Verlag: Heyne Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

The Brightest Stars - attracted E-Book

Anna Todd  

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E-Book-Beschreibung The Brightest Stars - attracted - Anna Todd

Stars need darkness to shineDie 20-jährige Karina konzentriert sich ganz auf ihren Job in einem Massagestudio und will ansonsten einfach nur ihre Ruhe haben. Liebe endete für sie immer im Chaos, und deshalb verfolgt sie eine strikte No-Dating-Policy. Eines Tages taucht ein neuer Kunde auf: Kael ist immer freundlich und hat eine unendlich sanfte Ausstrahlung. Er zieht Karina auf geheimnisvolle Art und Weise an, und langsam öffnet sie sich. Doch plötzlich wird Karina durch Kael in eine Welt hineingezogen, die noch düsterer ist als ihre eigene - und voller Leidenschaft.

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E-Book-Leseprobe The Brightest Stars - attracted - Anna Todd

Das Buch

Die 20-jährige Karina konzentriert sich ganz auf ihren Job in einem Massagestudio und will ansonsten einfach nur ihre Ruhe haben. Liebe endete für sie immer im Chaos, und deshalb verfolgt sie eine strikte No-Dating-Policy. Eines Tages taucht ein neuer Kunde auf: Kael ist immer freundlich und hat eine unendlich sanfte Ausstrahlung. Er zieht Karina auf geheimnisvolle Art und Weise an, und langsam öffnet sie sich. Doch plötzlich wird Karina durch Kael in eine Welt hineingezogen, die noch düsterer ist als ihre eigene – und voller Leidenschaft.

Die Autorin

Anna Todd lebt gemeinsam mit ihrem Ehemann in Los Angeles. Sie haben nur einen Monat nach Abschluss der Highschool geheiratet. Anna war schon immer eine begeisterte Leserin und ein großer Fan von Boygroups und Liebesgeschichten. In ihrem Debütroman AFTER PASSION konnte sie ihre Leidenschaften miteinander verbinden und sich dadurch einen Lebenstraum erfüllen.

ANNA TODD

THE BRIGHTEST

STARS

attracted

Roman

Band 1

Deutsch

von Nicole Hölsken

WILHELMHEYNEVERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe The Brightest Stars erschien bei Frayed Pages, Inc.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Zitat [[>>]]: Caroline Kepnes, You – Du wirst mich lieben. Übersetzt von Katrin Reichardt mit freundlicher Genehmigung von Lyx, ein Imprint der Bastei Lübbe AG.

Deutsche Erstausgabe 10/2018

Copyright © 2018 The Brightest Stars by Anna Todd.

Published by arrangement with Bookcase Literary Agency.

Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Rabea Güttler

Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München

Umschlagabbildung: © FinePic®, München

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-22714-2V001

www.heyne.de

Für Hugues de Saint Vincent.

Ich hoffe, dass du die Leidenschaft in diesem Buch spürst

und dass du immer noch stolz auf mich bist.

Ich vermisse dich ganz schrecklich und werde versuchen,

mehr Rotwein zu trinken, nur dir zu Ehren. <3

Ruhe in Frieden

Playlist

Ariana Grande – One Last Time

Post Malone (feat. Ty Dolla $ign) – Psycho

Alec Benjamin – Let Me Down Slowly

Mr. Probz – Waves

BTS – Fake Love

The Cinematic Orchestra – To Build A Home

Alanis Morissette – You Oughta Know

Alanis Morissette – Ironic

The Verve – Bitter Sweet Symphony

Matchbox Twenty – 3 AM

The Weeknd – Call Out My Name

The Weeknd – Try Me

Bazzi – Beautiful

Tom Walker – Leave A Light On

Camila Cabello – In the Dark

Kelsea Ballerini – Legends

1

Karina 2018

Jedes Mal, wenn die alte Holztür aufgeht, weht der Wind durch den Coffeeshop. Es ist ganz schön kalt für September hier in Georgia. Wahrscheinlich ist das Wetter eine Strafe, weil ich mich bereit erklärt habe, mich ausgerechnet heute mit ihm zu treffen. Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Ich hatte kaum genug Zeit, meine geschwollenen Augen zu überschminken. Und dann dieses Outfit – wann hat das wohl zuletzt eine Waschmaschine gesehen? Noch mal: Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Jetzt denke ich jedenfalls nur an meine Kopfschmerzen und frage mich, ob ich Ibuprofen dabeihabe. Außerdem denke ich, dass es einigermaßen clever von mir war, mich an den Tisch zu setzen, der der Tür am nächsten ist, damit ich im Zweifelsfall schnell verschwinden kann. Dieses Lokal mitten in Edgewood? Neutral und absolut nicht romantisch. Noch eine gute Entscheidung. Ich war noch nicht oft hier, aber es ist mein Lieblings-Coffeeshop in Atlanta. Viele Plätze gibt es hier nicht – nur zehn Tische, sie scheinen nicht auf Stammkundschaft zu setzen. Ein Teil der Einrichtung ist perfektes Instagram-Material, wie zum Beispiel die Fototapete mit den grünen Pflanzen und die schwarz-weißen Fliesen hinter der Theke. Aber im Großen und Ganzen ist es hier ziemlich kahl. Überall bloß kühles Grau und Beton. Laute Mixer für die Kohl-Smoothies oder was sonst momentan so angesagt ist.

Die quietschende Tür ist Eingang und Ausgang zugleich. Ich schaue auf mein Handy und wische mir die Handflächen an meinem schwarzen Kleid ab.

Ob er mich zur Begrüßung umarmt? Oder mir nur die Hand schüttelt?

So eine förmliche Geste kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Nicht von ihm. Verdammt, ich steigere mich schon wieder in irgendwas hinein, dabei ist er noch nicht mal da. Bestimmt zum vierten Mal heute steigt Panik in mir auf. Jedes Mal, wenn ich mir unser Wiedersehen vorstelle, muss ich daran denken, wie er bei unserem allerersten Treffen aussah. Keine Ahnung, welche Version von ihm mich jetzt erwartet. Ich habe ihn seit letztem Winter nicht mehr gesehen und kenne ihn gar nicht mehr richtig. Und ganz ehrlich: Habe ich das je getan?

Vielleicht nur eine Seite von ihm – die strahlende, leere Hülle dieses Mannes, auf den ich gerade warte.

