsten Haide, wo mehrere Wege sich kreuzten, still hielt und seinem Herrn sagte, daß er nicht wüßte, welchen Weg er einschlagen sollte. Das plötzliche Stillhalten des Wagens weckte La Motten aus seiner Träumerey, und erfüllte die ganze Gesellschaft mit Furcht vor Nachsetzern: er konnte Petern keine Richtung anzeigen, und die tiefste Finsterniß machte es gefährlich, ohne Richtung weiter zu fahren.

In dieser Angst sahen sie in einer Entfernung Licht, und nach vielem Zweifeln und Bedenken stieg La Motte aus und ging, in Hoffnung, Menschen zu finden, die ihn zurechtweisen könnten, darauf zu: er ging langsam vorwärts, weil er unbekannte Abgründe fürchtete. Das Licht kam aus dem Fenster eines kleinen alten Hauses, das eine Viertelstunde weit von ihnen einsam auf der Haide stand.

Nachdem er die Thüre erreicht hatte, stand er einige Augenblick still und lauschte ängstlich – er hörte nichts als das Brausen des Windes, der hohl über die Wüste strich. Endlich wagte er anzuklopfen, und nach Verlauf einiger Zeit, wo er verschiedene Stimmen sich bereden hörte, wurde er gefragt, was er begehrte? La Motte antwortete: er sey ein Reisender, der den Weg verloren hätte, und um Zurechtweisung nach der nächsten Stadt ersuchte.

»Die liegt über drey Meilen von hier,« sagt der Mann, »und der Weg ist äußerst schlecht, wenn Sie ihn auch sehen könnten. Wenn Sie nichts weiter als ein Bette verlangen, so steht es Ihnen zu Diensten, und sie thäten besser, hier zu bleiben.«

Der heftige Sturmwind, der immer wüthender auf La Motte eindrang, ließ ihn nicht ohne Furcht daran denken, vor Tagesanbruch weiter zu fahren; indessen wünschte er doch den Mann, mit dem er sprach, zu sehen, ehe er seine Familie diesem Hause anvertraute, und verlangte eingelassen zu werden. Eine lange, hagere Gestalt mit einem Licht in der Hand, öffnete die Thüre und nöthigte ihn herein.

Er folgte dem Mann durch einen Gang in ein fast unmöblirtes Zimmer, wo in einer Ecke ein Bett auf der Erde gebreitet lag. Das öde, verfallene Ansehen dieses Gemachs erregte in La Motte einen unwillkührlichen Schauder, und er war im Begriff, wieder herauszugehen, als der Mann ihn zurückstieß und die Thüre hinter sich verschloß. Der Muth verließ ihn, doch machte er einen verzweifelten, wiewohl vergeblichen Versuch, die Thüre zu sprengen und rief laut um Hülfe. Er erhielt keine Antwort, hörte aber über sich Stimmen von Männern: und da er nicht zweifelte, daß sie über seine Beraubung und Ermordung zu Rathe gingen, überwältigte seine Angst beynahe alle Bestimmung.

Doch nahm er bey dem Schimmer eines verlöschenden Lichts ein Fenster wahr, allein die Hoffnung, welche jetzt in ihm auflebte, verschwand sogleich, als er es mit starken eisernen Stäben verwahrt fand. Solche Vorkehrungen zur Sicherheit machten ihn bestürzt, und bestärkten seinen Verdacht. Allein, unbewaffnet, ohne auf Hülfe rechnen zu dürfen, sah er sich in der Gewalt von Menschen, deren Handwerk wahrscheinlich in Rauben und Morden bestand.

Nachdem er fruchtlos alle Möglichkeiten, zu entweichen, durchdacht hatte, bestrebte er sich, dem Ausgang mit Fassung entgegen zu gehen; aber ach! diese Tugend war nicht La Mottes Eigenthum!

Die Stimmen schwiegen und eine Viertelstunde lang blieb alles still, bis er zwischen dem Sausen des Windes das Schluchzen und Winseln eines Weibes zu vernehmen glaubte: er horchte aufmerksam, und wurde in seiner Vermuthung bestärkt; es waren zu deutlich Töne des Jammers. Bey dieser Gewißheit verließ ihn jedes Fünkchen übrig gebliebenen Muths, und ein schrecklicher Gedanke flog mit Blitzesschnelligkeit durch sein Gehirn. Höchst wahrscheinlich, so glaubte er, hatten die Leute im Hause seinen Wagen entdeckt, sich des Bedienten bemächtigt, um ungestört plündern zu können, und Frau von La Motte hieher geschleppt.

Er schloß dieß um so mehr aus der Stille, die eine Weile vor diesen Tönen im Hause herrschte. Oder vielleicht waren diese Menschen nicht Räuber, sondern Personen, an die sein Freund oder Bedienter ihn verrathen, und die man bevollmächtigt hatte, ihn der Gerechtigkeit auszuliefern. Doch wagte er kaum, die Redlichkeit seines Freundes zu bezweifeln, dem er das Geheimniß seiner Flucht und den Plan seiner Reise anvertraut, und der ihm den Wagen, worinn er entfloh, verschafft hatte.

»Nein, solche Niederträchtigkeit,« rief La Motte, »kann nicht in der menschlichen Natur, am wenigsten in Nemours Herzen wohnen!«

Ein Geräusch in dem Gange zu seinem Zimmer unterbrach seinen Ausruf – es kam näher; die Thüre wurde geöffnet, und der Mann, der La Motten eingelassen hatte, führte, oder schleppte vielmehr ein schönes junges Mädchen herein. Ihr Gesicht schwamm in Thränen, und sie schien dem äußersten Jammer zu erliegen. Der Mann schloß die Thüre ab, steckte den Schlüssel in die Tasche, ging auf La Motte zu, der zuvor mehr Leute in dem Gange bemerkt hatte, und setzte ihm eine Pistole auf die Brust:

»Sie sind gänzlich in unserer Macht,« sagte er; »keine Hülfe kann Sie erreichen; wenn Sie Ihr Leben zu retten wünschen, so schwören Sie dieß Mädchen an einen Ort zu bringen, wo sie mir nie wieder zu Gesicht kommen kann; oder lassen Sie sich vielmehr gefallen, sie mit sich zu nehmen: denn auf Ihren Schwur darf ich mich nicht verlassen; wohl aber kann ich dafür sorgen, daß Sie mich nie wieder finden. Antworten Sie geschwind, Sie haben keine Zeit zu verlieren.«

Er ergriff jetzt die zitternde Hand des Mädchens, das todtenbleich vor Schrecken zurück sank, und schob sie La Motten zu, dem Erstaunen die Sprache raubte. Sie fiel ihm zu Füssen, und flehte mit Augen, die von Thränen strömten, sein Mitleid an. Bey aller seiner Angst und Erschütterung war es ihm doch unmöglich, die Schönheit und Betrübniß des Gegenstandes, der vor ihm lag, gleichgültig anzusehen. Ihre Jugend, ihre anscheinende Unschuld, der kunstlose Ausdruck ihres Betragens, drang ihm an das Herz, und er wollte reden, als der Kerl, der sein staunendes Schweigen für Unschlüßigkeit hielt, ihm zuvorkam.

»Ich habe ein Pferd bereit, Sie fortzuschaffen,« sagte er, »und will selbst Sie über die Haide bringen. Kommen Sie binnen einer Stunde zurück, so finden Sie den Tod; nach dieser Zeit aber steht es Ihnen frey, wieder zu kommen, wenn Sie wollen.«

La Motte hub ohne zu antworten, das liebenswürdige Mädchen von der Erde auf, und fühlte sich von eigener Besorgniß so sehr erleichtert, daß er die ihrige zu stillen sich bemühete.

»Lassen Sie uns gehen,« sagte der Mann, »und sparen Sie dieß Gewäsch. Sie haben von Glück zu sagen, daß Sie noch so davon kommen. Ich will gehen und das Pferd satteln.«

Diese letzten Worte erweckten La Motte und stürzten ihn in neues Schrecken: er fürchtete, seines Wagens zu erwähnen, um nicht die Räuber zum Plündern zu reizen; und mit diesem Menschen fort zu reiten, konnte noch schlimmere Folgen nach sich ziehen. Es ließ sich vermuthen, daß Frau von La Motte aus Angst und Ungeduld nach dem Hause schicken würde, wo sie dieselbe Gefahr laufen, und er noch den Schmerz mehr empfinden mußte, sich von seiner Familie getrennt und der Gefahr ausgesetzt zu sehen, den Dienern der Gerechtigkeit in die Hände zu fallen, wenn er ihr nachspürte.

