5,99 €
**Eine Halbelfe, ein mysteriöser Schicksalsspruch und ein unergründlicher Begleiter** Noch immer versuchen Aileara und Nieven herauszufinden, was es mit dem rätselhaften Schicksalsspruch auf sich hat, der die Halbelfe schon ihr ganzes Leben begleitet. Als Aileara auf ihren früheren Mentor Silvion trifft, scheinen Antworten endlich zum Greifen nah. Mit ihm sieht sie den einzigen Vertrauten wieder, den sie je hatte. Doch irgendetwas lässt sie an dem Elfen zweifeln, der so vieles aus ihrem längst vergangenen Leben wieder heraufbeschwört. Zugleich zieht Nieven Aileara unwiderstehlich in seinen Bann und die beiden öffnen sich einander immer mehr. Während Aileara sich zunehmend von ihren Gefühlen leiten lässt, spitzt sich im Hintergrund der Kampf zwischen Elfen und Menschen verheerend zu und die Schatten kommen Aileara bedrohlich nah… Eine faszinierende Welt voller Gefahren, Mysterien und Liebe! //Dies ist ein Roman aus dem Carlsen-Imprint Dark Diamonds. Jeder Roman ein Juwel.// //Alle Bände der düster-magischen Fantasy-Dilogie »Elfendunkel«: -- Elfendunkel (Aileara 1) -- Elfenschicksal (Aileara 2) -- Die E-Box zur magisch-düsteren Aileara-Reihe// Diese Reihe ist abgeschlossen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2019
Dark Diamonds
Jeder Roman ein Juwel.
Das digitale Imprint »Dark Diamonds« ist ein E-Book-Label des Carlsen Verlags und publiziert New Adult Fantasy.
Wer nach einer hochwertig geschliffenen Geschichte voller dunkler Romantik sucht, ist bei uns genau richtig. Im Mittelpunkt unserer Romane stehen starke weibliche Heldinnen, die ihre Teenagerjahre bereits hinter sich gelassen haben, aber noch nicht ganz in ihrer Zukunft angekommen sind. Mit viel Gefühl, einer Prise Gefahr und einem Hauch von Sinnlichkeit entführen sie uns in die grenzenlosen Weiten fantastischer Welten – genau dorthin, wo man die Realität vollkommen vergisst und sich selbst wiederfindet.
Das Dark-Diamonds-Programm wurde vom Lektorat des erfolgreichen Carlsen-Labels Impress handverlesen und enthält nur wahre Juwelen der romantischen Fantasyliteratur für junge Erwachsene.
Jenna Liermann
Elfenschicksal (Aileara 2)
**Eine Halbelfe, ein mysteriöser Schicksalsspruch und ein unergründlicher Begleiter** Noch immer versuchen Aileara und Nieven herauszufinden, was es mit dem rätselhaften Schicksalsspruch auf sich hat, der die Halbelfe schon ihr ganzes Leben begleitet. Als Aileara auf ihren früheren Mentor Silvion trifft, scheinen Antworten endlich zum Greifen nah. Mit ihm sieht sie den einzigen Vertrauten wieder, den sie je hatte. Doch irgendetwas lässt sie an dem Elfen zweifeln, der so vieles aus ihrem längst vergangenen Leben wieder heraufbeschwört. Zugleich zieht Nieven Aileara unwiderstehlich in seinen Bann und die beiden öffnen sich einander immer mehr. Während Aileara sich zunehmend von ihren Gefühlen leiten lässt, spitzt sich im Hintergrund der Kampf zwischen Elfen und Menschen verheerend zu und die Schatten kommen Aileara bedrohlich nah …
Buch lesen
Vita
Danksagung
Das könnte dir auch gefallen
© privat
Jenna Liermann wuchs in einer Kleinstadt des Bergischen Landes auf. Nach ihrem Abitur zog es sie zunächst ins schöne England, bevor sie ihr Psychologiestudium im Ruhrgebiet aufnahm. Wenn sie nicht gerade im Lernstoff versinkt, widmet sie sich fantastischen Geschichten. Als Buchbloggerin lässt sie sich regelmäßig von fremden Welten begeistern und möchte nun selbst Leser verzaubern.
Das Tote Reich
Das Spiel der Seelen würde sich wiederholen und wieder wäre die Entscheidung der Geliebten von größter Bedeutung, das wusste der Äther.
– Aus den Heiligen Schriften des Äthers –
Der Äther beobachtete, wie Inlice weitere Elfen durch das Ritual führte. Die Welt der Seelen war im Wandel und sein eigenes Seelengeflecht war längst nicht mehr die einzige Energiequelle. Über die Jahrhunderte war der Ritus so oft durchgeführt worden, aber jedes Mal zerriss es ihn innerlich. Langsam fiel es ihm schwer, den Überblick zu behalten.
Zu jeder Zeit wusste der Äther jedoch, wo sich die Söldnerin, der Prinz und der Soldat befanden. Er beobachtete ihre Reise aus der Ferne. Sie taten keinen Schritt und sprachen kein Wort, das ihm entging. Wenn er doch nur wüsste, was ihre Herzen sagten. Es missfiel ihm, ihre Gedanken nicht hören zu können. In ihren gesprochenen Worten verschmolzen Lüge und Wahrheit, Misstrauen und Zuneigung. Es war unmöglich zu erkennen, wie sie zueinander standen.
Die Informationen, die sie sammelten, brachten sie auf einen Weg, den er nicht vorhergesehen hatte. Statt in Arianwood zu bleiben, zog es sie ins Tote Reich. Der Äther konnte nur erahnen, welche Fragen beantwortet würden und welche nicht. Wie sie wohl auf neue Erkenntnisse reagieren würden?
Die Situation entglitt ihm, denn auch die Kräfte des Königs schwanden. Immer wieder musste er Dhiren ins Leben zurückschicken. Es wurde zu einem Kampf. Doch er benötigte diesen Körper, brauchte die Wurzeln zum Reich der Menschen.
***
Der brünette Elf stand mit ausgestreckten Armen vor Aileara. Ein Lächeln umspielte seinen Mund und die grünen Augen funkelten. Sein attraktives Äußeres ließ Aileara kalt, seine Worte jedoch nicht. Er hatte sie als sein kleines Elfchen bezeichnet. Wie in einer endlosen Schleife wiederholte sich diese Liebkosung in ihrem Kopf. Sie blinzelte. Sie atmete. Ein und aus. Die Verletzung ihres Oberschenkels war vergessen. Ihre Gedanken rasten, aber sie verstand nicht, was hier vor sich ging.
»Du erkennst mich nicht, mein kleines Elfchen«, stellte er fest und trat noch einen Schritt auf sie zu, um dann vor ihr in die Hocke zu gehen. Nun befanden sie sich auf Augenhöhe. »Wie solltest du auch?«
Er streckte die Hand nach ihr aus und strich ihr eine Strähne des schwarzen Haars, das ihr ins Gesicht fiel, hinters Ohr. Überrumpelt ließ sie die Berührung zu.
»Du bist groß geworden, Aileara.« Er kannte ihren Namen und in seinen Augen las sie Zuneigung und Stolz.
Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Wann war sie das letzte Mal mit etwas Vergleichbarem wie Liebe angeschaut worden? Abseits ihrer Familie hatte sie nur Silvion, ihrem Mentor und Ersatzvater, etwas bedeutet. Aber das konnte doch nicht sein. Er war tot! Oder?
»Wie? Ich verstehe nicht …« Ihre Stimme brach und Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln, als sie den Fremden dabei beobachtete, wie er mit vorsichtigen Bewegungen den Stoff ihrer Hose beiseiteschob, um die Wunde freizulegen.
