After love - Anna Todd - E-Book

After love E-Book

Anna Todd

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Beschreibung

Gerade als Tessa die wichtigste Entscheidung ihres Lebens getroffen hat, ändert sich alles. Die Geheimnisse in ihrer Familie und der Streit darüber, wie ihre Zukunft mit Hardin aussehen soll, bringen alles ins Wanken. Zudem schlägt Hardin immer noch um sich, anstatt Tessa zu vertrauen, und der Kreislauf aus Eifersucht, Zorn und Verschmelzung wird immer zerstörerischer. Noch nie hatte Tessa so intensive Gefühle, war so berauscht von einem Menschen. Aber reicht die Liebe allein?

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DAS BUCH

Gerade als Tessa die wichtigste Entscheidung ihres Lebens getroffen hat, ändert sich alles. Die Geheimnisse in ihrer Familie und der Streit darüber, wie ihre Zukunft mit Hardin aussehen soll, bringen alles ins Wanken. Zudem schlägt Hardin immer noch um sich, anstatt Tessa zu vertrauen, und der Kreislauf aus Eifersucht, Zorn und Verschmelzung wird immer zerstörerischer. Noch nie hatte Tessa so intensive Gefühle, war so berauscht von einem Menschen. Aber reicht die Liebe allein?

DIE AUTORIN

Anna Todd lebt gemeinsam mit ihrem Ehemann im texanischen Austin. Sie haben nur einen Monat nach Abschluss der Highschool geheiratet. Anna war schon immer eine begeisterte Leserin und ein großer Fan von Boygroups und Liebesgeschichten. In ihrem Debütroman AFTER PASSION konnte sie ihre Leidenschaften miteinander verbinden und sich dadurch einen Lebenstraum erfüllen. Anna Todd ist online zu finden unter: AnnaToddBooks.com, twitter.com/Imaginator1dx, instagram.com/imaginator1d und auf Wattpad als Imaginator1D.

LIEFERBARE TITEL

After passion – After truth

ANNA TODD

AFTER

love

Roman

Band 3

Aus dem Amerikanischen von

Ursula C. Sturm

Corinna Vierkant

Nicole Hölsken

WILHELMHEYNEVERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe

AFTER WE FELL (The After Series,Band 3)

erschien bei Gallery Books,

a division of Simon & Schuster, Inc., New York

Deutsche Erstausgabe 07/2015

Copyright © 2014 by Anna Todd, vertreten durch Wattpad

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Catherine Beck

Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München

Umschlagabbildung: © FinePic, München. 

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN:978-3-641-16268-9

www.heyne.de

Für J,

weil er mich auf eine Weise liebt,

von der viele Menschen nur träumen können.

Und für die Hardins dieser Welt,

die es verdient haben,

dass jemand ihre Geschichte erzählt.

Prolog

Erinnerungen stürmen auf mich ein, während ich in das vertraute Gesicht des Fremden blicke.

Wie oft habe ich mir früher, wenn ich meiner blonden Barbiepuppe die Haare gebürstet habe, gewünscht, ich wäre sie! Sie hatte es gut. Sie war schön und immer perfekt gepflegt und genau so, wie sie sein sollte. Ihre Eltern müssen stolz auf sie sein, dachte ich oft. Ich stellte mir vor, dass ihr Vater ein wichtiger Firmenboss war, ständig auf Geschäftsreise, um den Lebensunterhalt für seine Familie zu verdienen, während sich ihre Mutter um das Haus kümmerte.

Barbies Vater wäre niemals betrunken von der Arbeit nach Hause getorkelt, und er hätte auch nie seine Frau angebrüllt, so laut, dass sich Barbie vor Angst draußen im Gewächshaus verkriechen musste, um dem Geschrei und dem in tausend Stücke zerspringendenGeschirr zu entkommen. Und sollte es wegen eines kleinen, einfach zu klärenden Missverständnisses zufällig doch mal Streit zwischen ihren Eltern gegeben haben, dann hatte Barbie ja immer noch Ken, ihren perfekten blonden Freund, der ihr Gesellschaft leistete … Sogar draußen im Gewächshaus.

Barbie war eben perfekt, und deshalb hatte sie auch die perfekten Eltern und führte ein perfektes Leben.

Der verwahrloste, abgemagerte Mann, der da vor mir steht, ist mein Vater. Er sieht ganz anders aus als in meiner Erinnerung, ganz anders, als er eigentlich aussehen sollte. Als er mich erkennt, lächelt er, und eine weitere Erinnerung kommt in mir hoch.

Mein Vater an dem Abend, an dem er gegangen ist … Und das Gesicht meiner Mutter. Sie weinte nicht. Sie stand bloß da, mit versteinerter Miene, und wartete darauf, dass er ging. Nach diesem Abend war sie ein vollkommen anderer Mensch. Nicht mehr liebevoll und mütterlich, sondern distanziert, unfreundlich und unglücklich. Aber zumindest war sie noch da, nachdem er beschlossen hatte zu gehen.

1

Tessa

»Dad?« Obwohl mir seine braunen Augen bekannt vorkommen, kann der Mann, der da vor mir steht, unmöglich mein Vater sein – oder?

»Tessie?« Seine Stimme klingt rauer als in meinen verblassten Erinnerungen.

Hardin dreht sich zu mir um und mustert erst mich und dann meinen Vater irritiert.

Mein Vater, hier, in diesem total heruntergekommenen Viertel. Seine Kleider strotzen vor Dreck.

»Tessie? Bist du das wirklich?«

Ich bin wie gelähmt und weiß nicht, was ich zu diesem Betrunkenen sagen soll, der das Gesicht meines Vaters hat.

Hardin legt mir eine Hand auf die Schulter, um mir irgendeine Reaktion zu entlocken. »Tessa …«

Ich mache einen Schritt auf den Fremden zu, und er lächelt erneut. Sein brauner Bart ist von silbernen Härchen durchzogen, und die Zähne, die er beim Lächeln entblößt, sind bei Weitem nicht mehr so weiß wie früher … Wie konnte das passieren? All meine Hoffnungen, dass er es schaffen würde, sich zu ändern, so wie Hardins Vater, sind auf einen Schlag dahin. Die Erkenntnis, dass dieser Mann tatsächlich mein Vater ist, bekümmert mich mehr, als ich erwartet hätte.

»Ja, ich bin’s«, sagt jemand, und es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass die Worte aus meinem Mund gekommen sind.

Er tritt zu mir und umarmt mich. »Ich glaub’s nicht! Du hier! Ich versuch schon seit einer Ewigkeit …«

Er bricht ab, weil mich Hardin von ihm wegzieht. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, also lasse ich es einfach geschehen.

Der Unbekannte – mein Vater – blickt zwischen Hardin und mir hin und her, alarmiert und ungläubig zugleich. Aber er hat sich gleich wieder gefangen und bleibt auf Distanz, und ich bin froh darüber.

»Ich bin seit Monaten auf der Suche nach dir«, sagt er und wischt sich mit der Hand über die Stirn, wo ein grauer Streifen auf seiner Haut zurückbleibt.

Hardin ist im Verteidigungsmodus und schiebt sich zwischen uns. »Ich war die ganze Zeit über in der Stadt. Tja, und jetzt hast du mich gefunden«, sage ich leise, wobei ich über Hardins Schulter spähe. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er mich beschützt. Erst jetzt wird mir bewusst, dass die Situation für ihn vollkommen verwirrend sein muss.

Mein Vater mustert ihn von Kopf bis Fuß. »Wow, Noah, du hast dich ganz schön verändert.«

»Das ist nicht Noah, sondern Hardin«, kläre ich ihn auf.

Er tritt ein, zwei Schritte zur Seite und schiebt sich an Hardin vorbei in meine Richtung. Wenn er mir so nahe ist wie jetzt, kann ich ihn riechen. Er hat eine Fahne. Wann immer er sich bewegt, spannt Hardin sämtliche Muskeln an.

Hardin und Noah sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht, man kann sie gar nicht verwechseln. Wahrscheinlich ist der Alkohol schuld – mein Vater trinkt schon seit Jahren. Jetzt legt er mir einen Arm um die Schultern, und Hardin mustert mich fragend, aber ich schüttele kaum merklich den Kopf. Ich will nicht, dass er dazwischengeht.

»Hardin ist also dein …« Allmählich wird es mir unangenehm, dass der Arm meines Vaters noch immer auf meiner Schulter liegt. Hardin steht einfach nur da und sieht aus, als könnte er jeden Moment ausflippen – wenn auch nicht unbedingt vor Wut. Es kommt mir vor, als hätte er keine Ahnung, was er sagen oder tun soll.

