Ann Radcliffe - Gesammelte Werke - Ann Radcliffe - E-Book

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Ann Radcliffe

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Beschreibung

Ann Radcliffe gilt als eine der bedeutendsten Autorinnen der englischen Schauerromantik und prägte das literarische Genre des sogenannten "Gothic Roman" maßgeblich. Sie lebte in einer Zeit, in der die literarische Landschaft von Aufklärung, Empfindsamkeit und der beginnenden Romantik geprägt war, und verstand es, diese Strömungen in einzigartiger Weise miteinander zu verbinden. Radcliffe war die Tochter eines Handelsmannes in London und führte ein weitgehend zurückgezogenes Leben, in dem sie sich intensiv dem Schreiben widmete. Ihr Werk zeichnete sich durch eine bemerkenswerte Verbindung von detaillierter Landschaftsbeschreibung, psychologischer Tiefe und geheimnisvoller Spannung aus. Mit ihren Romanen gelang es ihr, ein neues literarisches Terrain zu erschließen, in dem das Unheimliche und das Erhabene eine zentrale Rolle spielten. Sie übte damit einen nachhaltigen Einfluss auf Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihrer Zeit und späterer Generationen aus, darunter Edgar Allan Poe und Mary Shelley. Radcliffes Vermächtnis besteht darin, die Grundlagen für das moderne Verständnis von Schauerliteratur geschaffen zu haben. Ihre Romane sind nicht nur literarische Unterhaltung, sondern zugleich Reflexionen über Moral, Gesellschaft und die Macht menschlicher Imagination. Die vorliegende Ausgabe vereint ihre bedeutendsten Romane, die exemplarisch für das Schaffen dieser Autorin stehen. "Die nächtliche Erscheinung im Schlosse Mazzini" stellt eine frühe Meisterleistung dar, in der die typischen Elemente der Schauerromantik wie dunkle Burgen, rätselhafte Familiengeschichten und das Spiel mit Schein und Wirklichkeit erstmals kraftvoll zur Geltung kommen. Der Roman entfaltet ein Spannungsfeld zwischen Aberglauben und Vernunft, das den Leser in eine Welt voller Geheimnisse zieht. "Udolphos Geheimnisse" ist zweifellos das bekannteste Werk der Autorin und gilt als Paradebeispiel des Genres. Es erzählt die Geschichte der jungen Emily St. Aubert, die durch Intrigen, Machtspiele und übernatürliche Andeutungen auf eine gefährliche Reise geführt wird. Die Themen Schuld, Unschuld, Freiheit und weibliche Selbstbehauptung sind dabei zentral. Das Werk beeindruckt durch die meisterhafte Darstellung bedrohlicher Landschaften, die psychologisch dichte Schilderung der Protagonistin und den kunstvollen Aufbau einer Atmosphäre, die zwischen Angst und Faszination oszilliert. Mit "Adeline" wird eine weitere Heldin präsentiert, deren Schicksal durch Verfolgung, Bedrohung und innere Stärke geprägt ist. Radcliffe entwickelt hier das Motiv der leidenden, aber zugleich standhaften Frau, die sich den Herausforderungen von Schicksal und Gesellschaft stellen muss. Der Roman steht exemplarisch für die romantische Auseinandersetzung mit Fragen der Moral, der sozialen Ordnung und der individuellen Würde. "Die Italienerinn" schließlich verbindet eine spannende Handlung mit einer tiefen Reflexion über Religion, Fanatismus und Macht. Der Roman zeigt, wie Radcliffe die Kulissen Italiens mit ihren Klöstern, Palästen und geheimnisvollen Landschaften nutzt, um eine Atmosphäre von Gefahr und Intrige zu schaffen. Zugleich rückt sie das Thema weiblicher Selbstbestimmung und die Gefahren absolutistischer Strukturen in den Vordergrund. Diese Sammlung verdeutlicht nicht nur die literarische Meisterschaft der Autorin, sondern auch ihren nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Literatur. Ihre Romane sind gleichermaßen spannende Unterhaltung wie auch zeitlose Reflexionen über die Abgründe der menschlichen Existenz und die Kraft der Vorstellungskraft.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ann Radcliffe

Ann Radcliffe - Gesammelte Werke

Übersetzer: Sophie Margarethe Forkel-Liebeskind
e-artnow, 2025 Kontakt: [email protected]
EAN  4099994075961

Inhaltsverzeichnis

Die nächtliche Erscheinung im Schlosse Mazzini
Udolphos Geheimnisse
Adeline
Die Italienerinn

Die nächtliche Erscheinung im Schlosse Mazzini

Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Erster Teil
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
Zweiter Teil
I
II
III
IV
V
VI
VII

Erster Teil

Inhaltsverzeichnis

An der nördlichen Küste von Sicilien ragen noch die prächtigen Ruinen eines Schlosses hervor, das einst dem edlen Hause der Mazzini gehörte. Es steht an einem kleinen Meerbusen auf einer Anhöhe, die von einer Seite in die See hinab gleitet, und von der andern zu einem Berge anschwillt, den dunkle Waldungen krönen. Die Lage ist bewundernswürdig schön und mahlerisch; die majestätische Größe dieser Überreste der Vorzeit, die feyerliche Stille, welche über der ganzen Gegend schwebt, erfüllen den Wanderer mit Schauder und Ahndung. Ich besuchte diesen Ort auf meiner Reise durch Italien; ich erklimmte einen Steinhaufen, und überschaute den unermeßlichen Umfang des Gebäudes und die erhabene Pracht der Ruinen. Meine Fantasie versetzte mich in die Zeiten zurück, da diese Mauern stolz in ihrer ursprünglichen Hoheit prangten, wo die Säle Scenen der Gastfreyheit und festlicher Pracht waren, und von den Stimmen derer ertönten, welche längst der Tod von der Erde abgestreift hat. »Eben so,« rief ich aus, »wird die gegenwärtige Generation, wird er, der jetzt im Elende erliegt, und er, der im Taumel der Vergnügungen fortschwimmt, dahin gehen, und in Vergessenheit sinken!« Mein Herz schwoll in mir bey dem Gedanken; ich wendete mit einem Seufzer mich ab, und entdeckte einen Mönch, dessen ehrwürdige Gestalt, sanft zur Erde geneigt, keinen uninteressanten Gegenstand in der Gruppe bildete. Sein Blick traf den meinigen, er sah meine Bewegung, schüttelte den Kopf, und zeigte auf die Ruinen.

»Diese Mauern,« sagte er, »waren einst der Sitz der Üppigkeit und des Lasters. Sie zeugten von einem wunderbaren Beyspiele der reichenden Wiedervergeltung des Himmels, und wurden von dem Augenblicke an verlassen, und dein Untergange überliefert.«

Seine Worte erregten meine Neugierde, und ich forschte nach ihrem Sinne.

»Eure schauerliche Geschichte ist von diesem Schlosse zu erzählen, aber für jetzt ist sie zu lang und zu verwickelt. Einer unsrer Ordensbrüder, ein Abkömmling aus dem edlen Hause Mazzini, zeichnete sie auf, und hinterließ die Urschrift unserm Kloster als Vermächtniß.«

Ich wünschte sie zu sehen, und der gute Mönch führte mich in sein Kloster. Er stellte mich dem Prior vor, der Gefallen an mir fand, und auf mein Bitten mir erlaubte, Auszüge aus jener Urschrift zu machen, die ich hier in veränderter Gestalt dem Leser vorlege.

I

Inhaltsverzeichnis

Gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts bewohnte Ferdinand, fünfter Marquis von Mazzini, dieses Schloß, welches seit mehrern Generationen seine Vorväter zu ihrem Hauptsitze gewählt hatten. Es war ein Mann von wollüstigem, herrschsüchtigen Charakter. In früher Jugend vermählte er sich mit Louise Bernini, der zweyten Tochter des Grafen della Salario, einer Frau, die sich mehr noch durch Sanftheit und gefällige Sitten, als durch ihre hohe Schönheit auszeichnete. Sie gebar ihm einen Sohn und zwey Töchter, die in früher Kindheit ihre liebenswürdige Mutter verloren. Viele glaubten, daß die rauhe unfreundliche Behandlung des Marquis ihre Tage verkürzt hätte. Nicht lange nach ihrem Tode knüpfte er eine zweyte Verbindung mit Maria de Vellorno, einem jungen Fräulein, welches die fesselndsten Reize der Gestalt, aber nicht ihrer Vorgängerinn Seele besaß. Sie war schlau, verstellt, dem Vergnügen ergeben. von hoch strebendem unbiegsamem Geiste. Ihr Leichtsinn, ihre Sucht nach Vergnügungen ließ ihr nicht zu, sich um des Marquis häusliche Angelegenheiten zu bekümmern, und da sein Herz für väterliche Zärtlichkeit taub war, so vertraute er die Erziehung seiner Töchter einer Anverwandten der verstorbnen Marquise an; auch hätte er sie in keine beßere Hände geben können.

