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Akteneinsicht E-Book

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Beschreibung

Die Sozialpsychologin Marie Jahoda (1907–2001) saß 1936/37 neun Monate in Haft. Ihr Verbrechen war, als Revolutionäre Sozialistin die Diktatur des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes bekämpft zu haben. Bei den Verhören und vor Gericht hielt sich Jahoda strikt an eine Regel der konspirativen Untergrundarbeit: Gib nur zu, was nicht mehr bestritten werden kann, und belaste andere nicht.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2021

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AkteneinsichtMarie Jahoda in Haft transblick

 

HerausgeberInnen:

Waltraud Kannonier-Finster, Horst Schreiber, Meinrad Ziegler

Die Buchreihe transblick veröffentlichtArbeiten, die der sozialwissenschaftlichenAufklärung verpflichtet sind.Ein Blick richtet sich auf Phänomene undVerhältnisse, die wenig beachtet oder imDunkeln gehalten werden.

Ein anderer Blick bietet Beschreibungenund Analysen, die eine unkonventionelleSichtweise auf das soziale Leben eröffnen.transblick thematisiert gesellschaftlicheWiderspruchserfahrungen und Dominanz-verhältnisse und fragt, was wir als vernünftig,gerecht und der menschlichen Würdeangemessen erachten.

transblick will Denkprozesse fördern und aufHandlungsperspektiven verweisen. Die Büchersollen in Inhalt und Form aufregen und einemTransfer sozialwissenschaftlicher Sichtweisenin interessierte Öffentlichkeiten dienen.transblick benutzt eine Sprache, die auch jenenPersonen und Gruppen das Mitdenken undMitreden ermöglicht, die außerhalb desakademischen Diskurses leben und handeln.transblick soll Frauen und Männer ansprechen,die sowohl dem „Darüberhinaus“-Schauen alsauch dem „Hindurch“- oder „Quer-durch“-Denken etwas abgewinnen können.

www.transblick.com

 

 

 

Friedrich Forsthuber

Vorwort

Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler

Einleitung

Horst Schreiber und Meinrad Ziegler

„Den Tatbestand leugnen, nicht aber die Gesinnung“

Andreas Kranebitter

Anhaltende Kämpfe. Polizei und Justiz im Kampf gegen die linke Opposition 1934–1938

Christian Fleck

Politisch engagiert, am Beispiel Marie Jahoda

Lotte Bailyn

Epilog: Erinnerungen an Wien

Kurzbiographie Marie Jahoda

Danksagung

Bildnachweise

Autorin und Autoren, Herausgeberin und Herausgeber

Friedrich Forsthuber

Vorwort

„Demokratie ist gewiss ein preisenswertes Gut, Rechtsstaat ist aber wie das tägliche Brot, wie Wasser zum Trinken und wie Luft zum Atmen, und das Beste an der Demokratie gerade dies, dass nur sie geeignet ist, den Rechtsstaat zu sichern.“1

Demokratie und Rechtsstaat sind „siamesische Zwillinge“: Nur in einem Rechtsstaat können demokratische Rechte und ein wirksamer Schutz der Menschenrechte durch unabhängige Gerichte garantiert werden. Demokratische Rechtsstaaten können aber nur durch politische Bildung und ein breites gesellschaftliches Verständnis für den Wert rechtsstaatlicher Prinzipien bewahrt werden.

Der wesentliche Fortschritt, den die demokratischen Staaten Europas nach 1945 erzielt haben, ist die inhaltliche Absicherung von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaat durch Staatengemeinschaften (Europarat, EU) und internationale Abkommen, die auch eine gerichtliche Kontrolle sowie Sanktionen bei Verstößen von Mitgliedstaaten vorsehen. Die Einhaltung der in diesen Verträgen festgelegten Grundwerte prüfen auch EGMR (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg) und EuGH (Europäischer Gerichtshof in Luxemburg).

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich ein materielles Rechtsstaatsverständnis (das auf Grundwerten beruht) durch. 1949 wurde die Satzung des Europarats in London unterfertigt. Die Regierungen bestätigten darin ihre unerschütterliche Verbundenheit mit den geistigen und sittlichen Werten, die „das gemeinsame Erbe ihrer Völker und von jeher die Quelle für Freiheit der Einzelperson, politische Freiheit und Herrschaft des Rechts (Rule of Law) sind, jene Prinzipien, welche die Grundlage jeder wahren Demokratie bilden.“2 Das ebenfalls 1949 beschlossene Bonner Grundgesetz sieht für die BRD eine verfassungsrechtliche Ordnung vor, die „Grundsätzen des republikanischen, demokratischen und sozialen Rechtsstaats“ zu entsprechen hat. Diesem Konzept des liberalen demokratischen Rechtsstaats liegt eine ausgewogene Aufteilung und Kontrolle von Macht („checks and balances“) zugrunde: Verfassungsbindung der Gesetzgebung, Gesetzesbindung der Verwaltung und Rechtsprechung, Gewaltenteilung, unmittelbar wirkende Menschenrechte und Rechtsschutz durch unabhängige Gerichte.

Werden diese Prinzipien in Frage gestellt oder ausgehöhlt, folgen wenig später Unterdrückung und Diktatur, in der Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Eine Entwicklung wie 1933 in Deutschland, als das Parlament, die gleichgeschaltete Justiz und Presse sowie weite Teile des manipulierten Volks selbst bereit waren, binnen weniger Wochen Mitbestimmung, Gewaltentrennung und Freiheitsrechte zugunsten des Führerprinzips der Nationalsozialisten preiszugeben.

In Österreich nützte die christlich-soziale Regierung zur gleichen Zeit den Vorwand der „Selbstausschaltung“ des Parlaments vom 4.3.1933, um mit Hilfe des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes schrittweise die Grundprinzipien der Bundesverfassung (v.a. demokratisches und rechtsstaatliches Prinzip) auszuhöhlen. Da die vorgesehenen „checks and balances“ durch den Verfassungsgerichtshof und den Bundespräsidenten nicht funktionierten, ging nach nur 15 Jahren (1918–1933) der demokratische Rechtsstaat der Ersten Republik unter.

Der damalige Bundespräsident Wilhelm Miklas notierte dazu resignierend in seinem Tagebuch: „Ist das noch ein Rechtsstaat? Nach der Zerstörung des Parlaments jetzt auch noch die Zerstörung des Verfassungsgerichtshofs. Das soll ein katholisches Gewissen aushalten.“3 Die Todesstrafe, die die junge Republik im Jahr 1919 abgeschafft hatte, wurde ab 10.11.1933 im standrechtlichen Verfahren und mit Wirksamkeit 1.7.1934 auch im ordentlichen Verfahren wieder eingeführt und – wie schon in der Monarchie – im Hof des Gefangenenhauses („Galgenhof “) mit dem Würgegalgen vollstreckt.

