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Ein junger Mann, Anfang dreißig. Die Liebe seines Lebens, die plötzlich verschwindet. Eine Spurensuche am Schwielowsee und in den Schweizer Bergen, die zu einer Bedrohung wird. Ein Mann, dem die Vergangenheit keine Ruhe lässt und ein Paar, das um seine Existenz fürchtet, werden zur tödlichen Gefahr.
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Fabian Holting
Albulapass
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Joachim Magiera wurde wieder vor dem Radiowecker wach. Cornelia lag neben ihm und schlief noch tief und fest. Sie atmete ruhig und regelmäßig aus ihrem etwas geöffneten Mund. Er war mit ihr erst seit knapp sieben Monaten zusammen, und genauso lange wohnte sie auch schon bei ihm. Auf der Seite liegend, betrachtete Joachim ihr Gesicht. Sie lag auf dem Rücken. Ihre brünetten Haare hingen vom Schlafen etwas strubbelig über ihrer Stirn. Sie hatte wunderschöne lange Augenwimpern und kleine Fältchen um ihre Augen, die man nur sah, wenn das Licht auf eine bestimmte Weise auf ihr Gesicht fiel. Ihre Lippen waren hübsch geformt und sehr weiblich, genau wie bei griechischen Frauenbüsten aus der Antike. Wenn sie schlief, hatte sie einen beinahe kindlichen Gesichtsausdruck. Joachim betrachtete ihren Mund. Es sah aus, als ob sie im Schlaf lächelte. In solchen Momenten war Cornelia ihm so vertraut, auch wenn er von ihrem bisherigen Leben nur wenig wusste. Natürlich kannte er mittlerweile ihre Gewohnheiten, Interessen und Vorlieben, aber reichte das aus, um einen Menschen zu kennen. Während Joachim ihr gelegentlich von seinen Eltern und seinen beiden Schwestern, die jetzt im Ausland lebten, erzählte, schwieg Cornelia zu ihrer Familie und ihrer Kindheit. Joachim wusste nur, dass sie in Potsdam geboren war und einige Jahre ihrer Kindheit in Ost-Berlin verbracht haben musste. Und auch das schien Cornelia nur so beiläufig herausgerutscht zu sein.
Der Radiowecker ging an. Cornelia rührte sich noch kein Stück. Sie wurde meistens erst wach, nachdem der Radiowecker mehrere Minuten vor sich hingesäuselt hatte. Das Gefasel eines gut gelaunten Radiomoderators am frühen Morgen mochte Joachim nicht, doch er sah Cornelia gerne dabei zu, wie sie langsam aus dem Schlaf erwachte. Er versuchte dann die Stimme aus dem Radio zu ignorieren und genoss es, wach im Bett zu liegen und seine Freundin anzuschauen.
Joachim beobachtete sie immer noch seitlich liegend, jetzt mit dem Kopf auf seiner linken Hand aufgestützt. Er lächelte sie an. Gleich würde sie mit geschlossenen Augen ihre Schlafposition verändern. Sich vielleicht zur Seite drehen. Wenn er Glück hatte, zu seiner Seite. Ihr Mund schloss sich. Im Radio folgte auf die Moderation ein Musiktitel. Cornelia drehte sich mit geschlossenen Augen zur Seite, zu Joachims Seite. Er freute sich, ihr Gesicht jetzt direkt vor sich zu haben. Die Bässe der Radiomusik wurden lauter. Cornelia drehte sich wieder auf den Rücken und öffnete blinzelnd das linke Auge. Joachim streichelte ihre Hand, die unter der Bettdecke hervorgerutscht war. Cornelia kam hoch, beugte sich zu Joachim hinüber, küsste ihn auf den Mund und ließ ihren Kopf dann wieder in das Kissen sinken. Es wurde Zeit für Joachim. Er stand auf, sah sich noch einmal mit einem Lächeln nach Cornelia um und ging dann den Flur entlang ins Badezimmer. Cornelia blieb noch einen Moment liegen. Sie hatte die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen und lächelte mit den Augen. Joachim wusste, dass er sich im Bad Zeit lassen konnte.
Erst nachdem er geduscht hatte und auf dem Weg in die Küche war, kam Cornelia ihm im Flur entgegen und verschwand nach einer kurzen Umarmung im Badezimmer. Joachim kochte für Cornelia einen starken Kaffee und für sich einen Fencheltee. Cornelia trank ihren Kaffee immer schwarz und ohne Zucker. Der Kaffee konnte dabei nicht stark genug sein. Sie frühstückten gemeinsam und beschlossen, am Abend italienisch zu kochen. Das Kochen war eine ihrer gemeinsamen Leidenschaften. Wie immer war Cornelia die Erste, die aus dem Haus ging und sich mit einem Kuss von Joachim verabschiedete.
Eine halbe Stunde später machte sich auch Joachim auf den Weg. Er zog die schwere Haustür behutsam zu und schloss wie immer zweimal ab. Die etwa acht Kilometer lange Strecke zu seiner Arbeitsstelle fuhr er immer mit dem Fahrrad. Es war ein Tag wie jeder andere im April, mit dem Unterschied, dass die Meteorologen für heute Temperaturen bis fünfundzwanzig Grad und viel Sonne vorausgesagt hatten. Seit mehr als drei Jahren arbeitete Joachim jetzt in der Spedition und hatte sich mittlerweile Anerkennung beim Inhaber des Unternehmens erarbeiten können. Bei seinen Kollegen war er, bis auf die üblichen Ausnahmen, ebenfalls beliebt und wurde vor allem fachlich respektiert, was ihm sehr wichtig war.
Zügig fuhr er durch seine Wohnstraße, bog noch zweimal ab und erreichte dann die Hauptstraße mit dem breiten Fahrradweg. Die einzigen Hindernisse, die er auf dem Weg zur Arbeit noch vor sich hatte, waren die Ampeln. Bei Rot wäre Joachim niemals gefahren; allenfalls in Notsituationen oder vielleicht einmal nachts, wenn niemand auf der Straße war. Er ärgerte sich über Leute, die einfach vor den Augen von Kindern bei Rot über die Straße hetzten. Er fragte sich dann, wie er auf solche Idioten reagieren würde, wenn er selbst einmal Kinder haben sollte und gemeinsam mit ihnen dabei zusehen musste. Joachim wollte irgendwann einmal eigene Kinder haben. Mit Cornelia hatte er darüber noch nie gesprochen. Jetzt war auch nicht der richtige Zeitpunkt für so etwas. Joachim wollte beruflich weiter vorankommen, vielleicht in ein bis zwei Jahren zu einer großen Reederei oder Spedition wechseln und dort Führungsverantwortung übernehmen. Auch bei Cornelia hatte er den Eindruck, dass sie an eigene Kinder überhaupt noch nicht dachte. Sie hatte ihr Kunstpädagogikstudium abgebrochen und arbeitete jetzt seit etwa acht Monaten in einem Kindergarten. Es schien ihr gut zu gefallen. Sie hatte direkt nach dem Abitur eine Ausbildung als Erzieherin absolviert, dann aber nur ein halbes Jahr in diesem Beruf gearbeitet, bevor sie das Studium aufnahm. Jetzt genoss sie es, wieder etwas Sinnvolles tun zu können. Mit Kindern zu arbeiten, machte ihr viel Spaß. Sie konnte den Kindern die Aufmerksamkeit schenken, die sie bei ihren Eltern oft nicht mehr bekamen.
