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Lässt sich ein Buch nicht mehrmals gut und gerne lesen - over and over again -, dann bringt es gar nichts, es überhaupt zu lesen: Diese von Oscar Wilde zugespitzte Einstellung gegenüber lesenswerten Büchern lässt sich auf das Vorhaben übertragen, die Fabeln des Äsop im Kontext des bundesweiten Programms "Eine Uni - ein Buch" über zwei Semester an der Technischen Universität Dortmund zum Thema zu machen. Der Band dokumentiert diese vielfältige Lektüre in der Universitas von einer interdisziplinären Ringvorlesung über eine Malereiwerkstatt bis zu einer Schreibwerkstatt oder einer Speaker's Corner.
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Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Grußwort der Rektorin
Eine Uni – ein Buch
Editorial
I.
Eine Uni – ein Buch
Dirk Baxmann und Gudrun Kattke
Aesop@TU Dortmund – das Bewerbungsvideo
Barbara Welzel
Vielfalt und Universitas: Aesop@TU Dortmund
Sigrid Nieberle
Äsop lesen
Joachim Kreische
Orte und Arten des fabelhaften Lesens in einer Universität
II.
Fabeln aus der Malereiwerkstatt
Tillmann Damrau
Aesop@TU Dortmund. Ein Werkstattbericht aus der Malerei
Tino Schmiedehausen
Lea Frensch
Allegra Höltke
Daniela Hopp
Sarah Jüngerhans
Lara Lange
David Mellin
Milena Schomann
Susanne Schütz
Manuel Sobbotka
Alexandra Weber
III.
Fabeln aus der Schreibwerkstatt
Renate Delucchi Danhier
Robin Hertin
Janosch P. Ben Roggel
Nora Reul
Marie-Christin Wenning
Nils Heutehaus
Miriam Witteborg
Yvonne Müller
Maximilian Henze
Janosch P. Ben Roggel
Aesop@TU Dortmund. Zwölf Teilnehmer*innen gewinnen den Fabelwettbewerb
IV.
Äsop interdisziplinär
Jakob Rehof
Äsop und die Logik
Christian Neuhäuser
Äsop als politische Philosophin?
Peter N. Posch
Ökonomie bei Äsop oder Wirtschaftswissenschaften fabelhaft
Volker C. Dörr
Der »verkleidete Freund« mit »Chorrock und Perücke«.
Äsops Fabeln bei Lessing, Schiller und Goethe
Michael Stegemann
Klavieretüde und Literaturrevue – Äsop, Alkan, Apollinaire
Joachim Kreische
Äsop, ein nicht umsonst erfundener Autor
Henrike Haug
Dreifacher Trotz. Äsops Körper und Äsops Geist
Lisanne Wepler
Tierfabelbilder in der Malerei des 17., 18. und 19. Jahrhunderts. Eine Forschungsskizze
Hans J. Wulff
Aesopics. Die Film- und Fernsehgeschichte der äsopischen Fabeln
Barbara Welzel
Einige Beobachtungen an Art Spiegelmans
Maus
Michael Klein
Aesop goes Biparcours. Eine digitale Rallye mit Wissensfragen in der Medienpädagogik
Innokentij Kreknin
Herausforderungen des Doppelsinns. Wahrheit und Allegorie der Fabel als Gegenstände der Literaturtheorie
V.
Äsop in der Universitas
Manfred Bayer
Fabellesung im Senat der TU Dortmund
Lars Henrichvark, Katharina Kosian, Elvira Reich, Monelle Schempp und Christian Neuhäuser
Äsop’s Corner
Marie-Christin Wenning und Maximilian Henze
Eine Exkursion an die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel
Laura Raths
Fabelhafte KinderUni. Ein Ausflug in die Fabelwelt des Äsop
Kirsten Lindner-Schwentick
Äsop@BCI
Birgit Franke
Fabeltiere und andere Bestien. Ein Kunstgeschichtsseminar beteiligt sich an Aesop@TU Dortmund
Matthias R. Hastall, Michélle Möhring, Jan Finzi, Alexander Röhm und Annika Schnöring
Der Fuchs und der Bock: Kann eine Äsop-Fabel Einstellungen gegenüber Minderheiten beeinflussen? Eine empirische Studie
Ute Zimmermann
Eine Fabel für meine Tür
Christopher Kreutchen
Dem Projekt ein Gesicht geben ... Aesop@TU Dortmund. Eine Uni – ein Buch
VI.
Fabelhafte mundo
Lena Reil
Fabelhaftes Forschungsmagazin. mundo widmet sich Aesop@TU Dortmund
Katrin Pinetzki über Nicole Burzan
Gleich und Gleich. Der Löwe und die Maus in der Soziologie
Anna Christina Senske über Michael Basse
Ein Reformator und seine Fabeln. Was hat Martin Luther mit den Fabeln des Äsop zu tun?
Christopher Kreutchen
mini mundo. Weise wie die Eule werden
Erstsemesterberüßung am 9. Oktober 2017 ...
... im Dortmunder Fußballstadion, dem Signal Iduna Park
Im Jahr 2018 feiert die Technische Universität Dortmund ihr 50jähriges Jubiläum. Zu den zahlreichen Aktivitäten, die von einem großen Festakt und einem Jubiläumskonzert über die Jubiläumsausstellung »Universitas gestalten« bis zu ungezählten kleinen und dezentralen Veranstaltungen reichen, gehört auch »Aesop@TU Dortmund« im Kontext des bundesweiten Programms »Eine Uni – ein Buch«. Gerne habe ich – nachdem mit dem Wissenschaftsmagazin »mundo« die Äsop-Debatten an der Technischen Universität Dortmund bereits eröffnet waren – bei der Erstsemesterbegrüßung am 9. Oktober 2017 den Startschuss für die zahlreichen fabelhaften Veranstaltungen gegeben, die durch das Wintersemester 2017/18 in das Jubiläumsjahr hineinführten.