Marie Jahoda steht in diesem Buch als Beispiel für den Widerstandswillen von Teilen der sozialdemokratischen Opposition, die trotz des Verbots der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei nach dem Aufstand vom 12.2.1934 auch in der Illegalität gegen den autoritären Ständestaat agierte. Dabei werden neben ihrem persönlichen Mut und dem Einsatz für politische Bildung auch die Umstände ihrer Verhaftung am 27.11.1936, der mehrmonatigen Anhaltung im Polizeigefängnis bis zur Überstellung in Untersuchungshaft am 10.3.1937 sowie ihrer Verurteilung am 2.7.1937 im Landesgericht für Strafsachen Wien I wegen § 5 Staatsschutzgesetz (Unterstützung einer staatsfeindlichen Verbindung) zu drei Monaten Kerker beleuchtet. Neben der gerichtlichen Freiheitsstrafe (die durch Anrechnung der Untersuchungshaft bereits verbüßt war), wurde – entsprechend dem im Ständestaat geltenden System der Mehrfachbestrafung – über sie überdies eine sechsmonatige Verwaltungsstrafe (also doppelt so hoch wie die gerichtliche Sanktion) verhängt.

Exemplarisch wird in diesem Buch aber nicht nur die Verteidigungstaktik der ab 1934 in die Illegalität gedrängten sozialdemokratischen WiderstandskämpferInnen nach der Devise „Den Tatbestand leugnen, nicht aber die Gesinnung“ aufgezeigt, sondern auch die beschämende Haltung gegenüber den Opfern der Diktaturen von Ständestaat (1933/34–1938) und Nationalsozialismus (1938–1945) im Österreich der Nachkriegszeit aufgezeigt. Entlarvend sind etwa die abweisende Haltung der sozialdemokratischen Parteiführung gegenüber emigrierten jüdischen Intellektuellen oder die bürokratischen Schikanen gegenüber Fritz Keller im Zusammenhang mit seinem Antrag auf Entschädigung nach dem Opferfürsorgegesetz.

Abschließend möchte ich eine Übersicht über Beschlüsse nach dem Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetz 2011 (BGBl. I Nr. 8/2012) geben, wobei ich selbst als einer der für Anträge auf Rehabilitierung zuständigen Richter des Landesgerichtes für Strafsachen Wien tätig bin. Von 2012 bis 2020 wurden in 20 Akten Anträge auf Rehabilitierung nach dem Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetz 2011 gestellt. Unter den insgesamt 22 Personen, deren Rehabilitierung beantragt wurde, befanden sich drei Frauen und 19 Männer.

Aufgehoben wurden antragsgemäß elf Urteile, sechs Anhaltebescheide sowie zwei verwaltungsbehördliche Strafbescheide, in einem Fall „sämtliche haftbegründende Anordnungen“, da nicht geklärt werden konnte, ob sich der Rehabilitierte aufgrund eines Urteils oder eines polizeilichen Strafbescheids in Haft befunden hatte. Damit wurden insgesamt 16 Personen rehabilitiert, darunter zwei Frauen. Nur sechs Personen wurden nicht rehabilitiert, darunter eine Frau, wobei die Abweisung der Anträge jeweils nur aus formellen Gründen erfolgte. In drei Fällen wurden Anträge abgelehnt, weil zwar Untersuchungshaft, aber weder Anhaltebescheide noch verurteilende Erkenntnisse vorlagen (doch wurde ausdrücklich festgestellt, dass sich die Personen jeweils wegen Ausdrucks einer politischen Meinung im Kampf für ein demokratisches Österreich in Untersuchungshaft befunden hatten). Seit dem Beschluss des Landesgerichtes für Strafsachen Wien vom 16.10.2013 wurden nicht nur die in § 1 des Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetzes angeführten Gerichtsurteile sowie Anhaltebescheide, sondern auch die freiheitsentziehenden Straferkenntnisse der Verwaltungsbehörden im Wege einer teleologischen Auslegung des Gesetzes durch die Rechtsprechung in die Rehabilitierung einbezogen.

Das Ziel, die Entwicklung des demokratischen Rechtsstaats als Garant für die geschützte Ausübung der Menschen- und Freiheitsrechte erfahrbar zu machen, führte 2018 zur Gründung des Vereins Justizgeschichte und Rechtsstaat (www.justizgeschichte-rechtsstaat.at samt Videos im Youtube-Channel des Vereins).

Als Obmann dieses Vereins begrüße ich das Erscheinen dieses Buches über das Wirken von Marie Jahoda umso mehr, als es einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung leistet und eine Frau würdigt, deren politischer Widerstand gegen Diktaturen Vorbildwirkung als Gegenpol zu einer heute weitverbreiteten Politikverdrossenheit hat – denn: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur wieder auf.“

Literatur:

Radbruch, Gustav. 2003. Rechtsphilosophie. Studienausgabe, hrsg. Ralf Dreier und Stanley L. Paulson. Heidelberg: C. F. Müller.

1 Radbruch, 2003

2 Satzung des Europarats, Präambel.

3 Miklas, zitiert nach profil, Nr. 46 vom 13. 11. 2006, S. 19.

Marie Jahoda, 1940 in London

Johann BacherWaltraud Kannonier-FinsterMeinrad Ziegler

Einleitung

Das vorliegende Buch erscheint als vierter Band einer 2017 begonnenen Marie Jahoda-Edition. Das Anliegen dieser Reihe ist es, Jahodas Lebensgeschichte und ihre Arbeit – über die international bekannte Studie Die Arbeitslosen von Marienthal hinaus – in der Form von wissenschaftshistorisch und biografisch kontextualisierten Publikationen bekannt zu machen und in Erinnerung zu rufen.

Im ersten Band haben wir Jahodas bis dahin noch nicht publizierte Dissertation an der Universität Wien aus dem Jahr 1932 vorgestellt.1 Die Arbeit ist theoretisch in das Forschungsprogramm einer Psychologie des menschlichen Lebenslaufs eingebunden, das Charlotte Bühler Ende der 1920er Jahre am Psychologischen Institut der Universität Wien eingeführt hatte. Jahodas Beitrag dazu war methodologisch innovativ. Sie folgte nicht dem damaligen Trend, der sich bei der empirischen Untersuchung von Lebensverläufen vor allem auf Angehörige bürgerlicher Schichten konzentrierte. Ihre Dissertation beruht auf lebensgeschichtlichen Interviews mit 52 Frauen und Männern, die aus einfachen Verhältnissen kamen. Die Befragten hatten im Kleingewerbe, als Tagelöhner, als Bedienstete in den Haushalten der Ober- und Mittelschichten oder in selbstständigen Handwerksberufen gearbeitet und lebten im Alter, weil sie mittellos waren, in einem der Wiener Versorgungshäuser. Jahodas Anliegen, gerade die Angehörigen der arbeitenden Klassen zum Gegenstand ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu machen, artikuliert seine kritische Bedeutung auch auf einer demokratiepolitischen Dimension: Ihre Arbeit gab diesen Frauen und Männern eine Stimme und machte sie und ihre Lebensverhältnisse als relevanten Teil der Gesellschaft sichtbar. Ähnliches kann über die Marienthal-Studie gesagt werden, an der Jahoda unmittelbar danach wesentlich mitgearbeitet hat.