Während diese Betrachtungen in tumultarischer Schnelligkeit vor seiner Seele vorüber kreuzten, hörte er ein neues Geräusch in dem Gange: es erfolgte ein Lärmen und Handgemenge, und in demselben Augenblicke erkannte er die Stimme seines Bedienten, den Frau von La Motte ihm nachgeschickt hatte. Entschlossen, nunmehr zu entdecken, was sich nicht länger verheelen ließ, rief er laut, daß er kein Pferd brauchte, weil sein Wagen nicht weit von hier hielte, und daß der Mensch, dessen sie sich bemächtigt hätten, sein Bedienter wäre.

Der Mann rief ihm durch die Thüre zu, er möchte sich nur noch einen Augenblick gedulden, bald sollte er mehr von ihm hören. La Motte richtete nun seinen Blick auf seine unglückliche Gefährtinn, die bleich und kraftlos sich an die Mauer lehnte. Ihre Züge von zartester Schönheit, hatten durch den Schmerz einen unaussprechlichen Zauber bekommen: ein Reisekleid von aschgrauem Kammalot zeigte ihren Wuchs, wiewohl es ihn nicht hob: es war vorn aufgerissen, und ein Theil ihrer Haare fiel unordentlich auf ihre Brust herab, während der dünne, eilends übergeworfene Schleier zurückgewichen war.

Mit jedem Augenblicke, wo er sie betrachtete, stieg La Mottes Erstaunen und warmer Antheil. Solche Schönheit und Eleganz im Kontrast mit dem öden Hause und den rohen Sitten der Bewohner schien ihm mehr ein Roman der Einbildungskraft als ein Vorfall aus dem wirklichen Leben.

Er bemühte sich sie zu trösten, und sein Mitleid war zu innig, um verkannt zu werden. Ihre Furcht machte nach und nach den Regungen des Dankes und Schmerzens Platz.

»Ach,« sagte sie, »der Himmel hat Sie mir zur Hülfe gesandt, und gewiß wird er Sie belohnen: ich habe keinen Freund in der Welt, wenn ich ihn nicht in Ihnen finde.«

La Motte versicherte sie seines warmen Antheils, als der Eintritt des Mannes ihn unterbrach: er verlangte zu seiner Familie gebracht zu werden.

»Alles zu seiner Zeit,« hieß die Antwort: »ich habe für eine Person davon gesorgt, und werde es auch für Sie, so St. Petrus will. Seyn Sie nur ruhig.«

Diese beruhigenden Worte erneuerten La Mottens Schrecken, der nun inständigst flehte, ihm zu sagen, ob seine Familie in Sicherheit wäre?

»O, was das betrift, sicher genug, Sie werden sogleich bey ihr seyn: aber bringen Sie nicht die ganze Nacht mit Schwatzen zu. Erklären Sie sich, ob Sie gehen oder bleiben wollen. Sie wissen die Bedingungen.« –

Mit diesen Worten band man La Motten und das junge Frauenzimmer, welches die Angst stumm machte; setzte sie auf zwey Pferde, ein Mann hinter jeden, und sprengte in Galop davon. Sie waren beynahe eine halbe Stunde auf diese Weise fortgeritten, als La Motte zu wissen verlangte, wohin es ginge.

»Das werden Sie schon erfahren,« hieß es, »seyn Sie doch nur still!« –

Da La Motte alles Fragen unnütz fand, schwieg er, bis die Pferde still hielten. Sein Führer rief: Hallo! in einiger Entfernung antworteten Stimmen; nach wenig Augenblicken hörte er den Wagen rasseln, und gleich darauf einen Menschen, der Peter zurecht wies, welchen Weg er fahren sollte. Als der Wagen näher kam, rief La Motte, und erhielt, zu seiner unaussprechlichen Freude, Antwort von seiner Frau.

»Nun sind Sie über die Gränze der Haide, und können fahren, wohin Sie wollen,« sagte der Mann; »wenn Sie binnen einer Stunde zurückkehren, werden Sie mit ein paar Kugeln bewillkommt werden.«

Diese Warnung war höchst überflüßig für La Motte, den sie jetzt losbanden. Die junge Fremde seufzte tief, als sie in den Wagen stieg, und die Kerls, nachdem sie Petern noch einige Anweisungen gegeben und noch mehr Drohungen ausgestoßen hatten, warteten, um ihn abfahren zu sehen. – Man ließ sie nicht lange warten.

La Motte erzählte nun in aller Kürze, was ihm in dem Hause begegnet war, und auf welche Art man die Fremde zu ihm gebracht hatte. Während dieser Erzählung erregte ihr tiefes Schluchzen oftmahls die Aufmerksamkeit seiner Frau, die sich nach und nach zum Mitleid gegen sie gestimmt fühlte, und ihr Trost zuzusprechen suchte. Das unglückliche Mädchen beantwortete ihre liebreichen Zureden mit kunstlosen, einfachen Ausdrücken, und versank dann wieder in Thränen und Schweigen.

Frau von La Motte enthielt sich für jetzt aller Fragen, die zur Entdeckung ihrer Bekanntschaften leiten, oder eine Erläuterung der letzten Begebenheit fodern konnten, welche ihrem Nachdenken einen neuen Gegenstand darboth, und das Gefühl ihres eigenen Unglücks einigermaßen verminderte.

Selbst La Mottens Kummer verschwand auf eine Weile; er dachte über den letzten Vorfall nach, der ihm wie ein Traumgesicht, oder eine von den ausschweifenden Dichtungen eines Romans vorkam; er konnte keine Wahrscheinlichkeit hineinbringen, noch ihn auf irgend eine Weise erklären. Die gegenwärtige Last, die man ihm aufgebürdet hatte, und die Gefahr der Unannehmlichkeiten, die ihm noch in Zukunft daraus erwachsen konnten, verursachten ihm einige Unzufriedenheit, doch würkte Adelinens Schönheit und sichtliche Unschuld mit den Regungen der Menschlichkeit, die für sie sprach, zusammen, und er beschloß, sie zu beschützen.

Der Aufruhr in Adelinens Brust begann endlich sich zu legen. Schrecken milderte sich in Bekümmerniß, und Verzweiflung in Trauren. Die sichtliche Theilnahme ihrer Gefährten, besonders der Frau von La Motte, that ihrem Herzen wohl, und flößte ihre Hoffnung auf bessere Tage ein.

Traurig und schweigend verstrich die Nacht: die Seelen der Reisenden waren zu sehr beschäftigt mit ihrem mancherley Kummer, um Unterhaltung zuzulassen. Der so ängstlich ersehnte Morgen brach endlich an, und machte die Fremden einander näher bekannt. Adeline schöpfte Trost aus den Blicken der Frau von La Motte, die sie oft und aufmerksam ansah, und nicht leicht ein einnehmenderes Gesicht, eine schönere Figur gesehen zu haben glaubte. Das Schmachten des Kummers warf einen schwermüthigen Reiz über ihre Züge, der unmittelbar zum Herzen drang, und aus ihrem blauen Augen sprach eine durchdringende Sanftheit, die einen reinen liebenswürdigen Geist verrieth.

La Motte sah ängstlich aus dem Wagen, um über den Weg zu urtheilen und zu sehen; ob man ihn verfolgte. Die Dämmerung beschränkte seine Aussicht; er erblickte niemand. Endlich färbte die Sonne die östlichen Wolken und die Spitzen der höchsten Berge, und bald stand sie in vollem Glanz da. La Mottens Furcht verschwand und Adelinens Kummer milderte sich.

Sie kamen auf eine Wiese, die ein hohes, von Bäumen eingefaßtes Ufer umgrenzte, an deren Zweigen der Morgenthau die ersten grünen Knospen des Frühlings beglänzte. Die frische Morgenluft belebte Adelinen, deren Gefühl für alle Schönheiten der Natur aufs zarteste geöffnet war. Wenn sie die reiche Pracht des Rasens, das sanfte Grün der Bäume betrachtete, oder zwischen Öffnungen des Ufers die mannigfaltige Landschaft schimmern sah, deren dichte Wälder in fernen blauen Gebirgen verschwanden, klopfte ihr Herz von aufwallender Freude.

