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Marco Bessell, Anfang Vierzig, verbringt seinen ersten Winter am Schweizer Ostufer des Lago Maggiore. Als sein Nachbar mit eingeschlagenem Schädel tot unten am See gefunden wird, gerät er zusammen mit der attraktiven Noch-Ehefrau des Toten in Verdacht. Es beginnt eine Spurensuche, die viele Fragen aufwirft. Ein spannender Krimi um Liebe, gescheiterte Ehen und unerwartete Verwicklungen. Alles eingerahmt von der wunderschönen Landschaft des Tessin.
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Seitenzahl: 638
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Fabian Holting
Sonne am Westufer
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Nach dem Schwimmen lagen sie im Schatten eines kleinen Weidenbaumes. Die flachen Wellen schwappten auf den kiesigen Strand. Das Plätschern des Wassers wirkte beruhigend und unterbrach auf angenehme Weise die Stille dieses glühenden Nachmittags. Am gegenüberliegenden Ufer und über dem See lag warme dunstige Luft. Die Wolken hingen tief und berührten beinahe die bewaldeten Berghänge. Wie mit dem Lineal gezogen, durchdrangen einige Sonnenstrahlen die Wolkendecke. Die leicht gewellte Wasseroberfläche schien von einer graublau schimmernden Haut überzogen zu sein. Auf der anderen Uferseite klebten die Häuser am Berghang wie Muscheln an einem bewachsenen Meeresfels.
Marco Bessell las noch einmal die letzten Sätze und bewegte dann den Mauszeiger auf das Diskettensymbol unterhalb der Menüleiste. Er drückte die linke Maustaste. Dann schloss er das Textverarbeitungsprogramm, stand auf und holte seinen USB-Stick von der Anrichte. Er wollte die wenigen Seiten, die er geschrieben hatte, vorsichtshalber darauf speichern. Im kleinen Kaminofen glühten die ascheweißen Reste von zwei Buchenholzstücken. Ihm war kalt geworden. Das Zimmer ließ sich sehr schlecht heizen. In den Wintermonaten hatte der kleine Uferort fast keine Sonne. Während des Tages hatte Bessell sehnsüchtig hinüber auf die gegenüberliegende, sonnenbeschienene Uferseite geblickt. Gerne wäre er mit dem kleinen Boot seiner Vermieterin hinübergefahren, um sich dort in die Sonne zu setzen. Vielleicht wäre er dann hinauf nach Ronco gewandert und hätte sich auf die Terrasse eines der guten Restaurants gesetzt und eine Kleinigkeit gegessen. Draußen war es schon seit mindestens zwei Stunden dunkel. Jetzt Anfang Februar war der kleine Ort am Lago Maggiore wie ausgestorben. In den meisten Häusern brannte kein Licht hinter den Fensterscheiben. Ganzjährig wohnten nur noch wenige Menschen hier. Bessell sah aus dem Fenster. Der Asphalt der schmalen Straße glänzte feucht im Schein der wenigen Laternen. Gegen Abend musste ein leichter Regen eingesetzt haben. Bessell hatte es nicht mitbekommen. Im Haus direkt gegenüber brannte Licht. Auch die zwei Autos seiner Nachbarn standen etwas weiter oben in der Straße. Bessell war überrascht. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Frau Hengartner so schnell wieder im Haus nach dem Rechten sehen würde. Ihr Mann war also ebenfalls mitgekommen. Das letzte Mal war seine Nachbarin vor zwei Wochen da gewesen. Allein und nur für einige Stunden, denn seit etwa einem halben Jahr lebte sie von ihrem Mann getrennt, da sie sich von ihm scheiden lassen wollte.
