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Die düster-magische Dilogie voller Liebe, Kämpfe und Intrigen in einer E-Box! »Wow« »Atemberaubend gut!« »Ein grandioses Buch, das ich jedem weiterempfehlen würde.« (Leserstimmen auf Amazon) Obwohl Aileara in einer Menschenstadt lebt, verachtet sie die Menschen. Denn anders als Aileara sind sie der Magie nicht mächtig. Aber als Halbelfe hat sie weder bei den Menschen noch bei den Elfen eine Heimat. Einzig ein mysteriöser Schicksalsspruch über sie selbst treibt Aileara an. Auf der Suche nach Hinweisen auf ihre Bestimmung begegnet ihr der undurchschaubare Nieven. Er übt eine unerklärliche Anziehungskraft auf sie aus und scheint Antworten auf ihre Fragen zu haben, die sie nur immer tiefer in dunkle Geheimnisse verstricken... Jenna Liermann entführt die Leser in eine faszinierende Elfenwelt, die einen mit Mysterien, Gefahren und Liebe sofort in ihren Bann zieht. //Dies ist eine E-Box aus dem Carlsen-Imprint Dark Diamonds. Jeder Roman ein Juwel.// //Diese E-Box enthält alle Bände der Fantasy-Dilogie »Aileara«: -- Elfendunkel (Aileara 1) -- Elfenschicksal (Aileara 2)// Diese Reihe ist abgeschlossen.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
www.darkdiamonds.de Jeder Roman ein Juwel
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Dark Diamonds Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2019 Text © Jenna Liermann, 2019 Lektorat: Marion Lembke Coverbild: shutterstock.com / © Nadya Korobkova / © Koval Tetiana / © Extezy Covergestaltung der Einzelbände: formlabor Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck / Derya Yildirim Satz und E-Book-Umsetzung: readbox publishing, Dortmund ISBN 978-3-646-30183-0www.carlsen.de
Dark Diamonds
Jeder Roman ein Juwel.
Das digitale Imprint »Dark Diamonds« ist ein E-Book-Label des Carlsen Verlags und publiziert New Adult Fantasy.
Wer nach einer hochwertig geschliffenen Geschichte voller dunkler Romantik sucht, ist bei uns genau richtig. Im Mittelpunkt unserer Romane stehen starke weibliche Heldinnen, die ihre Teenagerjahre bereits hinter sich gelassen haben, aber noch nicht ganz in ihrer Zukunft angekommen sind. Mit viel Gefühl, einer Prise Gefahr und einem Hauch von Sinnlichkeit entführen sie uns in die grenzenlosen Weiten fantastischer Welten – genau dorthin, wo man die Realität vollkommen vergisst und sich selbst wiederfindet.
Das Dark-Diamonds-Programm wurde vom Lektorat des erfolgreichen Carlsen-Labels Impress handverlesen und enthält nur wahre Juwelen der romantischen Fantasyliteratur für junge Erwachsene.
Jenna Liermann
Elfendunkel (Aileara 1)
**Eine Halbelfe im Kampf gegen das Schicksal** Die Halbelfe Aileara lebt in einer Menschenstadt und hält sich mit zwielichtigen Aufträgen über Wasser. Sie verachtet die Menschen, da sie der Magie nicht mächtig sind, doch auch bei den Elfen hat sie als Halbblut keine Heimat. Von der Vergangenheit mit ihrer geliebten Familie ist ihr einzig ein mysteriöser Schicksalsspruch über sie selbst geblieben. Immer auf der Suche nach Hinweisen auf ihre Bestimmung, lässt sie sich auf einen riskanten Handel ein. Bevor sie sich jedoch großer Gefahr aussetzt, begegnet ihr der undurchschaubare Nieven. Er verfügt über besonderes Wissen und scheint nicht nur Antworten auf Ailearas Fragen zu haben, sondern übt trotz seiner Unnahbarkeit eine unerklärliche Anziehungskraft auf sie aus. Doch auch er hat seine Geheimnisse …
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Vita
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© privat
Jenna Liermann wuchs in einer Kleinstadt des Bergischen Landes auf. Nach ihrem Abitur zog es sie zunächst ins schöne England, bevor sie ihr Psychologiestudium im Ruhrgebiet aufnahm. Wenn sie nicht gerade im Lernstoff versinkt, widmet sie sich fantastischen Geschichten. Als Buchbloggerin lässt sie sich regelmäßig von fremden Welten begeistern und möchte nun selbst Leser verzaubern.
Für Jojo
Ohne dich wären Aileara, Nieven und Faelar niemals über die millenisgatischen Stadtgrenzen hinausgekommen.
Deine Unterstützung bedeutet mir viel.
Der Auftrag
Die erste Seele aber war rein und vollkommen. Sie nannte sich Äther und gab den folgenden Seelen eine Heimat.
– Aus den Heiligen Schriften des Äthers –
»Dein Leben neigt sich dem Ende zu, mein alter Freund!« Er stand dem Fenster zugewandt, das Gesicht von der untergehenden Sonne erleuchtet. Die Schatten der Sorge, die seine Augen trübten, konnten jedoch nicht von dem Schauspiel am Himmel vertrieben werden.
»Ich weiß.« Sein Freund Dhiren Fahana seufzte. Die alten Knochen hatten den König gebrechlich gemacht.
Wie sehr wünschte er sich, Dhiren nicht an den Tod zu verlieren. Doch in den Kreislauf von Tod und Leben einzugreifen, wagte er nicht.
»Dein Sohn Raenys ist nicht bereit, in deine Fußstapfen zu treten«, sagte er leise. Die ungewisse Zukunft, die vor ihm lag, bereitete ihm Sorgen. Noch vermochte er nicht zu erkennen, welchen Weg das Schicksal wählte.
»Ich weiß. Er stellt alles, was wir ihn gelehrt haben, infrage. Vielleicht wird er nie so weit sein. Er war schon immer ein Wildfang.« Trotz der hoffnungslosen Lage umspielte ein müdes Lächeln Dhirens Lippen. Raenys war immer sein größter Stolz gewesen.
»Das befürchte ich auch, mein alter Freund. Ich hoffe sehr, wir irren uns beide, denn es könnte sonst den Untergang dieser Welt bedeuten.«
***
Ailearas Auftrag war erledigt. Sie legte sich ihre Beute – einen schwarzen Umhang aus dickem, weichem Stoff – über den Arm, ließ den Siegelring in ihren Beutel am Gürtel fallen und schob ihre Nadel zurück in die Scheide, die in ihrem aufgedrehten Haar steckte. Wenn Aileara sich erlaubt hätte, über ihre Tat und ihr Opfer nachzudenken, hätte das schlechte Gewissen sie in die Knie gezwungen. Deswegen ließ sie solche Gedankengänge nicht zu. Was nun geschah, lag nicht in ihrer Verantwortung. Ihren Beitrag hatte sie geleistet.
Für gewöhnlich bevorzugte sie Abgänge durch offene Fenster oder das unterirdische Tunnelsystem der Stadt. Ungesehen hinein und hinaus. Doch die jubelnde Menschenmasse auf den Straßen machte ein schnelles, unbemerktes Verschwinden durch Fenster und über Dächer unmöglich. Das Gasthaus besaß auch keinen Zugang zu den Tunneln.
Sie musste sich also unter die Menschen mischen. In ihrer dunklen schäbigen Montur würde sie in der Menge der prächtig und farbenfroh gekleideten Stadtbewohner nur auffallen. Sie verließ das Zimmer. Die schwarze Rabenfeder, die sie an jedem Tatort hinterließ, schwebte langsam zu Boden.
Zurück in dem Raum, den sie in Vorbereitung des Auftrags Tage zuvor im Gasthaus angemietet hatte, legte sie den Mantel auf das Bett, bevor sie sich der engen Hosen, ihrer Waffenholster und des dunklen Hemds entledigte. Sie kleidete sich stattdessen in einen tiefroten leicht ausgestellten Rock, eine weiße Bluse und ein schwarzes Unterbrustkorsett. Kleine Häkchen an der Vorderseite ermöglichten es ihr, das Korsett ohne fremde Hilfe anzulegen, und durch biegsame Stangen war es längst nicht mehr so unbequem wie seine Vorgängermodelle.
Anschließend zog sie ihre Haarnadel-Klinge aus ihrem schwarzen Haar, das sich daraufhin fließend über ihren Rücken ergoss. Die Nadel wanderte in ihren Stiefel. Das lederne Holster schnallte sie sich wieder um den Oberschenkel und schob ihre Dolche in die daran befestigten Scheiden. Unter dem Rock fielen die Waffen glücklicherweise nicht auf. Unbewaffnet war sie nie.
Auch ihr Zeitmesser am linken Handgelenk war mehr als hübscher Schmuck und diente ihr im Notfall als Waffe. Einige der Zahnräder waren herausnehmbar und schärfer, als sie auf den ersten Blick erschienen. Aileara verstand sich darauf, die kleinen Geschosse mit tödlicher Präzision zu werfen. Ein Blick auf den Zeitmesser drängte sie zum Aufbruch.
Nachdem die restliche Kleidung sicher versteckt war und der Raum so unauffällig und trostlos wie vorher wirkte, schlang sie ihren neuen Umhang um ihre Schultern und verließ das Gasthaus. Der Eingang führte sie direkt auf die Hauptstraße, die sich bergauf in Richtung des Palastes schlängelte. Er war in ganz Empearal gemeinhin als Eisenturm bekannt. Erbaut aus Eisen und den Edelmetallen Gold und Silber erstrahlte das Gebäude im Licht der untergehenden Sonne.