Als Besonderheit besticht an diesem Projekt »Aesop@TU Dortmund«, wie es einerseits die gesamte Universität einlädt und einbezieht und so Gemeinschaft stiftet, zugleich aber andererseits die Vielfalt und Verschiedenheit der zahlreichen Akteurinnen und Akteure zur Geltung bringt. Da setzen sich Bio- und Chemieingenieure mit den Fabeln des Äsop auseinander, da werden Gemälde geschaffen, eine Schreibwerkstatt veranstaltet und Fabeltexte an Sekretariatstüren veröffentlicht. Im Akademischen Senat wird eine Fabel in griechischer Sprache verlesen, in der KinderUni stellt sich das Dortmunder Zentrum für Behinderung und Studium (DoBuS) mit einer Fabel vor. Die Formate reichen von einer klassischen Ringvorlesung über Exkursionen bis zu einer Speaker’s Corner – Äsop’s Corner – in der Universitätsbibliothek. Die Themen umfassen – neben vielen anderen mehr – soziale Ungleichheit, historische Gärten, Wirtschaftswissenschaften und Musik.
Ich danke dem Stifterverband – gemeinsam mit der Klaus Tschira Stiftung, in Kooperation mit DIE ZEIT – für die inspirierende Ausschreibung. Großer Dank gilt dem Team mit der Prorektorin Diversitätsmanagement Prof. Dr. Barbara Welzel, der Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Sigrid Nieberle und dem Leiter der Universitätsbibliothek Dr. Joachim Kreische. Sie haben einen Text ausgewählt und ein Projektdesign entwickelt, mit denen zunächst Erfolg in der Ausschreibung zu verzeichnen war und die dann die Einbeziehung Aller an der Technischen Universität Dortmund ermöglicht haben: Eine Uni – ein Buch. Auch wenn das Projekt am Ende vermutlich nicht alle der mehr als 40.000 Menschen an der Technischen Universität Dortmund – die 6.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Technik, Verwaltung und Wissenschaft, die mehr als 35.000 Studierenden – erreicht hat: Niemand war ausgeschlossen – und vielleicht haben ja doch beinah alle eine Fabel an einer Sekretariatstür entdeckt, ein Gemälde in den Eingangsbereichen der Verwaltung oder in der Ausstellung im Dortmunder U gesehen oder sind den Fabeln in einer Lehrveranstaltung begegnet. In der Erstsemesterbegrüßung konnte ich selbst mehr als 6.000 jungen Menschen von Äsop, seinen Fabeln und »Aesop@TU Dortmund« berichten.
Herzlich danke ich allen, die – in welcher Form auch immer – mitgemacht haben. Nach einem gewonnenen Wettbewerb zum gemeinsamen Lesen eines Buches, nach den Monaten des gemeinsamen Lesens wird nun auch noch gemeinsam ein Buch publiziert, dem ich seinerseits viele Leserinnen und Leser wünsche. Es ist ein weiteres Geburtstagsereignis der Technischen Universität Dortmund.
Prof. Dr. Dr. h.c. Ursula Gather
Rektorin der Technischen Universität Dortmund
Mit den Wettbewerben »Eine Uni – ein Buch« des Stifterverbandes und der Klaus Tschira Stiftung sollen möglichst viele Mitglieder einer Hochschule über alle Hierarchiegrenzen hinweg ins Gespräch kommen und sich für ein gemeinsames Thema begeistern. Mit dem Förderprogramm, das im Sommer 2018 zum dritten Mal ausgeschrieben wurde, wollen die Initiatoren den Austausch und die Identifikation aller Hochschulmitglieder und Mitarbeiter mit ihrer Hochschule stärken.
Die Idee: Der Doktorand redet mit dem Erstsemester, der Verwaltungsmitarbeiter mit dem Klinikchef, die Historikerin mit dem Maschinenbauer, der Flüchtling mit den Campus-Anwohnern, die Professorin mit dem Sekretär, der IT-Spezialist mit der Bibliotheksmitarbeiterin und dem Leiter des Auslandsamtes – kurz: Möglichst viele Mitglieder einer Universität tauschen sich über ein gemeinsames Thema oder Anliegen aus. Diese Idee soll Realität werden: in der Aktion »Eine Uni – ein Buch«.
Alle Hochschulen in Deutschland sind eingeladen, ein Buch zu bestimmen, über das ein Semester lang geredet und debattiert werden soll: Es kann ein Buch sein über die Religion, eine Abhandlung über Armut und Reichtum, ein klassischer Roman aus dem In- oder Ausland, ein zeitgenössisches Drama oder eine Anleitung zum Change-Management, es kann die beste Dissertation sein, die an der Hochschule ausgezeichnet worden ist – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Auch die Art und Weise der Auseinandersetzung mit dem Buch soll von der Hochschule selbst festgelegt werden: Man kann Lese-Kreise organisieren oder Debattierclubs, Slams oder moderierte Diskussions-Gruppen, man kann zu einer Ringvorlesung einladen, zu einer Diskussion mit dem Autor, man kann das Buch in Seminare integrieren, es können szenische Inszenierungen organisiert werden, oder man tauscht sich auf digitalen Plattformen aus. Grundsätzlich gilt: je origineller die Formate und je umfangreicher die Beteiligung möglichst unterschiedlicher Menschen und Gruppen an der Hochschule, desto besser.
Auf den folgenden Seiten dieser Publikation zu »Aesop@TU Dortmund«, eines von 10 prämierten Projekten der Ausschreibung 2016, findet der Leser eine Vielfalt von Aktivitäten, die die TU Dortmund in Bewegung gebracht haben: Beiträge aus einer Ringvorlesung, einen Kunstkatalog mit ausgewählten Gemälden des Malereiprojekts, die Fabeln, die im
Fabelwettbewerb und der Schreibwerkstatt entstanden sind, und eine Dokumentation mit kurzen Texten und Fotografien, die die Breite des Projektes dokumentieren.
Im Namen der Förderer danken wir allen Beteiligten der TU Dortmund ganz herzlich, dass sie sich auf dieses Experiment eingelassen und äußerst kreative Beiträge eingereicht und umgesetzt haben.
Wir wünschen eine anregende Lektüre!