Wie in der Zeit zurückversetzt. So fühlte sie sich. Als wäre es keinen Tag her, dass Silvion sich um ihre kleinen alltäglichen Verletzungen gekümmert hatte. Der Elf strahlte dieselbe Ruhe und Geduld wie ihr Mentor aus, während er seine Ärmel nach oben schob.
Ailearas Blick fiel auf die schwarzen Seelenmale, die seine Arme schmückten, und als er ihr seine Handflächen zeigte, schluckte sie. Ihr Herz schlug bis zum Hals und sie blinzelte verzweifelt die Tränen weg. Nicht weinen. Sie konnte es sich nicht erlauben. Zu etwas anderem fühlte sie sich aber nicht imstande.
Die Male … sie kannte diese Male, hatte sie unzählige Male mit dem Finger nachgezeichnet und ihren Besitzer über deren mögliche Bedeutungen ausgefragt. Der dreispitzige Knoten schmiegte sich in seinen Handteller. Ihr Verstand weigerte sich zu verstehen. Die Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehen, dass dieser Elf Silvion war.
Nein! Sie schüttelte den Kopf, blinzelte und wollte ihr Bein aus seiner Reichweite bringen. Sie sog scharf die Luft ein, als der Schmerz ihre Muskeln lähmte. Dem Blick seiner Augen versuchte sie auszuweichen. Es waren die falschen Augen. Noch immer voller Wärme, wenn er sie betrachtete, aber die Farbe stimmte nicht. Das Braun war einem dunklen Blau gewichen. Eine unbekannte Nase, Gesichtszüge und Stimme, die zu einem jungen Elfen gehörten, nicht zu Silvion.
»Beweg dich nicht. Ich möchte es heilen. Du kannst dich doch noch erinnern, wie wir das immer gemacht haben. Nicht wahr?« Sein Lächeln war entwaffnend.
Zögernd begegnete Aileara seinem Blick, wusste nicht ganz, worauf er hinauswollte. Der Elf legte die rechte Hand auf die Mitte des Schnittes. Erwartungsvoll hob er seine linke, sah sie unverwandt an und wartete. Ein, zwei Augenblicke vergingen, als es ihr dämmerte. Sie erwiderte den Blickkontakt, während sie langsam ihre rechte auf seiner platzierte. Sein Mundwinkel zuckte, als er ihre Hand mit seiner linken bedeckte. Trotz ihres Handschuhes spürte sie die Wärme, die von seiner Haut ausging.
»Eins«, flüsterte er.
Sie schluckte. Ihre Stimme klang heiser, als sie erwiderte: »Zwei.«
»Drei«, sagten sie gemeinsam und wurden gleich darauf in das rote Licht seines Energiestroms getaucht. Aileara spürte das bekannte Pulsieren und Kribbeln. Nach und nach ließ der Schmerz in ihrem Oberschenkel nach. Sein Zauber breitete sich in ihrem ganzen Körper aus, bis sie ihn auch in ihrer Schulter spürte.
»Das ist unmöglich«, flüsterte sie mehr zu sich selbst, als dass es für die Umstehenden bestimmt war. »Du kannst es nicht sein.« Dennoch reagierte die Silvion-Erscheinung, nachdem er seine Hand von ihrer Haut gelöst hatte. Nur noch eine feine Linie ließ auf eine Verletzung schließen. Mit dem Finger fuhr sie darüber.
»Die Kraft der Seelenenergie hat keine Grenzen, nichts ist unmöglich. Habe ich dir das nicht beigebracht? Die Begrenzung der Magie liegt in uns, unseren Körpern zugrunde. Nicht im Seelengeflecht.«
Ein ungläubiges Glucksen purzelte über ihre Lippen. Wie oft hatte Silvion sie an die Allmacht des Seelengeflechts erinnert? Mit genau diesen Worten.
Die Gefühle, die sich ihrer bemächtigten, erzeugten ein Chaos, dem sie nicht Herr werden konnte. Unglaube, Freude, Misstrauen und Zuneigung wirbelten in ihrem Inneren umher.
»Schau mich an, Aileara«, bat der Elf und legte eine Hand unter ihr Kinn, um ihren Kopf wieder zu heben.
»Glaube es, mein kleines Elfchen. Ich bin es – Silvion. Nach all der Zeit sehe ich dich endlich wieder.«
Ihr Herz war einen Schritt weiter. Es erkannte Silvion auf einer Ebene, an die der Verstand nicht heranreichte. Dennoch traute sie diesem Elfen nicht. Konnte es nicht einfach so. Das Leben hatte sie gelehrt, nicht nur auf ihr Herz zu hören, da es sich zu schnell täuschen ließ. Innerlich zog sie sich zurück, versuchte ihre Miene zu kontrollieren, wollte ihn nicht wissen lassen, was er in ihr aufrührte.
Momente mit Silvion wechselten sich vor ihrem inneren Auge ab. Wie er ihr aufhalf, als eine Magieübung sie von ihren Füßen geworfen hatte. Wie er am Ende des Tages in die Hütte gekommen war, die sie bewohnten, und sie zudeckte, ihr das Haar aus dem Gesicht strich. Die Geduld, mit der er ihr immerzu begegnet war. Er hatte niemals eine Tochter gehabt und sie hatte kurz vorher ihren Vater verloren.
»Wie kann ich sicher sein, dass du keine Lügen erzählst?« Sie brauchte einen weiteren Beweis. Irgendetwas. Ihre Hände schwitzten unter dem Stoff der Handschuhe, während sie auf seine Reaktion wartete.
»Weißt du noch, was das Erste war, das du zu mir gesagt hast?«, fragte er, keineswegs von ihrem Misstrauen irritiert. »Neena und Aimayra hatten dich nahe der Grenze zum Empearal gefunden. Dein Haar war zerzaust, deine Kleidung zerrissen und blutverschmiert und deine Lippen waren blau vor Kälte. Du hast mich angesehen und mir erklärt, deine Mutter habe auch spitze Ohren gehabt. Wir hätten die Pflicht, uns um dich zu kümmern.« Dann war sie vor Erschöpfung zusammengebrochen und in Silvions Hütte wieder erwacht. Aileara konnte sich nur dunkel an den Moment erinnern, aber er war nicht müde gewesen, sie mit ihren frechen Worten zu necken. Ihr Herz öffnete sich für den Mann vor ihr, für seine Worte, ohne dass sie es verhindern konnte.
Sie hauchte: »O ihr Seelen! Wie kann das sein? Du bist es …«
Ein wohlwollendes Lächeln umspielte seine Lippen, während ihr eine Träne auf die Wange tropfte. Aileara unterdrückte den Impuls, sich wie ein kleines Mädchen an seinen Hals zu werfen. Stattdessen kämpfte sie sich auf ihre zitternden Beine.
Auch der jüngere Silvion erhob sich. Er zögerte nicht, sie in seine Arme zu ziehen, machte den Schritt, den sie sich nicht traute. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Halsbeuge. Erst im Schutze seiner Umarmung ließ sie das Schluchzen, das ihren Körper erschütterte, zu. Länger konnte sie dem Ansturm der Gefühle und der Erinnerungen nicht mehr standhalten.
Die Arme, die sie umschlossen, waren zu kräftig, die Brust zu hart, als dass sie zu dem alten Silvion gehören konnten. Sein Geruch nach Kiefern und seine Wärme jedoch deckten sich mit den Erinnerungen ihres jüngeren Ichs.
»Dass ich dich noch einmal halten darf …«, wisperte er ihr mit tränenverschleierter Stimme ins Ohr, während er ihr in beruhigenden Kreisen über den Rücken streichelte.
