Blutige Fäden - Fabian Holting - E-Book

Blutige Fäden E-Book

Fabian Holting

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Beschreibung

Liebe oder Verbrechen? Atmosphärisch dichter Roman, der aus dem kühlen Hamburg in die Welt der Schönen und Reichen an die traumhafte französische Mittelmeerküste führt. Was verschweigt die erfolgreiche Modedesignerin Maren Hagena? Sven Terhagen, abgebrochener Jurastudent und fristlos entlassener Mitarbeiter einer Hamburger Detektei, versucht auf eigenen Beinen zu stehen. Sein erster Auftrag als selbstständiger Privatermittler erweist sich gleich als große Herausforderung. Eine Mutter sucht ihren Sohn, der als Student gerade ein Praktikum in der Modebranche gemacht hat. Terhagen nimmt die Fährte auf. Sie führt ihn nach Südfrankreich zu der attraktiven Modedesignerin Maren Hagena und ihrer hübschen Tochter Nicole.

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Fabian Holting

Blutige Fäden

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Impressum neobooks

I

Über die Mode von gestern lächelt man,

aber für die Mode von vorgestern begeistern wir uns,

wenn sie die Mode von morgen zu werden verspricht.

Marlene Dietrich

1. Auflage

Teil 1

1

Ein langes Pfingstwochenende, das nicht trister hätte sein können, lag hinter mir. Ein zäher Hochnebel hatte sich entgegen den Prognosen der Meteorologen nicht annähernd aufgelöst und für eine bedrückende Stimmung gesorgt. Außerdem war es tagsüber so kühl wie im März gewesen, sodass die angekündigten zwanzig Grad nicht einmal zur Hälfte erreicht wurden. Auf den Hochnebel waren bereits am Montagabend Regenwolken gefolgt, die zwar etwas mildere Luft mitgebracht hatten, sich an diesem trostlosen Dienstagmorgen aber unnachgiebig ihrer feuchten Fracht entledigten. Ich stand am Fenster und schaute hinaus auf die belebte Straßenkreuzung, auf der sich zäh Stadtbusse, schwere Lastwagen und jede Menge Autos im Regen dahinschleppten. Scheibenwischer bewegten sich im Gleichtakt und unter aufgespannten Regenschirmen hasteten die wenigen Passanten ihrem Ziel entgegen.

Meine Stimmung war nicht nur wegen des für Anfang Juni so enttäuschenden Wetters betrübt, zu allem Überfluss hatte mich eine Freundin am Pfingstsonntag mit einer fadenscheinigen Begründung versetzt. Ich hatte schon seit einigen Tagen daran gearbeitet, dass aus der Freundschaft deutlich mehr wurde. Für mich waren nicht nur die letzten Tage, sondern auch die letzten Monate alles andere als gut gelaufen. Ich sah einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Einzige, die trotz meines bisher ziemlich verkorksten Lebens noch zu mir hielt, war meine Mutter. Sie hatte mir für meinen gewagten Neuanfang Geld zukommen lassen, obwohl auch ihr der Glaube an meine berufliche Zukunft verloren gegangen war. Mein Vater war längst an mir verzweifelt und sprach bei den wenigen Anlässen, bei denen wir uns begegneten, nur meiner Mutter zuliebe noch das eine oder andere belanglose Wort mit mir. Dabei hatte alles so gut angefangen. Ich machte ein recht anständiges Abitur, ging pflichtbewusst und ganz im Sinne meines Vaters zur Bundeswehr und begann im Sommer darauf mein Jurastudium in Hamburg. An der Universität lernte ich auch meine Freundin Esther kennen und es sah für meine Eltern einige Jahre so aus, als wäre ihre zukünftige Schwiegertochter bereits gefunden. Doch es sollte alles ganz anders kommen. Esther beschloss, ihr Medizinstudium in München fortzusetzen, wofür ich zunächst Verständnis aufbrachte, bis ich schließlich herausbekam, dass sie einem Kommilitonen gefolgt war, in den sie sich unsterblich verliebt hatte. Es folgte ein tränenreiches Geständnis vor dem Hamburger Michel. Anschließend gingen wir in das nächstbeste Café. Bei einem Glas Latte macchiato, das heißt, ich hatte mir zur Beruhigung einen doppelten Ballantine`s bestellt, beschlossen wir, gute Freunde zu bleiben. Die Entfernung zwischen Hamburg und München half mir dabei. Daraufhin geriet mein bisher so geradlinig verlaufendes Leben etwas aus den Fugen. Eine zweite Sturm und Drang Zeit begann, die Erste fiel übrigens in meine Bundeswehrzeit. Ich ließ keine Party aus, hatte einige kurze aber intensive Beziehungen, One-Night-Stands inbegriffen und trank auch recht viel. Schließlich brach ich genervt vom Studentenleben und der finanziellen Abhängigkeit von meinen Eltern mein Jurastudium kurz vor dem ersten Staatsexamen ab. Ich hätte es vermutlich ohnehin nicht bestanden. Zum Entsetzen meines Vaters fing ich wenig später bei einer Privatdetektei an und überführte von da an arbeitsunwillige Angestellte, die sich statt krank im Bett zu liegen, auf dem Tennisplatz vergnügten, abtrünnige Ingenieure, die den Wettbewerber mit Informationen und Know-how versorgten sowie scheinbar integere Bürger, die ihre Versicherung über den Tisch ziehen wollten. Es lief gut für mich in der kleinen Detektei und die Arbeit machte mir sogar Spaß. Zu allem Überfluss hatte ich nach kurzer Zeit beim Inhaber ein Stein im Brett, was mir allerdings noch zum Verhängnis werden sollte. Wir waren insgesamt sieben Ermittler und ich hatte das Glück, fast ausschließlich in der Abteilung für Wirtschaftskriminalität zum Einsatz zu kommen. Die Überführung von untreuen Ehemännern und Ehefrauen blieb mir also erspart. Es war leichter einem Personalchef die Bilder von der sauber durchgeschwungenen Vorhand des angeblich mit Lungenentzündung im Bett liegenden Vorarbeiters zu präsentieren, als der in Tränen aufgelösten Ehefrau die Fotos ihres Mannes in den Armen eines zwanzig Jahre alten Betthupferls zu zeigen. Mit den Zivil- und Privatangelegenheiten hatte ich also allenfalls vertretungsweise etwas zu tun. Der Inhaber der Detektei, eine rüstige Silberlocke Mitte sechzig, der nach drei teuren Scheidungen noch einmal ein junges hübsches Ding geheiratet hatte, war so zufrieden mit mir, dass er mich gelegentlich zum Abendessen zu sich nach Hause einlud. Vermutlich hegte er die Hoffnung, in mir einen würdigen Nachfolger für sein Unternehmen gefunden zu haben. Seine Frau, die auch als seine Tochter hätte durchgehen können und vielleicht zwei bis drei Jahre älter war als ich, kochte an diesen Abenden für uns. So wie sie mich ansah, war mir schnell klar, dass sie anders als ihr Mann, nicht meine gute Auffassungsgabe, die juristischen Kenntnisse und ein Gespür für die Ermittlungsarbeit schätzte, sondern vielmehr meine mit achtundzwanzig Jahren noch durchaus vorhandene Jugendlichkeit, meine sportliche Figur und ein Gesicht, welches sich vom Durchschnitt deutlich abhob. Kurzum, ich wirkte nicht unattraktiv auf sie, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie war zwar etwas einfältig, hatte aber eine Wespentaille, ein üppiges Dekolleté und das Antlitz von Elisabeth Taylor in der Rolle der Maggie in dem Film Die Katze auf dem heißen Blechdach. Alles in allem eine verlockende Konstellation, der wir beide nicht widerstehen konnten. Es dauerte also nicht mehr lange, bis ich mit seiner jungen Frau ins Bett ging. Obwohl ich es mir eigentlich hätte denken können, hatte mein Chef zu seinem Elisabeth-Taylor-Verschnitt nur wenig Vertrauen, sodass er gelegentlich einen Kollegen von mir auf sie ansetzte, um sich ihrer Treue zu vergewissern. Zu meinem Bedauern ließ das Ergebnis dieses berechtigten Misstrauens nicht lange auf sich warten. Eines schönen Tages präsentierte er mir in seinem Büro, mit vor Zorn gerötetem Gesicht, gestochen scharfe Fotos, die mir noch immer einen Stich versetzen, wenn ich daran denke. Zu meiner Entschuldigung muss ich hinzufügen, dass mein Verhältnis zu seiner Frau rein sexueller Natur war. Die Fotos, auf denen ich seine Frau besprang wie ein Hund eine Hündin, waren im Vergleich zu den vielen anderen Ablichtungen, die er mir der Reihe nach auf den Schreibtisch knallte, noch von der harmloseren Art. Bis heute frage ich mich, wie diese detailreichen Aufnahmen zustande kommen konnten. Natürlich wurde ich umgehend entlassen, und als ich schon nicht mehr damit rechnete, erhielt ich von meinem rüstigen Chef einen Fausthieb ins Gesicht, der einen Cut über dem rechten Auge zur Folge hatte. Ich verließ sein Büro mit blutverschmierter Visage und gebeugter Haltung. Die Platzwunde musste im Krankenhaus mit sechs Stichen genäht werden.