Dr. Volker Meyer-Guckel
Stellvertretender Generalsekretär Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.
Stifterverband
Der Stifterverband ist die Gemeinschaftsinitiative von Unternehmen und Stiftungen, die als einzige ganzheitlich in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Innovation berät, vernetzt und fördert. Der Stifterverband verkörpert seit 1920 die gemeinsame Verantwortung der deutschen Unternehmen für eine zukunftsfähige und lebenswerte Gesellschaft. DAX-Konzerne, Mittelständler, Unternehmensverbände, Stifter und engagierte Privatpersonen – und 3.000 Mitglieder haben sich im Stifterverband zusammengeschlossen. Sie sind der Nukleus eines in Deutschland einzigartigen Netzwerks aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft.
Beate Spiegel
Geschäftsführerin
Klaus Tschira Stiftung gGmbH
Klaus Tschira Stiftung
Der Physiker und SAP-Mitgründer Klaus Tschira (1940– 2015) rief 1995 mit privaten Mitteln die Klaus Tschira Stiftung (KTS) ins Leben. Heute gehört die KTS zu den großen Stiftungen Europas. Sie fördert Naturwissenschaften, Mathematik sowie Informatik und möchte zur Wertschätzung dieser Fächer beitragen. Die Unterstützung der Klaus Tschira Stiftung spiegelt sich in den drei Bereichen Bildung, Forschung und Wissenschaftskommunikation wider. Besonderen Wert legt sie dabei auf neue Formen der Vermittlung und Einordnung wissenschaftlicher Themen. Die KTS ist bundesweit tätig in Kindertagesstätten, Schulen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und eigenen Instituten. Für die Verwirklichung all dieser Ziele engagieren sich seit mehr als 20 Jahren Menschen innerhalb und außerhalb der Klaus Tschira Stiftung.
Lässt sich ein Buch nicht mehrmals gut und gerne lesen – over and over again –, dann bringt es gar nichts, es überhaupt nur einmal zu lesen: Diese von Oscar Wilde äußerst zugespitzte Einstellung gegenüber lesenswerten Büchern lässt sich auf unser Vorhaben übertragen, die Fabeln des Äsop über zwei Semester lang an der TU Dortmund zum Thema zu machen. Mehrmals gelesen ist ein Buch, das zum wiederholten Mal von einer einzelnen Person hervorgeholt wird. Wird es hingegen von mehreren Leserinnen und Lesern zur gleichen Zeit gelesen, gilt jener Qualitätsanspruch umso mehr. Das Projekt »Eine Uni – ein Buch« fordert die Universitäten heraus, gerade solche Bücher auf den Prüfstand zu stellen, die es lohnt mehrmals und mehrfach zu lesen: von den vielen Angehörigen einer Universität wieder und wieder in verschiedener Weise.
Allerdings ist auch das Verb ›lesen‹ für dieses Projekt deutlich zu kurz gegriffen, ist doch die Darbietungsform entscheidend: Flache Teller nützen den Störchen nicht, und langhalsige Flaschen schikanieren die Füchse bis zum Heißhunger. Wir haben seit der Ausschreibung von »Eine Uni – ein Buch« im Sommer 2016 verschiedenste Darreichungsformen erprobt und überraschend großen Zuspruch erhalten. Wer sieht nicht gerne Studierende mit einem gelben Lektüreheftchen mitten auf dem quirligen, lauten Campusfest stehen – versunken in eine zweisprachige Fabelausgabe? Wer konnte die Rednerinnen und Redner bei Äsop’s Corner ignorieren, wenn sie zur Mittagszeit im Foyer der Universitätsbibliothek philosophische Fragen erörterten und ihre Stimme erhoben? An was erinnerten uns die witzigen Tierstimmen aus den Cartoons der 30er und 40er Jahre, die in der Ringvorlesung wieder hervorgeholt wurden? Wie leise wurde es auf dem Flur, wenn eilige Büromenschen innehielten und doch einmal die ausgehängten Fabeln an den Türen lasen? Wie still kann es werden, wenn sich Studierende fasziniert über eine Handschrift des 13. Jahrhunderts beugen? Wie angeregt können Unterhaltungen vor Gemälden sein, die sich in ganz eigener Weise mit den Tierfabeln auseinandersetzen und nun auf Fluren der Universitätsverwaltung in den Alltag der Institution hineinsprechen: over and over again.
Es waren häufig diese flüchtigen Momente, die über unserer gemeinsamen Buchlektüre in der Universitas entstanden sind und uns in Erinnerung bleiben werden. Erst sie schaffen die Voraussetzung für lehrreiche Analysen, kluge Kommentare und gewagte Experimente, die wir vielfach auch erleben durften.
Dass am Ende dieser Erfahrungen nun ein Buch über »Eine Uni – ein Buch« entstehen konnte, verdanken wir vor allem der Initiative und Auszeichnung des Stifterverbandes, der Klaus Tschira Stiftung und der ZEIT; der Unterstützung des Rektorats und des Senats der TU Dortmund; den Mitarbeitenden der Hochschulkommunikation, des Hochschulmarketings und vor allem der Universitätsbibliothek; dem organisatorischen und dokumentarischen Geschick von Laura Braukmann und Daria Vogel im Äsop-Büro, der fotografischen Begleitung insbesondere des Malerei-Projekts durch Mareile Zimmermann. Besonderer Dank gilt dem großen Engagement von Jana Barkanowitz, Judith Klein und Innokentij Kreknin für die Textredaktion sowie den Satz und die Gestaltung dieses Buchs, die – gemeinsam mit dem Cover von Christopher Kreutchen – einmal mehr die stimulierende Energie von »Aesop@TU Dortmund« zum Ausdruck bringen.
Schließlich gilt Dank all denen, die sich von dieser Idee anstecken ließen und im vergangenen Jahr vielfältigste Darbietungsformen beisteuerten. Denn umgekehrt gilt auch: Nur über Bücher, die schon mehrmals gelesen wurden – over and over again –, lässt sich überhaupt nachdenken, ob wir sie nicht ein weiteres Mal hervorholen und teilen wollen.