Tja, willkommen im Club. »Hardin ist … äh … er ist mein …«

»… Freund. Ich bin ihr Freund«, beendet Hardin den Satz für mich.

Die Pupillen des Mannes weiten sich. Es scheint, als würde ihm Hardins Äußeres erst jetzt auffallen.

»Ich bin Richard. Schön, dich kennenzulernen, Hardin.« Er streckt Hardin die schmutzige Rechte hin.

»Äh, ja, gleichfalls«, stottert Hardin sichtlich verstört.

»Was treibt ihr zwei denn hier in dieser Gegend?«

Ich nutze die Gelegenheit, um mich von meinem Vater zu lösen und neben Hardin zu stellen, der sich wieder etwas gefangen hat und mich an sich zieht.

»Hardin wollte sich ein Tattoo stechen lassen«, antworte ich, ohne nachzudenken. Mein Hirn ist total überfordert mit der Situation.

»Ah … gut. Ich war auch schon mal in dem Laden.«

Ich muss daran denken, wie mein Vater früher, ehe er morgens aus dem Haus ging, Kaffee getrunken hat. Der Mann von damals sah komplett anders aus, redete anders und wäre definitiv nie auf die Idee gekommen, sich tätowieren zu lassen. Damals war ich noch seine kleine Prinzessin.

»Bei meinem Freund Tom, jawohl.«

Er schiebt den Ärmel seines Pullovers hoch, und ich erkenne einen Totenkopf auf seinem Unterarm. Es ist, als würde dieser Arm einem anderen gehören, aber je länger ich hinsehe, desto klarer wird, dass er tatsächlich der meines Vaters ist.

»Oh.« Mehr bringe ich nicht heraus.

Die Situation ist einfach zu schräg. Dieser Mann ist mein Vater, also der Mann, der meine Mutter und mich vor neun Jahren verlassen hat. Und jetzt steht er betrunken vor mir, und ich habe keine Ahnung, was ich von alldem halten soll.

Irgendwie freue ich mich, auch wenn ich es mir im Augenblick nicht eingestehen will. Insgeheim hatte ich immer die Hoffnung, dass ich ihn wiedersehen würde, seit meine Mutter mal erwähnt hat, dass er wieder in der Gegend ist. Ich weiß, es klingt albern – total verrückt eigentlich –, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es ihm besser geht. Er ist betrunken und vermutlich obdachlos, aber er hat mir gefehlt, und zwar mehr, als ich dachte. Vielleicht hatte er ja gerade nur eine schlechte Phase. Es steht mir nicht zu, mir über diesen Mann, über den ich so gut wie nichts weiß, ein Urteil zu bilden.

Ich betrachte ihn, und es kommt mir bizarr vor, dass auf der Straßeum uns herum alles seinen gewohnten Gang geht. Als ich vorhin so unerwartet meinem Vater gegenüberstand, hätte ich schwören könnten, dass die Zeit stehen geblieben ist.

»Wo wohnst du?«, frage ich ihn.

Hardin mustert ihn misstrauisch und lässt ihn nicht aus den Augen, als wäre mein Vater ein gefährliches Raubtier.

»Ich hab gerade nichts Festes.« Mein Vater wischt sich mit dem Ärmel über die Stirn.

»Oh.«

»Ich habe bei Raymark gejobbt, aber sie haben mich entlassen.«

Ich erinnere mich dunkel daran, dass ich den Namen schon mal gehört habe. Raymark stellt irgendwas her. Mein Vater hat in einer Fabrik gearbeitet?

»Und was treibst du so? Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Fünf Jahre?«

»Nein, neun«, erwidere ich und spüre, wie Hardin neben mir die Schultern strafft.

»Neun Jahre? Das tut mir leid, Tessie.« Er lallt kaum merklich.

Tessie. Dass er diesen Kosenamen verwendet, macht mich traurig. So hat er mich immer dann genannt, wenn alles gut war. Wenn er mich auf die Schultern gehoben hat und mit mir durch unseren kleinen Garten galoppiert ist. Damals, bevor er uns verlassen hat. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Mir ist zum Weinen zumute, weil ich ihn so lange nicht gesehen habe, und zugleich ist mir zum Lachen, weil wir uns ausgerechnet hier über den Weg gelaufen sind. Eigentlich habe ich Lust, ihn anzuschreien, weil er mich verlassen hat. Es ist verwirrend, ihn so zu sehen. Getrunken hat er auch früher schon, aber damals war er ein aggressiver Alkoholiker, keiner, der lächelt und seine Tätowierungen zeigt und dem Freund seiner Tochter die Hand schüttelt. Vielleicht ist er ja tatsächlich netter geworden …

»Ich glaube, wir sollten dann mal los«, sagt Hardin zu meinem Vater.

»Es tut mir wirklich leid, Theresa. Es war nicht nur meine Schuld. Deine Mutter … Na ja, du kennst sie ja«, verteidigt er sich. »Bitte, gib mir eine Chance.«

»Tessa …«, murmelt Hardin warnend.

»Moment, ja?«, sage ich, dann packe ich Hardin am Arm und stelle mich mit ihm ein paar Schritte abseits.

»Was zum Henker soll das werden? Du willst doch nicht etwa …?«

»Er ist mein Dad, Hardin.«

»Er ist ein obdachloser Alkoholiker, verflucht noch mal«, knurrt er verärgert.

Obwohl er recht hat, treiben mir seine Worte die Tränen in die Augen. »Ich habe ihn seit neun Jahren nicht gesehen.«

»Genau deshalb – weil er dich verlassen hat. Das ist doch bloß Zeitverschwendung, Tessa.« Er späht über meine Schulter hinweg zu meinem Vater.

»Mir egal. Ich will hören, was er mir zu sagen hat.«

Er schüttelt den Kopf, doch dann sagt er: »Okay, meinetwegen. Du hast ja hoffentlich nicht vor, ihn mit zu uns zu nehmen.«

»Wenn ich das will, dann werde ich es tun. Und wenn er mitkommen will, dann werde ich ihn mitnehmen. Es ist schließlich auch meine Wohnung«, zische ich und betrachte unauffällig meinen Vater, wie er dort steht, in seinen dreckigen Klamotten, und auf den Boden starrt. Wann hat er wohl zuletzt richtig gegessen oder in einem Bett geschlafen? Der Gedanke versetzt mir einen Stich.

»Du willst ihn doch nicht etwa ernsthaft mitnehmen zu uns, oder?« Hardin fährt sich entnervt durchs Haar … eine Geste, die ich nur allzu gut kenne.

»Nur für eine Nacht. Ich sage ja nicht, dass er bei uns einziehen soll.Wir könnten was kochen«, schlage ich vor. Mein Vater hebt den Kopf,und unsere Blicke kreuzen sich. Als er lächelt, wende ich den Blick ab.

»Kochen? Tessa, der Mann ist Alkoholiker, Herrgott noch mal! Du hast ihn seit fast zehn Jahren nicht gesehen, und jetzt willst du für ihn kochen?«

Sein Ausbruch ist mir peinlich. Ich packe ihn am Kragen und ziehe ihn zu mir hinunter. »Er ist mein Vater, Hardin. Und zwischen meiner Mutter und mir herrscht Funkstille.«

»Das bedeutet noch lange nicht, dass du dir jetzt den da als Mutterersatz anlachen musst. Das wird ein schlimmes Ende nehmen, Tessa. Du bist viel zu nett. Die meisten Leute haben es gar nicht verdient, dass du so verdammt nett zu ihnen bist.«

»Aber es ist mir wichtig«, sage ich, und seine Miene wird weich, ehe ich ihn darauf hinweisen kann, welche Ironie in seinen Einwänden steckt.

Er seufzt und fährt sich mit den Fingern durchs Haar, das ihm jetzt vom Kopf absteht. »Verflucht, Tessa, das gibt noch Probleme.«

»Das kannst du gar nicht wissen«, flüstere ich und sehe zu meinem Vater hinüber, der sich gerade mit den Fingern über den Bart streicht. Mir ist klar, dass Hardin recht haben könnte, aber ich muss zumindest versuchen, diesen Mann kennenzulernen … oder mir wenigstens anhören, was er zu sagen hat. Das bin ich mir schuldig.

Ich gehe wieder zu ihm rüber. »Möchtest du mitkommen zu uns und mit uns zu Abend essen?« Meine Stimme zittert ein wenig. So richtig wohl ist mir bei der Sache auch nicht.