Bald nach seiner zweyten Vermählung vertauschte er das einsame Mazzini mit den glänzenden, fröhlichen Scenen von Neapel, wohin sein Sohn ihn begleitete. Seiner von Natur stolzen, gebietherischen Gemüthsart ungeachtet stand er jetzt ganz unter der Herrschaft eines Weibes. Er hatte heftige Leidenschaften, und die Marquise verstand die Kunst, sie nach ihren Absichten zu lenken, und wußte ihre Gewalt so schlau zu verbergen, daß er am unumschränktesten zu regieren glaubte, wo er am meisten Sclave war. Er pflegte ein Mahl des Jahrs nach dem Schlosse Mazzini zu kommen, wohin die Marquise ihn selten begleitete, und wo er nur verweilte, um einige Befehle über die Erziehung seiner Töchter zu ertheilen, die mehr sein Stolz als Zärtlichkeit ihm eingab. Emilie, die älteste, war ganz das Bild ihrer Mutter: mit einem sanften, fein fühlenden Herzen vereinigte sie einen hellen Verstand. Ihre jüngere Schwester Julie war weit lebhafter. Eine äußerst reizbare Empfindlichkeit trübte oft ihre Laune; sie war auffahrend, aber großmüthig; ein Verweis lockte ihr Thränen ab, nie aber machte er sie mürrisch. Sie besaß eine feurige Einbildungskraft, und zeigte früh Spuren von Genie. Madame de Menon ließ es sich eifrigst angelegen seyn, den Charakteranlagen ihrer jungen Zöglinge entgegen zu arbeiten, welche einst ihrer Ruhe gefährlich werden konnten, und niemand war wohl fähiger zu einem solchen Geschäfte. Eine Kette früher Leiden hatte ihr Herz weich gemacht, ohne die Kräfte ihres Geistes zu schwächen. Einsamkeit hatte ihr einen Theil ihrer verlornen Ruhe wieder gegeben, und ein scharfes Gefühl des Kummers zu sanfter Schwermuth gemildert. Sie liebte ihre jungen Pflegetöchter mit mütterlicher Zärtlichkeit, und fand in ihrer stufenweisen Vervollkommnung in ihrer ehrerbiethigen Liebe allen Ersatz für ihre aufopfernde Sorgfalt. Sie war Meisterinn in der Musik und im Zeichnen. Oft, wenn ihre Seele zu gepreßt war, als daß sie aus Büchern Trost schöpfen konnte, wiegten diese holden Trösterinnen des Lebens ihren Kummer ein, und sie unterließ nicht, auch ihren jungen Schülerinnen Talente mitzutheilen, deren wohlthätigen Einfluß sie so oft an sich selbst empfunden hatte. Emilie fand vorzüglich Geschmack am Zeichnen, und brachte es bald sehr weit darin. Julie war in seltnem Grade empfänglich für den Zauber der Harmonie; ihre Gefühle tönten im süßen Einklange mit den Saiten des Instruments.

Sie faßte Madame's Unterricht mit bewundernswürdiger Leichtigkeit, und brachte es bald zu einer Höhe, die Frauenzimmer selten erreichen. Sie hatte ihre ganz eigne Manie. Ihre Stärke bestand nicht so wohl in schneller Fertigkeit, Schwierigkeiten zu überwinden, in künstlichen Sprüngen und Läufen, als vielmehr in einer Feinheit des Geschmacks und einem bezaubernden Ausdrucke, der jedem Ton eine Seele einzuhauchen scheint, und unwiderstehlich das Herz des Zuhörers fesselt. Die Laute war ihr Lieblingsinstrument; die zärtlichen Töne derselben harmonirten mit der süßen schmelzenden Melodie ihrer Stimme.

Das Schloß Mazzini war ein großes unregelmäßiges Gebäude, und schien für ein so zahlreiches Gefolge erbaut zu seyn, als die Sitte der damahligen Zeit in Krieg und Frieden um den Adel versammelte. Die gegenwärtige Familie füllt nur einen kleinen Theil desselben aus, und auch diesem gaben die weitläuftigen, geräumigen Zimmer, die langen einsamen Gänge, die zu denselben führten, ein verlassenes, verödetes Ansehen. Melancholische Stille thronte in den gewölbten Hallen, und oft unterbrach ganze Stunden lang kein Fußtritt das tiefe Schweigen in den Vorhöfen, die von hohen Thürmen beschattet wurden. Julie, die früh schon Geschmack am Lesen fand, mochte sich gern Nachmittags in ein kleines Cabinett zurück ziehen, wo sie ihre Lieblingsschriftsteller um sich liegen hatte. Dieses Zimmer bildete den westlichen Winkel des Schlosses; eines der Fenster stieß auf die See, über welche hinaus das Auge dämmernd die schwarze, felsige Küste von Calabrien erblickte, welche den Horizont begrenzte; aus dem andern Fenster, das in den Schloßhof ging, hatte man eine Aussicht auf die umliegenden Wälder. Juliens Instrument, und alles, was ihren Lieblingszeitvertreib ausmachte, war hier um sie versammelt. Manche kleine Verzierungen, die sie selbst erfand, und einige Zeichnungen von ihrer Schwester verschönerten dieses reizende Gemach. Ihr Schlafzimmer stieß daran, und war nur durch einen kurzen Gang von Madame's Zimmern abgesondert. Die kleine Gallerie führte durch einen andern langen, sich krümmenden Gang zu der großen Treppe, die zur so genannten nördlichen Halle herab lief, an welche die Hauptzimmer von der Nordseite des Gebäudes stießen.

Madame de Menons Zimmer gingen in beyde Gallerien. In dem größten brachte sie gewöhnlich ihre Vormittage mit der Ausbildung ihrer jungen Zöglinge zu. Die Fenster stießen auf die See, und das Zimmer war hell und angenehm. Des Mittags speisten sie in einem der untern Säle und hatten bey Tisch einen Mann zur Gesellschaft, den der Marquis seit vielen Jahren im Schlosse unterhielt, und der die jungen Fräulein im Lateinischen und in der Geographie unterrichtete. Sein Nahme war Vincent. In den schönen Sommerabenden hielt diese kleine Gesellschaft oftmahls ihre Abendmahlzeiten in einem Pavillon, der auf einen Hügel in dem Gehölz, das zum Schlosse gehörte, gebaut war. Von diesem Flecke hatte das Auge eine beynahe grenzenlose Aussicht über See und Land. Man überschaute die Meerenge von Messina, die gegen über liegenden Ufer von Calabrien, und eine große Fläche der wilden, mahlerischen Gegenden von Sicilien. Der Berg Ätna, mit ewigem Schnee bedeckt, und aus den Wolken hervor brechend, machte ein großes, erhabenes Gemählde im Hintergrunde der Scene. Auch die Stadt Palermo lag im Gesichte, und wenn Julie die schimmernden Thürme derselben anstarrte, mahlte ihre Einbildungskraft ihr die Schönheiten dieser Stadt, während sie insgeheim nach einem Anblicke der Welt seufzte, von welcher die widrige Eifersucht der Marquise, und ihre Furcht vor der verdunkelnden Schönheit ihrer Stieftochter sie bisher ausschloß. Sie wendete allen ihren Einfluß bey dem Marquis an, sie in der Einsamkeit des Schlosses zurück zu halten, und obgleich Emilie jetzt achtzehn und ihre Schwester sechzehn Jahre alt war, hatten sie noch nie die Grenzen von ihres Vaters Gebiethe überschritten. – Oft erzeugt Eitelkeit unnöthige Besorgnisse; allein hier hatte die Marquise gerechten Grund zu fürchten. Die Schönheit der beyden Schwestern hat wohl nie ihres Gleichen gehabt. Emiliens Gestalt war nach dem feinsten Ebenmaße gebaut; ihre Haut zart, ihr Haar blond und ihre dunkeln blauen Augen voll süßen Ausdrucks. Sie hatte einen gewissen Adel in ihrem ganzen Wesen, verbunden mit einer weiblichen Sanftheit, einer holden Schüchternheit, die unwiderstehlich die Herzen fesselte. Juliens Wuchs war schlank und geschmeidig, ihr Gang leicht und schwebend, ihre Physiognomie voll Seele, und ihr Lächeln bezaubernd. Ihre Züge standen in schönem Verhältnisse – jede lachende Grazie spielte um ihren Mund, und ihr Gesicht verrieth schnell alle Bewegungen ihrer Seele. Das dunkle, kastanienbraune Haar, das sich in üppiger Fülle um ihren Nacken lockte, vollendete den Reiz ihrer Gestalt. – So lieblich, und so in Dunkelheit verschleyert blühten die Töchter des edlen Hauses Mazzini. Allein sie waren glücklich; sie kannten noch nicht genug von der Welt, um ernstlich die Entbehrung ihres Genusses zu beklagen. Wenn auch Julie zu Zeiten nach dem Luftbilde seufzte, das die Fantasie ihr mahlte, und ein schmerzliches Sehnen nach dem bunten Schauplatze, von dem sie abgeschnitten war, in ihr aufstieg: so verscheuchte eine Zurückkehr zu ihren gewohnten Vergnügungen das idealische Bild aus ihrer Seele, und gab ihrem Herzen seine glückliche Selbstgenügsamkeit wieder. Bücher, Musik und Mahlen theilten ihre Mußestunden, und mancher schöner Abend schwand im Pavillon, wo Madame's verfeinerte Unterhaltung, Tasso's Gedichte, Juliens Laute und Emiliens Freundschaft eine Gattung von Glückseligkeit schufen, welche nur fein gebildete und hochempfängliche Seelen zu genießen und mitzutheilen fähig sind. Madame verstand und übte alle angenehmen Künste der Unterhaltung, und ihre jungen Freundinnen fühlten den Werth derselben, und suchten ihren Geist zu haschen.

Die Unterhaltung kann in zweyerley Classen getheilt werden, in vertrauliche und sentimentalische. Es ist das Gebieth der erstern, Freude und Zwanglosigkeit zu verbreiten, das Herz des Menschen gegen den Menschen zu öffnen, und einen milden Sonnenschein über die Seele zu strahlen. – Um uns für die Reize der andern, die ich hier sentimentalische Conversation nennen will, und worin Madame de Menon Meisterin war, empfänglich, und zu ihrer Ausübung fähig zu machen, müssen Natur und Kunst zusammen treffen. Ein hoher Grad von Geistescultur muß mit natürlich gutem Verstande, lebhaftem und feinem Gefühle verbunden seyn, und um sie unwiderstehlich anziehend zu machen, wird eine Kenntniß der Welt und eine bezaubernde Leichtigkeit des Tons erfordert, die man nur im öftern Umgange mit den verfeinerten Kreisen des höhern Lebens erlangt. Die sentimentalische Conversation bringt Gegenstände auf die Bahn, die Herz und Einbildungskraft fesseln; man verhandelt sie gleichsam scherzend mit Geist und Feuer, und verweilt nie so lange dabey, daß sie ermüden könnten. 1 Hier blüht die Fantasie; das Gefühl ergießt sich, und Witz, von Delicatesse geleitet, und durch Geschmack verschönert, trifft zum Herzen.