Joachim Kreische, Sigrid Nieberle, Barbara Welzel
Dortmund, im Herbst 2018
Barbara Welzel
»Ein Löwe und ein Esel und eine Füchsin taten sich zusammen und gingen auf die Jagd. Sie machten große Beute …« Mitten in den Sommerferien 2016 kam die Ausschreibung »Eine Uni – ein Buch« für eine gemeinsame Initiative des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft und der Klaus Tschira Stiftung in Kooperation mit dem Zeitverlag: »Alle Hochschulen in Deutschland sind eingeladen, ein Buch zu bestimmen, das ein Semester lang hochschulübergreifend im Fokus von Gesprächen, Debatten und sonstigen Hochschulaktivitäten steht. « (DIE ZEIT, 25.8.2016) Nicht wenige der Akteure, die sich dann an der Technischen Universität Dortmund für dieses Projekt zusammenfanden (und es dürfte andernorts vergleichbare Erfahrungen geben), erlebten die Idee gewissermaßen als maßgeschneidert: »Da hätten wir eigentlich auch selber draufkommen können ... « Doch wollte die Ausschreibung nicht nur ein Gruppenprojekt fördern. Es hieß zwar: »Jedes Mitglied und jeder Angehörige einer staatlichen oder staatlich anerkannten Hochschule kann Initiator des Buch-Projektes sein: Professoren oder studentische Gruppen, Verwaltungsmitarbeiter oder Fakultätsleiter.« Dann jedoch war festgelegt: »Jede Hochschule darf einen Antrag stellen.« Damit war klar, dass es der Abstimmung bedurfte, damit nicht dezentral entwickelte Projekte in Konkurrenz zueinander gerieten. Mehr noch: Diese Ausschreibungsbedingung ließ sich so verstehen, dass durch strategische Koordination möglichst viele unterschiedliche Gruppen der Universität eingebunden werden sollten.
In den letzten Jahren wurden an der Technischen Universität Dortmund – vernetzt mit dem Diversitätsmanagement – verstärkt Formate und Projekte entwickelt, die verschiedene Gruppen der Universität zusammenbringen. Schon im Kernprojekt für »Ungleich besser! Verschiedenheit als Chance« des Stifterverbandes (2010) war zentral angelegt, Studierende, Lehrende und Mitarbeiter/-innen aus Technik und Verwaltung in einer gemeinsamen Veranstaltung in ein wissenschaftlich unterlegtes Gespräch über Diversität und Universität zu bringen (Konzeption: Dr. Verena Bruchhagen, Soziologie, und Dr. Ute Zimmermann, Stabsstelle Chancengleichheit, Familie und Vielfalt). Seit der Einrichtung des Prorektorats Diversitätsmanagement im April 2011 wurden – neben den klassischen proaktiven Antidiskriminierungsaktivitäten dieses Arbeitsfeldes – zahlreiche Projekte und Formate initiiert oder bereits bestehende Aktivitäten bestärkt und vertieft, um die gruppenübergreifende und verbindende Universitas der TU Dortmund in vielfältiger Weise auszuloten. Das Spektrum reicht von dem Kernprojekt für das Audit »Vielfalt gestalten« über Kunstprojekte und Ausstellungen bis zum Lehrformat »Diversitätsdialoge in Studium und Lehre«.
Der Grundgedanke des Ausgangsprojekts mündete etwa im Format »Zu Tisch – Diversität am Mittag«: Beim gemeinsamen Mittagessen diskutieren Angehörige der TU Dortmund über Diversitätsthemen an ihrer Hochschule. Das Projekt bringt dreimal pro Jahr eine Gruppe von maximal 15 Personen an einen Tisch. Dabei wechseln nicht nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich jedes Mal aus anderen, jeweils unterschiedlichen Bereichen der Hochschule zusammenfinden, sondern auch die Themen, der Ort und die Gastgebenden. Das Projekt richtet sich an alle Mitglieder der Universität. Auf diese Weise wird bei den Tischgesprächen über Vielfalt geredet und diese zugleich als solche erfahren und gelebt. Im Juli 2016 verlieh der Stifterverband diesem Projekt die »Hochschulperle divers«.
Entwickelt wurde 2012 das universitätsweite Lehrformat »Diversitätsdialoge in Studium und Lehre« (vgl. Welzel 2012). Der Grundgedanke ist einfach und ressourcenneutral: Im Laufe eines Semesters treffen sich zwei Lehrveranstaltungen und tauschen sich an der Kreuzung ihrer fachlichen Inhalte über verschiedene Perspektiven und Aspekte zu einem Themenfeld aus, um von zwei Seiten auf die gleichen Themen zu schauen. Im Regelfall dürften vermutlich zunächst die Lehrenden ›vormachen‹, dass und wie eine solche Kommunikation gehen kann, sie verkörpern diese Aufgeschlossenheit als Vorbilder – und geben selbstverständlich auch Raum für Begegnungen zwischen den Studierenden. Ziel ist es einerseits, Lehre in dem Sinne zeitgemäß zu machen, dass das Fächer und Disziplinen übergreifende Gespräch über Gegenstände eingeübt wird, auch um die Reichweiten und Kompetenzen verschiedener Disziplinen bei umfassenden Fragen zu erproben. Andererseits gilt es, die Universitas für möglichst viele Studierende in konkrete Lehrprojekte umzusetzen.