Obwohl die ganze Angelegenheit bereits zwei Monate zurücklag, meldete sich auch jetzt wieder, während ich missmutig in den Sprühregen starrte und über mein bisheriges Leben nachgrübelte, die Narbe über meinem rechten Auge mit einem unangenehmen Pochen. Ich wandte mich schließlich vom Fenster ab und betrachtete meine Büromöbel aus der Ikea-Serie Galant, die ich mir dank meiner liebevollen Mutter und ihrem grenzenlosen Verständnis zum Start in die Selbständigkeit hatte leisten können. Auch für die Miete des kleinen Siebzig-Quadratmeter-Büros in einer fast leerstehenden Gewerbeimmobilie in Hamburg-Harburg wollte meine Mutter so lange aufkommen, bis die Anzahl der Aufträge reichte, um mir meinen Traum von der Selbständigkeit mit eigenen Einkünften zu finanzieren. Ich hatte also, nachdem ich sowohl das Jurastudium, als auch meine vielversprechende Karriere in einer angesehenen Privatdetektei förmlich verschenkt hatte, den Kopf nicht in den Sand gesteckt, sondern den Schritt nach vorne gewagt. Zu meiner eigenen Überraschung ging die Gewerbeanmeldung schneller über die Bühne, als ich angenommen hatte. Da ich aus Hamburg nicht wegwollte, erschien es mir sinnlos, mich bei einer der hiesigen Detekteien zu bewerben. Mein gehörnter Chef hatte mir nämlich versprochen, höchstpersönlich dafür zu sorgen, dass ich als Detektiv keine Anstellung mehr in Hamburg und Umgebung bekomme. Da er nicht ohne Einfluss in dieser Branche war, glaubte ich ihm sogar. Ich setzte mich hinter meinen Ikea-Schreibtisch und knipste die Arbeitsleuchte ARÖD an. Mein Ultrabook ließ ich aus dem Schlafmodus erwachen und prüfte noch einmal meinen Eintrag im Online-Branchenführer, der erst seit zwei Tagen für die Öffentlichkeit sichtbar war. Leider hatte die Zeit für einen Eintrag in das gedruckte Branchenverzeichnis nicht mehr gereicht, aber wahrscheinlich war das Internet ohnehin wichtiger.

Detektei Sven Terhagen

Private Ermittlungen für Wirtschaftskriminalität,

Privat- und Zivilangelegenheiten

www.detektei-terhagen.de

[email protected]

Es folgten die Anschrift sowie die Fax- und Telefonnummer. Ich war mit dem Eintrag immer noch zufrieden und nahm mir vor, meine Website weiter mit Inhalt zu füllen. Zuvor kontrollierte ich noch einmal das E-Mail-Postfach, welches bis auf die Begrüßungsnachricht des Diensteanbieters leer war. Mit einer ersten Kundenanfrage hatte ich nicht ernsthaft gerechnet. Die Konkurrenz in Hamburg war groß und so hatte ich mich auf eine Durststrecke eingestellt.

2

Als ich gerade dabei war, meine Berufserfahrung als Detektiv zu beschreiben, schrillte die Türglocke. Ein fürchterlicher Ton, den ich mir allerdings nicht ausgesucht hatte, weil die elektronische Glocke zur Mietsache gehörte. Verwundert blickte ich von meinem Ultrabook auf. Meine Mutter konnte es nicht sein, sie war mit meinem Vater zu meiner jüngeren Schwester gefahren. An Kundschaft glaubte ich ebenso wenig, wie an den Heizungsableser. Vermutlich ein Vertreter, dachte ich und erhob mich von meinem Schreibtischstuhl TORKEL. Ich ging zur Tür und betätigte die Gegensprechanlage. »Ja bitte.« Keine Antwort. Dann klopfte es an der Tür. Das hätte ich mir denken können, schließlich war die Haustür unten noch nie verschlossen gewesen, auch nachts nicht. Mein Besuch, wer es auch immer sein mochte, war die drei Stockwerke hinaufgefahren und hatte direkt an der Bürotür geklingelt. Ich öffnete umgehend. Vor mir stand eine Frau mit gepflegtem Äußeren und nicht unattraktiv, obwohl sie ihre besten Jahre wohl hinter sich hatte. Über ihrer Schulter hing am langen Riemen eine hübsch gemusterte Tasche. Sie war sehr modisch gekleidet, soweit ich das beurteilen konnte. Ihr durchaus noch hübsches Gesicht war dezent geschminkt. Das Make-up kaschierte manche Unebenheiten darin, die das Leben dort in all den Jahren hinterlassen hatte. Sie sah mich einen kurzen Augenblick mit sorgenvoller Miene an. Dann streckte sie mir die Hand entgegen und rang sich ein Lächeln ab. Sie stellte sich mit Marion Kessler vor. »Terhagen«, erwiderte ich ernst. Ihr Händedruck war fester als ich erwartet hatte. Noch immer hielt ich es für ausgeschlossen, dass ich eine Kundin vor mir hatte. Ich dachte eher an eine andere Mieterin des Hauses, die neugierig darauf war, einen Privatdetektiv kennenzulernen. Solche Leute kannte man sonst nur aus dem Fernsehen oder dem Kino und nicht jeder glaubte wirklich an ihre Existenz. Sie bemerkte meinen überraschten Gesichtsausdruck und ihre Stirn legte sich in Falten. Etwas irritiert sah sie mich an. Ich reagierte umgehend. »Aber bitte kommen Sie doch herein.« Ich trat einen Schritt zur Seite und ließ sie durchgehen. Sie sah sich um und schien über mein übersichtliches Büro überrascht zu sein. Vermutlich hatte sie eine Detektei mit mehreren Mitarbeitern und Vorzimmerdame erwartet. Um ihrer Verwunderung ein Ende zu setzen, ergriff ich das Wort:

»Bitte nehmen Sie doch Platz.« Ich zeigte auf den Besucherstuhl SÄRNA, von dem ich gleich zwei vor meinem Schreibtisch stehen hatte. Einen kleinen Konferenztisch und vier weitere Besucherstühle wollte ich erst anschaffen, wenn die ersten Aufträge etwas Geld ins Unternehmen gespült hatten. »Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?«

»Sehr gerne«, antwortete sie und betrachtete kurz meine Narbe über dem Auge, die sofort zu pochen anfing. Während Frau Kessler es sich im Besucherstuhl vor meinem Schreibtisch bequem machte, ging ich rasch nach nebenan, wo sich eine kleine Küche befand. Ich hatte tatsächlich vor einer halben Stunde eine Kanne Kaffee aufgesetzt, den ich nur noch in die Thermoskanne gießen musste. Selbstverständlich war ich auf alles vorbereitet, denn das erste Gespräch mit einem möglichen Kunden war sehr wichtig, zumindest hatte dies mein ehemaliger Chef immer behauptet. Ich hatte mir also ein vernünftiges Kaffeeservice für sechs Personen mit den entsprechenden Accessoires zugelegt. Stumm, aber mit einem sanften Lächeln sah sie mir dabei zu, wie ich die Unterteller, die Tassen, den Zucker und das Milchkännchen auf den Schreibtisch stellte. Ihr Blick folgte mir, als ich noch einmal in die kleine Küche lief und mit der Thermoskanne und zwei Teelöffeln zurückkehrte. Vielleicht war sie doch meine erste Kundin, überlegte ich. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Sie musterte wieder mein bescheidenes Büro und ich hatte die Befürchtung, ihr würden Zweifel kommen, ob sie die richtige Detektei für ihr Anliegen ausgewählt hatte. Ich schenkte ein und begann vom schlechten Wetter zu reden. »Sind Sie gar nicht nass geworden?«

»Nein, ich hatte das Glück, direkt vor dem Eingang parken zu können.«

Ich setzte mich ihr gegenüber. Sie goss sich etwas Milch ein, nahm zwei Löffel Zucker und rührte um. Ich trank den Kaffee immer schwarz. Erst jetzt bemerkte ich die Schatten unter ihren Augen und mir fiel auf, wie müde ihr Gesicht trotz des Make-ups aussah. Sie schien einige schlaflose Nächte hinter sich zu haben.

»Was führt Sie zu mir?«, fragte ich und mittlerweile war ich mir ganz sicher, meine erste Klientin vor mir zu haben. Bevor sie antwortete, prüfte sie den Sitz ihrer brünett gefärbten Haare, als hätte sie eine Mütze getragen, was aber nicht der Fall war. Sie war anscheinend genauso nervös, wie ich selbst.