»Meinst du das ernst?«, fragt er mit hoffnungsvoller Miene.

»Ja.«

»Äh, klar will ich! Gern!« Er lächelt, und da erhasche ich für einen kurzen Moment einen Blick auf den Mann, den ich von früher kenne – bevor er anfing zu trinken, meine ich.

Auf dem Weg zum Auto sagt Hardin kein Wort. Ich weiß, dass er sauer ist, und ich verstehe ihn. Andererseits hat sich sein Vater doch auch geändert. Inzwischen leitet er sogar unser College, verdammt noch mal! Ist es da wirklich so naiv von mir zu hoffen, dass mein Vater eine ähnliche Entwicklung durchmachen könnte?

Als wir vor Hardins Wagen stehen, sagt mein Vater: »Wow, der gehört euch? Das ist ein Capri, stimmt’s? Das Modell wurde Ende der Siebzigerjahre gebaut.«

»Jep«, sagt Hardin und setzt sich ans Steuer.

Dass er so kurz angebunden ist, scheint meinen Vater zum Glück nicht zu stören. Für ein paar Sekunden herrscht betretenes Schweigen, und sobald Hardin den Motor aufheulen lässt, greifen wir gleichzeitig zum Lautstärkeregler des Radios.

Während der ganzen Fahrt frage ich mich, was meine Mutter wohl von alldem halten würde. Schon die Vorstellung lässt mich schaudern, also denke ich stattdessen an meinen bevorstehenden Umzug nach Seattle.

Nein, das ist fast noch schlimmer. Ich habe keine Ahnung, wie ich es Hardin beibringen soll. Ich schließe die Augen und lehne den Kopf ans Fenster. Als ich Hardins warme Hand auf meiner spüre, werde ich gleich ein bisschen ruhiger.

»Wow! Hier wohnt ihr?«, staunt mein Vater von hinten, als wir angekommen sind.

Hardin wirft mir einen »Ich habe dich gewarnt«-Blick zu.

»Ja, aber erst seit ein paar Monaten«, sage ich.

Während der Fahrt mit dem Aufzug mustert mich Hardin so besorgt, dass meine Wangen ganz heiß werden. Ich lächle ihn an, in der Hoffnung, dass er etwas lockerer wird. Es scheint zu funktionieren. Es ist ziemlich seltsam, jemanden mit nach Hause zu nehmen, der praktisch ein Fremder für mich ist. Inzwischen bereue ich fast, ihn eingeladen zu haben, aber jetzt ist es zu spät.

Hardin schließt die Tür auf und geht sofort ins Schlafzimmer, wortlos und ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen.

»Bin gleich wieder da«, sage ich und gehe ihm nach. Meinen Vater lasse ich einfach im Flur stehen.

»Darf ich mal aufs Klo?«, ruft er mir nach.

»Natürlich. Es ist da hinten«, sage ich und deute auf die Tür am Ende des Flurs, ohne mich umzudrehen.

Hardin sitzt auf dem Bett und zieht sich die Stiefel aus. Er sieht zur Tür und wedelt mit der Hand, damit ich sie schließe.

»Ich weiß, dass du sauer auf mich bist«, sage ich leise und trete näher an ihn heran.

»Ja, bin ich.«

Ich nehme sein Gesicht in beide Hände und streiche ihm sanft mit den Daumen über die Wangen. »Ärger dich nicht.«

Er schließt die Augen und schlingt mir die Arme um die Taille. »Er wird dir wehtun. Ich versuche nur, das zu verhindern.«

»Er kann mir gar nicht wehtun. Wie soll er das denn anstellen, nachdem ich ihn seit einer Ewigkeit nicht gesehen habe?«

Er schnaubt verärgert. »Wahrscheinlich stopft er sich da draußen gerade die Taschen mit unserem Krempel voll«, sagt er, und ich muss unwillkürlich kichern. »Das ist nicht witzig, Tessa.«

Ich seufze und hebe sein Kinn an, damit er mich ansehen muss. »Könntest du bitte versuchen, dich zu entspannen und das alles ein bisschen positiver zu sehen? Die ganze Angelegenheit ist für mich schon verwirrend genug, da kann ich es echt nicht brauchen, dass du schmollst und mir noch zusätzlich Druck machst.«

»Ich schmolle nicht. Ich versuche, dich zu beschützen.«

»Das ist nicht nötig. Er ist mein Dad.«

»Er ist nicht dein Dad.«

»Bitte.« Ich streiche ihm mit dem Daumen über die Unterlippe, und seine Miene wird weich.

Er seufzt. »Okay, dann mal ab in die Küche. Wer weiß, wann er zuletzt etwas gegessen hat, das er nicht aus einer Mülltonne gefischt hat.«

Mein Lächeln erstirbt, und meine Unterlippe zittert, ohne dass ich es will.

»Entschuldige«, sagt Hardin, dem es nicht entgangen ist. »Nicht weinen.« Er seufzt, schon zum x-ten Mal, seit uns mein Vater über den Weg gelaufen ist. Dass er sichSorgen macht – auch wenn sich das bei ihm in Gereiztheit äußert wie alles andere auch –, lässt die ganze Situation nur noch bizarrer erscheinen.

»Ich hab alles genau so gemeint, wie ich es gesagt habe, aber ich werde versuchen, mich zusammenzureißen, okay?« Er steht auf und küsst mich in den Mundwinkel. »Dann wollen wir dem Penner mal eine ordentliche Mahlzeit vorsetzen«, murmelt er auf dem Weg zur Tür, was mich schon wieder total auf die Palme bringt.

Mein Vater steht im Wohnzimmer und sieht sich um. Sein Blick wandert über die Bücher auf unseren Regalen. Er wirkt hier vollkommen fehl am Platz.

»Du könntest ein bisschen fernsehen, während ich uns was zu essen mache«, schlage ich ihm vor.

»Ich kann dir aber auch helfen.«

»Äh, okay.« Ich lächle etwas halbherzig, und er folgt mir in die Küche.

Hardin bleibt im Wohnzimmer. Er geht auf Distanz, wie erwartet.

»Ich kann nicht fassen, dass du erwachsen bist und deine eigene Wohnung hast«, bemerkt mein Vater.

Ich versuche, meine Gedanken zu sortieren, während ich eine Tomate aus dem Kühlschrank nehme. »Ich studiere an der WCU. Hardin auch«, sage ich. Hardins drohende Exmatrikulation erwähne ich natürlich nicht.

»Echt? Wow.« Er setzt sich an den Tisch, und mir fällt auf, dass seine Hände und seine Stirn nicht mehr schmutzig sind. Außerdem hat er offenbar versucht, einen Fleck am Hemd auszuwaschen, denn es ist an der Schulter ganz nass. Als mir klar wird, dass er auch nervös ist, geht es mir gleich ein bisschen besser.

Am liebsten würde ich ihm von Seattle erzählen, aber erst muss ich es Hardin sagen. Ich hatte es fest vor, aber nachdem jetzt mein Vater aufgetaucht ist, musste ich es schon wieder aufschieben. Ich bin gespannt, mit wie vielen Problemen ich noch jonglieren kann, bis alles endgültig in einer Katastrophe endet.

»Ich wusste immer, dass mal etwas aus dir wird. Ich hätte deinen Werdegang zu gern miterlebt.«

»Tja, aber du warst nicht da«, erwidere ich knapp. Sofort plagt mich das schlechte Gewissen, aber ich nehme es trotzdem nicht zurück.

»Ich weiß, aber jetzt bin ich ja wieder da, und ich hoffe, ich kann es irgendwie gutmachen.«

Hm. Jetzt finde ich es doch irgendwie grausam, denn er weckt die Hoffnung in mir, dass er vielleicht gar kein so schlechter Mensch ist und nur aufhören müsste zu trinken.

»Bist du noch … Trinkst du noch immer?«

»Ja.« Er senkt den Kopf. »Aber weniger, auch wenn es gerade nicht so aussieht. Ich habe bloß ein paar schwierige Monate hinter mir, das ist alles.«

Hardin erscheint in der Küchentür, und ich sehe ihm an, dass er überlegt, ob er eine Bemerkung dazu machen soll oder nicht. Ich hoffe, er hält den Mund.

»Ich habe deine Mom ein paar Mal besucht«, sagt mein Vater.

»Echt?«

»Ja. Sie wollte mir nicht verraten, wo du bist. Sie sieht toll aus.«

Der Kommentar ist mir peinlich. Ich höre förmlich die Stimme meiner Mutter, höre, wie sie mich daran erinnert, dass uns dieser Mann verlassen hat. Dass er der Grund dafür ist, dass sie heute so ist, wie sie ist.