So war Madame de Menons Unterhaltung, und die anmuthige Lage des Pavillons schien ihn ganz zur Scene geselligen Vergnügens bestimmt zu haben. Am Abende eines sehr schwülen Tages, da sie in ihrem Lieblingsaufenthalte gespeist hatten, reizte die Kühle und Schönheit der Nacht die glückliche Gesellschaft, länger, als gewöhnlich, darin zu bleiben. Als sie nach dem Hause zurück gingen, überraschte sie der Schimmer eines Lichts durch die zerbrochenen Fensterladen eines Zimmers in einem Flügel des Schlosses, der seit vielen Jahren verschlossen war. Sie standen stille, um es zu beobachten; es verschwand plötzlich, und ließ sieh nicht wieder sehen. Madame de Menon, über diese Erscheinung beunruhigt, eilte ins Schloß, um nach der Ursache zu forschen, als ihr im nördlichen Vorplatze Vincent begegnete. Sie erzählte ihm, was sie gesehen hatte, und befahl, daß man unverzüglich nach den Schlüsseln zu diesen Zimmern suchte. Sie fürchtete, daß jemand, in der Absicht zu rauben, in diesen Theil des Gebäudes gedrungen wäre. Sie kannte keine kleingeisterische Furcht, wo ihre Pflicht im Spiele war, und rief sogleich die Bedienten herbey, um sie dahin zu begleiten. Vincent lächelte über ihre Besorgnisse, und schrieb das, was sie gesehen hatte, einer Täuschung zu, welche die Feyerlichkeit der Stunde ihrer Fantasie gespielt hätte. Madame beharrte aber dessen allen ungeachtet auf ihrem Entschlusse, und nach mehrmahligem langen Suchen brachte man einen schweren, verrosteten Schlüssel herbey. Sie ging nun mit Vincent, und von den Bedienten begleitet, die voll ungeduldiger Verwunderung waren, nachdem südlichen Flügel des Gebäudes. Der Schlüssel wurde an ein eisernes Thor gebracht, das in einen Vorhof ging, der diesen Flügel von den andern Theilen des Schlosses absonderte. Sie gingen in den Hof, der mit Graf und Strauchwerk bewachsen war, und stiegen einige Stufen hinauf, zu einer großen Thüre, die sie sich vergebens zu öffnen bemühten. Alle Schlüssel aus dem ganzen Schlosse wurden umsonst versucht, und sie mußten endlich fortgehen, ohne ihre Neugier befriedigt, und ihre Furcht gestillt zu haben. Alles blieb indessen stille, und das Licht erschien nicht wieder. Madame verhehlte ihre Besorgnisse, und die Familie legte sich zur Ruhe.

Dieser Vorfall blieb bey Madame de Menon haften, und lange Zeit verstrich, ehe sie wieder einen Abend in dem Pavillon zuzubringen wagte. Einige Monden verflossen, ohne daß sie etwas sahen oder entdeckten, bis eine neue Erscheinung ihre Furcht wieder erweckte. Julie war eines Abends länger als gewöhnlich in ihrem Cabinette geblieben; ein Lieblingsbuch hatte ihre Aufmerksamkeit weit über die gewöhnliche Stunde der Ruhe hinaus gefesselt, und jeder Bewohner des Schlosses, sie allein ausgenommen, lag lange in Schlummer begraben. Die Schloßuhr, die eins schlug, weckte sie plötzlich aus ihrer Vergessenheit. Erschrocken, daß es so spät war, stand sie eilends auf, und wollte in ihr Schlafzimmer gehen, als die schöne Nacht sie ans Fenster lockte. Sie öffnete es, und lehnte sich heraus, um die schöne Wirkung des Mondlichts auf den dunkeln Wäldern zu betrachten. Nicht lange hatte sie so gelegen, als sie einen schwachen Schimmer durch einen Fensterrahmen in jenem unbewohnten Theile des Schlosses wahrnahm. Ein plötzlicher Schrecken ergriff sie, und kaum konnte sie sich aufrecht halten. Das Licht verschwand nach wenig Augenblicken, und bald darauf kam eine Gestalt mit einer Laterne aus einer verborgnen Thür des südlichen Thurms hervor, schlich sich außen längs den Schloßmauern hin, und drehte sich um den südlichen Winkel, der sie vor Juliens Blick verbarg. Erstaunt und voll Schrecken lief sie in Madame de Menons Zimmer, und erzählte ihr, was sie gesehen hatte. Man weckte sogleich die Bedienten, und das ganze Haus gerieth in Aufruhr. Madame ging in die nördliche Halle, wo die Bedienten bereits versammelt waren. Keiner hatte Muth genug, in den Vorhof zu gehen, und Madamen's Befehle wurden nicht geachtet, da der Eindruck abergläubigen Schreckens ihnen entgegen stand. Sie sah, daß Vincent fehlte, und wollte ihn eben rufen lassen, als er in die Halle trat. Voll Verwunderung, die ganze Familie versammelt zu finden, fragte er nach der Ursache. Er befahl sogleich einem Theile der Bedienten, ihn rings um die Schloßmauern zu begleiten, und mit einigem Widerstreben und mehr Furcht noch gehorchten sie ihm. Sie kamen alle zurück, ohne etwas gesehen zu haben; allein obgleich ihre Furcht nicht bestätigt war, war sie doch auf keine Weise zerstreut. Die Erscheinung eines Lichtes in einem Flügel des Schlosses, der seit vielen Jahren verschlossen war, und dem Zeit und Umstände ein Ansehen besonderer Verödung gegeben hatten, mußte in hohem Masse Verwunderung und Schrecken erregen. Der gemeine Mann empfängt begierig jeden Eindruck des Wunderbaren, und die Bedienten standen nicht an zu glauben, daß eine übernatürliche Macht im südlichen Flügel des Schlosses wohnte. Zu unruhig um schlafen zu können, beschlossen sie, das Übrige der Nacht zu durchwachen. Zu diesem Zwecke begaben sie sich in die östliche Gallerie, wo sie eine Aussicht auf den südlichen Thurm hatten, aus welchem das Licht hervor gegangen war. Die Nacht verstrich ohne weitere Störung, und die Morgendämmerung, die sie mit unaussprechlichem Vergnügen anbrechen sahen, zerstreute auf eine Weile ihre ängstlichen Besorgnisse. Die Zurückkehr des Abends aber erneute sie wieder, und mehrere Nächte bewachten die Bedienten den südlichen Thurm. Obgleich nichts sich sehen ließ, entstand dennoch das Gerücht und fand Glauben, daß es im südlichen Flügel des Schlosses spukte. Madame de Menon war zwar über den kleingeisterischen Wahn des Aberglaubens erhaben, wußte aber nicht, was sie aus der Erscheinung machen sollte, und beschloß, wenn das Licht sich je wieder sehen ließe, dem Marquis Nachricht davon zu geben, und die Schlüssel zu den Zimmern zu fordern.

II

Inhaltsverzeichnis

Der Marquis, in den Vergnügungen von Neapel versunken, dachte selten an das Schloß und seine Bewohner. Sein Sohn, der unter seiner unmittelbaren Aufsicht erzogen wurde, war der einzige Gegenstand seines Stolzes, so wie die Marquise der alleinige Gegenstand seiner Liebe war. Er hing mit romantischer Zärtlichkeit an ihr, die sie mit anscheinendem Gegengefühle und geheimer Untreue vergalt. Sie erlaubte sich freyen Genuß der ausschweifendsten Vergnügungen, beobachtete aber eine so schlaue Vorsicht, daß sie aller Entdeckung, ja sogar dem Verdachte selbst auswich. Sie war in ihren Liebschaften eben so unbeständig als feurig, bis der junge Graf Hippolytus de Vereza ihre Aufmerksamkeit fesselte. Ihre natürliche Unbeständigkeit schien bey ihm zu verschwinden, und alle Wünsche ihres Herzens concentrirten sich auf ihn allein.

Der Graf von Vereza hatte in früher Kindheit seinen Vater verloren. Er war jetzt mündig, und hatte eben den Besitz seiner Güter angetreten. Seine Person war angenehm und männlich zugleich, sein Verstand aufgeklärt, seine Sitten fein und gefällig. Sein Gesicht drückte eine glückliche Mischung von Muth, Adel und Wohlwollen aus, welches die Hauptzüge seines Charakters waren. Ein edleres Gefühl lehrte ihn die wollüstigen Laster der Neapolitaner verachten, und nach höheren Zwecken streben. Er war der ausgewählte und frühe Freund des jungen Ferdinands, und kam fast täglich in des Marquis Haus. Die Marquise behandelte ihn vom ersten Augenblicke an mit auffallender Auszeichnung, und machte ihm endlich Avancen, die weder die Ehre noch Neigung des jungen Grafen ihm zu bemerken erlaubte. Er betrug sich gegen sie mit eiskalter Höflichkeit, welche die Leidenschaft, die sie ertödten sollte, nur noch mehr entflammte. Bis auf diesem Augenblick hatte man gierig um die Gunst der Marquise gebuhlt, mit Entzücken sie empfangen, und die zurück stoßende Kälte, die sie jetzt fand, rief allen ihren Stolz auf, und setzte jede Kunst der Koketterie in Bewegung.

Gerade um diese Zeit fiel Vincent in eine Krankheit, die so schnell zunahm, daß sie in kurzer Zeit mit äußerster Gefahr drohte. An seinem Leben verzweifelnd, verlangte er, daß man sogleich einen Bothen an den Marquis schickte, um ihn von seinem Zustande zu benachrichtigen, und schien inständigst zu wünschen, ihn, ehe er stürbe, zu sehen. Der Fortschritt seiner Krankheit both jeder Kunst der Arzeney Trotz, und seine sichtliche Seelenangst schien sein Schicksal zu beschleunigen. Als er fühlte, daß seine Stunde heran nahte, verlangte er einen Beichtvater. Man hohlte einen Mönch aus einem benachbarten Kloster, der lange Zeit bey ihm eingeschlossen blieb, und schon hatte er die letzte Öhlung empfangen, als Madame de Menon an sein Bett gerufen wurde. Die Hand des Todes lag bereits auf ihm; kalter Schweiß stand auf seiner Stirne, und mühsam schlug er seine schweren Augen nach ihr auf. Er winkte ihr, näher zu treten, bath sie, niemand ins Zimmer zu lassen, und schwieg einige Augenblicke. Seine Seele schien unter einer quälenden Erinnerung zu arbeiten; er versuchte zu verschiedenen Mahlen zu sprechen; aber es gebrach ihm an Entschlossenheit oder Kraft. Endlich haftete er einen Blick unaussprechlicher Angst auf sie.

