Alaska Love - Träume in Wild River - Jennifer Snow - E-Book

Alaska Love - Träume in Wild River E-Book

Jennifer Snow

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Beschreibung

Schauspieler wider Willen ...

Für ihren neuen Film reist Schauspielerin Selena Hudson in das kleine Städtchen Wild River in Alaska. Nicht nur spielt sie die Hauptrolle in dem psychologischen Thriller, sie übernimmt auch einen Teil der Produktionskosten. Umso ärgerlicher ist es daher, als der männliche Hauptdarsteller am Tag des Drehbeginns überraschend abspringt. Kurz entschlossen organisiert Selena ein Casting vor Ort, um die Rolle neu zu besetzen. Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht - bis ihr Blick auf Gus Orosco fällt. Der ehemalige Sportreporter hat sich auf dem Campingplatz seiner Familie verkrochen, um nach einem Skandal seine Wunden zu lecken, und das Allerletzte, was er will, ist Teil eines Films zu sein. Doch Selena macht ihm ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann. Und schon bald funkt es nicht nur vor laufender Kamera ...

"Es ist nie zu spät, um sich den wachsenden Reihen von Jennifer-Snow-Fans anzuschließen." Fresh Fiction

Abschlussband der romantischen und sexy Small-Town-Romance von Bestseller-Autorin Jennifer Snow

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Seitenzahl: 465

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

1

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5

6

7

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Epilog

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von Jennifer Snow bei LYX

Leseprobe

Impressum

JENNIFER SNOW

Alaska Love

TRÄUME IN WILD RIVER

Roman

Ins Deutsche übertragen von Hans Link

Zu diesem Buch

Mit der Hauptrolle in einem psychologischen Thriller erhofft sich Rom-Com-Star Selena Hudson eine neue Richtung in ihrer Karriere. Doch dafür muss sie zurück nach Wild River – ausgerechnet den Ort, wo sie beinahe ums Leben gekommen wäre. Hier trifft sie auf Gus Orosco, einem Sportreporter, der gefeuert wurde, nachdem er im Live-TV die Fassung verloren hat. Gus hat Menschen, insbesondere Frauen, abgeschworen. Aber Selena braucht dringend einen männlichen Co-Schauspieler. Und so macht sie ihm ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann. Bald funkt es nicht nur vor laufender Kamera …

Allen Kreativen, die ihren Traum verfolgen – das ist für euch!

1

Santa Monica, Kalifornien

Bei der Lektüre des richtigen Drehbuchs überläuft dich ein Schauer. Daran erkannte Selenas Stiefvater, der Filmstar Mel Hudson, wann er eine Rolle annehmen sollte. Wenn also Selena Hudsons Gänsehaut in diesem Moment ein Hinweis war, war das genau die Rolle, nach der sie gesucht hatte. Als ihr Bekannter, ein Produzent, der Indie-Filme machte, sich wegen des Projekts zum ersten Mal mit ihr in Verbindung gesetzt hatte, war sie zögerlich gewesen – Jay war ziemlich neu in Hollywood, er kam aus der alaskischen Filmindustrie, hatte beeindruckende Drehbucherfolge bei Filmfestivals vorzuweisen. Es wäre das erste Mal, dass er Regie führen würde, und es würde eine Low-Budget-Produktion werden. Die Mittel dazu waren auf einer Crowd-Investing-Plattform gesammelt worden, zudem verzichtete sie auf ein eigenes Honorar. Aber jetzt, da sie das Drehbuch zu Ende gelesen hatte, hatten ihre Befürchtungen sich in Luft aufgelöst. Der Psychothriller mit dem Titel Alice war hier war hart an der Kante, klug und voller unheimlicher Spannung. Und natürlich ohne jedes Happy End.

Selena hielt den Atem an, als sie ihren Freund, Matt Mayson, ansah, während dieser die letzte Seite seines Ausdrucks umblätterte. Sein von der Nacht noch wirres Haar und seine sexy Brille mit dem dunklen Gestell, die er nur vor ihr trug, machten es ihr schwer, sich weiter auf das Filmdrehbuch zu konzentrieren. »Und? Was meinst du?«

Matts überaus reizvolles Grinsen, als er sie ansah, ließ ihren Puls noch schneller rasen als sonst. »Ich meine, dass du da den Film in der Hand hältst, mit dem du deinen Durchbruch erzielen wirst.«

Sie quittierte seine Diagnose mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung. »Unser Durchbruch«, korrigierte Selena ihn und warf ihrer beider Ausdrucke des Drehbuchs beiseite, um sich im Bett rittlings auf ihn zu setzen. Arbeit erledigt. Jetzt war Zeit für Spaß. Sie drückte die Hände auf seine muskulöse, kräftige, frisch gewachste Brust und beugte sich vor, um ihn zu küssen, da klingelte auf dem Nachttisch sein Handy, und er drehte den Kopf in genau dem Moment, als ihre Lippen sich seinen näherten. Statt seines Mundes traf sie die Bartstoppeln an seinem Kinn.

»Entschuldige, es ist Arman«, sagte er und griff nach dem Telefon.

Sein Manager. Natürlich. Er hatte ja noch einen.

Sie dagegen stand ohne Agenten da, nachdem sie vor einem Jahr ihr ganzes Managementteam gefeuert hatte. Eine Entscheidung, die sie nicht bereute.

Nicht im Geringsten.

Wie konnte sie mit einem Team arbeiten, das nicht an sie glaubte? Nur weil sie ihre Karriere als kindliche Schauspielerin in familienfreundlichen Filmen und Komödien begonnen hatte und dann zu einem von Hollywoods berühmtesten Stars für romantische Komödien aufgestiegen war, hieß das nicht, dass sie nicht auch in anderen Filmgenres spielen konnte. Bedauerlicherweise hatte man sie in eine Schublade gesteckt, und wann immer sie für eine Rolle in einem Actionfilm, einem Drama oder einem Thriller vorsprach, bekam sie von den Filmgesellschaften die gleiche Antwort: Schweigen.

Das war schlimmer gewesen, als ein Nein zu hören. Die Tatsache, dass ihre Versuche, etwas anderes zu machen, einfach ignoriert wurden, als dächten die Leute, es sei ein Scherz von ihr, ging ihr zunehmend auf die Nerven.

»Ich muss da rangehen«, sagte Matt, als sie keine Anstalten machte, von ihm herunterzusteigen. Er schob sie sachte von sich und richtete sich auf.

Sie war nicht beleidigt. Es hatte eine Zeit gegeben, als sie ebenfalls eine Sklavin des Klingeltons ihres Managers gewesen war. »Vergiss nicht, ihm von dem Drehbuch zu erzählen«, flüsterte sie, bevor sie aus dem Bett stieg und er den Anruf entgegennahm.

Sie griff erneut nach ihrem Ausdruck des Skripts, verließ den Raum und trat auf die große Terrasse, auf die das Schlafzimmer hinausging und die einen Blick auf das Meer vor Santa Monica bot. Palmen und blauer Himmel, so weit das Auge reichte. Eine sanfte warme Brise blies ihr das kurze dunkle Haar ins Gesicht, und sie strich sich einige Strähnen hinters Ohr. Der frisch geschnittene kinnlange Bob war Teil ihrer Neuerfindung. Kein langes, romantisch aussehendes gewelltes Strandhaar. Diese Frisur war professionell und kultiviert. Eine Spur schwerer handhabbar, was sie ärgerte, da ihr Haar nicht so recht in einem Pferdeschwanz bleiben wollte, wenn sie trainierte, aber es dauerte eben seine Zeit, bis man sich an Veränderungen gewöhnt hatte.

Ein tiefer Zug von der salzigen warmen Septemberluft besänftigte all ihre Sorgen, und der vertraute Ausblick schenkte ihr ein Gefühl des Trostes. Sie hatte ihr ganzes Leben in Santa Monica verbracht und wollte nirgendwo sonst sein. Die Sonne, der Sand, die Brandung und der vibrierende, vielfältige Lebensstil, den Kalifornien unter den strahlenden Lichtern seiner berühmten Städte bot, war die einzige Welt, die Selena kannte, und die einzige, die sie kennen musste – solange sie daran festhalten und trotzdem ihren eigenen Leidenschaften folgen konnte. Die ausländische Filmbranche hätte sie mit offenen Armen willkommen geheißen, aber sie war noch nicht so weit, dieser Welt den Rücken zu kehren.

Sie setzte sich in einen dick gepolsterten Liegestuhl, zog ihren kurzen Morgenmantel aus rosafarbener Seide fester um ihre Taille und streckte die Beine aus. Nachdem sie den großen Sonnenschirm so gedreht hatte, dass er ihr Schatten spendete, überflog sie noch einmal die ersten Seiten des Drehbuchs. Der Autor hatte einen unglaublich reizvollen Ton angeschlagen, eine beeindruckende Art, die Essenz einer Figur mit nur wenigen kurzen Zeilen einer Beschreibung einzufangen, und am Ende der ersten Seite hatte das Manuskript sie erneut in seinen Bann gezogen.