Aileara mischte sich unter das Volk und schloss sich der Prozession an, die zum Tempel an der östlichen Seite des Eisenturms strömte. Um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, verbarg sie ihr Gesicht nicht unter ihrer Kapuze.
Die ausgelassene Stimmung schwappte zu ihr herüber, umspülte sie, nur ließ sie sich nicht von der Welle mitreißen. Schweigend hielt sie sich im Hintergrund, bewegte sich durch die Massen, ohne jemanden zu berühren.
Das Lachen der Menschen war die musikalische Begleitung des Zuges, der sich durch die Straßen schlängelte. Die Hauptstraße war breit und mit Platten aus Kupfer gefestigt, sodass auch Kutschen und mit Lichtsteinen betriebene Karren ihren Weg zum Eisenturm antreten konnten. Im Moment waren keine unterwegs.
Die Bewohner der Hauptstadt und die für das Fest angereisten Händler des Landes schritten gemächlich dahin, hoben mit ihren Freunden und Bekannten die Becher zu Ehren des Äthers und riefen ihre Trinksprüche in die Nacht. Heute bedachten sie den Äther in besonderer Weise. Die Feierlichkeiten ließen das Volk für einen Moment ihre Nöte vergessen. Sie dankten dem, dessen Seele in ihrem König lebte und der weise über sie regierte.
Aileara brachte kein Wort des Dankes über die Lippen. Eher schüttelte sie über das beschränkte Weltbild der Menschen den Kopf. Sie waren nicht in der Lage, einen Blick für die Wirklichkeit zu entwickeln. In ihrem kleinen Universum fühlten sie sich wohl. Deswegen verehrten sie einen Mann, der schwor, einer vollkommenen, reinen und mächtigen Seele in seinem Körper Zuflucht zu gewähren.
Aileara verstand weder, wie die Menschen einer solchen Lüge Glauben schenken konnten, noch, wie sie selbst in ihrer Kindheit an den Äther und seine Güte hatte glauben können. Inzwischen kannte sie die Wahrheit, sah den Äther als das, was er war. Eine Lüge!
Sie bestaunte stattdessen das Wunder des Seelengeflechts und beugte nicht ihr Knie vor einem Lügner und Betrüger, der mit allen Mitteln seine Macht wahren wollte. Die Menschen jedoch folgten ihm bedingungslos und willig.
Schwach, dachte sie, während sie ihren Weg durch die Massen fortsetzte. Dieses schwache Blut floss ebenfalls durch ihren Körper und warf einen Schatten auf ihr Erbe. Als Halbblut war ihr die volle Ausschöpfung der magischen Fähigkeiten, die ihr das Elfenblut in ihren Adern schenkte, verwehrt. Es ließ sie jedoch das Geflecht sehen, das sich unsichtbar für die Menschen über den gesamten Himmel zog. Es war aufgeladen mit Seelenenergie, nach der sie jederzeit greifen konnte. Es war das Schönste, was sie je gesehen hatte. Ein glitzerndes Pulsieren, das sie stetig begleitete wie ein schützender Schild.
***
Je näher sie dem Tempelplatz kam, desto dichter wurde die Menschenmenge. Die Türen und Fenster der angrenzenden Häuser waren weit geöffnet, ihr Inneres hell erleuchtet. Das Licht fiel auf den Platz und machte es unmöglich, sich im Schatten der Häuser unbemerkt zu bewegen. Instrumente untermalten den Augenblick.
Aileara hasste Menschenmengen. Die gedrängten Leiber versperrten ihr den Weg und machten ein Vorwärtskommen beinahe unmöglich. Die Männer, die dem Wein gefrönt hatten, torkelten vor und hinter ihr her, ständig traten diese Tölpel auf den Saum ihres Rockes.
Sie sehnte sich nach dem engen Sitz ihrer Hose, aber es schickte sich nicht für eine Dame, in der Öffentlichkeit in Männerkleidern herumzulaufen. Das war den oberen Priesterinnen vorbehalten. Man glaubte, ihnen so Autorität zu verleihen. Oder so ähnlich. Wieder einmal konnte Aileara über die Engstirnigkeit der Menschen nur den Kopf schütteln.
Mit ihren Regeln schränkten sie sich in jedem Lebensbereich ein und sie genossen es sogar, sich nur innerhalb ihrer Grenzen zu bewegen.
In ihnen wohnte kein Drang nach Freiheit, sie buckelten vor ihrem König und ließen sich führen. Sie waren wie Schafe, die ohne jeglichen Verstand ihrem Hirten hinterhertrotteten.
In Momenten wie diesen, wo ihr die Unzulänglichkeiten und Schwächen der Menschen vor Augen geführt wurden, sehnte sie sich zurück in ihre kleine Elfensiedlung. In Cursepoint hatte sie nach dem Massaker an ihrer Familie eine Heimat gefunden. Eine, die sie vor sechs Jahren wieder hatte verlassen müssen, als ihr Mentor in die Hauptstadt reiste und in eben dieser verstarb. Die übrigen Bewohner hatten nur noch das Halbblut in ihr gesehen. Nicht würdig genug, um unter Elfen zu leben.
Mit Wehmut dachte sie an Silvion, ihren Mentor. Die kleine Hütte, die sie gemeinsam bewohnt hatten, war ihre Zuflucht geworden in einer Zeit, die von Verlust geprägt gewesen war.
Mit dieser Erinnerung kamen weitere. Nur Tage, nachdem die Nachricht seines Todes eingetroffen war, wurden die ersten Stimmen laut. Sie sei nicht würdig, die Seelenmale der Elfen zu tragen und Magie zu wirken. Schwaches Blut fließe in ihren Adern.
Manchmal hasste sie ihre Mutter dafür, dass sie sich in einen Menschen verliebt und mit ihm eine Familie gegründet hatte, fernab vom Plateau, den Landen der Elfen. Sie könnte noch immer unter ihresgleichen leben, wenn ihr Vater Elf statt Mensch gewesen wäre. Doch kaum schlich sich dieser Gedanke ein, kam der Schmerz, der ihr auch den Verlust ihrer Familie mit aller Deutlichkeit vorführte. Ihr Herz zog sich zusammen und Tränen brannten in ihren Augen.
Nach einem langen Ausatmen hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Den Schmerz verdrängte sie mit Wut, denn diese zerriss sie innerlich nicht, sondern machte sie stärker. Ihre Wut war in ihrem Inneren der Zündstoff, der sie vorwärtstrieb. Über Jahre geschürt, gehegt und gepflegt flammte ein Inferno in ihr. Sie schüttelte den Kopf, um ihre Gedanken wieder in die Gegenwart zu befördern.
Ein Raunen ging durch die Menge. Es kribbelte und pulsierte unter ihrer Haut und Aileara versuchte, kurz einen Blick auf das zu erhaschen, was alle in Staunen versetzte und diese Reaktion in ihr auslöste. Doch ihre Körpergröße, die Kopfbedeckungen der Männer und die toupierten Haare der Frauen machten es ihr unmöglich, mehr zu sehen als die eiserne Fassade des Palastes und die steinernen Mauern des Tempels. Im Grunde interessierte es sie auch nicht sonderlich.
Ein Blick auf den Zeitmesser machte ihr deutlich, dass sie nicht länger verweilen durfte.
Die Ablenkung nutzend zwängte sie sich durch die Menschenmenge. Ihr Weg führte sie in östliche Richtung einmal am Rande des Tempelplatzes entlang. Je näher sie dem Tempel kam, desto dichter wurde die Menge. Sie strebte jedoch nicht das Heiligtum an. Nein, sie ließ ihn hinter sich, lief an seiner Außenmauer vorbei und verschwand in das Viertel, das junge Frauen nicht betreten sollten, wenn ihnen ihre Ehre und ihr Leben lieb und teuer waren.
Immer darauf achtend, dass ihr niemand folgte, bewegte sie sich vorwärts. Es war reine Ironie. Der gefährlichste und sündigste Teil der Stadt grenzte direkt an das heiligste Gebäude. Die Türen rechts und links der unbefestigten Straße waren geschlossen. Teilweise verbargen dicke Metallplatten vor den Fenstern, was dahinter passierte. Nur die Geräusche konnten nicht im Inneren eingesperrt werden. Sie hörte Stöhnen, schmerzerfüllte Schreie, dumpfe Schläge. Ungerührt lief Aileara weiter.
An der nächsten Kreuzung schlug sie den Weg ein, der hinunter zur Stadtmauer führte. Bevor sie den abgesprochenen Treffpunkt erreichte, zog sie sich in eine dunkle Nische zurück und atmete tief ein. Mit dem Ausatmen ließ sie die magische Verschleierung los, die sie permanent aufrechterhielt, um unter den Menschen wandeln zu können.
Ein rotes Leuchten kündigte die Aufhebung des Zaubers an. Spitz traten ihre Ohren nun aus ihren schwarzen Haaren hervor und graue Male verzierten ihre blasse Haut, als habe sie sich selbst mit Tinte bemalt.
Kreise, Wellen und Linien umspielten einander und ergaben ein einzigartiges Muster. Dieses begann auf ihren Fingern, schlängelte sich ihre Arme entlang, schmückte ihre Schultern, ihren Hals und ihren großzügigen Ausschnitt. Auch Rücken und Gesicht waren nicht unberührt. An ihren Schläfen tanzten zwei Wellen und auf ihrer Stirn prangte ein dreispitziger Knoten ohne Anfang und Ende. Eine Spitze für den Geist, eine für den Körper und die obere für die Seele.