Wahrscheinlich wäre es besser, ihn nie wiederzusehen, aber diese Vorstellung kommt mir noch schlimmer vor, als jetzt hier zu sitzen. Zumindest das kann ich mir eingestehen. Und so wärme ich mir die Hände an meinem Kaffeebecher und warte darauf, dass er durch die quietschende Tür kommt, nachdem ich die letzten Monate ihm, mir und jedem, der es hören wollte, geschworen habe, dass ich nie …

Eigentlich sind wir erst in fünf Minuten verabredet, und wenn er noch so ist wie früher, dann kommt er sowieso zu spät und ist auch noch genervt. Die Tür öffnet sich, und eine Frau tritt ein. Ihr blondes Haar sitzt wie ein Vogelnest oben auf ihrem kleinen Kopf, und sie hält ein Handy an die gerötete Wange.

»Das interessiert mich einen Scheißdreck, Howie. Mach einfach«, blafft sie und verstaut ihr Handy mit ein paar lauten Flüchen in ihrer Tasche.

Ich hasse Atlanta. Die Leute hier sind alle wie diese Frau, gereizt und ständig in Eile. Aber so war es nicht immer. Na ja, vielleicht doch, nur ich habe mich inzwischen verändert. Wie alles im Leben. Früher liebte ich diese Stadt, besonders Downtown. Man konnte richtig gut essen gehen – und für eine Feinschmeckerin aus einer Kleinstadt ist schon allein das Grund genug, um herzuziehen. Hier ist immer was los, und die Restaurants und Läden hatten viel länger geöffnet als in Fort Benning. Aber am besten fand ich damals, dass ich nicht dauernd ans Militär erinnert wurde. Keine Tarnanzüge, wohin man auch blickte. Keine US-Army-Kampfanzüge, wenn man mit anderen Männern und Frauen in der Schlange vor dem Kino, an der Tankstelle oder bei Dunkin’ Donuts wartete. Die Leute redeten sogar vernünftig, nicht nur in Abkürzungen. Und es gab jede Menge nicht militärische Frisuren, die man bewundern konnte.

Ich liebte Atlanta, aber das hat er geändert.

Wir haben das geändert.

Wir.

Jetzt habe ich fast zugegeben, dass ich eine Mitschuld an unserem Scheitern habe.

2

»Du starrst.«

Nur zwei Worte, aber sie überwältigen mich jäh, gehen mir durch Mark und Bein, sodass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Und doch ist da diese Ruhe, die mich irgendwie immer überkommt, wenn er in der Nähe ist. Ich schaue auf. Er ist es wirklich. Wer auch sonst. Er ragt vor mir auf, mustert mich forschend aus seinen haselnussbraunen Augen … Denkt er auch an unsere gemeinsame Zeit zurück? Ich wünschte, er würde mich nicht so ansehen. Obwohl der kleine Coffeeshop voll ist, fühlt es sich für mich gerade ganz anders an. Ich hatte mir einen genauen Plan für dieses Treffen zurechtgelegt, aber er bringt mich völlig aus dem Konzept, und ich bin plötzlich total verunsichert.

»Wie machst du das nur immer?«, frage ich. »Ich hab dich gar nicht reinkommen sehen.«

Klang meine Stimme vorwurfsvoll oder nervös? Das ist das Letzte, was ich will. Aber ich frage mich nun mal wirklich: Wie stellt er das an? Er war immer gut darin, sich leise und unbemerkt anzuschleichen. Das hat er wohl bei der Army gelernt.

Ich deute auf den gegenüberliegenden Stuhl. Er setzt sich, und erst jetzt bemerke ich, dass er einen Vollbart trägt – auf den Wangenknochen schließt er mit präzisen Linien ab, während Kinn und Kiefer von dunklem Haar bedeckt sind. Das ist neu. Natürlich. Schließlich musste er sich ja früher an die Vorschriften der Army halten: Das Haar muss kurz geschoren und ordentlich gekämmt sein. Schnurrbärte sind erlaubt, aber nur, wenn sie gestutzt sind und die Oberlippe frei lassen. Er wollte sich damals einen wachsen lassen, aber ich habe es ihm ausgeredet. Selbst bei einem Gesicht wie dem seinen sähe ein Schnurrbart einfach nur gruselig aus.

Er nimmt sich die Karte. Cappuccino. Macchiato. Latte. Flat White. Long Black. Seit wann ist das eigentlich alles so kompliziert?

»Du trinkst jetzt Kaffee?« Ich versuche gar nicht erst, meine Überraschung zu verbergen.

Er schüttelt den Kopf. »Nein.«

Die Andeutung eines Lächelns huscht über sein stoisches Gesicht und erinnert mich daran, warum ich mich damals in ihn verliebt habe. Vor ein paar Sekunden fiel es mir noch leicht wegzuschauen. Jetzt ist es unmöglich.

»Keinen Kaffee«, versichert er mir. »Tee.«

Natürlich trägt er keine Jacke. Und die Ärmel seines Jeanshemdes hat er bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Man kann das Tattoo auf seinem Unterarm sehen, und wenn ich ihn jetzt berühren würde, wäre seine Haut sicherlich glühend heiß. Aber einen Teufel werde ich tun. Also sehe ich ihm nicht in die Augen, sondern über seine Schulter hinweg. Weg vom Tattoo. Weg von dem Gedanken. So ist es sicherer. Für uns beide.

Ich versuche, mich auf den Lärm im Coffeeshop zu konzentrieren, um mich an sein Schweigen zu gewöhnen. Ich hatte vergessen, wie nervenaufreibend seine Gegenwart sein kann.

Das ist gelogen. Ich hab’s nicht vergessen. Ich wollte es, aber geschafft habe ich es nicht.

Ich höre, wie die Kellnerin zu uns rüberkommt. Ihre Turnschuhe quietschen auf dem Betonboden. Mit dünner Piepsstimme erklärt sie ihm, dass er unbedingt den neuen Pfefferminz-Mokka probieren müsse, und ich muss unwillkürlich lachen. Ich weiß, dass er alles Pfefferminzige hasst, sogar Zahnpasta. Ich erinnere mich daran, dass er immer diese roten Klekse seiner Zimtzahnpasta in meinem Waschbecken hinterlassen hat und wie oft ich deshalb gemeckert habe. Hätte ich diese Kleinigkeiten doch lieber ignoriert. Hätte ich mich doch lieber darauf konzentriert, was tatsächlich lief, dann wäre alles anders gekommen.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich gehöre zu den Leuten, die sich immer selbst die Schuld für alles geben – außer hierfür. Aber man kann nie wissen.

Ich will es gar nicht wissen.

Schon wieder gelogen.

Kael bestellt einen einfachen schwarzen Tee, und ich verkneife mir das Lachen. Er ist so vorhersehbar.

»Was ist so witzig?«, fragt er, als die Kellnerin gegangen ist.