Neuheit erhöhte bey Adelinen den Reiz der Natur: sie hatte selten die Größe einer weiten Aussicht, die Pracht eines ausgebreiteten Horizonts, oder die mahlerischen Schönheiten eines beschränkten Amphitheaters gesehn. Ihre Seele hatte durch langen Druck die elastische Kraft nicht verloren, welche dem Ungemach widersteht; sonst würden bey aller Reizbarkeit ihrer Sinne die Schönheiten der Natur sie nicht mehr so leicht, auch nur in augenblickliche Ruhe, gewiegt haben.

Sie wanden sich endlich einen Hügel hinab, und La Motte, der sich wieder ängstlich umsah, erblickte ein offnes Feld, durch welches der Weg, beynahe ganz unbedeckt, in gerader Linie fortlief. Die Gefahr beunruhigte ihn, denn man konnte ohne Mühe viele Meilen weit von den Bergen, die er jetzt hinabfuhr, seiner Flucht nachsehn. Er erkundigte sich bey dem ersten Bauern, der ihnen begegnete, nach einem Wege zwischen den Bergen hin, hörte aber von keinem. Er versank in seine vorige Angst; seine Frau suchte, ungeachtet ihrer eignen Besorgnisse, ihn aufzurichten, da sie aber ihre Bemühungen unwirksam fand, überließ sie sich ebenfalls der Betrachtung ihres Schicksals. So wie sie weiter fuhren, sah La Motte nach der verlaßnen Gegend zurück, und oft wähnte er, Nachsetzer zu hören.

Die Reisenden hielten still, um in einem Dorfe zu frühstücken, wo endlich Waldungen den Weg bedeckten, und La Mottens Muth lebte wieder auf. Adeline schien ruhiger als sie noch gewesen war, und La Motte wagte es, sie um eine Erläuterung des Auftritts von vergangener Nacht zu bitten. Diese Frage erneute allen ihren Schmerz, und sie bat ihn mit Thränen, sie für jetzt mit allen Fragen über die Sache zu verschonen. La Motte drang nicht weiter in sie, bemerkte aber, daß sie fast den ganzen übrigen Tag in schwermüthigem Nachdenken zubrachte.

Sie fuhren jetzt zwischen Bergen hin, und waren folglich weniger in Gefahr, bemerket zu werden; doch vermied La Motte sorgfältig alle Städte, und hielt nur so lange, als für die Pferde nöthig war, in abgelegenen Dörfern still. Nachmittags ging der Weg länger als zwey Stunden durch ein tiefes Thal, das von einem Bach durchwässert, und von Gesträuch überschattet wurde.

La Motte hieß Peter nach einem dick bewachsenen Orte zufahren, der zur Seite lag. Hier stieg er mit seiner Familie aus; Peter mußte ihren Mundvorrath auf dem Rasen ausbreiten; sie setzten sich und genossen ein Mahl, das ihnen unter andern Umständen gewiß köstlich geschmeckt hätte.

Adeline zwang sich zu lächeln, allein ihr Ausdruck des Schmerzes wurde jetzt durch Unpäßlichkeit erhöht. Die heftige Seelenerschütterung und körperliche Ermüdung, die sie seit den letzten vier und zwanzig Stunden erlitten, hatte ihre Kräfte erschöpft, und als La Motte sie wieder zum Wagen führte, zitterte sie am ganzen Körper: doch ließ sie keine Klage verlauten, sondern bemühte sich vielmehr, so viel sie konnte, die Niedergeschlagenheit ihrer Reisegefährten zu zerstreuen.

Sie setzten den Tag über die Reise ohne allen Zufall oder Unterbrechung fort, und langten ungefähr drey Stunden nach Sonnenuntergang in Monville an; eine kleine Stadt, wo La Motte zu übernachten dachte. Ruhe war in der That der ganzen Gesellschaft nothwendig, deren blasses, verstörtes Aussehen nur zu auffallend war, um nicht von den Wirthsleuten bemerkt zu werden.

Sobald die Betten bereit waren, begab sich Adeline in ihr Schlafzimmer, wohin Frau von La Motte sie begleitete, welcher Bekümmerniß für die schöne Fremde jedes Bemühn, sie zu trösten und aufzurichten, eingab. Adeline vergoß jetzt nicht mehr Thränen des Schmerzes allein; sie vermischten sich mit denen, welche aus dem dankbaren Herzen fließen, wenn es unerwartete Theilnahme findet. Frau von La Motte verstand sie – nach einigen Augenblicken des Schweigens erneute sie ihre freundlichen Tröstungen und bat Adelinen, ihrer Freundschaft zu vertrauen; doch vermied sie sorgfältig, den Gegenstand zu berühren, der sie zuvor so sehr erschüttert hatte. Adeline fand endlich Worte, ihr Gefühl dieser Güte auszudrücken, und that es auf so offne, natürliche Art, daß Frau von La Motte innigst gerührt ihr gute Nacht sagte.

Ungeduldig, seine Reise fortzusetzen, stand La Motte des andern Morgens in aller Frühe auf. Alles war bereit, das Frühstück hatte schon eine Weile gestanden, aber Adeline ließ sich nicht sehn. Frau von La Motte ging in ihr Zimmer und fand sie in unruhigem Schlummer. Ihr Athem war kurz und unordentlich, sie fuhr oftmahls auf, oder seufzte und lallte unzusammenhängende Worte.

Während Madame mit Bekümmerniß ihre erschlafften Züge betrachtete, erwachte sie, sah auf, und reichte ihr die Hand, die von Fieberhitze brannte. Sie hatte eine unruhige Nacht gehabt, und als sie aufstehn wollte, wurde ihr Kopf, der unerträglich schmerzte, zu schwer; ihre Kräfte verließen sie, und sie sank zurück.

Frau von La Motte gerieth in die äusserste Unruhe; sie sah zugleich, daß es für Adelinen unmöglich war, weiter zu reisen, und daß eine Verzögerung ihrem Manne gefährlich seyn konnte. Sie ging zu ihm, und sein Unmuth läßt sich besser denken als beschreiben. Er sah alle Unannehmlichkeit und Gefahr eines Aufschubs, und doch konnte er sich nicht so ganz von aller Menschlichkeit entblössen, Adelinen der Sorge, oder vielmehr der Vernachlässigung von Fremden zu überlassen. Er ließ sogleich einen Arzt hohlen, und dieser erklärte, daß sie ein heftiges Fieber hätte, und ohne äusserste Gefahr nicht von der Stelle könnte.

La Motte entschloß sich nunmehr, den Ausgang abzuwarten, und suchte die Regungen der Angst zu unterdrücken, die ihn nur zu oft befielen. Indessen nahm er alle Vorsicht, die seine Lage zuließ, und brachte den größten Theil des Tages ausser dem Dorfe an einem Orte zu, von wo er den Weg bis in einige Entfernung übersehen konnte. Durch die Krankheit eines ihm unbekannten, ja ihm recht eigentlich aufgedrungenen Mädchens sich der höchsten Gefahr aussehen zu müssen, war auf alle Weise ein Unfall, welchen mit Fassung zu ertragen, La Motte nicht Philosophie genug besaß.

Adelinens Fieber stieg den Tag über, und Abends, als der Arzt fort ging, sagte er zu La Motte, der Ausgang müßte sich bald entscheiden. La Motte hörte diesen Wink ihrer Gefahr mit natürlicher Bekümmerniß an. Adelinens Schönheit und Unschuld hatten unwillkührlich über die ungünstigen Umstände, welche sie ihm zuführten, gesiegt, und er beschäftigte sich jetzt weniger mit der Last, die sie ihm in der Folge verursachen konnte, als mit der Hoffnung auf ihre Genesung.

Frau von La Motte bewachte sie mit zärtlicher Sorgfalt, und sah mit Bewunderung ihr stilles Dulden und ihre sanfte Ergebung. Adeline belohnte sie reichlich, so unvermögend sie sich auch glaubte.

»So jung ich auch bin,« sagte sie, »und verlassen von denjenigen, auf deren Schutz ich berechtigt wäre, weiß ich doch keine Bekanntschaft, die mir das Leben so wünschenswerth macht, als die, welche ich mit Ihnen zu knüpfen hoffe. Wenn ich genese, so wird mein Betragen am besten von meiner Dankbarkeit für Ihre Güte zeugen – Worte sind nur schwache Beweise.«

Ihr sanftes Wesen nahm die Frau von La Motte so sehr ein, daß sie die Crisis ihrer Krankheit mit einer Ängstlichkeit erwartete, welche alle andere Rücksichten ausschloß. Adeline brachte eine sehr unruhige Nacht zu, und als der Arzt des andern Morgens erschien, erlaubte er, ihr alles zu geben, was sie nur verlangte, und beantwortete La Mottens Fragen mit einer Freymüthigkeit, die keine Hoffnung übrig ließ.