Eine der Ampeln sprang auf Rot. Als Joachim weiterfahren wollte, merkte er, dass etwas mit seinem Fahrrad nicht stimmte. Er hatte einen platten Vorderreifen. Wenigstens nicht der Hinterreifen, dachte er, sonst hätte er sich am Abend wieder mit der Kettenschaltung abplagen müssen. Er hatte mehr als die Hälfte des Weges zur Spedition bereits zurückgelegt. Etwas genervt suchte er eine Möglichkeit, das Fahrrad für den Rest des Tages sicher abzustellen. Er ärgerte sich, doch die bereits warme Luft und der strahlend blaue Himmel stimmten ihn etwas milder. Am Abend würde er gemeinsam mit Cornelia das Fahrrad abholen und zu Hause den Reifen flicken, dachte er. Er fand einen geeigneten Platz vor einem kleinen Supermarkt, wo er das Fahrrad an einem der Fahrradständer gut anschließen konnte. Er überlegte kurz und beschloss dann, das letzte Stück zur Arbeit mit dem Regionalzug zurückzulegen. Der nächste Vorstadtbahnhof war nicht mehr weit. Auf dem Bahnsteig suchte er nach einem Ticketautomaten. Schon am Treppenaufgang hatte er den Geruch von Schmierfett in der Nase. Zwischen einer kleinen Gruppe von Teenagern, die sich die Wartezeit damit verkürzten, sich gegenseitig herumzuschubsen, entdeckte er den Ticketautomaten. Er zog sich eine Fahrkarte, stempelte sie ab und brauchte nur noch kurz zu warten. Zusammen mit den Jugendlichen stieg er ein. Nach kurzer Fahrt verlangsamte der Zug seine Geschwindigkeit. Sie hatten den Hauptbahnhof fast erreicht. Mit Graffiti besprühte und heruntergekommene Gebäude mit eingeschlagenen Fensterscheiben tauchten zu beiden Seiten auf und gaben ein trostloses Bild ab. Die Anzahl der Schienenstränge verdoppelte sich von Sekunde zu Sekunde und erinnerte ihn an die Vermehrung von stäbchenförmigen Bakterien in einem Zeitrafferfilm. Plötzlich standen links und rechts Züge. Fahrgäste waren in den anderen Waggons nur schemenhaft zu erkennen. Der Zug hielt im Hauptbahnhof. Joachim blieb sitzen, denn er musste noch eine Station weiterfahren. Wie üblich wartete der Regionalzug auf die Fahrgäste aus den Fernzügen. Joachim blickte gelangweilt hinaus und beobachtete die wenigen Menschen auf dem Bahnsteig. Überall standen verwaiste Gepäckwagen herum. Die Schaffner unterhielten sich mit dem Bahnhofspersonal. In solchen Momenten wusste Joachim, warum er lieber mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr. Auf dem Nachbargleis stand ein Zug, der sich langsam in Bewegung setzte. Für einen kurzen Augenblick dachte Joachim, es würde weitergehen, doch was sich bewegte, war nur der Zug neben ihm. Nachdem sich der Zug in seiner ganzen Länge an seinem Fenster vorbeibewegt hatte, wurde der Blick auf den danebenliegenden Bahnsteig frei. Hier stand ein Fernzug mit dem Fahrtziel Oberhausen. Um die geöffneten Zugtüren hatten sich traubenförmige Ansammlungen von Menschen gebildet. Vereinzelt liefen noch Fahrgäste mit geröteten Gesichtern und schwer schleppend auf dem Bahnsteig herum. Nach einer Weile setzte sich Joachims Zug tatsächlich in Bewegung. Dann glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. In einer der Zugtüren auf dem Nachbargleis stand eine Frau, die aussah wie Cornelia. Er wollte sich vergewissern, dass er sich getäuscht haben musste und stand auf, aber die Frau verschwand im Zugwaggon.
Während zahlreiche Schienenstränge, abgestellte Waggons und Wohnhäuser mit Balkonen an ihm vorbeizogen, beschloss Joachim, dass es nicht Cornelia gewesen sein konnte, schließlich war sie längst im Kindergarten.
Mark Philippi steuerte seinen Porsche in sportlicher Fahrweise durch die letzten zwei Kurven, die ihn zu seinem Haus im Londoner Stadtviertel Highgate führten. An diesem Tag hatten morgens um acht Uhr die Glocken des Big Ben zum letzten Mal für mehrere Wochen geschlagen. Philippi war das Glockenspiel des Londoner Wahrzeichens gleichgültig und es interessierte ihn erst recht nicht, wie lange die geplanten Reparaturarbeiten am Westminster-Palace, dem Sitz des britischen Parlaments, dauern würden. Philippi wusste, dass seine Frau Angela bereits im Haus auf ihn wartete. Sie hatte ihn in der Firma angerufen. Es war sehr dringend.
Zügig fuhr er in die kurze Einfahrt hinein. Das schmiedeeiserne, zweiflügelige Einfahrtstor stand bereits offen. Gezielt griff er Tasche und Jackett vom Beifahrersitz und stieg aus. Die Tür knallte ins Schloss. Mit hektischen Schritten ging er die wenigen Meter auf die mit Säulen eingefasste Haustür zu. Das Jackett hatte er sich hastig über den rechten Arm gelegt. Seine linke Hand suchte fahrig nach dem Hausschlüssel in seiner Hosentasche. Das herrschaftlich wirkende, aber nicht besonders große Haus in diesem noblen Stadtviertel von London, hatte seinerzeit ein Vermögen gekostet. Aber es war standesgemäß, davon waren Mark Philippi und seine Frau Angela überzeugt.
Philippi öffnete die Tür. Seine Frau Angela hatte ihn gehört und war bereits die Treppe heruntergekommen. In ihrer Hand hielt sie einen kleinen Koffer, den sie im Foyer neben einem Zweiten abstellen wollte.
»Mark, da bist du ja endlich. Konntest du nicht früher kommen«, sagte sie etwas außer Atem und mit einem vorwurfsvollen Ton in der Stimme.
»Ich bin so schnell gekommen, wie es nur irgendwie ging, allerdings hat mich in der Firma schon wieder Thomas Langley angerufen, du weißt doch, der Banker«, erwiderte Mark gereizt. »Der Mann ist hartnäckig, das habe ich dir letzte Woche schon erzählt«, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.
Philippi stellte seine Tasche ab, legte sein Jackett auf einen Stuhl im Foyer und ging weiter durch ins Wohnzimmer. Auf dem Wohnzimmertisch stand ein fast leeres Cognac-Glas. Die Flasche stand noch auf der Anrichte gegenüber der Couchecke. Der Deckel lag lieblos neben der bauchigen Flasche.
»Trinkst du jetzt schon am frühen Morgen?«, fragte er, während er sich in den schwarzen Ledersessel fallen ließ und einmal tief durchatmete.
»Ja, falls du nichts dagegen hast. Das brauchte ich heute Morgen«, jammerte Angela in fast weinerlichem Ton. Sie stand in der Tür und hatte sich mit der Schulter an die Zarge angelehnt. Mit verschränkten Armen und geneigtem Kopf stand sie dort und starrte auf den Parkettboden. Philippi erhob sich und ging auf Angela zu.
»Entschuldige bitte, das habe ich nicht so gemeint.« Er nahm sie sachte in den Arm. Angela liefen plötzlich Tränen über die Wangen. »Wann haben sie denn angerufen?«, fragte er verständnisvoll.
»Gleich heute früh, kurz, nachdem du in die Firma gefahren bist«, antwortete Angela.
»Und wie geht es jetzt weiter?«, hakte Philippi mit nachdenklicher Miene nach, während er sich von Angela abwandte und zur Anrichte ging, auf der die Cognacflasche stand.
»Das weiß ich selber nicht. Ich denke aber, wir werden es bald erfahren«, sagte Angela, die sich die Tränen wegwischte und zur Sitzecke ging. Philippi nahm die Cognacflasche, schraubte den Flaschendeckel darauf und stellte sie zurück in den Barwagen.