»Gar nichts.« Ich wechsele das Thema. »Also, wie geht’s dir?«

Ich weiß nicht, mit was für einem belanglosen Scheiß wir dieses Treffen füllen wollen. Ich weiß nur, dass wir uns morgen sowieso sehen. Und da ich heute ohnehin in die Stadt musste, hielt ich es für eine gute Idee, das unangenehme erste Treffen ohne Publikum hinter uns zu bringen. Eine Beerdigung ist dafür wohl kaum der geeignete Rahmen.

»Gut. Den Umständen entsprechend.« Er räuspert sich.

»Ja«, seufze ich und versuche, den Gedanken an morgen zu verdrängen. Ich ignoriere es immer gern, wenn die Welt um mich herum in Flammen aufgeht. Okay, in den letzten paar Monaten habe ich das nicht so gut hingekriegt, aber in den Jahren davor war das mein Automatismus. Ich habe damit irgendwann zwischen der Scheidung meiner Eltern und meinem Highschool-Abschluss angefangen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Familie verschwindet. Sie wird immer kleiner und kleiner.

»Alles klar mit dir?«, fragt er mit noch leiserer Stimme als vorher.

Ich kenne diesen Ton. Er erinnert mich an jene feuchten Nächte, als wir bei offenem Fenster eingeschlafen sind. Der ganze Raum war am darauffolgenden Morgen taufeucht, unsere Körper nass und klebrig. Ich liebte das Gefühl seiner heißen Haut unter meinen Fingerspitzen, wenn ich diese über die Konturen seines Kinns tanzen ließ. Selbst seine Lippen waren dann warm, manchmal sogar fiebrig. Die Luft im Süden Georgias war so dick, dass man sie schmecken konnte, und Kaels Körper war stets glühend heiß.

»Hmm.« Er räuspert sich und reißt mich aus meinen Erinnerungen.

Ich weiß, was er denkt. Ich kann sein Gesicht genauso deutlich lesen wie das Neonschild an der Wand hinter ihm, auf dem But First, Coffee steht. Warum müssen genau diese Erinnerungen hochkommen, sobald ich ihn sehe? Das macht es nicht leichter.

»Kare.« Seine Stimme ist sanft, als er den Arm über den Tisch hinweg ausstreckt und meine Hand berührt. Ich zucke so schnell zurück, als stünde sie in Flammen. Seltsam, wie es zwischen uns mal war, dass ich nie wusste, wo er aufhörte und wo ich anfing, so sehr waren wir miteinander verwoben. So … so ganz anders als heute. Es gab eine Zeit, da musste er nur meinen Namen sagen, einfach so, und ich hätte ihm alles gegeben, was er wollte. Ich denke einen Augenblick darüber nach. Dass ich diesem Mann alles gegeben hätte, was er wollte.

Ich dachte, ich wäre schon über ihn hinweg. Zumindest genug, dass ich nicht mehr dauernd daran denken muss, wie seine Stimme klang, wenn ich ihn frühmorgens für sein Konditionstraining wecken musste oder wenn er nachts schrie. Mir wird ganz schwindelig, und wenn ich jetzt nicht dichtmache, dann zerreißt es mich hier im Coffeeshop, auf meinem Stuhl, direkt vor seinen Augen.

Ich zwinge mich zu einem Nicken und nehme meinen Latte in die Hand, um Zeit zu schinden und meine Stimme wiederzufinden. »Ja. Ich meine, Beerdigungen sind doch eigentlich genau mein Ding.«

Ich wage es nicht, ihm ins Gesicht zu sehen. »Du hättest sowieso nichts tun können. Oder hast du etwa gedacht …« Er verstummt, und ich starre noch konzentrierter auf den kleinen Sprung in meinem Kaffeebecher. Mit dem Finger fahre ich über die rissige Keramikoberfläche.

»Karina. Sieh mich an.«

Ich schüttele den Kopf. Darauf falle ich nicht rein. Ganz bestimmt nicht. »Mir geht’s gut. Wirklich.« Ich verstumme und mustere ihn dann doch. »Sieh mich doch nicht so an. Es ist alles okay.«

»Bei dir ist immer alles okay.« Er fährt sich mit der Hand über den Bart und seufzt. Dann lehnt er sich zurück, sodass seine Schultern die Plastiklehne des Stuhls berühren.

Es ist keine Frage oder eine Feststellung, sondern einfach eine Tatsache. Er hat recht. Mir geht es immer gut. Ich tue einfach immer so lange so, bis es irgendwann stimmt.

Was bleibt mir sonst übrig?

3

Karina 2015

Mit meinem Job hatte ich echt Glück. Ich musste den Laden nicht vor zehn aufmachen und konnte morgens oft ausschlafen. Und dass ich zu Fuß von meinem Haus zum Salon am Ende der Straße gehen konnte, war ein weiterer Pluspunkt. Ich liebte diese Straße: das Matratzengeschäft, die Eisdiele, das Nagelstudio und den altmodischen Süßwarenladen. Ich hatte gespart und es geschafft: Mit gerade mal zwanzig hatte ich mein eigenes, kleines Haus in meiner eigenen Straße. Mein Haus. Nicht das meines Dads. Meins.

Der Weg zur Arbeit dauerte nur fünf Minuten – er war nicht besonders interessant. Ich hatte Mühe, den Autos aus dem Weg zu gehen. Die Gasse war so schmal, dass nur ein Auto und ein Fußgänger gleichzeitig aneinander vorbeikamen. Na ja, ein Prius oder ein anderer Kleinwagen waren kein Problem; leider fuhren die Leute hier aber eher große Trucks, deshalb musste ich mich oft gegen die Bäume am Straßenrand pressen, bis sie vorbeigefahren waren.

Manchmal dachte ich mir Geschichten aus, um vor Beginn meiner Schicht wenigstens ein bisschen Ablenkung zu haben. Heute ging es um Bradley, den bärtigen Mann, dem der Matratzenladen an der Ecke gehörte. Bradley war ein netter Typ und trug seine Netter-Typ-Uniform: Karohemd und Kakis. Er fuhr einen dieser weißen Fords und arbeitete sogar noch mehr als ich. Ich kam jeden Morgen vor meiner Schicht an ihm vorbei. Da war er schon in seinem Laden. Und selbst wenn ich eine doppelte oder eine Abendschicht übernahm, sah ich den weißen Ford in der Gasse stehen.

Bradley war sicher Single. Nicht weil er nicht gut aussehen würde oder nett wäre, sondern weil er immer allein war. Wenn er eine Frau oder Kinder gehabt hätte, hätte ich die doch zumindest einmal in den sechs Monaten, die ich jetzt schon in diesem Stadtteil lebte, sehen müssen. Fehlanzeige. Egal ob tagsüber, abends oder an den Wochenenden – er war immer allein.