Der zweite Band der Edition dokumentiert ihre erste Forschungsarbeit im englischen Exil aus dem Jahr 1938.2Arbeitslose bei der Arbeit ist eine ethnografische Fallstudie über ein konkretes Sozialexperiment für arbeitslose Bergarbeiter in Südwales. Diese produzierten auf mehreren landwirtschaftlichen Grundstücken und in Werkstätten Nahrungsmittel und Güter des täglichen Bedarfs. Die Produktion diente nicht der Vermarktung, sondern der Selbstversorgung der beteiligten Arbeiter und ihrer Familien mit qualitativ hochstehenden Lebensmitteln. Heute würde man die Untersuchung als Begleitforschung bezeichnen; sie sollte den Organisatoren eine Rückmeldung geben, ob und in welcher Weise das Selbsthilfeprojekt den eigenen humanistischen Ansprüchen Genüge tat. Jahodas Bericht fiel differenziert, aber auch kritisch aus. Jahoda verzichtete auf eine Veröffentlichung der Studie, weil einer der Projektleiter das Gefühl hatte, durch die Kritik werde sein Lebenswerk zerstört. Sie wurde erstmals 1989 in einer deutschen Fassung publiziert.3

Der dritte Band der Edition versammelt Aufsätze und Essays, die in den Jahren nach Jahodas Übersiedlung in die USA im Jahr 1945 sowie in den Jahren nach 1958, als sie neuerlich in England lebte und arbeitete, entstanden sind.4 Er vermittelt einerseits ihre grundsätzliche Position für den Zugang zu Gegenstand und Forschungsthemen der Sozialwissenschaften: Individuelles Handeln und Verhalten sind in der sozialen Realität unauflösbar mit den sozialen Kontexten und Institutionen verschränkt. Die Unterscheidung zwischen Individuum und Kollektiv ist eine, die nur in unserem Denken und in unseren Diskursen möglich und sinnvoll ist. Eine Forschung, die diese beiden Momente der Wirklichkeit nicht in dieser wechselseitigen Abhängigkeit untersucht, kann nur wenig zum Verständnis der heutigen Welt beitragen. Der Band gibt andererseits einen Überblick zu Themenbereichen, mit denen sich Jahoda in ihrer wissenschaftlichen Arbeit intensiv beschäftigt hat: Vorurteile und Antisemitismus, das Spannungsverhältnis von Freiheit und Sicherheit, die sozialen Bedingungen von Unabhängigkeit und Konformismus, die sozialpsychologische Bedeutung von Arbeit und Arbeitslosigkeit. Jahoda hat diese Fragestellungen zum Gegenstand gemacht, weil sie sie als grundlegende Konflikte in jenen Gesellschaften und Kulturen erlebt hat, in denen sie jeweils tätig war. Die Praxis, Themen für ihre Forschungen nicht aus abstrakten theoretischen Diskursen abzuleiten, sondern aus konkreten gesellschaftlichen Problemen, bezeichnete Jahoda als lebensnahe Forschung. Unschwer ist zu erkennen, dass bei der Wahl ihrer Themen ein bemerkenswerter Sinn für die gesellschaftspolitischen Kernfragen moderner Gesellschaften zum Ausdruck kommt. Ihre Untersuchungen könnten als nachhaltig bezeichnet werden. Sie beziehen sich auf soziale Probleme des Zusammenlebens, die auch heute noch Gegenstand von Konflikten und Debatten sind. Bei der Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse war es ein Anliegen Jahodas, einen Modus zu finden, der den Beteiligten und Betroffenen dienlich war und zur Lösung des untersuchten Problems beitrug. Zugleich kann sie als streitbare Wissenschaftlerin bezeichnet werden, die sich bei wissenschaftsinternen Kontroversen durchaus zu behaupten wusste und auch oftmals öffentlich Stellung bezog.

Im vorliegenden vierten Band der Edition begegnet uns Marie Jahoda nicht als Sozialforscherin, sondern als politische Aktivistin. Sie war schon als Studentin und junge Sozialforscherin Teil der sozialdemokratischen Bewegung und an der Bildungs- und Reformarbeit des Roten Wien beteiligt. In einem Interview mit Mathias Greffrath im Jahr 1979 erzählt sie über die Zukunftshoffnungen, die sie damals bewegt haben:

„Wir sind aufgewachsen in dieser kritischen guten österreichischen sozialdemokratischen Periode, in der Überzeugung, daß wir einen demokratischen, nicht gewalttätigen Umbruch der Gesellschaft herbeibringen würden. Ich erinnere mich, daß ich in dieser Zeit jeden Menschen, der zwanzig, dreißig Jahre älter war als ich, bedauert hab, weil er das nicht mehr erleben würde. (…) Wir waren alle, alle im Prinzip Pazifisten. ‚Nie, nie woll’n wir Waffen tragen‘ hieß das Lied, das wir sangen. Prinzipiell waren wir überzeugt davon, daß Gewalttätigkeit schlecht ist. Und wir waren überzeugt davon, daß wir einmal die Mehrheit erreichen würden. Das war alles, was notwendig war.“5

Im Rückblick sieht sie die Einseitigkeit der damaligen Vorstellungen.6 Sie hätten immer nur die Aufbauleistungen in Wien vor Augen gehabt und die gegenläufigen, konservativen Kräfte in den anderen Bundesländern der Republik unterschätzt. Vielleicht sei aber gerade diese Ausblendung des Umfeldes ein Grund für die Stärke gewesen, mit der die sozialen Veränderungen in Wien realisiert wurden.

Eine erste Desillusionierung der Hoffnungen auf eine sozialdemokratische Zukunft bringen die empirischen Ergebnisse der Marienthal-Studie. In vielen Details und mit deprimierender Lebendigkeit wird dort beschrieben, wie die Arbeitslosigkeit soziale Gemeinschaften zerstört, die alltägliche wie politische Handlungsfähigkeit beschränkt und mit einer Erosion der Arbeitermentalität einhergehe.7 Arbeitslosigkeit fördert also nicht das politische Bewusstsein und die revolutionäre Energie der Arbeiterklasse, wie das viele Kommunisten und Sozialdemokraten im Vertrauen auf die Marxsche Verelendungstheorie glauben.