Bessell hatte davon erst vor vier Wochen erfahren, als er seine Nachbarin in einem Restaurant im Nachbarort getroffen hatte. Sie war wie Bessell, ebenfalls Anfang vierzig. Auch an diesem Abend hatte sie eine gewisse Unzufriedenheit ausgestrahlt, genau wie bei den wenigen zufälligen Begegnungen vor ihrem Haus in den letzten Monaten. Sie hatte dabei jedes Mal sehr angespannt auf Bessell gewirkt. Sie war eine sehr attraktive Frau, obwohl auch an ihr die Jahre nicht spurlos vorübergegangen waren. Nach Bessells Auffassung, besaß seine Nachbarin das gewisse Etwas, das sie so anziehend machte. Vielleicht waren es ihre hübschen braunen Augen oder ihre Lippen, die voll und schön geformt waren. An jenem Abend im Restaurant hatte sie ihn nicht gleich bemerkt und so hatte Bessell sie eine Zeit lang von seinem Tisch aus beobachtet. Sie blickte die meiste Zeit über traurig und teilnahmslos vor sich hin. Nur gelegentlich, wenn die Bedienung ihr etwas brachte oder sie von anderen Gästen gegrüßt wurde, versuchte sie ihre gedrückte Stimmung mit einem Lächeln charmant zu überspielen. Sie hatte auch einige Male zu Bessell hinübergesehen, ihn aber wohl nicht gleich erkannt. Als sie ihn dann endlich bemerkt hatte, hatte sie ihm ein freundliches Lächeln geschenkt. Bessell war daraufhin aufgestanden und war an ihren Tisch getreten, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sie hatte ihm angeboten, Platz zu nehmen und so waren sie ins Gespräch gekommen. Nach einigen belanglosen Worten über das gute Essen und den leckeren Wein in diesem Restaurant, kam sie auf die Trennung von ihrem Mann zu sprechen. Bessell hatte sich über ihre Offenheit gewundert, doch vielleicht war es für sie leichter mit einem Fremden darüber zu sprechen, als mit Freunden. Das Gespräch hatte an Intensität gewonnen, nachdem Bessell ihr erzählt hatte, dass er sich ebenfalls von seiner Frau scheiden lassen wollte. Bis zu diesem Tag hatten sie sich nur als Nachbarn gekannt, die sich freundlich grüßten, wenn sie sich auf der Straße begegneten. Später auf dem Nachhauseweg hatten sie sich dann nur noch über den schönen Ort, den See und die Landschaft des Tessins unterhalten. Am nächsten Tag fuhr sie zurück nach Zürich, ohne dass sie sich noch einmal begegnet waren.
Bessell nahm seine Jacke von der Garderobe. Er zog sich seine halbhohen, mit Lammwolle gefütterten Schuhe an und ging hinaus auf die Straße. Die Tür ließ er einfach ins Schloss fallen, ohne sie abzuschließen. Wer sollte zu dieser Jahreszeit und in dieser Gegend schon auf Diebestour gehen. Der Regen fiel leise und in dünnen Tropfen vom schwarzen Himmel. Bessell setzte sich seine Wollmütze auf und versteckte seine Fäuste in den Taschen seiner Jacke. Bei seinen Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite brannte noch immer Licht. Er drehte sich noch einmal zu ihrem Haus um. Die Umrisse seiner Nachbarin erschienen im Fenster. Als er sich abwandte, um die kleine Straße hinunter zur Hauptstraße zu gehen, hörte er durch die geschlossenen Fenster die Stimme ihres Mannes, die aggressiv und laut klang. Vermutlich stritten sie über banale und unwichtige Angelegenheiten, so wie Mann und Frau eben streiten, wenn sie einander fremd geworden waren und der unvermeidlichen Trennung entgegengingen. Das dumpfe Rattern des hell erleuchteten Zuges, dessen Gleise in nur wenigen Metern Entfernung zwischen den Häusern verliefen, mischte sich in die sonst stille Atmosphäre des Abends. Ein kurzer eindringlicher Pfiff war zu hören.