Die Sonne schien, kein einziger Vogel zwitscherte. Kein Müllwagen polterte die Straße entlang. Niemand startete den Motor seines Wagens. Es war gespenstisch still. Vielleicht kam mir Bradley deshalb an diesem Morgen etwas unheimlicher vor als sonst. Ich musterte ihn wieder und fragte mich, warum er sein weißblondes Haar immer scharf gescheitelt trug, warum er es für eine gute Idee hielt, seine Kopfhaut so zur Schau zu stellen. Was mich aber eigentlich interessierte, war die Frage, wohin er wohl mit diesem zusammengerollten Teppich auf der Ladefläche seines Trucks wollte. Vielleicht hatte ich ja zu viele Folgen von CSI gesehen, aber schließlich weiß doch jedes Kind, dass man auf diese Weise eine Leiche loswird: Man rollt sie in einen alten Teppich ein und entsorgt sie irgendwo am Rande der Stadt. Meine Fantasie verwandelte Bradley gerade in einen Serienkiller, als er mir freundlich zuwinkte und mich anlächelte. Aber vielleicht war er ja auch einfach nur ein Charmebolzen und wollte mich eigentlich …

Ich bekam einen Riesenschreck, als er mir zurief: »Hey, Karina! Wir haben im ganzen Viertel kein Wasser!«

Seine dünnen Lippen verzogen sich missbilligend, und er gestikulierte entnervt mit den Armen. Ich blieb stehen und schirmte meine Augen mit der Hand ab. Die Sonne war heute Morgen ziemlich grell. In Georgia war es immer so unglaublich heiß! Eigentlich hätte ich nach einem Jahr daran gewöhnt sein müssen. Ich sehnte mich nach der Kälte südkalifornischer Abende. »Ich hab versucht, die vom Wasserwerk herzukriegen, hatte aber bisher kein Glück.« Er zuckte mit den Achseln und hielt wie zum Beweis sein Handy in die Höhe.

»Oh nein.« Ich versuchte, genauso genervt zu sein wie er, aber ehrlich gesagt hoffte ich insgeheim, dass Mali heute einfach nicht aufmachen würde. Ich hatte in der Nacht kaum ein Auge zugemacht, noch ein Stündchen – oder zwanzig – Schlaf konnten also nicht schaden.

»Ich versuche es weiter«, versprach Bradley. Er ließ die Arme sinken und berührte flüchtig seine Langhorn-Gürtelschnalle. Er schien jetzt schon zu schwitzen, und als er den riesigen Teppich vom Truck herunterwuchtete, hätte ich ihm fast geholfen.

»Danke«, antwortete ich stattdessen. »Ich sag Mali Bescheid.«

4

Die Tür war verschlossen, das Licht war aus – sogar im Flur, wo normalerweise immer eine Lampe brannte –, und drinnen war es bitterkalt. Ich machte die Ölwärmer an und entzündete die Kerzen in der Lobby und in zwei der Behandlungsräume.

Mein erster Kunde sollte um halb elf kommen, und Elodies sogar erst um halb zwölf. Sie hatte noch geschlafen, als ich das Haus verließ. Das bedeutete, dass sie um zehn nach elf zur Tür hereingerauscht kommen, ihrem Kunden ein süßes Lächeln zuwerfen und mit ihrem niedlichen, französischen Akzent eine Entschuldigung murmeln würde, bevor sie sich in die Arbeit stürzte.

Elodie gehörte zu den wenigen Menschen auf der Welt, für die ich einfach alles getan hätte. Umso mehr, da sie jetzt schwanger war. Das mit dem Baby hatte sie, genau zwei Tage nachdem ihr Mann afghanischen Boden betreten hatte, erfahren. So was passierte hier in der Gegend ständig. Ich hatte es bei meinen Eltern miterlebt, bei Elodie … So ziemlich jeder in der Nähe einer Militärbasis wusste, dass so was möglich war – nein, nicht nur möglich, vielmehr die Regel –, wenn man mit einem Soldaten verheiratet war.

Ich brauchte Musik. Ich hasste Stille. Vor Kurzem hatte mir Mali erlaubt, bei der Arbeit modernere Musik zu hören. Ich hätte keine weitere Schicht mit »entspannenden Spa-Melodien«, die sich in Endlosschleife immer und immer wieder wiederholten, ertragen. Der einschläfernde Sound von Wasserfällen und Wellen gingen mir total auf die Nerven und machten mich außerdem müde. Ich schloss also mein iPad an, und sofort verscheuchte Banks’ Stimme jegliche Erinnerung an sanft plätschernde Traummusik. Ich ging zur Rezeption, um den Computer einzuschalten. Kaum zwei Minuten später kam Mali mit ein paar Einkaufstaschen herein.

»Was ist los?«, fragte sie, als ich ihr die Tüten abnahm.

»Hmm? Gar nichts! Was, kein›Hi‹? Kein ›Wie geht’s, Karina‹?« Ich lachte und ging ins Hinterzimmer.

Das Essen in den Taschen duftete toll. Mali macht das beste traditionelle Thai-Essen der Welt, das ich je probiert hab, und sie brachte Elodie und mir auch immer etwas davon mit. Damit verwöhnte sie uns an mindestens fünf Tagen die Woche. Die kleine Avocado – so nannte Elodie ihr Babybäuchlein – wollte würzige, vor Soße triefende Nudeln. Und Basilikumblätter. Seit sie schwanger war, war Elodie süchtig danach, so sehr, dass sie sie aus ihren Nudeln herauspickte und darauf herumkaute. Babys bringen einen schon auf schräge Ideen.

»Karina«, sagte Mali nun und lächelte. »Wie geht es dir? Du siehst traurig aus.«

Das war typisch Mali. Was ist los? Du siehst traurig aus. Sie trug eben das Herz auf der Zunge.

»Mir geht’s gut«, antwortete ich. »Ich bin nur nicht geschminkt.« Ich verdrehte die Augen, und sie berührte meine Wange.

»Das ist es nicht«, sagte sie.

Nein, das war es nicht. Aber ich war nicht traurig, nur ungehalten, dass meine Maske so weit verrutscht war, dass Mali was bemerkt hatte.

5

Mein Kunde kam pünktlich auf die Minute um halb elf. Daran war ich gewöhnt, ebenso wie an seine weiche Haut. Wahrscheinlich cremte er sich nach dem Duschen immer ein, was es mir leichter machte, Öl in seine Haut einzumassieren. Seine Muskeln waren immer total verspannt, besonders im Schulterbereich, weshalb ich vermutete, dass er den ganzen Tag am Schreibtisch saß. Er war definitiv nicht bei der Army, das sah man mit einem Blick auf seine längeren Haare, deren Spitzen sich leicht kringelten.