Das würde funktionieren.

Noch nie hatte sie so viel Vertrauen in ein Projekt gehabt. Es rechtfertigte ihre Entscheidung, die unzähligen hochkarätigen Vorsprechen für romantische Komödien abzulehnen, die ihr in diesem Jahr unterbreitet worden waren, und stattdessen das Wagnis einzugehen, Co-Produzentin eines eigenen Projektes zu werden. Vor ihrer Nahtoderfahrung mit ihrem Stalker im vergangenen Jahr hatte sie zu allem Ja und Amen gesagt, was andere von ihr gewollt und erwartet hatten. Sie hatte das Spiel mitgespielt. Sie war eine Künstlerin gewesen, die höflich und dankbar die Chancen annahm, die sich ihr boten. Sie hatte keine Wellen geschlagen oder Forderungen gestellt. Und sie war glücklich dabei gewesen. Größtenteils.

Nach dem schrecklichen Erlebnis war alles anders geworden. Sie hatte sich geändert. Sie hatte zunehmend selbst über ihr Leben bestimmt. Sie war fest entschlossen, sich eine Karriere aufzubauen, die sie wollte. Das Leben war zu kurz, um keine Risiken einzugehen, sie war entschlossen, dem »großen Traum« nachzujagen. Dieses Indie-Projekt würde ihr genau dabei helfen.

Sie schaute ins Schlafzimmer, wo Matt nackt auf und ab ging, sein Handy ans Ohr gedrückt. Verdammt, er war heiß. Einen Meter achtzig groß, gut achtzig Kilo Muskeln, blondes Haar, dunkle Augen, Grübchen zum Anschmachten und ein kräftiges, kantiges Kinn. Wo immer er hinging, drehten sich Köpfe nach ihm um, und die Menschen zollten ihm Aufmerksamkeit.

Dieses Telefongespräch sollte besser kurz werden.

Dass er dem Indie-Film zugestimmt hatte und sie auf diesem neuen Abenteuer begleiten wollte, half ihr, dem Ganzen viel positiver gegenüberzustehen. Dass er an sie glaubte und sie unterstützte, bedeutete ihr viel. Heutzutage war solche Unterstützung schwer zu finden, jedenfalls wenn sie nicht mehr die Kuh war, die alle melken konnten.

Sie beobachtete, wie er sich mit einer Hand durch sein seidiges Haar fuhr, und ihr Herz hämmerte. Sie war in ihn verliebt. Natürlich hatte sie ihm das noch nicht offenbart. Sie hatten sich am Set ihres letzten Films kennengelernt. Er war neu in der Schauspielbranche und mit seinen einundzwanzig sechs Jahre jünger als sie. Er war der beste Freund des Hauptdarstellers in dem Film gewesen, den sie zusammen gedreht hatten, aber er besaß echtes Talent. Er hätte der Star sein können. Sie hatten sich am Set zusammenreißen müssen, um die eigentlich beabsichtigte Romanze nicht zu überschatten, und sie hatten gewartet, ihre Beziehung öffentlich zu machen, bis der Film abgedreht war. Die Wartezeit hatte Selena fast umgebracht. In der Vergangenheit war sie oft mit ihren Co-Stars ausgegangen. Das wurde in dieser Branche erwartet, aber die Sache mit Matt fühlte sich anders an.

Das lag nicht nur an seinem umwerfenden Aussehen, seinem Sinn für Humor oder seinem natürlichen Charisma, sondern auch an seinem Talent. Viele männliche Hauptdarsteller, mit denen sie zusammengearbeitet hatte, waren eindimensional. Sie spielten in all ihren Filmen so ziemlich immer denselben Typ. Matt hatte Tiefgang. Er war neu in Hollywood, aber er würde es bis ganz nach oben schaffen.

Sie spitzte die Ohren, um zu hören, was er sagte.

»Natürlich will ich diese Chance … ja, nein, ich werde dafür sorgen, dass es klappt.« Pause. »Danke, Mann … ja, bis bald.«

Eine Chance? Ein neues Vorsprechen? Das überraschte sie nicht. Matts Karriere würde in den Himmel schießen, und sie konnte sich glücklich schätzen, VIP-Zugang zu haben, um dem Spektakel zuzusehen.

Einen Moment später gesellte er sich zu ihr auf die Terrasse, und sie musterte ihn. Er lehnte sich in dem anderen Liegestuhl zurück und schloss die Augen. »Mmm, die Sonne fühlt sich toll an.«

Sein Körper, der aussah wie eine Götterstatue, war toll, aber sie zwang ihre Hormone auf die Rückbank. Das Geschäftliche zuerst. Vergnügen später. Das war ihre Abmachung. Ihre Karrieren kamen an erster Stelle. Ihre Beziehung an zweiter. »Und? Hast du es ihm erzählt?«

»Ja.«

Ihre Haut kribbelte von einem Gefühl böser Ahnung angesichts der nicht besonders enthusiastischen und nur aus einem Wort bestehenden Antwort. »Was hat er gesagt?« Normalerweise gingen seine Angelegenheiten nur ihn etwas an, und sie verkniff es sich, allzu neugierig zu sein, da in dieser Branche eine Menge Informationen vertraulich waren, bis Pressemitteilungen herausgegeben wurden, aber bei diesem speziellen Projekt war sie ebenfalls beteiligt.

Matt öffnete die Augen nicht. »Er ist nicht davon überzeugt, dass das für mich das Beste wäre angesichts meiner gerade gestarteten Karriere.«

Selena biss die Zähne zusammen. Manager. Dachten, sie wüssten alles. Wenn Matt nicht aufpasste, würde man ihm bald jede Entscheidung bezüglich seiner Karriere aus der Hand nehmen. Es war unverzichtbar für einen neuen Schauspieler, sich Rat zu holen und sich leiten zu lassen, und bei seiner mangelnden Erfahrung konnte er sich glücklich schätzen, von einer der größten Agenturen in L. A. vertreten zu werden, aber Selena kannte die Fallstricke von Geld und schnellem Erfolg in dieser Branche. Sie wollte nicht, dass Matt sich in alldem verstrickte und aus den Augen verlor, warum er überhaupt angefangen hatte zu schauspielern. Trotzdem musste sie vorsichtig sein, um nicht allzu aufdringlich zu wirken. Sie waren beide übereingekommen, sich nicht in die Karriere des anderen einzumischen.

»Er hat das Drehbuch noch nicht einmal gelesen«, sagte sie vorsichtig. »Also, woher will er das wissen?«

»Er denkt einfach, wir sollten weiter nach den Sternen greifen, während ich auf der Welle des Erfolgs des letzten Films reite. Ein Schritt zurück könnte den falschen Eindruck erwecken oder so.« Er zuckte die Achseln, wie nur ein Neuling, der sich der Sachkenntnis eines Managers fügte, die Achseln zucken konnte.

»Ein Schritt zurück?« Wow. Hollywood konnte den Wert unabhängiger Filmproduktionen noch immer nicht würdigen. Die Leute glaubten wirklich, dass Schauspieler diese Rollen nur annahmen, wenn sie für erstklassige Werbeverträge nicht mehr infrage kamen. Nicht weil sie vielleicht versuchen wollten, ihr Talent zu schärfen oder an etwas mitzuarbeiten, das ein wenig tiefgründiger war, vielleicht bedeutungsvoller …

Sie nahm dieses Projekt jedenfalls nicht in Angriff, um Strafzettel für Falschparken zu bezahlen oder etwas Derartiges.

»Du weißt, dass ich nicht so denke«, sagte Matt, öffnete die Augen und drehte den Kopf, um sie anzusehen.

»Wirklich nicht?« Sie fand den Unterton unsicherer Verletzlichkeit, der sich in ihre Stimme schlich, scheußlich. Es gefiel ihr nicht, dass es ihr so wichtig war, was er von ihr und ihren jüngsten Karriereentscheidungen hielt. Sie hatte nicht gedacht, dass sie ihm würde beweisen müssen, dass diese neue Richtung nicht einem Mangel an Optionen entsprang, sondern dem Verlangen, sich weiterzuentwickeln, nach höheren Dingen zu streben und ihr Talent auch woanders zu beweisen.

Matt seufzte und richtete sich auf. »Hör mal, mach dir keine Sorgen. Ich habe gesagt, ich bin dabei, und ich bin dabei …« Er hielt inne, was seine Hingabe nicht mehr ganz so überzeugend erscheinen ließ. »Arman hat nur einfach zusätzlich ein weiteres Vorsprechen für mich arrangiert«, fügte er beiläufig hinzu.

Allzu beiläufig. Er verbarg offensichtlich ein Gefühl der Aufregung.

Unterstütze ihn. Das ist auf jeden Fall eine gute Sache. »Darfst du darüber reden?«

Sein Lächeln wurde breiter, als er sagte: »Nicht offiziell … aber unter uns?«

Sie nickte. Ihre Lippen waren versiegelt.