»Ach Madame!« sprach er, »der Himmel gewährt die Bitte eines so Elenden nicht! Ich muß sterben lange bevor der Marquis ankommen kann. Da ich ihn nicht mehr sehen werde, wünschte ich Ihnen ein Geheimniß zu offenbaren, das schwer auf meinem Herzen liegt, und meine letzten Augenblicke eben so furchtbar macht, als Sie ohne Hoffnung sind.«

»Beruhigen sie sich,« unterbrach ihn Madame, die sein feyerlicher Ton bis ins Innerste bewegte; »beruhigen Sie sich: man hat uns glauben gelehrt, daß Vergebung nie aufrichtiger Reue verweigert wird.«

»O Madame! Sie kennen mein ungeheures Verbrechen noch nicht, wissen nicht das schreckliche Geheimniß, das auf meiner Brust liegt. Meine Schuld ist in dieser Welt ohne Hülfe, und ich fürchte, sie wird in der zukünftigen ohne Vergebung bleiben. Doch ist es noch in meiner Macht, etwas Gutes zu thun; lassen Sie mich denn Ihnen das Geheimniß offenbaren, das so wunderbar mit den Erscheinungen im südlichen Theile des Schlosses« –

»Wie?« unterbrach ihm Madame voll Ungeduld; »mit diesen nächtlichen Erscheinungen?« –

Vincent gab keine Antwort mehr; erschöpft von der Anstrengung des Redens, war er in Ohnmacht gesunken. Madame rief nach Hülfe, und durch wirksame Mittel kehrten seine Sinne zurück; seine Sprache aber war dahin, und eine Stunde nach dieser mystischen Unterredung verschied er. – Madame's Verwirrung und Erstaunen war durch diesen letzten Auftritt zu einem peinlichen Grade erhöht. Sie erinnerte sich an alle besondern Umstände, die sich auf den südlichen Flügel des Schlosses bezogen – die vielen Jahre, die er unbewohnt stand – das tiefe Schweigen, das man stets darüber beobachtete – die Erscheinung des Lichts und der Gestalt – das fruchtlose Suchen nach den Schlüsseln – das allgemein geglaubte Gerücht – und so stellte ihr Gedächtniß ihr eine Reihe von Umständen dar, die nur ihre Befremdung vermehrten, ihre Neugierde erhöhten. Ein geheimnißvoller Schleyer hüllte diesen Theil des Schlosses ein, und es schien jetzt unmöglich, ihn je zu durchdringen, da die einzige Person, die ihn wegziehen konnte, nicht mehr war. – Den Tag nach Vincents Tode langte der Marquis an. Er kam nur von wenigen Dienern begleitet, und stieg mit einem ungeduldigen Wesen und einem Gesichte, das starke Bewegung ausdrückte, vor dem Thore ab. Madame und die jungen Fräulein empfingen ihn in der Halle. Er grüßte eilends seine Töchter, ging in das angrenzende Zimmer, und bath Madame, ihm zu folgen. Sie gehorchte, und er fragte mit großer Unruhe nach Vincent. Als er seinen Tod vernahm, ging er mit hastigem Schritte im Zimmer auf und ab, schwieg eine Weile, setzte sich endlich, sah Madame mit durchforschenden Blicken an, und that einige Fragen über die nähern Umstände von Vincents Tode. Sie erwähnte sein ernstliches Verlangen, den Marquis zusehen, und wiederhohlte seine letzten Worte. Der Marquis wollte sie unterbrechen, schwieg aber sogleich wieder, und sie erzählte ihm nun weiter alle Umstände von dem südlichen Flügel des Schlosses und die nächtlichen Erscheinungen, die sie ihm zu entdecken für unumgänglich nothwendig hielt. Er behandelte die Sache sehr oben hin, lachte über ihre Folgerungen, stellte ihr die Erscheinungen, die sie beschrieb, als Täuschungen eines schwachen furchtsamen Kopfes vor, und brach das Gespräch ab, um in Vincents Zimmer zu gehen, worin er lange Zeit verweilte. – Den folgenden Tag aßen Emilie und Julie mit dem Marquis. Er war finster und schweigend; ihr Bestreben, ihn zu unterhalten, schien ihm nur mißfällig zu seyn, und so bald die Mahlzeit vorbey war, ging er in sein Zimmer, und ließ seine Töchter voll Verwunderung und Betrübniß zurück. – Vincent sollte nach seinem eignen Wunsche in der Kirche des St. Nicolas-Klosters begraben werden. Einer von den Bedienten, dem der Marquis einige nöthige Befehle wegen des Leichenbegängnisses ertheilte, wagte es, ihn von den Lichterscheinungen im südlichen Thurme zu benachrichtigen. Er erwähnte die abergläubigen Gerüchte, die im Hause umher gingen, und klagte, daß die Bedienten sich weigerten, nach Dunkelwerden über den Hof zu gehen.

»Und wer hat euch diese Geschichte aufgetragen?« sagte der Marquis in mißfälligem Tone: »müssen die kindischen, schwachen Grillen der Weiber und Bedienten mir vorgetragen werden? – Fort! laßt euch nicht wieder vor mir sehen, bis ihr von Dingen zu sprechen gelernt habt; die mir zu hören geziemen.«

Robert zog sich beschämt zurück, und niemand wagte seit dem, der Sache gegen den Marquis wieder zu erwähnen.

Die Volljährigkeit des jungen Ferdinands nahte nunmehr heran, und der Marquis beschloß, diesen Zeitpunct mit festlicher Pracht auf dem Schlosse Mazzini zu feyern. Er rief die Marquise, und seinen Sohn von Neapel herbey, und ließ prächtige Zurüstungen veranstalten. Emilie und Julie fürchteten die Ankunft der Marquise, deren Einfluß sie lange gefühlt hatten, und von deren Gegenwart sie einen peinlichen Zwang voraus ahndeten. Unter der sanften Führung der Madame de Menon waren ihre Stunden in glücklicher Ruhe hingeschwunden; sie kannten eben so wenig die Freuden, als das Ungemach der Welt. Dieses beugte sie nicht nieder, und jene entflammten sie nicht. Mit Streben nach Kenntnissen und mit der Erwerbung verschönernder Talente beschäftigt, flohen ihre Augenblicke leicht dahin, und nur die Fortschritte ihrer Vervollkommnung bezeichneten den Flug der Zeit. Madame vereinigte die Zärtlichkeit einer Mutter mit der Theilnahme einer Freundinn, und sie hingen mit warmer, unverbrüchlicher Liebe an ihr. – Der nahe Besuch ihres Bruders, den sie seit vielen Jahren nicht gesehen hatten, erfüllte sie mit Freude. Zwar erinnerten sie sich seiner nicht deutlich; allein sie dachten sich ihn mit warmer, entzückender Erwartung, voll Tugend und Talente, und hofften in seiner Gesellschaft einen Trost für das Mißvergnügen zu finden, das die Gegenwart der Marquise ihnen verursachen würde. Auch sah Julie die heran nahenden Festlichkeiten auf keine Weise mit gleichgültigen Augen an. Eine neue Scene eröffnete sich ihr, die ihre jugendliche Einbildungskraft mit den wärmstem glühendsten Farben der Freude ausmahlte. Die wirkliche Annäherung des Vergnügens erweckt oft das Herz zu Empfindungen, die eine entfernte und abgezogene Betrachtung nie hervor bringen würde. Julie, die aus der Ferne ruhig auf die bunten, schimmernden Scenen des Lebens hingeblickt hatte, durchseufzte jetzt in ungeduldiger Erwartung die Augenblicke, die noch zwischen dem Genusse standen. Emilie, deren Gefühl weniger lebhaft, deren Einbildungskraft weniger stark war, sah das nahe Fest mit ruhiger Betrachtung kommen, und beklagte beynahe die stillen Freuden unterbrochen zu sehen, die ihrem Geiste und Herzen angemeßner waren. – Nach Verlauf von wenig Tagen langte die Marquise auf dem Schlosse an. Ein großer Zug folgte ihr, und Ferdinand mit verschiedenen vom italienischen Adel, die das Vergnügen an ihr Gefolge haftete, begleitete sie. Der Schall der Musik verkündigte ihren Einzug, und die Thore, die lange an ihren rostigen Angeln hingen, wurden aufgerissen, sie zu empfangen. Die Vorhöfe und Hallen, die noch vor kurzem Dunkelheit und Verödung verkündigten, erschienen jetzt mit plötzlichem Glanze, und hallten die Töne der Fröhlichkeit und Freude wieder. Julie sah aus einem verborgenen Fenster die Scene an, und als der Schall des Triumphs durch die Lüfte bebte, klopfte ihr Herz vor Freude, und ihre Furcht vor der Marquise verlor sich in einer Art von wildem Entzücken, das ihr bisher unbekannt gewesen war. In der That schien die Ankunft der Marquise das Signal zu allgemeinem, unbegrenztem Vergnügen zu seyn. Als der Marquis heraus kam, sie zu empfangen, schmolz die Finsterniß, die bisher auf seinem Gesichte hing, in gefälliges Lächeln, welches die ganze Gesellschaft als Einladung zur Freude zu betrachten schien. – Emiliens ruhiges Herz konnte gegen einen so einladenden Auftritt nicht Stand halten; sie seufzte, bey dem Anblicke, ohne selbst zu wissen warum. Julie zeigte ihrer Schwester die einnehmende Gestalt eines jungen Mannes, der der Marquise folgte, und äußerte den Wunsch, daß dieß ihr Bruder seyn möchte. Man rief sie von ihrem fernern Anschauen ab zur Marquise. Julie zitterte vor Furcht, und wünschte auf einige Augenblicke das Schloß in seinen alten Zustand zurück. Sowie sie durch den Saal gingen, in welchem sie der Marquise vorgestellt werden sollten, überzog eine hohe Röthe Juliens Wangen; Emilie aber, obgleich eben so furchtsam, behielt ihre ungezwungene Würde bey. Die Marquise empfing sie mit einem Lächeln, worin Herablassung und Höflichkeit gemischt waren, und ihre Eleganz und Schönheit zog sogleich die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf sich. Juliens forschende Augen suchten vergebens ihren Bruder zu entdecken, dessen dunkel ihr vorschwebendes Bild sie in keinem der Gegenwärtigen fand. Endlich führte ihr Vater ihn zu ihr; und mit einem Seufzer sah sie, daß er nicht der Jüngling war, den sie vom Fenster bemerkt hatte. Er nahete sich ihr mit einem sehr einnehmenden Wesen, und sie sagte ihm ein unerkünsteltes Willkommen. Seine Figur war schlank und majestätisch; er hatte einen edlen, muthvollen Anstand, und sein Gesicht drückte Milde und Hoheit zugleich aus. Das Abendessen wurde im östlichen Saale aufgetragen, und die Tische waren verschwenderisch mit Leckereyen besetzt. Eine Bande Musikanten spielten während der Mahlzeit, und ein Concert schloß den Abend.