Heute waren seine Schultern so hart, dass meine Finger schon während der Massage schmerzten. Er war ein Stöhner, wie so viele Kunden. Während ich die Knoten in seinen Muskeln lockerte, gab er tiefe, kehlige Geräusche von sich. Die Stunde ging schnell vorbei. Danach musste ich ihm auf die Schulter tippen, um ihn zu wecken.

Der Kunde – er hieß Toby, aber ich nannte ihn nur meinen Halb-elf-Kunden – gab mir immer ein großzügiges Trinkgeld und war auch ansonsten ziemlich unkompliziert. Mal abgesehen von dem einen Mal, als er mich gefragt hatte, ob ich mit ihm ausgehen würde. Elodie war ausgeflippt, als ich ihr davon erzählt hatte. Sie meinte, ich solle Mali darüber informieren, aber ich wollte nicht viel Wind darum machen. Auf meine Absage hatte er schließlich vollkommen entspannt reagiert, was bei Männern ja alles andere als selbstverständlich ist. Danach hat er nie wieder etwas in diese Richtung angedeutet, also war ich sicher, dass zwischen uns alles in Ordnung war.

Um Viertel vor zwölf war Elodie immer noch nicht in Sicht. Normalerweise schickte sie eine Nachricht, wenn sie sich um mehr als eine Viertelstunde verspätete. Der Mann im Wartebereich musste neu sein, denn ich kannte ihn nicht, und eigentlich vergaß ich nie ein Gesicht. Aber er schien geduldig zu sein. Im Gegensatz zu Mali, die kurz davor war, bei Elodie anzurufen.

»Wenn sie in fünf Minuten noch nicht da ist, kann ich ihn übernehmen. Dann verschieben wir meine nächste Kundin um eine Stunde. Es ist Tina«, beschwichtigte ich Mali. Sie kannte die meisten der Leute, die in ihrem Salon ein und aus gingen, und erinnerte sich so gut an Namen wie ich an Gesichter.

»Gut, gut. Aber deine Freundin kommt ständig zu spät«, schimpfte sie. Mali war eine der nettesten Frauen, die ich kannte, ging aber ziemlich leicht in die Luft.

»Sie ist schwanger«, verteidigte ich Elodie.

Mali verdrehte die Augen. »Ich habe fünf Kinder und bin immer pünktlich zur Arbeit gekommen.«

»Der Punkt geht an dich.«

Ich verkniff mir ein Lachen und schrieb Tina, ob sie auch um eins kommen könnte. Wie erwartet hatte sie nichts dagegen.

»Sir«, sprach ich den Mann im Wartebereich an, »Ihre Masseurin verspätet sich leider etwas. Natürlich können Sie auf Elodie warten, aber ich könnte sie auch vertreten, wenn es Ihnen recht ist.«

Die Entscheidung lag bei ihm; ich wusste ja nicht, ob er aus irgendeinem Grund Elodie bevorzugte oder ob es ihm egal war, wer ihn massierte. Seit wir bei Yelp waren und unsere Termine auch online gebucht werden konnten, wusste ich nie, welcher Kunde einen speziellen Therapeuten haben wollte.

Er stand auf und kam wortlos zur Rezeption.

»Ist das okay für Sie?«, fragte ich.

Er zögerte einen Augenblick, dann nickte er. Okay, nicht gerade ein gesprächiger Typ.

»Gut …« Ich warf einen Blick auf den Terminkalender. Kael. Komischer Name. »Kommen Sie bitte mit.«

Ich führte ihn den Flur entlang. Wir hatten keine festen Behandlungsräume – zumindest nicht offiziell –, aber ich hatte den zweiten Raum auf der linken Seite nach meinem Geschmack umgestaltet und nutze ihn deshalb am häufigsten. Die anderen arbeiteten hier nur, wenn es nicht anders ging.

Ich hatte einen Schrank hineingestellt, meine eigene Deko angebracht und wollte demnächst Mali überreden, die Wände streichen zu dürfen. Alles war besser als dieses dunkle Lila. Die Farbe war einfach nicht entspannend, sondern düster und seit zwanzig Jahren aus der Mode.

»Sie können Ihre Sachen an den Haken hängen oder auf den Stuhl legen«, wies ich ihn an. »Ziehen Sie sich so weit aus, wie Sie mögen. Dann legen Sie sich mit dem Gesicht nach unten auf die Massageliege. Ich bin in zwei Minuten wieder da.«

Mein Kunde sagte keinen Ton. Er blieb nur neben dem Stuhl stehen und zog sich das graue T-Shirt über den Kopf. Eindeutig ein Soldat. Seine muskulöse Gestalt und sein fast kahl rasierter Schädel ließen keine andere Schlussfolgerung zu. Ich war auf einer Militärbasis groß geworden, so was erkannte ich sofort. Er faltete sein T-Shirt zusammen und legte es auf den Stuhl. Als er an seinen Shorts herumnestelte, ließ ich ihn allein, damit er sich in Ruhe weiter ausziehen konnte.

6

Ich zog das Handy aus der Tasche meines Kittels und las die erste Zeile einer Nachricht von meinem Dad: BIS HEUTE ABEND. ES GIBT SPAGHETTI! Es gab mindestens tausend Dinge, die ich lieber getan hätte, aber wir treffen uns nun mal jeden Dienstag zu dritt – manchmal auch zu viert. Ich habe seit meinem Auszug vor einem Jahr nur ein einziges Abendessen verpasst, und zwar als mein Vater und meine Stiefmutter mit ihrem Wohnmobil zur Bootcamp-Abschlussfeier eines entfernten Verwandten gefahren sind. Genau genommen war es also nicht meine Schuld, dass ich nicht dabei war. Sie hatten das Essen nämlich trotzdem durchgezogen, nur in ihrem fahrbaren Zuhause, während Elodie und ich uns Pizza bestellt hatten.

Ich antwortete meinem Dad nicht, denn er wusste ja, dass ich um sieben auf der Matte stehen würde. Dann würde meine »neue« Mutter sich wahrscheinlich noch im Bad frisieren, und das Essen würde noch nicht fertig sein, aber ich würde pünktlich sein.

Es war jetzt drei Minuten her, dass ich Elodies Kunden allein gelassen hatte, also zog ich den Vorhang beiseite und betrat den Behandlungsraum. Drinnen herrschte gedimmtes Licht, weshalb alles dank der hässlichen Wand in einen lila Schein getaucht wurde. Die Kerzen brannten bereits lang genug, dass der frische Duft nach Lemongras das Zimmer erfüllte. Sogar nach meiner unruhigen Nacht hatte diese Umgebung eine beruhigende Wirkung auf mich.