Indessen fiel die Kranke, nach einigen kühlenden Tränken, in einen Schlaf, der mehrere Stunden anhielt, und so fest war, daß der Athem allein ihr Leben verrieth. Sie erwachte frey vom Fieber, und ohne alle Krankheit, außer einer Schwäche, die sie aber nach wenig Tagen so gut überstand, daß sie mit La Motte nach B– fahren konnte, einem Dorfe, das außer der Landstrasse lag, die er zu verlassen für rathsam hielt.

Hier brachten sie die Nacht zu, und setzten des Morgens in aller Frühe ihre Reise durch einen wüsten, waldichten Strich Landes fort. Um Mittag hielten sie in einem einsamen Dorfe still, wo sie eine Mahlzeit zu sich nahmen und sich Anweisung geben ließen, um den großen Fontaneiller Wald zu passiren, an dessen Rande sie sich jetzt befanden. La Motte wollte anfangs einen Wegweiser nehmen, allein er fürchtete mehr Nachtheil von der Kundschaft seines Weges, als er sich Nutzen von einem Geleitsmann in den Wildnissen dieses unbebaueten Erdstrichs versprach.

Er dachte jetzt nach Lyon zu gehn, wo er entweder in der Nachbarschaft sich verbergen, oder die Rhone hinauf nach Genf fahren wollte, wenn seine Umstände es in der Folge nöthig machten, Frankreich zu verlassen. Es war ungefähr zwölf Uhr Mittags und er eilte weiter, um wo möglich vor Einbruch der Nacht durch den Wald zu kommen und die Stadt jenseits zu erreichen. Nachdem sie sich mit frischem Proviant versehen und die nöthigen Erkundigungen eingezogen hatten, machten sie sich wieder auf und gelangten bald in den Wald.

Es war im Ende Aprils, und das Wetter ungewöhnlich schön. Die balsamische Frische der Luft, vom ersten reinen Duft der Kräuter geschwängert, und die milde Wärme der Sonne, deren Strahlen jeden Hauch der Natur belebten und jede Blühte des Frühlings öffneten, flößten Adelinen neues Leben und Gesundheit ein. Mit der Luft, die sie einathmete, schienen ihre Kräfte wiederzukehren, und wenn ihre Augen auf den romantischen Aussichten verweilten, welchen der Wald sich öffnete, schwoll ihr Herz von süßem Wohlgefühl: allein wenn sie ihren Blick von diesen Gegenständen ab, auf Herrn und Frau von La Motte wandte, deren zärtliche Sorgfalt sie ihr Leben verdankte, und auf deren Gesicht sie Wohlwollen und Liebe las, so glühte ihre Brust von süßen Regungen, und sie empfand die höchste Gewalt der Dankbarkeit.

Sie reisten den Tag über fort, ohne nur eine Hütte, oder ein menschliches Wesen zu sehn. Es war nahe vor Sonnenuntergang, der Wald schloß von allen Seiten die Aussicht ein, und La Motte fing an zu fürchten, daß sein Bedienter den Weg verfehlt hätte. Der Weg, wenn man anders eine leichte Spur auf dem Grase so heißen konnte, war bald von üppigen Gesträuch überwachsen, bald von tiefen Schatten verdunkelt, und Peter hielt endlich still, weil er des Wegs ungewiß war. La Motte, der in einem so wüsten einsamen Aufenthalt von der Nacht überfallen zu werden scheute, und sich lebhaft vor Räubern fürchtete, hieß ihn auf alle Weise weiter fahren, und wenn er keine Spur fände, einen offnern Theil des Waldes suchen.

Mit diesem Befehl fuhr Peter wieder fort, nachdem er aber eine kleine Strecke zurück gelegt hatte, und sich noch immer von Aussichten und Fußwegen im Walde eingeschlossen sah, ließ er den Muth sinken und hielt aufs neue still. Die Sonne war jetzt untergegangen, allein La Motte sah aus dem Fenster bey dem hellen Schimmer des westlichen Horizonts, einige dunkle Thürme in kleiner Entfernung zwischen den Bäumen empor steigen, und befahl Peter, darauf zuzufahren.

»Wenn sie zu einem Kloster gehören,« sagte er, »so können wir Aufnahme für die Nacht hoffen.«

Der Wagen fuhr unter den Schatten melancholischer Buchen hin, über welche die Abendröthe, welche noch die Luft färbte, eine Feyer ausgoß, die in den Herzen der Reisenden stillen Schauer erregte. Erwartung hielt sie schweigend. In Adelinen erwachte die Erinnerung an die letzten schrecklichen Ereignisse, und ihre Seele nahm nur zu leicht die Ahndung neuen Unglücks auf.

La Motte stieg am Fuße eines grünen Hügels aus, wo die Bäume sich dem Licht öffneten, und eine nähere, wiewohl unvollkommene, Aussicht auf das Gebäude zuließen.

Zweytes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Er ging näher hinzu und entdeckte die gothischen Überreste einer alten Abtey: sie stand auf einem grünen Platze, den hohe Bäume beschatteten, welche mit dem Gebäude gleichzeitig schienen, und eine romantische Dunkelheit verbreiteten. Der größere Theil der Mauern schien in Ruinen zu verfallen, und die, welche der Verheerung der Zeit widerstanden hatten, gaben den verfallenen Überresten ein noch schauerliches Ansehn.

Die hohen Zinnen, dick mit Epheu umschlungen, waren halb verwüstet und der Aufenthalt von Raubvögeln geworden. Große Massen von dem östlichen, fast ganz verfallnen Thurme lagen zerschmettert im hohen Grase, das langsam in die Lüfte wehte. Ein gothisches Thor, reich mit ausgehauener Arbeit verziert, das zum Hauptflügel des Gebäudes führte, aber mit Strauchwerk verwachsen war, stand noch unversehrt. Über der weiten, prächtigen Wölbung dieses Thors stieg ein Fenster von derselben Bauart empor, in dessen Flügeln man noch Fragmente gemahlten Glases sah, einst der Stolz mönchischer Frömmigkeit.

La Motte, der es für möglich hielt, daß noch ein menschliches Wesen sich hier aufhalten könnte, trat zum Thore und hub einen schweren Klopfer auf. Der hohle Schall lief durch den leeren Platz. Er wartete einige Minuten und zwang dann das Thor zurück, das von Eisen schwer war und mit schrecklichem Getöse knarrte.

Er trat in einen Ort, der die Kapelle der Abtey gewesen zu seyn schien, wo einst die Hymne der Andacht empor stieg, und die Thräne der Buße vergossen ward: Töne, welche nur die Einbildungskraft wieder hervor rufen konnte; Thränen, die längst in der Wage des Richters gewogen waren.

La Motte stand einen Augenblick still: er fühlte einen gewissen Schauder, einen Mittelzustand zwischen Staunen und Ehrfurcht! Er übersah den weiten Raum, und indem er die verfallne Pracht betrachtete, trug die Fantasie ihn in verfloßne Zeiten zurück –

»Und diese Mauern,« sagte er, zittern jetzt über den Gebeinen der sterblichen Wesen, welche sie bewohnten!«

Die zunehmende Dunkelheit erinnerte La Motten, daß er keine Zeit zu verlieren hatte: allein Neugier drängte ihn vorwärts und er gehorchte ihrem Antriebe. So wie er über das gesunkne Pflaster ging, hallten seine Schritte durch das Gebäude wieder, und schienen gleich den mystischen Tönen der Todten dem frechen Sterblichen Vorwürfe zu machen, der ihren Umkreis zu betreten wagte.

Aus dieser Kapelle trat er in die große Kirche, in welcher ein Fenster, vollständiger als die andern, auf eine lange Vista des Waldes stieß, und die reiche Farbe des Abends zeigte, die unmerklich in die feyerliche Dunkelheit der höhern Luft hinwegschmolz. Dunkle Berge, deren Umriß deutlich im lebhaften Schimmer des Horizonts hervor ragten, schlossen die Aussicht. Verschiedne Pfeiler, die einst die Decke unterstützten, standen noch als stolze Denkmähler sinkender Größe, und schienen bey jedem Brausen des Windes zwischen den herabgefallnen Brüchstücken, die vor ihnen lagen, zu nicken. –

La Motte seufzte. Die Vergleichung zwischen ihm und dem allmähligen Verfall, wovon diese Säulen zeugten, drang sich ihm zu mächtig auf.