»Es geht um die Hauptrolle in dem neuen Actionfilm von Michael Miller, der vergangene Woche angekündigt worden ist.«

Ihr klappte der Unterkiefer herunter. Michael Miller war der heißeste neue Regisseur in der Branche. Im Alter von nur fünfundzwanzig Jahren hatte er mit seinem letzten Film über Aliens, die mit Robotern um die Kontrolle über die menschliche Rasse kämpften, Rekordzahlen an Zuschauern erzielt. Sie hatte sich vor Monaten wegen dieses speziellen Projekts an Miller gewandt und von seinem Agenten die Antwort bekommen: »Keine Reaktion bedeutet Nein«. Und jetzt bot man Matt, dem Neuling in Hollywood, der nur einen einzigen Film »auf dem Buckel« hatte, ein Vorsprechen für die Hauptrolle an?

Eifersucht auf beruflichen Erfolg konnte ein Power-Pärchen in Hollywood zerstören. Sie holte tief Luft und hoffte, dass ihr Lächeln aufrichtig wirkte, als sie sagte: »Das ist wunderbar. Du verdienst es.« Er verdiente es tatsächlich. Er war super talentiert. Und es war nicht so, als würde er ihr eine Rolle stehlen. Es ärgerte sie nur schrecklich, dass sie keine Chance bekam, für die weibliche Hauptrolle vorzusprechen. Es wäre unglaublich, mit ihm bei einem Blockbuster zusammenzuarbeiten. Ein Schub, den beide ihrer Karrieren bräuchten. Wenn sie mit ihm in einem Michael-Miller-Film über einen roten Teppich ginge, würde das ihren und seinen Status sowohl in ihrem beruflichen als auch in ihrem privaten Leben verfestigen.

Er stand auf und setzte sich neben sie in ihren Liegestuhl. Dann zog er sie eng an sich. Als er den Kopf an ihrem Hals vergrub, löste sich etwas von ihrer Anspannung. Der Mann machte Dinge mit ihr, die ihr Inneres in Brei verwandelten. Und wie brachte er es nur fertig, gleich morgens früh so unglaublich zu riechen?

»Ich bin ein Neuling, erinnerst du dich? Ich kann keine Rollen ablehnen und hoffen, weitere Chancen geboten zu bekommen, wie es bei dir der Fall ist.« Er küsste ihren Hals und ihre Schulter, und ein Schauer tanzte an ihrer Wirbelsäule entlang. Die Romantik und die Anziehungskraft, die sie auf der Leinwand verkörperte, konnte dieser Romanze aus dem echten Leben mit ihm nicht das Wasser reichen. Spürte er es ebenfalls? »Du hast deine Fähigkeiten bewiesen und hattest eine unglaubliche Karriere.« Seine Worte drangen gedämpft an ihr Ohr. »Du kannst es dir leisten, Risiken einzugehen. Ich kann das noch nicht.«

Ihr kribbelte es am ganzen Körper vor Verlangen, und seine Worte beruhigten sie. Er hatte recht. Sie befand sich an einem Punkt in ihrer Karriere, an dem sie Risiken eingehen konnte. Er nicht. Wenn er die Rolle in dem größeren Film bekam, würde das vielleicht sogar dazu beitragen, aus dem Indie-Projekt einen Erfolg zu machen. Eine anschwellende Flut hob alle Schiffe an, nicht wahr?

Sie drehte sich um, sah ihn an und umfasste sein Gesicht mit beiden Händen. »Du wirst sie aus den Socken hauen«, sagte sie aufrichtig.

Er küsste sie sachte und grinste, als er sich ein kleines Stück zurückzog. »Hilfst du mir, meinen Text einzustudieren?«

Ihr Magen krampfte sich leicht zusammen. Es war wirklich keine große Sache, aber das Einstudieren des Textes für einen Film, für den sie sich ein Vorsprechen erhofft hatte, würde ihr vielleicht eine leichte Panikattacke bescheren.

Unterstützung. Das war es, was sie einander gaben. »Natürlich. Hast du das Drehbuch griffbereit?« Wenn Arman es irgendwie geschafft hatte, das begehrte Drehbuch so früh in die Hände zu bekommen, könnte es sich tatsächlich lohnen, dem Manager zuzuhören.

Matt gab ihr lachend einen sanften Kuss auf die Lippen. »Ich habe von dem Indie-Film gesprochen.«

Und da sollte sie sich nicht in diesen Burschen verlieben?

Sie schlang die Arme fest um ihn und drückte sich an ihn. »Habe ich dir gesagt, wie sehr ich dich mag?«

»Hast du.«

»Hast du mir gesagt, wie sehr du mich magst?«, fragte sie mit ihrer verführerischsten Stimme. Sie wollte nicht so klingen, als bettele sie darum, von ihm zu hören, was sie sich zu hören ersehnte, aber sie wünschte, er würde einfach das L-Wort als Erster sagen. So funktionierte das in ihren Beziehungen immer. Die Männer sagten es immer als Erste, selbst wenn sie es rückblickend dann gar nicht ehrlich gemeint hatten. Im Ungewissen zu sein, ob ihre starken Gefühle erwidert wurden, war neu. Und es war die reinste Folter.

»Ich denke, das sollte offensichtlich sein«, murmelte Matt dicht an ihren Lippen. »Schließlich habe ich mich bereiterklärt, mir mitten im nördlichen Kanada die Eier abzufrieren, um diesen Film mit dir zu drehen, nicht wahr?«

Nicht gerade die beruhigende Antwort, nach der sie sich so verzweifelt sehnte. Aber er hatte recht. Menschen zeigten Liebe auf unterschiedliche Weise. Auch wenn sie ihre Gefühle gern in Worte kleidete, bestand seine Liebessprache vielleicht aus Taten.

»Genau genommen ist es Alaska«, antwortete sie und küsste ihn. »Und noch genauer, es ist Wild River.«

Zum ersten Mal seit einem Jahr kehrte Selena an den Ort zurück, an dem ihr Leben in Gefahr gewesen war. Aber diesmal lief sie vor nichts davon. Diesmal lief sie ihrer neuen Zukunft entgegen.

Seattle, Washington

Die Sicherheitsleute des Fernsehsenders waren erheblich stärker, als sie aussahen.

Mit einer Körpergröße von eins fünfundachtzig und hundert Kilo war Gus Orosco kein kleiner Bursche. Doch diese Typen hatten kein Problem damit, ihn aus dem Sports-Live-Studio herauszutragen, wo sein Co-Reporter Mühe hatte, sich von Gus’ Blackout mitten in der Livesendung zu erholen.

Es gab wirklich kein anderes Wort für das, was vor ein paar Minuten passiert war. Bei vollem Bewusstsein hätte er niemals seine Karriere in einer Live-Sendung sabotiert. »Leute, ihr könnt mich runterlassen«, sagte Gus und mühte sich, sich zu befreien. Angesichts seiner knapp zehn Zentimeter über dem Boden baumelnden Füße und ihrem festen Griff um seine Unterarme schien es, als sei er tatsächlich gefährlich oder so. Er lächelte einen Praktikanten an, der durch den Flur auf sie zukam, aber der junge Collegestudent mied seinen Blick und drückte sich fest an die Wand, als er vorbeigebracht wurde.

Ernsthaft? Er hatte dem Jungen am Tag zuvor geholfen, eine unmögliche Starbucks-Bestellung zehn Häuserblocks weit zu tragen. Er seufzte. »Kommt schon, Leute …«

»Tut mir leid, Gus. Wir haben strikte Anweisung, dich direkt zu Vern zu bringen.«

Vern Orosco. Sein Chef … und Großvater. Der Leiter der Sports-Live-Studios. Der eine Mann auf Erden, den zu enttäuschen Gus hasste. »Ich kann selbst laufen«, verkündete er, obwohl er sich nicht sicher war, ob er, wenn sie ihn losließen, auch wirklich in das Eckbüro seines Großvaters im vierzigsten Stock gehen würde.

Barry, der ältere Wachmann, der schon länger als Gus bei dem Sender arbeitete, beäugte ihn und bildete sich eine Meinung darüber, ob man ihm vertrauen konnte.

»Ernsthaft, mir geht es gut.« Jetzt. Vor fünf Minuten war er weit von diesem Zustand entfernt gewesen. Da er normalerweise kein Hitzkopf war, hatte sein Ausbruch in der Live-Sendung alle schockiert, ihn selbst eingeschlossen.

Barry warf ihm einen warnenden Blick zu. »Mach keine Dummheiten.«

Gus hob die Arme zu einem Pfadfinderehrenzeichen, so gut er das konnte, während jemand anderer sie immer noch festhielt, und die beiden Männer ließen ihn los. »Danke«, murmelte er, als seine Füße den Boden berührten. »Von hier aus schaffe ich es allein.« Das war schon peinlich genug. An all den Büros der leitenden Angestellten vorbeizugehen, eskortiert von Sicherheitsleuten, würde ihn vernichten.