»Was ist eigentlich … zwischen euch passiert?«, frage ich unvermittelt und lege drei Hühnerbrustfilets in eine Pfanne. Das Öl brutzelt und zischt. Mit dem Rücken zu ihm warte ich auf seine Antwort. Ich will mich nicht umdrehen, will meinem Vater nicht ins Gesicht sehen, nachdem ich etwas so Persönliches gefragt habe.

»Wir haben einfach nicht zusammengepasst. Sie wollte immer mehr, als ich ihr geben konnte. Du weißt ja, wie sie sein kann.«

Ja, das weiß ich allerdings. Trotzdem stößt es mir auf, dass er in so abfälligem Ton von ihr redet.

Ich wirbele herum und frage: »Warum hast du nicht angerufen?« So, damit habe ich den Schwarzen Peter wieder ihm zugeschoben.

»Ich habe angerufen. Sehr oft sogar. Und ich habe dir zu jedem Geburtstag ein Geschenk geschickt. Das hat sie dir wohl nicht erzählt, hm?«

»Nein.«

»Es ist aber wahr. Ehrlich. Du hast mir all die Jahre so gefehlt. Ich kann nicht fassen, dass du jetzt hier vor mir stehst.« Seine Augen glänzen, seine Stimme zittert. Er steht auf und kommt auf mich zu.

Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Ich kenne den Mann doch gar nicht mehr. Vielleicht kannte ich ihn nie.

Hardin tritt in die Küche und schiebt sich zwischen uns, und wieder bin ich froh darüber. Ich weiß nicht, was ich denken soll, ich weiß nur, dass mir mein Vater nicht zu nahe kommen darf.

»Mir ist klar, dass du mir nicht verzeihen kannst.« Er ist den Tränen nahe.

Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. »Darum geht es nicht. Ich brauche bloß Zeit. Ich muss mich erst daran gewöhnen, dass du wieder da bist. Ich kenne dich ja gar nicht richtig«, erkläre ich, und er nickt.

»Ich weiß, ich weiß.« Er setzt sich wieder an den Tisch, damit ich weiterkochen kann.

2

Hardin

Tessas verfluchter Erzeuger schlingt zwei Teller Essen runter, ohne auch nur einmal Luft zu holen. Ich wette, er stand kurz vor dem Verhungern, weil er ja obdachlos ist und so. Nicht dass ich kein Verständnis habe für Leute, die eine Pechsträhne hatten oder eine schwere Zeit durchmachen. Aber der Typ ist Alkoholiker und hat seine Tochter im Stich gelassen, und deshalb tut mir dieser Wichser wirklich kein bisschen leid.

Er kippt noch ein Glas Wasser hinterher, dann strahlt er mein Mädchen an. »Du bist eine ziemlich gute Köchin, Tessie.«

Wenn er sie noch einmal so nennt, schreie ich.

»Danke.« Sie lächelt. Natürlich. Sie ist eben ein netter Mensch, im Gegensatz zu ihm. Es ist offensichtlich, dass er mit seiner verfluchten Schleimerei Erfolg hat. Kein Wunder – wenn man als Kind vom Vater verlassen wird, hinterlässt das eben seelische Wunden.

»Ganz im Ernst. Vielleicht verrätst du mir ja irgendwann das Rezept.«

Wozu? Damit du es in deiner nicht vorhandenen Küche nachkochen kannst?

»Gern«, sagt sie und steht auf, um ihren Teller wegzuräumen. Meinen nimmt sie gleich mit.

Richard – Dick – steht ebenfalls auf. »Ich sollte dann wohl gehen. Danke fürs Essen«, sagt er.

»Nein, du kannst … du kannst gern über Nacht bleiben, wenn du willst. Wir bringen dich dann morgen zurück … nach Hause …«, sagt sie zögernd, wohl, weil sie nicht weiß, ob das die richtige Wortwahl ist.

Ich weiß nur eins: Mir gefällt das alles nicht.

»Das wäre toll«, sagt Dick und reibt sich die Arme.

Wahrscheinlich braucht er dringend einen Drink, dieser verdammte Scheißkerl.

Tessa lächelt. »Gut. Ich hole mal eben ein Kissen und Bettzeug aus dem Schlafzimmer.« Sie sieht kurz von ihrem Dad zu mir und sagt dann: »Ich kann euch doch kurz allein lassen, oder?« Sie ahnt wohl, was in mir vorgeht.

Ihr Vater lacht. »Ja, klar, ich will ihn ohnehin kennenlernen.«

O nein, das willst du nicht.

Sie mustert mich mit gerunzelter Stirn, dann dackelt sie ab und lässt mich mit ihrem Vater allein in der Küche zurück.

»Also, Hardin, wo hast du meine Tessa denn kennengelernt?«, fragt er.

Ich höre, wie sich die Schlafzimmertür schließt, und warte ein paar Sekunden, um sicherzugehen, dass sie uns nicht hören kann.

»Hardin?«

»Lass uns eins gleich mal klarstellen«, schnarre ich und beuge mich über den Tisch.

Er reißt erschrocken die Augen auf.

»Sie ist verdammt noch mal nicht deine Tessa, sondern meine. Und ich weiß, was du hier für ein Ding abziehst, also glaub ja nicht, dass ich auf dich reinfalle.«

Er hebt die Hände. »Ich ziehe gar kein Ding ab. Ich …«

»Was willst du? Geld?«

»Was? Nein, natürlich nicht. Ich will eine Beziehung zu meiner Tochter aufbauen.«

»Das hättest du in den vergangenen neun Jahren tun können. Aber du bist bloß hier, weil ihr euch zufällig auf einem gottverdammten Parkplatz begegnet seid. Ist ja nicht so, als hättest du sie verzweifelt gesucht«, schnauze ich ihn an. Ich sehe förmlich vor mir, wie ich die Hände um seinen Hals lege.

»Ich weiß.« Er schüttelt den Kopf und blickt betreten zu Boden. »Ich weiß, dass ich viele Fehler gemacht habe. Aber ich werd’s wiedergutmachen.«

»Du bist betrunken, verdammt noch mal. Stockbesoffen hockst du da, in meiner Küche. Ich erkenne einen Alkoholiker, wenn ich einen vor mir habe. Und ein Mann, der seine Familie verlässt und sein Leben neun Jahre später noch immer nicht auf die Reihe gekriegt hat, braucht von mir kein Mitleid zu erwarten.«

»Ich weiß, du hast die besten Absichten. Und es freut mich, dass du dich um meine Tochter sorgst, aber ich habe nicht vor, das hier zu verbocken. Ich will sie bloß kennenlernen. Und dich auch.«

Ich schweige und versuche, meinen Zorn im Zaum zu halten.

»Wenn sie da ist, bist du viel netter«, sagt er leise.

»Und du bist ein schlechterer Schauspieler, wenn sie nicht da ist«, kontere ich.

»Du hast jedes Recht, mir zu misstrauen, aber gib mir eine Chance. Um ihretwillen.«

»Wenn du ihr irgendwie wehtust, bist du tot.« Vielleicht sollte ich Gewissensbisse haben, weil ich Tessas Vater drohe, aber ich bin bloß wütend und misstrauisch. Und ich denke nicht daran, mich mit einem betrunkenen Fremden anzufreunden. Außerdem sagt mir mein Bauchgefühl, dass ich sie vor diesem armseligen Säufer beschützen muss.

»Ich werde ihr nicht wehtun«, verspricht er.

Ich verdrehe die Augen und trinke einen Schluck Wasser.

Er scheint zu glauben, dass damit jetzt alles geklärt ist, denn er witzelt: »Irgendwie sind bei diesem Gespräch die Rollen vertauscht, nicht?«

Ich ignoriere es einfach und verziehe mich ins Schlafzimmer. Wenn ich noch länger in der Küche sitzen bleibe, gehe ich diesem Loser garantiert an die Gurgel.

3

Tessa

Ich habe ein Kissen, eine Decke und ein Handtuch auf dem Arm, als Hardin ins Schlafzimmer stürmt.

»Okay, was ist passiert?«, frage ich und warte darauf, dass er austickt oder sich beschwert, weil ich meinem Vater angeboten habe, über Nacht zu bleiben, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen.

Hardin legt sich aufs Bett und sieht mich an. »Nichts. Wir haben nett geplaudert, und als uns die Gesprächsthemen ausgegangen sind, habe ich beschlossen, mal nach dir zu sehen.«

»Bitte sag mir, dass du nicht gemein zu ihm warst.« Ich kenne meinen Vater kaum. Das Letzte, was ich jetzt brauchen kann, ist noch mehr Anspannung.