III

Inhaltsverzeichnis

Der von Julien so lange und ungeduldig ersehnte Tag des Festes brach endlich an. Der ganze Adel aus der Nachbarschaft war dazu eingeladen, und die Thore des Schlosses wurden zu einem allgemeinen Freudenfeste geöffnet. Ein prächtiges Gastmahl, das aus den leckersten und kostbarsten Gerichten bestand, wurde in den Sälen aufgetragen. Sanfte Musik flötete längs den gewölbten Decken; die Wände waren mit Verzierungen behangen, und die Hand eines Magikers schien dieses vormahls düstere Gebäude plötzlich in einen Feenpallast umgewandelt zu haben. Nur der Marquis saß oft mit abwesender Seele mitten unter allem Genuß, und die Beklemmung seines Herzens war mit sichtlichen Zügen auf sein Gesicht geprägt. – Gegen Abend war großer Ball. Die Marquise, die sich noch immer durch Schönheit und durch einnehmendes Betragen auszeichnete, erschien in glänzendem Putze. Ihr Haar war reich mit Juwelen geschmückt, aber so geordnet, daß es ihrer ganzen Gestalt ein wollüstiges Ansehen gab. So bewußt sie sich auch ihrer Reize war, sah sie doch mit neidischem Auge Emiliens und Juliens Schönheit, und mußte heimlich eingestehen, daß die einfache Eleganz ihres Anzugs bezaubernder war, als alle studierte Kunst eines glänzenden Putzes. Sie waren beyde gleich in leichte sicilianische Tracht gekleidet, und nur einige Perlenschnuren hielten die üppige Fülle ihres fliegenden Haares zurück. – Ferdinand und Donna Mathilda Constanza eröffneten den Ball. Emilie tanzte mit dem jungen Marquis della Fazelli, und benahm sich mit der Ungezwungenheit und Würde, die ihr so natürlich war. Julie empfand eine gemischte Regung von Furcht und Vergnügen, als der Graf von Vereza, den sie für eben den Cavalier erkannte, welchen sie vom Fenster ab bemerkt hatte, sie zum Tanze führte. Die Grazie ihrer Bewegungen, das schöne Ebenmaß ihrer Gestalt erregten in der Gesellschaft ein leises Murmeln des Beyfalls, und die sanfte Röthe, die sich auf ihre Wangen schlich, gab ihren Reizen noch einen Zusatz mehr. Als aber die Musik sich veränderte, und sie nach dem sanften sicilianischen Tactmaße tanzte, verwandelte die schwebende Anmuth ihrer Bewegung, der süße, zärtliche Ausdruck auf ihrem Gesichte, die Aufmerksamkeit in bewundrungsvolles Schweigen, welches noch fortdauerte, als längst schon der Tanz aufgehört hatte. Die Marquise bemerkte die allgemeine Bewunderung mit erkünsteltem Vergnügen und geheimem Grimm. Sie hatte die peinlichste Angst ausgestanden, als der Graf von Vereza Julien zur Tänzerinn wählte, und verfolgte ihn den ganzen Abend hindurch mit dem forschenden Auge der Eifersucht. Ihr Busen, der vorher nur von Liebe glühte, ward jetzt von andern heftigern und zerstörendern Leidenschaften zerwühlt. Unruhig irrten ihre Gedanken umher. Die Scene vor ihr konnte ihre Seele nicht beschäftigen, und es erforderte alle ihre Kunst, ein ruhiges Äußeres zu zeigen. Sie sah, oder glaubte einen leidenschaftlichen Blick bey dem Grafen zu sehen, so oft er Julie anredete, und dieser Wahn nagte mit wüthender Eifersucht an ihrem Herzen. – Um zwölf wurden die Schloßthore geöffnet, und die Gesellschaft wanderte hinaus in das prächtig erleuchtete Gehölz. Schwibbogen von Licht liefen die langen Alleen hinab, die sich mit Pyramiden von Lampen endigten, welche dem Auge eine glänzende Flammensäule darstellten. In unregelmäßiger Entfernung waren Gebäude errichtet, mit bunten Lampen behangen, die in mannigfaltigen, fantastischen Formen geordnet waren. Unter den Bäumen standen Tische mit Erfrischungen. Die Musikanten hatten sich an den entlegensten, belaubtesten Plätzen gelagert, um sich dem Auge zu verbergen, und die Einbildungskraft zu täuschen. Der ganze Schauplatz schien bezaubert zu seyn; das Auge sah nichts als Schönheit und romantischen Glanz; das Ohr fing nur Töne der Freude und Harmonie auf. Der jüngere Theil der Gesellschaft formirte Gruppen, die bald durch die Waldung hervor schlüpften, bald wieder verschwanden. Julie schien die Zauberköniginn des Orts zu seyn. Ihr Herz hüpfte vor Freude, und goß einen Ausdruck reinen, wohlgefälligen Entzückens über ihre Züge. Ein edles, freymüthiges und hohes Gefühl funkelte aus ihren Augen, und beseelte ihr Wesen. Ihr Busen glühte von wohlwollender Zärtlichkeit, und sie schien allem, was um sie war, eine eben so reine Glückseligkeit, als sie selbst genoß, mittheilen zu wollen. Wohin sie nur ging, folgte Bewunderung ihren Schritten: Ferdinand war eben so froh, als die Scene rings um ihn. Emilie war vergnügt, und der Marquis schien seine Melancholie im Schlosse zurück gelassen zu haben. Die Marquise allein war elend. Sie speiste mit einer ausgewählten Gesellschaft in einem Pavillon am Seeufer, den man mit besonderer Eleganz ausgeschmückt hatte. Er war mit weißer Seide behangen, die mit Blumenkränzen aufgebunden und mit reichen goldenen Fransen besetzt war. Die Sopha's waren von eben dem Stoff, und abwechselnde Kränze von Rosen und Lampen umwanden die Säulen. Eine Reihe kleiner Lampen um das Gesimse formirte einen Lichtsaum rings um die Decke, der nebst den andern unzähligen Lichtern in einer glänzenden Flamme aus den großen Spiegeln, die das Zimmer schmückten, wiederstrahlte. Der Graf Muriani war mit von der Gesellschaft. Er becomplimentirte die Marquise über die Schönheit ihrer Töchter, und nachdem er scherzhaft die Gefangenen, welche ihre Reize fesseln würden, beklagt hatte, kam er auf den Grafen von Vereza.

»Gewiß,« sagte er, »verdient dieser junge Mann am besten unter allen Donna Julie zu besitzen. Als sie tanzten, dünkte mich, ich sähe ein vollkommenes Ebenbild der Schönheit beyder Geschlechter, und wenn ich nicht sehr irre, so haben sie einander gegenseitige Bewunderung eingeflößt.«

Die Marquise suchte ihren Unmuth zu verbergen und antwortete: »Ich will dem Grafen keinesweges das Verdienst abstreiten, das Sie ihm zuschreiben; allein nach dem, was ich von ihm gesehen habe, zu urtheilen, ist er zu flüchtig zu einer ernsthaften Verbindung.«

In eben dem Augenblicke trat der Graf in den Pavillon.

»Sieh da, Graf!« sagte Muriani lachend; »eben waren Sie der Gegenstand unsrer Unterhaltung, und sind gerade zur rechten Zeit gekommen, die Ehre, die Ihnen angethan worden, zu vernehmen. Ich verwendete mich bey der Marquise für Sie um Donna Julie, allein sie lehnt es durchaus ab; ob sie gleich Ihr Verdienst anerkennt, schützt sie vor, daß Sie von Natur leichtsinnig und unbeständig wären. Was sagen Sie dazu? – würde nicht Donna Juliens Schönheit Ihr unstätes Herz fesseln?«

»Ich weiß nicht, wodurch ich's verdient habe, bey der Marquise in diesem Credite zu stehen,« sagte der Graf lächelnd; »allein das Herz müßte in ungewöhnlichem Grade krank oder fühllos seyn, das in Donna Juliens Gegenwart sich der Freyheit rühmen könnte.«

Die Marquise, empfindlich gekränkt bey dem ganzen Gespräche, fühlte alle Stärke von Vereza's Antwort, die ihr mit besonderem Nachdrucke auf sie gerichtet zu seyn schien.

Das Fest endigte sich mit einem großen Feuerwerke, das am Seeufer angestellt war, und die Gesellschaft trennte sich erst, als der Morgen andämmerte. Julien that es weh, die Scene verlassen zu müssen. Sie war bezaubert von der neuen Welt, die sich ihr jetzt eröffnete, und nicht kalt genug, die lebhafte Gluth der Einbildungskraft von den Farben wirklichen Glücks zu unterscheiden. Sie glaubte, daß das Vergnügen, welches sie jetzt empfand, stets und in gleichem Maße durch die Gegenstände, die zuerst es erregten, müßte erneuet werden. Jugendliche Seelen sind nie geneigt, die Schwäche der Menschheit wahrzunehmen. Es ist eine schmerzhafte Wahrheit, daß Gegenstände auf uns wirken, deren Eindrücke eben so veränderlich als unerklärlich sind, und daß wir dasjenige, was gestern tief uns bewegte, heute nur schwach, morgen vielleicht gar nicht mehr fühlen. Wenn endlich diese unwillkommne Wahrheit in das Herz eindringt, so verwerfen wir im ersten Augenblicke mit Ekel allen Anschein des Guten; wir verschmähen es, eine Glückseligkeit zu kosten, über die wir nicht gebiethen können, und sinken nicht selten in eine vorüber gehende Verzweiflung. Weisheit oder Zufall rufen uns endlich von unserm Irrthume zurück, und biethen uns einen Gegenstand dar, welcher fähig ist, eine angenehme und doch dauernde Wirkung hervor zu bringen, welche wir Glückseligkeit trennen können. Glückseligkeit ist darin wesentlich von dem, was wir gewöhnlich unter Vergnügen verstehen, verschieden, daß Tugend ihre Basis ausmacht, und daß man von ihr, als dem Resultate der Vernunft, eine gleichförmige Wirkung erwarten darf.