Der Anblick ihrer elfischen Seelenmale ließ sie lächeln. Sie trug sie gern, denn sie ermöglichten es ihr, die Seelenenergie zu nutzen, sie waren die Verbindung zum unendlichen, alles überdauernden Seelengeflecht. Die Quelle ihrer Magie und Kraft.
Nur die Farbe passte ihr nicht. Das Grau zeichnete sie zu deutlich als Halbblut. Reinrassige Elfen trugen schwarze Male.
Sie betrachtete die ineinander verschlungenen Linien auf ihrer blassen Haut und berührte sacht mit dem linken Zeigefinger den grauen Kreis, der den Pulspunkt an ihrem rechten Handgelenk kennzeichnete. Ein jeder Zauber begann hier. Der Kreis flammte rot auf und mit ihren Gedanken lenkte sie das vertraute Pulsieren der Energie, das unter ihrer Haut zu prickeln begann.
Nacheinander flammten die Male auf. Für einen Außenstehenden mochte die Reihenfolge willkürlich erscheinen, doch Aileara verstand es, auf diese Weise einen Zauber zu weben. Langsam veränderten sich ihre Gesichtszüge. Ihre Wangen wurden voller, ihre Augen kleiner, der Mund breiter und die Ohren wieder runder. Das lange schwarze Haar wurde heller und fiel ihr alsbald nur noch auf die Schultern.
Wenige Augenblicke später trat aus dem Dunkel eine große blonde Schönheit, die sich ein einfaches Armband mit gelben Holzperlen und bronzenen Glöckchen um das Handgelenk schlang. Das Zeichen der Damen der Lust. Das Korsett drückte und der Rock war zu kurz. Doch passte es zu der Rolle, die sie zu spielen gedachte.
Monatelanges Üben hatte es sie gekostet, den Wandlungszauber zu meistern, und noch immer konnte sie ihn nur eine gute Stunde aufrechterhalten. Wenn sie es länger versuchte, drohte die Energie ihren Körper auszubrennen. Nur ihr Verschleierungszauber gelang ihr dauerhaft.
Aileara würde jedoch niemals einem Auftraggeber in ihrer wahren Gestalt gegenübertreten. Zu groß war die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand rächen wollte. Deswegen durfte niemand wissen, welches Gesicht sich hinter dem Raben verbarg. Stattdessen machten Auftraggeber Geschäfte mit Lisia, der Dienerin des Raben.
Den Namen hatte sie sich nicht selbst ausgesucht. Auch hatte sie niemals geplant, die gefürchtetste Söldnerin der Stadt Millenisgate zu werden. Als sie von den Elfen verstoßen wieder im Reich der Menschen hatte Zuflucht suchen müssen, zog es sie in die Hauptstadt. Vermutlich hätte sie auch nach Crystalcliff gehen können, aber sie hatte nicht gewusst, in wessen Besitz das Haus ihrer Familie nach deren Tod gewandert war.
Das war jedoch nicht der einzige Grund, warum sie ihre ehemalige Heimat mied. Sie fürchtete sich vor dem Ort. Allein bei dem Gedanken an eine Rückkehr zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Dachte sie an die große Fensterfront im Salon ihrer Mutter, hörte sie die Schreie ihrer jüngeren Schwester. Die Tafel, an der sie als Familie gegessen hatten, erinnerte sie an das Würgen ihrer Mutter. Das Flehen ihres Vaters ging Hand in Hand mit den Bildern von ihm an seinem massiven Schreibtisch.
Crystalcliff war ein Sinnbild für den Verlust ihres alten Lebens und ihrer größten Angst. Ihre Schwäche. Warum sie diese Nacht überlebt hatte? Einzig und allein, weil der Mörder sie am Leben gelassen hatte. Sie erinnerte sich an das breite Grinsen des Mannes, an das Aufleuchten seiner dunklen Augen, als wären sie für einen kurzen Moment entflammt, und an seine eiskalten Worte: »Das Schicksal braucht dich noch.«
Niemals wollte sie nach Crystalcliff zurückkehren und diesen Albtraum erneut erleben. Niemand wusste, dass ein Mitglied der Familie Sylixys überlebt hatte, und dabei wollte sie es auch belassen.
In Millenisgate hatte sie zunächst auf der Straße gelebt und sich vom Abfall der Neureichen ernährt, bis sie sich traute, in deren Taschen zu greifen. Die oberste Regel der Straße hatte sie schnell gelernt. Denk nur an dich, wenn du überleben willst. Traue niemandem. Sie hatte diese Regel so sehr verinnerlicht, sie lebte auch noch heute danach.
Genau vor fünf Jahren, am Tag des Äthers, war sie Payvalor in die Arme gelaufen. Der alte Mann hatte sie an Silvion erinnert. Er hatte dasselbe ruhige Gemüt gehabt, hatte sie ebenfalls mit väterlicher Liebe betrachtet. Payvalor war der Rabe vor ihr gewesen. Schon lange vor ihrer Begegnung hatte er nach einem Nachfolger gesucht, da sein Alter das Ausführen seiner Aufträge erschwerte. Er hatte sie zwei Jahre ausgebildet, bis auch er dem Tod zum Opfer gefallen war.
Der Name des Rabens lag damals wie heute im Munde aller. Sie fürchteten den Söldner ohne Skrupel. Nicht einer kam auf den Gedanken, dass inzwischen eine Frau hinter den Auftragsmorden steckte, denn keiner, der die Identität des Rabens aufgedeckt hatte, konnte später davon erzählen. Die Furcht vor ihr hielt die Bürger der Hauptstadt jedoch nicht ab, nach ihren Diensten zu fragen. Wer einen Auftrag hatte, hinterließ im Gasthaus Das bronzene Zahnrad eine Nachricht für Lisia. Mit einem Ort und einem Datum. Sie setzte sich dann mit dem Auftraggeber in Verbindung.
Aileara näherte sich dem Treffpunkt und lehnte sich an die Mauer. Schon bald hörte sie energische Schritte auf sich zu kommen. Eine dunkle Gestalt löste sich aus den Schatten der Gassen. Nur der Mond spendete silbriges Licht. Der Mann hatte seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Wie beim ersten Treffen zog er es ebenfalls vor, unerkannt zu bleiben. Solange sie ihr Geld bekam, respektierte sie die Wünsche ihrer Kunden.
»Mein Herr«, begrüßte sie ihn demütig und neigte das Haupt.
Er erwiderte ihre Begrüßung nicht. Daher hielt sie ihm wortlos die offene Hand hin. Eine gewagte Geste für eine Frau. Lange rührte er sich nicht, schien nur ihre langen, schmalen Finger zu betrachten. Sie wusste, dass er Zweifel erheben würde, bevor er den Mund aufmachte.
»Und dein Herr hat den Auftrag auch sicher erledigt?« Misstrauen und Skepsis färbten seine Stimme. Er war nicht der erste Kunde, der ihr keinen Glauben schenken wollte, und er würde auch nicht der letzte sein. Welcher Mann vertraute schon dem Wort eines Weibs? Noch dazu eines niederer Stellung, wie sie es vorgab zu sein. Eine Dame der Lust war weniger wert als jedes andere Weib und durch das Holzperlenarmband wusste er genau, womit sie für gewöhnlich ihr Geld verdiente.
»Er gab mir diesen Ring als Beweis, mein Herr.« Sie überreichte ihm den Siegelring.
Dieser wurde einer stillen Musterung unterzogen. Am liebsten hätte Aileara die Augen verdreht, doch sie beherrschte sich. Das Rascheln seines Umhangs folgte und er holte einen kleinen Beutel hervor, den er ihr in die Hand fallen ließ. Sie befestigte ihn an ihrem Handgelenk.
»Richte deinem Herrn meinen tiefsten Dank aus.«
Sie nickte, als er sich auch schon von ihr abwandte und im Schatten verschwinden wollte. Doch etwas ließ ihn zögern. Aileara ließ ihn nicht aus den Augen. Sie fürchtete nicht, von ihm überwältigt zu werden, das würde ihm nicht gelingen. Wachsam blieb sie dennoch, die Muskeln angespannt.
»Mir ist zu Ohren gekommen, dein Herr sucht nach einem Marvar.«
Ihr Herz setzte einen Schlag aus und Misstrauen floss kalt durch ihre Adern.
»Ist das so?«, fragte sie und setzte alles daran, gleichgültig zu klingen. Zitterte ihre Stimme? Oder bildete sie sich das nur ein?
»Wenn er an Informationen interessiert ist, dann sollte er beim nächsten Mal persönlich erscheinen. Vielleicht kann ich ihm weiterhelfen. Ich erwarte ihn morgen zur zwanzigsten Stunde im Rubin.«
»Ich werde es ihm ausrichten, mein Herr.«
Zufrieden mit ihrer Antwort nickte der Fremde und entfernte sich mit wehendem Umhang.
Aileara ließ sich gegen die Mauer fallen und atmete tief aus. Unwillkürlich hatte sie die Hände zu Fäusten geballt. Marvar! Wie sie es hasste, welche Macht dieser Name über sie besaß.
Doch ihr Interesse an dem, was der Mann zu sagen hatte, war geweckt. Ihre Neugier und ihr Misstrauen. Wer war er? Und woher bezog er sein Wissen? Bisher war sie immer sehr sorgfältig vorgegangen, wenn sie nach Marvar fragte. Niemand sollte auch nur erahnen können, dass der Rabe nach ihm suchte. Woher wusste er es?