»Ich habe meine Hände bei mir behalten«, sagt er und schließt die Augen.

»Tja, dann bringe ich ihm mal die Decke und entschuldige mich für dein Benehmen, wie immer«, fauche ich verärgert.

Als ich ins Wohnzimmer komme, sitzt mein Vater auf dem Boden und zupft an einem Loch in den Knien seiner Jeans herum. Als er mich hört, hebt er den Kopf. »Du kannst dich ruhig auf die Couch setzen«, sage ich und lege das Bettzeug auf dem Sofa ab.

»Ich wollte sie nicht dreckig machen«, erklärt er verlegen, und mein Herz zieht sich zusammen, als ich sehe, wie er rot anläuft.

»Mach dir deswegen keine Gedanken. Du kannst auch gern hier duschen. Ich bin sicher, Hardin leiht dir ein paar Klamotten für die Nacht.«

Er protestiert halbherzig und ohne mich anzusehen. »Ich will euch nicht ausnutzen.«

»Keine Sorge, das tust du nicht. Ich bringe dir was zum Anziehen. Geh doch schon mal ins Bad. Hier.« Ich lege ihm das Handtuch hin.

Er lächelt schief. »Danke. Ich freue mich riesig, dich zu sehen. Du hast mir so gefehlt … und jetzt haben wir uns wiedergefunden.«

»Es tut mir leid, wenn Hardin unhöflich zu dir war. Er …«

»Er versucht nur, dich zu beschützen«, beendet er den Satz an meiner Stelle.

»Ja, vermutlich. Manchmal kommt er ziemlich ungehobelt rüber.«

»Schon okay. Ich bin ein Mann, ich komme damit klar. Er ist eben besorgt um dich, und ich kann es ihm nicht verdenken. Er kennt mich nicht, und du ja eigentlich auch nicht. Irgendwie erinnert er mich an jemanden von früher …«

Er bricht ab und lächelt.

»An wen denn?«

»An mich selbst. Ich war genau wie er. Ich hatte keinen Respekt vor Menschen, die ihn nicht verdient hatten, und habe alle plattgemacht, die mir im Weg standen. Ich war genauso arrogant wie er. Der einzige Unterschied ist, dass er viel mehr Tätowierungen hat als ich.« Er lacht leise, und der Laut erweckt längst vergessene Erinnerungen in mir zum Leben. Ich genieße das Gefühl und lächle mit ihm.

Dann steht er auf. »Okay, dann gehe ich jetzt mal duschen«, sagt er und greift nach dem Handtuch.

Ich verspreche, ihm ein paar Kleider vor die Badtür zu legen.

Hardin liegt noch immer im Schlafzimmer auf dem Bett, mit geschlossenen Augen und angezogenen Beinen.

»Er duscht jetzt. Ich habe ihm gesagt, er kann sich ein paar Klamotten von dir leihen.«

Hardin richtet sich auf. »Warum denn das?«

»Weil er keine zum Wechseln hat.« Ich gehe zum Bett, die Arme beschwichtigend ausgestreckt.

»Aber klar doch, Tessa. Nur zu, gib ihm mein Zeug«, sagt er barsch. »Soll ich ihm vielleicht noch anbieten, dass er auf meiner Seite des Betts schlafen kann?«

»Okay, du hörst jetzt sofort damit auf. Er ist mein Vater, und ich möchte wissen, wo das alles hinführt. Nur weil du deinem Dad nicht verzeihen kannst, musst du noch lange nicht meinen Versuch sabotieren, eine Beziehung zu meinem aufzubauen«, erwidere ich genauso barsch.

Hardin starrt mich mit schmalen Augen an. Bestimmt muss er sich sehr zusammenreißen, um die niederträchtigen Bemerkungen, die er mir gerade im Geiste entgegenschleudert, nicht laut auszusprechen.

»Das ist es nicht. Du bist einfach zu naiv. Wie oft muss ich dir das noch sagen? Nicht jeder hat deine Freundlichkeit verdient, Tessa.«

»Die hast nur du verdient, richtig?«, fauche ich. »Du meinst, du bist der Einzige, dem ich immer wieder verzeihen und bedingungslos vertrauen soll, oder? Aber das ist Schwachsinn und ziemlich egoistisch von dir.« Ich krame eine Jogginghose zwischen seinen Sachen in der untersten Schublade hervor. »Und weißt du was? Ich bin lieber naiv und in der Lage, das Gute in anderen zu sehen, als zu allen ätzend zu sein und anzunehmen, dass mir jeder was Böses will.«

Dann schnappe ich mir noch ein T-Shirt und Socken und stürme damit aus dem Zimmer. Als ich alles vor der Badezimmertür deponiere, höre ich drinnen das Wasser rauschen und meinen Vater leise singen. Lächelnd drücke ich das Ohr an die Tür und lausche dem wunderbaren Geräusch. Ich erinnere mich, dass meine Mutter sein Geträller immer »grauenhaft« fand, aber mir gefällt es.

Ich schalte den Fernseher im Wohnzimmer ein und lege die Fernbedienung auf den Couchtisch, um ihm zu signalisieren, dass er sich anschauen kann, was er will. Sieht er überhaupt jemals fern?

Dann räume ich die Küche auf, wobei ich ein paar Reste auf der Anrichte stehen lasse für den Fall, dass er noch Hunger hat. Wieder frage ich mich, wann er wohl zuletzt eine richtige Mahlzeit bekommen hat.

Im Bad rauscht nach wie vor das Wasser. Er scheint es zu genießen. Wahrscheinlich hatte er auch schon ziemlich lange nicht mehr die Gelegenheit, richtig zu duschen oder zu baden.

Als ich wieder ins Schlafzimmer komme, sitzt Hardin auf der Bettkante und hat die lederne Mappe, die ich ihm geschenkt habe, auf dem Schoß. Als ich an ihm vorbeigehe, weiche ich seinem Blick aus, doch dann spüre ich seine Finger auf meinem Arm und bleibe stehen.

»Kann ich mit dir reden?«, fragt er, legt rasch das Notizbuch weg und zieht mich an sich, sodass ich zwischen seinen Knien zum Stehen komme.

»Nur zu.«

»Es tut mir leid, dass ich so blöd war, okay? Ich weiß einfach nicht, was ich von der ganzen Sache halten soll.«

»Was meinst du mit ›der ganzen Sache‹? Es hat sich nichts verändert.«

»Doch, das hat es. Dieser Mann, den wir beide nicht richtig kennen, ist in meiner Wohnung und will nach neun Jahren wieder eine Beziehung zu dir aufbauen. Das passt für mich nicht zusammen, und wie du weißt, reagiere ich bei so was eben reserviert.«

»Das verstehe ich ja, aber du kannst nicht einfach hergehen und ihn beleidigen, ihn einen Penner nennen und so weiter. Damit verletzt du meine Gefühle.«

Er verschränkt die Finger mit meinen und breitet die Arme aus. »Es tut mir leid, Baby. Ehrlich.« Dann führt er unsere Hände zum Mund, um bedächtig meine Fingerknöchel zu küssen, und bei der Berührung seiner weichen Lippen verraucht meine Wut.

Ich hebe eine Augenbraue. »Keine ätzenden Kommentare mehr?«

»Okay.« Er dreht meine Hand um und zeichnet die Linien auf der Innenseite nach.

»Danke.« Ich sehe zu, wie seine langen Finger zu meinem Handgelenk wandern und wieder zurück zu den Fingerspitzen.

»Sei einfach vorsichtig, ja? Ich werde keine Sekunde zögern, ihn …«

»Er scheint doch ganz in Ordnung zu sein, oder?«, unterbreche ich ihn leise, bevor er seine Gewaltbereitschaft kundtun kann. »Ich meine, er wirkt jedenfalls nett.«

Seine Finger halten inne. »Keine Ahnung. Ja, wahrscheinlich hast du recht.«

»Früher war er nicht so nett.«

Hardin sieht mich mit glühenden Augen an, aber seine Worte sind sanft. »Sag so was bitte nicht, solange er noch in der Nähe ist. Ich gebe mir wirklich Mühe. Also, bring mich nicht in Versuchung.«

Ich klettere auf seinen Schoß, und er umarmt mich und lässt sich mit mir nach hinten sinken.

»Morgen ist der große Tag.« Er seufzt.