Die Minuten verstrichen und sie versteckte sich in der väterlichen Wärme, die er ihr schenkte. Verlegen hob sie irgendwann den Kopf und begegnete unvorbereitet Nievens Blick. In den vergangenen Momenten hatte sie vergessen, dass er und Faelar ebenfalls Zeuge dieser Begegnung wurden. Sie löste sich bestimmt aus der Umarmung und rieb mit ihrem Ärmel über ihre Wangen, um die Spuren ihrer Tränen verschwinden zu lassen. Mit erhobenem Kinn und einer hoffentlich gleichgültigen Maske musterte sie Nieven. In seinen eisblauen Augen fand sie Misstrauen und seine Gesichtszüge waren angespannt.
»Was bedeutet das, Leara?«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während er sich den verletzten Arm hielt.
Den Namen, den sie ihren beiden Begleitern gegeben hatte, klang wie ein Schimpfwort. Diese Begegnung mit Silvion hatte wohl auch den kleinsten Funken Vertrauen vergehen lassen. Aileara konnte es ihm nicht einmal verdenken. Wie musste diese Szene auf ihn wirken? Sie hatte Nieven und Faelar mit ihrer elfischen Herkunft konfrontiert und den Elfen, die sie angegriffen hatten, erklärt, sie erfülle einen Auftrag im Namen des Plateaus, und dann tauchte ein weiterer Elf auf, der ihre Worte wie die Wahrheit wirken ließ. Weil sie ihn kannte und er Autorität über die Übrigen zu haben schien.
Ich kann das erklären … Dieser Satz lag auf ihrer Zunge, denn das erste Mal seit Langem fühlte sie sich, als wäre sie tatsächlich jemanden eine Erklärung schuldig. Es war ihr nicht gleichgültig, was Nieven und Faelar in diesem Moment von ihr dachten. Wann war das passiert?
Silvion, der ihre Schulter ergriff und an ihrer statt antwortete, unterbrach den Blickkontakt, den sie mit Nieven hielt.
»Für Erklärungen werdet ihr später noch Zeit finden. Vorerst möchte ich erfahren, wie es meinem kleinen Elfchen so ergangen ist.« Er wandte sich direkt an Nieven. »Das versteht Ihr sicher, Junge.« Sein Ton ließ keinen Raum für Widersprüche.
Dennoch begehrte Nieven auf: »Ich fordere zu wissen, was hier vor sich geht! Jetzt und nicht später. Und was heißt hier Junge?«
Silvion beachtete ihn nicht weiter, sondern zog Aileara mit sich. Immer noch nicht Herrin der Situation stolperte sie hinter ihrem ehemaligen Mentor her. Bevor er zu seinem Pferd ging, machte er einen Umweg, um Ailearas zweites Kurzschwert und ihren Umhang aufzuheben, den sie während des Kampfes abgestreift hatte. Der Stoff wies am unteren Saum angekokelte Stellen auf, die Silvion mit einem Messer abtrennte und ihr danach den Mantel um die Schultern legte. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie sie vor Kälte zitterte.
»Leara! Das kann nicht Euer Ernst sein!?«, rief Nieven hinter ihr.
»Lass den Jungen wüten. Er hat sich in Geduld zu üben. Wie soll er das, wenn du springst, sobald er ruft?«
Sie wollte widersprechen. Eine solche Frau war sie nicht. Wenn es jemanden gab, der Nieven bis zum Äußersten frustrieren konnte, dann war sie dieser jemand. Bevor sie jedoch etwas erwidern konnte, befahl Silvion: »Aufsitzen!«
Er griff nach den Zügeln seines Schimmels. »Seid ihr zu Fuß unterwegs gewesen?«, erkundigte er sich, während er ihr den Vortritt ließ. Sie schwang sich auf den Rücken des Pferdes. Weder ihr Oberschenkel noch ihre Schulter schmerzten bei der Bewegung.
»Nein, im Eifer des Gefechts haben Adonia und Navari die Flucht ergriffen. Ich kann nur hoffen, wir finden sie wieder. Sie tragen unseren Proviant und unsere Schlafsäcke.«
Silvion nahm hinter ihr Platz und sie spürte, wie sein Oberkörper unter einem leisen Lachen erbebte.
»Aileara, deine Hoffnungen darfst du auf Dinge richten, die nicht in deiner Macht stehen. Eure Pferde zu finden, wird eine Leichtigkeit sein.« Seine Arme legte er um ihre Mitte und ihr Blick fiel wieder auf die dunklen Seelenmale auf seiner blassen Haut.
»Als meine Seele in diesem Körper ein Zuhause fand, haben sich die Seelenmale verändert. Das Muster auf meiner Haut ist damals wie heute dasselbe, wie du siehst«, erklärte er, ohne dass sie danach fragen musste.
Dann leuchteten die Male auf. Die Seelenenergie pulsierte deutlich spürbar in der Luft. Es kribbelte in ihr, obwohl sie selbst nicht nach der Energie rief und er den Zauber auch nicht auf sie zu übertragen schien. Silvion war einer der größten Magier, die sie kennengelernt hatte. Die Menge an Energie, die er in seinem Körper beherbergen konnte, war damals unermesslich gewesen, hatte jedoch mit dem Alter nachgelassen. Wie es wohl mit dem jüngeren Körper war?
»Webst du einen Suchzauber?«, wollte sie wissen.
Sie fühlte, wie er in ihrem Rücken nickte. »Gib mir deine Hände, mein kleines Elfchen, und denke an eure Pferde. Ich möchte den Zauber mit deiner Erinnerung verknüpfen.«
Sie legte ihre Hände in seine geöffneten Handflächen und schloss die Augen. Ihre Gedanken wanderten zu Nievens Fuchs Navari und Falears Schimmel Adonia. Als sie die Augen wieder öffnete, bewunderte sie den feinen Seelennebel, der sich durch die Landschaft schlängelte und ihnen den Weg zeigte. Ein Suchzauber war ihr nur wenige Male per Zufall geglückt und dabei hatte sie nur eine Distanz von zehn bis zwanzig Schritten abdecken können.
»Wir folgen dem Nebel«, wies Silvion die anderen Elfen an. Diese hatten inzwischen Nievens und Faelars Hände gefesselt. Wie sie nun vor ihren elfischen Begleitern saßen, wirkten die beiden nicht sonderlich glücklich darüber. Nieven musterte Aileara düster, bevor er an ihr vorbeisah und in seinen Bart grummelte: »Welchem Nebel?«
Sie musste fast schmunzeln. Hätte man sie gezwungen, mit jemand anderem als Silvion zu reiten und einer Spur zu folgen, die sie nicht sehen konnte, hätte sie einen ähnlichen Gesichtsausdruck getragen. Sie versuchte, kurzzeitig Nievens Blick wieder einzufangen, aber er wich ihr aus.
»Wieso sollten wir uns die Mühe machen, die Pferde zu suchen?«, murrte der vorherige Wortführer der Elfen. Glücklich schien er über Silvions Auftauchen nicht zu sein.
»Wenn ihr die beiden Herren vor euch sitzen haben wollt, bis wir die Hauptstadt erreicht haben, soll mir das recht sein.« Silvions Tonfall ließ auf das Gegenteil schließen. »Darüber, dass ihr ohne meinen ausdrücklichen Befehl angegriffen habt, reden wir auch noch.«
Der andere Elf erwiderte nichts mehr, sondern schenkte Silvion einen dunklen Blick und trieb sein Pferd an, dem Nebel folgend.
Deswegen richtete Aileara auch ihre Aufmerksamkeit auf den gezeigten Weg und auf Silvion, der den Schimmel mit Schenkeldruck in Bewegung setzte. Sie hatte, wenn sie ehrlich war, derzeit keine Kraft, sich mit Nieven und seinem Misstrauen oder irgendwelchen Machtkämpfen unter den Elfen auseinanderzusetzen. Die Begegnung mit Silvion hatte sie erschüttert, alte Erinnerungen und das Gefühl des Verlusts wieder offengelegt.