»Mein Sohn ist verschwunden.« Sie kämpfte gegen einen Gefühlsausbruch an und nippte rasch an dem noch heißen Kaffee. Ich hatte mir als ersten Fall etwas Leichteres gewünscht, als eine Vermisstensuche und hoffte, dass sie mir diesen Gedanken nicht ansah. Viel lieber hätte ich eine Vertragsverletzung im Krankenstand oder einen einfachen Versicherungsbetrug bearbeitet, aber das Leben war nun einmal kein Wunschkonzert. »Wie alt ist Ihr Sohn?«

Sie zögerte einen kurzen Moment und ich befürchtete, sie könnte antworten, etwa in Ihrem Alter.

»Er ist am 1. April dreiundzwanzig Jahre alt geworden.«

»Wie lange vermissen Sie ihn schon?«

»Ich habe seit drei Wochen nichts mehr von ihm gehört.«

Ich überlegte kurz. »Ihr Sohn ist erwachsen, das muss nicht unbedingt etwas bedeuten.«

»Das Gleiche hat mir die Hamburger Polizei auch erzählt«, entgegnete sie mit einem resignierten Lächeln.

»Dann sind Sie davon überzeugt, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte.«

»Ja, weil es nicht seine Art ist, so lange nichts von sich hören zu lassen.«

»Ist er Ihr einziges Kind?«

»Ja.«

»Und sein Vater?«

»Ich habe ihn allein erzogen, sein Vater hat es vorgezogen, mit einer anderen Frau in die USA zu gehen.«

»Vielleicht ist er zu ihm gefahren?«

»Nein, ich habe vor zwei Tagen mit seinem Vater telefoniert. Dort ist er nicht.«

Die Frau tat mir leid. Sie saß mittlerweile etwas zusammengesunken im Besucherstuhl und wirkte sehr zerbrechlich und entmutigt. Anscheinend war sie wirklich davon überzeugt, dass ihrem Sohn etwas Schlimmes zugestoßen war. Diese Einschätzung schien mir bei einem Dreiundzwanzigjährigen vollkommen überzogen zu sein. Wahrscheinlich hatte er sich einfach nur eine Auszeit genommen und war für einige Woche nach Mallorca geflogen. Ich versuchte das Gespräch möglichst sachlich fortzusetzen und hoffte, ihr etwas Angst nehmen zu können.

»Gut, ich fasse noch einmal zusammen«, sagte ich und nahm mir Notizblock und Stift zur Hand. »Sie haben von Ihrem dreiundzwanzigjährigen Sohn seit drei Wochen nichts mehr gehört, bei seinem Vater in den USA ist er definitiv nicht. Bei der Polizei waren Sie ebenfalls. Ich nehme an, dass Sie dort eine Vermisstenanzeige aufgegeben haben.« Ich blickte fragend von meinem Notizblock auf. Sie nickte mir zu und betrachtete wieder die Narbe über meinem rechten Auge. Ich berührte sie mit den Fingerspitzen. »Eine ärgerliche Sportverletzung«, bemerkte ich lapidar. »Wann waren Sie bei der Polizei?«

»Letzten Freitag«, antwortete sie knapp und richtete sich in ihrem Besucherstuhl etwas auf.

»Gut«, sagte ich wieder und grübelte ein wenig darüber nach, wie ich weiter vorgehen konnte. »Die Polizei wird nicht viel unternehmen, da Ihr Sohn volljährig ist, es sei denn, er wäre krank, nicht zurechnungsfähig oder hätte eine Straftat begangen.«

Sie schüttelte entschieden mit dem Kopf.

»Dann wird die Polizei den Namen Ihres Sohnes an die Landeskriminalämter weitergeben. Die werden den Vorgang ablegen und warten, bis jemand gefunden oder gemeldet wird. Erst dann werden sie wieder aktiv«, fuhr ich ein wenig abwertend fort.

»Weil ich weiß, dass die Polizei nahezu nichts unternehmen wird, zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht, bin ich hier bei Ihnen«, erwiderte sie schon deutlich selbstbewusster, als zu Beginn unseres Gesprächs. Ich nickte nur und wünschte mir wieder, ich hätte die Personalchefin eines mittelständischen Unternehmens vor mir, die einem ihrer Mitarbeiter misstraute. Diese Aufgabe wäre leichter und vor allem überschaubarer gewesen. »Eine Vermisstensuche kann mit unterschiedlicher Intensität durchgeführt werden«, warf ich unvermittelt ein.

Sie sah mich ernst und zugleich herausfordernd an. »Ich möchte, dass Sie meinen Sohn Tag und Nacht suchen.«

Ich schluckte trocken und hoffte, dass Tag und Nacht nur sinnbildlich gemeint war. »Aber Sie kennen meinen Preis noch nicht«, entgegnete ich schnell.

»Da Sie neu im Geschäft sind, gehe ich davon aus, dass Sie deutlich günstiger sein werden, als die übrigen Detekteien, bei denen ich mich erkundigt habe.«

Ich sah sie überrascht an. So unbedarft, wie ich gedacht hatte, war sie doch nicht in mein Büro gekommen. Sie musste sich nach mir erkundigt haben und ich war bis zu diesem Zeitpunkt der Meinung gewesen, einer naiven Person gegenüberzusitzen, die sich die erstbeste Detektei aus dem Internet herausgesucht hatte. Ich überlegte einen Moment. Sie nutzte die Pause und fügte noch hinzu:

»Außerdem gehe ich davon aus, dass Sie wesentlich motivierter an die Sache herangehen werden, als es manch ein Kollege von Ihnen tun würde.« Scheinbar zum Beweis ihrer Aussage, sah sie sich im Raum noch einmal um, bevor sie mir wieder fest in die Augen sah. Hoffentlich hatte sie auch recht mit ihrer Feststellung. Ich nannte ihr einen Stundenpreis, der deutlich unter dem meiner Konkurrenten liegen musste. Sie sah mich zufrieden an und griff nach ihrer Tasche, die neben ihr angelehnt am Stuhlbein stand. Als sie ihre Hand wieder aus der Tasche zog, hielt sie ein Bündel Hunderteuroscheine zwischen Daumen und Zeigefinger. Ihre Fingernägel waren rot lackiert. Sie warf das Bündel auf meinen Schreibtisch.

»Ich denke, das wird für die erste Woche reichen. Ich bin zwar keine besonders reiche Frau, aber dennoch habe ich mir etwas Geld zurücklegen können. Sie können sich also schon einmal darauf einstellen, sofern notwendig, eine ganze Zeit lang nach meinem Sohn zu suchen. Falls er tot sein sollte, möchte ich darüber Gewissheit haben, verstehen Sie?«

Natürlich verstand ich, wenngleich ich nicht davon ausging, dass ihr Sohn bereits nicht mehr unter den Lebenden weilte. Wir erledigten die Formalien und am Ende unterschrieb sie den Auftrag für eine Vermisstensuche mit höchster Intensität. Dass sie es mit einem Ein-Mann-Unternehmen zu tun hatte, war ihr offenbar bewusst und schien sie nicht weiter zu stören. Natürlich hatte ich viele weitere Fragen, die sie mir alle mit größter Geduld beantwortete. Ihr Sohn heiße Sascha und wohne hier in Hamburg in einem Studentenwohnheim. Er studiere Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketing und sei bereits im sechsten Semester. Soweit meine Klientin wusste, hätte er derzeit keine Freundin und sei auch sonst zu ihrem Bedauern eher ein Einzelgänger. Das würde die Suche nicht unbedingt erleichtern, dachte ich. Meine Auftraggeberin wohnte in Düsseldorf und hatte bisher mindestens einmal die Woche, meist sonntags, mit ihrem Sohn telefoniert. Vor drei Wochen das letzte Mal. Danach hätte er sich nicht mehr gemeldet und sie hätte vergeblich versucht, ihn zu erreichen. Im Studentenwohnheim wisse auch niemand, wo er sei, allerdings hätte ihn auch keiner seiner Mitbewohner bisher so richtig vermisst. Ich machte mich auf einiges gefasst. Das Letzte, woran sich Frau Kessler erinnern konnte, war, dass ihr Sohn von einem Praktikum in Hamburg erzählt hatte, ohne allerdings Näheres darüber zu berichten. An der Universität wisse auch niemand etwas über seinen Verbleib. Sie hatte im Sekretariat und bei einigen Studenten aus seinem Semester nachgefragt. Es gab also praktisch keine Anhaltspunkte und etwas verzweifelt stellte ich meine letzten Fragen.

»Hat Ihr Sohn irgendwelche Hobbys oder anderweitige Leidenschaften?« Sie sah mich irritiert an, vermutlich gefiel ihr das Wort Leidenschaften nicht, weil es aus meinem Mund ein wenig anrüchig klang.

»Er ging gern mal ins Kino und wie die meisten jungen Leute auch in Diskotheken.«

»Allein oder mit Freunden?«

»In Düsseldorf hat er einen kleinen Freundeskreis, vorwiegend Schulfreunde. Wen er hier in Hamburg kennengelernt hat, kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen.«

»Hat er irgendeinen Sport gemacht?«

»Er hat im Verein Schach gespielt, aber soweit ich weiß, hat er hier in Hamburg damit nicht wieder angefangen. Er ist eher ein Stubenhocker, müssen sie wissen. Das war schon in seiner Kindheit so.« Auch das noch, dachte ich und sah ihr dabei zu, wie sie wieder in ihrer Tasche kramte. Sie zog einen Schnellhefter heraus.