»Ja«, flüstere ich und schmiege das Gesicht an seinen warmen Arm. Morgen findet die Anhörung statt, bei der entschieden wird, ob Hardin von der Uni fliegt, weil er Zed zusammengeschlagen hat. Nicht gerade unsere Sternstunde.

Da fällt mir wieder die Nachricht ein, die mir Zed geschickt hat, und mein Herzschlag beschleunigt sich. Die hatte ich vollkommen vergessen, nachdem uns mein Vater über den Weg gelaufen ist. Mein Handy hatte in meiner Tasche vibriert, während wir auf Steph und Tristan gewartet haben, und Hardin hat mich schweigend angestarrt, während ich die Nachricht gelesen habe. Zum Glück hat er nicht gefragt, was los ist.

Ich muss mit dir reden. Morgen Vormittag. Allein,hat Zed geschrieben.

Ich weiß nicht, was ich davon halten oder ob ich mich mit ihm treffen soll. Schließlich hat er Tristan erzählt, dass er Hardin verklagen will. Ich hoffe, er hat es nur gesagt, um ihm zu imponieren und seinen Ruf zu wahren. Ich weiß nicht, was ich mache, wenn Hardin Ärger bekommt. Richtigen Ärger, meine ich. Ich sollte Zed antworten, aber ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, ihn allein zu treffen. Hardin hat auch so schon genug am Hals, da sollte ich nicht auch noch einen draufsetzen.

»Hörst du mir zu?« Hardin stupst mich an, und ich hebe den Kopf.

»Nein. Entschuldige.«

»Woran denkst du gerade?«

»An alles – an morgen, an die Anschuldigungen gegen dich, die möglichen Konsequenzen, England, Seattle, meinen Vater …« Ich seufze. »Alles eben.«

»Du begleitest mich doch, oder? Du kommst doch mit zur Anhörung?« Sein Tonfall ist ruhig, aber die Nervosität ist ihm trotzdem anzuhören.

»Wenn du das willst.«

»Ich brauche dich dort.«

»Dann komme ich mit.« Um das Thema zu wechseln, sage ich: »Ich kann noch immer nicht fassen, dass du dir dieses Tattoo hast machen lassen. Zeig es mir noch mal.«

Vorsichtig rollt er mich von sich runter, damit er sich umdrehen kann. »Schieb das T-Shirt hoch.«

Ich ziehe sein schwarzes Shirt nach oben, bis sein Rücken komplett entblößt ist, dann hebe ich die weißen Mullbinden an, die die frisch gestochenen Worte I never wish to be parted from you from this day on bedecken.

»Da ist ein bisschen Blut am Verband«, sage ich.

»Das ist normal.« Meine Unwissenheit scheint ihn zu amüsieren.

Ich fahre mit dem Finger die geröteten Stellen nach und lasse die Worte auf mich wirken. Dieses Tattoo hat er sich extra für mich machen lassen, und es ist mein neuer Favorit. Es ist einfach perfekt – Worte, die mir unendlich viel bedeuten, und ihm offenbar auch. Aber als ich sie sehe, meldet sich auch mein schlechtes Gewissen, weil ich ihm noch immer nicht von meinem Umzug nach Seattle erzählt habe. Ich sage es ihm morgen, sobald er die Anhörung hinter sich hat. Ganz bestimmt. Ich nehme es mir ganz fest vor. Je länger ich es noch hinausschiebe, desto wütender wird er sein.

»Und, genügt dir das als Symbol der Zusammengehörigkeit, Tessie?«

Ich schnaube verärgert. »Nenn mich nicht so.«

»Ich hasse diesen Kosenamen.« Er hebt den Kopf, ohne sich umzudrehen, und späht über die Schulter zu mir.

»Ich auch, aber das will ich ihm nicht sagen. Wie auch immer, das Tattoo genügt mir definitiv.«

»Sicher? Sonst geh ich nämlich noch mal hin und lasse mir dein Porträt darunter stechen.« Er lacht.

»Nein, bitte nicht!« Ich schüttele den Kopf, und er lacht noch lauter.

»Okay, du sagst also, das reicht dir, ja?« Er setzt sich hin und zieht das T-Shirt wieder nach unten. »Heiraten kommt nämlich nicht infrage«, fügt er hinzu.

»Ach, deshalb hast du es dir stechen lassen? Ein Tattoo als Alternative zur Hochzeit?« Ich weiß nicht, wie ich das finden soll.

»Nein, nicht ganz. Ich hab’s mir stechen lassen, weil ich es wollte, und weil mein letztes schon eine ganze Weile her ist.«

»Sehr aufmerksam.«

»Es ist doch auch für dich. Um dir zu zeigen, dass ich das hier will.« Er deutet auf mich und dann auf sich selbst, dann ergreift er meine Hand. »Was auch immer das zwischen uns ist, ich will, dass es so bleibt. Für immer. Ich hab’s schon mal verbockt, und ich weiß, dass es noch nicht ganz wieder so ist wie vorher, aber es wird allmählich. Ich spüre es.«

Seine Hand, die meine hält, ist warm. Fühlt sich gut an. Gut und richtig.

»Und wieder einmal habe ich die Worte eines viel romantischeren Mannes verwendet, um meine Gefühle auszudrücken.« Er lächelt breit, aber ich erkenne die Angst dahinter.

»Ich glaube, Fitzwilliam Darcy wäre entsetzt, wenn er wüsste, wie du seine berühmten Worte missbrauchst«, feixe ich.

»Ich glaube, er würde den Daumen heben und ›gimme five‹ johlen«, erwidert er großspurig.

Mein Lachen klingt eher wie ein Bellen. »Niemals.«

»Ach, du meinst, das wäre unter seiner Würde? Von wegen. Er würde ein Bierchen mit mir kippen und über unsere Frauen plaudern, die uns mit ihrer Sturheit nerven. Wir wären ganz schnell dicke Freunde.«

»Ihr könnt doch beide von Glück sagen, das ihr uns habt, weil sich nämlich garantiert niemand außer uns eure Unverschämtheiten gefallen lassen würde.«

»Ach, meinst du?« Er lächelt sein Grübchen-Lächeln.

»Ganz sicher.«

»Wahrscheinlich hast du recht. Wobei ich dich, ohne mit der Wimper zu zucken, gegen Elizabeth eintauschen würde.«

Ich presse die Lippen zusammen, hebe eine Augenbraue und warte auf eine Erklärung.

»Nur weil sie die gleichen Ansichten zum Thema Ehe hat wie ich.«

»Trotzdem hat sie dann geheiratet«, erinnere ich ihn.

Er packt mich an den Hüften und bugsiert mich mit einer für ihn ziemlich untypischen Bewegung aufs Bett. Mein Kopf landet auf den zahllosen Kissen, die Hardin schrecklich findet, was er mir auch immer wieder aufs Auge drückt. »So, jetzt reicht’s! Meinetwegen kann euch Fitzwilliam Darcy beide haben!«, ruft er, und wir prusten los, so laut, dass unser Gelächter von den Wänden widerhallt.

Solche Momente, Momente, in denen er lacht wie ein Kind, entschädigen mich für allen Kummer. Unsere pseudodramatischen Streitgespräche über Romanfiguren lassen mich vergessen, was wir einander im Laufe unserer Beziehung schon alles angetan haben und welche Hindernisse noch vor uns liegen.

Dann wird er abrupt wieder ernst und wachsam. »Hört sich an, als wäre er gerade aus dem Bad gekommen.«

»Dann gehe ich mal gute Nacht sagen.« Ich befreie mich aus Hardins Umarmung und küsse ihn flüchtig auf die Stirn.

Seine Klamotten passen meinem Vater besser als erwartet, auch wenn der Anblick ziemlich ungewohnt ist.

»Danke noch mal für die Sachen. Ich ziehe sie wieder aus, bevor ich morgen früh gehe«, sagt er.

»Du kannst sie auch gern behalten … wenn du sie brauchst.«

Er setzt sich auf die Couch und legt die Hände in den Schoß. »Ihr habt schon genug für mich getan. Mehr, als ich verdient habe.«

»Schon gut. Ehrlich.«

»Du bist viel verständnisvoller als deine Mom.« Er lächelt.