Die Leidenschaften, die bisher in Juliens Herzen geschlummert hatten, brachen, zufällig berührt, in voller Kraft hervor, und ließen sie den Schmerz und das Entzücken erfahren, das mit ihrem Erwachen verbunden ist. Vereza's Schönheit und Vorzüge erregten in ihr eine neue, mannigfaltige Bewegung, welche aufzumuntern die Vernunft sie zurück hielt, und die dennoch zu süß war, um ihr ganz widerstehen zu können. Einem Gefühle von Entzücken entgegen klopfend, noch durch keine getäuschte Hoffnung zurück gescheucht, bewillkommt das junge Herz jedes Gefühl, das nicht geradezu schmerzhaft ist, mit einer romantischen Erwartung, es in Seligkeit aufgelöst zu sehen. – Mit ängstlicher Sorgfalt suchte Julie Vereza's Gesinnung gegen sie zu ergrübeln; sie rief sich alle Ereignisse des Tages wieder hervor: allein sie gewährten ihr wenig Befriedigung; sie warfen nur ein schimmerndes trügliches Licht zurück, welches statt sie zu führen, sie nur noch mehr verwirrte. Jetzt erinnerte sie sich eines Beweises besonderer Aufmerksamkeit und jetzt wieder eines Zeichens anscheinender Kälte. Sie verglich sein Betragen mit dem Betragen des andern jungen Abels, und es schien ihr, als wenn jeder sich um den Beyfall jedes gegenwärtigen Frauenzimmers eben so viel Mühe gegeben hatte. Doch dünkte ihr, alle Frauenzimmer hätten um Vereza's Aufmerksamkeit gebuhlt, und sie zitterte, daß er zu sehr die Auszeichnung gefühlt haben möchte. Sie konnte keinen festen Schluß aus diesen Betrachtungen ziehen; aber wenn sie gleich zwischen ängstlichen Zweifeln schwebte, so war doch selbst dieß Gefühl so innig mit Entzücken verwebt, daß sie nicht wünschen konnte, es mit ihrer vorigen Ruhe zu vertauschen. Rastlos, von Gedanken zu Gedanken irrend, flog der Schlaf von ihren Augen, und mit Ungeduld harrte sie dem Morgen entgegen, der sie wieder zu Vereza führen, und in Stand setzen würde, weiter zu forschen. Sie stand früh auf, und kleidete sich mit ungewöhnlicher Sorgfalt an. In ihrem traulichen Cabinette erwartete sie die Frühstücksstunde, und wollte lesen; aber ihre Gedanken schweiften von ihrem Buche ab. Ihre Laute, ihre Lieblingsarien konnten ihr nicht mehr gefallen; der Tag schien stille zu stehen – sie fiel in Schwermuth, und glaubte, die Frühstücksstunde würde nimmer anbrechen. Liebe lehrte sie Verstellung. Bis diesen Augenblick hatte sie Emilien jeden Gedanken ihrer Seele mitgetheilt; jetzt gingen sie schweigend ins Frühstückszimmer hinunter, und Julie fürchtete beynahe, ihrer Schwester Auge zu begegnen. Sie fanden das Zimmer noch leer; Julien war es unmöglich, ein Gespräch mit ihrer Schwester auszuhalten, deren Bemerkungen, weil sie den Lauf ihrer Gedanken unterbrachen, ihr uninteressant und beschwerlich waren. Sie stand eben im Begriffe, wieder hinauf in ihr Cabinett zu gehen, als der Marquis herein trat. Seine Miene war stolz, sein Blick strenge und trocken. Kalt begrüßte er seine Töchter, und sie hatten kaum Zeit, auf seine allgemeinen Fragen zu antworten, ehe die Marquise, und bald nach ihr, die andere Gesellschaft herein trat. Julie, die mit so schmerzhafter Ungeduld auf den Augenblick gewartet hatte, wo sie Vereza sehen würde, seufzte nun, daß er da war; kaum wagte sie, ihre furchtsamen Blicke von der Erde aufzuschlagen; und wenn sie zufällig die seinigen traf, ergriff sie ein sanftes Beben, und die Furcht, daß er ihre Empfindungen entdecken würde, machte ihre Verwirrung nur noch sichtbarer. Endlich rief ein Blick von der Marquise ihre verirrten Gedanken wieder zurück; eine andre Furcht unterdrückte die Furcht der Liebe, und sie gewann nach und nach ihre Fassung wieder. Sie konnte in Vereza's Betragen keine Merkmahle besonderer Aufmerksamkeit entdecken, und beschloß, mit strenger Sorgfalt über ihre eigenen Bewegungen zu wachen.

Dieser Tag war wie der vorige der Freude gewidmet. Abends wurde ein Concert gehalten, worin sich hauptsächlich der junge Adel hervor that. Ferdinand spielte das Violoncell, Vereza die Flöte, und Julie den Flügel, den sie mit einem Geschmacke und Ausdrucke berührte, welche jeden Zuhörer fesselten. Man denke sich Juliens Bestürzung, als Ferdinand ein schönes Duett auswählte und Vereza bath, mit seiner Flöte seine Schwester zu begleiten. Doch überwand das Bewußtseyn ihrer Geschicklichkeit bald ihre Furcht, und setzte sie in den Stand, alle ihre Kräfte aufzubiethen. Die Arie war einfach und rührend, und sie gab ihr alle Reize des Ausdrucks, die sie so ganz in ihrer Macht hatte. In schöner Begleitung berührte sie die Saiten ihres Piano Forte; gegen das Ende der zweyten Stanze ruhte ihre Stimme auf einer Note, schwoll zu einer solchen Höhe hinan, und stieg dann zu einigen einfachen Tönen herab, die sie mit so leidenschaftlicher Zärtlichkeit berührte, daß jedes Auge um sie sich feuchtete. Der Hauch der Flöte bebte, und Hippolytus fortgerissen, vergaß zu spielen. Eine tiefe Stille folgte beym Schlusse des Stückes, und dauerte fort, bis ein eintöniger Seufzer die Versammlung aus ihrer Bezauberung aufzuwecken schien. Unter dem allgemeinen Beyfalle schwieg Hippolytus. Julie bemerkte es, schlug sanft ihre Augen gegen ihn auf, und las die Empfindungen, die sie ihm eingeflößt hatte. Ein hohes Gefühl durchbebte ihr Herz, und sie erfuhr einen dieser seltnen Augenblicke, die das Leben mit einem Strahle von Seligkeit erleuchten, der seine gewohnte Finsterniß durchbricht. Furcht, Zweifel, alle ängstlichen Gefühle verschwanden, und den übrigen Abend hindurch fühlte sie nur Entzücken. Eine furchtsame Ehrerbiethung bezeichnete Hippolytus Betragen, und war Julien schmeichelnder, als die feurigste Erklärung. Ein Ball schloß den Abend, und sie war wiederum die Tänzerinn des Grafen. Als der Ball aufbrach, zog sie sich in ihr Zimmer zurück, nicht aber um zu schlafen. Freude ist eben so rastlos, als Furcht oder Kummer. Sie schien in eine neue Existenz eingetreten zu seyn – jenes feine Triebwerk zärtlicher Empfindungen, das bisher verborgen lag, war nun berührt, und ließ sie ein Entzücken genießen, höher als alles, was je ihre Einbildungskraft gemahlt hatte. Sie dachte an die Ruhe ihres vergangenen Lebens zurück, verglich sie mit der hoch fliegenden Wonne dieser Stunde,und frohlockte über den Abstand. Alle ihre vorigen Vergnügungen schienen ihr nur unschmackhaft; sie erstaunte, daß sie je sie fesseln konnten, und daß sie so ruhig die langweilige Einförmigkeit ertragen hatte, zu der sie bisher verdammt war. Jetzt erst schien sie zu leben. Versenkt in den einzigen Gedanken, geliebt zu seyn, schwebte ihre Einbildungskraft in den Regionen romantischer Seligkeit, und hob sie hoch hinaus über die Möglichkeit des Leidens. Von Hippolytus geliebt, konnte sie nur glücklich seyn. Der Ton einer Musik gerade unter ihrem Fenster weckte sie aus diesem bezaubernden Zustande. Es war eine Laute, von einer Meisterhand berührt. Nach einer milden melancholischen Symphonie schwoll eine Stimme von mehr als Zauberklang zu einer so rührenden, zärtlichen Arie an, daß sie die Seele der Liebe selbst zu athmen schien. Die Saiten der Laute wurden in leiser, süßer Begleitung berührt. Julie horchte, und unterschied folgende Worte: »Still ist der Hauch der Nacht; kein einsamer Fußtritt schleicht sich durch das Schweigen dieser grausigen Stunde; tiefer Schlaf schwebt über diesen hohen Zinnen, und senkt auf alle seine süße, betäubende Kraft; nur nicht auf mich! –Vergebens erfleh' ich seinen Thau, in kurze Vergessenheit meine Sorgen zu senken. Der erschrockne Gott flieht, wo Liebe verfolgt, und verweigert des unglücklichen Liebenden Flehn.« 2 – Eine Pause folgte; die Arie wurde wiederhohlt, und die Musik verschwand. Wenn Julie vorher nur wähnte, von Hippolytus geliebt zu seyn, so war sie jetzt von der süßen Wahrheit überzeugt. Endlich fiel der Schlaf auf ihre Sinnen, und die Luftgestalten idealischer Wonne schwebten nicht länger vor ihrer Einbildungskraft. Der Morgen kam, und leicht und erquickt stand sie auf. Wie verschieden waren ihre Gefühle von denen des vorigen Tages! Ihre Angst hatte sich in entzückende Gewißheit aufgelöst, und sie schwebte in dem Taumel des Geistes, der alles zur Wonne mit sich fortreißt, und mit einer Macht, gleich der Berührung einer Zauberruthe, Wüsten in Paradiese umschaffen würde. Sie flog in das Frühstückzimmer, kaum fühlend, daß sie sich bewegte; als sie aber hinein trat, überwältigte sie eine süße Beschämung; sie fühlte ihre Wangen glühen, und fürchtete beynahe Vereza's Augen zu begegnen. Sie wurde bald von ihrer Angst befreyt; Vereza war nicht da; die Gesellschaft versammelte sich – Julie sah ängstlich auf, so oft jemand herein trat; er, nach dem sie blickte, erschien nicht. Betroffen und unruhig haftete sie ihre Augen auf die Thür, und so oft sie aufging, klopfte ihr Herz von einer Erwartung, die eben so oft vereitelt wurde. Trotz all ihres Bestrebens sank ihre Lebhaftigkeit in Schmachten, und sie fühlte nun, daß Liebe auch andere, als Empfindungen des Entzückens, hervor bringen kann. Sie fand es möglich, unglücklich zu seyn, obgleich Hippolytus sie liebte, und mußte mit einem schmerzhaften Seufzer sich eingestehen, daß jetzt ihr Friede von ihm abhinge. Er erschien nicht beym Frühstücke; eben so wenig wurde seiner gedacht: Delicatesse hielt sie ab, nach ihm zu fragen; das Sprechen wurde ihr lästig, und sie zog sich in Madame de Menons Zimmer zurück. Hier beschäftigte sie sich mit Zeichnen, und suchte die Zeit bis zur Mittagsstunde zu tödten, wo sie Hippolytus zu sehen hoffte. Madame war, wie gewöhnlich, freundlich und offen; allein sie bemerkte eine Zurückhaltung in Juliens Betragen, und errieth leicht die Ursache. Nur wußte sie den Gegenstand nicht, der ihrer Pflegetochter Herz aus seinem Gleichgewichte gebracht zu haben schien. Endlich kam die so heiß erwünschte Stunde, und mit klopfendem Herzen trat Julie in den Saal. Der Graf war nicht da, und sie hörte nur zufällig, daß er früh Morgens nach Neapel gereist war. Die Scene, die noch vor kurzem ihrem Auge bezaubert schien, veränderte nun ihre Farbe; mitten in der Gesellschaft, von Freude umgeben, war sie einsam und traurig. Sie klagte sich selbst an, daß sie ihr Urtheil von ihren Wünschen irre leiten lassen, Galanterie für ein zärtlicheres Gefühl gehalten hätte. Sie fing an zu glauben, daß der Sänger unter ihrem Fenster nicht der Graf gewesen sey, und so schwand auf ein Mahl das idealische Gebäude ihrer Glückseligkeit hin. Welch eine kurze Zeit stürzt oft den Gang unserer Empfindungen um, macht das, was wir gestern verachteten, uns heute wünschenswerth! Den ruhigen Zustand, den sie noch vor wenig Stunden zu verlassen frohlockte, erseufzte sie jetzt zurück. Ihr einziger Trost war der Gedanke, daß der Graf ihre Empfindungen nicht kannte, und daß süße Bewußtseyn, einem feinen Gefühle von Anstand und Sittlichkeit gemäß gehandelt zu haben.