Wichtiger Baustein des Diversitätsmanagements sind an der TU Dortmund Kunstprojekte. Sie eröffnen Kontaktzonen zwischen Personenkreisen, die sich oft zum ersten Mal treffen, und sie stiften Veränderungen von Blickweisen an. Zum Fächerspektrum der TU Dortmund gehören auch künstlerische Professuren; sie bringen eine den Wissenschaften gleichgestellte Kunstperspektive in die Universität ein. Studierende der Fotografie erkundeten als »Campus-Schlenderer« Labore der Chemie und des Chemieingenieurwesens (Dobbert/ Welzel 2014), sie näherten sich dem Maschinenbau (Dobbert/Welzel 2016) oder setzten sich mit den Licht-Forschungen des deutsch-russischen Sonderforschungsbereichs in der Physik auseinander (Bayer/Debus/Klos/Welzel 2018); alle drei Projekte waren ihrerseits Beiträge zu den »Diversitätsdialogen«. »Bildwechsel« heißt eine Reihe von Malereiausstellungen in öffentlichen Räumen und Fluren der Universitätsverwaltung (Kolata/Welzel 2016). »Bildwechsel« eröffnet Begegnungsräume mit Kunstwerken jenseits eingespielter Kunstorte. Miteinander ins Gespräch treten einerseits junge Künstler/-innen und Mitarbeiter/-innen der Universitätsverwaltung, andererseits entspinnen sich Gespräche zwischen Verwaltungsmitarbeiter/-innen verschiedener Dezernate, die einander besuchen, um die Gemälde in den anderen Gebäuden und Fluren anzuschauen. Mit der Ausstellung von Kunstwerken nicht in Galerien, sondern in den Arbeitsbereichen zahlreicher Menschen entstehen Reibungen, die – zuweilen kontroverse – Gespräche anstiften. Gerade im Personaldezernat, wo neue Beschäftigte ihre Arbeitsverträge unterschreiben, gestaltet »Bildwechsel« die Empfangssituation der Universität mit.
Als Kerngruppe für ein Projekt im Rahmen »Eine Uni – ein Buch« fanden sich mit Dr. Joachim Kreische, Prof. Dr. Sigrid Nieberle und Prof. Dr. Barbara Welzel der Leiter der Universitätsbibliothek, eine Professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und die Prorektorin Diversitätsmanagement im Herbst 2016 zusammen. Selbst gestecktes Ziel war, ein Buch zu suchen,
das für alle Gruppen der Universität von Interesse sein kann und dessen Lektüre die »Universitas« der Technischen Universität Dortmund ebenso wie die institutionelle Diversität kommunizieren und praktizieren hilft: für Frauen und Männer, für junge und ältere Menschen, für Menschen, die viel lesen, und für solche, die eher weniger mit Literatur umgehen, für Wissenschaftler/-innen und Studierende aller Fakultäten und Fachkulturen – von den Kultur- und Sozialwissenschaften bis zu den Ingenieur- und Naturwissenschaften – und ebenso für Mitarbeiter/-innen aus Technik und Verwaltung.
das in der Tat »ein Buch« für »eine Uni« sein könnte: Auch wenn es sicher nicht gelingen würde, wirklich alle Mitglieder und Angehörigen der Universität zu beteiligen, durfte doch niemand strukturell ausgegrenzt werden. Es musste also ein Buch gefunden werden, das für mehr als 40.000 Personen zugänglich gemacht werden könnte. Das Buch sollte nicht nur als gedrucktes Buch kostengünstig erhältlich, sondern auch in digitalen Ausgaben frei zugänglich sein.
Gesucht wurde weiterhin ein Buch, das nicht nur als »Text« funktioniert, sondern auch eine Buchgeschichte aufweist und bei dem über Überlieferungs- und Mediengeschichte – einschließlich von Aspekten der Digitalisierung und der Zukunft von Bibliotheken – gesprochen werden kann.
Das Buch sollte möglichst auch einen Zugang für künstlerische Auseinandersetzung bieten, weil es eine interessante eigene Illustrations-, Vertonungs- und Verfilmungstradition aufweist.
Das Buch musste ein breites Spektrum von Begegnungen erlauben: von Lesungen, Workshops, Lehrveranstaltungen, Flashmobs bis hin zu wissenschaftlichen Symposien in den verschiedensten Fächern und Lektürekontexten.
Ringvorlesung: »Äsop interdisziplinär«
Ausstellungseröffnung »Aesop@TU Dortmund«
Aus dem Bewerbungsvideo
Der Löwe, der Esel und die Füchsin machten, als sie zusammen auf die Jagd gingen, »große Beute und der Löwe trug dem Esel auf, diese für sie zu verteilen.« Die Wahl fiel schnell auf die Fabeln des Äsop. Seit der Antike kondensieren diese Geschichten exemplarische Situationen menschlichen Handelns und Zusammenlebens. Bis in die Gegenwart werden sie in unterschiedlichsten Zusammenhängen aufgerufen. Faszinierend ist die Vorstellung, sich durch die ebenso gemeinsame wie vielfältige Auseinandersetzung mit den Fabeln in das Gewebe einer mehr als 2.000 Jahre alten Kulturpraxis einzuschreiben, daran teilzuhaben, sie fortzuführen und diesem Stoff eigene Muster hinzuzufügen. In einem zweiten Schritt galt es, einen Kreis von Personen zusammenzubringen, in dem die verschiedenen »Bevölkerungsgruppen« der Universität vertreten waren, der Akteure und Multiplikatoren zusammenbrachte. Das geschah auf Zuruf und im Schneeballverfahren. In diesem Kreis sollten erste exemplarische Ideen entwickelt, aber auch Pilotprojekte bereits auf den Weg gebracht werden. So trafen sich am Beginn des Wintersemesters 2016/17 knapp 20 Personen in den Räumen der Universitätsbibliothek: die Kerngruppe mit
Prof. Dr. Barbara Welzel (Prorektorin Diversitätsmanagement, Kunstgeschichte und Mitglied des TU-Kulturteams), Prof. Dr. Sigrid Nieberle (Neuere und Neueste deutsche Literatur) und Dr. Joachim Kreische (Leiter der Universitätsbibliothek); aus der Wissenschaft weiterhin: Prof. Dr. Egbert Ballhorn (Katholische Theologie), Prof. Dr. Christian Neuhäuser (Praktische Philosophie), Prof. Tillmann Damrau (Malerei), Prof. Dr. Frank Lobigs (Journalistik/Schwerpunkt Ökonomische Grundlagen des Journalismus und Mitglied des TU-Kulturteams), Prof. Dr. Michael Steinbrecher (Fernsehen und Crossmedialer Journalismus), Prof. Dr. Peter N. Posch (Finance), Prof. Dr. Jakob Rehof (Software Engineering und Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST), Kirsten Lindner-Schwentick (Studienkoordinatorin Bio- und Chemieingenieurwesen). Dabei waren außerdem Hannah Rosenbaum als AStA-Vorsitzende und Julia Bertelt als Mitarbeiterin der Personalabteilung (Dezernat 3 Personal und Recht). Langjährige Erfahrungen im Feld des Diversitätsmanagements brachten Dipl.-Päd. Verena Bruchhagen (Institut für Soziologie und Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW), Dr. Ute Zimmermann (Leiterin der Stabsstelle Chancengleichheit, Familie und Vielfalt) sowie Martina Stackelbeck (Zentrale Gleichstellungsbeauftragte der TU Dortmund) ein. Nicht fehlen durften Candan Bayram (Leitung Referat Hochschulmarketing und Mitglied des TU-Kulturteams) sowie Eva Prost (Leitung Referat Hochschulkommunikation). Kooptiert wurde – darauf wird noch einzugehen sein – der Filmemacher Dirk Baxmann.