»Ich bin mir im Moment nicht sicher, ob ich irgendetwas verstehe, aber ich möchte es zumindest versuchen.«

»Mehr verlange ich auch gar nicht von dir. Nur ein bisschen Zeit, damit ich meine kleine … oder eher meine erwachsene Tochter kennenlernen kann.«

Ich lächle schmal. »Das wäre schön.«

Ich weiß, dass er noch einen weiten Weg vor sich hat, und ich kann ihm nicht einfach über Nacht verzeihen. Aber er ist mein Vater, und ich habe nicht mehr die Kraft, ihn zu hassen. Ich will daran glauben, dass er sich ändern kann, wie ich es auch schon bei anderen Leuten erlebt habe. Hardins Vater zum Beispiel ist ein vollkommen neuer Mensch, auch wenn Hardin seine traumatische Vergangenheit nicht vergessen kann. Sogar Hardin hat sich geändert. Und da es nur wenige Menschen gibt, die so stur sind wie er, gehe ich mal davon aus, dass für meinen Vater noch Hoffnung besteht, ganz egal, wie tief er abgestürzt ist.

»Hardin kann mich nicht leiden. Mit dem werde ich noch meine liebe Mühe haben.«

Ich gluckse. Sein Sinn für Humor ist ansteckend. »Allerdings.« Ich spähe zu meinem Freund hinüber, der in seinen tiefschwarzen Klamotten am Ende des Flurs steht und uns argwöhnisch beobachtet.

4

Tessa

»Schalt es aus«, stöhnt Hardin, als das nervige Geklingel meines Handyweckers erschallt.

Ich taste im Dunkeln nach meinem Telefon und wische mit dem Daumen über das Display, um das Geräusch abzustellen. Dann setze ich mich bedächtig im Bett auf. Meine Schultern fühlen sich schwer an, als würde die Anspannung des bevorstehenden Tages schon jetzt auf mir lasten und mich wieder nach hinten ziehen.

Ich habe Angst, dass Hardin von der Uni fliegt. Angst, dass Zed ihn anzeigen wird. Angst vor Hardins Reaktion auf meine Eröffnung, dass ich Vance Publishing nach Seattle folgen möchte und will, dass er mitkommt – obwohl er gesagt hat, dass er die Stadt hasst.

Ich weiß gar nicht, wovor mir am meisten graut. Als ich im Bad das Licht einschalte, um mir das Gesicht zu waschen, komme ich zu dem Schluss, dass die drohende Strafanzeige das größte Übel ist. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun würde – und was Hardin tun würde –, wenn er tatsächlich ins Gefängnis müsste. Schon bei der Vorstellung wird mir flau im Magen. Dann fällt mir wieder ein, dass mich Zed um ein Treffen gebeten hat. Worüber könnte er bloß mit mir reden wollen? Mir gehen tausend Möglichkeiten durch den Kopf, insbesondere seine Andeutung vom letzten Mal, er hätte sich »in mich verliebt«.

Ich hole tief Luft und schmiege beim Ausatmen das Gesicht in das weiche Handtuch, das an der Wand hängt. Soll ich Zed antworten? Ihn zumindest fragen, was er will? Vielleicht kann er mir ja erklären, warum er Tristan etwas völlig anderes erzählt hat als mir, was die Anzeige gegen Hardin angeht. Ich habe ein schlechtes Gewissen, ihn darum zu bitten, dass er es bleiben lässt, vor allem, wenn ich daran denke, wie brutal Hardin ihn zusammengeschlagen hat. Aber ich liebe Hardin, und Zed hatte die gleichen Absichten wie Hardin anfangs auch – eine Wette zu gewinnen. Ganz unschuldig sind sie beide nicht.

Ehe ich über die möglichen Konsequenzen nachdenken kann, habe ich Zed auch schon eine Nachricht geschickt. Ich versuche nur, Hardin zu helfen, rufe ich mir immer wieder in Erinnerung, als ich auf »Senden« gedrückt habe und mich mit Frisur und Make-up herumärgere.

Als ich ins Wohnzimmer komme, sehe ich, dass die Decke ordentlich zusammengefaltet über der Armlehne des Sofas liegt. Ist er schon weg?, frage ich mich enttäuscht. Wie soll ich ihn denn jetzt erreichen?

Doch dann höre ich nebenan eine Schranktür klappern. Erleichtert betrete ich die dunkle Küche und knipse das Licht an, worauf mein Vater vor Schreck einen Löffel fallen lässt.

»Entschuldige, eigentlich wollte ich möglichst leise sein«, sagt er und bückt sich, um den Löffel aufzuheben.

»Kein Problem, ich bin schon länger wach. Du hättest ruhig das Licht anmachen können.« Ich lache leise.

»Ich wollte euch nicht wecken. Ich gönne mir gerade eine Schüssel Frühstücksflocken. Ich hoffe, das ist okay.«

»Aber klar doch.« Ich schalte die Kaffeemaschine ein und sehe auf die Uhr. In einer Viertelstunde muss ich Hardin wecken.

»Was habt ihr heute so vor?«, fragt mein Vater mit vollem Mund. Er hat sich für Frosties entschieden. Die isst Hardin auch am liebsten.

»Na ja, ich habe Vorlesungen, und Hardin hat einen Termin bei der Hochschulleitung.«

»Bei der Hochschulleitung? Das klingt ernst.«

Ich betrachte meinen Vater und überlege kurz, ob ich ihn einweihen soll. Dann sage ich: »Er hat sich auf dem Campus mit jemandem geprügelt.« Irgendwo muss ich schließlich anfangen.

»Und deswegen wird er gleich zur Hochschulleitung zitiert? Als ich studiert habe, gab’s deswegen bloß einen Klaps auf das Handgelenk, und das war’s dann.«

»Er hat dabei ziemlich viel kaputt gemacht. Teure Sachen. Und er hat jemandem die Nase gebrochen.« Ich seufze und rühre einen Löffel Zucker in meinen Kaffee. Heute brauche ich einen zusätzlichen Energiekick.

»Wie nett. Worum ging es denn bei der Schlägerei?«

»Um mich, gewissermaßen. Es hatte sich schon eine ganze Weile aufgeschaukelt, und irgendwann ist die Situation eskaliert.«

»Hm, jetzt habe ich sogar eine noch höhere Meinung von Hardin als gestern Abend.« Er strahlt mich an.

Ist ja gut und schön, wenn er Hardin gut leiden kann, aber ich will nicht, dass er ihn wegen seinem Hang zur Gewalttätigkeit mag.

Ich schüttele den Kopf und stürze die halbe Tasse Kaffee auf einmal hinunter.

»Woher kommt er eigentlich?«, will mein Vater wissen. Er scheint sich wirklich für Hardin zu interessieren.

»Aus England.«

»Dachte ich mir, wegen dem Akzent. Obwohl ich den britischen manchmal nicht vom australischen unterscheiden kann. Und, lebt seine Familie noch dort?«

»Nur seine Mutter. Sein Vater lebt hier. Er ist der Rektor.«

Mein Vater hebt verwundert eine Augenbraue. »Na, das nenne ich Ironie des Schicksals, dass er womöglich der Uni verwiesen wird.«

»Wohl wahr«, seufze ich.

»Hat deine Mutter ihn schon kennengelernt?«, will er wissen und schiebt sich erneut einen großen Löffel Frosties in den Mund.

»Ja. Sie hasst ihn.« Ich runzele die Stirn.

»Hassen ist ein sehr starker Ausdruck.«

»Glaub mir, in diesem Fall ist er nicht stark genug.« Mein Kummer darüber, dass ich keinen Kontakt mehr zu ihr habe, ist nicht mehr so schlimm wie am Anfang. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist.

Mein Vater legt den Löffel weg und nickt ein paar Mal. »Sie kann ein bisschen stur sein. Sie macht sich eben Sorgen um dich.«

»Das muss sie nicht. Es geht mir gut.«

»Na ja, warte einfach ab, bis sie sich wieder beruhigt. Du solltest nicht zwischen ihr und Hardin wählen müssen.« Er lächelt. »Deine Großmutter hatte auch etwas gegen mich. Wahrscheinlich wirft sie mir gerade von irgendwo finstere Blicke zu.«

Es kommt mir höchst seltsam vor, nach all den Jahren mit meinem Vater in der Küche zu sitzen und bei Kaffee und Frühstücksflocken mit ihm zu plaudern. »Es ist bloß nicht so einfach für mich, weil wir uns immer recht nahestanden … na ja, so nahe, wie es bei ihr eben möglich ist.«

»Sie wollte immer, dass du genauso wirst wie sie. Schon als du noch ganz klein warst, hat sie es darauf angelegt. Sie ist kein schlechter Mensch, Tessie. Sie hat bloß Angst.«

Ich mustere ihn fragend. »Wovor?«

»Vor allem. Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Ich bin sicher, als sie erfahren hat, dass Hardin dein Freund ist, wurde ihr plötzlich klar, dass sie keine Kontrolle mehr über dich hat.«