Bessell erreichte die Hauptstraße. Er ließ einen Kleinlaster und einen viel zu schnell fahrenden Porsche Carrera vorbei und ging dann hinüber auf die andere Straßenseite. Auch hier lag der kleine Ort im ruhigen Dämmerschlaf. Die Hotels und kleinen Pensionen standen noch immer mit geschlossenen Fensterläden da. Es würde noch einige Wochen dauern bis hier wieder Leben einkehrte. Auch die drei Restaurants an der Hauptstraße gönnten sich noch eine Auszeit, so dass Bessell hinüber nach San Nazzaro laufen musste. Der Regen ließ nach und über dem See waren die Wolken bereits aufgerissen und ließen einige Sterne am Firmament erscheinen. Doch ihr schwaches Flimmern verblasste im Vergleich zu den glitzernden Lichtern der Uferorte auf der gegenüberliegenden Seeseite. Die Nebelschleier hatten sich nun vollständig verzogen und alles schien zum Greifen nah zu sein. Bessell liebte diesen Anblick und konnte sich daran nicht sattsehen. Kurz vor dem Ortsausgang, auf dem immer entlang der Uferstraße verlaufenden Fußweg, konnte er einen Blick hinunter auf die kleinen Badestellen werfen. Er erahnte in der Dunkelheit, die vom Winter braun gefärbten kleinen Rasenflächen und den kiesigen Strand. Er hörte in regelmäßigen Abständen, die kalten Wellen glucksend auf dem Kiesstrand zerbrechen. Vor den kleinen Badestränden standen die niedrigen Steinhäuser mit ihren warmen pastellfarbenen Dachziegeln, die jetzt nur nass und matt im Schein der Straßenlaternen schimmerten. Ein kühler Windzug legte sich auf Bessells Gesicht. Er vergrub die Fäuste noch tiefer in seiner Jacke und zog die Schultern noch etwas höher. Im Spätsommer war er nachts hier häufiger baden gegangen. Die angenehm weiche Luft und das von vielen Sonnenstunden aufgewärmte Wasser hatten ihn dazu eingeladen. Jetzt im Winter mochte Bessell nicht daran denken, in den kalten und vom Wind gepeitschten See zu steigen und hinaus zu schwimmen. Saskia hätte sich niemals ins Wasser getraut, wäre sie dabei gewesen. Selbst im Hochsommer wäre ihr das Wasser zu kalt gewesen. Aber nicht nur hier im Tessin, sondern überall auf der Welt. Sie war sehr kälteempfindlich. Am liebsten wäre sie ein Husky, hatte sie einmal gesagt. Das Fell dieser Hunde sei so beschaffen, dass sie auch bei niedrigsten Temperaturen die Kälte nicht spürten. Saskia hatte in einer Zeitung ein Foto von einem Husky gesehen, der sich einschneien ließ und dabei sehr zufrieden aussah. Vielleicht hätte Saskia ihn im Sommer begleitet, sich ans Ufer gesetzt und ihm beim Schwimmen zugesehen. Doch wahrscheinlich wäre ihr die Zeit dafür zu kostbar gewesen. Das war wohl auch der Grund, weshalb ihre Ehe auf Dauer nicht funktionieren konnte. Ihr erschienen die Stunden, die sie gemeinsam verbrachten, im Grunde genommen immer als verlorene oder als nicht optimal genutzte Zeit. Bessell hatte oft spüren müssen, dass sie mit den Gedanken wieder bei ihren Artikeln und Recherchen war. Dass sie sich ihre Karriere im Zeitungsverlag ausmalte. Vielleicht nicht gleich am Anfang ihrer Beziehung. Bessell fragte sich, in welcher Stadt und in welchem Land Saskia sich wohl gerade aufhielt, schließlich fuhr sie dauernd in der Weltgeschichte herum. Schon komisch, dachte Bessell, da hat mir ein Mensch einmal sehr viel bedeutet und jetzt weiß ich noch nicht einmal, wo er sich gerade aufhält. Er musste an die geplante Scheidung denken, mit der sie nicht weiterkamen, weil Saskia so viel zu tun hatte. Zurzeit war es ihm egal, doch zu lange wollte er darauf nicht mehr warten.
Bessell ließ Gerra hinter sich und schon bald hatte er die wenigen Lichter von San Nazzaro vor Augen. Zuweilen sah er hinüber auf die gegenüberliegende Seeseite und ließ seinen Blick wandern. Er lokalisierte die Lichter von Brissago, Ronco und Ascona. Bei guter Sicht konnte man mit einem einfachen Fernglas die Schriftzüge der großen Hotels lesen. Ein alter Mann kam ihm auf dem Bürgersteig entgegen. Er lief etwas gebückt und führte einen kleinen Rauhaardackel an der Leine spazieren. Bessell kannte diesen Mann. Er war ihm schon mehrfach auf diesem Weg begegnet.
»Buona sera«, begrüßte Bessell den alten Mann, der seinen Gruß ein wenig heiser erwiderte und gleich anfing auf Italienisch über das schlechte Wetter zu schimpfen, ohne es aber allzu ernst damit zu meinen. Währenddessen stand der Dackel neben ihnen und zitterte am ganzen Leib. Gelegentlich sah er mit seinen wässrigen Augen traurig zu seinem Herrchen auf und schien wissen zu wollen, wann es endlich weiterginge. Nachdem alles über das Wetter gesagt war, verabschiedete sich der alte Mann und beide gingen sie wieder ihres Weges. Bessell sprach fließend Italienisch. Seine Mutter war Italienerin und hatte ihn zweisprachig erzogen.