»Wie ist es möglich, dass du hier bist – in diesem fremden Körper?«, stellte sie die Frage, die sie am dringlichsten beantwortet haben wollte.
Silvion ließ sich Zeit. Sie hörte das stetige Schlagen seines Herzens, sein ruhiges Atmen, die dumpfen Huftritte und das Schnauben der Reittiere.
»Es ist das Ergebnis eines fast vergessenen Rituals. Mein alter Körper war gebrechlich, meine Seele dagegen war noch nicht bereit für die Reise zum Seelengeflecht. Ich hatte nichts zu verlieren. Deswegen habe ich den Zauber probiert. Die Energie, die dafür notwendig war, hat meinen ehemaligen Körper endgültig ausgebrannt. Meine Seele hat Zuflucht in diesem Körper gefunden, den ich nun mein Eigen nennen kann.«
Aileara schluckte. Ein Kloß setzte sich in ihrem Hals fest, als sie jedes Wort innerlich wiederholte. Ob es wohl das gleiche Ritual war, nach dem Nieven suchte? Der Priester hatte ihr jedoch zu wenige Anhaltspunkte gegeben, um es mit Sicherheit sagen zu können. Silvion wäre bestimmt auch nicht der Erste und Einzige gewesen, der diesen Ritus durchführte. Irgendwoher musste er sein Wissen beziehen. Doch das alles hatte für sie im Moment keine Bedeutung, denn sie verstand, Silvion war nie wirklich tot gewesen.
Sie wisperte: »Seit wann lebst du in diesem Körper? Wieso bist du damals nicht nach Cursepoint zurückgekehrt?« Die Frage, wieso er nie zu ihr zurückgekehrt war, schwang unausgesprochen in ihren Worten mit.
»Ungefähr sechs Jahre nenne ich diesen Körper mein Eigen und ich bin zurückgekommen, aber zu spät. Es hat einige Wochen gedauert, bis Seele und Körper komplett miteinander verwoben und aufeinander eingestimmt waren. Vorher hätte ich die lange Reise von Cliffharbor nach Cursepoint nicht antreten können. Als ich in unsere Siedlung geritten kam, erklärte mir Camus, sie hätten das Halbblut dort hingeschickt, wo es hingehörte. Wir haben uns um wenige Wochen verpasst und ich hatte keinerlei Hinweise, wohin es dich verschlagen hatte.«
»Man sagte mir, du seist tot, bevor man mich verstieß.«
»Mein Körper wurde beigesetzt. Diese Nachricht ist Camus überbracht worden, aber er wurde auch angewiesen, die Siedlung auf meine Rückkehr in einem anderen Körper vorzubereiten.«
Camus, die rechte Hand Silvions, hatte Aileara nie leiden können, hatte sie nur ihrem Mentor zuliebe geduldet. Bitterkeit und Wut stiegen in ihr auf, als sie an den widerlichen Elfen zurückdachte. Wie hatte er sie so anlügen können. Er hatte doch gesehen, wie sehr die Botschaft von Silvions Tod ihr wehgetan hatte.
Wäre Camus nicht gewesen, hätte sich ihr Leben anders gestaltet. Sie hätte unter ihresgleichen leben dürfen statt auf den Straßen Millenisgate zwischen den Menschen. Ihre Vergangenheit ließ sich nicht mehr ändern. Aileara schluckte und räusperte sich.
»Hast du je nach mir gesucht?« Ihre Stimme brach, aber sie brauchte die Gewissheit. Wie ein kleines Mädchen wünschte sie sich die Versicherung, geliebt, einer Suche wert gewesen zu sein.
»Natürlich. Wo denkst du hin, Aileara? Ich habe lange nach dir gesucht, aber auch dieser jüngere Körper begrenzt die Magie. Du hast dich außerhalb der Reichweite meiner Zauber aufgehalten. Ich konnte mir nicht einmal sicher sein, ob du lebst. Als ich deine Präsenz in der Nähe des Plateaus gefühlt habe, bin ich sofort losgeritten. Ich habe nicht ahnen können, dass die Elfen sofort auf euch schießen, sonst hätte ich sie nicht vorreiten lassen. Ihren Hass auf Menschen habe ich unterschätzt und ihnen auch keinen genauen Grund genannt, warum ich über die Grenze reisen wollte.«
Ein angenehmes Gefühl vertrieb Zweifel und Bitterkeit. All die Jahre hatte er sie nicht aufgegeben. Sie schwelgte in der Zuneigung und der Wärme, die Silvions Körper ihr spendeten. Aileara schloss die Augen und lehnte sich an seine Brust. In seiner Gegenwart hatte sie kein Problem damit, die Kontrolle abzugeben. Nicht wenn sie an all die Momente zurückdachte, in denen er sich um sie gekümmert und nur ihr Bestes im Sinn gehabt hatte. Damit war er wohl der einzige Elf, dem sie uneingeschränktes Vertrauen entgegenbrachte.
»Ich dachte, du seist tot«, sagte sie wieder. »Sonst wäre ich zurückgekehrt. Nur in dem Wissen, dass Camus die Siedlung führt, habe ich mich nicht getraut.«
Er legte ihr eine Hand auf den Arm. »Es ist in Ordnung, mein kleines Elfchen. Wir haben einander wiedergefunden. Das ist alles, was jetzt zählt.«
Aileara gab ihm recht.
Sie verfielen in ein Schweigen. Einzelne Strähnen umspielten Ailearas Gesicht und durch den Wind kitzelten sie ihre Wangen. Sie schob ihr Haar hinters Ohr, wo es jedoch nicht lange blieb. Der Wind gewann an Stärke und die Temperaturen fielen, je länger sie der Seelennebelspur folgten.
»Wo hast du all die Jahre gelebt? Was ist dir in all dieser Zeit widerfahren?«, wollte Silvion wissen.
Aileara setzte sich aufrechter hin und warf ihm einen kurzen Blick über die Schulter zu.
»Ich bin mit einem Händlertrupp zur Hauptstadt des Menschenreichs gereist. Millenisgate habe ich vor zwei Wochen das erste Mal wieder verlassen.«
Er ließ ihr keine Zeit für weitere Erklärungen, stellte direkt die nächste Frage.
»Was hat dich dazu gebracht, dortzubleiben?«
Sie dachte nach. »Zunächst hatte ich keine andere Möglichkeit. Ich habe auf der Straße gelebt, habe mit dem Stehlen begonnen. Dann hat mich ein Mann aufgenommen und mich ausgebildet. Er war …« Sie stockte. Silvion gegenüber war es ihr unangenehm, über ihre Profession zu sprechen. Sie sah wieder über ihre Schulter. Die Akzeptanz und väterliche Liebe in seinen Augen ermutigten sie weiterzusprechen. » … ein Söldner. Er hat in mir seine Nachfolgerin gesehen. Die Aufträge haben mir genügend Nuks und Scres eingebracht, sodass ich nie aufgehört habe bis …«
»Bis …?«, hakte Silvion nach.
Sie schwieg, weil sie nicht zu erklären wusste, was sie zum Aufbruch getrieben hatte. Silvion kannte sie jedoch gut.
»Du suchst noch immer nach ihm. Nach Marvar«, sprach er in das Schweigen hinein und sie nickte.