Das Aufkommen des Faschismus in Europa bedeutet einen weiteren Rückschlag für die Perspektive einer sozialistischen Umgestaltung nach dem Muster des Roten Wien. Das Buch über Marienthal erscheint erstmals im Jahr 1933. Das ist das Jahr der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland und das Jahr der Errichtung einer autoritären Diktatur durch den Christlichsozialen Engelbert Dollfuß in Österreich. Gemeinsam mit Benito Mussolini, der in Italien schon 1922 an die Macht kam, versuchen diese drei europäischen Politiker mit den von ihnen begründeten Ideologien und Systemen die parlamentarischen Demokratien abzulösen, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind.8 Marie Jahoda schließt sich 1934 dem sozialdemokratischen Widerstand gegen die faschistische Entwicklung an, wird deshalb 1936 verhaftet und 1937 gezwungen, Österreich zu verlassen. Unter dem Eindruck der historischen Erfahrungen des Faschismus und des Krieges sieht sie sich mit ihrer Position zur Frage der Gewaltlosigkeit vor ein persönliches Dilemma gestellt.9 Im Zusammenhang mit den Diskussionen innerhalb der sozialdemokratischen Exilorganisationen darüber, was nach dem Krieg in Österreich kommen soll, wächst ihre Skepsis im Hinblick auf die historischen Chancen des Sozialismus. Sie habe sich in diese ideologischen Debatten nicht mehr eingelassen.10 An einem Briefwechsel aus den 1940er Jahren zwischen Jahoda, die sich in London befindet, und Joseph Buttinger, dem ehemaligen Obmann der Revolutionären Sozialisten, der nach seiner Flucht aus Österreich über Zwischenetappen in New York angekommen ist, lässt sich erahnen, wie Jahoda grundlegende Überzeugungen ihres politischen Weltbildes reflektiert und reinterpretiert. Anknüpfend an ihre aktuelle Lektüre des 1939 erschienenen Buches The 20 Years’ Crisis, 1919–1939. An Introduction to the Study of International Relations von Edward H. Carr schreibt sie:

„Der europäische Sozialismus hat sich über die Gleichheits-Freiheits-Brüderlichkeitsideale der französischen Revolution noch nicht erhoben. Und damit geht es nicht, wie wir wissen. Am besten von den dreien gefällt mir noch die Brüderlichkeit. Aber die Gleichheit ist ein biologischer, psychologischer und ökonomischer Unsinn; und die Freiheit ein grosses Problem. (…) Frei – von was? Natürlich frei von Gestapo und GPU, aber das ist auch England. Wie aber wird man frei vom Zwang der Umstände, z.B. von dem Zwang der Fabriksarbeit? (…) Vollkommene Freiheit ist natürlich ein Unsinn; man müsste schon einmal genauer definieren, wovon wir frei sein wollen. (…) Ich stell mir vor, dass die Sicherheit mehr als die ökonomische Gleichheit, und die Veränderung der Arbeitsbedingungen mehr als die vollkommene Freiheit bedeuten müssen, zumindest für Mitteleuropa. Ob allerdings die zwei Begriffe stark genug sind, um die politische Apathie in Mitteleuropa zu durchbrechen, weiss ich nicht. Nur über eines bin ich mir ganz klar: der Testfall jeder neuen Gesellschaftsordnung liegt nicht in ihren Worten und Programmen, sondern in der Frage, ob sich der durchschnittliche Fabriksarbeiter in so einer neuen Ordnung wohler fühlen wird, ob er mehr Möglichkeiten und eine grössere Intensität des Lebens haben wird, als in den sogenannten demokratischen Ländern heute.“11

Einige Monate später erzählt Jahoda von dem Problem, das sie aktuell am meisten beschäftige: die Funktion der Arbeiterklasse und das Konzept der klassenlosen Gesellschaft. Letzteres hält sie für eine Unmöglichkeit. Den Glauben an die Arbeiterklasse als eine treibende Kraft auf dem Weg in eine neue Gesellschaft habe sie verloren. Es treffe zu, dass diese Klasse in dem aktuellen Chaos am meisten leiden würde, aber für den Prozess des Wiederaufbaus sähe sie keine führende Stellung für sie.12

Es lässt sich nicht im Detail rekonstruieren, welche Entwicklung Jahodas Haltung als politische Aktivistin nach dem Ende des Krieges genommen hat. Dokumentiert ist das Ergebnis dieses Prozesses. 1985 fasst sie es rückblickend und resümierend in einem Interview mit Robert Knight zusammen:

„In der Gesamtheit – durch die Zeit der Illegalität und durch mein Leben im Krieg in diesem Land [England] – habe ich mich überzeugt davon, daß meine Art Sozialismus eine Illusion war, die im 20. Jahrhundert nicht auf Verwirklichung hoffen kann. Während ich in meinen Werten und Hoffnungen noch immer Sozialistin bin, glaube ich nicht, daß der demokratische Weg zu dem führen kann; und auf den gewaltsamen Weg kann ich mich nicht einlassen. In dem Dilemma von Erkenntnis meiner Illusion und dem Wissen, daß die Gesellschaft verändert werden muß, aber keinen Weg dazu sehen, bin ich eigentlich nach dem Krieg aus dem aktiven politischen Leben ausgeschieden.“13

Auf die Frage des Interviewers, ob diese politische Desillusionierung an die historische Zeit und die damalige Stärke faschistischer Bewegungen gebunden sei oder eher grundsätzlicher Natur sei, antwortet Marie Jahoda: Es sei das Eingeständnis gewesen, dass sie den Weg zu dem, was sie sich unter einer guten Gesellschaft vorstellen könne, nicht mehr gesehen habe: „Ich weiß nicht mehr, wie man im Großen die Gesellschaft verändert.“ Und wie zum Trost für Angehörige einer jüngeren Generation ergänzt sie: „Das hängt auch mit meinem Alter zusammen.“14

Die im Titel des Bandes angekündigte Akteneinsicht geht über die „Strafsache gegen Marie Jahoda-Lazarsfeld“ hinaus. Diese stellt den Kern der Geschehnisse dar, über die berichtet wird. Der Kern kann nur verstanden werden, wenn auch die Kontexte vermittelt werden, in die er eingebettet ist. In diesem Sinn haben wir die folgenden Texte angeordnet. Horst Schreiber und Meinrad Ziegler rekonstruieren die neun Monate Anhalte- und Untersuchungshaft von Marie Jahoda, den Prozess vor dem Wiener Landesgericht im Juli 1937 und schließlich die Umstände ihrer Freilassung, die gleichzeitig mit der Ausbürgerung aus Österreich verbunden war. In den vielen Vernehmungen zu den Anschuldigungen gestand Jahoda jene Handlungen, die ihr nachgewiesen werden konnten, weigerte sich jedoch beharrlich, die Namen der Personen zu nennen, mit denen sie bei den Revolutionären Sozialisten, der illegalen Organisation der Sozialdemokratie, gearbeitet hatte. Der Beitrag zeigt das Wechselspiel der institutionellen Gewalt von Polizei und Justiz auf der einen Seite und die Widerständigkeit der Inhaftierten auf der anderen Seite in vielen Details. Als Quellen werden vor allem der historische Akt „Strafsache Dr. Marie Jahoda-Lazarsfeld“ sowie autobiografische Dokumente, in denen Jahoda die Haftzeit erinnert, genutzt.