Kael lag auf der Massageliege, die mittig im Raum stand. Die weiße Decke hatte er bis zur Taille hinaufgezogen. Ich ging zum Waschbecken hinüber, um meine Hände unter heißem Wasser zu wärmen. Ich drehte den Wasserhahn auf. Nichts. Bradleys Warnung hatte ich schon wieder vergessen, und die letzte Stunde war ich ohne Wasser ausgekommen.

Ich rieb mir die Hände und legte sie dann um den Ölwärmer, der auf dem Waschbeckenrand stand. Er war ein bisschen zu heiß. Das Öl würde sich warm auf Kaels Haut anfühlen, und er würde vielleicht gar nicht merken, dass wir kein Wasser hatten. Das war nicht besonders bequem, aber machbar. Ich hoffte, dass derjenige, der gestern die letzte Schicht übernommen hatte, vor Feierabend wenigstens noch Handtücher in den Wärmeofen gelegt hatte.

»Gibt es irgendwelche besonders verspannten Stellen, auf die ich mich konzentrieren soll?«, fragte ich.

Keine Antwort. Er war doch nicht etwa schon eingeschlafen?

Ich wartete ein paar Sekunden, dann wiederholte ich meine Frage.

Er schüttelte den Kopf, ohne ihn zu heben. »Rühren Sie nur mein rechtes Bein nicht an.« Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Bitte.«

Meine Kunden baten häufig, bestimmte Körperregionen nicht anzufassen, entweder wegen gesundheitlicher Probleme oder aus Unsicherheit. Das ging mich nichts an, deshalb stellte ich keine Fragen. Ich musste nur dafür sorgen, dass sie sich hinterher besser fühlten und entspannt waren. Ich hätte ihn vorher ein Formular ausfüllen lassen sollen, wo er seine Wünsche notierte. Mali würde mir die Ohren lang ziehen, dass ich es aus Eile vergessen hatte.

»Alles klar. Möchten Sie leichten, mittleren oder intensiven Druck?«, fragte ich und nahm ein Ölfläschchen. Die Flasche fühlte sich noch immer heiß an, aber ich wusste, dass das Öl auf seiner Haut genau die richtige Temperatur haben würde.

Wieder keine Antwort. Vielleicht war er ja schwerhörig. Auch an so was war ich gewöhnt. Das gehörte zu den Härten des Soldatendaseins.

»Kael?«, sagte ich seinen Namen, ohne genau zu wissen, wieso.

Sein Kopf schnellte so schnell in die Höhe, dass ich schon glaubte, ihn erschreckt zu haben. Auch ich zuckte leicht zurück.

»Sorry, ich wollte nur wissen, welcher Druck Ihnen bei der Massage am liebsten ist.«

»Egal?« Er war offenbar unsicher. Vielleicht wurde er zum ersten Mal massiert. Er legte den Kopf wieder zurück in die Öffnung.

»Okay. Sagen Sie einfach Bescheid, wenn es Ihnen zu leicht oder zu stark wird. Dann passe ich mich an«, sagte ich.

Manchmal massierte ich ziemlich energisch, und den meisten meiner Kunden gefiel das, aber da ich Kael noch nie behandelt hatte, ging ich auf Nummer sicher.

Wer wusste schon, ob er noch mal herkommen würde? Etwa vier von zehn Neukunden ließen sich einen weiteren Termin geben, und nur einer oder zwei kamen danach regelmäßig. Wir waren kein großer Salon, aber wir hatten einen festen Kundenstamm.

»Das hier ist Pfefferminzöl.« Ich kippte etwas auf einen Zeigefinger. »Ich werde Ihnen davon etwas in die Schläfen reiben. Das hilft gegen …«

Er hob den Kopf und schüttelte ihn leicht. »Nein«, sagte er. Seine Stimme klang keineswegs grob, ließ aber keinerlei Zweifel daran, dass er kein Pfefferminzöl wollte.

»Okay.« Ich schraubte den Deckel wieder auf das Fläschchen und drehte erneut den Wasserhahn auf. Verdammt. Das Wasser. Ich hockte mich hin und öffnete den Wärmeofen für die Handtücher. Er war leer. Natürlich.

»Hmm, eine Sekunde«, sagte ich. Kael legte den Kopf wieder ab, und ich knallte die Tür des Wärmeofens etwas zu laut zu. Ich konnte nur hoffen, dass er das über die Musik hinweg nicht mitbekommen hatte. Eine reibungslose Massagesession sah anders aus …

7

Mali war gerade im Flur, als ich durch die dünnen Vorhänge hinausstürmte. »Ich brauche Wasser. Oder saubere Handtücher.«

Sie legte den Finger auf die Lippen und bedeutete mir, leiser zu reden. »Wir haben kein Wasser. Aber Handtücher schon. Wer hat den Schrank nicht aufgefüllt?«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte keine Ahnung, und es war mir auch egal. Ich musste mich beeilen. »Er liegt jetzt seit fünf Minuten im Behandlungsraum, und ich habe noch nicht angefangen.«

Sie verschwand schnell im gegenüberliegenden Zimmer und tauchte gleich darauf mit zwei heißen Handtüchern wieder auf. Ich nahm sie ihr ab und ließ die dampfenden Bündel immer wieder von einer Hand in die andere fallen, damit sie abkühlten.

Zurück im Massageraum wedelte ich eines der Handtücher ein letztes Mal durch die Luft und rieb damit über seine nackten Fußsohlen. Seine Haut war so heiß, dass ich das Handtuch gleich wieder fortzog und mit dem Handrücken seine Haut berührte, um zu überprüfen, ob er Fieber hatte. Ich konnte es mir – buchstäblich – nicht leisten, krank zu werden. Bald würde ich nicht mehr über meinen Vater krankenversichert sein, und eine eigene Versicherung war für mich nicht finanzierbar.

Seine Haut war so heiß. Ich hob die Decke ein wenig an und sah, dass er nach wie vor Shorts trug. Das war … seltsam. Wie sollte ich so das Bein massieren, das ich berühren durfte?

»Wollen Sie, dass ich beide Beine auslasse?«, fragte ich ihn also leise.

Er nickte, ohne den Kopf noch mal zu heben. Ich fuhr mit dem Handtuch über seine Fußsohlen. Das machte ich grundsätzlich, um Öl oder Schmutz zu entfernen. Die Körperhygiene von Kunden … na ja, sagen wir einfach, sie fällt sehr unterschiedlich aus. Manche Leute laufen den ganzen Tag in Sandalen durch die Gegend und kommen dann mit schmutzigen Füßen zur Massage. Nicht dieser Typ hier. Anscheinend hatte er sogar vorher geduscht. Das gefiel mir. Mit leichtem Druck begann ich, seine Fußballen zu massieren, und ließ die Hände dann über das linke Fußgewölbe wandern. Ich ertastete eine sanfte, hubbelige Linie an seiner linken Fußsohle, aber in der Dunkelheit konnte ich die Narbe nicht sehen. Langsam fuhr ich mit dem Daumen über die Wölbung, und er zuckte leicht zusammen.