»Da ich wusste, dass Sie solche Informationen benötigen werden, habe ich hier einige Notizen gemacht. Das Meiste kennen Sie schon. Aber Sie finden dort auch die Anschrift des Studentenwohnheims. Und hier ist der Schlüssel zu seinem Zimmer. Ich habe ihn heute Morgen bereits von der Hausverwaltung abgeholt. Sie werden sich dort sicherlich umsehen wollen. Ich habe übrigens keine Hinweise gefunden, die erklären, wo er abgeblieben sein könnte.« Sie reichte mir den Schnellhefter und den Schlüssel. Auf dem ersten Blatt klebte ein Foto von Sascha. Das wäre meine nächste Frage gewesen. Er wirkte auf dem Bild jünger als dreiundzwanzig, was nicht nur an der Akne in seinem Gesicht lag. Die Haare waren kurz geschnitten und vorne hochgestylt. Alles in allem hatte er ein Allerweltsgesicht. Die Ähnlichkeiten mit seiner Mutter hielten sich in Grenzen. Er musste wohl eher nach dem Vater kommen. Ich legte den Hefter auf den Tisch und dabei fiel mir ein, dass ich von meiner Klientin selbst bisher noch sehr wenig erfahren hatte. »Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?«

»Ich betreibe eine recht gut gehende Boutique in Düsseldorf.«

»Haben Sie Angestellte?«

Sie sah mich verwundert an. »Ja, ich beschäftige insgesamt sechs Mitarbeiterinnen.« Ich nickte nur und glaubte zu wissen, dass es sich um eine Boutique für Damenmode handelte, die vermutlich nicht ganz klein war.

»Falls Sie jetzt denken, jemand könnte meinen Sohn entführt haben, um Lösegeld von mir zu erpressen, muss ich Sie enttäuschen. Wir kommen zwar gut über die Runden, aber wahnsinnig viel wirft die Boutique nicht ab.«

Ich schüttelte mit dem Kopf. »Daran denke ich nicht im Entferntesten, denn dann hätten sich die Entführer längst bei Ihnen gemeldet.«

Sie sah auf ihre Armbanduhr. »Ich muss heute noch zurück nach Düsseldorf.«

»Leben Sie allein?«, fragte ich. Sie lächelte mich an.

»Für eine Partnerschaft habe ich zu wenig Zeit. Außerdem können mir die Männer gestohlen bleiben. Ja, ich lebe allein. Darum müssen Sie mir helfen, meinen Sohn zu finden.«

Damit war soweit alles gesagt. Wir erhoben uns und ich begleitete sie zur Tür. An der Tür stehend, vereinbarten wir noch, dass ich sie jeden Tag gegen achtzehn Uhr anrufe, um ihr den aktuellen Stand meiner Ermittlungen mitzuteilen. Wir verabschiedeten uns. Als ich wieder allein in meinem Büro war, wusste ich nicht, ob ich mit meinem ersten Tag zufrieden sein sollte oder nicht. Der Blick auf das Bündel Hunderteuroscheine auf meinem Schreibtisch vertrieb meine Bedenken ein wenig.

3

Während Frau Kessler vermutlich noch immer auf der Autobahn Richtung Düsseldorf unterwegs war, kurvte ich im Nieselregen auf der Suche nach einem Parkplatz im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel herum. Bevor ich mein Büro verlassen hatte, hatte ich mir das Bündel Geldscheine vorgenommen und es zweimal gezählt. Es waren genau fünftausend Euro und zugleich ein deutlicher Vertrauensbeweis. Grund genug für mich, gleich mit den Ermittlungen zu beginnen. Selbstverständlich musste ich jetzt mehr über Sascha Kesslers Leben hier in Hamburg herausfinden. Vielleicht wusste jemand in seinem Umfeld, sofern er überhaupt eines gehabt hatte, mehr über seinen Verbleib in den letzten drei Wochen. Beginnen wollte ich im Studentenwohnheim. Der Schnellhefter lag neben mir auf dem Beifahrersitz meines Fiat Cinquecento, den mir meine Mutter freundlicherweise vorerst überlassen hatte. Von dem Audi A6, den ich zuvor gefahren hatte, musste ich mich leider trennen, da er mir als Firmenwagen von meinem ehemaligen Chef zur Verfügung gestellt worden war. Der Gedanke an diesen schönen Wagen versetzte mir wieder einen Stich und ich bereute ein weiteres Mal, meinem Triebverhalten die große Chance auf einen erfolgreichen beruflichen Werdegang geopfert zu haben. Ich fand einen Parkplatz, und da mir der Magen knurrte, ging ich in eines dieser Bistros, die als Franchise-Unternehmen überall in der Stadt vertreten waren. Von den fünftausend Euro hatte ich mir fünfhundert eingesteckt. Den verbliebenen Batzen Geldscheine hatte ich in den Küchenschrank zu meinem Ikea-Kaffeeservice gelegt und fragte mich, ob nicht jeder halbwegs gescheite Einbrecher genau dort als Erstes nachsehen würde. Im gut besuchten Bistro schlug mir der übliche Geruch nach überbackenem Käse und angebranntem Weißbrot entgegen. Auf einer gusseisernen Platte dampfte der frisch verstrichene Teig für einen Crêpe. Die feuchte Luft war zum Scheiden und gerne hätte ich die Tür offen stehen lassen. Doch draußen war es noch immer regnerisch und sehr kühl. Es war kurz nach zwei. Bis auf einen Mann in der Uniform des Hamburger Verkehrsverbunds setzte sich das Publikum augenscheinlich aus Schülern und Studenten zusammen. Einem Milieu, dem auch ich bis vor etwa drei Jahren angehört hatte. Ich dachte an lange Kneipennächte, volle Hörsäle, geschwänzte Vorlesungen, ausgedehnte Cafeteriabesuche und hart umkämpfte Standardlehrbücher der Rechtswissenschaften in der Universitätsbibliothek. Alles in allem, an eine schöne, aber bisweilen anstrengende und etwas nervige Zeit in meinem Leben. Da ich noch keine dreißig war und mich nach wie vor leger und sportlich kleidete, war ich davon überzeugt, mich in diesen Kreisen noch immer bewegen zu können, ohne allzu sehr aufzufallen. Ich bestellte ein vegetarisches Baguette bei einer schick beschürzten Blondine, wohl ebenfalls Studentin und dachte kurz darüber nach, dazu ein Glas Weißwein zu trinken. Ich sah mich um. Auf den anderen Tischen standen Limonaden in verschiedenen Farben, große Latte macchiato-Gläser und Cappuccino-Tassen. Daraufhin bestellte ich eine Fritz-Cola. Ich setzte mich und schlug den Schnellhefter auf, den ich natürlich nicht im Auto liegengelassen hatte. Frau Kessler hatte mir vorsorglich auch die Anschrift vom Vater ihres Sohnes in den USA aufgeschrieben. Ich fragte mich, ob sein Vater sich die gleichen Sorgen machte, wie meine Auftraggeberin. Vielleicht sollte ich ihn mal anrufen. Möglicherweise wusste er, wo sein Junge stecken könnte. Ich blätterte um. Sascha studierte also im sechsten Semester Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketing. Wenn er so erfolgreich studiert hatte, wie ich annahm, dann konnte er kurz vor dem Bachelor stehen. Sechs Semester, das waren etwa drei Jahre. In meiner Zeit als Jurastudent hätte ich ihm also fast noch auf dem Campus begegnen können. Komischer Gedanke. Und jetzt hatte man mir die Aufgabe übertragen, ihn wiederzufinden. Mein vegetarisches Baguette wurde ausgerufen. Die Fritz-Cola hatte ich bereits selbst aus einem hohen Kühlschrank mit Glastür nehmen dürfen. Ich holte mir mein Baguette vom Tresen. Es lag auf einem großen, von vielen Messern zerfurchten Holzbrett. Der Käse quoll am Rand des Baguettes zu allen Seiten dick heraus. Darunter schimmerten Tomaten- und Gurkenscheiben. An den meisten anderen Tischen wurden Smartphones gequält. Auf alle Fälle musste ich etwas über seinen Studiengang und vor allem seine Kommilitonen in Erfahrung bringen, dachte ich, während ich mein Baguette kritisch betrachtete. Während ich aß, legte ich mir meine Ermittlungsstrategie weiter zurecht.