Sie sollte sich besser nicht mit ihm treffen, das war ihr klar, doch war er der Erste, der verlauten ließ, Informationen zu haben. Jahrelang jagte sie diesem Gespenst Marvar schon nach, aber bisher war der Name das Einzige, was sie über ihn wusste. Sie hatte Schriften gewälzt, Priester und Gelehrte befragt, Familienstammbäume Jahrhunderte zurückverfolgt, doch nichts gefunden, was auf seinen Verbleib oder seine Existenz schließen ließ. Es war, als wären ihre Augen mit Schatten bedeckt. Nur ihre feste Gewissheit, sich an Marvar gebunden zu wissen, hatte sie die Suche nicht aufgeben lassen.
Der Geliebten geteilten Seele, mit Marvar verbunden, bringt die Wende.
Raenys Nieveryn Fahana erwachte mit einem selbstgefälligen Grinsen, als er den warmen, weichen Körper spürte, der sich an seine Brust schmiegte. Er war noch rechtzeitig zum Ende der Feierlichkeiten zurückgekehrt und hatte sich seine Belohnung für seine erfolgreiche Reise und die kleinen Kämpfe sofort in sein Bett geholt. Seine Hand wanderte über ihre Seite, ihre Hüfte und zwischen ihre Schenkel. So lobte er sich den Morgen!
Als sich jemand am Fußende seines Bettes lautstark räusperte, stöhnte er frustriert auf und ließ von der jungen Frau an seiner Seite ab. Stattdessen begegnete er dem missbilligenden Blick des Störenfrieds. Faelar Jevan Fahana, in erster Instanz der Anführer seiner Leibgarde und erst in zweiter sein Cousin und bester Freund, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und schüttelte den Kopf. »Nieven«, zischte er.
Auch wenn Raenys Nieveryn sein Geburtsname war, war er überall als Nieven bekannt. Nur Faelar und sein Vater wussten um seinen vollständigen Namen. Enttäuschung spiegelte sich in Faelars eisblauen Augen, die kennzeichnend für die Familie ihrer Väter waren. Nievens eigene Iriden waren nur eine Farbnuance heller.
Zur selben Zeit regte sich auch die Priesteranwärterin in seinem Bett. Nievens Berührungen schienen sie aus dem Reich der Träume gelockt zu haben. Verschlafen räkelte sie sich in dem dünnen Laken, bot sich ihm wieder an. Faelar räusperte sich erneut, diesmal aus Verlegenheit. Sein Blick wanderte durch den Raum. Nieven grinste. Sein unschuldiger Cousin, ganz der Gentleman.
Als der jungen Frau bewusst wurde, in welcher Situation man sie erwischte, quiekte sie und verdeckte ihre Blöße mit dem Laken. Mit schamroten Wangen suchte sie nach Worten, um sich zu erklären. Nur gab es keine. In dieser Nacht hatte sie ein Gebot des Äthers – das Gebot, ihren Körper als Tempel zu ehren und bis zur Ehe die Jungfräulichkeit zu wahren – gebrochen.
Ihr Blick flehte Nieven an, ihr zu helfen. Ungerührt zuckte er mit den Schultern. Schließlich hatte sie gewusst, worauf sie sich mit ihm einließ. Sein Ruf eilte ihm voraus.
Faelar war noch so gütig, ihr das zu seinen Füßen liegende Gewand zu reichen, bevor er sie des Zimmers verwies. Beschämt, entehrt und mit Tränen, die ihre Wangen benetzten, ging sie. Erst als die Tür hinter der jungen Frau ins Schloss fiel, richtete Faelar das Wort an ihn.
»Erst verschwindest du drei Wochen spurlos, verpasst damit das Fest zu Ehren des Äthers und dann finde ich dich mit einer Priesteranwärterin. Sie ist die dritte, die ich in deinem Bett sehe, und viel Zeit hast du hier wirklich nicht verbracht. Wenn das so weitergeht, endest du eher früher als später mit einem Bastard auf deinem Schoß. Und was um alles in der Welt ist mit deinem Gesicht passiert?«
Gleichgültig zuckte Nieven mit den Schultern und erhob sich von seiner Schlafstätte. Nackt wie er war, schritt er zu seiner Kommode und entnahm der obersten Schublade eine Leinenhose, die er sich über die muskulösen Beine zog. Während er die Bänder verschnürte, damit die Hosen auf seiner schmalen Hüfte sitzen blieb, drehte er sich zu seinem Cousin um.
»Kleines Zusammentreffen mit den Elfen und einem Rudel Spikes. Du weißt schon, diese kleinen, einäugigen Federviecher mit den spitzen Schnäbeln. Nichts Wildes. Verheilt wieder. Aber was erwartest du von mir? Dass ich Enthaltsamkeit übe, bis der Äther die nächste Hohepriesterin erwählt, die ich dann ehelichen soll? Der Äther und seine Gebote können mir gestohlen bleiben. Das weißt du.«
Faelar schnaufte als Antwort. Nieven wusste, dass sein Cousin seine Lästereien nicht guthieß, aber Faelar hatte schon vor geraumer Zeit aufgegeben, ihn zu ermahnen, seine Zunge zu hüten. Niemals würde sich Nieven den Mund verbieten lassen. Nicht von Faelar und auch nicht von seinem Vater, dem König und der damit fleischlichen Hülle des Äthers.
Nieven sprach und handelte, wie es ihm beliebte, und vor allem setzte er alles daran, den Äther, den er zu seinem persönlichen Feind erklärt hatte, zu erzürnen.
Nieven entnahm dem großen Schrank ein dunkles Hemd und dachte nicht daran, es ordentlich zu schließen. Als er den roten Gehrock ergriff, der ihn als Priester des Äthers auszeichnete, erhob er erneut das Wort: »Gibt es einen Grund, warum du diesen vielversprechenden Morgen zerstört hast? Ich hätte dich sowieso nachher aufgesucht, um dir die Erkenntnisse meiner Nachforschungen zu präsentieren. Oder ging es dir einzig und allein darum, mich zu ermahnen und mir wieder einmal deine Missbilligung vorzuführen?«
Nieven richtete die Ärmel seines Gehrocks und betrachtete sich kurz in dem Spiegel an der Wand. Das blaue Auge und die paar Kratzer im Gesicht waren halb so wild.
»Wenn der Herr sich ausreichend bewundert hat – sein Vater erwartet ihn.«
Nieven betrachtete seinen Cousin. Mit dem blonden Haar und der breiten Statur schenkten ihm einige Damen einen langen zweiten Blick. Nur berief sich Faelar immer auf die Gebote des Äthers und verhielt sich ihnen gegenüber untadelig. Er achtete die Gebote und die gesellschaftlichen Normen wie kein anderer. Nieven verstand es nicht. Regeln waren für ihn nichts weiter als leere Worte. Eine Beschränkung seiner Freiheit. Eine Freiheit, die er über alles schätzte.
Nur widerwillig setzte er sich in Bewegung. Er hasste es, schon am Morgen zu seinem Vater zitiert zu werden. Sie verließen das Gebäude, in dem die Priester und Priesterinnen sowie ihre Anwärter schliefen, und schritten den hellen breiten Gang an der Seite des Tempels entlang. Beide Seiten wurden von runden Säulen gesäumt und rechts grenzte die Gartenanlage im Innenhof des Tempels an.
Myrrhe schwängerte die Morgenluft und die gesprochenen und gesungenen Gebete hallten unheilvoll zu ihnen. Um seine Brust wurde es eng und ihm fiel das Atmen schwer. Wie er diese Tempelanlagen verabscheute!
***
Erst als sie auf den Gang traten, der den Tempel und den Eisenturm miteinander verband, konnte er wieder frei atmen. Seine Muskeln entspannten sich und seine Schultern sackten nach unten. Wenn Faelar einen Unterschied in seiner Haltung wahrgenommen hatte, so ließ er es sich nicht anmerken.
Nieven war seinem Cousin dankbar für sein Schweigen. Von Tag zu Tag wurde es für ihn schwieriger, die Aufgaben eines Priesters zu erfüllen. Nicht dass sie ihm jemals leicht von der Hand gegangen waren. Es war schließlich nicht seine Entscheidung gewesen, dieses Leben zu wählen.
Mit jeder Erkenntnis, die er aus seinen Nachforschungen zog, wuchsen sein Widerwillen und sein Misstrauen. Seine Bitterkeit und sein Hass nährten sich immerzu. Alles, was mit dem Äther in Verbindung stand, ließ ihn innerlich brodeln. Wenn nicht das Schicksal eines ganzen Königreichs auf seinen Schultern lasten würde, wäre er schon längst auf und davon gewesen.
Doch er würde nicht blind vertrauend in die Fußstapfen seines Vaters treten, sondern einen Weg finden, sein Volk zu führen, ohne sich selbst aufzugeben. Er brauchte den Äther nicht.
Der nächste Teil des Ganges gehörte zum Eisenturm. Er lag unterirdisch und wurde von Lichtsteinen beleuchtet. Diese Steine, angetrieben von der Seelenenergie des allumfassenden und alles erhaltenden Seelengeflechts, waren ein Geschenk des Äthers. Dies war der einzige Beweis, dass dieses sagenumwobene Seelengeflecht anscheinend tatsächlich existierte. Die Energie der Lichtsteine versiegte nie und sie machten das Leben in den Städten und Siedlungen der Menschen angenehmer. Dennoch bevorzugte Nieven in seinem eigenen Zimmer herkömmliche Kerzen. Das Flackern der Flammen hatte etwas Beruhigendes.
Die Steine waren nicht das Einzige, was sein Volk dem Äther zu verdanken hatte. Durch seine Güte waren besonders die Erfinder gesegnet. Die moderne Technik machte große Fortschritte. Besonders seit einer der Erfinder herausgefunden hatte, wie die Steine nicht nur als Lichtquelle, sondern als Energiespeicher und damit als Antrieb für andere Maschinerien genutzt werden konnten.