Schnell bestätigte sich in dieser Runde, dass die Fabeln des Äsop vielfältigste Anknüpfungspunkte boten. Vorgebracht wurden Hinweise auf die Verwendung in wissenschaftlichen Diskursen, erzählt wurde von Erinnerungen an Erzählsituationen in der Kindheit. Es wurde miteinander gelacht, fantasiert und nachgedacht. Verabredet wurden hier die ersten Teilprojekte: Den Auftakt sollte das Wissenschaftsmagazin »mundo« der TU Dortmund übernehmen. Das bewährte akademische Format der Ringvorlesung sollte integriert werden, weiterhin die KinderUni und das Bildungsprojekt »TU@Adam’s Corner«; es sollte aber auch ein Malereiprojekt realisiert werden. Wir würden das Projekt schwerpunktmäßig nicht – wie in der Ausschreibung gewünscht – im Sommersemester 2017 durchführen, sondern im Wintersemester 2017/18, um so in das Jubiläumsjahr der 1968 gegründeten Technischen Universität Dortmund hineinreichen zu können. Die alljährliche Begrüßung der Erstsemester im Westfalenstadion sollte ebenfalls zum Äsop-Projekt beitragen. Zu den an diesem Nachmittag ausgeheckten Ideen, die in die Bewerbung einflossen, gehörte auch »Die Fabel für meine Tür«: An den Türen der verschiedenen Sekretariate auf dem Campus sollten ausgewählte
Fabeln im Wortsinn veröffentlicht werden und zum Gespräch anstiften. Freude machte das Erfinden des Titels, der schließlich »Aesop@TU Dortmund« lautete.
Das ließ sich – wenn auch mit einiger Arbeit – alles gut in einen Antrag schreiben. Die in anderen, allerdings kleineren, Projekten mehrfach erprobte Dokumentation durch ein Büro studentischer Hilfskräfte, das nun »Äsop-Büro« genannt wurde (und das später Laura Brauckmann und Daria Vogel besetzten), und auch die Ausstellung, mit der »Aesop@TU Dortmund« auf der Hochschuletage des Dortmunder U für die Stadtöffentlichkeit präsentiert werden sollte, ließen sich ebenfalls gut darstellen. Die Ausschreibung verlangte indes über einen solchen Text hinaus – wie ihre ausführliche Version auf der Homepage des Stifterverbands enthüllte – »den Link zu einem bei YouTube als ›nicht gelistet‹ hochgeladenen Bewerbungsvideo, das nicht länger als 2:00 Minuten dauern und auf Deutsch sein sollte«. Bewerbungsschluss war der 13.1.2017, mithin die Woche nach den Weihnachtsferien. In das Äsop-Team kam für diesen Film Dirk Baxmann, der 2012 den Imagefilm der TU Dortmund gedreht hatte. Er kannte die Universität – und hatte Spaß an dem ungewöhnlichen Unterfangen. In den Weihnachtsferien wurden Fabeln gelesen und am Telefon diskutiert, Literaturhinweise ausgetauscht und ein Literaturapparat in der Universitätsbibliothek zusammengestellt. Während der großen Ideen-Runde hatte jemand imaginiert, Fabeltiere liefen über den Campus: Auf der Mensabrücke könne einem plötzlich ein Löwe entgegenkommen, ein Frosch mische sich unter die Seminarteilnehmer, eine Eule und eine Füchsin führen H-Bahn etc. Es wurden also Tiermasken besorgt … Debattiert wurde, welche Fabel sich als narrative Klammer für den Film eignen könne: die vom Löwen, Esel und der Füchsin oder die vom alternden Löwen und der Füchsin oder vom Hasen und der Schildkröte oder oder … An einem der ersten Januartage wurde dann – die Schließzeit von Uni und Mensa war vorbei, der Campus aber noch ziemlich leer und still – gedreht. Wenige Tage blieben für den Filmschnitt und die finale Abstimmung, dann wurde die Bewerbung abgesendet. Längst hatten wir besprochen, dass wir das Projekt in jedem Fall weiter vorantreiben wollten, gleichwohl war die Auszeichnung im Wettbewerb – gemeinsam mit neun weiteren Hochschulen – eine schöne und wichtige Bestätigung. Es folgten die weitere Bekanntmachung der Initiative (in der »unizet«, im Infobrief der Rektorin, im Senat, mit Rundmails und ungezählten persönlichen Gesprächen), Pressearbeit, die Verleihung der Urkunde in Hamburg, ein Stand auf dem Sommerfest der TU Dortmund der »Fabel meiner Wahl«. Zu diesem Zeitpunkt gab es dann auch die ersten Flyer und Aufsteller zum Projekt. Entwickelt wurde von Christopher Kreutchen ein eigener Bild-Auftritt, der sich anregen ließ vom Fabelwettbewerb »Von fabelhaften Pflanzen und unerhörten Dingen« und dessen Ausschreibungstext, wo es u.a. hieß: »Kann eine Mohrrübe als besonders spitzfindig gelten und sich über eine plumpe Zuckerrübe erheben, die dennoch zuckersüß zuletzt lacht? Ist ein Staubsauger ein maßloser Fast-Food-Fresssack, ein Stabmixer ein wahlloser Gleichmacher auf Kleinkindniveau, ein Drucker der Inbegriff enigmatischer Verweigerungshaltung à la Bartleby, und was hat das alles mit uns zu tun?«