IV

Inhaltsverzeichnis

Die öffentlichen Freudenfeste auf dem Schlosse gingen mit der Woche zu Ende; allein der lebhafte Geist der Marquise ließ keine Zurückkehr zur Ruhe zu, und sie wußte an die Stelle dieser lärmenden Vergnügungen andre zu setzen, die zwar nicht so geräuschvoll, aber kaum weniger glänzend waren, als jene. Mit Verdruß hatte sie am Abende des Concerts Hippolytus Betragen, und mit Schmerz seine Abreise bemerkt; doch verachtete sie es, Mißvergnügen durch Betrachtung zu verlängern, und suchte im Taumel der Zerstreuung das Gefühl ihrer vereitelten Hoffnung zu ersticken. Allein ihr Bemühen, ihn aus ihrem Gedächtnisse zu tilgen, blieb unwirksam. Nicht gewöhnt, sich dem Strome ihrer Neigungen zu widersetzen, behaupteten sie jetzt eine ungebundene Herrschaft, und sie fand zu spät, daß wir, um unsre Leidenschaften zu unterjochen, sie an frühen Gehorsam gewöhnt haben müssen. Unbezähmte Leidenschaft bringt eben so wohl Schwäche als Ungerechtigkeit hervor. Sie besaß nicht Seelenstärke genug, den Schmerz getäuschter Hoffnung, der jetzt auf ihrem Herzen lag, zu ertragen, und suchte durch Kränkung des Unschuldigen ihn zu mildern. Julie, deren Schönheit, wie sie glaubte, den Grafen gefesselt, und ihn in seiner Gleichgültigkeit gegen sie bestärkt hätte, war jetzt der Gegenstand ihres Unmuths, und sie quälte sie unaufhörlich durch die mannigfaltigen, boßhaften kleinen Künste, die dem Auge des gewöhnlichen Beobachters entwischen, und nur dem merklich werden, der sie gefühlt hat; Künste, die einzeln unbedeutend sind, gehäuft aber eine grausame, entscheidende Wirkung hervor bringen. In Juliens Seele war jetzt das Bild der Glückseligkeit erstorben. Freude hatte ihren Strahl von der Aussicht abgezogen, und die Gegenstände, welche ihr Sonnenschein nicht mehr erhellte, waren finster und farbenlos geworden. So oft ihre Lage es vergönnte, zog sie sich von der Gesellschaft zurück, und suchte in ihrer Einsamkeit Freyheit, ihren schwermüthigen Gedanken nachzuhängen, und der Verzweiflung freyen Lauf zu lassen, die so leicht der Täuschung unsrer ersten Hoffnung folgt. Woche nach Woche verstrich, und man gedachte noch keiner Rückkehr nach Neapel. Endlich erklärte der Marquis, daß er den Überrrest des Winters auf dem Schlosse zuzubringen dächte. Die Marquise unterwarf sich diesem Entschlusse ohne Widerstreben; sie war hier mit einem Haufen von Anbethern umgeben, und ihre Erfindungskraft wußte stets neue Vergnügungen herbey zu schaffen; die Fröhlichkeit, welche Neapel ihr so theuer machte, schimmerte in den Wäldern von Mazzini, und ertönte durch das Schloß. – Madame de Menons Zimmer waren groß und prächtig. Die Fenster stießen auf die See, und gaben eine Aussicht auf die Meerenge von Messina, an einer Seite von den schönen Ufern der Insel Sicilien, und an der andern durch Calabriens hohe Gebirge begrenzt. Der Canal voller Schiffe, deren bunte Fahnen in den Sonnenstrahlen schimmerten, stellte dem Auge eine sich immer bewegende Scene dar. Das Hauptzimmer ging auf einen Balcon, der über der Terrasse des Schlosses hing, und von dem man eine Aussicht hatte, die an Schönheit und Umfang alles übertraf. Diese Zimmer wurden vormahls für die schönsten im Schlosse gehalten, und als der Marquis das Schloß mit Neapel vertauschte, hatte er sie der Madame de Menon und ihren jungen Zöglingen zur Wohnung angewiesen. Der Marquise gefiel die Aussicht aus den Fenstern und von dem Balcon so sehr, daß sie die Zimmer in ihren vorigen Rang wieder einzusetzen beschloß. Sie sagte ihre Absicht der Madame, für die andre Zimmer zurecht gemacht wurden. Da Juliens und Emiliens Zimmer einen Theil der Reihe ausmachten, wurden sie ebenfalls von der Marquise in Anspruch genommen, und Julie behielt blos ihr Lieblings-Cabinett. Die Zimmer, wohin sie verlegt wurden, waren geräumig, aber dunkel; sie waren verschiedene Jahre unbewohnt gewesen, und ob man sie gleich zur Aufnahme ihrer neuen Bewohner aufgeputzt hatte, herrschte doch eine gewisses Verödung darin, die unwillkürlich melancholische Gefühle erregte. Julie bemerkte, daß ihr Zimmer, welches über Madame's Zimmern hinaus lag, zu dem südlichen Flügel gehörte, mit welchem es aber keine Gemeinschaft zu haben schien. Die geheimnißvollen Erscheinungen in diesem Theile des Gebäudes stellten sich ihrer Einbildungskraft wieder dar, und erzeugten einen Schrecken, den die Vernunft nicht überwältigen konnte. Sie theilte ihrer Hofmeisterinn ihre Besorgnisse mit, und diese, mehr klug als aufrichtig, lachte sie mit ihrer Furcht aus. Das Betragen des Marquis, die Worte des sterbenden Vincents und alle vorher gehenden Umstände hatten sich tief in Madame's Seele geprägt; allein sie sah die Nothwendigkeit ein, Zweifel, welche die Zeit allein auflösen konnte, in ihrer Brust zu verschließen.