»Wir sollten lieber einen klaren Kopf bewahren, schließlich haben wir einiges zu verlieren.«
Angela saß mittlerweile auf der Couch, hielt ihr Glas in der Hand und nippte gelegentlich daran.
»Wenn du immer einen klaren Kopf bewahrt hättest, wären wir vielleicht jetzt gar nicht in dieser verflixten Situation«, sagte sie und blickte dabei ziellos aus dem Fenster in den nassen Garten, der noch nichts vom nahenden Frühling erahnen ließ. Philippi ging nervös im Raum auf und ab.
»Lass uns jetzt nicht schon wieder über Dinge reden, die längst gelaufen sind«, er fuhr sich mit beiden Händen durch das nach hinten gekämmte und leicht gegelte Haar.
Mark Philippi war Anfang vierzig und fast zehn Jahre älter als Angela. Er legte viel Wert auf sein Äußeres, wollte bei allem, was er tat, eine gute Figur abgeben. Jeden Morgen brachte er nach dem Duschen seine Haare in Form, zog sich eines seiner Business-Hemden mit den eingestickten Initialen an und ging in den Tag, um alle Welt glauben zu machen, dass er ein Erfolgstyp sei. In diesem sich täglich wiederholenden Unterfangen war er tatsächlich erfolgreich. Die meisten Menschen in seinem Umfeld glaubten wirklich, dass es Philippi durch Intelligenz, Kompetenz und Durchsetzungsvermögen bereits weit gebracht hatte. Wer jedoch die Gelegenheit bekam, ihn näher kennenzulernen, fand schnell heraus, dass lediglich Durchsetzungsvermögen und ein Selbstbewusstsein mit einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung bei Mark Philippi der Schlüssel zum Erfolg waren. Doch so erfolgreich, wie alle glaubten und wie Philippi allen vorzumachen versuchte, war er nicht.
Philippi war in München aufgewachsen und dort auf das Gymnasium gegangen. Er scheiterte dann aber bei der Abiturprüfung. Zusammen mit einer zweijährigen Ausbildung in einer Kreissparkasse reichte es dann noch zum Fachabitur. Philippi hatte daraufhin drei Semester Elektrotechnik an einer Fachhochschule studiert und war dann später auf Betriebswirtschaft umgestiegen. Während des Studiums jobbte er in der kaufmännischen Abteilung eines Großhändlers für Elektrobauteile. Sein Vater hatte ihm diese Stelle besorgt. Schließlich brach er auch das Betriebswirtschaftsstudium ab. Aber irgendwie fühlte er sich trotzdem als Diplombetriebswirt und tat zunächst gelegentlich und dann immer öfter so, als hätte er einen Abschluss gemacht. Leider hatte er damit wenig Erfolg, sodass er einer unsicheren beruflichen Zukunft entgegensah. Dann kam Angela in sein Leben. Wie schon einige Jahre zuvor, war er Ostern in Sölden zum Skifahren. Dort lernte er sie in einer Après-Ski-Bar kennen. Sie war erst Anfang zwanzig, Tochter eines wohlhabenden, um nicht zu sagen schwerreichen Geschäftsmannes. Angela lebte seit einigen Jahren mit ihren Eltern in London. Sie war schon bald Feuer und Flamme für Philippi und kurze Zeit später bis über beide Ohren in ihn verliebt. Dann war alles sehr schnell gegangen, Verlobung und drei Monate darauf die Hochzeit, trotz der Bedenken ihrer Eltern und besonders ihres Vaters. Sie zogen in eine schicke Wohnung in London. Philippi erhielt eine Anstellung bei der Investmentfirma seines Schwiegervaters und gründete später eine eigene Firma, ebenfalls in London; natürlich mit finanzieller Unterstützung durch seinen Schwiegervater. Philippi hatte es geschafft, er war ganz oben.
Angela stand auf und ging zur Terrassentür. Auf dem vom Winter mitgenommenen Rasen landete eine Krähe. Sie bewegte sich erst springend und dann mit schwankenden Schritten über den nassen Rasen. Nach einem kurzen Seufzer drehte Angela sich um und sah Philippi beschwörend an. Sie weinte nicht mehr und hatte sich die letzten Tränen so gut es ging von den Wangen weggewischt.
»Du hast recht, lassen wir die Vergangenheit ruhen. Wir sollten nicht noch mehr Zeit verlieren. Ich habe bereits das Wichtigste für uns beide zusammengepackt. In knapp zwei Stunden geht unser Flug.«
»Hat Hansen denn schon angerufen?«, fragte Philippi, während er sich seiner bereits etwas geöffneten Krawatte ganz entledigte.
»Ja vor genau einer Stunde. Er konnte nur kurz sprechen. Wir sollen auf jeden Fall sofort kommen. Es könnte noch weitere Schwierigkeiten geben.«
»Was für Schwierigkeiten denn?« Philippi stand jetzt direkt vor Angela und schaute ihr eindringlich in die braunen, vom Weinen noch leicht geröteten Augen.
»Keine Ahnung, wie ich dir bereits gesagt habe, hatte er keine Zeit, länger mit mir zu sprechen«, antwortete Angela und wandte sich ab, nachdem sie Philippis aufforderndem Blick kurz standgehalten hatte. Sie ging hastig zur Wohnzimmertür, rückte dabei ihr knielanges Kleid zurecht und wischte sich ein letztes Mal mit dem Handrücken über ihr Gesicht, auf dem die letzten Tränen längst getrocknet waren. Philippi folgte ihr nach kurzem Zögern mit einer nachdenklichen Miene.
Die Zugtür zischte hinter Joachim zu. Er war der einzige Fahrgast, der hier ausstieg. Er verließ den Bahnsteig und machte sich auf den Weg, um die letzten Meter bis zum Büro zurückzulegen. Es roch nach Urin. Abends war in dieser Gegend viel los. Es gab Kneipen, Restaurants, Swinger Clubs und sogar eine Table-Dance-Bar. Er kam am Schlafplatz einiger Obdachloser vorbei. Zwei schliefen noch in ihren speckigen Schlafsäcken. Ein Dritter kauerte unter seiner schmutzigen Decke und sah ihn mit glasigen Augen an. Eine Flasche Korn, noch halb voll, stand neben ihm. Zwei weitere Schlafsäcke waren leer. Joachim kannte diesen Anblick. Hinter der nächsten Hausecke erhob sich das sechsstöckige Bürohaus, in dem er arbeitete. Er musste in die dritte Etage. Wie jeden Tag nahm er nicht den Fahrstuhl, sondern ging zu Fuß. Wenn er schon den ganzen Tag sitzen musste, wollte er wenigstens jede Gelegenheit nutzen, sich zu bewegen. Manchmal begegneten ihm im Treppenhaus Junkies, die sich hier gerne in Ruhe einen Schuss setzten. Heute traf er dort niemanden an. Joachim zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche. Er brauchte seine Legickarte zum Öffnen der Tür. Die Spedition Rohling und Söhne hatte gleich zwei komplette Etagen gemietet, die aber nur über das allgemeine Treppenhaus miteinander verbunden waren.