»Bist du deinem Schicksal denn keinen Schritt näher gekommen? In all dieser Zeit?«
Sie seufzte. »Es ist, als jage ich einem Gespenst hinterher. Ich habe Familienstammbäume und Schriftrollen gewälzt, habe Priester und Schriftgelehrte befragt, aber niemand konnte mir helfen. Einen Suchzauber kann ich nicht wirken, wie du weißt. Dabei habe ich es oft ausprobiert. Bis vor Kurzem hatte ich keinen Anhaltspunkt, wo ich mit meiner Suche weitermachen sollte.«
»Vielleicht wollte Marvar noch nicht gefunden werden, Aileara. Das vom Orakel vorherbestimmte Schicksal muss sich nicht gleich erfüllen. Du bist 22 Jahre alt. Dein Leben liegt noch vor dir. Nur weil du nach Marvar suchst, ändert sich nicht der Lauf des Schicksals. Wie mir scheint, musst auch du dich in Geduld üben.«
Sie rümpfte die Nase. Seine Worte gefielen ihr nicht, obwohl sie ihr einleuchteten. So lange geduldete sie sich schon, um herauszufinden, wie Marvar mit ihrem Leben verbunden war. Wie oft hatte sie ihre Mutter nach der Bedeutung ihres Schicksalsspruchs gefragt und nie eine befriedigende Antwort erhalten. Der Geliebten geteilten Seele, mit Marvar verbunden, bringt sie die Wende.
Vielleicht gab es tatsächlich einen übernatürlichen Grund, warum ihre Suche zuvor ohne Erfolg geblieben war. Im Umkehrschluss konnte es jedoch heißen, dass sich ihr schon bald offenbarte, was ihr Schicksalsspruch tatsächlich für sie bereithielt. Schließlich fand sie nun überall Hinweise, die sie Marvar, der sicher längst verstorben war, näher brachten. Seinen Namen hatte sie nur in alten Schriftrollen gefunden, die aus der Zeit um die Gründung des Empearal stammten.
Doch nun, wo Silvion dem Tod getrotzt hatte, konnte sie sich Marvars Tod nicht mehr sicher sein.
»Die Hinweise häufen sich. Sie haben uns in diesen Teil des Empearals geführt und wir werden ihnen über die Grenzen folgen«, vertraute sie Silvion an.
»Ihr wollt die Grenze zum Plateau überschreiten?« Sie hörte Erstaunen in seinem Tonfall.
»Nein. Es zieht uns ins Tote Reich.«
Er zog leicht an den Zügeln.
»Das ist eine gefährliche Reise, Aileara«, gab er zu bedenken und die offene Sorge in seiner Stimme erwärmte ihr Inneres.
»Ich weiß. Es ist jedoch ein Risiko, das wir eingehen müssen.«
»Und du bist dir sicher, dass du diesen Menschen trauen kannst? Sie scheinen …« Silvion stockte. »… dir nicht wirklich zugeneigt zu sein.«
Sie lächelte. Nieven war es gewiss nicht. Faelar dagegen schien keinem Wesen gegenüber böse Absichten zu hegen.
»Sobald ich das Missverständnis aufklären kann, wird sich das wieder ändern. Zumindest ein wenig. Nieven ist mir gegenüber seit Beginn der Reise eher abgeneigt. Wir haben in den letzten Tagen eine Art Waffenstillstand gehalten.«
Aileara war über sich selbst überrascht, wie leichtfertig sie Silvion alles erzählte. Eine innere Stimme riet ihr, misstrauischer zu sein. Sie war jedoch zu leise, als dass Aileara ihr Gehör schenkte. Außerdem war es Silvion, mit dem sie sprach. Er wollte ihr nichts Böses, hatte sie schon damals gerettet und ihr eine Zuflucht gegeben. Eine neue Heimat. Ein Vater war er ihr.
»Dann solltest du bald mit deinen Begleitern reden. Wir wollen ja nicht, dass Misstrauen geschürt wird.«
Sie nickte und atmete tief ein. Die Luft hier war so rein und frisch.
»Sind das eure Pferde?«
Aileara blickte in die Richtung, in die Silvion deutete. Navari und Adonia grasten seelenruhig im Schatten eines Baumes mit tief hängenden Ästen. Die Spitzen der Zweige tauchten auf der einen Seite in das klare Wasser eines kleinen Sees, während sie auf der anderen Seite das Gras kitzelten.
»Dem Seelengeflecht sei Dank, es sind unsere Pferde.«
Ceara schluckte und kämpfte mit den Tränen. »Zebediah, wovon redest du? Du weißt, wer ich bin.«
Der Ausdruck in seinen Augen veränderte sich jedoch nicht. Er betrachtete sie, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen. Keine Wärme, keine Zuneigung in seinen braunen Iriden. Es dauerte einen Moment, bevor er das Laken von sich warf und sich von der Matratze erhob.
»Wer seid Ihr?«, wiederholte er.
Seine Hände zitterten. Ceara war nicht sonderlich bewandert darin, die Gefühle anderer Menschen zu lesen, aber in den weit aufgerissenen Augen erkannte selbst sie die Angst, die ihn erfasst hatte.
»Warum seid Ihr in meinem Bett? Wieso erinnere ich mich nicht? Was passiert hier?« Seine Stimme überschlug sich.
Ceara konnte sich das nicht ansehen und schloss die Augen. Sie verstand ebenfalls nicht, was hier passierte. Der Scherz, den er sich mit ihr erlaubte, war grausam. Sie schluckte, nahm sich einen Moment, um sich zu sammeln. Das Laken drückte sie eng an ihren Oberkörper. An etwas musste sie sich festhalten.
»Das ist nicht lustig, Zebediah.« Ihre Stimme brach. Der Klang seines Namens – für gewöhnlich Musik in ihren Ohren – versetzte ihr einen Stich ins Herz.
»Natürlich ist das nicht lustig!« Er fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und raufte sich das Haar. Seine Bewegungen wirkten fahrig.
Irgendetwas lief hier falsch. Wieso tat er so, als kenne er sie nicht? Hatte er es sich mit ihrer Freundschaft anders überlegt? Sie verlor den Kampf mit den Tränen.
»Hör auf, Zebediah«, hauchte sie. »Bitte, hör auf mit diesem Spielchen.« Sie zog ihre Knie an den Oberkörper und schlang die Arme darum. Ein weiteres Stechen in ihrer Brust ließ sie scharf einatmen.
»Ich spiele nicht. Verdammt!«, brach es aus ihm hervor. Der Mann, der ihr immer mit Ruhe und Geduld begegnet war, erhob seine Stimme. So kannte sie ihn nicht. Auf und ab laufend wütete er weiter. »Weder kenne ich Euch noch kann ich mich erinnern, wie ich … Beim Äther! Ich weiß es nicht.«
Ceara wiegte sich vor und zurück, fokussierte sich nur auf ihre Atmung. Ein und aus. Ein und aus. Es ergab keinen Sinn. Nichts hiervon.
»Meine letzte Erinnerung … nichts. Es ist alles dunkel. Es gibt keine letzte Erinnerung. Ich habe keine. Ich war … war ich bei einem Patienten? War ich etwas trinken? Ich erinnere mich nicht. Sagt mir, was passiert ist.«
Sie schloss die Augen, Tränen fielen auf ihre Wangen, aber sie reagierte nicht.
»Sprecht endlich oder verschwindet!«, brüllte er.
Sie zuckte zusammen, als hätte er ihr eine Ohrfeige gegeben. Der Zebediah der letzten Wochen hätte nie so mit ihr gesprochen. Wer auch immer vor ihr stand, es war eine gänzlich andere Person.
»Ich …« Sie begann zu schluchzen und die nächsten Worte wollten nicht über ihre Lippen. Seine braunen Augen betrachteten sie mit einer Kälte, die ihr einen Schauer den Rücken hinunterlaufen ließ. »Ich bin C-ceara. D-du bist z-zu m-mir in die W-werkstatt gekommen.« Schluckauf setzte ein und ihr Körper bebte. Sie bekam kaum noch Luft. Jeder Atemzug tat unendlich weh.
Zebediah blieb mitten in seinem Schlafzimmer stehen. Er sah sie noch immer an, aber sie konnte ihn kaum erkennen. Ihre Sicht verschwamm und sie nahm nur seine Umrisse wahr. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis und ihr wurde schwindelig.