Es regnete nicht mehr, als ich auf die Straße trat. Die kühle Luft wirkte befreiend nach der stickigen Atmosphäre des Bistros, dessen Geruch jetzt in meiner Kleidung hing und mich noch eine Weile begleiten sollte. Bis zum Studentenwohnheim waren es nur noch ein paar Schritte, sodass ich getrost meinen kleinen Freund stehen lassen konnte. Die Stühle und Tische der Straßencafés, an denen ich vorbeischlenderte, standen gestapelt an der Seite. Das unbeständige Frühlingswetter hatte den Betreibern die Freiluftsaison bisher gründlich verdorben. Alte Bäume säumten die Straße zu beiden Seiten. Aus ihren Kronen fielen dicke Tropfen herab und platschten auf das Trottoir und gelegentlich auch auf meinen Kopf. Das Studentenwohnheim befand sich in einem mehrgeschossigen Altbau, der vor nicht allzu langer Zeit gründlich renoviert worden war. Die Außenanlage konnte nur als halbwegs gepflegt bezeichnet werden und verdeutlichte, dass die Stadt Hamburg klamm war oder aber das Geld lieber in ein großes Gebäude an der Elbe steckte. Vor dem Hauseingang standen zahlreiche Fahrräder kreuz und quer, die an Fahrradständern, Pfählen und einem halbhohen Zaun angeschlossen waren. Diese Stahlrahmenmenagerie wirkte wie ein Kunstwerk. Ich schob die Tür auf. Der Flur war hell. Im Treppenhaus roch es nach überreifen Gemüsegurken und Knoblauchgerichten. Am Treppengeländer und an den Wänden hatten zahlreiche Ein- und Auszüge ihre Spuren hinterlassen. Zwei Studenten aus dem ostasiatischen Raum kamen mir im Treppenhaus entgegen und grinsten freundlich. Ich kannte das Wohnheim. In meiner Anfangszeit als Student hatte ich hier eine Nacht als Alkoholleiche in den Armen einer netten Französin verbracht. Leider war nie mehr daraus geworden. Jede Wohneinheit bestand aus bis zu acht kleinen Studentenzimmern, einer geräumigen Gemeinschaftsküche, zwei Toiletten und einem Badezimmer mit Dusche auf dem Flur. Unten im Keller gab es noch einen Gemeinschaftsraum, und soviel ich noch wusste, mehrere Waschmaschinen. Alles in allem, sehr bescheiden, aber ausreichend. Trotzdem war ich immer froh gewesen, dass ich gleich zu Beginn meiner Studentenzeit in eine kleine Altbauwohnung ziehen konnte. Hier wohne ich noch heute. In Studentenwohnheime ging ich gewöhnlich nur zum Feiern. Durch einen Blick in den Schnellhefter vergewisserte ich mich, mir die richtige Nummer der Wohngemeinschaft gemerkt zu haben. Es war die Acht in der zweiten Etage. Die Tür war nur angelehnt. Ich drückte sie langsam auf und ging hinein. Es roch nach einer Mischung aus gebratenem Speck, reifen Bananen und ungelüfteten Schlafzimmern. Aus einer der Türen des Wohnungsflurs trottete eine junge Frau mit Schlabber-T-Shirt, Hotpants, glattrasierten, leicht gebräunten Beinen und Badelatschen. Ihre Fußnägel waren zart rosa lackiert. Sie sah zu mir auf. Ihr Gesicht war verdammt hübsch und sie konnte noch keine zwanzig sein.

»Wer bist du denn?«, fragte sie in einem Tonfall, der vermuten ließ, dass es sie nicht wirklich interessierte. Ohne meine Antwort abzuwarten, schlappte sie weiter durch den Flur. Ungefähr auf halber Strecke stieß sie eine Tür auf.

»Ich heiße Sven«, rief ich ihr nach, kurz bevor ihr wunderschöner Körper ganz im Türrahmen verschwunden war. Sie blieb stehen und entgegnete gelangweilt.

»Hallo Sven.«

Ich ging ihr nach. Die Tür hatte sie offen stehen lassen. Wie ich mich ganz dunkel erinnerte, war es nicht eines der Studentenzimmer, sondern die Gemeinschaftsküche. Ich hatte recht und trat ein. Die Küche war aufgeräumter, als ich angenommen hatte. Lediglich einige Gläser standen in der Spüle und ein paar leere Bierflaschen neben dem Kühlschrank. Es roch etwas nach Mülleimer. Sie öffnete den Kühlschrank und holte einen Trinkjoghurt heraus. Ein penetranter Geruch nach Lauchzwiebeln verbreitete sich in der Küche. Sie drehte sich zu mir um. »Suchst du jemanden?«, fragte sie und setzte das PE-Fläschchen an ihren Mund.

»Ich bin ein Bekannter von Sascha«, log ich und sah auf ihre Beine, als sie den Kopf zum Trinken in den Nacken legte. Leider viel zu früh setzte sie das Fläschchen wieder ab und schluckte den Trinkjoghurt in ihrem Mund herunter. »Der ist nicht da«, sagte sie und setzte sich auf einen Stuhl. Unter ihrem weiten T-Shirt zeichneten sich ihre Brüste verlockend ab. Sie winkelte ihre Beine an und zog sie zu sich heran. Ihre Füße schwebten kurz über dem gefliesten Boden und landeten schließlich auf der Sitzfläche, wo sie so gerade eben Platz fanden. Ich stand etwas seitlich und bemerkte, dass ihre Hotpants jetzt noch weniger in der Lage waren, ihren Po zu verdecken. Ich strengte mich an, nicht allzu auffällig hinzuschauen. »Wo könnte er denn sein?« Sie umklammerte mit einem Arm ihre Unterschenkel und nahm einen weiteren Schluck vom Trinkjoghurt. Ihre rosa lackierten Zehen wippten dabei lustig auf und ab.

»Das weiß keiner. Der hat sich hier seit zwei oder drei Wochen nicht mehr blicken lassen. Heute Morgen war sogar seine Mutter hier und hat nach ihm gefragt.«

»Ist es das erste Mal, dass er mehrere Wochen lang nicht auftaucht?«

Ihre Füße schwebten wieder zurück zum Boden. Sie erhob sich und unter ihrem T-Shirt wackelten ihre festen Brüste. Zum Kühlschrank gewandt antwortete sie mir auf meine Frage. »Ich glaube nicht, aber ich wohne hier erst seit einem halben Jahr. Übrigens hätte dein Bekannter heute Putzdienst gehabt. Dieses Mal habe ich es für ihn erledigt.« Während sie den Kühlschrank öffnete, betrachtete ich ihre Pobacken. Sie drehte sich wieder zu mir um und fuhr sich durch ihre stufig geschnittenen, strohblonden Haare. Erst jetzt schien sie den Schnellhefter in meiner Hand zu bemerken.

»Studierst du auch in Hamburg?«, fragte sie mich.

»Ich habe mein Jurastudium vor einiger Zeit abgebrochen«, gab ich ehrlich zur Antwort.

Sie betrachtete mich einen Augenblick und entdeckte meine Narbe über dem Auge. »Wo bist du denn gegengelaufen?«

»Ich hatte eine kleine Auseinandersetzung«, antwortete ich eher beiläufig. »Was studierst du eigentlich?«, fragte ich sie gleich darauf.

»Im zweiten Semester Biologie und Deutsch auf Lehramt.« Sie warf einen Blick auf die Küchenuhr an der Wand. Die gleiche Uhr hatte ich in meinem Büro hängen.

»Ich muss gleich noch los. Also, wie gesagt, Sascha ist nicht hier.« Sie sah an mir vorbei. »Hallo Thomas.«

Ich drehte mich um und blickte in ein misstrauisches Gesicht.

»Ein Freund von dir?«, fragte Thomas.

»Nein, von Sascha«, antwortete sie.

»Ach, schau an, dann weißt du vielleicht, wo er steckt?«

Ich verzog die Mundwinkel und zuckte mit den Achseln. Thomas war anscheinend ein richtiger Kotzbrocken. Er musste einige Semester mehr auf dem Buckel haben, als seine Mitbewohnerin, sofern er überhaupt hier wohnte. Sein Blick war seltsam. Vielleicht hatte er gekifft. Mit seinen kurzen, an der Seite gescheitelten Haaren, die von Gel oder Haarwasser feucht glänzten, sah er aus, wie ein typischer BWL-Student. Er blickte mich böse an. Miss Hotpants versuchte zu schlichten. »Er möchte selbst gerne wissen, wo Sascha ist.«

»Schuldet er dir auch Geld?« Seine Stimme klang aggressiv.

»Nein«, antwortete ich. Vielleicht hatte Thomas auch gekokst. Eine Alkoholfahne hätte ich sicher bemerkt, trotz des Geruchs nach Mülleimer und Lauchzwiebeln, der nach wie vor in der Küche hing.

»Ich muss los«, sagte Miss Hotpants.

»Wie heißt du überhaupt«, fragte ich.

»Melanie«, antwortete sie mit einem Lächeln und wirkte geschmeichelt.

»Vielleicht hast du Lust, mit mir mal einen Kaffee trinken zu gehen?«

»Warum nicht, aber jetzt muss ich los.«

Thomas starrte mich an, als hätte ich Melanie gefragt, ob sie mit mir gelegentlich mal ins Bett gehen wolle. Vielleicht hatte er ein Auge auf sie geworfen. Ich fischte den Zimmerschlüssel aus meiner Hosentasche. Dabei hielt ich den Schnellhefter so, dass Melanie das Foto von Sascha sehen konnte.