Das Wintersemester 2017/18 war dann das Äsop-Semester mit seinen zahlreichen, sehr unterschiedlichen Projekten, von denen in diesem Band berichtet wird. Das Spektrum reicht von einer einzelnen Fabel, die in eine Lehrveranstaltung integriert wurde, über innovative Lehrformate wie »Äsop’s Corner« und die Ringvorlesung, bis zu speziellen Lehrveranstaltungen wie derjenigen zu den »Fabeltieren« oder der Exkursion in die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Beteiligt waren Fächer von der Musikwissenschaft bis zum Chemieingenieurwesen, von Theologie, Politikwissenschaft und Soziologie bis zu Wirtschaftswissenschaften und Journalistik, Architekturgeschichte und Germanistik, Physik und Informatik. Integriert waren die Fabeln des Äsop in die Erstsemesterbegrüßung, die KinderUni und den »Bildwechsel«. Durch die Universität getragen wurden die Fabeln nicht zuletzt durch das Sekretariatsnetzwerk. Und das ist nur eine Auswahl. Es folgte im Frühjahr 2018 die Ausstellung im Dortmunder U; einen Abschluss markiert die vorliegende Publikation. Auch für sie muss gelten, was die Auswahl des einen Buches für alle bestimmt hat: Es muss für alle möglich sein, diese Publikation zu erwerben; das betrifft Kosten ebenso wie Auflagenhöhe. Gleichwohl sollte es für dieses Projekt ein gedrucktes Buch werden. Folgerichtig war es dann, eine Version des »print on demand« zu wählen.
Nachdem nun der Löwe dem Esel aufgetragen hatte, die Jagdbeute zu verteilen, machte dieser drei Teile und bat den Löwen, »sich seinen Teil auszusuchen. Da ärgerte sich der Löwe, fiel ihn an und fraß ihn auf und trug nun der Füchsin auf, die Beute neu zu verteilen. Die aber schichtete alles auf einen Haufen, ließ nur einen geringen Teil für sich übrig und bat ihn zu wählen. Als der Löwe fragte, wer sie denn so zu verteilen gelehrt habe, antwortete die Füchsin: ›Das Schicksal des Esels.‹«
Für manche Dinge in diesem Projekt wurde ein Extra-Budget benötigt: für den Film, für das Äsop-Büro (hier hat das Preisgeld von 5.000 Euro geholfen), für die Publikation. Alle diese Posten betreffen streng genommen die – notwendige! – Kommunikation, das Bekanntmachen innerhalb der Universität, das Vernetzen, das Dokumentieren und das Vorzeigen. Schon für die Ausstellung auf der Hochschuletage im Dortmunder U war jedoch kein »Zerlegen der Beute« notwendig, sie war vielmehr Teil des regulären Tuns an der Technischen Universität Dortmund (vgl. Bayram/Busse/Welzel 2015). Umso mehr gilt dies für alle anderen Aktivitäten: Sie alle waren eingeschrieben in den ›Alltag‹ der Universität, sie alle wurden aus »Bordmitteln« realisiert. Kleine Interventionen in der Lehre, Vernetzung bei der Themenwahl und bei Veranstaltungen, Freude am Gemeinsamen über alle ›Bevölkerungsgruppen‹ der Universität hinweg funktionierten ›fabelhaft‹ und machten ›tierischen‹ Spaß. In den vielen Gesprächen über Fabeln, über Vielfalt an der Universität und über ›Universitas‹ avancierte »Aesop@TU Dortmund« daher zum ermutigenden Modell.
Ausgewählte Literatur
In den Text haben ausgewählte Passagen des Bewerbungstextes Eingang gefunden.
Äsop: Fabeln. Griechisch/Deutsch. Übersetzung und Anmerkungen von Thomas Voskuhl. Nachwort von Niklas Holzberg. Stuttgart: Reclam, 2005. (Nr. 149: Der Löwe, der Esel und die Füchsin)
Candan Bayram/Klaus-Peter Busse/Barbara Welzel (Hrsg.) im Auftrag der Technischen Universität Dortmund: TU Dortmund im U. Mit einem Foto-Essay von Felix Dobbert. Oberhausen: Athena, 2015.
Felix Dobbert/Barbara Welzel (Hrsg.): Die Chemie stimmt. Fotografie-Werkstatt. (Dortmunder Schriften zur Kunst/ Kataloge und Essays 18) Dortmund 2014.
Felix Dobbert/Barbara Welzel (Hrsg.): MBF. Kunst und Maschinenbau. Eine fotografische Fusion/MBF. Art and Mechanical Engineering – A photographic fusion. (Dortmunder Schriften zur Kunst/Kataloge und Essays 28) Dortmund 2016.
Jan Kolata/Barbara Welzel (Hrsg.): Bildwechsel. Eine Ausstellungsreihe an der Technischen Universität Dortmund. (Dortmunder Schriften zur Kunst/Kataloge und Essays 26) Dortmund 2016.
Barbara Welzel: »Diversitätsdialoge in Studium und Lehre an der TU Dortmund«. In: journal hochschuldidaktik 23, Sept. 2012, S. 8-13.