»Noch wenig Jahre,« sprach er, »und ich werde seyn, wie die Sterblichen, deren Überreste ich jetzt anstaune, und gleich ihnen zum Stoff des Nachdenkens für eine künftige Generation dienen, die ebenfalls nur kurze Zeit über dem Gegenstande ihrer Betrachtung hinschwanken wird, ehe auch sie in den Staub sinkt.«

Er riß sich von diesem Aufenthalt los, und ging durch die Kreuzgänge, bis eine Thüre, die mit einem hohen Theile des Gebäudes zusammen hing, seine Aufmerksamkeit anzog. Er öffnete sie und nahm quer vor einer Treppe vorbey, noch eine Thüre wahr; allein theils durch Furcht, theils durch die Betrachtung, wie sehr seine Abwesenheit seine Familie befremden mußte, zurück gehalten, kehrte er mit schnellen Schritten zu seinem Wagen zurück, und warf sich vor, einige kostbare Augenblicke der Dämmerung unnütz verschwendet zu haben.

Einige kurze Antworten auf die Fragen seiner Frau, und ein allgemeiner Befehl an Peter, sorgsam weiter zu fahren und sich nach einem Wege umzusehn, war alles, was seine Ängstlichkeit ihm zu sprechen erlaubte. Die Schatten der Nacht fielen dicht herab, durch die Dunkelheit des Waldes vertieft, und machten es bald gefährlich, den Weg weiter fortzusetzen.

Peter hielt, allein La Motte, der fest auf seinem ersten Entschlusse beharrte, befahl ihm zuzufahren. Peter wagte es, ihm Vorstellungen zu machen, Frau von La Motte bat, allein La Motte zankte – befahl und bereute zu spät: das hintere Wagenrad ging über den Stumpf eines alten Baums, den Peter bey der Dunkelheit nicht hatte sehen können, und der Wagen fiel in dem nähmlichen Augenblick um.

Die Gesellschaft gerieth, wie sich denken läßt, in äußersten Schrecken, doch war keiner wesentlich beschädigt, und sobald sie sich aus ihrer gefährlichen Lage aufgeholfen hatten, bemühten sich La Motte und Peter, den Wagen aufzuheben. Jetzt erst sahen sie den ganzen Umfang ihres Unglücks, das Wagenrad war gebrochen! Ihr Elend war groß, denn die Kutsche konnte eben so wenig weiter fahren, als ihnen eine Zuflucht vor dem kalten Nachtthau gewähren, weil es unmöglich war, sie in eine aufrechte Lage zu bringen.

Nach einigen Augenblicken des Stillschweigens, schlug La Motte vor, zu den Ruinen, von denen sie nicht weit entfernt waren, zurückzukehren, und die Nacht in dem wohnbarsten Theile des Gebäudes zuzubringen: sobald der Morgen anbräche, sollte Peter eins von den Kutschpferden nehmen, und einen Weg und eine Stadt suchen, wo er Leute bekommen könnte, um den Wagen wieder in Stand zu setzen.

Frau von La Motte widersetzte sich diesem Vorschlage: sie schauderte vor dem Gedanken, so viele Stunden im Finstern an einem so verödeten Orte zuzubringen. Schrecknisse, welche sie weder zu untersuchen noch zu bekämpfen sich Mühe gab, überwältigten sie, und sie sagte ihrem Manne, daß sie lieber in dem ungesunden Thau die Nacht über bleiben, als sich den verlaßnen Ruinen anvertrauen wollte.

La Motte hatte anfangs eine gleiche Abneigung gefühlt, wieder dahin zurückzukehren; nachdem er aber sein eignes Gefühl überwunden hatte, wollte er keinem andern nachgeben. Die Pferde wurden ausgespannt und die Gesellschaft machte sich nach dem Gebäude auf. Peter, der ihnen folgte, schlug Feuer an, und sie betraten die Ruinen unter Erleuchtung von dürren Stäben, die er zusammen gesucht hatte.

Der Schimmer, der nur auf einige Theile des Gebäudes fiel, schien die Verödung nur noch schauerlicher zu machen, während die Dunkelheit der größern Masse das Feyerliche erhöhte; und die Fantasie mit Schreckbildern erfüllte. Adeline, die bis jetzt geschwiegen hatte, stieß einen Ausruf der Furcht und Bewunderung aus. Ein nicht unangenehmer Schauder durchdrang sie: Thränen traten in ihre Augen – sie wünschte und fürchtete weiter zu gehn, sie hing sich an La Mottens Arm und sah ihn mit einem furchtsam fragenden Blicke an.

Er öffnete die Thüre der großen Halle und sie traten hinein: der weite Umfang verlor sich in Dunkelheit.

»Laßt uns hier bleiben,« sagte Frau von La Motte, »ich mag nicht weiter gehn.«

La Motte zeigte auf die eingefallne Decke und ging vorwärts, als ein ungewöhnliches Geräusch längs der Halle ihn stutzig machte. Alle schwiegen – es war das Schweigen des Schreckens.

Frau von La Motte sprach zuerst:

»Laßt uns diesen Ort verlassen; alles Ungemach ist der Empfindung, die mich hier niederdrückt, vorzuziehen. Laßt uns ohne Verzug zurückgehn!«

Es herrschte wieder eine ununterbrochne Stille, und La Motte, der sich seiner unwillkürlich verrathnen Furcht schämte, fand für gut, einen Muth zu erkünsteln, den er wirklich nicht besaß. Er verspottete die Angst seiner Frau, und bestand darauf weiter zu gehn. Sie mußte einwilligen, und ging mit zitternden Schritten durch die Halle. Sie kamen an einen schmalen Gang, und da Peters Holz beynahe aufgebrannt war, warteten sie hier, bis er mehr gehohlt hatte.

Das fast verlöschende Licht fiel schwach auf die Wände des Gangs und machte den Aufenthalt noch schrecklicher. Mitten durch die Halle, deren größre Hälfte im Schatten lag, verbreitete der schwache Strahl einen bleichen Schimmer, der die Spalten in der Decke zeigte, während viele Gegenstände in der Dämmerung nur unvollkommen sichtbar waren.

Adeline fragte La Motten lächelnd, ob er an Geister glaubte? Die Frage war etwas unzeitig, denn der jetzige Aufenthalt erfüllte ihn mit seinen Schrecknissen, und Trotz alles Strebens fühlte er eine abergläubige Furcht sich seiner bemeistern. Vielleicht stand er in diesem Augenblick auf der Asche von Todten! Wenn es jemahls Geistern erlaubt würde, die Erde wieder zu besuchen, so schien dieß die Stunde und der Ort ihrer Erscheinung zu seyn. La Motte schwieg. –

»Wäre ich zum Aberglauben geneigt,« fuhr Adeline fort – als die Wiederkehr des schon gehörten Geräusches sie unterbrach: es ertönte längs dem Gange, an dessen Eingang sie standen, und sank allmählig hinweg. Jedes Herz klopfte, und sie horchten schweigend.

Eine neue Besorgniß stieg in La Motte auf – dieß Geräusch konnte von Räubern herrühren, und stand an, ob es rathsam seyn könnte, weiter zu gehn.

Peter kam mit Licht; Frau von La Motte weigerte sich, den Gang zu betreten; La Motte selbst fühlte sich nicht sehr dazu geneigt; allein Peter, bey dem Neugier stärker war als Furcht, both bereitwillig seine Dienste an. La Motte ließ, nach einigem Besinnen, ihn gehn, und wartete am Eingang den Erfolg seines Forschens ab.

Der weite Weg entzog Petern bald seinem Blick, und der Wiederhall seiner Fußtritte verlor sich in einem Geräusch, das den Gang hinab tönte und immer schwächer und schwächer ward, bis es zuletzt sich ganz verlor. La Motte rief ihn jetzt mit lauter Stimme, erhielt aber keine Antwort; endlich hörten sie in der Ferne einen Fußtritt, und bald darauf erschien Peter, athemlos und bleich vor Entsetzen.

Sobald er nahe genug war, um von seinem Herrn gehört zu werden, rief er laut:

»Gott sey Dank, Ihro Gnaden, ich habe sie zu Boden geschlagen, aber meiner Seel, es war ein harter Strauß. Es war nicht anders, als föchte ich mit dem Teufel.« –

»Von wem sprichst du denn?« fragte sein Herr.