Julie suchte sich in die Veränderung zu schicken, und bald ereignete sich ein Umstand, der alle ihre gegenwärtigen Gefühle in Vergessenheit senkte und neue, weit anziehendere in ihr schuf. Eines Tages, da sie einige Papiere in den Auszügen eines kleinen Schreibkästchens, das in ihrem Zimmer stand, in Ordnung legte, fand sie ein Gemählde, das ihre ganze Aufmerksamkeit fesselte. Es war ein Miniaturgemählde einer Dame, deren Gesicht mit tiefem Kummer bezeichnet war, und einen Ausdruck milder Ergebung athmete. Der sanft klagende Blick ihrer Augen, die flehend zum Himmel aufgeschlagen waren, die schmachtende Schwermuth, welche ihre Züge beschattete, rührte Julien so tief, daß ihre Augen unwillkürlich sich mit Thränen füllten. Sie seufzte; sie konnte ihre Blicke nicht von dem Gemälde los reißen, das mir einer Art von Zauberkraft sie zu fesseln schien. Es schien ihr, als ob es athmete, und als ob seine Augen mit einem Blicke durchdringender Zärtlichkeit sich auf die ihrigen hafteten. Innigst bewegt zeigte sie es der Madame, deren Schmerz und Erstaunen ihre Neugierde erhöhten. Aber welcher Strom von Gefühlen drang in ihr Herz, als sie hörte, daß sie über dem Bilde ihrer Mutter geweint hatte! Einer Mutterzärtlichkeit beraubt, ehe sie den Werth derselben fühlen konnte, klagte sie nun erst über einen Verlust, den keine Klagen zurück zu rufen vermochten. Emilie vermischte mit nicht minder starkem Gefühle ihre Thränen mit den Thränen ihrer Schwester. Mit feuriger Ungeduld drangen sie in Madame, ihnen die Ursache des Kummers zu entdecken, der so unverkennbar den Zügen ihrer Mutter aufgeprägt war. – »Ach meine Kinder!« sagte Madame tief seufzend, »ihr legt mir ein zu schweres Geschäft auf, nicht nur für euren, auch meinen Frieden, weil ich bey der Erzählung, die ihr verlangt, Scenen aus meinem eignen Leben zurück rufen muß, die ich auf immer vergessen zu können wünschte: dennoch aber wäre es grausam und ungerecht, euch eine Erläuterung vorzuenthalten, die euch so nahe angeht, und ich will meine Ruhe euren Wünschen aufopfern. – Louise von Bernini, eure Mutter, war, wie ihr wißt, die zweyte Tochter des Grafen Bernini; das Unglück eurer Familie aber, wißt ihr, glaube ich, noch nicht. Die Hauptgüter des Grafen lagen im Val di Demona; ein Thal, das wegen der Nähe des Berges Ätna, den die gemeine Sage mit Teufeln bevölkert, diesen Rahmen hat. In einem der schrecklichen Ausbrüche des Ätna, die dieses Thal mit einer Feuerfluth überschwemmten, wurde ein großer Theil von eures Großvaters Gebiethe verwüstet. Der Graf befand sich gerade damahls mit einem Theile seiner Familie zu Messina, die Gräfinn aber und ihr Sohn, die auf den Gütern waren, kamen um. Die übrigen Güter des Grafen waren verhältnißmäßig unbeträchtlich, und der Verlust seiner Gattinn und seines Sohnes beugten ihn tief. Er zog sich mit Louisen, seinem einzigen lebenden Kinde, die damahls funfzehn Jahre alt war, nach einem kleinen Gute bey Catanea zurück. Euer Großvater war mit dem meinigen Geschwisterkind, und eure Mutter hing durch Bande der Empfindungen an mir, die uns, so wie wir heran wuchsen, stärker noch, als die Bande des Blutes, verknüpften. Unser Geschmack, unsere Vergnügungen waren dieselben, und eine Gleichförmigkeit des Unglücks war vielleicht der Keim unserer frühen Freundschaft. Ich verlor, so wie sie, einen Blutsfreund bey dem Ausbruche des Ätna. Meine Mutter war gestorben, ehe ich ihren Werth fühlen konnte, mein Vater aber, den ich zärtlich verehrte und liebte, kam in einer dieser erschrecklichen Überschwemmungen um: seine Güter wurden unter der Lava begraben, und er ließ nur einen Sohn und mich zurück, um sein Schicksal zu bejammern, und dem Übel der Armuth entgegen zu kämpfen. Der Graf, der unser nächster lebender Verwandter war, nahm uns großmüthig zu sich ins Hans, und erklärte, das er uns als seine Kinder betrachten wollte. Zur Beschäftigung seiner Mußestunden übernahm er es selbst, die Erziehung meines Bruders zu vollenden, der damahls siebzehn Jahre alt war, und dessen aufkeimendes Genie die Bemühungen des Grafen zu belohnen versprach. Auch Louise und ich genossen oft den Unterricht unsers Vaters, und in diesen Stunden war Orlando gewöhnlich gegenwärtig. Die ruhige Stille, worin der Graf lebte, die vernünftige Eintheilung seiner Zeit zwischen eignem Studieren, der Erziehung derer, die er gütig seine Kinder nannte, und dem Umgange einiger vertrauten Freunde, verfrühte die Wirkung der Zeit, und stimmte seinen herben Schmerz zu stiller sanfter Melancholie herab. Louise und ich waren noch Neulinge im Leben; unsere Lebensgeister besaßen noch die glückliche Spannkraft der Jugend, und nach und nach gingen unsere Herzen von Kummer zur Ruhe, von Ruhe zur Glückseligkeit über. Oft, wenn mein Bruder uns eine schöne Stelle verlas, glaubte ich auf Louisens Gesichte eine zärtliche Theilnahme zu lesen, welche mehr der Vorleser als der Verfasser hervor zu bringen schien. Diese Tage, gewiß die beneidenswürdigsten unsers Lebens, verflossen in reinem Genusse, in stufenweiser Ausbildung unsers Geistes und Herzens. Der Graf bestimmte meinen Bruder für die Armee, und die Zeit rückte heran, wo er zu dem Regimente gehen sollte, bey dem er eine Stelle hatte. Die Gedankenabwesenheit, die Niedergeschlagenheit meiner Muhme enthüllten mir jetzt das Geheimniß, welches sie so lange vor sich selbst verborgen hatte. Erst als Orlando im Begriffe stand abzureisen, fühlte sie, wie theuer er ihrem Herzen war. Am Abende vor seiner Abreise beklagte der Graf mit väterlicher obgleich männlicher Zärtlichkeit die Entfernung, welche bald uns trennen sollte. »Aber wir werden uns wieder sehen,« sagte er,« wenn mein Sohn, mit dem Ruhme seiner Tapferkeit gekrönt zurück kehren wird.« Louise erblaßte, ein halb unterdrückter Seufzer entwischte ihr, und sie eilte zum Claviere, um ihre Bewegung zu verhehlen. Mein Bruder hatte ein kleines Hündchen, das sein Favorit war; er schenkte ihn Louisen, ehe er fortging, und bath, daß sie gütig gegen ihn seyn, und sich zu Zeiten seines Herrn bey ihm erinnern möchte. – Er unterdrückte eine Bewegung; als er sich aber von ihr wendete, sah ich eine Thräne über seine Wangen rollen. Er ging, und mit ihm schien der Geist unsers Glücks verschwunden zu seyn. Die Scenen, welche seine Gegenwart vormahls belebte, waren jetzt verödet und traurig; doch mochten wir gern an den Orten wandeln, die einst sein Lieblingsaufenthalt waren. Louise enthielt sich, meines Bruders zu erwähnen, selbst gegen mich; oft aber, wenn sie sich unbemerkt glaubte, schlich sie an ihr Clavier, und wiederhohlte die Melodie, die sie am Abende vor seiner Abreise gespielt hatte. Von Zeit zu Zeit hörten wir von ihm, daß er wohl war, und obgleich seine Bescheidenheit ihm nicht zuließ, selbst seiner Thaten zu erwähnen, so erfuhren wir doch durch andere, daß er sich sehr tapfer bewies. Endlich nahte die Zeit seiner Zurückkunft heran, und Louisens neu belebte Geister zeigten den Einfluß, den er über ihr Herz behalten hatte. Er kam zurück, und trug das öffentliche Zeugniß seiner Tapferkeit in den Ehrenstellen, die ihm ertheilt waren. Er wurde mit allgemeiner Freude empfangen; der Graf bewillkommete ihn mit dem Stolz und der Zärtlichkeit eines Vaters, und die Villa wurde wiederum der Sitz des Glücks. Seine Person und Sitten hatten sich gebildet; die zarte Schönheit der Jugend hatte sich in die einnehmende Würde des Mannes verwandelt, und Kenntniß der Welt hatte seine wissenschaftlichen Kenntnissse bereichert. Die Freude, welche aus seinem Gesichte strahlte, als er Louisen sah, sprach zugleich seine Bewunderung und Liebe aus, und die Röthe, welche ihre Wangen überzog, würde selbst dem gleichgültigsten Zuschauer entdeckt haben, daß diese Freude gegenseitig war. Orlando brachte einen jungen Franzosen, einen Officier von seinem Regimente, mit, der ihn in der Schlacht aus einer dringenden Gefahr befreyet hatte, und den er dem Grafen als seinen Erhalter vorstellte. Der Graf nahm ihn mit Dank und Auszeichnung auf, und er blieb lange zum Besuche in unserer Villa. Seine Sitten waren äußerst einnehmend, sein Verstand angebaut und verfeinert. Er verrieth eine Zärtlichkeit für mich, und war in der That zu liebenswürdig, um mit gleichgültigen Augen angesehen zu werden. Dankbarkeit für das unschätzbare Leben, welches er erhalten hatte, war vielleicht der Grundkeim einer Hochachtung, die bald zur heißesten Liebe anwuchs. Unsere Zuneigung wuchs mit unsrer Bekanntschaft, und endlich hielt der Chevalier de Menon bey dem Grafen um mich an. Dieser zärtliche Pflegevater zog mein Herz zu Rathe; und da er es günstig für ihn gestimmt fand, zog er nähere Erkundigungen von der Familie des Fremden ein. Er erhielt gute befriedigende Nachrichten, der Chevalier war der Sohn eines französischen Edelmanns, der vor einigen Jahren gestorben war, und ansehnliche Güter in Frankreich besaß. Er hinterließ mehrere Söhne, und das Familienvermögen fiel folglich auf den ältesten; allein auch den beyden jüngsten hatte er ein ansehnliches Erbtheil ausgesetzt. Unsere Vermählung wurde in aller Stille im Beyseyn des Grafen, Louisens und meines Bruders vollzogen. Bald nach der Hochzeit wurden mein Gemahl und Orlando nach ihren Regimentern zurück berufen. Meines Bruders Zärtlichkeit war jetzt unveränderlich auf Louisen gehäftet; allein Delicatesse und Edelmuth legten ihm Schweigen auf. Arm, wie er war, um Louisens Hand zu werben, würde, glaubte er, die Güte des Grafen mit Undank belohnen heißen. Ich habe den innern Kampf seines Herzens gesehen, und das meinige hat vor ihm geblutet. Der Graf und Louise bathen mich so dringend, während des Feldzugs bey ihnen zu bleiben, daß mein Gemahl endlich einwilligte. Wir trennten uns – o daß ich diesen Zeitpunct vergessen könnte! – Hätte ich ihn begleitet, so, wäre vielleicht alles gut gegangen, und die langen Jahre des Elends, die nun folgten, wären mir ersparet worden!« –