Frische Luft, das brauchte sie jetzt. Und Abstand. Raus, raus, raus. Ihre Unterschenkel verhedderten sich beim Aufstehen im Laken und sie fiel von der Matratze auf den Holzboden. Hastig befreite sie sich von dem Stoff. Kurzzeitig wurde ihr schwarz vor Augen. Doch sie kämpfte sich auf die Beine.
Barfuß lief sie über die Metallplatten der Straße, konnte sich nicht daran erinnern, wie sie nach draußen gekommen war. Hatte er sie aufgehalten? Vermutlich nicht, hatte er ihr doch befohlen zu verschwinden. Der Wind pfiff durch die Gassen und sie fror, da die dünne Tunika alles war, was sie trug. Ihre Fußsohlen fühlten sich an, als renne sie über heiße Kohlen. Ihre Stiefel standen noch neben seinem Bett, wo sie sie am Abend zuvor ausgezogen hatte.
Stolpernd fing sie sich an der Wand eines Hauses ab, lehnte ihre Stirn an die kalte Mauer und versuchte sich zu beruhigen. Was war über Nacht passiert? Als sie sich zum Schlafen hingelegt hatten, war alles gut gewesen. Nein, nicht nur gut. Perfekt. Zebediah hatte sein Wort gehalten und sie nicht bedrängt. Stattdessen hatte er seine Arme um sie gelegt und sie an seine Brust gezogen, ihr Komplimente ins Ohr geflüstert. Sein stetiger Herzschlag und sein sanftes Streicheln über ihren Rücken und ihre Arme hatten sie in den Schlaf gewiegt. Es war das erste Mal gewesen, dass sie das Bett mit einem Mann geteilt hatte.
Die Kälte fraß sich durch ihre spärliche Kleidung und sie zitterte. Dringend musste sie zurück ins Warme. Doch sie konnte sich nicht dazu bringen, sich aufzurichten und einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ihr war schlecht und schwindlig. Sie traute sich nicht zu, den Weg zu ihrer Werkstatt zu finden. Gestern Abend hatte sie auch nicht darauf geachtet, in welchen Teil der Stadt Zebediah sie geführt hatte. Sie wäre ihm überall hin gefolgt. Was für ein dummes Schaf sie war!
Je länger sie sich dort an die Wand lehnte, desto klarer wurden ihre Gedanken. Dennoch verstand sie es nicht. Was war nur in Zebediah gefahren? Bereute er es etwa, die Nacht mit ihr verbracht zu haben? Hatte er angenommen, dies war die einzige Art und Weise, sie loszuwerden? Warum hatte er nicht einfach mit ihr geredet?
Sie fühlte sich gedemütigt. Wenn er ihr erklärt hätte, dass er sich irrte und ihre Gefühle nicht erwiderte, sie hätte es verstanden. Wieso musste er so grausam sein? Jede Erinnerung an sie leugnen?
Ceara kämpfte wieder mit den Tränen. Er war ein guter Schauspieler, das musste sie ihm lassen. Sie hatte ihm jedes einzelne Wort, jede zärtliche Geste, jeden sanften Blick geglaubt.
***
Durchgefroren und erschöpft öffnete Ceara die Tür zum Schlüsselloch, ihrer kleinen Werkstatt und ihrem ganzen Stolz. Heute jedoch konnte sie sich nicht an all den Gerätschaften, die sich auf den Regalbrettern türmten, erfreuen. In allem sah sie Zebediah. Er hatte ihre Werkstatt auf Vordermann gebracht. Dafür gesorgt, dass ihre Erfindungen ordentlich präsentiert wurden. Er hatte ihre Materialien sortiert und Aufträge dokumentiert. Sie schluckte. Es gab keine Ecke in diesem Laden, die sie nicht an den Doktor mit den wundervollen braunen Augen und den sinnlichen Lippen erinnerte.
Ihr Gesicht brannte vor Kälte und ihre Füße spürte sie kaum mehr. In dem kleineren Arbeitsraum, der direkt an ihren Verkaufsraum grenzte, stand ihr Bett. Sie ließ sich auf die dünne Matratze fallen, störte sich nicht daran, dass sie sich den Beckenknochen stieß. Auf den blauen Fleck mehr kam es nicht an. Bei dem Sturz aus Zebediahs Bett hatte sie sich beide Knie und einen Ellbogen angehauen.
Stöhnend vergrub sie ihr Gesicht in dem mit Schurwolle gefüllten Kissen. Sie machte sich noch nicht einmal die Mühe, das dünne Laken über sich zu ziehen. Wichtige Aufträge warteten auf sie, aber zum ersten Mal in ihrem Leben kümmerte sie das herzlich wenig. Ihr Herz war ihr aus der Brust gerissen worden. Wie hatte er leugnen können, was zwischen ihnen passiert war? Sie versuchte die Tränen herunterzuschlucken. Stummes Schluchzen schüttelte ihren Körper.
So musste sie wohl eingeschlafen sein, denn die Glocke über der Eingangstür riss sie unsanft ins Hier und Jetzt zurück. Desorientiert setzte sie sich auf. Hinter ihren Schläfen hämmerte der Schmerz und das Zimmer drehte sich. Dennoch kämpfte sie sich in den Stand. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie hielt sich an der Werkbank fest, um nicht zu stürzen. Das war knapp gewesen! Sich abstützend – zuerst an der Werkbank, dann an der Tür – bahnte sie sich einen Weg in den Verkaufsraum.
Kurzzeitig hegte sie die Hoffnung, Zebediah wäre gekommen, um sich zu entschuldigen. Stattdessen wartete Moranis Rowode auf sie und betrachtete zwei Spieluhren, die sie vor Jahren restauriert hatte. Bis heute hatte sie keinen Käufer für die Schmuckstücke finden können. Auch Moranis Rowode würde sie nicht kaufen. Der hochgewachsene dunkelhaarige Mann war in einen edlen schwarzen Gehrock gewandet. An seiner Seite baumelte ein von ihr geschmiedetes Schwert. Seine Vorliebe waren Klingen jeglicher Art. Nie hatte er etwas anderes bei ihrem Vater oder ihr in Auftrag gegeben.
»Kann ich Euch helfen, Moranis?«, krächzte sie. Ihre Stimme klang wie ein Schleifstein, über den ein Stück Holz gezogen wurde. Ihr war übel vor Schwindel und sie hätte sich am liebsten wieder ins Bett verkrochen.
»Aber sicher …« Moranis drehte sich zu ihr um, stockte jedoch, als sich ihre Blicke trafen. »Geht es Euch gut, Cearan? Ihr seht sehr blass aus.« Ein Husten unterband ihre Antwort. Er schüttelte sie durch und hinterließ ein Brennen in ihrem Brustkorb. Noch dazu erinnerte Moranis sie unwillkürlich daran, dass sie wieder in die Rolle des jungen Mannes schlüpfen musste, den sie ihren Kunden tagtäglich präsentierte.
»Vielen Dank der Nachfrage. Ich …« Sie räusperte sich und unterdrückte den Drang, dem Husten ein weiteres Mal nachzugeben.
»Ich habe vergessen, über Nacht meine Tür zu schließen. Eine Unterkühlung. Nichts weiter. Wie kann ich Euch dienlich sein?«
Moranis betrachtete sie eindringlich, bevor er eine Schriftrolle aus seiner Tasche zog und sie auf der Werkbank, die dank Zebediah freigeräumt war, ausbreitete. Es war eine Zeichnung. Auch wenn ihre Beine beinahe drohten nachzugeben, trat sie näher heran. Ihre Finger verkrampften sich um den Rand des Metalltisches. Durch den Schmerz hinter ihren Schläfen dauerte es einen Moment, bis sie erkannte, was sie vor sich liegen hatte.