Darius, der jüngere und neuere Mann zögerte. »Wenn du wegläufst …«

Gus seufzte. »Leute, ich renne nicht davon. Es geht mir gut. Und ich muss die Suppe auslöffeln, die ich mir eingebrockt habe.«

Barry nickte und erlaubte ihm, aus eigener Kraft seinen Weg fortzusetzen, aber die beiden Männer blieben am Ende des Flurs stehen und beobachteten ihn, nur für den Fall des Falles.

Bedauerlicherweise gab es kein Entkommen, es sei denn, er wollte aus dem Fenster im vierzigsten Stock am Ende des Flurs springen und unten auf die belebte Straße krachen, aber seine Abwärtsspirale hatte diesen drastischen Punkt noch nicht ganz erreicht.

Wobei er vielleicht kurz davor war. Der lange Weg durch den Flur des Senders zu Verns Büro war wie der Gang nach Canossa. An den Wänden zu beiden Seiten von ihm hingen gerahmte Fotos der besten Athleten der Welt. Er hatte Stunden in diesem Flur verbracht, als er seinerzeit den Job als Co-Reporter für die Fünfzehn-Uhr-Sportnachrichten bekommen hatte, ein Traumjob bei seinem Großvater. Als Sportfanatiker, der jede Sportart beherrschte und sich schon als Kind jedes Profispiel angesehen hatte, war das die einzige Karriere, die er jemals angestrebt hatte. Aufgewachsen in einer alaskischen Kleinstadt, hatte er seinen Großvater in den Nachrichtensendungen des Senders in Seattle beobachtet, wo er Reporter gewesen war, und Gus war immer voller Ehrfurcht vor dem alten Mann gewesen. Er hatte ihn jeden Sommer besucht, und sobald er seinen Abschluss in der Tasche gehabt hatte, hatte er Wild River verlassen und war nach Süden gezogen. Einen Universitätsabschluss und vier Jahre als Praktikant in dem Sender, und er hatte seinen Traumberuf.

Bis vor fünf Minuten.

Jetzt schienen ihm die Blicke der Sportler durch den Flur zu folgen. Der Enttäuschung und Verurteilung konnte er nicht entkommen.

Was zur Hölle sollte er seinem Großvater sagen?

Keine der Ausreden, die ihm in den Sinn kamen, war gut genug. Vern war immer energisch, aber fair gewesen, und Gus wusste, dass er keine Sonderprivilegien erwarten durfte, nur weil sein Boss zur Familie gehörte.

Als er vor der Tür stand, schaute er noch einmal den Flur entlang. Barry nickte ihm mitfühlend zu, während er gleichzeitig warnend die Muskeln seiner mit Tattoos bedeckten Arme spielen ließ. Gus öffnete die Bürotür und trat ein.

Er schluckte, bevor er sich seinem Schicksal stellte.

Auf einem übergroßen, dick gepolsterten Lederstuhl wandte sein Großvater ihm den Rücken zu, in der Hand die Fernbedienung für den Fernseher. Der Mann drehte sich nicht um, als sich die Tür hinter ihm schloss.

Gus räusperte sich. »Vern …«

»Schhht«, sagte der ältere Mann. Er spulte die Studioaufnahmen von vor einigen Minuten zurück, und Gus verfolgte seinen Ausbruch im Rückwärtslauf auf voller Geschwindigkeit und zuckte zusammen. In Echtzeit würde es noch schlimmer aussehen und vermutlich zum nächsten Meme in den sozialen Medien werden.

Sein Großvater drückte auf Play und drehte sich endlich zu ihm um. Es war fast so, als schaue er in einen Spiegel, einen, der einem das eigene Gesicht in einem höheren Alter zeigte. Der Patriarch der Familie Orosco sah kaum einen Tag älter als fünfzig aus, und der athletische Körperbau des ehemaligen College-Footballstars war nach wie vor beeindruckend. Mit dunklem Haar, das nur an den Seiten leicht graumeliert war, und keiner einzigen Falte auf seinem dreiundsechzig Jahre alten Gesicht war er bei den Damen immer noch begehrt. Alle sagten, Gus sei seinem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten, ein Kompliment, das er immer zu schätzen gewusst hatte, aber im Moment war dessen spiegelbildliches Mienenspiel fast nicht auszuhalten.

»Sir, ich …«

»Sieh es dir einfach nur an«, sagte Vern und musterte seinen Enkelsohn.

Gus stieß die Hände tief in die Taschen und zwang sich zu seinem neutralsten Gesichtsausdruck, während das Bildmaterial noch einmal abgespielt wurde. Sodass er die Katastrophe noch einmal durchleben durfte.

Nur dass der winzige Studio-Bildschirm, auf dem er hatte zusehen müssen, wie seine Ex-Verlobte, eine Sportreporterin, sich noch vor Ort in der Sportarena der Stadt mit einem Eishockeyspieler, dem Superstar Vince Fallon, verlobt hatte, kaum etwas hatte erkennen lassen. Der achtzig Zoll große, hochauflösende Flachbildschirm seines Großvaters verstärkte noch Aileens atemberaubende Schönheit und ihren glücklichen Gesichtsausdruck, als sie den lahmen Antrag eines Mannes annahm, der nicht einmal mehr seine eigenen Schneidezähne hatte.

Die Luft im Büro schien sich in Nichts aufzulösen, während er beobachtete, wie sie in Tränen ausbrach und Vince umarmte, der immer noch in seiner Montur des Vorrundenspiels steckte. Wie zur Hölle konnte sie diesen Burschen tatsächlich lieben? Er war ein dummer Raufbold mit dem IQ eines Achtjährigen. Und wenn man ihren Instagramfotos Glauben schenken durfte, ging sie erst seit drei Monaten mit Vince aus. Vor drei Monaten und zwei Tagen hatte sie sich von ihm getrennt.

Im Fernseher wurde jetzt wieder das Studio gezeigt, in dem ab da alles schiefging. Die Kamera zoomte sein Gesicht heran – ein sehr rotes, erzürntes Gesicht, das er selbst nicht wiedererkannte – und dann war auf dem Bildschirm zu sehen, was sich im Folgenden abgespielt hatte. Endlich, als die Sicherheitsleute im Studio erschienen waren und ihn von der Kamera weggetragen hatten, hielt sein Großvater den Durchlauf an.

»Nun, du bist natürlich gefeuert.«

Gus nickte. Natürlich. Schon einige der unglücklichen Formulierungen, die er auf Sendung von sich gegeben hatte, würden – von anderen Sendern aufgegriffen – genügen, um seinen Großvater hart zu treffen. Die Folgen, die der Sender seines Verhaltens wegen würde ausbaden müssen, waren definitiv ein Grund für eine Kündigung. »Nur damit das klar ist, wenn ich in der Vergangenheit zurückreisen und die letzten zwanzig Minuten ungeschehen machen könnte, würde ich das tun.«

In letzter Zeit hatte er sich immer wieder gewünscht, die letzten sechs Monate rückgängig machen zu können, während derer es mit Aileen eine Wendung zum Schlechteren genommen hatte. Als er angefangen hatte, seine beruflichen Ziele über ihre Beziehung zu stellen und sie gespürt hatte, wie er weggedriftet war. Als ihre Streitereien bis zum endgültigen Bruch eskaliert waren und er sie verloren hatte. Als sie ihm ihren Verlobungsring zurückgegeben hatte und er zu halsstarrig gewesen war, um sie anzuflehen, es sich noch einmal zu überlegen. So viele Momente, die er gern rückgängig gemacht hätte.

»Setz dich, Gus«, sagte Vern und holte tief Luft.

Er setzte sich.

»Was ist passiert?« Das war jetzt nicht sein Chef, der fragte – es war sein Großvater. Die Kündigung würde Bestand haben; es war unmöglich, die Meinung des Mannes zu ändern. Das wussten sie beide. Also wurde Vern sofort zu dem fürsorglichen Rollenvorbild, das er immer gewesen war, wenn Gus in Schwierigkeiten steckte oder Hilfe brauchte.

Gus fuhr sich mit zittriger Hand durchs Haar. »Ich weiß es nicht. Ich meine, offensichtlich sind die Pferde mit mir durchgegangen, aber … es ist einfach so, dass sie mich total wild macht, verstehst du?« Er ballte die Hände zu Fäusten und stieß einen Schwall Luft aus. Wenn es Dampf gewesen wäre, hätte ihn das auch nicht gewundert.