In dem Beitrag von Andreas Kranebitter geht es um die größeren Zusammenhänge, in denen sich die staatliche Repression des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes entfaltete. Im Zusammenhang mit dem Fall Jahoda sind hier insbesondere die Implementierung des Anhaltegesetzes vom September 1934 sowie des Staatsschutzgesetzes vom Juli 1936 von Bedeutung. Kranebitter erweitert die fallspezifische Perspektive und greift auch auf Akten zu den vielen kleineren Prozessen gegen Angehörige der politischen Linken zurück, die nicht in der ersten Reihe standen und denen wenig öffentliche Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Damit ergeben sich Möglichkeiten des Vergleiches und allgemeinere Einsichten sowohl zu den Maßnahmen von Polizei und Justiz als auch zu den Strategien des Widerstandes. Sein Beitrag schließt mit einem kritischen Hinweis auf die Praxis der Entschädigung und Rehabilitation politisch Verfolgter in den 1950er und 1960er Jahren.

Im dritten Beitrag untersucht Christian Fleck systematisch, wie sich Jahodas politisches Engagement in den Jahren des Roten Wien herausbildete und wie sie in die Organisation des politischen Widerstands involviert war. Ausführlich dokumentiert und diskutiert er die ideologischen Positionen, Debatten und Konflikte innerhalb der illegalen Gruppierungen, denen sich Jahoda im Exil verbunden fühlte. Im Frühjahr 1945 ging Jahoda in die USA, um ihre Tochter zu sehen, die seit 1937 mit ihrem Vater Paul Lazarsfeld in New York lebte. Wo und wie sie sich ein neues Leben nach dem Krieg aufbauen sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch in der Schwebe. Fleck erläutert die Umstände, die schließlich zu der Entscheidung führten, nicht nach Österreich zurückzukehren, und skizziert, wie sich Marie Jahoda in New York und ab 1958 in England beruflich als Sozialpsychologin etablieren konnte.

Lotte Bailyn, die 1930 in Wien geborene Tochter von Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld, lebt heute in den USA, Massachusetts. Die Verhaftung Jahodas im November 1936 trennte Lotte von einem Tag auf den anderen von ihrer Mutter. Als diese im Sommer 1937 ausgebürgert wurde und sich in London eine neue Lebensbasis aufzubauen versuchte, schien es den Eltern am sichersten, wenn die Tochter mit dem Vater nach New York ging. Mit den Erinnerungen von Lotte Bailyn an ihre Wiener Kindheit schließt dieser Band.

Literatur

Adler, Max. 1933. Wandlung der Arbeiterklasse. Der Kampf 26/9: 367–382 und 26/10: 406–414.

Clavey, Charles H. 2019. Resiliency or Resignation: Paul F. Lazarsfeld, Austro-Marxism, and the Psychology of Unemployment, 1919–1933. Modern Intellectual History 2019: 1–25.

Fleck, Christian. 2020. Psychosoziale Folgen der Arbeitslosigkeit. In: Meilensteine der Soziologie, hrsg. Christian Fleck und Christian Dayé, 313–324. Frankfurt a. M., New York: Campus.

Jahoda, Marie. 1979. „Ich habe die Welt nicht verändert.“ Gespräch mit Marie Jahoda. In: Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern, hrsg. Mathias Greffrath, 103–144. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Jahoda, Marie. 1985. Interview mit Robert Knight am 28.8.1985, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), Sammlung „Erzählte Geschichte“.

Jahoda, Marie. 1989. Arbeitslose bei der Arbeit. Die Nachfolgestudie zu „Marienthal“ aus dem Jahr 1938, hrsg. Christian Fleck. Frankfurt a. M., New York: Campus.

Jahoda, Marie. 1997. „Ich habe die Welt nicht verändert.“ Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung, hrsg. Steffani Engler und Brigitte Hasenjürgen. Frankfurt a. M., New York: Campus.

Jahoda, Marie. 2017. Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klassen 1850–1930. Dissertation 1932, hrsg. Johann Bacher, Waltraud Kannonier Finster und Meinrad Ziegler. Innsbruck, Wien, Bozen: Studienverlag.

Jahoda, Marie. 2019a. Arbeitslose bei der Arbeit., hrsg. von Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler. Orig. 1938. Innsbruck, Wien, Bozen: Studienverlag.

Jahoda, Marie. 2019b. Aufsätze und Essays. hrsg. Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler. Innsbruck, Wien, Bozen: Studienverlag.

Müller, Reinhard (Hrsg). 2002. Marie Jahoda 1907–2001, Pionierin der Sozialforschung. Katalog zur Ausstellung des AGSÖ an der Universitätsbibliothek Graz. Graz: Universitätsbibliothek.

Wenninger, Florian, und Lucile Dreidemy (Hrsg.). 2013. Das Dollfuss/Schuschnigg-Regime 1933–1938. Vermessung eines Forschungsfeldes. Wien, Köln, Weimar: Böhlau.

1 Jahoda, 2017.

2 Jahoda, 2019a.

3 Vgl. Jahoda, 1989.

4 Jahoda, 2019b.

5 Jahoda, 1979, S. 113.

6 Vgl. dazu vor allem die biografischen Interviews Jahoda 1979, 1985 und 1997.

7 Vgl. Fleck, 2020; Clavey, 2019; Adler, 1933.

8 Vgl. Wenninger und Dreidemy, 2013.

9 Vgl. Jahoda, 1985, S. 22.

10 Ebd., S. 26.

11 Brief Marie Jahoda an Joseph Buttinger vom 9.4.1940, in: Müller, 2002, 102 f.

12 Brief Marie Jahoda an Joseph Buttinger vom 1.7.1940, ebd., 106.

13 Jahoda, 1985, 27.

14 Ebd., 28.

Deckblatt des Aktes „Strafsache Marie Jahoda-Lazarsfeld“ am Landesgericht für Strafsachen Wien I. Der Umfang des Aktes beträgt 456 Blätter.