»Eine sehr schöne Wahl. Ein solch gebogenes Schwert habe ich schon lange nicht mehr geschmiedet. Gibt es weitere Wünsche bezüglich des Aussehens oder des Materials?«
***
Noch lange, nachdem Moranis gegangen war, starrte Ceara die Tür an. Alles in ihr sehnte sich nach Zebediahs Erscheinen. Sie hätte ihr Werkzeug dafür hergegeben, dass er ihren Laden betrat, Gebäck in der einen und eine Kanne dampfenden Tees in der anderen Hand. Ein Lächeln auf den wundervollen Lippen, die sie gestern hatte schmecken dürfen. Selbst die Erinnerungen an diesen Kuss hätte sie dafür geopfert, damit sich dieser Morgen lediglich als Albtraum herausstellte.
Zebediah kam jedoch nicht.
Ceara schüttelte die Gedanken ab und zwang sich, trotz des Hustens, der sich in ihrer Brust eingenistet hatte, zu arbeiten. Sie raffte sich so weit auf, dass sie den Hof überqueren und ihr Schmiedefeuer entfachen konnte. Die Hitze, die ihr entgegenschlug, konnte zwar die Kälte aus ihren Knochen vertreiben, aber nicht die aus ihrem Herzen. Sie verbat sich jeglichen Gedanken an Zebediah.
Stattdessen starrte sie in die Flammen, während sie darauf wartete, dass das Feuer die richtige Temperatur erreichte. Ihr Blick wanderte über die Flammen und die Asche, die den steinernen Rand der Esse bedeckte, zu den Lichtsteinen, die in der Seitenwand eingelassen waren. Neben ihnen hatte ihr Vater Symbole der alten Sprache in den Stein gehauen. Sie erinnerte sich dunkel daran, ihn einmal nach der Bedeutung der Schriftzeichen gefragt zu haben, aber nicht daran, wofür jedes einzelne stand. Letztendlich war es auch nicht von Wichtigkeit, solange sie ihre ganz eigene Magie entfalteten und ihr dabei halfen, das Feuer perfekt zu temperieren.
Schon bald verlor sie sich in ihrer Arbeit. Sie hielt das erhitzte Metall auf dem Amboss in Position und hämmerte es in Form. Das Donnern des Hammers verdrängte jeden Gedanken aus ihrem Kopf. Nur ein dumpfes Stechen in ihrer Brust blieb bestehen, das sie jedoch dem Husten zuschrieb und nicht Zebediahs Abwesenheit.
Schweiß rann ihr die Schläfen hinunter und ihre Muskeln brannten. Jeder Hammerschlag traf sein Ziel. Ihr Blick wich nicht von dem glühenden Material, das sie bearbeitete. Nach wenigen Minuten musste sie das Metall wieder erhitzen. Nach und nach nahm das Metall die Form an, die Moranis sich für das Geburtstagsgeschenk seines Sohnes wünschte.
Erst als sie zufrieden mit ihrer Arbeit war, ließ sie den Hammer sinken. Ihr Arm zitterte und der Griff rutschte ihr aus der schweißnassen Hand. Erschöpft lehnte sie sich an den Balken in ihrem Rücken und wischte sich mit dem Ärmel das Gesicht trocken. Salz brannte in ihren Augen und trotz der Erschöpfung fühlte sie sich besser. Als könnte sie die letzten Wochen hinter sich lassen.
Als sie jedoch zurück in ihr kleines Werkzimmer trat und das Skelett aus Metall in der Ecke hängen sah, wusste sie, dass sie sich nur selbst belog, wenn sie das annahm. Die Zeit, die sie mit Zebediah verbracht hatte, würde sie nie vergessen können. Er hatte ihr geholfen, das größte Wunderwerk ihres Lebens zu schaffen. Ohne seine Anleitung und seine Geduld hätte sie es niemals so weit gebracht.
Sie konnte sich nicht vorstellen, ihrer Arbeit ohne ihn nachzugehen. Er hatte ihr so vieles in ihrem Geschäft erleichtert. Hatte ihr Aufmerksamkeit geschenkt, die ihr zuvor nur von ihrem Vater zuteilgeworden war. Aber nicht nur das. Er hatte sie als die Frau gesehen, die sie war. Ihre Maske hatte ihn nicht täuschen können.
Die Tränen stiegen ihr in die Augen und Ceara konnte ihr Fallen nicht verhindern.
***
So strichen die nächsten Tage ins Land. Trotz ihres Hustens vergrub sich Ceara in den Aufträgen, die sich in den vergangenen Tagen angesammelt hatten. Auch wenn sie den einen oder anderen bearbeitet hatte, hatte sie der Aufgabe, mit der Zebediah sie betraut hatte, Vorrang gegeben. Weder konnte sie seinen noch den Wünschen seines Meisters weiterhin entsprechen. Ihre anderen Kunden zählten auf sie.
Sie widmete dem Schwert für Moranis Stunden. Zuerst schliff sie die Seitenränder, sodass sie stumpf blieben, und dann perfektionierte sie das Muster auf der Klinge. Eine Scheide für das Schwert fertigte sie auch noch an. Moranis hatte sie nicht explizit bestellt, aber wenn sie eine gute Arbeit ablieferte, würde er sie ebenfalls bezahlen. Danach fokussierte sie sich darauf, Nägel und Schrauben zu gießen, ein Messer zu schmieden und Zeitmesser zu reparieren. Sie feilte gerade an einem Zahnrad, als Moranis das Schlüsselloch betrat.
»Guten Abend, Cearan«, begrüßte er sie. Diesmal trug er einen blutroten Gehrock aus feinstem Samt.
Die Feile zur Seite legend erhob sie sich und klopfte sich den feinen Staub von der Kleidung. Ihr Zeitgefühl hatte sie wieder verloren. Kaum zu glauben, dass sich der Tag schon dem Ende zuneigte. Hatte er nicht gerade erst begonnen?
»Moranis. Guten Abend. Ich hole nur schnell das gute Stück.« Sie stiefelte nach hinten, wo das Schwert samt Scheide auf dem Werktisch lag. Nichts anderes stapelte sich auf der Fläche.
Mit einem Kloß im Hals brachte sie das Schwert zu Moranis. Sie balancierte es auf beiden Händen und hielt es ihm hin. Er nahm es an sich, zog es aus der Hülle. Während er die Waffe in seiner Hand wog, inspizierte er das filigrane, eingravierte Muster.
Diese Minuten waren stets nervenaufreibend, obwohl die Kunden immer zufrieden waren mit ihrer Arbeit. Sie wusste genau, was sie tat.
»Perfekt wie immer, Cearan«, lobte er sie schließlich und nickte, bevor er in die Tasche seines Gehrocks griff und einen Beutel, in dem die Nuks und Scres klirrten, hervorholte. Aus einem anderen, der an seiner Hüfte baumelte, nahm er weitere goldene Nuks. Er ließ die zusätzlichen Münzen in das Säckchen fallen, das er ihr mit den Worten »Für die Scheide« reichte.
»Ich danke Euch für das Vertrauen, das Ihr mir entgegenbringt, und hoffe sehr, Euer Sohn freut sich ebenso über dieses Geschenk.«
Er schenkte ihr ein aufrichtiges Lächeln. »Das wird er, das wird er. Bis zum nächsten Mal, Cearan.«
Sie verneigte sich, wie auch er eine Verbeugung andeutete, und dann war das Läuten der Glocke das Einzige, was sie hörte. Die Luft um sie herum schien dünner zu werden und der Kloß in ihrem Hals wuchs. Zunächst stand sie regungslos da, bevor ihre Füße sie in den hinteren Raum trugen. Dort nahm sie die kleinen Kisten und Kästen, die Zebediah für sie sortiert und gestapelt hatte, und trug sie zur Werkbank. Ihr Blut rauschte hinter ihren Schläfen und ihr Atem beschleunigte sich. Die leere Fläche war alles, was sie wahrnahm. Mit einem lauten Klirren fielen die ersten Schrauben auf den Tisch. Muttern, verschiedene Werkzeuge folgten. Sie hörte nicht eher auf, die Kisten zu leeren, bevor sie ihr Durcheinander wiederhergestellt hatte. Erst dann konnte sie durchatmen.