Im Flur war das leise Rattern des Kopierers zu hören. Die dienstälteste Auszubildende stand davor. Sie war bekannt für ihr aufreizendes Outfit. Die Wettervorhersage hatte sie zum Anlass genommen, einen ihrer kürzesten Röcke auszuwählen. Joachim grüßte sie. Freundlich lächelnd erwiderte sie seinen Gruß. Die meisten Mitarbeiter der Spedition saßen in größeren Büroräumen mit sechs bis zehn Arbeitsplätzen. Joachim bildete hier mit seinem Kollegen Olaf Müller die Ausnahme. Sie teilten sich ein Büro und stellten die sogenannte MFA-Abteilung im Unternehmen dar. Diese Abkürzung hatte sich Olaf Müller ausgedacht, als er während einer Sitzung mit den Mitarbeitern von zwei kooperierenden Speditionen auf seinen Aufgabenbereich angesprochen wurde. Er antwortete MFA-Abteilung und sprach die drei Buchstaben natürlich englisch aus. Dieser Sitzung folgten noch weitere und irgendwann hatte tatsächlich einer der Teilnehmer den Mut aufgebracht, zu fragen, wofür denn die drei Buchstaben ständen. Olaf Müller antwortete trocken »Mädchen für alles« und hatte zahlreiche Lacher auf seiner Seite. Offiziell bildeten sie eine Art Controlling-Abteilung, die aber nicht selten Aufgaben zugewiesen bekam, die in keine der definierten Arbeitsbereiche fielen.
Als Joachim bei der Spedition anfing, hatte er noch viele operative Aufgaben, wie das Erstellen von Transportpapieren und das Buchen von Containerverschiffungen, zu erledigen, schließlich wurde er nicht als Betriebswirt eingestellt, sondern als Speditionskaufmann. Und es sollte noch eine Zeit dauern, bis der Inhaber der Spedition, Herr Rohling, erkannte, dass er mit Joachim einen Mitarbeiter eingestellt hatte, der sehr selbstständig arbeitete und auch für kompliziertere Aufgaben eingesetzt werden konnte. Joachim freute sich über den Tag, als Herr Rohling ihn gewissermaßen in die Controlling-Abteilung beförderte. Noch am selben Abend ging er mit Cornelia indisch Essen, um seinen kleinen Karrieresprung ein wenig zu feiern. Anschließend fuhren sie noch in eine Bar mit dem Namen Cherry Lounge, um bei einem Longdrink und leiser Klaviermusik den Abend ausklingen zu lassen. Sie studierten lange die Getränkekarte. Einige Cocktailnamen kannten sie, andere wiederum waren ihnen völlig fremd und entstammten wohl der Fantasie des Barmixers. Für Joachim brachte die Bedienung einen Sidecar. Cornelia hatte einen Margarita mit Salzrand gewählt. Während sie an ihren Cocktails nippten, erzählte Joachim, dass der Cocktail Sidecar seinen Namen angeblich einem genussfreudigen Pariser Lebenskünstler zu verdanken hatte, der sich im Beiwagen eines Motorrads regelmäßig von Bar zu Bar kutschieren ließ. Cornelia glaubte ihm die Geschichte nicht und vermutete, dass Joachim sie sich gerade ausgedacht hatte.
Als Joachim die Bürotür öffnete, saß Olaf Müller an seinem Schreibtisch und erwiderte Joachims Guten Morgen mit einem lang gedehnten »Mahlzeit«. Es war einer seiner Späße, die er nur selten anbringen konnte, da er in der Regel immer deutlich später als Joachim ins Büro kam. Olaf war der einzige Mitarbeiter im Unternehmen, den Joachim duzte. Von Anfang an hatte er den Eindruck, dass das zwanghafte Duzen bei Rohling & Söhne nicht so gerne gesehen wurde. Olaf Müller war ein richtiger Spaßvogel, mit rundlichem Gesicht und untersetzter Figur. Mit ihm hatte er schnell Freundschaft geschlossen und schon bald gingen sie zum Du über.
»Du siehst so gut gelaunt aus. Was ist los?«
»Mein Fahrrad hat einen Platten. Ich musste es auf halbem Weg stehen lassen und mit dem Zug das letzte Stück fahren«, antwortete Joachim.
»Es gibt Schlimmeres«, sagte Olaf und stand auf.
»Mir geht nur eine Sache nicht aus dem Kopf. Am Bahnhof war eine Frau, die sah genauso aus wie...... «
»Komm jetzt, das kannst du mir später noch erzählen«, unterbrach ihn Olaf, wir müssen jetzt erst einmal ins Meeting, sonst meckert der Rohling wieder. Der hasst doch Unpünktlichkeit wie die Pest.« Während Olaf das sagte, war er bereits auf dem Weg zur Bürotür. Joachim nahm noch schnell seine Konferenzmappe und einen schmalen Ordner aus seinem gerade aufgeschlossenen Büroschrank und folgte ihm mit großen Schritten in den Flur. Wortlos gingen sie zum großen Besprechungsraum, der sich auf der gleichen Etage befand. Sie mussten zur morgendlichen Besprechung mit Herrn Rohling, die pünktlich um zehn Uhr zu beginnen hatte.
Das Meeting dauerte eine knappe Stunde und damit deutlich länger als sonst üblich. Herr Rohling hielt wieder alle Fäden fest in der Hand und bestach wie immer durch seine scheinbar angeborene Fähigkeit, Mitarbeiter zu führen. Es wurden zahlreiche Aufgaben zur sofortigen Erledigung ausgemacht und verteilt. Wie nicht anders zu erwarten war, landete ein ganzer Haufen von Tasks, wie Herr Rohling zu sagen pflegte, bei der MFA-Abteilung, namentlich bei Müller & Magiera. Joachim und Olaf hatten sich an diesen Zustand bereits gewöhnt und machten sich nach einem kurzen Zwischenstopp in der Küche sofort an die Arbeit. Mit vollen Kaffeebechern kamen sie in ihr Büro zurück. Bei der Arbeit trank Joachim gerne Kaffee. Zum Reden hatten sie jetzt keine Zeit mehr. In einer halben Stunde erwartete Herr Rohling erste Ergebnisse. Joachim hatte erst wenige Schlucke von seinem Kaffee getrunken, als Herr Rohling plötzlich in der Tür stand.
»Heute um vierzehn Uhr kommen die Maersk-Leute, da hätte ich Sie beide gerne dabei«, rief er in den Raum. Olaf und Joachim schauten kurz auf, nickten zustimmend und starrten dann wieder angestrengt auf ihre Flachbildschirme.
Der Vormittag war komplett mit Arbeit ausgefüllt. Zwischendurch gab es noch zwei Anfragen vom Vertrieb, die Joachim umgehend bearbeitete. Für einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken, bei Cornelia im Kindergarten anzurufen, doch Cornelia sah es nicht gern, wenn er sie im Kindergarten störte. Es sei immer ungünstig und unkollegial, von den Kindern weggeholt zu werden und außerdem müssten die Kollegen im Sekretariat sie oft erst suchen, hatte sie einmal gesagt. Sie besaß auch kein Handy, weil sie der Meinung war, nicht immer und überall erreichbar sein zu müssen, auch nicht für Joachim.
Wie vorhergesagt, schien auch zur Mittagszeit noch die Sonne von einem strahlend blauen, Himmel herab. Die Anzeigentafel einer Apotheke in der Innenstadt wies dreiundzwanzig Grad aus. Das nächste Tiefdruckgebiet näherte sich aber bereits von den britischen Inseln und sollte in den nächsten Tagen für stärkere Regenfälle sorgen.
Joachim Magiera und Olaf Müller gingen zügig durch die belebte Fußgängerzone. Sie aßen jeden Tag irgendwo anders zu Mittag. Manchmal beim Chinesen, häufig tat es aber auch ein Brötchen oder eine Bratwurst auf die Hand. Um diese Zeit liefen viele Leute aus den Büros mit Schlips und Kragen oder Business-Kostüm in den Straßen herum. Das sonnige Wetter hatte viele Menschen in die Stadt gelockt, vermutlich auch, weil einigen bei den sommerlichen Temperaturen klar geworden war, dass sie nichts Geeignetes mehr zum Anziehen hatten.