Ich starre die leere Kaffeetasse vor mir an. »Bist du deshalb gegangen? Weil sie alles kontrollieren wollte?«

Mein Vater stößt ein leises Seufzen aus, einen Laut, der sich unterschiedlich deuten lässt. »Nein, ich bin gegangen, weil ich mit meinen eigenen Problemen zu kämpfen hatte und weil wir einander nicht gutgetan haben. Zerbrich dir unseretwegen nicht den Kopf.« Er lacht verhalten. »Zerbrich dir lieber den Kopf über dich und deinen Freund, den Randalierer.«

Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Mutter und der Mann, der da vor mir sitzt, in der Lage sind, ein richtiges Gespräch zu führen. Sie sind einfach vollkommen verschieden. Dann fällt mein Blick auf die Uhr. Schon nach acht. Ich stehe auf und stelle meine Tasse in den Geschirrspüler. »Ich muss mich jetzt anziehen und Hardin wecken. Deine Klamotten hab ich gestern Abend noch in die Waschmaschine gesteckt. Ich bringe sie dir gleich.«

Als ich ins Schlafzimmer komme, stelle ich fest, dass Hardin schon aufgestanden ist. Ich sehe zu, wie er sich ein schwarzes T-Shirt über den Kopf zieht, und merke an: »Vielleicht solltest du dich für das Meeting ein bisschen in Schale werfen.«

»Wieso?«

»Weil heute über deine akademische Laufbahn entschieden wird,und ein schwarzes T-Shirt zeugt nicht gerade von großem Engagementdeinerseits. Wenn du mich fragst, solltest du dich ein bisschen schicker machen. Du kannst dich ja nachher gleich wieder umziehen.«

Er legt den Kopf in den Nacken und jault: »Scheiße, neiiiiin!«

Ich marschiere an ihm vorbei in den begehbaren Schrank und hole sein schwarzes Hemd und die Anzughose.

»Bloß nicht, um Gottes willen! Nicht die Anzughose!«

Ich drücke sie ihm in die Hand. »Ist doch nur für ein, zwei Stunden.«

Er nimmt die Hose mit spitzen Fingern entgegen, als wäre sie radioaktiver Müll oder irgendein rätselhafter Gegenstand.

»Wehe, sie schmeißen mich raus, obwohl ich so geschniegelt aufkreuze. Dann brenne ich den ganzen verdammten Campus nieder.«

Ich verdrehe die Augen. »Geht’s noch melodramatischer?« Leider wirkt er kein bisschen amüsiert, während er in die Hose steigt.

»Und, sind wir immer noch ein Obdachlosenasyl?«

Ich lasse sein Hemd, das noch auf dem Bügel hängt, aufs Bett fallen und gehe zur Tür.

Er fährt sich nervös mit den Fingern durchs Haar. »Verdammt, Tess, es tut mir leid, okay? Ich bin total neben der Spur, und ich kann dich noch nicht mal ficken, weil dein Vater in unserem Wohnzimmer hockt.«

Seine vulgäre Ausdrucksweise törnt mich an, aber er hat recht – dass mein Vater nebenan ist, stellt ein großes Problem dar. Ich trete zu ihm, während er sich mit dem obersten Hemdknopf abmüht, und schiebe seine Finger sanft beiseite. »Lass mich mal«, sage ich.

Seine Miene wird weicher, aber er kann nicht verbergen, dass er allmählich in Panik gerät. Es irritiert mich, ihn so zu sehen, denn er kommt mir ganz fremd vor. Sonst ist er immer total gelassen und interessiert sich für nichts, abgesehen von mir.

»Mach dir keine Sorgen, Babe, es wird schon alles gut gehen.«

»Babe?« Er lächelt, und ich werde rot.

»Ja … Babe …« Ich zupfe seinen Hemdkragen zurecht, und er beugt sich zu mir runter und küsst mich auf die Nasenspitze.

»Du hast recht. Im schlimmsten Fall gehen wir eben nach England.«

Ich tue so, als hätte ich nichts gehört, während ich immer noch zwischen meinen Klamotten herumsuche, um zu entscheiden, was ich anziehen soll. Ich bin unentschlossen. »Meinst du, die lassen mich überhaupt rein?«

»Willst du das denn?«

»Wenn ich darf.« Ich nehme das neue lila Kleid, das ich eigentlich morgen ins Büro anziehen wollte, schäle mich aus meinem Pyjama und ziehe mich rasch an. Dann schlüpfe ich in meine schwarzen Stöckelschuhe und gehe nach draußen zu Hardin, wobei ich das offene Kleid vorne mit beiden Händen festhalte.

»Das machst du mit Absicht, um mich zu quälen«, beschwert er sich, als ich ihm den Rücken zudrehe. Seine Fingerspitzen wandern über meine nackten Schultern bis hinunter zur Taille. Prompt bekomme ich eine Gänsehaut.

»Entschuldige.« Mein Mund ist ganz trocken.

Er zieht den Reißverschluss hoch, langsam, und ich schaudere, als er mich um die Taille fasst und die Lippen auf meinen empfindlichen Nacken drückt. »Wir müssen los«, sage ich, und er bohrt mir stöhnend die Fingerspitzen ins Fleisch.

»Ich rufe meinen Dad von unterwegs aus an. Sollen wir den … deinen Vater irgendwo absetzen?«

»Ich frage ihn gleich mal. Nimmst du meine Tasche mit?«, bitte ich ihn, und er nickt.

»Tess?«, fragt er, als ich die Hand auf den Türgriff lege. »Ich mag dieses Kleid. Und dich. Ich meine, ich liebe dich … Und das neue Kleid auch …«, faselt er. »Ich liebe dich, und deine ganzen schicken Fummel auch.«

Ich knickse und drehe mich einmal im Kreis, damit er mich von allen Seiten bewundern kann. So beunruhigend ich es finde, wenn Hardin mal nervös ist, ich genieße es auch, weil es mich daran erinnert, dass er gar nicht so tough ist, wie er immer tut.

Als ich ins Wohnzimmer komme, ist mein Vater wieder auf der Couch eingenickt. Soll ich ihn wecken oder einfach schlafen lassen, bis wir wieder da sind?

Hardin tritt hinter mich. »Lass ihn schlafen«, sagt er, als hätte er meine Gedanken gelesen.

Ich hinterlasse meinem Vater eine hastig hingekritzelte Nachricht, in der steht, wann wir ungefähr zurückkommen, und schreibe für alle Fälle auch unsere Handynummern auf, obwohl ich bezweifle, dass er ein Handy besitzt.

Die Fahrt zum Campus ist kurz – zu kurz, und Hardin erweckt den Eindruck, als könnte er jeden Moment austicken oder irgendetwas kurz und klein schlagen.

Sobald wir auf dem Parkplatz angekommen sind, sieht er sich suchend nach dem Wagen seines Vaters um.

»Er hat doch gesagt, wir treffen uns hier«, murmelt er und späht zum fünften Mal innerhalb weniger Sekunden auf sein Telefon.

»Da ist er.« Ich deute auf ein silbernes Auto, das gerade auf den Parkplatz fährt.

»Na endlich. Warum zum Teufel kommt er erst jetzt?«

»Er tut das nur für dich, also sei bitte nett zu ihm, ja?«, flehe ich ihn an, und er seufzt frustriert, nickt aber.

Ken hat – zu Hardins Überraschung – seine Frau Karen und Hardins Stiefbruder Landon mitgebracht. Ich lächle. Ich finde es schön, dass sie so hinter ihm stehen, obwohl Hardin tut, als könnte er auf ihre Hilfe verzichten.

»Hast du nichts Besseres zu tun?«, fragt er Landon, als sie auf uns zukommen.

»Dasselbe könnte ich dich fragen«, entgegnet der und entlockt Hardin damit ein Lachen.

Karens breites Lächeln will nicht so recht zu der Miene passen, mit der sie vorhin ausgestiegen ist.

Auf dem Weg zum Verwaltungsgebäude sagt Ken: »Ich hoffe, es wird nicht allzu lang dauern. Ich habe alle möglichen Leute angerufen und versucht, ein paar Strippen zu ziehen. Mal sehen, ob es etwas genützt hat.« Er bricht ab und dreht sich zu Hardin um. »Am besten überlässt du das Reden da drin mir.« Er mustert seinen Sohn abwartend. »Okay?«

»Ja, ja, okay«, sagt Hardin, ohne groß rumzudiskutieren.

Ken nickt, dann öffnet er die große Holztür und geht voraus.

ENDE DER LESEPROBE