»Am Ende war es nichts als Eulen und Krähen, aber bey dem Licht flogen sie mir alle an den Kopf, und machten so ein verteufeltes Spektakel mit ihren Flügeln, daß ich anfangs glaubte, ich hätte es mit einer Legion Teufel zu thun. Allein ich habe sie alle heraus gejagt, gnädiger Herr, und Sie haben nun nichts mehr zu fürchten.«

Diese letzten Worte, die einen Verdacht in seinen Muth zu enthalten schienen, hätte La Motte entbehren können: um aber seinen gewissermaßen verscherzten Ruf der Herzhaftigkeit wieder herzustellen, setzte er sich vor, durch den Gang zu gehn. Sie gingen jetzt mit schnellen Schritten fort: wie Peter sagte, »sie hätten nichts mehr zu fürchten.«

Der Gang führte auf einen großen freyen Platz, an dessen einer Seite, über eine Reihe Kreuzgänge hin, der westliche Thurm und ein hoher Theil des Gebäudes hervorragte; die andere Seite lag dem Walde offen. La Motte nahm seinen Weg nach einer Thüre des Thurms, den er nunmehr für denselben erkannte, durch welchen er das erstemahl hereingekommen war; allein er fand es beschwerlich, weiter zu dringen, weil der Platz mit Brombeersträuchern und Nesseln verwachsen war, und Peters Licht nur einen unsichern Schein verbreitete.

Als er die Thüre öffnete, erneute der traurige Anblick des Orts Frau von La Mottens Ängstlichkeit und preßte Adelinen die Frage ab, wohin sie gingen? Peter hielt das Licht in die Höhe, um ihnen die schmale Treppe zu zeigen, die sich den Thurm hinaufwand; allein La Motte, der die zweyte Thür entdeckte, schob die verrosteten Riegel zurück, und trat in ein geräumiges Zimmer, das nach seiner Anlage und Verfassung sichtlich weit später erbaut war, als der andre Theil des Gebäudes. Wiewohl öde und leer, hatte es doch wenig von der Zeit gelitten; die Mauern waren feucht, aber nicht verfallen, und die Scheiben noch fest in den Fenstern.

Sie gingen durch eine Reihe Zimmer, die dem ersten glichen, und bezeugten ihre Verwunderung über das widersprechende Ansehen dieser Gemächer mit den zerfallnen Mauern, die sie hinter sich gelassen hatten. Sie führten zu einem gewundnen Gange, in welchen durch kleine, hoch in der Mauer eingehaune Löcher, Licht und Luft fiel, und den endlich eine mit Eisen beschlagne Thüre schloß; sie öfneten sie mit Mühe und traten in ein gewölbtes Zimmer. La Motte übersah es mit forschendem Auge und konnte nicht errathen, warum es durch eine so starke Thüre verwahrt war; allein er sah wenig, um seine Neugier zu befriedigen. Das Zimmer schien in neuern Zeiten nach einem Gothischen Plan erbaut zu seyn.

Adeline näherte sich einem großen Fenster, das eine Art von Vertiefung bildete, und um eine Stuffe höher war als der übrige Fußboden: sie zeigte La Motten, daß der ganze Fußboden mit mosaischer Arbeit eingelegt war, welches ihn zu der Bemerkung veranlaßte, daß dies Zimmer nicht ganz im Gothischen Geschmack gebaut sey. Er ging zu einer Thüre an der andern Seite des Zimmers, und nachdem er sie geöfnet hatte, fand er sich in der großen Halle, durch die er herein gekommen war.

Er sah jetzt, was die Dunkelheit ihn zuvor wahrzunehmen verhindert hatte, eine Wendeltreppe, die zu einem obern Gang führte, und nach ihrer Beschaffenheit zu urtheilen, mit dem neuern Theil des Gebäudes zugleich erbaut war, wiewohl man ihr ebenfalls ein Gothisches Ansehen zu geben gesucht hatte. La Motte zweifelte nicht, daß diese Treppe zu Zimmern führte, die den untern gleich wären, und war unschlüssig, ob er sie durchsuchen sollte: allein die Bitten seiner höchst ermüdeten Frau bewegten ihn, von aller weitern Untersuchung abzustehn. Nach einigem Berathschlagen, in welchem Zimmer sie die Nacht zubringen wollten, beschlossen sie, wieder in das, welches an den Thurm stieß, zurückzukehren.

Sie machten ein Feuer auf einem Kamin, der wahrscheinlich seit vielen Jahren keine gastfreye Wärme ertheilt hatte; Peter setzte ihnen den aus der Kutsche geholten Vorrath hin, und La Motte und seine Familie lagerten sich um das Feuer und genossen ein Mahl, das der Hunger ihnen würzte.

Ihre Furcht verschwand allmählig: denn sie sahen sich nunmehr in einem Aufenthalt, der einer menschlichen Wohnung glich, und hatten Muße, über ihr erstes Schrecken zu lachen; allein so oft der Wind die Thüre erschütterte, fuhr Adeline auf und sah sich furchtsam um. Sie sprachen und scherzten eine Weile fort, doch war ihre Fröhlichkeit, wo nicht erkünstelt, doch vorübergehend: denn das Bewußtseyn ihrer unangenehmen, höchst bedenklichen Lage drang sich zu mächtig auf und versenkte jeden in Traurigkeit und tiefsinniges Schweigen.

Adeline fühlte in aller Kraft ihren verlaßnen Zustand; sie dachte mit Staunen an das Vergangne, und sah mit furchtvollem Ahnden in die Zukunft. Sie fand sich durchaus abhängig von Fremden, an welche sie keinen andern Anspruch hatte, als was allgemeine Menschenliebe der Noth verwandter Geschöpfe gibt. Seufzer schwellten ihre Brust, und oft drängte sich eine Thräne in ihr Auge; allein sie preßte sie zurück, ehe sie auf ihrer Wange die Bekümmerniß verrieth, welche zu zeigen ihr undankbar däuchte.

La Motte brach endlich dieß tiefsinnige Schweigen, und gab Befehl, das Feuer auf die Nacht frisch anzumachen und die Thüre zu verwahren. Diese Vorsicht schien selbst in dieser Einöde nicht überflüssig, und wurde durch große Steine, die man gegen die Thüre aufthürmte bewirkt; keine andern Mittel zur Befestigung waren vorhanden.

Es war La Motten oft eingefallen, das dieß dem Anschein nach verlaßne Gebäude gar wohl ein Aufenthalt von Räubern seyn könnte. Sie fanden hier Einsamkeit, sich zu verbergen, und einen wilden, weit umfassenden Wald, der ihren räuberischen Absichten beförderlich seyn, und in seinen Krümmungen diejenigen irre leiten konnte, die kühn genug waren, sie hier zu verfolgen. Doch verbarg er diese Gedanken, um seinen Gefährten nicht neue Unruhe zu machen.

Peter mußte an der Thüre wachen, und nachdem sie das Feuer so gut als möglich zurecht geschürt hatten, legte sich die verlaßne Gesellschaft rings umher, und suchte im Schlaf kurze Vergessenheit ihres Kummers.

Die Nacht verstrich ungestört. Adeline schlief, aber unruhige Träume schwebten von ihrer Fantasie und sie erwachte frühzeitig: die Erinnerung an ihren Kummer bemächtigte sich ihrer; sie konnte jetzt diesem Gefühle nachhängen und ihre Thränen flossen reichlich. Um ihnen ungestörten Lauf zu lassen, trat sie in ein Fenster, das auf eine Öfnung des Waldes stieß: alles war dunkel und still; sie stand eine Weile und betrachtete die beschattete Gegend.

Der erste zarte Hauch des Morgens schimmerte am Rande des Horizonts und brach durch die Dunkelheit – so rein, schön und mild! Der Himmel schien sich der Aussicht zu öfnen. Die trüben Nebel rollten nach Westen zu, so wie die Beleuchtung sich verstärkte, verdunkelten jene Gegend der Hemisphäre und hüllten die tiefere Landschaft ein, während im Osten die Farben heller wurden und einen zitternden Schimmer rings um verbreiteten, bis ein gelber Glanz, der jene Gegend des Himmels befeuerte, der Verkündiger der aufsteigenden Sonne war.

Zuerst ging ein kleiner Streif mit unbeschreiblichem Glanz aus dem Horizont hervor, der sich schnell verbreitete, und die Sonne in aller Strahlenpracht zeigte, wie sie das ganze Antlitz der Natur entschleierte, jede Farbe der Landschaft belebte, und die bethauete Erde funkeln machte von schimmernden Edelstein. Der leise, sanfte Gesang der Vögel, durch die Morgenstrahlen erweckt, unterbrach das Schweigen der Stunde; ihr süßes Wirbeln stieg allmählig, bis sie den Chor allgemeiner Fröhlichkeit anstimmten. Auch Adelinens Herz schwoll von dankbarer Weihe!