Aileen hatte schon immer diese Wirkung auf ihn gehabt. Ihre Beziehung war intensiv gewesen, emotional getrieben, ob im positiven oder im negativen Sinne. Sie hatten sich gestritten und wieder versöhnt. Und dann hatten sie sich erneut gestritten, ein Teufelskreis. Aber das war ihr Ding gewesen. Leidenschaft in Liebe und in Zorn. Sie ging ihm unter die Haut, wie keine andere Frau es je getan hatte, und er war süchtig nach dem Chaos, das sie in sein Leben gebracht hatte. Vermutlich war sie alles andere als die Richtige für ihn, aber sein Herz weigerte sich, auf seinen Kopf zu hören. Er hatte ihr aus Angst davor, sie zu verlieren, einen Antrag gemacht. Er liebte sie immer noch, und es war ein Tritt in den Magen gewesen, dass sie sich mit einem anderem verlobt hatte, und das nur Monate, nachdem sie ihm gesagt hatte, sie sei nicht bereit, mit jemandem sesshaft zu werden, der seinen Beruf mehr liebte als sie. Und er sollte über diese gottverdammte Story friedlich und freundlich berichten?

Sein Großvater nickte. »Sie ist Dynamit, diese Frau. Erinnert mich in vieler Hinsicht an deine Großmutter.«

Gus hatte seine Großmutter nicht gekannt, sie war noch vor seiner Geburt an einem seltenen Gehirntumor gestorben. Er erinnerte sich jedoch an Geschichten über sie, die sein Großvater ihm erzählt hatte, dass sie eine Verfechterin der Frauenrechte gewesen sei, und als Inhaberin eines schwarzen Gürtels in verschiedenen Kampfkünsten hatte sie sich von niemandem irgendetwas gefallen lassen. Außerdem hatte sie darauf bestanden, in einer Zeit berufstätig zu sein, in der viele Frauen zu Hause geblieben waren, um die Kinder großzuziehen. Sie hatte seinen Großvater an seinen Platz verwiesen, wann immer er aus der Reihe tanzte. Gus sah auch, dass diese Vorliebe für ungezähmte Temperamente durchaus erblich sein konnte. Bedauerlicherweise hatte das Herz seines Großvaters sich nie erholt – er hatte nie wieder geheiratet, war danach kaum jemals auch nur ausgegangen … Gus überlegte, ob es ihm vielleicht ebenfalls bestimmt war, allein zu bleiben und auf ewig der Liebe seines Lebens nachzuschmachten.

Die Bürotür wurde geöffnet, und seine Schwester Trish kam herein. In einem grauen Nadelstreifenanzug, korallenfarbener Bluse und auf fünfzehn Zentimeter hohen High Heels. Sie trug ihr glattes kastanienbraunes Haar offen, sodass es ihr über den Rücken fiel, und als sei sie drei Meter groß und auf dem Kriegspfad. Gus’ Kiefer verkrampfte sich. Natürlich würde sie an diesem zur Unzeit stattfindenden Meeting teilnehmen. Als Leiterin der Öffentlichkeitsabteilung des Senders würde sie wochenlang Schadensbegrenzung betreiben müssen. Sie würde ihn all die zusätzliche Arbeit, die er ihr eingebrockt hatte, niemals vergessen lassen.

»Du siehst beschissen aus«, sagte Trish, während sie sich einen Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches heranzog, neben ihrem Großvater. Anscheinend war das die Seite, wo die Familienmitglieder saßen, die noch immer einen Job hatten. Obwohl er nicht direkt zur Leitung des Senders gehörte, hatte er sich nie wie ein Außenseiter gefühlt, hatte niemals eine Trennwand wahrgenommen, jedenfalls nicht bis zu diesem Moment. Ihm wurde klar, dass sie vor allem seine Arbeitgeber waren, und die Interessen des Senders wogen schwerer als familiäre Loyalität. Er hatte es nicht anders erwartet, aber es schmerzte trotzdem.

»Vielen Dank«, murmelte er sarkastisch.

»Hier ist dein Latte, und ich habe ganz bestimmt nicht hineingespuckt«, sagte sie und reichte ihm den Becher zum Mitnehmen, auf dessen Seite das Logo des Senders prangte. Ein Becher zum Mitnehmen. Nicht viel anders, als würde man sagen: Hier ist dein Mantel, du hast es doch so eilig. Seine Schwester war sauer, auch wenn ihre ausgeglichene Persönlichkeit es ihr nicht gestattete, das auf eine konventionelle Weise zu zeigen, zum Beispiel indem sie ihn anschnauzte oder mit Dingen um sich warf. Manchmal, ganz besonders heute, wünschte er sich, sie würde einmal dem entsprechen, was man Rothaarigen nachsagte und die Fassung verlieren, nur ein einziges Mal.

Er knöpfte sein Sakko auf und ließ sich auf den Stuhl ihr gegenüber fallen. »Also, welche Wogen müssen geglättet werden? Wofür braucht ihr meine Hilfe?«

Trish sah ihren Großvater an. »Ich nehme an, du hast ihn bereits gefeuert?«

Vern nickte nur.

Sie drehte sich wieder zu ihm um, immer noch von Kopf bis Fuß Profi. »Nun, eine öffentliche Entschuldigung wäre der erste Schritt.«

Eine Entschuldigung beim Sender und seiner Familie würde ihm nicht schwerfallen. Er bereute sein Tun bereits zutiefst. Er konnte sogar genug Kraft aufbringen, um sich bei Aileen dafür zu entschuldigen, dass er ihre Verlobung ruiniert hatte, obwohl das für ihn schon grenzwertig gewesen wäre. Aber der Gedanke an eine Entschuldigung bei Vince Fallon trieb ihn dazu, mit den Zähnen zu knirschen. Ein Antrag nach drei Monaten? Ihn ihr zu machen, obwohl er wusste, dass Gus gezwungen sein würde, alles mit anzusehen? Der Mann hatte ihn in die Falle gelockt. Es hatte vielleicht etwas mit der wenig schmeichelhaften Einschätzung zu tun, die Gus in Bezug auf die Leistungen des Mannes in der Vorsaison abgegeben hatte, aber es war sein Job, ehrlich zu sein. Die Tatsache, dass Vince eine Beziehung mit seiner Ex hatte, hatte seine Kommentare in der vergangenen Woche nicht im Mindesten beeinflusst.

»Ich werde etwas verfassen«, antwortete er seiner Schwester.

Sie schüttelte den Kopf, und ihr kastanienbraunes Haar peitschte auf ihrem Rücken hin und her. »Nein, wirst du nicht. Meine neue PR-Referentin arbeitet bereits am Wortlaut.«

Er nickte und nippte an seinem Latte. »Tut mir leid, dass ich dir so viel Arbeit mache.« Er holte tief Luft. »Was sollte ich sonst noch tun, um zu versuchen, meine Karriere zu retten?« Wenn irgendjemand ihm den Rat geben konnte, den er jetzt brauchte, dann Trish. Sie beide hatten sich in ihrer Kindheit nicht wirklich nah gestanden, da Trish zehn Jahre älter war als er. Als ihre Mutter sie verlassen hatte, war Gus erst drei Jahre alt gewesen, und Trish hatte widerstrebend eine mütterliche Rolle übernommen, aber ihre gemeinsame Liebe zum Sport hatte sie miteinander verbunden. Sie hatte einen großartigen Geschäftssinn, und er vertraute ihr.

Sie seufzte und faltete auf dem Schreibtisch die Hände. »Hör mal, Gus. Ich liebe dich, Bruder …« Sie grinste und verlor endlich ein klein wenig ihre Strenge. »Also will ich dir helfen.« Sie hielt inne. »Aber inzwischen hat dich jeder Sportsender von hier bis nach Alaska auf der schwarzen Liste.«

Autsch. Ihre Unverblümtheit war etwas, das er normalerweise zu schätzen wusste, nicht jedoch, wenn er so verletzbar war. »Jetzt schon?«

»Ungefähr siebzig Sekunden, nachdem dieser Bullshit auf Sendung war«, sagte sie.

»Tja, was soll ich tun?« Er stand auf und warf seinen leeren Becher in Richtung Mülleimer, verfehlte sein Ziel jedoch. Sein Leben lang hatte er die notwendigen Schritte ergriffen, um dahin zu kommen, wo er war … oder gewesen war. Was zur Hölle machte er jetzt, wenn kein anderer Sender auch nur einen Blick auf seinen Lebenslauf werfen würde? Er hatte seit der Highschool keinen richtigen Urlaub mehr gemacht, war immer auf Hochtouren gelaufen, den Blick auf die Karriere gerichtet. Jetzt war er plötzlich arbeitslos und potenziell unvermittelbar in seiner Branche. Wegen eines einzigen Fehlers. Auch wenn der monumental gewesen war.

»Mein Rat ist es, dich bedeckt zu halten«, sagte Trish. »Lass Gras über die Sache wachsen. Lass alles ein wenig abkühlen.«

»Denkst du, das wird passieren?«, fragte er und bückte sich, um den Kaffeebecher aufzuheben und in den Mülleimer zu werfen.