Ich strukturierte meine Massagesitzungen genau durch, wobei ich für jedes Bein etwa fünf Minuten einrechne, also konnte ich mir bei ihm hier mehr Zeit für die Schultern nehmen. Viele Leute haben Schulterverspannungen, aber dieser Typ – das waren sicher die härtesten Schultern, die ich je behandelt hatte. Meine Fantasie wollte gleich eine passende Geschichte dazu erfinden, aber ich zügelte meine Gedanken und konzentrierte mich stattdessen ganz auf meine Arbeit.

Dabei achtete ich darauf, dass seine Beine weiterhin bedeckt waren. Ich massierte seine Nacken, seine Schultern, seinen Rücken. Seine Muskeln waren definiert, aber nicht klobig. Ich vermutete, dass sein junger Körper für lange Zeit eine große Last auf den Schultern getragen hatte – einen Rucksack vielleicht. Oder vielleicht auch nur das Leben selbst. Er gab nicht viel preis, sodass mir keine passende Hintergrundgeschichte in den Sinn kam, wie das bei Bradley und den meisten Fremden sonst der Fall war. Irgendetwas an diesem Kerl hielt meine Fantasie in Schach.

Zuletzt bearbeitete ich seine Kopfhaut. Bei entspannendem Druck auf ihrem Schädel fangen die meisten Leute an zu stöhnen oder zu seufzen, aber Kael kam kein Ton über die Lippen. Kein Pieps. Vielleicht war er ja eingeschlafen. Ich liebte das. Es bedeutete, dass ich gute Arbeit geleistet hatte. Die Zeit ging wie im Flug vorbei. Normalerweise überließ ich mich bei der Massage immer meinen Gedanken – an meinen Dad, meinen Bruder, die Arbeit, mein Haus. Aber bei diesem Typ war mein Kopf wie leer gefegt.

»War alles in Ordnung?« Das frage ich keineswegs immer. Doch dieser Typ hier war so schweigsam, dass ich echt nicht einschätzen konnte, ob es ihm gefallen hatte oder nicht.

Er hob den Kopf auch diesmal nicht, weshalb ich seine Antwort kaum verstand. »War in Ordnung.«

Wow. Wirklich kein Mann vieler Worte!

»Okay, na ja, ich lasse Sie jetzt alleine, damit Sie sich anziehen können. Wir sehen uns in der Lobby, wenn Sie fertig sind. Lassen Sie sich Zeit.«

Er nickte, und ich verließ den Raum. Von dem bekam ich bestimmt kein Trinkgeld.

8

In der Lobby hörte ich Elodies Stimme. Sie unterhielt sich mit Mali, die ihr wegen der Verspätung zusetzte.

»Ich habe deinen Kunden übernommen. Zieht sich gerade an«, berichtete ich meiner Freundin. Es schadete nicht, Mali zu zeigen, dass alles erledigt und nichts Dramatisches passiert war. Elodie lächelte mir zu und legte den Kopf schief. Sie hatte so eine Art an sich, mit der sie immer davonkam.

»Tut mir so leid, Karina. Danke, danke, danke.« Sie küsste mich auf beide Wangen. Daran hatte ich mich nach ihrem Einzug schnell gewöhnt. Normalerweise mag ich solche Berührungen nicht, aber ihr konnte ich mich einfach nicht entziehen.

»Ich konnte gestern Abend nicht einschlafen. Die Avocado hat angefangen zu strampeln.« Ihr Lächeln wurde breiter, aber ihre Augen wirkten müde. Sie war genauso groggy wie ich selbst.

Mali legte die Hand auf Elodies Bauch und fing an, mit dem Baby zu reden. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie den Bauch gefragt hätte Was ist los? Warum lächelst du nicht?, aber Mali hatte ein Herz für Kinder, sogar für diejenigen, die noch nicht geboren waren. Etwas unbehaglich beobachtete ich ihr Getätschel. Die Tatsache, dass das Baby nun strampelte, war so aufregend, dass ich lächeln musste. Ich freute mich wirklich für meine Freundin. Allerdings machte ich mir auch Sorgen um sie, weil sie so ganz allein hier war – ihre Familie und ein Großteil ihrer Freunde lebten jenseits des Atlantiks. Sie war so jung. Ich fragte mich, ob sie gestern schon Gelegenheit gehabt hatte, Phillip zu erzählen, dass das Kind sich bewegte, oder ob er heute überhaupt dazu kommen würde, seine E-Mails zu lesen. Wegen der unterschiedlichen Zeitzonen konnte man mit Soldaten im Ausland nicht so oft reden, wie man es wollte. Aber Elodie managte die Situation so souverän wie alles andere auch. Trotzdem machte ich mir vor Angst fast in die Hose, wenn ich daran dachte, dass sie in ein paar Monaten ein Kind bekommen würde.

Elodies Blick fiel auf den Vorhang hinter mir, und mit einem Mal strahlte sie und drängte sich an mir vorbei. Sie rief Kaels Namen, küsste ihn zweimal auf beide Wangen und umarmte ihn.

»Du bist hier? Wann bist du angekommen? Ich fasse es nicht!«, kreischte sie und umarmte ihn erneut.

Mit einem Kopfnicken deutete Mali auf meine nächste Kundin, die gerade zur Tür hereinkam. »Weiter geht’s, Darling«, befahl sie.

9

Tina war eine meiner Lieblingskundinnen. Sie war Familien-Therapeutin, und mehr als einmal hatte ich ihre Massage als Therapiesitzung für mich missbraucht. Ich war bei den meisten Menschen nicht besonders offen, aber Tina hatte niemanden, dem sie meine Geheimnisse hätte erzählen können. Ich fand die Vorstellung, wie sie in ihrem großen, leeren Haus allein vor dem Fernseher zu Abend aß, zutiefst traurig. Andererseits verlief mein eigenes Leben ja auch nicht viel besser, weshalb Mitleid mit ihr wohl nicht angebracht war. Werde ich auch irgendwann so wie Tina enden?, fragte ich mich manchmal in einem Anfall von Panik und bekam dann gleich wieder ein schlechtes Gewissen.

Tinas Massagesession kam mir heute endlos vor. Ich sah schon wieder auf die Uhr: immer noch zehn Minuten.