Als die Glocke erneut bimmelte, ließ sie das so willkommene Chaos zurück, um ihren Kunden zu begrüßen.
Nievens Oberarm brannte. Der Stoff rieb an seiner Wunde und getrocknetes Blut verklebte alles. Um seine Verletzung hatte sich niemand gekümmert. Stattdessen war er auf Navaris Rücken verfrachtet worden. Die Zügel seiner Stute waren am Sattel des nun einäugigen Elfen festgemacht und ihm die Hände hinter dem Rücken gebunden worden. Die Spitzohren waren sogar so weit gegangen, Nieven an den Sattel zu fesseln, damit er sich nicht vom Pferd fallen lassen konnte.
Faelar hatte das gleiche Schicksal ereilt. Nur Leara saß noch immer auf dem Pferd des brünetten Elfen, diesem Silvion, und lehnte sich entspannt an seine Brust. Sollte er sie von nun an Aileara nennen? Aileara Sylixys. Er schüttelte den Kopf. In ihm brodelte es. Sie hatte ihn belogen. Es kam zwar nicht als Überraschung – nichts anderes hatte er schließlich von ihr erwartet –, dennoch traf es ihn mehr, als er zugeben wollte. In den letzten Tagen hatten sie sich einander angenähert, einen Waffenstillstand vereinbart. Dazu gehörte auch ein Mindestmaß Vertrauen. Was für ein Fehler seinerseits!
Und dann war er auch noch an der Seite von Aileara Sylixys durch das Empearal gereist, ohne ihre Identität auch nur zu erahnen. Wenn er das, was sie über sich offenbart hatte, zusammengezählt hätte … Er ärgerte sich maßlos. Sie hatte ihn täuschen können, weil er nicht nachgedacht hatte. Natürlich war sie ein halbes Spitzohr! Und nicht nur irgendeines. Nein, sie war wohl das berühmteste Halbblut des Empearals. Ihr Name war damals im Munde aller gewesen, da die Tragödie ihrer Familie über die Grenzen des Palasts hinaus bekannt geworden war.
Er konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als sein Vater die Nachricht über den Mord an der Sylixys-Familie erhalten hatte. Ailearas Leiche hatte nicht im Haus mit dem Rest der Familie gelegen und man hatte sie auch nach einer wochenlangen Suche nicht finden können. Ihr Tod war jedoch verkündet worden und die Familie Olados war in den Stand des alten Adels und in die Verwaltungsposition Crystalcliffs erhoben worden.
Sein Blick huschte zurück zu Aileara, wanderte über ihre blasse Haut, auf der sie die grauen Seelenmale nun offen zur Schau trug, hinauf zu ihren spitzen Ohren. Nieven hatte nicht gewusst, dass Elfen in der Lage waren, die Merkmale, die ihre Rasse verrieten, zu verstecken. Jedoch unterschied sich Ailearas wahre Gestalt, abgesehen von den Seelenmalen und den spitzen Ohren, nicht von der Gestalt, die sie Nieven und Faelar in den letzten Wochen gezeigt hatte. Schwarzes langes Haar, graue Augen und einen wunderbar geformten Körper. All das war im Lichte ihrer neuen Rasse geblieben.
Irgendetwas faszinierte ihn an ihrem neuen Anblick. Ob es wohl der dreispitzige Knoten war, der ihre Stirn zierte, sie wie ein exotisches Kunstwerk wirken ließ? Nieven konnte es nicht benennen und es machte ihn rasend, dass er dem überhaupt einen Gedanken schenkte. Es gab Dringlicheres.
Er rollte mit den Schultern und suchte den Blick seines Cousins. Die Elfen ließen sie nicht nebeneinander reiten. Stattdessen achteten sie darauf, genügend Abstand zwischen Faelar und ihn zu bringen. In Faelars Gesicht konnte er vor allem Verwirrung lesen, aber ein Hauch von Angst hatte sich in seinen Ausdruck geschlichen.
Nieven ballte seine Hände zu Fäusten. Dadurch schnitt das Seil noch stärker in seine Haut und es fühlte sich an, als benetzte frisches Blut seine Haut. Er konnte die Situation, in die sie hineingeraten waren, nicht einschätzen. War der Auftrag, den Aileara angesprochen hatte, nur ein Täuschungsmanöver gewesen, um ihnen Zeit zu verschaffen? So hatte es anfangs gewirkt. Oder war sie tatsächlich damit beauftragt worden, Faelar und ihn in das Reich der Elfen zu schleppen? Wieso ausgerechnet sie beide? Hatte sie herausgefunden, wer er war, und hoffte ihr Auftraggeber so, das Reich der Menschen zu schwächen? Nieven konnte sich nicht sicher sein und die Ungewissheit steigerte seinen Ärger noch.
Etwas in ihm wollte daran glauben, dass Faelar sich nicht komplett in Aileara getäuscht hatte und sie ihnen nicht in den Rücken gefallen war. Aber wem machte Nieven etwas vor? Sie war eine Söldnerin. Sie hatte das selbst zugegeben. Für den richtigen Preis nahm sie vermutlich jeden Auftrag an. Das würde auch erklären, warum sie an Informationen gekommen war, die sie nicht hätte haben können. Er dachte an die Schriftrolle, die sie ihm in Arianwood gezeigt hatte. War das nicht die Anzahlung eines Auftrags gewesen? Eine Anzahlung, die sie direkt zu ihm geführt hatte.
Wo ein Teil in ihm sich weiterhin wünschte, dass Aileara die Situation aufklärte, hoffte der andere, sie würde es gar nicht erst versuchen. Die Wahrheit würde sowieso nicht aus ihrem Mund kommen und da konnte sie sich den Atem sparen. Er schwor sich, ihr nie wieder zu glauben und sie genau zu beobachten. Nicht mehr aus den Augen zu lassen, um jede Handlung ihrerseits vorauszuahnen. Irgendetwas würde ihm verraten, welches Spiel sie mit ihm spielte.
Ihr glockenhelles Lachen riss ihn aus seinen Gedanken. Hatte er sie jemals zuvor lachen gehört? Dieser Silvion flüsterte ihr etwas ins Ohr und ihre grauen Augen funkelten mit einer Leichtigkeit, die er von ihr nicht kannte. Ihre Freude war echt, frei von Arroganz und Stolz und ansteckend. Nieven musste sich zwingen, nicht ebenfalls zu lächeln.
Silvion übergab ihr die Zügel und drückte zärtlich ihre Schultern. Ob Aileara seine Geliebte war? Irgendetwas ließ Nieven daran zweifeln, aber er konnte nicht benennen, was es war. Es fiel ihm schwer, das Verhältnis der beiden zu beschreiben. Wie gern er Faelar nach seiner Einschätzung gefragt hätte.
Sein Cousin ritt zu seiner Rechten. Ein Spitzohr und ein Pferd zwischen ihnen. Faelars Schultern hingen hinunter und er wirkte geschlagen. Als spürte er Nievens Blick, sah er auf. Die Verwirrung war gewichen – vermutlich hatte er in den vergangenen Minuten seine ganz eigenen Schlüsse aus der Situation gezogen. Stattdessen hatte die Angst nun von ihm vollends Besitz ergriffen.
Nieven war dankbar, Faelar an seiner Seite zu wissen. Was auch immer passierte, sie würden einander nicht im Stich lassen, sondern bis zum Ende kämpfen.
***