»Irgendwann.«

Mit irgendwann kam er zurecht. Es war besser als niemals. »Und wann sollte ich anfangen, meinen Agenten zu bitten, Kontakt zu anderen Sendern aufzunehmen?« Er konnte definitiv mit einem Schritt zurück rechnen. Vielleicht würde er sich mit einer niedrigeren Position bei einem kleineren lokalen Sportsender begnügen müssen. Vielleicht sogar für eine Weile fürs Radio arbeiten? »Zwei Wochen? Ein Monat?«

Trish sah Vern an und warf ihm dann einen mitfühlenden Blick zu. Normalerweise wirkte sie immer beschäftigt und leicht verärgert über mangelnde Kompetenz von Menschen um sie herum, daher wusste er, dass es schlimm sein würde, was als Nächstes kam. Wirklich schlimm. »Dein Agent hat angerufen. Er ist raus.«

Wow. Sie hatten sechs Jahre zusammengearbeitet, und der Mann hatte nicht einmal den Anstand, ihm selbst die Abfuhr zu erteilen? Er schluckte. Es hatte eine Menge harte Arbeit dazugehört, diesen Agenten überhaupt für sich zu interessieren; nach dem heutigen öffentlichen Fiasko und der Kündigung würde es fast unmöglich sein, eine neue Agentur zu finden.

»Gus, nimm dir eine Auszeit. Verlass die Stadt und versuche, der ganzen negativen Aufmerksamkeit zu entgehen, die diese Sache nach sich ziehen wird. Atme tief durch. Sieh zu, dass du einen klaren Kopf bekommst«, riet ihm Vern.

Gus schaute zwischen den beiden hin und her. Er kannte sie gut genug, um das, was ihnen ins Gesicht geschrieben stand, richtig zu deuten. »Ihr zwei denkt, dass meine Karriere zu Ende ist.«

Keiner der beiden antwortete ihm, aber das war auch nicht nötig.

»Na wunderbar«, sagte er und ging zur Tür. Er brauchte frische Luft und etwas Zeit, um nachzudenken, das Ganze zu verarbeiten und zu überlegen, welche Schritte er als Nächstes tun wollte. Es musste eine Möglichkeit geben, diese Sache in Ordnung zu bringen.

»Gus?«, sagte Vern. »Du wirst die Wohnung aufgeben müssen.«

Seine Wohnung im einundvierzigsten Stock in dem Gebäude in der Innenstadt mit dem spektakulären Ausblick auf die Skyline der Stadt. Der absolut einzige Vorteil, der ihm als Enkelsohn des Senderchefs zugute gekommen war. Sie hatten jeder eine Wohnung in diesem Stockwerk. Aber anscheinend war er jetzt obdachlos. Er verstand es. Er konnte nicht direkt über dem Sender leben, aber … »Wohin soll ich gehen?«

»Nach Hause?«, schlug Trish vor, und Gus musste auch noch diesen Schlag einstecken.

Das war es. Das Ende des Weges. Das Ende seiner Karriereträume. Er hatte binnen Minuten seinen Job, seinen Agenten, seine Wohnung und den Respekt seines Großvaters verloren.

Und jetzt sah es so aus, als würde er sein geschundenes Herz zurück nach Hause schleppen, nach Wild River in Alaska.

2

Anchorage, Alaska

Drei Wochen später …

Flughäfen fühlten sich immer an wie der Puls einer Stadt. Das Gedränge und der Lärm der Menschen, die kamen und gingen. Geliebte Verwandte, die Lebewohl oder Willkommen daheim sagten. Die Aufregung im Angesicht von Urlauben an fremden Orten oder die Angst wegen neuer Lebensabenteuer ständig spürbar. Das Reisen selbst verhalf Selena zu einem Energieschub, und die Rückkehr nach Alaska ließ ihren Kopf summen.

An der Gepäckausgabe wartete Selena ungeduldig darauf, dass sich ihr Handy mit einem Netz verband, während Unicorn, ihr Chihuahua, in der Hundetrage an ihrer Brust schlief. »Komm schon, komm schon …« Sie tätschelte das vielfarbige Fell des kleinen Hundes und beäugte dabei die Gepäckstücke auf dem Fließband. Sie konnte es gar nicht erwarten aufzubrechen. Vor ihnen lag eine zweistündige Autofahrt zum Orosco-Campingplatz. Als Erstes hatte sie sich vorgenommen, auf das Set zu gehen, um die Lage zu sondieren, dann wollte sie nach Wild River fahren, um ihre Freunde dort zu besuchen. Alaska war der beste Ort, um diesen Film zu drehen. Außerdem verschaffte ihr das den zusätzlichen Bonus, all diejenigen wiedersehen zu können, zu denen sie während ihrer Zeit der Not im vergangenen Jahr eine Beziehung aufgebaut hatte.

Jay, der befreundete Indie-Produzent, der zum ersten Mal Regie führen würde, und der Rest der Crew brannten genauso sehr wie sie darauf, ihr Ziel zu erreichen. Jay leerte gerade den Inhalt seines Kaffeebechers und fragte: »Kann ich schon mal zum Mietwagenschalter gehen und den Van abholen und dich hier allein auf das Gepäck warten lassen?«

Sie nickte. Normalerweise hatte sie einen Assistenten, der sich um das Gepäck kümmerte, aber sie würde schon damit fertigwerden. »Ja. Ich habe den Wagen auf deinen Namen reservieren lassen.« Sie mochte die Kinoleinwände momentan nicht mehr so regelmäßig zieren wie früher, aber ihr Name war trotzdem bekannter als der von Jay. Deshalb war sie vorsichtig, nach dem Schrecken, den ihr Stalker ihr eingejagt hatte, und ohne Bodyguards an ihrer Seite bei diesem Besuch hier. Niemand außer ihren alaskischen Freunden wusste überhaupt, dass sie herkommen würde. Ihre Eltern waren im Ausland für eine der Wohltätigkeitsorganisationen tätig, die sie gegründet hatten, und sie waren buchstäblich unerreichbar, daher wussten sie nicht, dass sie Kalifornien verlassen hatte. Ihrem Agenten hatte sie mitgeteilt, dass sie Urlaub machen werde. Er unterstützte sie in Bezug auf die neue berufliche Ausrichtung nicht so sehr, wie es ihr lieb gewesen wäre, aber der fertige Film würde ihm zeigen, dass sie es richtig machte.

Immer vorausgesetzt, dass sie es schaffen würden. Sie arbeiteten mit einer Minimaltruppe aus fünf Personen – zwei Kameraleute, ein Beleuchter und zwei persönliche Assistentinnen, von denen eine auch für Frisur und Make-up zuständig war. Außer ihrer Figur und der von Matt wurde die dritte Hauptfigur in dem Film – der Schurke – von Jays Bruder gespielt, einem aufstrebenden Schauspieler, der für seine Darstellung nicht ganz salonfähiger Typen im Indie-Bereich einen Preis bekommen hatte. Seine Rolle im Film beschränkte sich auf drei Szenen, und Jay war zuversichtlich, dass Justin das großartig machen würde. Er sollte erst in der nächsten Woche und nur für zwei Drehtage herkommen.

Der Rest der Crew stand zusammen auf der anderen Seite des Gepäckbands. Sie alle kannten einander und hatten mit Jay an anderen Filmen gearbeitet, und Selena fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen. Es war definitiv eine Premiere, sich auf einem Filmset wie die Außenseiterin vorzukommen, und sie versuchte sich verzweifelt einzureden, dass niemand sie verurteilte und sich fragte, warum Jay eine Komödienkönigin für den dunklen, intensiven Film gewollt hatte. Sie war neu in dem Genre, daher musste sie sich ihren Kollegen gegenüber beweisen, ihnen und allen anderen gegenüber. Das war der Sinn der Sache, nicht wahr? Und sobald Matt eintraf, würde sie sich besser fühlen. Sein Vorsprechen für den Michael-Miller-Blockbuster fand ebenfalls an diesem Tag statt, daher war er gezwungen gewesen, einen späteren Flug zu nehmen.

Die Netzbalken auf ihrem Handy leuchteten auf, gerade als Jay davonging, und sie lächelte und wählte sofort Leslies Nummer. Es war erst kurz nach sieben am Morgen, aber sie wusste, dass ihre Freundin bereits auf sein würde, und sie konnte gerade jetzt, da alle anderen sie ignorierten, eine vertraute Stimme gut gebrauchen.

Das erste Klingeln war noch nicht ganz verklungen, als ihre ehemalige Leibwächterin, aus der eine Freundin geworden war, den Anruf entgegennahm. »Du bist hier?«

Der Klang von Leslies Stimme durch das Handy veranlasste Unicorn, die Augen aufzureißen und die Ohren zu spitzen. Der Hund liebte Leslie, und Selena vertraute immer darauf, dass ihre Hündin die Menschen richtig einschätzte. Sie hatte sich noch nicht für Matt erwärmt, aber das lag wahrscheinlich daran, dass es ihr missfiel, sich Selenas Aufmerksamkeit mit einem anderen teilen zu müssen. Es war nur natürlich, dass der junge Hund eifersüchtig war. Matt musste sich einfach mehr Mühe geben, die Hündin für sich zu gewinnen.