Nieven betrachtete die Erfindungen, die regelmäßig vor die Füße seines Vaters getragen wurden, mit widersprüchlichen Gefühlen. Eine Feuerwaffe, die mit nur einem Geschoss einem Menschen das Leben nehmen konnte, war ihnen erst vor seiner Reise präsentiert worden und hatte dennoch seine Neugier geweckt. Sehr nützlich im Kampf gegen die lästigen Spitzohren, die forscher wurden und sich immer öfter in ihren Landen aufhielten.
Statt den Bau von weiteren Exemplaren zu beantragen, hatte sein Vater jedoch befohlen, die Feuerwaffen einzuschließen und jegliche Pläne zum Bau zu verbrennen. »Die Macht der Seelenenergie darf nicht dazu genutzt werden, dem Leben zu schaden«, hatte er gesagt.
Sein Vater war verrückt geworden, aber das war der Seele des Äthers geschuldet, die sich in seinem Körper eingenistet hatte und die Seele seines Vaters stetig weiter in den Hintergrund drängte. Deswegen misstraute Nieven allem, was mit der Macht des Äthers in Berührung kam, und er fürchtete sich vor dem Tag, die Nachfolge antreten zu müssen. Was würde mit seiner Seele passieren? Er wollte nicht aus seinem eigenen Körper vertrieben werden.
»Hat der Äther verlauten lassen, warum er mich zu sprechen wünscht?«, brach Nieven schließlich das Schweigen. Ihre Schritte hallten laut von den Wänden wieder. Ansonsten war es ruhig um sie herum.
Faelar sah kurz zu ihm herüber, bevor er den Kopf schüttelte.
»Hat er nicht, aber du solltest wissen, sein Ende naht. Er ist auch immer noch dein Vater. Nenn ihn meinetwegen deinen König. Aber Äther?«
Das würde Nieven nicht mehr tun. Sein Vater war Äther durch und durch. Deswegen graute es Nieven, wenn er über Faelars Worte nachdachte. Sein Ende naht! Wenn der Körper seines Vaters der Sterblichkeit zum Opfer fiel, dann kam auch Nievens eigenes Ende in großen Schritten auf ihn zu. Mit dem Tod seines Vaters würde er sich in Ketten begeben müssen, die er niemals mehr zu sprengen vermochte.
Er musste handeln! Endlich hatte er eine Spur, der er nachgehen musste. Der Gedanke, der Stadt und seinem Schicksal einfach den Rücken zuzukehren und nie wieder einen Fuß auf millenisgatischen Boden zu setzen, wurde immer verlockender. Nur wagte er nicht, sein Volk ohne Thronfolger zurückzulassen.
Gefühle der Hilflosigkeit bemächtigen sich seiner schneller, als er sie unterdrücken konnte. Sein Kampfgeist und sein Freiheitsdrang standen seiner Verzweiflung gegenüber. In solchen Momenten erwachten die irrsinnigsten Ideen in seinem Geist.
»Können wir noch einen Abstecher zur königlichen Waffenkammer machen?«, fragte er aus einem Impuls heraus und bog bei der nächsten Kreuzung ab. Er kannte die unterirdischen Gänge des Eisenturms besser als jeder im Dienste des Königs. Als Kind hatte er sich oft verlaufen, aber inzwischen gab es keinen Fleck, der ihm unbekannt war.
Faelar seufzte, fragte aber nicht weiter. Wie es sich für ihn als Leibwache gehörte, folgte er ihm durch die Gänge, die mal mehr und mal weniger durch die Lichtsteine erhellt wurden.
In Rüstung und dem grünen Umhang der königlichen Garde gewandet trafen sie eine Wache an der Tür zur Waffenkammer an. Als Königssohn stände Nieven das Recht zu, jederzeit und ungefragt jegliche Räumlichkeiten des Palastes zu betreten. Nur wurde seine Identität seit jeher geheim gehalten.
Als Kind war er als Sohn eines Gelehrten ausgegeben worden, nun galt er als einfacher Priester des Äthers. Ihm gefiel es für gewöhnlich. Dadurch konnte er tun, was er wollte. Nicht jeder seiner Schritte wurde beobachtet. Auch wusste niemand um Faelars und seine Verwandtschaft. In den Augen Unbeteiligter waren sie lediglich Freunde.
Als er auf die Eisentür zutrat, verwehrte ihm der Mann der Garde mit seinem Speer den Zugang. Was um alles in der Welt?
Das war ihm bisher nie passiert. Faelars Anwesenheit führte gewöhnlich dazu, dass niemand Fragen stellte. Als Verwandter des Königs hinterfragte niemand seine Absichten.
Seinen Ärger gerade noch beherrschend trat Nieven einen Schritt zurück und musterte die Wache eingehend. Zuvor hatte er ihr nur einen flüchtigen Blick zugeworfen. Doch dieser junge Mann wagte es, sich ihm in den Weg zu stellen. Natürlich wusste er nicht, wer Nieven war. Dennoch schien er von Nievens Erscheinung eingeschüchtert. Seine Hand, die um den Speer lag, zitterte und er betrachtete lieber die gegenüberliegende Wand, als Nievens Blick zu begegnen.
»Erklärt Euch, Soldat!«, knurrte Nieven.
»Auf Anordnung der königlichen Majestät bin ich nicht befugt, jemanden ohne ausdrücklichen Befehl seiner königlichen Majestät in die Waffenkammer des Äthers zu lassen.«
Sein Vater wollte ihn an diesem Morgen wohl zur Weißglut treiben. Er ballte die Hände zu Fäusten und baute sich vor dem Mann auf. Nieven überragte ihn um mindestens anderthalb Kopflängen.
»Ich rate Euch, zur Seite zu treten. Der Äther mag vor Gewalt zurückschrecken, ich jedoch nicht. Deswegen wäre es für Euch sinnvoller, mich mehr zu fürchten als den Äther.«
Die Augen des jungen Mannes weiteten sich und er schluckte hörbar. Doch noch immer vermied er den direkten Blickkontakt.
»Seht mich an!«, herrschte Nieven ihn an.
Sobald der Wachmann seinen Blick erwiderte, bröckelte jeglicher Widerstand. Ihm fiel der Speer aus der zitternden Hand. Der Aufprall hallte durch den Gang.
Nicht nur einmal hatte Nieven die Macht seines Blickes auf sein Gegenüber beobachten dürfen und diese Gabe für seine Zwecke eingesetzt. Bedauerlicherweise reagierte nicht jeder so unterwürfig. »Wieso nicht gleich so?«
Faelar schnaufte in seinem Rücken, aber Nieven ließ sich von der Missbilligung seines Cousins nicht abhalten.
Er drückte die schwere Eisentür auf und trat in die nur schwach beleuchtete Kammer. Die Ordnung im Inneren war eine kleine Wissenschaft für sich. Nur wer mit Waffen und Material vertraut war, fand letztendlich, was er suchte. Die Gänge, die durch die gläsernen Schaukästen und halbhohen Wände entstanden, glichen einem Irrgarten, den man nur überblicken konnte, wenn man mit einer beachtlichen Körpergröße gesegnet war.
Nieven gelang es aus diesem Grund, über die meisten Wände hinwegzusehen, und er hatte den besten Unterricht im ganzen Königreich erhalten, sodass er sich bestens mit der Herstellung und Anwendung verschiedener Waffen auskannte. Zielsicher strebte er einen kleinen, engen Gang an, dem man für gewöhnlich keine Aufmerksamkeit schenkte.
Unscheinbar und weit entfernt von der Eingangstür wurden hier die Waffen gelagert, die der Äther im Laufe der Jahre verbieten ließ. So auch die Feuerwaffe, die Nievens Interesse geweckt hatte. Er nahm sie in die Hand und zog die Augenbraue hoch. Sie war leichter, als sie aussah. Eine Waffe, die sich einhändig führen ließ, war immer von Vorteil.
Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er die Feuerwaffe in seinen Hosenbund steckte und dann den Ausgang anstrebte. Das erforderte später einen Besuch bei Lionel, seinem Erfinder. Er wird sich bestimmt über eine neue Herausforderung freuen.
***
Faelar blieb zurück, als Nieven den Thronsaal betrat. Der riesige Saal strahlte wie die meisten Räume des Eisenturms eine metallene Kälte aus. Große Fenster ließen Sonnenlicht hinein, aber keine Farbe. Alles wirkte trist und grau.
Es fröstelte ihn, während er mit zügigen, langen Schritten den Saal durchquerte. Schon als Kind hatte Nieven es gehasst, sich hier aufzuhalten. Generell verbrachte er seine Zeit lieber in den verwinkelten Gängen des Schlosses oder den Wohnräumen, die der königlichen Familie, den Lehrern und ihren Dienern vorbehalten waren. Oder aber draußen. Fort vom Eisenturm und der Tempelanlage. Nur außerhalb dieser Mauer empfand er die unendliche Freiheit, nach der er sich so sehnte.
Der Äther erhob sich von seinem Thron, als er Nieven sah, und kam mit ausgestreckten Armen auf ihn zu, um ihn an sich zu ziehen. Der Blick aus getrübten eisblauen Augen ruhte auf ihm, während der Äther ihn an den Schultern packte und von sich schob, um ihn zu betrachten. Der Äther verhielt sich wie ein Vater in Sorge um seinen Sohn. Mit gespielter Güte und ausgeschmückten Geschichten über seine Barmherzigkeit drängte er Nieven dazu, sich seiner Herrschaft unterzuordnen.