Projekthomepage: www.aesop.tu-dortmund.de
Homepage beim Stifterverband:
https://www.stifterverband.org/eine-uni-ein-buch/2017
Ausstellungseröffnung »Aesop@TU Dortmund« am 17. April 2018 auf dem Campus Stadt im Dortmunder U
Die Aufgabe, ein Buch für die gesamte Universität zu finden, hat ein Ideenwettbewerb des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft in Kooperation mit der ZEIT und der Klaus Tschira Stiftung im vorigen Herbst gestellt (vgl. den Beitrag von Barbara Welzel in diesem Band). Das Buch sollte unter das gemeinsame Dach unserer Universität passen und zugleich unserer Vielfalt gerecht werden. Potentiell würde es für alle Angehörigen der TU Dortmund interessant sein, ganz gleich, welcher Fakultät sie angehören, und ob sie auf dem Campus studieren, forschen, lehren, verwalten oder organisieren. Es sollte für alle leicht zugänglich sein, sowohl in der Anschaffung als auch in der Sprache. Es sollte ein Buch sein, das man anfassen kann, aber auch als Datei überall mitnehmen kann. Und es sollte ein Buch sein, das so faszinierend ist, dass es uns alle ein knappes Jahr lang begleiten und zur Lektüre verleiten würde: im Hörsaal, in der Mensa, beim Flashmob, im Labor, in der Bibliothek, in Vorlesungen, Seminaren und auch an Feiertagen.
Die Wahl der TU Dortmund fiel auf ein Buch, das irgendwie alle kennen, aber die Wenigsten kürzlich in der Hand hatten: die Fabeln des Äsop.
Wer war der Fabelkünstler Äsop?
Laut der Überlieferungsgeschichte gehen die Fabeln auf das sechste Jahrhundert vor Christus zurück. Ein Sklave namens Äsop soll sich mit dem Erzählen seiner kurzweiligen Geschichten von sprechenden Tieren und Pflanzen sogar so viel Anerkennung erworben haben, dass er letztlich freigelassen wurde. Wer dabei an die Märchen aus 1.001 Nacht denkt, liegt richtig: Erzählen kann eine Überlebensstrategie sein – und zur Mythenbildung führen. Ob nicht Äsops Lebensgeschichte ebenso weit von der Realität entfernt ist wie seine Fabeln selbst? Hat jemand schon einen Storch mit einem Frosch diskutieren gehört? Einzelne Erwähnungen überliefern ein unvollständiges und teils widersprüchliches Bild dieses Fabelkünstlers. Seine überlieferte Lebensgeschichte folgt obendrein denselben Strukturprinzipien wie die von ihm erzählten Geschichten, was Grund genug wäre, Äsop als eine Figur seines eigenen Werks verstehen zu wollen.
Sollte es aber den Erzähler Äsop wirklich gegeben haben, so dauerte es mehrere hundert Jahre, bis seine Fabeln schriftlich notiert wurden. Römische und syrische Autoren schrieben die mündlich erzählten Geschichten auf und fügten eigene Versfabeln ›nach der Art des Äsop‹ hinzu. Bereits die römischen Gelehrten unterschieden zwischen den Fabeln des Äsop und Äsopischen Fabeln. Beide spielen für die Provenienzforschung, die solche verschlungenen Überlieferungswege rekonstruiert, eine wichtige Rolle. Vermutlich erst im zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christus entstand eine ursprünglich alphabetisch geordnete Sammlung Äsopischer Fabeln mit 244 Texten in griechischer Sprache. Keine Kopie dieser oder anderer Textsammlungen wurde in Schulen und Klöstern ohne Phantasie, ohne Fehler und ohne die Absicht der Verbesserung angefertigt, so dass sich eine verästelte Überlieferungsgeschichte entwickelte.
Noch nicht annähernd beantwortet ist die Frage, welchen Weg die mündlichen Erzählungen eines Sklaven der Antike genommen haben, um später zwischen prächtigen mittelalterlichen Buchdeckeln zu landen und danach in immer neuen Medien – Bildern, Filmen, Hörbüchern, Blogs – aufzutauchen. Allein die Reise des »Codex Cryptoferratensis« aus dem zehnten Jahrhundert nach Christus, einer Textsammlung, die eine vermutlich vollständige Version des so genannten »Äsopromans« mit dem Leben und Werk des Autors enthält, gibt Rätsel auf: Wie kam dieses Manuskript von einer Höhle in der Nähe der kleinen italienischen Stadt Frascati nach New York City in die Prachtbibliothek des Bankiers John Pierpont Morgan, nachdem es zwischen 1789 und 1928 verschollen war?
Für die heute allgemein verbreitete Vorstellung von der Fabel als einer kurzen Tiergeschichte mit lehrreichem Inhalt ist vor allem ein früher Buchdruck verantwortlich, der auf lateinische Textvarianten zurückgeht. Der Arzt und Gelehrte Heinrich Steinhöwel fertigte 1476/77 eine aufwändig illustrierte, zweisprachig gedruckte Buchausgabe an: den Ulmer Esopus. Mit hunderten Nachdrucken und zahlreichen Übersetzungen, darunter ins Japanische und Aztekische, lässt sich die Popularität dieser Ausgabe belegen. Für Martin Luthers Geschmack war dieses Buch allzu unterhaltsam aufgemacht; er schätzte die Fabeln Äsops eher für die moralische Dimension des lehrreichen Exempels (vgl. den Artikel über Michael Basses Forschung in diesem Band).
Fabeln sind dichte Texte, die scharfe Beobachtungen zu den Herausforderungen des menschlichen Zusammenlebens anbieten und dabei zunächst recht harmlos daherkommen. Vielfältig und tragisch wie komisch erscheinen nicht nur die Bewohner der Fabelwelt, sondern auch ihre Erfahrungen miteinander. Sie berühren Respekt, Loyalität und Freundschaft ebenso wie Übervorteilung, Manipulation und Ressourcenknappheit, aber auch unerwarteten Überfluss, überstürztes und eigennütziges ebenso wie planvolles, altruistisches und nachhaltiges Handeln. Die kleine Form der Fabel eröffnet einen Reigen menschlicher Sozialität, mit dem Konflikte stark situationsgebunden und aufgabenorientiert verhandelt werden: Lädt der Storch den Fuchs zum Essen ein; trägt der Esel einen Sack Salz durch einen Fluss; wächst die Brombeere neben Apfelbäumen; erspähen Menschen das erste Mal ein Kamel; streiten sich Schilfrohr und Ölbaum über Biegsamkeit und Festigkeit; laufen Hase und Igel um die Wette usw.