An einer Ecke stand ein älterer Mann mit abgerissener Kleidung und ungepflegtem Vollbart und versuchte, die Obdachlosenzeitung zu verkaufen. Vor einem Bratwurststand hatte sich eine Schlange gebildet, die weit in die Fußgängerpassage reichte. Sie gingen zum Marktplatz, wo ein Imbisswagen stand, der Tische und Stühle herausgestellt hatte. Joachim bestellte sich Backfisch mit Kartoffelsalat. Olaf nahm den Eintopf mit Bockwurst. Sie setzten sich auf die weißen Plastikstühle, die mit den Jahren stumpf und grau geworden waren. Die Tische waren dunkelblau und deutlich jünger und passten so gar nicht zu den Stühlen. Als sie saßen, sah Olaf in Joachims nachdenkliches Gesicht.
»Du wolltest mir heute Morgen doch noch etwas erzählen«, stellte Olaf fest und pustete den heißen Eintopf auf seinem Löffel an.
»Du hast doch nicht etwa Beziehungsstress?«, fügte er scherzhaft hinzu, weil Joachim nicht gleich antwortete.
»Wie kommst du denn darauf?«, wandte Joachim ein.
»Na ja, ihr seid doch jetzt auch schon bestimmt ein halbes Jahr zusammen. Bei meinen bisherigen Beziehungen ging es dann meistens mit den ersten Meinungsverschiedenheiten los«, erwiderte Olaf undeutlich, da er gleichzeitig Luft in seinen geöffneten Mund einsaugte, weil der Eintopf noch zu heiß zum Herunterschlucken war.
»Nein, bei uns läuft noch immer alles super. Ich glaube, dieses Mal habe ich wirklich Glück.«
Joachim nahm ein Stück Backfisch auf die Gabel.
»Aber was ich vorhin erzählen wollte, hat trotzdem etwas mit Cornelia zu tun. Heute Morgen meinte ich, sie am Hauptbahnhof gesehen zu haben. Sie stieg in einen Zug nach Oberhausen. Ich sah sie nur einen kurzen Augenblick und dann war sie im Waggon verschwunden. Doch sie kann es eigentlich nicht gewesen sein. Sie ist doch heute Morgen gleich in den Kindergarten gefahren.«
»Woher willst du wissen, dass es wirklich nicht Cornelia war?«, fragte Olaf, während er seinen Blick abwandte und einer jungen Frau mit kurzem Rock nachsah, die an ihrem Tisch vorbeischlenderte.
»Hast du anschließend noch mit Cornelia telefoniert?«, fügte er nach einer Pause hinzu, ohne seinen Blick von den Hüften der Frau zu nehmen.
»Nein, noch nicht, obwohl ich auch schon daran gedacht habe, sie anzurufen. Aber du weißt doch, was heute Vormittag in der Firma alles los war«, sagte Joachim und machte eine kurze Pause, »und außerdem mag Cornelia es nicht, wenn ich sie im Kindergarten anrufe.«
Joachim hatte seinen Backfisch bereits zur Hälfte aufgegessen und blickte Olaf jetzt wieder sehr nachdenklich an.
»Könnte Cornelia denn einen Grund haben, nach Oberhausen zu fahren?«
»Nicht, dass ich wüsste und außerdem hätte sie mir davon bestimmt erzählt oder mich zumindest angerufen, wenn es sich spontan ergeben hätte. Vielleicht nicht auf meinem Handy, denn Handys kann sie nicht ausstehen, aber mit Sicherheit in der Firma«, sagte Joachim, der auf eine Gräte gebissen hatte und diese mit der Zunge im Mund suchte.
»Ich habe auf jeden Fall von Cornelia keinen Anruf entgegengenommen, auch nicht, bevor du heute Morgen in die Firma kamst«, stellte Olaf klar.
»Nach unserem Meeting heute Nachmittag werde ich Cornelia sofort anrufen, dann müsste sie eigentlich wieder zu Hause sein. Meist legt sie sich nach der Arbeit kurz hin«, sagte Joachim, der mittlerweile die vierte Gräte am Rand seines Papptellers abgelegt hatte und den letzten Bissen Backfisch zusammen mit dem Rest Kartoffelsalat auf die Plastikgabel schob.
Nach dem Essen gingen sie zwei Straßen weiter in Richtung Spedition Rohling & Söhne und kehrten in einen der Coffeeshops ein, die seit geraumer Zeit in der Innenstadt förmlich aus dem Boden schossen. Olaf bestellte sich einen Cappuccino. Joachim nahm einen doppelten Espresso. Sie saßen auf Barhockern an einem Stehtisch und tranken ihren Kaffee in wenigen Minuten aus. Noch rechtzeitig gelangten sie in ihr Büro zurück und hatten sogar noch ausreichend Zeit, ihre Unterlagen für das Meeting mit den Maersk-Leuten zusammenzusammeln.
Das Meeting dauerte über zwei Stunden. Neben Herrn Rohling war von Rohling & Söhne noch der Vertriebsleiter dabei. Die Maersk-Leute waren zu dritt. Neben der Beantwortung einiger Logistikfragen stand auch die Verhandlung von Preisen an. Die Besprechung fand in dem repräsentativsten Raum für solche Zwecke statt, einem Besprechungsraum direkt neben Herrn Rohlings großem Büro. Auf der Fensterbank standen verschiedene Tischflaggen und diverse Modelle von Containerschiffen und Lastkraftwagen. Joachim musste beim Anblick dieser Speditionsutensilien immer an den bedruckten Stehteller denken, der die Skyline von New York zeigte und in dessen Mitte das World Trade Center besonders hervorgehoben wurde. Auf dem Tellerrand prangte der Schriftzug der Firma Rohling & Söhne. Diesen Stehteller hatte Herr Rohling höchstpersönlich in größerer Stückzahl für seine Kunden als Werbegeschenk bestellt. Doch nur wenige Tage, nachdem die Teller geliefert worden waren, kam der 11. September 2001. Das World Trade Center gehörte der Vergangenheit an und die Stehteller waren keinem Kunden mehr zuzumuten. Sie wurden an die Mitarbeiter von Rohling & Söhne verschenkt und in irgendeiner Umzugskiste hatte Joachim noch drei davon zu Hause herumliegen.
Nach dem Meeting versuchte Joachim sofort, Cornelia in ihrer gemeinsamen Wohnung zu erreichen; vergeblich. Vermutlich war sie noch einkaufen gegangen, schließlich wollten sie am Abend zusammen italienisch kochen. Rotwein hatten sie auch nicht mehr im Haus. Selbst gemachte Pizza und Minestrone waren Cornelias Spezialitäten. Hierfür durften nur frische Zutaten verwendet werden, von den im Glas eingelegten Kapern einmal abgesehen.
Joachim probierte es in kurzen Abständen noch zweimal, doch sie war noch immer nicht zu Hause. Er beschloss, etwas eher Feierabend zu machen, um eventuell noch die Möglichkeit zu haben, das Fahrrad mit seinem Ford-Kombi zu holen. Olaf Müller wollte an diesem Tag ohnehin noch länger arbeiten, denn einer von beiden musste jeden Tag mindestens bis achtzehn Uhr im Büro die Stellung halten.
Obwohl die Sonne hinter den hoch aufragenden Dächern der gegenüberliegenden Häuserzeile nur noch etwa zur Hälfte hervorlugte, hielt sich die Wärme des Tages sehr angenehm in der mittlerweile fast komplett zugeparkten Wohnstraße. Auf dem Bürgersteig spielten drei Mädchen Gummitwist. Nur wenige Meter davon entfernt kickten vier Jungen mit einem Fußball, der in ständiger Bewegung war. Sie warteten offenbar auf einen Nachzügler. Die Gehwegplatten vor dem Haus waren mit bunter Kreide bemalt worden. Der außergewöhnlich warme und sonnige Apriltag hatte die Kinder auf die Straße gelockt.