Nieven hatte die Manipulationen früh wahrgenommen und hütete sich davor, die Worte des Äthers ungeprüft als glaubwürdig zu betrachten. Ungerührt erwiderte er den Blick des Herrschers.
»Ihr wolltet mich sehen?«, brach er die Stille.
Der Äther ließ sich von seinem Ton nicht beirren.
»Du warst nicht bei den Festlichkeiten anwesend, mein Sohn. Ich war in Sorge.«
Nieven hasste es, wenn der Äther ihn als Sohn betitelte. Der Mann vor ihm war schon lange nicht mehr sein Vater.
»In Sorge? Ihr seid allwissend, Äther. Ihr wisst, wo ich mich aufgehalten habe.«
»Ich kann deine Taten verfolgen, ja, aber ich kann nicht in deinen Kopf sehen, Raenys. Du kannst körperlich unverletzt sein und dennoch verwundet.«
Als der Äther ihm das erste Mal erklärt hatte, er hätte keinen Zugang zu den Gedanken der Menschen, war Nieven ein Stein vom Herzen gefallen. Es war schon schwierig genug, zu handeln in dem Wissen, dass dem Äther nichts entging. Auch sein kleiner Diebstahl aus der Waffenkammer war nicht unbemerkt geblieben. Wenigstens gehörten seine eigenen Gedanken noch ihm.
»Die Elfen überschreiten unsere Grenzen im Osten. Bewaffnete Spitzohren, die ihre Magie zum Töten nutzen. Ich bin den Soldaten an der Grenze zur Hilfe gekommen.«
Das war nur die halbe Wahrheit und der Äther wusste das. Nieven hatte tagelang alte Schriften entziffert, um die Wahrheit über den Äther zu erfahren, und er hatte etwas gefunden.
»Du handelst ohne Befehl, Sohn. Als Priester im Namen des Äthers –«
Nieven unterbrach ihn. »Darf ich nicht töten. So lautet das oberste Gebot. Die Elfen achten deine Gebote jedoch nicht. Was soll ich sonst tun?«
»Du vergeltest Gleiches mit Gleichem. Denkst du, das ist der rechte Weg? Jeder Tote stört das natürliche Gleichgewicht von Leben und Tod. Die Elfen werden sich selbst für ihre Taten rechtfertigen müssen. Ich habe dich nicht gerufen, um über ihr verwerfliches Handeln zu diskutieren, sondern über deine Suche nach Antworten. Du weißt, dass du mir jede Frage stellen kannst. Ich werde dir antworten.«
Nieven schnaubte. »Aber du wirst mir nicht die Wahrheit sagen. Wieso sollte ich also meinen Atem und meine Zeit verschwenden?«
Der Äther seufzte und bedachte ihn kurz mit einem enttäuschten Blick, bevor er fragte: »Magst du mir wenigstens erklären, wozu du die Feuerwaffe benötigst?«
Nieven grinste affektiert.
»Das wirst du schon noch erfahren, ehrenhafter Äther. Es passiert doch nichts in diesem Reich, das dir entgeht. Noch etwas oder steht es mir frei, mich zu verabschieden?«
Ohne auf ein Zeichen oder Wort zu warten, das ihn entließ, drehte sich Nieven um und eilte energischen Schrittes fort.
Die Saaltür fiel hinter seinem Sohn ins Schloss. Der Knall hallte kurz in der großen Halle nach, bevor eine durchdringende Stille sich jeder Ecke bemächtigte.
Der König sank auf seinem Thron in sich zusammen. Sein Körper wurde schwächer und es fiel ihm immer schwerer, an der Seite des Äthers zu bleiben. Seine Seele war müde, ausgelaugt. Seine Zeit neigte sich dem Ende zu. Deswegen beunruhigten ihn die Alleingänge seines Sohnes noch stärker.
Die Seele in ihm schien es zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht zu sein. Der Äther war seine Kraft. Die Hand, die ihn führte. Wenn der Äther mehr über das Schicksal seines Sohnes wusste, dann musste er vertrauen. Wenn er eines in seiner Zeit als König gelernt hatte, dann dass das astrale Wesen immer nur das Beste für seine Untertanen im Sinn hatte.
***
Aileara drückte die schwere Eisentür auf. Die Glocke über der Tür wurde angestoßen. Während Aileara auf die Besitzerin wartete, schaute sie sich in der kleinen Werkstatt um. Das Schlüsselloch war von außen wie innen ein unscheinbarer Laden. Dubiose Gerätschaften stapelten sich auf Regalbrettern und einer langen Werkbank, die auch als Verkaufstresen genutzt wurde und den meisten Platz im Raum einnahm. In dem Chaos erkannte sie einige Zeitmesser, lose Zahnräder, Schrauben, Metalle in unterschiedlichsten Formen und sauber geschmiedete Waffen. Doch viele Gerätschaften wusste sie weder zu benennen noch war sie sich über deren Funktion im Klaren.
Gerade hatte sie eine bronzene Kiste in die Hand genommen, die mit einem breiten Schloss versehen sogar recht hübsch anmutete, als die Halbzwergin aus dem hinteren Werkraum trat. Ihr kurzes blondes Haar stand ihr wild vom Kopf ab und eine Brille steckte darin.
»Ich an deiner Stelle würde die Box vorsichtig wieder hinstellen, Aileara. Ganz langsam, bitte. Sie ist gefährlicher, als sie aussieht.«
Grüne Augen funkelten Aileara voller Kreativität und Wahnsinn aus einem blassen Gesicht entgegen. Die Wangen waren befleckt von Ruß und Öl und die Lippen umspielte ein breites Lächeln.
Cearas Gesichtszüge waren jedoch sehr markant und muteten männlich an. Auch ihr Körper wies nur wenige weibliche Merkmale auf und die, die sie besaß, versteckte die Erfinderin geschickt unter einer weiten Tunika.
Nur wer um das Geheimnis ihres wahren Geschlechts wusste, konnte die zarten weiblichen Rundungen unter der Kleidung erahnen. Auch Aileara hatte sich davon täuschen lassen. Wochenlang war sie im Schlüsselloch ein- und ausgegangen und hatte Ceara ihre Ausrüstung anvertraut, im Glauben daran, einen jungen Mann vor sich zu haben.
An einem Morgen war ein weiterer Kunde in der kleinen Werkstatt aufgetaucht und Cearas Verhalten ihm gegenüber hatte sie verraten. Es hatte Aileara wütend gemacht, als sie erfahren hatte, warum Ceara ihr wahres Geschlecht verbarg. Kein Bewohner der Hauptstadt würde eine Frau in ihrem Berufszweig ernst nehmen und konsultieren.
Aileara vermutete, dass ihr Aussehen somit ein Segen für Ceara war. Als junger Mann, bekannt als Cearan, konnte sie ihrer Leidenschaft nachgehen, ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Aileara wünschte, es wäre anders. Warum waren die Menschen so engstirnig? Was war schon das Geschlecht? Ob Mann oder Frau. Es sollte egal sein.
Aileara setzte die unscheinbare kleine Kiste wieder ab, betrachtete sie jedoch weiterhin mit unverhohlener Neugier.
»Was bewirkt sie?«, hakte sie nach.
Ceara lachte vergnügt. »Ich habe einen Lichtstein erhitzt und schmelzen lassen. Sagen wir es so … die Dämpfe scheinen euch Menschen nicht zu bekommen. Der nächste Kunde, der kam und sie unweigerlich einatmen musste, torkelte Stunden später blass mit einem fiesen Ausschlag und ohne Mageninhalt wieder hinaus. Was das für eine Schweinerei war. Lass es dir sagen. Ich habe Stunden gebraucht, um … Aber das wolltest du gar nicht wissen. Wo war ich stehen geblieben? Die Box. Der geschmolzene Stein. Genau. Leider wird die Masse des Steins nicht mehr fest. Obwohl sie komplett abgekühlt ist, bleibt sie dickflüssiger Brei und verströmt diese Dämpfe. Ich weiß noch nicht, ob Bronze auf Dauer das passende Behältnis ist, aber vorerst sollten die Dämpfe im Inneren bleiben.«
Ailearas Mundwinkel zuckten hoch. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie sich an das Geplapper der jungen Frau gewöhnt hatte, aber sie war zu niedlich, als dass sie ihr deswegen böse sein konnte.
»Welche Wirkung hatte es auf dich?«
Die Erfinderin zuckte mit den Schultern. »Lediglich leichte Kopfschmerzen. Ihr Menschen vertragt einfach nichts. Letztens erst ist mir ein Bär von einem Mann in meiner Schmiede umgekippt, weil ihm der Rauch des Feuers nicht bekommen ist. Schwächlinge! Hättet es in den Minen und Schmieden meiner Vorväter niemals ausgehalten.« Ceara konnte nicht ahnen, dass sich auch in Ailearas Adern das Blut mischte. Sie hatte sich der jungen Halbzwergin nie anvertraut. Auch wenn sie es schon das eine oder andere Mal in Erwägung gezogen hatte. Die junge Söldnerin fühlte eine seltene Verbundenheit mit Ceara, weil sie beide nicht gänzlich in die Welt der Menschen gehörten.
Schon oft hatte Aileara des Nachts vor dem Schlüsselloch gestanden. Doch eingetreten war sie nie. Zu groß war die Angst, einer anderen Person ihr Geheimnis anzuvertrauen.