Die Scene vor ihr, sänftigte ihren Kummer und trug ihre Gedanken empor zu dem großen Urheber der Schöpfung: unwillkührlich wurden sie zu Gebeth:

»Vater des Guten,« sprach sie, »der du diese Pracht schufest, ich ergebe mich in deine Hände, du wirst mich nicht sinken lassen in meinem Ungemach, und mich vor künftigem Übel schützen.«

So auf die Liebe ihres Gottes vertrauend, trocknete sie die Thränen von ihren Augen, und der süße Einklang ihres Gewissens und ihrer Betrachtung, belohnte ihre Zuversicht; ihre Seele fühlte sich befreyt von den Empfindungen, die sie niederdrückten, und sie ward ruhig und gefaßt.

La Motte erwachte bald nachher und Peter schickte sich zu seinem Zuge an. So wie er sein Pferd bestieg, sagte er zu seinem Herrn:

»Nichts für ungut, Ihro Gnaden, allein meinem Bedünken nach, thäten wir eben so gut, uns nicht weiter nach einem andern Aufenthalt umzusehn, bis bessere Zeiten kommen. Wenn man diesen Ort bey Tageslicht sieht, so scheint er nicht so übel, daß man ihn nicht mit leichter Mühe ganz bequem zum Wohnen machen könnte.«

La Motte antwortete nicht, allein er dachte über Peters Worte nach. In den Zwischenräumen der Nacht, wo Sorgen ihn nicht schlafen ließen, war ihm der nähmliche Gedanke beygefallen. Verbergung war seine einzige Sicherheit, und dieser Ort gewährte sie ihm. Die gänzliche Entlegenheit war ihm freylich zuwieder, allein er hatte einmahl nur unter Übeln zu wählen – ein Wald mit Freyheit war kein verwerflicher Aufenthalt für einen, der nur zu viel Ursache hatte, ein Gefängniß zu erwarten.

Als er die Zimmer aufmerksamer betrachtete, fand er, daß sie leicht wohnbar zu machen wären, und da er sie jetzt unter der Erheitrung des Morgens sah, wurde er in seinem Vorsatz bestärket. Er sann über die Mittel nach, ihn auszuführen, und nichts stand ihm im Wege, als die anscheinende Schwierigkeit, Lebensmittel zu bekommen.

Er eröfnete seinen Plan seiner Frau, die sich äußerst abgeneigt dagegen fühlte. Indessen pflegte La Motte sie selten um Rath zu fragen, ohne vorher beschlossen zu haben, wie er verfahren wollte, und er hatte sich bereits vorgenommen, es auf Peters Bericht ankommen zu lassen: wenn dieser eine Stadt in der Nachbarschaft des Waldes ausfindig machte, wo man Lebensmittel und andere Bedürfnisse haben könnte, so wollte er sich nicht weiter nach einem Ruheorte umsehn.

In Peters Abwesenheit, dessen Rückkunft er mit Ungeduld erwartete, beschäftigte er sich, die Ruinen zu untersuchen und in der Gegend umher zu gehn: sie war romantisch schön und die dicke Waldung schien diesen Fleck von der übrigen Welt abzusondern. Oft zeigte eine natürliche Vista eine Aussicht auf das Land, begrenzt von Bergen, die sich in die Ferne zurückzogen und im blauen Horizont verloren. Ein Bach, der in mannigfaltigen Krümmungen sonorisch strömte, wand sich um den Fuß des freyen Platzes, auf welchem die Abtey stand: hier glitt er sanft zwischen den Schatten hin, und verbreitete frische Kühlung: dort breitete er sich in größerer Fläche dem Tage entgegen und gab spiegelnd das Gebüsch und das Wild, das seine Wellen trank, zurück. La Motte bemerkte allenthalben Wild in Menge; die Fasanen flohen kaum vor seiner Annäherung und die jungen Rehe starrten ihm gutmüthig ins Gesicht, wenn er vorüber ging – sie kannten die Menschen nicht!

Als er wieder in die Abtey zurückkam, stieg er die Treppe hinauf, die in den Thurm führte. Ohngefähr halben Wegs nahm er eine Thür in der Mauer wahr: sie wich ohne Widerstand, allein ein plötzliches Geräusch von innen, dem eine Staubwolke folgte, machte, daß er zurück fuhr und die Thüre anzog. Nach einigen Minuten öfnete er sie wieder, und entdeckte ein großes Zimmer von dem neuern Gebäude. Fragmente von Tapeten hiengen um die Mauern und waren der Aufenthalt von Raubvögeln geworden, deren plötzliche Flucht bey Eröfnung der Thüre die Staubwolke hervorgebracht und das Geräusch erregt hatte. Die Fenster waren zerbrochen und beynahe ohne Scheiben, allein zu seiner Verwunderung sah er einige Überreste von Möbeln; Stühle, deren Form und Zustand die Zeit ihrer Herkunft verrieth; einen zerbrochnen Tisch und ein eisernes Feuerbecken, das vom Rost fast ganz verzehrt war.

An der andern Seite befand sich eine Thüre, die in ein Zimmer führte, welches wie das erste gebaut, aber mit nicht ganz so zerlumpten Tapeten behangen war. In einer Ecke stand eine kleine Bettstelle; und einige gebrechliche Stühle standen an der Wand. La Motte betrachtete diese Dinge mit Verwunderung und Neugier.

»Seltsam,« sagte er, »daß diese Zimmer, und diese allein, Spuren von Bewohnung verrathen: vielleicht daß ein elender Wanderer, wie ich, hier Zuflucht vor einer verfolgenden Welt gesucht, und vielleicht die Last eines beschwerlichen Daseyns hier niedergelegt hat: vielleicht bin ich nur seinen Fußtritten gefolgt, um meinen Staub mit dem seinigen zu vermischen!«

Er drehte sich schnell um, und wollte das Zimmer verlassen, als er nahe beym Bett eine Thür wahrnahm: sie führte in ein Kabinet, welches von einem schmalen Fenster Licht erhielt, und eben so beschaffen war als die andern Zimmer, nur daß auch nicht einmahl Überreste von Möbeln darin befindlich waren. Es kam ihm vor, als wenn eine Stelle des Fußbodens unter seinen Füßen schwankte; er untersuchte sie und fand eine Fallthüre. Neugier trieb ihn an, weiter zu suchen, und mit einiger Mühe gelang es ihm, sie aufzuheben: er sah eine Treppe die sich im Finstern verlor. Er stieg einige Stuffen hinab, allein da er es nicht wagte, sich diesem Abgrunde anzuvertrauen, machte er die Thüre wieder zu und verließ diese Zimmer voll Verwunderung, zu welchem Zwecke hier eine Treppe so heimlich angebracht seyn möchte.

Die Treppen im obern Thurm waren so sehr verfallen, daß er nicht hinaufzusteigen wagte: er ging wieder in die Halle zurück und gelangte durch die Wendeltreppe, die er den Abend zuvor bemerkt hatte, in den Gang, wo er eine Reihe Zimmer fand, die ohne alles Geräth waren, aber den untern sehr glichen.

Er erneute mit Frau von La Motte sein voriges Gespräch über die Abtey, und sie both alles auf, ihm sein Vorhaben auszureden. Zwar gab sie ihm die Sicherheit dieses Orts zu, meinte aber, es ließe sich wohl ein andrer finden, der zur Verbergung eben so gut und gemächlicher wäre. La Motte zweifelte daran; außerdem war in diesem Walde Wild in Menge, welches ihm Speise und Zeitvertreib zugleich verschaffen konnte: ein Umstand, der bey dem geringen Bestand seiner Kasse nicht zu verachten war – mit einem Worte: er hatte sich diesen Plan so fest in den Kopf gesetzt, daß alles Einreden nichts fruchtete. Adeline hörte mit stiller Angst dem Gespräch zu und wartete mit Ungeduld auf den Ausgang von Peters Bericht.