»Wie läuft es denn eigentlich mit deinem Bruder?«, fragte sie. Ich schob ihr Haar zur Seite, damit ich mich ihrer verspannten Nackenmuskulatur widmen konnte. Vor einiger Zeit hatte Tina sich die Haare schneiden lassen – sie nannte den Schnitt den »Demi-Cut«–, aber sie hasste das Ergebnis und trug seitdem Hüte. Ihr Haar war auch jetzt immer noch nicht lang genug, um es zu einem Pferdeschwanz zusammenfassen zu können.

Ich hatte keine Lust, über meinen Bruder zu reden. Dann kam der ganze Mist nur wieder hoch.

»Nichts Neues. Ich habe wenig von ihm gehört, seit er bei meinem Onkel wohnt. Wer weiß, wann er zurückkommt.« Ich seufzte und ließ meine Finger an Tinas Nacken entlanggleiten.

»Geht er dort inzwischen aufs College?«, fragte sie.

»Nein. Sie haben ihn immer noch nicht angemeldet, obwohl sie uns immer wieder versichern, dass sie sich bald darum kümmern werden.« Ich versuchte, den Gedanken daran zu verdrängen, aber vergeblich. Wenn in meinem Hirn einmal eine Tür aufgestoßen worden war, gab es kein Halten mehr.

»Klingt, als hätten sie es nicht wirklich vor«, meinte Tina.

»Ja. Habe ich mir auch schon gedacht. Er redet nicht mit mir darüber, und sein Stipendium für das College hier ist letzten Monat verfallen.«

Meine Schultern und mein Rücken verspannten sich – eine Stressreaktion. Ich war in Bezug auf Austin hin- und hergerissen. Einerseits konnte ich verstehen, dass er nicht mehr mit unserem Dad zusammenleben wollte. Andererseits fand ich es nicht gut, dass mein zwanzigjähriger Zwillingsbruder so gar keine Ziele hatte. Es war eigentlich ein Skandal, dass er in einem anderen Bundesstaat bei unserem dreißig Jahre alten Onkel wohnte, der nach Cheetos roch und den ganzen Tag Online-Pornos guckte. Aber bei mir aufnehmen wollte ich ihn nun auch wieder nicht. Es war kompliziert. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass mein Dad dem Umzug überhaupt zugestimmt hatte. Andererseits konnte ich meinen Bruder verstehen. Kompliziert eben.

»Ehrlich, Karina, das liegt nicht in deiner Verantwortung. Es tut dir nicht gut, darüber nachzudenken, und dein Bruder ist genauso alt wie du, nur fünf Minuten jünger, wenn ich mich recht erinnere?«

»Sechs.« Ich lächelte und wandte mich ihren Schulterblättern zu.

Ich wusste, dass sie recht hatte, aber leichter wurde es dadurch nicht.

Ich knetete weiter ihre Muskeln. »Du musst dir überlegen, was für dich das Beste ist«, fügte sie hinzu. »Du schlägst jetzt ein neues Kapitel in deinem Leben auf, und dafür solltest du dich von jeglichem Ballast befreien.«

Leichter gesagt als getan.

»Ich frage meinen Dad mal, ob er irgendwas von ihm gehört hat.«

Danach sagte Tina nichts mehr. Wahrscheinlich war ihr klar, dass ich so früh am Tag ganz bestimmt nicht über das Abendessen mit meinen Eltern reden wollte. Also genoss sie die restliche Behandlung, während sich meine Gedanken weiterhin überschlugen.

10

Um kurz vor sechs war ich fertig. Nach Tina hatte ich noch drei Kunden, und jeder beschäftigte mich anders. Stewart war Armeeärztin und hatte die schönsten Augen, die ich je gesehen hatte. Ich nannte sie immer nur bei ihrem Nachnamen, was bei anderen oft für Verwirrung sorgte. Sie redete über nichts anderes als über ihre nächste Stationierung, darüber, dass sie durch ihren Job überall in der Welt landen konnte, weshalb die nächste Position in Hawaii echt das große Los war. Ich freute mich, dass sie so glücklich war.

Stewart liebte es, immer wieder den Ort zu wechseln. Sie war nur ein Jahr älter als ich, aber sie hatte schon zwei Einsätze im Irak hinter sich. Und sie hatte krasse Geschichten zu erzählen! Mit gerade mal einundzwanzig hatte sie Erfahrungen gesammelt, von denen die meisten Menschen nur träumen konnten. Aber seit diese Erfahrungen zu Erinnerungen wurden … na ja, dann beherrschten sie ihre Gedanken. Wie in Endlosschleife. Niemals nachlassend, niemals Ruhe gebend. Die Erinnerungen verwandelten sich in Hintergrundgeräusche, die sich in ihrem Kopf festsetzten – erträglich, aber immer präsent. Ich wusste, wie das war. Im Hirn meines Dads tobte es genauso. Nach sechs Stationierungen im Irak und in Afghanistan plärrten seine Hintergrundgeräusche ständig durch unser Haus. Sein Haus.

Ich war froh, dass Stewart mir ihr Herz ausschütten und damit den Druck ihrer Hintergrundgeräusche etwas lindern konnte. Ich wusste besser als die meisten, dass körperliche Entspannung nicht allein auf die physische Behandlung zurückzuführen war.

Stewarts Lebensgeschichten waren fast wie Poesie. Jedes einzelne Wort ging mir unter die Haut. Sie brachte mir vieles zu Bewusstsein, das ich eigentlich zu verdrängen versucht hatte. Und während sie mir erzählte, was sie durchgemacht hatte, veränderte sie meine Sicht auf die Dinge.

So erzählte Stewart mir zum Beispiel, dass weniger als acht Prozent der amerikanischen Bevölkerung überhaupt dienen oder gedient hatten. Und in dieser Statistik seien schon sämtliche Dienstgrade und Dienstjahre enthalten – auch der Veteran, der nur ein einziges Jahr in der Army gewesen war. Nur acht Prozent von über dreihundert Millionen Menschen. Die Erkenntnis war hart, dass meine Kindheit – in der ich von einer Station zur nächsten gezogen war, versucht hatte, neue Freundschaften zu schließen und mich alle paar Jahre an neue Leute zu gewöhnen – nicht der Norm entsprach. Zumindest nicht für die meisten Amerikaner.

Weniger als acht Prozent? Undenkbar, dass es so wenige waren. All meine Verwandten – angefangen von meinem Urgroßvater über meinen Dad bis hin zu meinen Onkeln und Cousins, die über das ganze Land verstreut lebten (abgesehen von dem Loser, bei dem mein Bruder wohnte) – trugen Uniform oder lebten mit einem Soldaten zusammen. Die Welt war mir noch nie so groß vorgekommen wie angesichts von Stewarts Statistiken.