Die gutbürgerlichen Häuser des Viertels, in dem Joachim mit Cornelia wohnte, waren in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gebaut worden. Mittlerweile hatte der gehobene Mittelstand dort Einzug gehalten. Ursprünglich waren die dreistöckigen Häuser für vier Mietparteien entworfen worden. Einige der großzügig geschnittenen Wohnungen waren zu Arztpraxen, Anwaltskanzleien oder Versicherungsvertretungen umfunktioniert. Eigentlich hätte sich Joachim eine solche Wohnung nicht leisten können. Doch der Zufall wollte es, dass der beste Freund seines Onkels für drei Jahre nach Rio de Janeiro zog und einen vertrauensvollen Mieter für diese Zeit suchte. Er machte Joachim ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Mittlerweile waren aus den drei Jahren fünf geworden und eine Rückkehr noch immer nicht geplant. Die Wohnungen hatten die für die Bauzeit typischen hohen Decken. In Joachims Wohnung war sogar die alte Stuckdecke über die Jahre erhalten geblieben. Er konnte sich noch gut erinnern, wie beeindruckt Cornelia ihn angesehen hatte, als sie das erste Mal zu ihm in die Wohnung gekommen war.
Joachim stieg die breite, teppichbespannte Holztreppe in den zweiten Stock hinauf. Jeder Tritt auf der Treppe verursachte ein dumpfes Knarren, das in allen Wohnungen im Haus zu hören war. Im Treppenaufgang hingen überall Bilder, die über die Jahrzehnte von den Bewohnern hier aufgehängt worden waren. Darunter gab es auch ältere Ölgemälde, die überwiegend Naturlandschaften zeigten.
Joachim steckte den Schlüssel in die Wohnungstür. Sie war abgeschlossen. Cornelia konnte also noch nicht zu Hause sein. Vielleicht war sie tatsächlich noch beim Einkaufen. Joachim stellte seine Fahrradtasche unter der Garderobe ab. Das Jackett hängte er in den antiken Dielenschrank, der im Flur neben der Garderobe stand. Der Vermieter hatte ihm die meisten Möbel zu treuen Händen überlassen. Joachim hatte damit keine Probleme. Sie passten gut zu der Wohnung und zu den wenigen Möbelstücken, die er selbst mitgebracht hatte.
Langsam ging Joachim den Flur entlang und hielt Ausschau nach der Tasche, die Cornelia immer mit in den Kindergarten nahm. Sie war nirgends zu finden. Im Dielenschrank lag sie auch nicht. Die Küche war noch so, wie er sie am Morgen verlassen hatte. In der Spüle standen ihre beiden Tassen. Die Teller hatte er bereits heute Morgen in die Spülmaschine gestellt. Joachim schaute in den Kühlschrank. Vielleicht war Cornelia doch schon in der Wohnung gewesen und hatte den Pizzateig vorbereitet. Fehlanzeige. Er ging ins Wohnzimmer. Auch hier keinerlei Hinweise darauf, dass Cornelia schon in der Wohnung gewesen war. Joachim ging ins Schlafzimmer und lockerte seinen Schlips, bis er ihn gerade über den Kopf ziehen konnte. Er hatte sich angewöhnt, den Windsorknoten nicht zu lösen, um morgens keine Zeit beim Schlipsbinden zu verlieren. Joachim zog sich um, ging kurz ins Bad, dann ins Wohnzimmer und zuletzt ins Arbeitszimmer, das von Cornelia und ihm gemeinsam genutzt wurde. Die Wohnung hatte knapp einhundertzwanzig Quadratmeter und wirkte nicht nur durch die hohen Decken sehr geräumig.
Cornelia konnte also nach dem Kindergarten noch nicht zu Hause gewesen sein, soviel war klar. Vielleicht war sie gleich nach der Arbeit in die Innenstadt gefahren, um sich etwas zum Anziehen zu kaufen. Das hatte sie schon öfter gemacht. Vielleicht war sie jetzt im Supermarkt, um für das Abendessen einzukaufen, dachte Joachim und ging in die Küche. In diesem Moment musste er an sein Fahrrad denken. Cornelia einen Zettel hinlegen und mit dem Auto eben alleine hinfahren, dazu hatte er keine Lust. Außerdem wollte er zu Hause sein, wenn Cornelia kam.
Im Treppenhaus waren Schritte zu hören. Er öffnete die Wohnungstür einen Spalt und hörte die Stimmen des älteren Ehepaars, das im dritten Stock wohnte. Er ging in die Küche zurück und nahm die Flasche Cynar aus dem Büfettschrank. Die Gläser waren im Küchenschrank über der Spüle. Joachim schenkte sich großzügig ein und nahm einen kleinen Schluck. Den Aperitif wollte er eigentlich gemeinsam mit Cornelia trinken. Joachim setzte sich an den Küchentisch und grübelte über das nach, was er machen könnte, falls Cornelia nicht nach Hause kommen sollte. Welchen Grund könnte Cornelia gehabt haben, mit dem Zug wegzufahren, ohne ihm Bescheid zu sagen. Vielleicht würde sie noch anrufen und ihm alles erklären, dachte er und nippte an seinem Aperitif. Er musste an heute früh denken, als ihm durch den Kopf ging, wie wenig er doch von Cornelia wusste.
Nachdem er eine ganze Weile nur so dagesessen hatte, stand er auf und ging ins Wohnzimmer. Er wollte bei Cornelias Arbeitskollegin aus dem Kindergarten anrufen. Die Nummer müsste im Telefonbuch zu finden sein. Sie hieß Sandra Fenske, doch er wusste nicht, wie der Nachname genau geschrieben wurde. Das Telefonbuch war nicht im Wohnzimmer. Er fand es schließlich im Arbeitszimmer. Er schlug es auf und suchte unter dem Buchstaben F den Namen Fenske. Der Name kam fünf Mal vor und sogar einmal als Eintrag S. Fenske. Joachim wählte die dort angegebene Nummer. Es war besetzt. Er legte auf und ging ins Wohnzimmer zurück, um seinen Aperitif zu holen, den er auf dem Wohnzimmertisch stehen gelassen hatte. Auf dem Weg zurück durch den Flur trank er aus seinem Glas und verschüttete beinahe etwas. Seit Cornelia bei ihm wohnte, hatte er das schnurlose DECT-Telefon der Strahlung wegen eingemottet. Joachim trank den letzten Schluck aus seinem Glas und wählte die Nummer erneut. Diesmal hörte er ein Freizeichen. Er ließ es mindestens zehnmal klingeln. Niemand nahm am anderen Ende der Leitung ab. Er setzte sich in den Zweiersessel gegenüber vom Schreibtisch und blätterte lustlos in verschiedenen Zeitschriften. Immer wieder horchte er nach der Wohnungstür. Nichts, kein Laut, kein Schlüssel, der ins Türschloss gesteckt wurde und kein Knarren im Treppenhaus. Es verging bestimmt eine Stunde, dann wählte er ein weiteres Mal die Nummer. Es nahm keiner ab. Er hatte Hunger und so ging er in die Küche. Er schaute ins Tiefkühlfach. Frühlingsrollen, Flammkuchen, Backcamembert, hart gefrorene selbst gebackene Kuchenstücke und im Gefrierbeutel erstarrte Bolognesesoße. Die Soße hatte Cornelia letzten Sonntag für sie beide gekocht. Er entschied sich für den Flammkuchen. Nach Kochtöpfen, Bratpfannen, Umrühren und Anbrennen war ihm nicht zumute.
Er schob den Flammkuchen in den Ofen, ging zurück ins Arbeitszimmer und wählte die Nummer erneut. Er hörte dreimal das Freizeichen und dann eine tiefe etwas unfreundliche Männerstimme, die sich mit dem Namen Fenske meldete.
»Hallo, hier ist Joachim Magiera. Ich hätte gern Sandra Fenske gesprochen«, sagte er zögerlich.