Horst Schreiber und Meinrad Ziegler

„Den Tatbestand leugnen, nicht aber die Gesinnung“

Strafsache gegen Dr. Marie Jahoda-Lazarsfeld. Die Akten sprechen, die Beschuldigte erinnert

Am Freitag, den 27. November 1936, um 9 Uhr 30 stürmte die Polizei die Räumlichkeiten der Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeiter der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle im ersten Bezirk, Wächtergasse 1, verhaftete Marie Jahoda und weitere Angestellte der Forschungsstelle und führte eine gründliche Durchsuchung durch. Sie hatte vertrauliche Hinweise erhalten, dass in den Räumen der Forschungsstelle „ein getarnter Nachrichten- und Informationsdienst für die illegale revolutionär-sozialistische Organisation entfaltet werde“. Die Hinweise besagten auch, „dass die wissenschaftliche Leiterin (…) namens Dr. Maria Jahoda-Lazarsfeld nicht nur dem Zentralkomitee der Revolutionären Sozialisten, sondern auch dem Exekutivkomitee dieser Partei angehöre“.1

Im Folgenden werden die Geschehnisse von der Verhaftung im November 1936 bis zum Prozess am Landesgericht Wien im Juli 1937 rekonstruiert. Die Darstellung stützt sich vor allem auf zwei Quellen: Der Gerichtsakt „Strafsache Marie Jahoda-Lazarsfeld“ protokolliert auf rund 450 Seiten die Vernehmungen bei Polizei und Gericht sowie den Prozess am Landesgericht Wien. Andererseits stehen Dokumente mit Erinnerungen von Marie Jahoda an die Monate der Haft zur Verfügung: ein autobiografischer Text, eine Reihe von Interviews aus den 1980er und 1990er Jahren, in denen sie von ihren Erfahrungen mit Polizei und Gericht erzählt, sowie Texte von Dritten, die auf diese Periode von Jahodas Lebensgeschichte eingehen. Die beiden Quellen repräsentieren unterschiedliche Sichtweisen, jene der Verfolgungsbehörden und jene der Verfolgten. Weder die eine noch die anderen Quelle gibt wieder, was sich tatsächlich ereignet hat. Polizei- und Gerichtsprotokolle sind selektiv, voller Vorurteile und Annahmen gegenüber den Verdächtigen. Diese wiederum erzählen den Amtspersonen Geschichten, die ihre Handlungen rechtfertigen und in Zusammenhängen plausibel erscheinen lassen sollen, die nichts mit den erhobenen Anschuldigungen zu tun haben. Auch Erinnerungsdokumente beruhen auf persönlichen Annahmen über biografische Erfahrungen mit all ihren Lücken und Brechungen, Irrtümern und Vergesslichkeiten.

Jede der hier verwendeten Quellen verfügt über eine besondere, für sie typische Sprache und Erzählweise. Diese soll in der Darstellung der „Strafsache“ Jahoda nicht verloren gehen. Der Text bemüht sich, diese Eigenschaften für die Lesenden erfahrbar zu machen. In die Rekonstruktion fließt neben den beiden Perspektiven der Quellen auch eine dritte Perspektive ein, jene der Autoren, die Quellen und Ereignisse im Rahmen von zeitgeschichtlichem wie soziologischem Fachwissen reinterpretieren.

Was ging der Polizeiaktion vom 27. November voraus?

Im März 1933 hatte der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß den Rücktritt der Präsidenten des Parlaments genutzt, um das Parlament für handlungsunfähig zu erklären. Er sprach von einer „Selbstausschaltung“ des Nationalrats und begann auf Basis des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes von 1917 mit einer Reihe von Notverordnungen zu regieren. Schritt für Schritt wurden demokratische Institutionen ersetzt, blockiert und verboten. Am Anfang dieses Prozesses standen Einschränkungen des Vereins- und Versammlungsrechts und eine Vorzensur der Presse, es folgten das Verbot der kommunistischen und der nationalsozialistischen Partei, eine Senkung von Löhnen und Sozialleistungen, eine Blockierung des Verfassungsgerichtshofes, das Verbot des Mai-Aufmarsches und Maßnahmen zur Etablierung eines Polizeistaates.2 Mit der Niederschlagung des Aufstands des sozialdemokratischen Schutzbundes am 12. Februar 1934 und dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei konstituierte sich die neue soziale Ordnung als autoritäre Diktatur.

Die Härte, mit der das Regime gegen den Aufstand vom 12. Februar vorging, traf Marie Jahoda schwer. In Wien hatten die Kämpfe nicht nur eine militärische Dimension, sondern auch eine symbolische Bedeutung. Der Beschuss von Wohnhäusern in den Arbeiterbezirken richtete sich nicht nur gegen die kämpfenden Angehörigen des sozialdemokratischen Schutzbundes, sondern auch gegen die Errungenschaften des Roten Wien.

„Die Tiefe des Eindrucks dessen, was da geschah, war so groß, man hatte so sehr das Gefühl des Endes einer wirklich sehr großen Bewegung. Man mußte irgendetwas tun, um zu zeigen, daß man protestiert. (…) Ich hab damals in der Forschungsstelle gearbeitet, und ich bin etwa eine Woche nach den Kämpfen dorthin zurückgegangen. Da hat mir eine Kollegin gesagt: ‚Mitzi, wenn du so ausschaust und dein Haar nicht wäscht und nicht eine frische Bluse nimmst, wirst du sofort verhaftet werden. Die Leute sehen es dir am Gesicht an, wo du stehst und wohin du gehörst.‘ Das ist eine dumme, kleine Anekdote, aber ich hab in dieser Woche selber nicht gewußt, was ich tue. Man hat erlebt, ohne das Bewußtsein des Erlebens.“3

Jahoda war in dieser Zeit mit einem jungen Deutschen befreundet, der der Berliner Untergrund-Gruppe Neu Beginnen angehörte.4Neu Beginnen verstand sich als eine Kaderorganisation, die im Kampf gegen den Faschismus in Europa die Spaltung der Arbeiterbewegung überwinden wollte. Ihre Aktivisten engagierten sich in den sozialdemokratisch und kommunistisch orientierten Parteien und Bewegungen, um für ein gemeinsames Vorgehen gegen die NSDAP zu werben. Eine der Stärken von Neu Beginnen war, sich frühzeitig auf die Notwendigkeiten illegaler politischer Arbeit einzustellen und dafür wirksame Methoden zu entwickeln. Der Freund Jahodas5 hielt sich aus politischen Gründen für ein Jahr in Wien auf und arbeitete bei Otto Neurath im Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum. Auf sein Drängen hin schloss sich Jahoda der kleinen Gruppe Funke an, dem österreichischen Flügel von Neu Beginnen. In wöchentlichen Treffen vermittelten Aktivisten dort Methoden für das Arbeiten in der Illegalität, wie man etwa im Untergrund Zellen organisiert oder Decknamen benutzt.6 Nach dem Verbot der sozialdemokratischen Partei infolge der Kämpfe im Februar 1934 bildeten sich verschiedene Gruppierungen mit rivalisierenden Vorstellungen über die Ausrichtung der weiteren politischen Arbeit. In allen Gruppen waren Mitglieder von Neu Beginnen aktiv. Gegen Ende des Jahres entstanden die Revolutionären Sozialisten als Untergrundbewegung der Sozialdemokratie.