»Fast. Wir sind gerade gelandet und sollten in wenigen Stunden auf dem Campingplatz bei Wild River eintreffen«, sagte sie, und ihre Aufregung wuchs erneut. Im Flugzeug hatte sich Angst in ihr breitgemacht, aber sie wusste, dass es Nervosität wegen der neuen Richtung war, die sie beruflich einschlug. Sie hätte sich besser gefühlt, wenn Matt neben ihr im Flugzeug gesessen hätte.

Inzwischen sollte er eigentlich in der Luft sein und würde bald eintreffen. Er hatte vor, sich ein eigenes Auto zu mieten und selbst zu fahren, sodass sie zusätzlich zum Wagen der Crew einen eigenen haben würden, um allein Ausflüge zu unternehmen. Sie fand die Idee himmlisch, Alaska mit ihm zu erkunden und ihn ihren Freunden in Wild River vorzustellen. Vielleicht würde sie auf dieser Reise den Mut finden, ihm zu sagen, dass sie sich in ihn verliebt hatte …

»Wohnst du hier in der Stadt?«, fragte Leslie.

Wagte sie zu hoffen, dass ihre Freundin so klang, als würde sie sich darüber freuen? Leslie zeigte nicht gern Gefühle und behielt sie meist für sich, aber im Laufe des vergangenen Jahres, seit sie beide aufeinander angewiesen gewesen waren, um vor Selenas gefährlichem Stalker zu fliehen, waren sie einander wirklich nahegekommen. Sie kommunizierten mehrmals die Woche über Skype und schickten einander fast jeden Tag Textnachrichten. Insgeheim bezeichnete Selena Leslie immer als ihre beste Freundin, aber das hätte sie Leslie gegenüber niemals laut ausgesprochen, aus Angst, sie zu erschrecken. »Ja. Wir wohnen in einer Frühstückspension auf der Main Street – dem Bluebird Inn?«

Leslie schwieg.

Selena überprüfte den Handyempfang, um festzustellen, ob der Anruf abgebrochen war. »Bist du noch dran?«

»Ja, ich dachte, ich hätte dich sagen hören, dass du in einem Fünf-Sterne-Hotel wohnen willst.«

Selena verdrehte die Augen. »Ach, Leslie. Ich brauche nicht ständig Luxusquartiere.« Sie wäre liebend gern im Wild River Resort abgestiegen, dem vornehmen, teuren Hotel inmitten der wunderschönen, majestätischen Landschaft, wo sie im Jahr zuvor einige Nächte verbracht hatte. Aber trotz ihrer Finanzspritze wurde dieser Film mit einem bescheidenen Budget gedreht, und der Rest der Crew wollte die Kosten niedrig halten, daher würde sie das Gleiche tun. Sie würde sich nicht noch weiter von den anderen entfernen, indem sie woanders wohnte.

Wieder schwieg Leslie.

Sie seufzte. »Na schön. Wir drehen diesen Film so billig wie möglich«, flüsterte sie, damit die Crew, die in Hörweite stand, es nicht hörte. »Zumindest bleiben wir nicht auf dem Campingplatz, auf dem der Film gedreht wird.« Sie erschauderte. Die Location, die sie online für den Film recherchiert hatten, war vierzig Minuten von dem kleinen Urlaubsort entfernt. Es war ein verlassener Zeltplatz, der seiner alten Website zufolge seit Jahren geschlossen war. Auf den Fotos hatte er schon furchtbar unheimlich ausgesehen, als er noch in Betrieb gewesen war. Jay hatte wirklich den perfekten Ort für den Thriller gefunden.

»Komm heute Abend jedenfalls gegen sieben in den Drunk Tank. Wir geben eine Überraschungsparty für dich«, sagte Leslie.

Selena lachte. »Tolle Methode, eine Überraschung zu ruinieren.« Leslie hasste Überraschungen und fand übertriebene Gesten unnötig. Die Tatsache, dass sie ihre eigenen Gefühle diesbezüglich hintanstellte und ihre Komfortzone verließ, um eine Party für Selena zu schmeißen, war überaus liebenswert.

Als sie einen ihrer vier Koffer auf dem Gepäckband sah, klemmte sie sich das Handy zwischen Ohr und Schulter und riss den Koffer vom Band. Ihr Handy kündigte mit einem Pochen einen Anruf an, als sie den Koffer abstellte. »Bleib mal eine Sekunde am Apparat. Da ruft jemand an.« Sie nahm das Telefon vom Ohr. Matts Name, der auf dem Display aufleuchtete, ließ ihr Herz rasen. War er bereits hier? Hatte er doch einen früheren Flug nehmen können? Sie schaute sich in dem überfüllten Flughafen um, sah ihn aber nicht. »Hey, Les, ich muss Schluss machen, aber wir sehen uns gleich«, sagte sie. »Ich schicke dir eine fette Umarmung durch die Leitung.«

»Fantastisch.« In der sarkastischen Bemerkung ihrer Freundin schwang ein ganz schwacher Hauch von Aufregung mit, und Selena lächelte, als sie den anderen Anruf entgegennahm.

»Matt? Bist du schon in Alaska?«

Er räusperte sich. »Ähm … nein.«

Unicorn, die jetzt Matts Stimme hörte, stieß ein leises Knurren aus. Selena tätschelte der Hündin liebevoll den Kopf. Ein weiterer ihrer Koffer tauchte auf, aber sie ließ ihn vorbeigleiten und fragte: »Hast du dein Flugzeug verpasst?« Sie schaute auf die Uhr. Vielleicht hatte sein Vorsprechen länger gedauert. Nicht ideal, aber er konnte einen späteren Flug nehmen und bis zum nächsten Morgen trotzdem da sein. Es würde bedeuten, dass er die Party im Drunk Tank versäumte, ebenso wie die Gelegenheit, alle kennenzulernen, aber es würde noch andere Möglichkeiten geben, ihn mit ihnen bekannt zu machen.

»Nein, ich habe das Flugzeug nicht verpasst«, antwortete er.

Ihr rutschte das Herz in die Hose.

»Es tut mir leid, Selena. Ich komme nicht.«

Jetzt stand sie mit offenem Mund da, befallen von einer für sie seltenen Sprachlosigkeit. Was zur Hölle sollte das heißen: Ich komme nicht? Er hatte es vorgehabt bis zu dem Moment, als er sie am Flughafen abgesetzt hatte. Er hatte ausdrücklich gesagt: »Bis bald«, und er hatte sie zum Abschied geküsst, als würde er sie jetzt schon vermissen … oder war das vielleicht nur ihre Wahrnehmung gewesen?

»Bist du noch da?«

Sie blinzelte und räusperte sich. »Ja, ich bin noch da. Und du solltest dich auch auf den Weg hierher machen. Du hast gesagt, du wärst dabei, erinnerst du dich?« Wenn sie ihm sein Versprechen und seine Zusage ins Gedächtnis rief, würde er sich bestimmt besinnen. Wahrscheinlich hatte ihm Arman wieder in den Ohren gelegen mit diesem Unfug von wegen eines Rückschritts.

»Ich weiß, und es tut mir leid. Das Vorsprechen ist besser gelaufen, als wir es uns hätten erhoffen können«, berichtete er, und seine Aufregung erfüllte sie mit Freude über seinen Erfolg. Sie kam sich egoistisch vor, weil ihr seine Chance auf den Blockbuster im Moment scheißegal war. Sie war gerade Tausende von Meilen geflogen, um einen Film zu drehen, bei dem sie sich ohnehin schon weit aus dem Fenster lehnte, mit einer Crew, die sich nicht gerade freundlich zeigte, und jetzt machte ihr Co-Star, ihr Freund und die einzige andere Person neben Jay, die sie mochte, einen Rückzieher?

»Das ist großartig«, brachte sie mit zusammengebissenen Zähnen hervor, »aber ich dachte, du würdest diesen Film trotzdem drehen. Die Dreharbeiten für den anderen Film fangen erst in einigen Monaten an, und ich bin mir sicher, dass es weitere Castings geben wird. Das war nur ein erstes Vorsprechen. Es gibt keine Garantie, dass du die Rolle wirklich bekommst.« Sie zuckte zusammen, als ihr diese Worte herausgerutscht waren. Sie klang wie ein Miststück, aber er ließ sie einfach auf dem Trockenen sitzen.

»Danke für dein Vertrauen«, antwortete er, und seine Stimme klang hart.