»Hey, du hast ja ein Foto von Sascha dabei. Bist du von der Polizei?«, fragte mich Melanie entgeistert. Thomas wartete meine Antwort nicht mehr ab und verschwand klammheimlich durch die Küchentür.

»Warte doch mal«, rief ich ihm nach, doch da hörte ich schon die Tür zum Treppenhaus klappen und weg war er. Natürlich hätte ich ihn gerne gefragt, warum Sascha sich bei ihm Geld geliehen hatte. Aber das musste jetzt warten. Ich sah wieder Melanie an, die mit den Achseln zuckte und noch immer auf eine Antwort von mir wartete.

»Nein, ich bin kein Bulle, aber Saschas Mutter hat mich darum gebeten, herauszufinden, wo ihr Sohn abgeblieben ist. Sie macht sich große Sorgen um ihn.«

»Hey, dann bist du also ein Privatdetektiv.« Sie warf noch einmal einen Blick auf die Küchenuhr an der Wand.

»Tschüss«, zwitscherte sie und huschte an mir vorbei. Im Türrahmen blieb sie plötzlich stehen und drehte sich zu mir um. »Aber komm‘ doch morgen vorbei, sagen wir so gegen vier Uhr, dann können wir einen Kaffee trinken gehen.«

Ich widersprach nicht. Sie verließ die Küche und zwei Sekunden später folgte ich ihr in den Flur. Ich sah gerade noch, wie sie in ihrem Zimmer verschwand. Jetzt musste ich mir Saschas Bude vornehmen. Ich betrachtete den Schlüssel in meiner Hand und dann die ganzen anderen geschlossenen Türen, das heißt, die Badezimmertür war nur angelehnt. Wo war denn nur Saschas Zimmer? Ich klopfte bei Melanie an. Sie öffnete mir umgehend. In der Hand hielt sie ein frisches Unterhemd. Sonst war sie nackt. Nicht einmal einen Slip hatte sie am Leib.

»Was denn jetzt noch?«, sagte sie, ohne sich die geringste Mühe zu geben, etwas von ihrem attraktiven Körper zu verbergen.

»Wo ist Saschas Zimmer?«

Sie streckte den Arm aus. »Zweite Tür rechts.«

Ich sah woanders hin und vernahm nur ihre Worte. »Danke«, sagte ich geistesabwesend. Ihre Tür schloss sich wieder. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und bemerkte, dass die Tür zu Saschas Zimmer gar nicht abgeschlossen war. Seltsam, dachte ich, aber wahrscheinlich hatte seine Mutter es heute Morgen vergessen. Ich trat ein. Ein Studentenzimmer wie jedes andere auch, allerdings war das Bett gemacht und es war aufgeräumter als bei mir zu Hause. Direkt neben dem Bett stand der Schreibtisch, der aus zwei Rollcontainern und einer stabverleimten Buchenholzplatte bestand. Marke Eigenbau also. Daneben ein halbhohes Billy-Regal, der Studentenklassiker seit mehr als dreißig Jahren. In der anderen Ecke, am Fußende des so schön gemachten Betts, ein platzsparender Sessel, in dem Bud Spencer nicht hätte Platz nehmen können, ohne hinterher von der Feuerwehr befreit werden zu müssen. Und natürlich ein Kleiderschrank mit Schiebetüren, der vermutlich noch aus Saschas Kinderzimmer stammte. Ich nahm mir den Schreibtisch vor, der genauso gut aufgeräumt war, wie das ganze Zimmer. Vielleicht hatte auch seine Mutter Hand angelegt, um sich und ihrem Sohn eine Peinlichkeit zu ersparen. Ich musste sie unbedingt danach fragen. Selbstverständlich hätte ich gerne gewusst, wie Sascha sein Zimmer hinterlassen hatte. So etwas sagt manchmal mehr über den Gemütszustand eines Menschen aus, als tausend Worte. Aufgeräumt, wie alles war, musste ich zum ersten Mal daran denken, dass Sascha sich auch das Leben genommen haben könnte. Eine Stiftschale mit Kugelschreibern und Druckbleistiften war genau mittig auf der Tischplatte angeordnet. Dann war da noch ein schicker Briefbeschwerer aus poliertem Marmor in der Form eines überdimensionierten Springers. Die häufig spielentscheidende Figur eines versierten Schachspielers also. Darunter klemmten ein paar Bons. Ich nahm sie mir. Auf dem ersten Bon wurden ein USB-Ladegerät und ein MP3-Player abgerechnet. Der zweite Bon listete zwei Badeshorts und ein Handtuch auf. Diese beiden Bons waren auf den gleichen Tag datiert. Ich rechnete schnell nach. Er hatte sich diese Sachen zwei Tage bevor seine Mutter das letzte Mal mit ihm gesprochen hatte gekauft. Wahrscheinlich lag ich mit meiner ersten Annahme doch goldrichtig. Sascha hatte die Schnauze voll gehabt und war in den Süden aufgebrochen, um sich die Sonne auf den Bauch knallen zu lassen und dabei vernünftige Musik zu hören. Ich suchte nach einer weiteren Bestätigung für meine Theorie. Ich nahm mir zwei unbeschriftete Leitz-Ordner aus dem Billy-Regal vor. Zu meiner Enttäuschung hatte er dort nur Skripte und Arbeitsblätter zu diversen Vorlesungen und Seminaren abgelegt, also keine Rechnungen von Reisebüros oder Fluggesellschaften. Sorgsam, wie ich es in den letzten Jahren als Privatermittler gelernt hatte, blätterte ich jedes der Bücher im Billy-Regal durch. Bevor ich die Bücher wieder zurückstellte, schüttelte ich jedes zudem gründlich aus. Leider segelte weder eine Notiz, ein geheimnisvoller Brief noch ein Geldschein heraus. Sascha war ein ordentlicher Student, aber ich hatte ja noch die Rollcontainer, den Kleiderschrank und das Bett zu durchsuchen. In den Rollcontainern lag das Übliche: Locher, weitere Stifte und Notizblöcke, aber alles sehr ordentlich eingeräumt. Wenn Sascha ein Notebook besaß, wovon ich ganz sicher ausging, musste er es mitgenommen haben. Ich sah mich wieder im Zimmer um. Nicht einmal ein Rucksack lehnte an der Wand. Ich nahm mir den Kleiderschrank vor. Wenn er tatsächlich verreist war, dann kam er entweder mit sehr wenigen Klamotten aus, oder er wollte nur einige Tage bleiben. Vielleicht war ihm doch etwas passiert, was ihn daran hinderte, zurückzukehren. Es musste ja nichts Schlimmes sein, ein nettes Mädchen im gleichen Hotel konnte schon ausreichen. Ich durchwühlte das Bett und fand noch nicht einmal einen Schlafanzug. Auch unter dem Bett war nichts, nicht einmal ein benutztes Taschentuch. Schade dachte ich, bis auf die Bons keine weiteren Anhaltspunkte dafür, dass er für längere Zeit verreist war. Ich wollte schon gehen, als ich auf dem Boden, direkt neben dem Schreibtisch, zwei dicke Wälzer übereinandergestapelt liegen sah. Es waren die Standardwerke für Betriebswirtschaftslehre. Ich fragte mich, ob die vorher auf dem Schreibtisch gelegen haben könnten. Zuunterst lag eine Kladde. Ich zog sie heraus und klappte sie auf. Auf den ersten Seiten erkannte ich, dass Sascha sich hier während der Vorlesungen und Seminare Notizen gemacht hatte. Vorsorglich nahm ich die Kladde mit. Ich schloss die Zimmertür ab und betrachtete kurz das Schloss. Mir fiel nichts weiter auf.