Marie Jahoda führte zwischen Februar 1934 und November 1936 ein Doppelleben. Nachdem sie ihre Stelle als Hilfslehrerin in Volksschulen der Gemeinde Wien verloren hatte, übernahm sie die Leitung der von Paul Lazarsfeld gegründeten Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle beziehungsweise von deren Nachfolgeverein. Das bekannteste Ergebnis der dort geleisteten Arbeit war die Studie Die Arbeitslosen von Marienthal aus dem Jahr 1933. Nach Abschluss dieser Untersuchung erhielt Lazarsfeld auf Empfehlung von Karl Bühler7 ein Stipendium der Rockefeller Foundation und ging nach New York.8

Ein zweites Leben Jahodas, neben der Arbeit in der Forschungsstelle, fand in der Illegalität statt. Drei Aufgaben waren es, die sie für die Revolutionären Sozialisten übernahm: Erstens war die Forschungsstelle wegen ihrer internationalen Kontakte als Postadresse für Briefsendungen – vor allem aus dem Ausland – gut geeignet. Um die politische Post von jener der Forschungsstelle trennen zu können, waren die illegalen Sendungen an „Julius Klanfer“ gerichtet, einen früheren Mitarbeiter, der sich zu dieser Zeit im Ausland befand.9 Zweitens war Jahoda Mitglied des Schulungskomitees und besuchte in dieser Funktion viele der aus fünf Mitgliedern bestehenden Zellen im Untergrund, um sie mit Informationen zu versorgen.10

Und drittens war sie eine der zentralen Kontaktpersonen für Joseph Buttinger, der 1935 die Leitung der Revolutionären Sozialisten übernommen hatte und deshalb gezwungen war, vollständig in der Illegalität zu leben.11 In dieser Funktion organisierte sie Wohnungen für Besprechungen, nahm Verbindungen zu verschiedenen Leuten auf, arrangierte Treffen und schrieb Protokolle sowie Berichte der konspirativen Zusammenkünfte.

Zu beiden Existenzen der jungen Frau, die bei ihrer Verhaftung noch keine 30 Jahre alt war, kam noch ein Leben als alleinerziehende Mutter. Jahoda hatte aus der Ehe mit Paul Lazarsfeld eine Tochter, lebte jedoch seit 1932 von ihm getrennt. Lotte, geboren im Jahr 1930, ging in einen Montessori Kindergarten, ab 1936 besuchte sie die Volksschule. Marie Jahoda holte die Tochter in der Regel nach der Arbeit vom Kindergarten ab, brachte sie nach Hause und legte sie um sieben Uhr ins Bett. So sehr sie sich auch anstrengte, es war unmöglich, allen Anforderungen als Wissenschaftlerin und Leiterin der Forschungsstelle, als illegale politische Aktivistin und als Mutter nachzukommen. Die Tage waren ausgefüllt und doch immer zu kurz. Die Folge waren Schuldgefühle. Sie regten sich, wenn sie fortging, um sich der Forschung und Untergrundarbeit zu widmen, obwohl das Kind nicht wollte, dass sie nochmals das Haus verließ. Ebenso kamen Schuldgefühle auf, wenn Arbeit und Politik zu kurz kamen, weil sie sich von der Tochter zum Bleiben überreden ließ.12

Aus den beschriebenen Gegebenheiten wird deutlich, Marie Jahoda war selbst kein Mitglied des Zentralkomitees der Revolutionären Sozialisten, hatte jedoch engen Kontakt zu dessen Mitgliedern und war mit den illegalen politischen Aktivitäten der Gruppe vertraut.

Durchsuchungen der Forschungsstelle und der Wohnung Marie Jahodas

Zurück zum 27. November 1936. Die Durchsuchung der Forschungsstelle erstreckte sich von 9 Uhr 30 bis 13 Uhr 45. In einem Polizeibericht ist vermerkt, dass Jahoda während der Amtshandlung sehr unruhig und nervös erschien. Sie sei in der Nähe von anderen Angestellten gestanden, die eine Mauer um sie gebildet hätten. Jahoda habe sich an ihren Unterkleidern zu schaffen gemacht und dabei seien Papiere zu Boden gefallen. Ihre Absicht sei es gewesen, illegale Schriften wie Ausgaben der Arbeiter-Zeitung und des Informationsdienst der Revolutionären Sozialisten im nahestehenden Ofen zu verbrennen.13 Bei der Durchsuchung wegen des Verdachts illegaler sozialistischer „Umtriebe“ waren noch die Psychologin Hedwig Weil und der Psychologe Theodor Neumann, der kommerzielle Leiter Heinrich Faludi, die Angestellten Elise (Elisabeth) Zerner, Susanna (Susanne) Faludi, Cäcilie (Cäcilia) Herma und die Volonteurin Frieda Goldmann anwesend. Sie alle wurden „genau perlustriert und dann der Bundespolizeidirektion überstellt“.14 Weitere Festnahmen betrafen die Stenotypistin Wilhelmine Lettner und den Physiker Friedrich Zerner, Bruder von Elise Zerner. Er war der Bundespolizeidirektion als kommunistischer Parteigänger bekannt, in vertraulichen Informationen wurde er als illegaler Mitarbeiter von Jahoda bezeichnet. Die Polizei setzte Herma, Lettner, Weil, Faludi und seine Nichte Susanna bald wieder auf freien Fuß. Sie hielt fest:

Typoskript von Marie Jahodas Reconstructions: Mit ihrem 70. Geburtstag im Jahr 1977 begann Marie Jahoda ein neues Schreibprojekt, die Niederschrift ihrer autobiografischen Erinnerungen. Vermutlich hatte sie gerade keine drängende wissenschaftliche Arbeit zu erledigen und verspürte ohne Schreiben Entzugserscheinungen. Mit ihren Notizen verfolgte sie nur einem schwachen Anspruch auf Authentizität. „Ich werde nicht lügen, fühle mich aber auch nicht verpflichtet, die ganze Wahrheit zu sagen.“

Durch persönliche und wissenschaftliche Verpflichtungen wurde das Projekt immer wieder unterbrochen. Rund um ihren 90. Geburtstag schloss sie es ab. Die Reconstructions waren ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht. Ihre Tochter Lotte sollte sie jenen zu lesen geben, die ein Interesse daran haben könnten. Schließlich erschienen sie doch in einer Übersetzung aus dem Englischen von Hella Beister und gemeinsam mit einem lebensgeschichtlichen Interview in: Marie Jahoda. 1997. „Ich habe die Welt nicht verändert.“ Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung, hrsg. Steffani Engler und Brigitte Hasenjürgen. Frankfurt a. M., New York: Campus.

„Auffallend erscheint zunächst, dass nahezu alle in der Forschungsstelle, besonders in der Leitung derselben tätigen Personen als radikale Sozialisten bekannt sind. Von den dort beschäftigten Rechercheuren sind 15 bereits wegen verbotswidriger Betätigung für die revolutionär-sozialistische, beziehungsweise kommunistische Bewegung vorbestraft.“15

Bei der Leibesvisitation von Marie Jahoda im Polizeikommissariat Innere Stadt entdeckte die weibliche Amtsperson Exemplare der Arbeiter-Zeitung und des Informationsdienstes der Revolutionären Sozialisten, zudem auch eine Ausgabe über die Olympischen Spiele in Berlin. In der Unterwäsche hatte Jahoda ein weißes Kuvert mit einer Ausgabe der Zeitung Le populaire de Paris versteckt, Zentralorgan der Sozialistischen Partei Frankreichs.