Sie seufzte. Sie würde wegen dieses Rückschlags ihre Beziehung nicht aufs Spiel setzen, aber er musste wissen, dass er sie hier nicht nur professionell im Stich ließ, sondern auch persönlich. Er hatte zugestimmt, bei diesem Film mitzuwirken. Er hatte einen Vertrag unterschrieben. Allerdings keinen, aus dem er nicht mühelos herauskonnte dank der zusätzlichen Klausel, die sein Manager hinzugefügt hatte. Sie besagte, dass er, wenn sich ein anderes Projekt mit einem Budget ergeben sollte, das den Indie-Film überstieg, von dem Vertrag zurücktreten konnte. »Es tut mir leid. Natürlich ist mir klar, dass du diese Rolle unter Dach und Fach bringen willst«, sagte sie. »Ich habe dich einfach nur hier erwartet. Ich brauche dich hier«, fügte sie leise hinzu. Sie war größtenteils seinetwegen so aufgeregt gewesen. Sie hatte sich darauf gefreut, zusammen mit ihm in einem Film zu spielen. Die Zusammenarbeit mit ihm am Set hätte alles unterhaltsamer gemacht, und die langen Tage hätten sich nicht wie lange Arbeitstage angefühlt. Außerdem waren jetzt all die Pläne ruiniert, die sie für sie beide für die drehfreien Tage gehabt hatte – die Entdeckung der Schönheit von Alaska, ihr Zusammensein in einer natürlicheren Umgebung, weit weg von L. A. Sie hatte sich so sehr gewünscht, das alles mit ihm gemeinsam zu erleben, und jetzt würde sie diese Chance nicht bekommen.

»Du brauchst mich nicht«, sagte er. »Die weibliche Hauptrolle ist die bestimmende in diesem Thriller. Du bist der Star …«

Etwas an der Art, wie er das sagte, brachte sie auf die Frage, ob das der Grund für seinen Rückzieher war. Hatte sein Manager ihn davor gewarnt, neben ihr die zweite Geige zu spielen? Oder fühlte Matt selbst sich bei dem Gedanken unwohl? Er kam ihr nicht wie jemand vor, der sich von ihrem Erfolg einschüchtern lassen würde, obwohl das für andere Schauspieler, mit denen sie zusammen gewesen war, ein Problem dargestellt hatte.

»Du kannst die männliche Hauptrolle so ziemlich mit jedem besetzen.«

Die Hauptrolle nur in dem Film? Oder auch die in ihrem Leben? Ihr Puls raste und ihre Gedanken überschlugen sich, was dazu führte, dass Gefühle sich in ihre Argumente mischten. »Ich will nicht einfach irgendjemanden. Ich will dich. Ich habe dir die Rolle gegeben.« Er hatte sich dazu verpflichtet. Er hatte sich ihr verpflichtet. Oder zumindest hatte sie das gedacht. »Matt, bitte, steig einfach in ein Flugzeug.« Sie hasste den verzweifelten Klang ihrer Stimme, aber die Wahrheit war, dass ihr Glaube an sich selbst und an das Projekt Grenzen hatte. Ihn an Bord zu haben, hatte ihr das sichere Gefühl verschafft, das sie brauchte, um diesen Sprung zu wagen. Mit ihm würde der Film ein Erfolg werden. Wenn sie jetzt allein dastand, war sie sich dessen nicht mehr so sicher.

Was ätzend war. Sehr ätzend.

»Tut mir leid, Selena«, sagte er, und er klang so, als sei das ehrlich gemeint. »Mein Manager hält das nicht für den richtigen nächsten Schritt, und du weißt, dass ich in diesem Stadium auf seinen Rat hören muss.«

Sie schluckte und nickte. Er hatte recht. Das konnte sie nicht bestreiten. Jahrelang hatte sie auf jedermanns Ratschläge gehört und das Spiel nach den Regeln dieser Leute gespielt. Und sie hatte deswegen eine fantastische Karriere gehabt. Sie hatte viel erreicht, indem sie den Ratschlägen gefolgt war, selbst wenn sie jetzt gern ausbrechen und ihrem eigenen Bauchgefühl folgen wollte. »Ich weiß«, sagte sie leise.

»Hör mal, das Drehbuch ist toll. Jay ist toll. Du bist toll. Du kriegst das schon hin.« Er hielt inne. »Und ehrlich, würdest du es nicht lieber ohne mich hinkriegen?«

Jetzt drehte er den Spieß um. Sie erkannte den manipulativen Schachzug, aber tatsächlich wollte sie das wirklich ohne ihn hinkriegen … vielleicht nicht ohne ihn, aber ohne dass sein Name damit in Verbindung gebracht wurde. Matt hatte recht. Wenn der Film mit ihm in der männlichen Hauptrolle Erfolg hatte, würde sie immer zweifeln. Jetzt würde der Erfolg ganz allein mit ihr, Jay und der Crew in Verbindung gebracht werden. Ihr entschlossener, feuriger Geist brandete wieder an die Oberfläche. »Du hast recht. Ich kann das allein schaffen.« Dann nahm ihre Stimme einen weicheren Klang an. »Aber ich werde dich vermissen.« Sie hielt den Atem an. Jetzt, da die berufliche Geschichte geregelt war, wo standen sie in ihrer Beziehung? Kehrte er dem Film und ihr den Rücken?

»Ich werde dich auch vermissen«, antwortete er zu ihrer Erleichterung. »Aber drei Wochen sind nichts, oder? Die Power-Paare von Hollywood überstehen viel längere Trennungen.«

Ihr wurde warm ums Herz. Power-Paare von Hollywood. Er betrachtete sie beide ebenfalls so. »Drei Wochen sind nichts«, stimmte sie ihm zu und vermisste ihn jetzt schon. »Und herzlichen Glückwunsch zu dem Vorsprechen. Du hast die Rolle ganz bestimmt so gut wie sicher.« Sie meinte es ehrlich und war stolz auf ihn, trotz der Zwangslage, in die er sie gebracht hatte.

»Danke, Babe. Jetzt geh und mach einen Film, der all den Hollywood-Typen beweist, dass sie unrecht hatten.«

Genau das hatte Selena vor. Sobald sie einen neuen Star für die männliche Hauptrolle fand.

Orosco-Campingplatz, Wild River

Bei dem lauten Hämmern an der Tür der Hütte riss er die Augen auf, dann begann sofort sein Kopf zu pochen. Es war noch immer dunkel im Raum, aber zu dieser Jahreszeit konnte das in Alaska bedeuten, dass es sechs Uhr morgens war … oder zehn. Der kleine Fernseher an der Wand war auf stumm geschaltet, und das Feuer in dem Kamin in der Ecke war längst niedergebrannt. Eine frische Kühle im Raum trieb Gus dazu, die Decke höher zu ziehen und die Augen wieder zu schließen. Dann richtete er sich doch auf, als er gedämpfte Stimmen hörte und das Zuschlagen einer Autotür. Er spähte durch das kleine Fenster am Bett. Ein dünner Nebelschleier hing noch immer über dem Campinggelände, und er konnte von dieser Seite der Hütte aus niemanden sehen, aber er hatte definitiv Besuch. Besuch, den er nicht erwartete.

Wer zur Hölle war das? Wer zur Hölle wusste überhaupt, dass er hier war?

Er hatte niemandem erzählt, dass er nach Wild River zurückkommen würde. Er war vor drei Wochen vollkommen von der Bildfläche verschwunden, nachdem er Seattle verlassen hatte. Mehrere Freunde hatten zwar versucht, ihn zu erreichen, aber er hatte sie ignoriert, weil er außerstande war, irgendjemandem gegenüberzutreten. Abgesehen von seiner Schwester und seinem Großvater wusste niemand, wo er zu finden war, und die Hütten wurden nicht mehr an Gäste vermietet. Das Campinggelände war seit Jahren geschlossen, seit dem Tod seines Vaters, nachdem niemand sonst Interesse daran gezeigt hatte, das alte Geschäft von Gus’ Ururgroßvater weiterzuführen.

Das Klopfen hörte nicht auf.

Er würde es ignorieren. Wer immer draußen stand, würde schon wieder verschwinden. Wer immer es war, musste sich in der Adresse geirrt haben.

Er legte sich wieder auf die alte dünne Matratze des schmalen Bettes und versuchte weiterzuschlafen.

Nur dass die Person draußen nicht wegging. Es folgte weiteres Hämmern an die Tür. Beharrliches, nimmer endendes Hämmern. Weitere Autotüren wurden zugeschlagen, und lautere Stimmen durchdrangen die Wände der Hütte.

Was zur Hölle war da draußen los? Das hier war Privatbesitz. Offensichtlich war das Schild an dem kaputten Tor mit der Aufschrift: Unbefugte Eindringlinge werden umgehend erschossen kein hinreichendes Abschreckungsmittel. Und bedauerlicherweise war in der Hütte nicht einmal mehr eine alte Stutzflinte, die er hätte benutzen können, um die Botschaft zu verstärken.

Also warf er die dünne Decke ab und stürmte zur Tür. Auf dem Weg dorthin stolperte er über leere Bierdosen auf dem Boden und trat in einen alten Pizzakarton. Im Raum herrschte ein scharfer, schaler Geruch. Er schnupperte an seiner Schulter. Vielleicht kam der Geruch auch von ihm. Duschen war in den letzten paar Wochen eine optionale Tagesaktivität gewesen. Ein Blick in den Spiegel offenbarte, dass er Essensreste im Bart hatte und sein Haar vollkommen zerzaust und wirr war.