Der Morgen verstrich, allein Peter ließ sich nicht sehn. Unsre Einsiedler machten sich über den Proviant her, den sie zu gutem Glück mitgebracht hatten, und gingen nachher im Holze spazieren. Adeline, die nie ein Gutes unbemerkt ließ, weil es mit Übel begleitet war, vergaß eine Zeitlang die Öde der Abtey über die Schönheit der umliegenden Gegend. Die anmuthigen Schatten labten ihr Herz und die Abwechslung der Landschaft nährte ihre Fantasie – sie glaubte beynahe, vergnügt hier leben zu können. Schon nahm sie einen gewissen Antheil an den Angelegenheiten ihrer Gefährten, und für Frau von La Motte empfand sie noch mehr: es war die warme Regung von Dankbarkeit und Zuneigung.

Der Nachmittag verstrich und sie kehrten wieder nach der Abtey zurück. Peter kam noch immer nicht, und sie geriethen über seine Abwesenheit in Unruhe. Auch die Annäherung der Dunkelheit warf einen Schatten auf die Hoffnung der Wanderer: sie mußten noch eine Nacht unter eben so ungünstigen Umständen zubringen, und was noch schlimmer war, mit einem sehr geringen Vorrath von Lebensmitteln. Frau von La Motte verlor allen Muth und weinte bitterlich. Adelinens Herz war eben so beklommen, allein sie raffte ihre sinkenden Lebensgeister zusammen und gab einen Beweis ihrer Gutmüthigkeit, indem sie ihre Freundinn aufzurichten suchte.

La Motte ward rastlos und unmuthig; er verließ die Abtey und ging für sich allein Petern entgegen. Er war noch nicht weit gekommen; als er ihn neben dem Pferde zwischen den Bäumen wahrnahm.

»Was bringst du, Peter?« rief ihm La Motte entgegen.

Peter kam keuchend näher und sagte kein Wort, bis La Motte die Frage in einem mehr gebietrischen Ton wiederhohlte.

»Gott sey gedankt, gnädiger Herr,« sagte er, sobald er zu Athem kommen konnte, »daß ich Sie wieder sehe. Ich dachte schon, ich würde nie wieder zurück kommen. Ich habe aller Welts Unglück gehabt.«

»Nun, das kannst du nachher erzählen; jetzt laß mich nur hören, was du entdeckt hast.«

»Entdeckt« – unterbrach Peter – »ja, ich bin entdeckt, daß es Gott erbarme: Wenn Ihro Gnaden meine Arme betrachten wollen, werden Sie sehn, wie ich entdeckt bin.«

»Gefärbt, willst du wahrscheinlich sagen. Aber wie geriethst du in diesen Zustand?«

»Das wollte ich eben Ihro Gnaden erzählen. Sie wissen, daß ich von dem Engländer, der zuweilen mit seinem Herrn in unser Haus kam, ein wenig Baxen gelernt habe –«

»Ja, ja, sag mir nur, wo du gewesen bist!«

»Wahrhaftig, kaum weiß ich es selbst. Genug; ich gerieth in des Teufels Küche, allein da es in Ihro Gnaden Angelegenheiten war, so muß ich es schon verschmerzen. Wenn ich aber jemahls den Spitzbuben wieder treffe –«

»Deine erste Bewirthung scheint dir so wohl gefallen zu haben, daß du noch eine verlangst, und wenn du nicht ordentlicher sprechen willst, so kann dazu Rath werden.«

Diese Drohung setzte Petern in einiges Schrecken, und er bemühte sich, zusammen hängender fortzufahren.

»Als ich die alte Abtey verließ,« sagte er, »folgte ich dem Wege, den Sie mir angewiesen hatten, und wendete mich rechts nach jenen Bäumen, wo ich hiehin und dorthin sah, ob ich ein Haus, eine Hütte, oder nur einen Menschen erblicken könnte, aber nichts von allem; und so schlenderte ich beynahe eine Stunde weit fort, bis ich endlich auf einen gebahnten Weg kam. O ho, nun haben wir's, sagte ich, Wege können nicht ohne Füße gemacht werden. Doch wurde ich in meiner Rechnung irre, denn auch nicht ein Stück von einem Menschen konnte ich, ansichtig werden, und nachdem ich bald rechts bald links eine ganze Weile gegangen war, verlor ich meine Spur und mußte eine andere suchen.«

»Ist es dir denn gar nicht möglich, zur Sache zu kommen? Laß doch diese Possen weg, und sag nur, was du ausgerichtet hast.«

»Nun dann, um kurz zu seyn, denn nach allen ist das doch der nächste Weg, ich wanderte eine ganze Weile in der Irre und wußte nicht wohin, immer durch einen Wald fort, wie dieser, und gab mir alle Mühe zu merken, wie die Bäume standen, damit ich den Rückzug finden könnte. Endlich kam ich auf einen andern Weg und glaubte nun gewiß, ich würde etwas finden, ob ich gleich zuvor nichts gefunden hatte: denn zwey Mahl konnte ich doch nicht fehlen. Ich guckte zwischen den Bäumen durch, und entdeckte eine Hütte; husch gab ich dem Pferde die Peitsche, daß es durch den Wald schallte, und in einem Nu war ich vor der Thür. Die Leute sagten mir, daß es noch eine Viertelstunde bis zur nächsten Stadt wäre, und hießen mich dem Wege folgen, der Kerzengerade darauf hin führte: so war es auch wirklich, und mein Pferd mußte wohl Hafer riechen, denn es lief wie alle Teufel. Ich fragte nach einem Rademacher und hörte, daß einer in Orte wäre, allein niemand konnte ihn finden. Ich wartete in die Länge und Breite, denn ich wußte, daß ich nicht unverrichteter Sache zurück kommen durfte. Endlich kam der Kerl vom Felde zu Haus und ich sagte ihm, wie lange ich schon gewartet hätte: denn, sagte ich, ich wußte, daß ich nicht wieder fortgehen dürfte, wie ich gekommen war –«

»Sey doch weniger langweilig, ich bitte dich, wenn es in deiner Natur ist.«

»Es ist in meiner Natur, und wäre es noch mehr darin, so sollte es Ihro Gnaden zu Gute kommen. Sollten Sie sich wohl vorstellen, daß der unverschämte Esel einen Louisd'or für das Ausbessern des Rades forderte? Ich glaube in meinem Sinne, er merkte, daß ich in Noth war, und mir ohne ihn nicht helfen konnte. Ein Louisd'or! sagte ich: so soll sich mein Herr von einem Spitzbuben, wie du bist, nicht schnellen lassen. Der Kerl zog das Maul und gab mir eins hinter die Ohren: ich nicht faul und wieder drauf los, und würde ihn zu Boden gestreckt haben, wenn nicht ein anderer dazwischen gekommen wäre, so daß ich nachlassen mußte.«

»Und so bist du also eben so klug wieder gekommen, als du fortgingst.«

»Nicht doch, ich hoffe, ich bin zu gescheut, um mich von so einem Schurken verdutzen zu lassen; zudem habe ich ein halb Schock Nägel gekauft, um zu sehn, ob ich das Rad selbst flicken kann; ich hatte immer ein gut Geschick zur Zimmermannsarbeit.«

»Nun gut, ich lobe deinen Eifer für meinen Vortheil, aber hier war er etwas unzeitig angebracht. Was hast du denn in dem Korbe?«

»Ich dachte, Ihro Gnaden, daß wir nicht von hier könnten, bis der Wagen in Stand wäre, und unter der Zeit, dachte ich, da doch niemand ohne Speise und Trank leben kann, so will ich mein bischen Geld anwenden, und einen Korb mit Lebensmitteln mitnehmen.«

»Das ist noch das einzige Kluge, was du gethan hast, in dieser Rücksicht will ich dir deine andern dummen Streiche vergeben.«

La Motte erkundigte sich nun nach der Stadt, und fand, daß man Lebensmittel und die nothwendigsten Geräthschaften, um die Abtey bewohnbar zu machen, haben könnte. Diese Nachricht bestimmte beynahe seinen Plan, und er trug Petern auf, sich den andern Morgen wieder auf den Weg zu machen, und Erkundigung von der Abtey einzuziehn. Wann die Antwort gut ausfiele, so sollte er einen Schiebkarren kaufen, und sich mit einigem Geräth und nothwendigen Werkzeug zum Ausbessern der neuen Zimmer versehn. Peter starrte hoch auf –

»Wie – denken Ihro Gnaden hier zu bleiben?«

»Gesetzt nun ich dächte so?«

»Ey, dann hätten Ihro Gnaden einen klugen Entschluß gefaßt, wie ich zu verstehn gab, denn Sie werden sich erinnern, ich sagte –«

»Es ist unnöthig zu wiederhohlen, was du gesagt hast; vielleicht hatte ich die Sache schon vorher beschlossen.«