Es hatte endlich aufgehört zu regnen, doch die Luft war noch immer nasskalt. Es war Viertel vor drei. Wenigstens blieb es draußen lange hell, wenn schon nichts vom nahenden Sommer zu spüren war. Ich fuhr mit meinem kleinen Cinquecento zurück zum Büro. Bitte tanken leuchtete im Display auf, als ich einparkte. Geld hätte ich für eine Tankladung gehabt, doch keine Lust, mich jetzt damit aufzuhalten. Ich schloss den Wagen ab und ging hinauf in mein Büro. An meinem Schreibtisch sitzend, goss ich mir Kaffee aus der Thermoskanne ein und checkte dann die E-Mails. Der Kaffee war lauwarm und schmeckte bitter. Ich hatte keine neuen Nachrichten und auch keine entgangenen Anrufe. Vielleicht sollte ich für mehrere Wochen eine Anzeige in der Samstags-Ausgabe einer Zeitung schalten, dachte ich. Aber erst musste Sascha gefunden werden, wobei ich allerdings davon ausging, dass er höchstwahrscheinlich ganz von selbst wieder auftauchen würde. Ich beschloss, in meine Wohnung zu fahren und später von dort bei Frau Kessler anzurufen, um wie vereinbart, die ersten Ergebnisse meiner Ermittlungen mitzuteilen. Saschas Kladde ließ ich liegen und nahm nur den Schnellhefter mit. Als ich in den Fiat stieg, zeigte sich tatsächlich die Sonne am bewölkten Himmel, bis sich einige Sekunden später eine dicke Wolke davor schob. In der Straße, in der ich wohne, gibt es eine nette Szenekneipe. Am Wochenende kann man hier bis spät in den Nachmittag hinein frühstücken. Sie hatte bereits geöffnet und so ging ich auf ein verdientes Feierabendbier hinein. Ich war der erste Gast und die Bedienung begrüßte mich freundlich. Sie war gerade dabei, die Reservierungsschildchen auf die Tische zu stellen. Ich setzte mich an die Theke und bestellte bei ihr eine Minute später ein großes Astra. In der Küche wurden die Aufläufe vorbereitet, für die die Kneipe berühmt ist. Es roch nach frisch geschnittenen Zwiebeln. Ein älterer Mann mit ungepflegtem Vollbart und langen friedhofsblonden Haaren trat ein. Nicht nur seine Haare waren grau, sondern auch sein müdes Gesicht. Er nahm schwerfällig an einem der Tische vor den Fenstern Platz und schlug die taz auf, die er sich selbst mitgebracht hatte. Abends war die Kneipe gewöhnlich voll mit Pädagogen, Altachtundsechzigern und Studenten mit AStA-Karriere. Ich nahm einen langen Schluck von meinem Bier. Jetzt, wo der erste Auftrag Geld in die Kasse gespült hatte, sollte ich vielleicht später wiederkommen und mir einen Zucchini-Auflauf gönnen, überlegte ich. Zwei neue Gäste kamen herein. Dieses Mal zwei Männer mittleren Alters, schick im Anzug und modischer Krawatte. Ich trank aus und bezahlte. Draußen hatte ich das Gefühl, dass es einen Hauch milder geworden war. Vielleicht lohnte sich ein Blick auf die Wettervorhersage. Ich schloss die Eingangstür auf. Meine Wohnung liegt im dritten Stock. Ich liebe das alte Haus mit seinen sechs Parteien. Alles unkomplizierte Mitbewohner, vom Rentnerehepaar, dem Ingenieur bis hin zur Krankenschwester. Wo gibt es noch so etwas. Der Hausbesitzer lässt sich selten blicken und stellt keine Regeln auf, die ohnehin niemand einhalten würde. Ich nahm aus meinem verbeulten Blechbriefkasten die Tageszeitung heraus, für die ich am Morgen keine Zeit gefunden hatte und taperte die mit rotem Teppich bespannte Treppe hinauf. Unter meinen Füßen knarrte das alte Eichenholz bei jedem meiner Schritte. Ein herrliches Geräusch.

Um Punkt achtzehn Uhr griff ich zum Hörer meines schnurlosen Telefons. Während die Verbindung aufgebaut wurde, sah ich aus dem Fenster. Einer der beiden Schlipsträger stand vor der Kneipe und rauchte. Frau Kessler ging nach dem sechsten Klingelton ran.

»Terhagen hier«, meldete ich mich wichtig.

»Haben Sie schon etwas in Erfahrung bringen können?«, fragte sie mich.

»Noch nicht viel, aber ich habe einen Hinweis gefunden, der dafür spricht, dass Ihr Sohn lediglich verreist ist. Aber der Reihe nach.« Am anderen Ende der Leitung herrschte gebannte Stille. Da ich überlegte, wie ich beginnen sollte, entstand eine kurze Pause.

»Nun schießen Sie schon los«, sagte Frau Kessler ungeduldig.

»Also, ich war im Studentenwohnheim und habe mir sein Zimmer angesehen. Auf dem Schreibtisch lagen Bons. Ihr Sohn hat sich vor etwa dreieinhalb Wochen zwei Badeshorts und ein Handtuch gekauft. Wissen Sie, ober er gerne Schwimmen geht?«

»Ich weiß nur, dass er Hallenbäder hasst. Wenn er schwimmen geht, dann im Sommer draußen.«

»Da hier in Hamburg dieses Jahr an baden unter freiem Himmel bisher nicht zu denken war, nehme ich an, dass er sich die Sachen für eine Reise in den Süden zugelegt hat.«

»Aber sein Kleiderschrank ist noch fast voll«, hielt sie dagegen.

»Das muss nicht unbedingt etwas bedeuten. Vielleicht wollte er nur einige Tage bleiben und hat es sich dann anders überlegt.« Ich hörte ein ungläubiges Mhm. »Übrigens war sein Zimmer nicht abgeschlossen. Kann es sein, dass Sie heute Morgen vergessen haben, es wieder abzuschließen?«

»Ausgeschlossen«, sagte sie entschieden.

Ich glaubte ihr und fragte weiter. »Hat Sascha ein Notebook?«

»Soweit ich weiß, ja, aber heute Morgen habe ich keins gesehen.«

»Ich auch nicht. Übrigens habe ich weder Führerschein, Personalausweis noch Reisepass gefunden. Das spricht ebenfalls dafür, das er weggefahren ist.«

»Mag sein, aber trotzdem weiß ich nicht, wo er ist.«

»Gut, das werde ich schon noch herausfinden. Hat Ihr Sohn ein Auto?«

»Nein, in Hamburg bräuchte er kein Auto, hat er mir gesagt.« Es klang fast wie eine Entschuldigung, dass sie ihm kein Auto gekauft hatte.

»Kennen Sie einen Mitbewohner von Sascha mit dem Namen Thomas?«

»Nein, wieso?«

»Weil der behauptet, Sascha würde ihm noch Geld schulden.«

»Wenn er recht damit hat, dann geben Sie ihm bitte das Geld, das Sascha ihm noch schuldet. Viel kann es ja nicht sein.«

»Selbstverständlich«, antwortete ich und um Frau Kessler nicht weiter zu beunruhigen, erzählte ich ihr nichts von meinem Verdacht, dass dieser Thomas vermutlich Drogen nahm. Es entstand eine kurze Pause, bis mir wieder einfiel, was ich Frau Kessler noch fragen wollte. »Haben Sie sein Zimmer so gut aufgeräumt, ich meine das Bett gemacht und so weiter.«

»Nein, Sascha ist sehr ordentlich. Das hat er von seinem Vater. Mir geht dieser Ordnungsfimmel manchmal auf die Nerven.«

Nachdem ich ihr von meinen Plänen erzählt hatte, mich am nächsten Tag in seinem Studiengang ein wenig umzuhören und auch zu versuchen, an die Passagierlisten des Hamburger Flughafens zu gelangen, verabschiedeten wir uns. Ich schien sie nur wenig, wenn überhaupt, beruhigt zu haben. Für den nächsten Tag um die gleiche Zeit kündigte ich meinen nächsten Rapport an.

4

Gegen neun Uhr fuhr ich mit dem Cinquecento ins Büro. Es war ausnahmsweise wolkenlos und der Himmel hatte diese kühlblaue Farbe, die man sonst nur in den Bergen zu Gesicht bekommt. Dafür war es empfindlich kalt. Deutlich unter zehn Grad und im Radio sprachen sie von der Schafskälte, die die nächsten Tage noch anhalten sollte. Zu meiner Überraschung fand ich einen Brief in meinem Briefkasten und es schien noch nicht einmal Werbung zu sein. Ich nahm ihn mit hinauf in mein Büro. Auch der Schnellhefter von Frau Kessler hatte mich wieder begleitet. Ich warf beides auf meinen Schreibtisch und setzte mir einen starken Kaffee auf. Während der Kaffee gluckernd durchlief, betrachtete ich Saschas Kladde. Vielleicht hatte er sich dort Notizen gemacht, die ausnahmsweise nichts mit der Uni zu tun hatten. Ich schmiss mein Ultrabook an. Wieder keine E-Mails, stellte ich enttäuscht fest. Schließlich nahm ich mir den Brief vor. Er war von einem Hamburger Speditionsunternehmen. Ich öffnete ihn und stellte zu meiner angenehmen Überraschung fest, dass es eine Angebotsanfrage für eine Mitarbeiter-Überwachung war. Ich sollte ihnen meinen Stundensatz und die anfallenden Nebenkosten mitteilen. Das wirtschaftlich beste Angebot würde den Zuschlag erhalten. Ich machte mich sofort an die Arbeit. Den Stundensatz setzte ich noch niedriger an, als bei Frau Kessler. Irgendwie musste ich mich ja von den anderen abheben. Ich sendete das Angebot vorab per E-Mail und tütete den unterschriebenen Ausdruck ein. Wenn ich zur Uni fuhr, wollte ich den Briefumschlag mitnehmen und ihn in den ersten Briefkasten, der mir über den Weg lief, einwerfen. Fürs Erste war ich mit mir zufrieden. Es tat sich mehr, als ich mir für die ersten Tage erhofft hatte. Die Kaffeemaschine hatte längst die letzten zischenden und puffenden Geräusche von sich gegeben, sodass ich in die kleine Küche eilte, um mir eine anständige Tasse Kaffee zu holen. Den Rest des Kaffees goss ich in die Thermoskanne. Meinen Kaffeebecher stellte ich auf meinen Schreibtisch direkt neben Saschas Kladde. Bevor ich sein Notizheft aufschlug, sah ich mich noch einmal in meinem kleinen Reich um. Wenn alles gut lief, würde ich später vielleicht sogar Angestellte haben, träumte ich.