Als Bessell das Restaurant an der Hauptstraße von San Nazzaro erreichte, fing es wieder an zu regnen. Unter einem schmalen Vordach neben dem Eingang saß ein Mann mittleren Alters mit Schlips und im Anzug. Er hatte seinen rechten Ellenbogen auf einem runden Caféhaustisch aufgestützt und hielt lässig eine Brissago zwischen Daumen und Zeigefinger. Genüsslich blies er mit geschürzten Lippen den dünnen Rauch in den trüben Lichtschein einer kleinen Außenlampe neben der Eingangstür. Dabei schaute er gedankenverloren auf die gähnend leere Terrasse des Restaurants, die im Sommer mit Tischen und Stühlen voll stand. Auf den Pflastersteinen hatten sich große Regenpfützen gebildet. Mit einem tiefen Grummeln erwiderte er Bessells Gruß und hob die Hand, mit der er den langen dünnen Zigarillo hielt, noch etwas höher. Ein überheizter und etwas stickiger Gastraum empfing Bessell. Das kalte Licht weniger Neonlampen unter der holzgetäfelten Decke erhellte den Raum gerade so, dass es noch halbwegs gemütlich wirkte. Es waren nur noch wenige Tische besetzt. An zwei Tischen wurde noch gegessen. Die übrigen Gäste waren damit beschäftigt, sich bei einem Glas Wein über Gott und die Welt zu unterhalten. An einer Art Stammtisch saßen drei Männer und unterhielten sich mit lauten Stimmen. Während einer der Männer kaum dreißig Jahre alt sein konnte, mussten seine beiden Gesprächspartner nahe dem Rentenalter sein. Bessell setzte sich ganz in die Nähe, an einen freien Tisch, direkt vor eines der vorhanglosen Fenster, in denen sich die Szenerie des Gastraumes schemenhaft spiegelte. Zufrieden sah er in die Runde und lehnte sich in seinem Stuhl etwas zurück. Bessell mochte die authentische Atmosphäre dieses Restaurants, auch wenn er sich gerade jetzt im Winter eine andere Deckenbeleuchtung gewünscht hätte. Der Wirt, der ihn bereits kannte, trat an seinen Tisch heran und begrüßte ihn freundlich. Gleich hinter ihm folgte die Bedienung, eine junge Frau um die zwanzig Jahre alt mit hohen Wangenknochen und lockigen brünetten Haaren. Sie erinnerte Bessell an die junge Sophia Loren, wenngleich ihre Taille nicht ganz so schlank und ihre Lippen weniger voll waren. Bessell nahm die Speisekarte entgegen und bestellte sich eine kleine Karaffe Merlot Ticino. Der Merlot wurde gebracht, während Bessell noch darüber grübelte, was er zu Abend essen könnte. Als er sich einige Minuten später bei der Bedienung Risottoreis mit Schweinerippchen bestellte, kam der Brissago-Raucher von draußen herein und setzte sich zu den drei Männern. Seit einigen Minuten schon, hatten sie sich über geklaute Schweizer Bankdaten unterhalten und ließen ihrer Empörung darüber freien Lauf. Besonders die beiden älteren Männer sprachen von Datendieben und Wirtschaftsspionen, die für lange Jahre eingesperrt gehörten. Als sie auf die deutschen Behörden als Käufer dieser Daten zu sprechen kamen, sahen sie zu Bessell herüber. Bessell kannte allenfalls einen der Männer vom Sehen, doch sie wussten offenbar, dass er aus Deutschland kam. Nachdem Bessell scheinbar teilnahmslos aus seinem Weinglas getrunken hatte und sich wieder gemütlich zurücklehnen wollte, sprach ihn einer der beiden älteren Männer auf Italienisch an.
»Was halten Sie von deutschen Behörden, die Hehlerware von Kriminellen kaufen?« Ohne ein Wort zu sagen, lächelte Bessell die vier Herren an. Dann räusperte er sich verlegen. Das Gespräch hatte er zwar aufmerksam verfolgt, aber dabei versucht sich nichts anmerken zu lassen. Obwohl ihn das Thema interessierte, verspürte er wenig Lust, kurz vor dem Abendessen mit voreingenommenen Schweizern eine tiefgründige Diskussion über dieses brisante Thema zu führen.
»Nun …«, fing er an und sah dabei hinüber zum Tresen, weil er hoffte, dass die Bedienung ihm gleich seine Schweinerippchen bringen würde. Dann hätte er eine Ausrede, nicht allzu viel zu diesem Thema beitragen zu müssen.
»Wissen Sie, das ist keine einfache Frage. Als kleiner Steuerzahler ärgert man sich natürlich über die Steuerflüchtlinge und sieht es gerne, wenn der Staat dem ein Ende macht. Schließlich macht es einen auch wütend zu sehen, wie Schulen, Kindergärten oder auch Universitäten langsam verkommen oder was noch viel schlimmer ist, gar nicht erst gebaut werden.« Bessell dachte nach.