»Tut mir leid, eine Sandra Fenske haben wir hier nicht«, antwortete die immer noch tiefe aber jetzt freundlich klingende Männerstimme am anderen Ende der Leitung.
»Entschuldigen Sie bitte, da habe ich wohl die falsche Nummer gewählt«, erwiderte Joachim enttäuscht.
»Macht nichts, kein Problem.«
Joachim überlegte, ob es den Namen Fenske nicht auch mit V gäbe. Er blätterte im Telefonbuch zum Buchstaben V. Hier fand er den Namen mehrfach sowohl mit z in der Mitte als auch mit tz. Der nicht ausgeschriebene Vorname S. kam auch dreimal vor. Zweimal unter Ventzke und einmal in der Schreibweise Venzke. Es schien aussichtslos. Joachim ging zurück in die Küche und schaute nach seinem Flammkuchen. Es war mittlerweile halb acht, aber noch hell draußen. Der Flammkuchen brauchte noch einige Minuten. Joachim nahm eine angebrochene Flasche Rotwein aus dem Kühlschrank. Es war ein italienischer Merlot aus dem Friaul. Zur selbst gemachten Pizza hätten Cornelia und er heute eine neue Flasche aufgemacht, dachte er traurig, nahm sich ein Weinglas aus dem Büfettschrank und schenkte sich den kalten Rotwein ein. Auf dem Glas schlug sich, genau wie auf der Flasche, die Feuchtigkeit der Raumluft nieder. Es bildeten sich Wassertropfen, die langsam am Glas hinunterliefen. Joachim öffnete die Tür zum kleinen Küchenbalkon und trat hinaus in die immer noch milde Abendluft. Auf dem Balkon stand eine angebrochene Kiste Bier und einige leere Mineralwasserflaschen lagen kreuz und quer in einer Klappbox. Zwischen den Häuserzeilen befanden sich kleine Gärten. Hier war noch leben. Es wurde sogar gegrillt, vermutlich das erste Mal in diesem Jahr. Auf einer Terrasse schräg gegenüber wurde gelacht. Hier standen mehrere Leute mit Proseccogläsern in der Hand und unterhielten sich. Gelegentlich waren die schrillen Stimmen von spielenden Kindern zu hören. Joachim sah hinunter, trank von seinem kalten Rotwein und dachte nach.
Warum hatte Cornelia nicht angerufen? Vielleicht war etwas Unvorhergesehenes passiert und sie hatte nicht die Möglichkeit gehabt, sich zu melden. Aber Telefone gab es doch überall.
Dass Joachim gar nichts über Cornelia wusste, hatte ihm bisher nichts ausgemacht. Sie hatte nie über frühere Beziehungen mit ihm gesprochen. Wenn sie gelegentlich über die Familie redeten, dann nur über Joachims. Und Cornelia schien froh darüber zu sein, dass sie nicht von ihrem bisherigen Leben erzählen musste. Jetzt hätte er gerne mehr über ihre Familie und ihre früheren Freunde gewusst. Joachim nahm einen großen Schluck von seinem Rotwein und starrte wieder gedankenverloren in die Gärten unter sich. Seine Miene verfinsterte sich. Oder hatte Cornelia einen anderen Mann kennengelernt, zu dem sie jetzt gefahren war? Wäre es möglich, dass sie ihn verlassen hatte; aber ihre Sachen waren noch alle in der Wohnung. Doch das musste nichts heißen, schließlich konnte sie ihren Kram später noch holen, in ein bis zwei Tagen vielleicht, zusammen mit ihrem neuen Freund. Konnte es sein, dass Cornelia ein Mensch war, der es nie lange in einer Partnerschaft aushielt? Joachim musste an die Katze denken, die seine Schwestern und er für eine Weile hatten, als sie noch bei ihren Eltern wohnten. Die Katze war ihnen zugelaufen. Zunächst hatten sie versucht, den Besitzer ausfindig zu machen. Sie fragten überall in der Nachbarschaft herum, wem die Katze gehören könnte, ergebnislos. Die Katze blieb bei ihnen und bekam den Namen Morle. Tagsüber streunte sie in der Gegend herum und kehrte abends immer wieder zurück zur Familie Magiera. Sie hatte einen festen Platz im Wohnzimmer, war sehr anhänglich und anschmiegsam. Das ging ungefähr ein Jahr so, dann war sie plötzlich verschwunden. Der erste Gedanke war, dass Morle von einem Auto überfahren wurde. Wieder fragte Joachim in der Nachbarschaft herum. Niemand hatte die Katze gesehen. Zwei Jahre später entdeckten sie Morle in einer anderen Siedlung, nur wenige Kilometer entfernt. Sie hatte sich ein neues zu Hause gesucht. Sie wohnte jetzt bei einer alten alleinstehenden Frau. Joachim und seine Schwestern unternahmen gar nicht erst den Versuch, die Katze wieder zu sich zu holen. Später hörte er, dass Katzen wie Morle gar nicht so selten waren.
Cornelia war erst seit acht Monaten in der Stadt. Sie war aus Frankfurt hergezogen, um die Stelle als Erzieherin im städtischen Kindergarten anzutreten. In Frankfurt hatte sie zuletzt Kunstpädagogik studiert, aber das Studium dann abgebrochen. Als Joachim Cornelia kennenlernte, wohnte sie noch in einem möblierten Zimmer. Joachim war seit zwei Jahren wieder solo, nach seiner bald dreijährige Beziehung zu Sonja, einer Bankkauffrau. Mit Cornelia fühlte es sich ganz anders an, als damals mit Sonja.
Cornelia schien außer Sandra, ihrer Kollegin aus dem Kindergarten, keinen Menschen in der Stadt zu kennen. Hin und wieder traf sie sich mit ihr abends zum Glas Wein. Es gab also sonst niemanden, den Joachim hätte anrufen können.
Joachim trank das Glas leer. Der kalte Wein schmeckte ihm nicht besonders gut. Er hatte einen kleinen Schwips und trat vom Balkon in die Küche zurück. Der Flammkuchen war schon etwas dunkel geworden. Joachim nahm sich vor, nach dem Essen noch einmal zu versuchen, Sandras Telefonnummer ausfindig zu machen. Er schenkte sich erneut Rotwein ein. Seine Hand wurde von der Flasche nass. Er wischte sie sich an seiner Jeanshose trocken.
Nachdem er den Flammkuchen gegessen und das dritte Glas Wein getrunken hatte, ging er zurück ins Arbeitszimmer und versuchte noch zweimal Sandra zu erreichen. Doch auch diese Venztkes konnten mit einer Sandra nicht dienen. Es war bereits nach zehn Uhr, als sich Joachim auf die Couch im Wohnzimmer legte. Er war vom Rotwein müde geworden. Am dunklen Abendhimmel zogen kaum sichtbar die ersten Regenwolken auf. Für den nächsten Tag waren stärkere Schauer und deutlich kühlere Temperaturen vorausgesagt. Joachim schlief ein. Gegen zwei in der Nacht wachte er auf. Er taperte müde ins Schlafzimmer und legte sich in das französische Doppelbett. Nur seine Jeanshose zog er noch aus und schlief dann sofort wieder ein.
Brian Hansen saß in seinem silbernen Alfa Romeo Spider. Er war eingenickt. Draußen regnete es noch immer. Im Fahrzeuginneren wirkten die Tropfgeräusche des Regens, deren Monotonie nur gelegentlich durch das Peitschen des böigen Windes durchbrochen wurde, einschläfernd und täuschten eine nicht vorhandene Behaglichkeit vor. Der starke Wind ließ die Regentropfen an der Windschutzscheibe und den Seitenfenstern in unterschiedliche Richtungen verlaufen. Brian Hansen war noch nass vom Regen, vor allem seine im Schulterbereich durchfeuchtete Jacke fing nur allmählich an zu trocknen. Der kurze Weg vom Auto zum Ticket-Schalter war daran schuld. Den Schirm hatte Hansen im eilig gepackten Kofferraum nicht finden können.