Wie nicht anders zu erwarten war, hatte Sascha in seiner Kladde während der Vorlesungen mitgeschrieben. Es ging los im ersten Semester. Obwohl dieses Semester bereits fast drei Jahre zurücklag, blätterte ich dennoch Seite für Seite um und überflog sämtliche Notizen. Die erste Vorlesung hatte den Titel Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Auf der nächsten Seite Grundlagen der Wirtschaftsinformatik und so ging es weiter. Da Sascha offenbar alles in diese eine Kladde geschrieben hatte, konnte ich mir einen schnellen Überblick über alle Vorlesungen machen, die er in diesem Semester besucht hatte. Gelegentlich hatte Sascha sich auch Verabredungstermine mit Kommilitonen notiert. Meist standen nur die Vornamen dort. Ich schrieb sie mir trotzdem alle auf. Dann folgten die Vorlesungen zu Saschas Schwerpunkt Marketing und Medien, wie es genau hieß. Wie nicht anders zu erwarten war, hatte die erste Vorlesung den Titel Einführung ins Marketing. Es ging weiter mit der Veranstaltung Markenpolitik. Einige Seiten später folgte ein Seminar mit dem Titel Markstrat. Ich hatte selbstverständlich keine Ahnung, welche Inhalte sich dahinter verbergen mochten. Weil ich neugierig geworden war, fragte ich meinen Browser, der mir auf Anhieb die richtige Erklärung lieferte. Markstrat war ein Simulationsspiel, bei dem die Spieler Entscheidungen zu den Handlungsbereichen Marketing, Finanzen, Marktuntersuchungen und Produktentwicklung treffen mussten. Also so ähnlich wie der EA-Fußball Manager schloss ich daraus. Vielleicht hätte ich doch BWL studieren sollen. Ich blätterte weiter. Die Anzahl der Notizen wurde immer dürftiger. Auf den letzten Seiten hatte er sich häufig nur noch Klausurtermine und Hinweise der Professoren zu Prüfungsschwerpunkten und empfehlenswerter Vorbereitungs-Literatur notiert. Dennoch hatte ich einen interessanten Abriss von Saschas Studium vor mir liegen. Auch zu einem Rechnerpraktikum hatte er Aufzeichnungen gemacht. Dieses Praktikum konnte Frau Kessler aber wohl nicht gemeint haben, überlegte ich. Ich besuchte vorsichtshalber die Internetseiten des Fachbereichs. Es war eine EDV-Schulung. Endlich befand ich mich auf den allerletzten Seiten des Heftes. Etwas überrascht musste ich feststellen, dass die letzten Eintragungen von Ende März dieses Jahres waren, doch verschwunden war er erst Mitte Mai. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass Seiten herausgerissen worden waren. Wenn Sascha es selbst gemacht hatte, dann musste er sich sehr viel Mühe dabei gegeben haben, denn nur bei genauem Hinsehen, konnte man die Abtrennlinie erkennen. Die Seiten schienen mit einem Cutter herausgetrennt worden zu sein. Ich musste sofort an Saschas nicht abgeschlossene Zimmertür im Studentenwohnheim denken. Hatte Frau Kessler wirklich wieder abgeschlossen? Wenn ja, dann musste sich jemand Zugang verschafft haben. In meinem Büro konnte ich darauf keine Antwort finden und so nahm ich noch einen großen Schluck Kaffee und sprang auf, um endlich der Universität einen Besuch abzustatten. Ich hatte die Türklinke schon in der Hand, als mir einfiel, dass es mir helfen könnte, wenn ich einige ausgedruckte Seiten aus dem Vorlesungsverzeichnis dabei hätte. Schließlich wollte ich Saschas Kommilitonen aushorchen. Ganz einfach würde die Sache nicht werden, denn so ganz klein war der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften nicht. Aber es waren ja nicht alle Studenten in Saschas Semester. Beim Aufrufen der Vorlesungsverzeichnisse auf der Homepage der Universität Hamburg dachte ich auch an Miss Hotpants. Vielleicht konnte ich sie auf dem Campus irgendwo abpassen, dann brauchte ich nicht bis zu unserer Verabredung um vier Uhr zu warten. Ich druckte mir die entsprechenden Seiten aus und marschierte los.

Die Sonne schien harmlos von einem noch immer wolkenlosen Himmel. Doch der Schein trog, es war empfindlich kalt draußen. Da ich meine Jacke im Büro gelassen hatte, war ich froh, dass auf der Rückbank noch mein Pullover lag. Auch wenn die Universitätsgebäude nicht den allerschönsten Anblick lieferten, hatte man doch einen recht ansehnlichen Stadtteil für die Akademikerschmiede gewählt. Parksee, Wallgraben und Außenalster in unmittelbarer Nähe. Etwas viel Verkehr vielleicht auf den breiten Straßen und dann die gewagte Architektur der Neubauten von Firmen, die auf der Welle der innovativen Denkfabriken mitschwimmen wollten. Ich parkte an der Außenalster ganz in der Nähe des Germania Ruder Clubs. Von hier aus waren es zwar noch ein paar Schritte bis zu den Räumlichkeiten der betriebswirtschaftlichen Fakultät, doch die nahm ich gerne für einen Blick über die Außenalster in Kauf. Die Wasseroberfläche glänzte glatt in der Sonne. Zwei weiße Segel fast am anderen Ufer und ein Doppelvierer ohne Steuermann ganz in meiner Nähe nutzten den sonnigen Vormittag für ein Außenalstervernügen. Das letzte Mal hatte ich mich hier beim Schlittschuhlaufen vergnügt. Um diese Jahreszeit war es kaum vorstellbar, dass die ganze Wasseroberfläche zu Eis erstarren konnte. Ich stand noch einige Augenblicke in der Sonne und glotzte hinaus aufs Wasser. Dann gab ich mir einen Ruck und ging los. Es war bereits zwanzig Minuten vor elf. Um Studenten aus Saschas Semester zu treffen, hatte ich mir eine Vorlesung mit dem sperrigen Titel Rechnungslegung der Versicherungsunternehmen herausgesucht. Die Veranstaltung hatte um acht Uhr begonnen und sollte um elf Uhr enden. Außerdem begannen um Viertel nach elf Übungen zur Marktforschung im gleichen Gebäude. Selbstverständlich kannte ich mich auf dem Campus gut aus. Ich musste zum Von-Melle-Park. Über die Architektur der Universitätsgebäude konnte man ebenfalls geteilter Meinung sein oder einfach nur freundlich darüber hinwegsehen. Der WiWi-Bunker, wie er unter den Studenten liebevoll genannt wurde, war ein grauer Betonklotz. Die klassische Betonarchitektur der siebziger Jahre eben, gebaut für die geburtenstarken Jahrgänge. Das Gebäude wirkte nicht gerade einladend und doch verband ich einige gute Erinnerungen damit. Hier fanden regelmäßig Studentenpartys statt, auf denen es hoch herging. Besoffen konnte man das Lehrgebäude am besten ertragen. Im WiWi-Bunker, dem Stammhaus der Wirtschaftswissenschaften, gibt es in vielen Hörsälen noch nicht einmal Fenster, geschweige denn funktionierende Lüftungen. Auch von Stromausfällen erzählte man sich zu meiner Studentenzeit. Während die deutsche Wirtschaft jedes Jahr Exportweltmeister wurde, vergammelten allmählich die Einrichtungen, die für die Voraussetzungen dieser Erfolgsgeschichte sorgten. Mir war es mittlerweile egal und das Kreuz an der vermeintlich richtigen Stelle zu machen, änderte schon seit vielen Jahren nichts mehr an diesem Zustand. Vor der Eingangstür standen blasse Studenten und rauchten hastig. In den Fluren herrschte noch immer die ehemals moderne Atmosphäre der Siebziger, die an Schlaghosen, Ölkrise, Terroranschläge und Fahndungsplakate denken ließ. Es roch nach alten Teppichböden, im Kreis geführter Luft und trockenem Staub. Auch wenn ich längst mit dem Kapitel Uni abgeschlossen hatte, so überkam mich in den Fluren doch unweigerlich das Gefühl von undurchdringlichem Lernstoff und Prüfungsangst. Ich gelangte zum Hörsaal mit der richtigen Nummer. Die Tür stand offen. Ich sah vorsichtig hinein. Es war einer der mittelgroßen Hörsäle. Gelangweilte Gesichter drehten sich zu mir um. Die Stimme des Professors drang leise herüber. An die Wand hatte er ein Schaubild geworfen mit Zahlen und Abkürzungen, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte. Ich brauchte nur noch kurz zu warten und schon strömten mir mental ausgelaugte Studenten entgegen. Jetzt war ich an der Reihe, jemanden anzusprechen, der hoffentlich Sascha kannte. Ich trat einen Schritt zur Seite und tippte dem erst Besten auf die Schulter.