In der ersten Vernehmung am 27. November gab sie an, von 1923 bis zum Parteiverbot Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gewesen zu sein, Referentin der Bildungszentrale und von 1930 bis 1933 Bibliothekarin der Arbeiterbücherei im Karl-Marx-Hof, wo sie in jenen Jahren auch wohnte. Sie bestritt aber jede politische Betätigung nach dem Februar 1934. Die Exemplare der Arbeiter-Zeitung aus Brünn und die übrigen Druckschriften hätte sie am Tag zuvor von einem Freund erhalten, dessen Namen sie nicht angeben wollte. Sie lese ausländische Zeitungen, die ihr mit der Post zugeschickt würden.

Eine Stunde nach Beendigung der Durchsuchungen und den Verhaftungen in der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle begaben sich zwei Polizeibeamte in Jahodas Wohnung in der Döblinger Hauptstraße 60. Da mehrere Schubladen versperrt waren, fanden dort am nächsten Tag und am 1. Dezember 1936 weitere Durchsuchungen statt. In Anwesenheit der Vermieterin Paula Fuerth nahmen die Polizisten den Reisepass Jahodas mit und beschlagnahmten französisch- und spanischsprachige sozialistische Zeitungen, einen verschlossenen Brief aus Berlin, einen Taschenkalender, eine Ausgabe der Zeitschrift Der Freidenker, mehrere Extra-Nummern von Der Schulkampfsowie zahlreiche Korrespondenzen, Schriften und Vormerkungen. Die Beamten nahmen auch Schriftproben der Schreibmaschine Marke Remington, die sie schließlich konfiszierten. Die Bundespolizeidirektion richtete ihr Augenmerk auf einen handgeschriebenen Bericht über das Ergebnis der Vertrauensmännerwahl 1936 in den Saurer- und Hammerbrotwerken, handgeschriebene Aufzeichnungen über einige Wiener Großbetriebe, ein Exemplar einer schematischen Darstellung der Anzahl der beschäftigten Arbeiter in den Klein-, Mittel- und Großbetrieben in den Wiener Gemeindebezirken, ein Exemplar eines Verzeichnisses über den Mitgliederstand des Gewerkschaftsbundes am 30. Juni 1936, ein Exemplar einer maschinengeschriebenen Aufstellung „Der prozentuelle Anteil der EG16 in einzelnen Arbeiter- und Angestelltengruppen in Wien“ und einen maschinengeschriebenen Bericht über einen Steinmetzbetrieb und andere Wiener Firmen. Die Berechnungen bezogen sich auf die Stärke der organisierten Arbeiter und Angestellten und das jeweilige Gewicht von Sozialisten, Nationalsozialisten, Christgewerkschaftern und politisch Indifferenten.

In den darauffolgenden Wochen tauchte bei wiederholten Durchsuchungen des Büros der Forschungsstelle weiteres Material auf, das den Verdacht der Polizei zu erhärten schien. Es wurden Schriften der Revolutionären Sozialisten und – wiederum, wie schon in der Wohnung – Zeitungen aus Frankreich und Spanien gefunden. Zudem Mappen mit wissenschaftlichen Recherchen, die auf illegale politische Betätigung schließen ließen, einen in den Augen der Beamten suspekten Brief in Jahodas Schreibtisch („Liebe Käthe!“) und Briefumschläge mit verdächtigen Aufschriften („Erich“, „Hanna“, „Dr. Julius Klanfer, Brünn“). Einige Umschläge waren leer, andere enthielten maschinengeschriebene Berichte, Schriften und Weisungen, die auf sozialistische Aktivitäten hinwiesen. Die Polizisten nahmen Schriftproben der Schreibmaschinen. Darüber hinaus wurden auch Bankbelege über die Anfang November erfolgte Anmietung eines Safes bei der Länderbank sichergestellt.17

Nachhaltige Befragungen im weiteren Verlauf von Jahodas Haft sollten die Mappen mit den Aufschriften „Autorität der Familie“ und „Denkgewohnheiten“ bzw. lose Blätter und stenographische Aufzeichnungen „Was ist Soz., Was bringt dieser Zustand, Wie Soz. geworden“ auslösen sowie Karbonblätter, deren Text die Polizei nur bruchstückhaft entziffern konnte. In den Abschriften kamen der Begriff „Zentralkomitee“ und Passagen vor wie: „haben wir Verbindung zu der oppositionellen KP Gruppe“, „dass wir gegenwärtige Typen von KP Leuten unterscheiden können“, „Wir würden ein offensives Vorgehen Frankreichs und Russland gegen die Faschisten sehr begrüßen. Und mit uns viele Soldaten in Österreich. Das ist die Meinung …“.18

Durchsuchung des Instituts für Bildstatistik

Im Rahmen der Amtshandlungen in der Forschungsstelle am 27. November 1936 verhaftete die Polizei auch Friedrich Jahnel,19 den Sekretär des Vereins Österreichisches Institut für Bildstatistik in der Ullmannstraße 44, der gerade das Büro der Forschungsstelle betreten wollte. Daraufhin ordnete die Bundespolizeidirektion für den nächsten Tag eine Durchsuchung seiner Wohnung und des Instituts für Bildstatistik an. Der Volksbildner und Nationalökonom Otto Neurath hatte das Institut 1925 als „Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum Wien“ mit der Unterstützung prominenter sozialdemokratischer Mandatare gegründet, unter ihnen der Wiener Bürgermeister Karl Seitz. 1934 war es zwar aufgelöst worden, doch wegen seiner Bedeutung konnte das Institut nach der Berufung eines neuen Verwaltungsausschusses unter der Leitung des austrofaschistischen Vizebürgermeisters Fritz Lahr mit geändertem Namen weiterarbeiten.20

In Jahnels Wohnung machte die Polizei sozialistische Zeitungen, Broschüren und Fachliteratur ausfindig, weiters auch zwei Mappen mit Korrespondenz, „aus welchen die klare politische Einstellung des Jahnel zweifellos hervorgeht“.21 Die Bundespolizeidirektion betonte, dass es sich um dieselben Druckschriften und Flugblätter der Revolutionären Sozialisten handelte, die auch in der Wohnung von Marie Jahoda zum Vorschein gekommen waren.22 Im Institut für Bildstatistik entdeckten die Exekutivbeamten in einer kleinen Kammer zur Aufbewahrung von Reinigungsmaterial mehrere Flugschriften des Nachrichten- und Informationsdienstes der Revolutionären Sozialisten. Für diesen Raum war Marie Schneider zuständig, die seit 1929 als Bedienerin am Institut arbeitete. Bei der Leibesuntersuchung fand man in ihrer Geldtasche 25 Spendenmarken vom illegalen sozialdemokratischen Winterhilfswerk mit der Aufschrift „Weihnachten im Kerker“.23