Vor nicht einmal fünfzehn Minuten hatte sich die schwere Bugklappe der Britannica geöffnet und in schneller Folge Autos, Wohnmobile, Lastwagen und Motorräder jeglicher Art ausgespuckt. Nach wenigen Minuten waren alle Fahrzeuge aus dem Bauch der Fähre herausgefahren. Brian Hansen wusste, dass die zahlreichen Passagiere deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würden, um von Bord zu gelangen. Außerdem mussten die Schiffsdecks noch gereinigt werden. Er hatte sich eine gute Ausgangsposition gesichert. Vor ihm standen nur drei Autos und ein Kleinlaster, die genau wie er darauf warteten, endlich das Signal zu erhalten, um in den Schlund der Fähre abtauchen zu dürfen.
Brian Hansen war ein stämmiger mittelgroßer Mann Anfang vierzig. Er hatte eine Halbglatze und sah dadurch einige Jahre älter aus, obwohl in seinem immer kurz geschnittenen dunkelblonden Haarkranz noch kein graues Haar zu erkennen war. Diese Nacht hatte er nur kurz und schlecht geschlafen. Mit dem Auto war er bereits gegen fünf Uhr morgens von London aus via Colchester über die A120 nach Harwich International Port gefahren. Er hatte sich vorgenommen, die Fähre um neun Uhr früh nach Hoek van Holland zu nehmen, um wieder auf das europäische Festland zu gelangen. Erst gestern war er dort gewesen und abends mit dem letzten Flugzeug von Rotterdam nach London zurückgeflogen. Brian Hansen war noch in derselben Nacht in sein Londoner Büro gefahren, um einige Unterlagen und sein Auto zu holen. Er brauchte für die Aufgaben, die ihm nunmehr bevorstanden, uneingeschränkte Mobilität, ohne auf dem Kontinent von Fahrplänen und Abfahrtszeiten abhängig zu sein. Nachdem Hansen alles, was er aus dem Büro brauchte, beisammengehabt hatte, war er noch in seiner Londoner Dreizimmerwohnung gewesen. Hier hatte er zwei Reisetaschen mit den wichtigsten Kleidungsstücken für die nächsten Tage gepackt. Wie lange er genau unterwegs sein würde, wusste er nicht. Einige Tage auf jeden Fall. In seiner Wohnung war es kalt und ungemütlich gewesen. Victoria wohnte jetzt seit einem knappen Jahr nicht mehr bei ihm. Vier Jahre waren sie zusammen gewesen, doch dann war in ihrer Beziehung alles schief gelaufen. Sie hatten sich getrennt und Victoria war wieder ihre eigenen Wege gegangen. Brian Hansen hatte die Trennung noch nicht überwunden, denn er liebte sie noch immer. Auch beruflich war er nicht mehr zufrieden. Er kam nicht voran und verdiente für Londoner Verhältnisse viel zu wenig Geld. Brian Hansen war mit sich und der Welt unzufrieden, doch jetzt sah er eine Möglichkeit, dies grundlegend zu ändern. Endlich bekam er eine Chance, auf die Sonnenseite des Lebens zu gelangen.
Nach einer kurzen Nacht war er zu seinem Auto gegangen, hatte die beiden Reisetaschen zu den anderen Sachen im unaufgeräumten kleinen Kofferraum geworfen und war nach Harwich gefahren.
Ein dumpfer Schlag auf die Windschutzscheibe riss Brian Hansen aus dem mittlerweile tiefen Schlaf. Im gleichen Moment hörte er ein durchdringendes Gegröle aus mindestens drei heiseren Männerkehlen.
»We`ll win coz we`re Arsenal, We`ll win coz we`re Arsenal …«, sangen die Männer vor seinem Auto mit unmusikalischen Stimmen und nach der Melodie Go West. Ein Mann beugte sich mit hochrotem Kopf weit über die Motorhaube und schwenkte seine Arme, von denen mehrere Fanschals herabbaumelten. Nach wenigen Sekunden zogen die Männer weiter, doch ihr Gesang war noch einige Zeit zu hören. Arsenal London hatte Ajax Amsterdam im Auswärtsspiel in der Champions League drei zu eins geschlagen. Hansen war schlagartig wach geworden und fühlte sich elend. Er gähnte und streckte dabei den Rücken durch. Die Autoschlangen hinter und neben ihm waren weiter angewachsen. Etwa dreihundert Fahrzeuge sollten auf der Fähre Platz haben, so stand es jedenfalls in der Broschüre der Reederei. Es verließen noch immer Passagiere die Fähre und gingen an den wartenden Fahrzeugen vorbei. Hinter einer Absperrung und geschützt von einer Überdachung, standen die neuen Fahrgäste bereit, um an Bord der Fähre zu gehen. Hansen langweilte sich. Er hatte ganz vergessen, sich eine Zeitung zu kaufen. Die Unterlagen aus seinem Büro kannte er in und auswendig. Er schaltete das Autoradio ein. Eine Cover-Version von A whiter shade of pale wurde gespielt. Hansen drehte das Radio leiser. Er musste an seine Anzahlung denken. Während der Überfahrt wollte er seine Bank in der Schweiz anrufen und sich nach dem Eingang der Überweisung erkundigen. Es war vereinbart, dass er noch viel mehr Geld bekommen sollte, wenn alles wunschgemäß geregelt war.
Hansens Blick ging ins Leere. Er malte sich aus, was er mit dem vielen Geld alles machen konnte. Auf die faule Haut legen wäre eine Möglichkeit, vielleicht für ein oder zwei Jahre. Anschließend könnte er sich selbstständig machen, ein eigenes Büro gründen, mit fünf bis zehn Angestellten vielleicht.
Ein durchdringendes Hupen ließ Brian Hansen aus seinen Gedanken aufschrecken. Im Rückspiegel sah er einen Mann, der hinter dem Lenkrad seines bulligen Offroaders saß und wild mit den Armen gestikulierte. Hansen schaute nach vorne und nahm gerade noch wahr, wie das Auto, das die ganze Zeit vor ihm gestanden hatte im Schlund der Fähre verschwand. Die Fahrzeugschlange neben ihm war längst in Bewegung. Ein Auto nach dem anderen fuhr in das Schiff hinein. Erst jetzt bemerkte Hansen den Mann vom Schiffspersonal, der eine Reflektorweste trug und ihn böse ansah. Mit einem Signalstab in der Hand ging er forsch auf Hansens Auto zu. Hansen drehte den Zündschlüssel und der Motor seines Alfa Romeo Spider sprang an. Mit einer entschuldigenden Handbewegung fuhr er an. Um neun Uhr sollte die Fähre ablegen und gegen Mittag Hoek van Holland erreichen, einen Stadtteil von Rotterdam.
Joachim wurde wach, öffnete die Augen und richtete sich auf den Ellenbogen abgestützt im Bett auf. Das Fenster im Schlafzimmer stand auf kipp. Draußen war das laute Keckern einer Elster zu hören, die irgendwo auf der Regenrinne oder einem nahe am Haus stehenden Baum ihr morgendliches Spektakel veranstaltete. Nach einer kurzen Pause hörte er wieder das lang anhaltende schäck-schäck-schäck. Cornelia hatte sich einmal über ihn lustig gemacht, als er früh morgens am offenen Fenster versucht hatte, eine Elster durch lautes Klatschen zu vertreiben. Es war ihm nicht gelungen. Die Elster hatte danach noch lauter gekeckert und es hatte den Anschein, als wollte sie ihn verhöhnen.