»Aber du bist nicht hier, um dir meine Meinung über eure menschliche Rasse anzuhören. Weswegen bist du hier? Ich vergaß, dein Auftrag. Was war das noch gleich? Der Ring, oder? Deinen Ring habe ich fertig«, verkündete die Erfinderin und Aileara blieb nun doch ein Moment, etwas zu entgegnen: »Deswegen bin ich gekommen, das ist recht. Außerdem habe ich einen weiteren Auftrag für dich.«
Ceara lachte. »Ich höre schon das Geklimper der Nuks und Scres in meiner Tasche. Was ich mir davon leisten kann. Neue Schrauben und Muttern, neues Eisen oder sogar Platin. Komm am besten mit. Dann bin ich ganz Ohr.«
Aileara gefiel es, dass der Tatendrang der Erfinderin unerschöpflich war. Gemeinsam betraten sie das andere Zimmer. Eine weitere Tür führte auf einen kleinen Hof und zu einer winzigen Schmiede. Das Chaos auf der zweiten Werkbank war weitaus unübersichtlicher.
Ceara murmelte: »Ring, Ring, Ring. Wo hab ich dich denn? Du kannst dich nicht vor mir verstecken.« Sie schob Metallteile, Schrauben und Werkzeug zur Seite. Ein Schraubenschlüssel fiel dabei zu Boden und schepperte laut. Doch sie fand den Ring und hielt ihn mit ihrer metallenen Hand in die Höhe.
Aileara hatte sich inzwischen an den Anblick gewöhnt. Diese Hand war auch der Grund, warum sie Ceara als Erfinderin ausgesucht hatte. Wer ein solches Wunder verbringen konnte, war ein Genie. Wie die Hand genau funktionierte, hatte Aileara zwar nicht verstanden, aber Ceara bewegte die mechanische Hand, als wäre sie ein natürlicher Teil ihres Körpers.
»Der Mechanismus läuft wieder einwandfrei. Ich musste ein Zahnrad austauschen, weil es gebrochen war. Das war eine Arbeit, sag ich dir. Wie bin ich auf die Idee gekommen, solche Zahnräder einzusetzen? Ich kann es mir selbst nicht erklären. Obwohl so wirkt er dezenter. Wie ein echtes Schmuckstück und nicht wie eine Waffe. Die Zahnräder sind auch ziemlich robust. Um zu brechen, muss der Ring wohl einen kräftigen Schlag abgekriegt haben.«
Aileara zwinkerte. »Nicht der Ring hat den Schlag abbekommen.« Mehr verriet sie nicht. Aileara konnte nur vermuten, was sich Ceara über sie und ihre Profession zusammengereimt hatte. Es interessierte sie und doch fragte sie nicht.
Dafür nahm sie Ceara das präparierte Schmuckstück aus der Hand und schob es über ihren linken Ringfinger. Mit dem rechten Zeigefinger drückte sie den kleinen Knopf an dessen Seite. Es klickte leise und dann ratterte es. Ein Loch öffnete sich in dem fein ausgearbeiteten Muster und eine winzige Pfeilspitze, ähnlich eines Splitters, flog durch den Raum. Sie blieb in der Holzwand ihnen gegenüber stecken.
Ceara lachte und klatschte in die Hände. »Das funktioniert ja wunderbar! Ich habe dir außerdem noch zusätzliche Pfeilspitzen angefertigt. Du hast mir schon lange keine Nachlieferung in Auftrag gegeben und ich dachte, sie könnten dir nützlich sein.«
Die Erfinderin schob ihr Material noch weiter zur Seite und legte eine kleine Holzkiste auf die freigewordene Stelle. Verschwörerisch beugte sie sich über den Tisch und flüsterte: »Nun aber zu deinem anderen Auftrag. Was kann ich dir diesmal zaubern? Wieder ein tödliches Schmuckstück? Oder einen neuen Dolch? Ich habe da diese neue Technik, die ich ausprobieren möchte. Was ist es?«
Die kindliche Begeisterung ihres Gegenübers steckte Aileara an. Ein seltenes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich ebenfalls nach vorne beugte, um zu flüstern. »In den Tavernen wird gemunkelt, der Äther hat wieder einmal eine Erfindung verboten. Es handelt sich wohl um eine Art Feuerwaffe, angetrieben von einem Lichtstein, die mit einem einzelnen Geschoss töten kann. Ähnlich eines Pfeils, nur tödlicher und einfacher zu händeln. Ich brauche eine solche Waffe.«
In den grünen Augen Cearas funkelte es. »Dieses Munkeln habe ich auch vernommen. Ich habe mir die Freiheit genommen, mich über das Verbot des Äthers hinwegzusetzen und meine Erfindungen in Waffentechnik auszuweiten. Sobald der erste Versuch einer solchen Waffe geglückt ist, gebe ich dir Bescheid. Wohin soll ich Kunde schicken?«
Aileara schüttelte den Kopf. »Das ist nicht vonnöten. Ich komme in regelmäßigen Abständen wieder und informiere mich über deine Fortschritte.«
Ceara nickte.
Als Aileara sich dem Gehen zuwandte, flüsterte die Halbzwergin: »Manchmal wünschte ich, du brächtest mir so viel Vertrauen entgegen wie ich dir, Aileara.«
Aileara lächelte schmallippig. Die Tatsache, dass sie der Halbzwergin ihren Namen anvertraut hatte, war der größte Vertrauensbeweis, den sie aufbringen konnte. Nur würde er nie wertgeschätzt werden.
Aileara verließ das Schlüsselloch. Zurück auf der Straße atmete sie tief durch. Die Luft war kalt und stechend. Sie strich ihren dunklen Rock glatt und zog sich die Kapuze ihres Mantels über den Kopf. Heute würde sie nicht weiter auffallen.
Kaum einer begegnete ihr. Nebel schlich durch die schmalen Gassen und Feuchtigkeit benetzte den Stoff ihrer Kleidung. Die Steine unter ihren Stiefeln knirschten leise, während sie sich durch den westlichen Stadtteil bewegte. Das Schlüsselloch lag fernab des Marktes. Äußerst selten verirrten sich mögliche Kunden in diese Gegend. Aileara kannte Ceara und ihre Werkstatt nur, weil der Söldner Payvalor, der ehemalige Rabe, sie zu ihr geführt hatte. Auch er hatte seine Waffen erst von ihrem Vater und dann von der Halbzwergin selbst entwerfen und herstellen lassen.
Die Luft im Westen der Stadt war geschwängert vom Rauch der Feuer und vom Dampf der Maschinen. In den Fabriken, die sich aneinanderreihten, schuftete der Großteil der Hauptstadtbewohner. In Millenisgate widmeten sich die meisten Männer der Metall- und die Frauen der unteren Schichten der Textilverarbeitung. Sie waren froh, dieser Arbeit nachgehen zu können.
Aileara verstand nicht, wie man sich tagein, tagaus mit derselben Tätigkeit beschäftigen konnte. In der Siedlung der Elfen war sie mal Jägerin, mal Köchin gewesen. An dem einen Tag hatte sie viel über ihre Seelenmale und die damit verbundene Magie gelernt, an einem anderen sich um die Kleidung ihres Dorfes gekümmert. Flicken, Stopfen, Nähen.
Auch unter Payvalor hatte kein Tag dem anderen geglichen. Jeder Tag hatte sie eine andere Lektion gelehrt. Die schmerzhafteste war jene der Vergänglichkeit des Lebens gewesen. Aileara hatte alle überlebt, die ihr nahestanden. Sie fröstelte und zog den Umhang enger um sich. Die Kälte aus ihrem Inneren konnte jedoch nicht vertrieben werden.
Im Nordwesten, nahe der Mauer und der nördlichen Ausbildungsstätte der königlichen Armee, blieb sie stehen und sah an der Hauswand der alten Fabrik nach oben. Niemand verirrte sich in diese Ecke. Hier gab es kein Leben. Nur alte, vergessene Gebäude. Teilweise ausgebrannt, da man damals noch mit Holz gebaut hatte.
Die Backsteine dieser Außenwand waren nicht ordentlich aufeinandergesetzt worden, sodass es ein Leichtes für Aileara war, die Fassade hinaufzuklettern. Sie schob sich durch das runde Fenster auf den Dachboden. Dies war der einzige Ort, an dem sie sich erlaubte, alle Masken und Hüllen fallen zu lassen.
Sie ließ die magische Verschleierung los und atmete befreit aus. Jedes Mal, wenn ihre Seelenmale wieder zum Vorschein kamen, fiel ihr eine Last von den Schultern. Das war ihr wahres Gesicht. Sie legte den Mantel auf einen alten Holzstuhl und griff sich eine Hose, die sie darauf platziert hatte.
Am Abend zuvor war sie noch zum Gastwirt gegangen, aber niemand hatte Lisia eine Nachricht hinterlassen. Das bedeutete keine weiteren Aufträge. Vorerst zumindest. Das Fest zu Ehren des Äthers hatte die Bürger wohl an das höchste Gebot erinnert. Töte niemals. Greife nicht in das Zusammenspiel von Leben und Tod ein.
In ihren vier Jahren als Rabe hatte sie genau 156 Mal gegen dieses Gebot verstoßen. Es war jedes Mal ein grausamer und doch besonderer Moment gewesen. Das Leben, hell in den Augen ihrer Opfer, floh und entwich ihren Körpern mit einem letzten Ausatmen. Ebenso wie ihre Seelen. Seelennebel in den unterschiedlichsten Farben umhüllten sie im ersten Augenblick, bevor die Seelen sich in Richtung des Seelengeflechts wandten und in den Himmel stiegen.
Aileara erinnerte sich an jede einzelne Seele. Manchmal glaubte sie, ihre Opfer in den Farben des Seelengeflechts erkennen zu können. Manchmal hörte Aileara sie flüstern.
Sie trat mit der Hose in der Hand ans Fenster und betrachtete das glitzernde Geflecht, das sich über den Himmel erstreckte. Sie spürte das Pulsieren der Energie unter ihren Malen. Sie war ein Teil dieses Seelengeflechts und es von ihr. Unausweichlich verbunden.
Wenn Aileara sich ganz dieser Verbindung hingab, spürte sie, wie es an ihrem Herzen zog. Schuld für jeden Mord wallte in ihr auf. Das Geflecht trauerte um die Toten und Aileara spürte den Wunsch, den es äußern wollte. Sie sollte das Leben ehren, das Gleichgewicht von Leben und Tod erhalten. Sie schüttelte den Kopf. Wieso sollte das Geflecht ausgerechnet zu ihr sprechen?
Als junges Mädchen hatte sie geglaubt, die Seelen sprächen mit ihr. Sie hatte Silvion gegenüber diese Vermutung geäußert und ihr Mentor hatte viele alte Schriftrollen zu Rate gezogen, bis er ihr eröffnen musste, dass die Seelen nicht redeten. Niemals. Daher war der Glaube der Menschen, der Äther, die erste Seele, spreche durch seine fleischliche Hülle, nur ein Irrglaube. Es konnte nicht anders sein.
Abrupt wandte sie sich sowohl von dem Fenster als auch diesen Gedanken ab. Viel eher musste sie zu einer Entscheidung kommen, ob sie diesen geheimnisvollen Auftraggeber treffen sollte. Wusste er womöglich, wer Marvar war und wie sie ihn finden konnte? Der Gedanke daran ließ sie fast vor Glück taumeln.
»Der Geliebten geteilten Seele, mit Marvar verbunden, bringt die Wende.« Dieser Satz war am Tag ihrer Geburt über ihrem Leben ausgesprochen worden. Auch wenn sie nur ein Halbblut war, wurde ihr gemäß elfischer Tradition die Ehre eines Schicksalsspruches zuteil. Jedem Elfen wurde ein solcher vom Seelengeflecht in die Wiege gelegt, der seine Rolle im Schicksal beschrieb.
Leider waren sie selten eindeutig oder leicht verständlich.
Aileara forschte und suchte seit Jahren und wusste doch nicht mehr. Niemand kannte Marvar. Außer diesem Mann. Wenn er die Wahrheit sprach, würde sie endlich herausfinden, mit wem ihr Schicksal durch den Orakelspruch verbunden war. Das Wissen darum würde sie früher oder später, so hoffte sie, zum Mörder ihrer Familie führen.
Sie wusste zwar, es war nicht ratsam, das Rubin in dieser Nacht aufzusuchen und den Fremden zu treffen. Doch der Wunsch nach Antworten tobte in ihrem Inneren und zum ersten Mal schien die Erfüllung zum Greifen nah. Die Vernunft führte sie an diesem Tag nicht.
Als sie den Rock gegen die schwarze Hose getauscht hatte, begann sie mit dem Training. Wenn sie ihren Körper an seine Grenzen brachte, fühlte sie sich lebendig. Wenn sie Magie praktizierte, fühlte sie sich ganz mit sich selbst verbunden. Und genau das brauchte sie jetzt.
***
Das Rubin zählte zu den nobleren Schenken, die in Millenisgate jedem ihre Türen öffneten, der genügend Nuks und Scres in der Tasche trug. Wie der Auftraggeber es gewünscht hatte, kam Aileara in ihrer eigenen Gestalt, das Gesicht unter der Kapuze und ihre Seelenmale durch den Verschleierungszauber verborgen. Sie drückte ihren Körper gegen die kupferne Tür und trat ein. Warme Luft schlug ihr entgegen. Das Innere war nur spärlich mit Lichtsteinen beleuchtet, sodass sich ihre Augen erst einmal an das Halbdunkel gewöhnen mussten.
Hinter der Theke wuselte ein beleibter Glatzkopf herum. Weißer Dampf tänzelte um sein Gesicht, während er die Gläser mit einer Wasserdampfmaschine wusch. Vor ihm saßen drei Herren, ordentlich gekleidet, neureich, die schon jetzt, obwohl der Abend noch jung war, viel zu tief ins Glas geschaut hatten. Der erste hatte seinen Kopf auf den Unterarmen gebettet und schlief. Der zweite nuschelte in seinen Bart und der dritte kippte von seinem Stuhl, besaß aber noch die Kraft, seinen Körper wieder nach oben zu kämpfen.
Aileara Blick huschte herum. Rechts der Theke gab es eine Hintertür, die ihr als Fluchtweg dienen konnte. Links der Theke brannte ein Feuer in einem tiefen Kamin. Neben ihren Waffen würde ihr ein Schürhaken gute Dienste leisten. Ein großer Zeitmesser stand nahe am Kamin. Der Gastraum war gut gefüllt, das Ticken des Zeitmessers, das man für gewöhnlich hörte, wurde von einem wilden Stimmengewirr übertönt.
Doch wenn Aileara sich ganz darauf konzentrierte, konnte sie das Ticken hören. Mit ihren durch das Elfenblut geschärften Sinnen nahm sie weitaus mehr wahr als gewöhnliche Menschen. Deswegen hörte sie, dass sich einige Kunden bereits mit den hier arbeitenden Damen der Lust im oberen Stockwerk vergnügten.
Ein runder Tisch nahm die Mitte ein. Darum saßen fünf Männer. Sie waren in ihr Kartenspiel vertieft. Aileara ließ ihren Blick über die Nuks und Scres auf der Tischplatte wandern. In den silbernen und goldenen Münzen spiegelte sich das Leuchten der Lichtsteine. Die Männer spielten um viel Geld. Die Neureichen, die das Rubin für gewöhnlich besuchten, konnten es sich leisten.
Adlige gab es in Millenisgate nicht viele. Einzig allein die Familie Fahana, die Königsfamilie, lebte in der Hauptstadt. Die übrigen Adligen residierten auf ihren Familiensitzen, die in ganz Empearal verteilt waren. Nur zu besonderen Anlässen reisten sie an. Die Reise durch das unbesiedelte Land war ansonsten zu gefährlich. So kommunizierte man eher mit der Hilfe von Schriftrollen und der Seelenenergie, die es ermöglichte, diese zu versenden.
Ihr Blick wanderte noch einmal durch das Lokal. Sie prägte sich die Personen genau ein. In der dunkelsten Ecke saß eine verhüllte Gestalt. Ihr Informant und Auftraggeber.
Aileara drückte ihren Rücken durch und schritt auf seinen Tisch zu. Zwei Krüge standen darauf. Um einen hatte er seine Hände gelegt. Der andere stand auf dem freien Platz ihm gegenüber. Aileara setzte sich auf die Holzbank und ergriff den Krug.
»Ich wusste, Ihr würdet kommen.«
Bevor sie an ihrem Becher nippte, schnupperte sie an dem Ale. Auch das Erkennen von Giften hatte zu ihrer Ausbildung unter Payvalor gehört. Wie oft hatte er ihr den Becher aus der Hand schlagen müssen, weil sie nichts bemerkt hatte? Wie oft hatte sie irgendwelche Gegengifte geschluckt? Sie roch und bemerkte nichts Außergewöhnliches. Nicht jedes Gift war riechbar, aber sie riskierte es und trank.
»Sorgt dafür, dass ich es nicht bereue.« Aileara sagte es langsam, drohend.
Der Mann ihr gegenüber lachte leise.
»Wer hätte gedacht, dass sich hinter dem Raben eine Frau versteckt. Ich bin beeindruckt.« Auch er erhob den Krug und nahm einen kräftigen Schluck. »Ihr werdet es nicht bereuen.«
Danach schwieg er und betrachtete ihre Hände, die auf dem Tisch lagen.
Das Stöhnen und die Schreie der Lust aus dem oberen Stockwerk fesselte kurz ihre Aufmerksamkeit. Dazu zischte die Dampfmaschine hinter der Theke und der Zeitmesser neben dem Kamin tickte unaufhörlich. Die Männer, die hier unten ihr Essen und ihren Alkohol genossen, rissen unanständige Witze.
Aileara erkannte schnell, dass sein Schweigen sie herausfordern sollte. Er wollte ihre Ungeduld sehen. Wollte sehen, wie sehr sie sich nach diesen Informationen sehnte. Wenn die letzten Jahre sie jedoch eine Sache gelehrt hatten, dann war es Geduld. Sie verschränkte ihre Hände und wartete.
Ihr Gegenüber lachte wieder. Es war ein melodisches Lachen. Eines, das ihr gefallen hätte. Unter anderen Umständen. In einem anderen Leben. Jetzt war er lediglich Mittel zum Zweck.
»Ein starker Wille. Gefällt mir.« Er führte einen Finger Runde um Runde über den Rand seines Bechers.
»Vielleicht gefällt mir auch das Gesicht, wenn Ihr die Kapuze zurückschiebt.«
»Schade, dass Ihr es nie erfahren werdet, denn dafür bin ich nicht hier. Bisher habt Ihr mir zehn Minuten meiner wertvollen Zeit gestohlen. Ein guter Ruf braucht viel Zeit, wisst Ihr?« Sie spiegelte seine Bewegungen. Es war ein Kräftemessen. Eines, das sie gedachte zu gewinnen.
»Seid Euch gewiss, ich werde Eure Zeit nicht länger verschwenden. Doch im Austausch für mein Wissen fordere ich Euer Geschick.«
»Wofür?«
»Einen weiteren Auftrag.«
Aileara hatte geahnt, dass es einen Haken gab. Ein weiterer Auftragsmord stellte sie jedoch nicht vor eine Herausforderung. Sie nickte.