Er hatte wenig Interesse daran, seine Standpunkte vor diesen Männern zu vertreten. Der Mann mit Schlips und Kragen, der draußen vor der Tür die Brissago geraucht hatte, nutzte Bessells Gedankenpause und hakte nach.
»Aber ist der Staat dann berechtigt, gegen die Steuerbetrüger mit kriminellen Mitteln vorzugehen und andere dazu anzustiften, vertrauensvolle Daten zu klauen und an den Höchstbietenden zu verkaufen?«
Bessell dachte einen Moment darüber nach, dann antwortete er:
»Zu solchen Mitteln haben Staaten immer schon gegriffen, aber keiner regt sich auf, wenn auf diese Weise Gewaltverbrecher, Vergewaltiger oder Terroristen überführt werden. Nur wenn es scheinbar unbescholtenen Bürgern an den Kragen geht, dann gibt es auf einmal Bedenken.«
Einer von den beiden älteren Männern machte eine abweisende Handbewegung. Der Jüngste am Tisch musste lachen, weil er schon ahnte, dass es bei dieser Diskussion keine Einigung gäbe. Die Bedienung kam mit Bessels Risottoreis und den Schweinerippchen und stellte beides freundlich lächelnd auf den Tisch. Sie drehte sich um und erkundigte sich bei den vier Männern, ob sie noch etwas bringen könnte. Der Mann im Anzug bestellte fünf Grappa und sah Bessell dabei wohlwollend an. Bessell hatte bereits bemerkt, dass keiner von ihnen diesen Meinungsaustausch furchtbar ernst nahm. Trotzdem wollte er noch etwas hinzufügen, um die Wogen ein wenig zu glätten.
»Aber vielleicht machen die deutschen Behörden es den Steuerflüchtlingen auch zu leicht und deshalb sollten sie sich erst einmal an die eigene Nase fassen und die Steuergesetze verschärfen.«
Bessell rückte seinen Teller zurecht und nahm das Besteck in die Hand. Während der Jüngste in der Runde wieder leise lachte, pflichteten die drei anderen Männer Bessell bei. Die Grappas wurden gebracht. Bessell legte das Besteck aus der Hand und griff nach dem kleinen Glas. Er bedankte sich, und nachdem sie sich zugeprostet hatten, kippte er die Hälfte des Tresterschnapses hinunter. Dann aß er weiter und wenig später standen die Männer auf. Sie verabschiedeten sich laut rufend vom Wirt und anschließend von Bessell. Einer der Männer klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. Dann kehrte Ruhe ein und zum Schluss saß Bessell als letzter Gast allein im Restaurant. Er hatte sich noch einen doppelten Espresso und einen italienischen Weinbrand bringen lassen. Vielleicht würde er später in seiner Wohnung noch einmal an sein Notebook gehen und die eine oder andere Seite schreiben. Er hatte schon öfter nachts gearbeitet. Die Bedienung räumte der Reihe nach die Tische ab und wischte sie sauber. Der Wirt setzte sich zu Bessell. Sie sprachen über das Wetter und die Sommertouristen, deren Anzahl nach Meinung des Wirts im letzten Jahr deutlich geringer war, als in den Jahren zuvor.
Während der Wirt mit ihm sprach, hielt Bessell seine dickwandige Espressotasse in der Hand und betrachtete die angetrocknete Crema. Er war mit den Gedanken ganz woanders.
Bei aufziehendem Nebel ging Bessell den Weg zurück zu seiner kleinen Wohnung im Nachbarort. Um diese Zeit fuhr auf der Uferstraße nur noch gelegentlich ein Auto oder Lasterwagen an ihm vorbei. Über dem See lagen schon dichte Nebelschwaden und die Lichter am gegenüberliegenden Ufer waren nicht mehr zu erkennen. Das leise Plätschern der Wellen drang nur noch gedämpft zu ihm hinauf. Der Wind über dem Wasser musste nachgelassen haben. Am Ortseingang hörte er in der Ferne einen Hund bellen. Eine Katze überquerte hochbeinig im gelben Schein der Laternen die Straße. Als die Katze Bessels Schritte wahrnahm, blieb sie mit gespitzten Ohren mitten auf der Straße stehen. Die Katzenaugen blitzen Bessell für einen Augenblick an. Dann lief die Katze weiter und verschwand unter einem Holzzaun in einem kleinen, stufig angelegten Vorgarten. Nur noch wenige der vielen Häuser oben am Berghang, weit oberhalb der Eisenbahnstrecke, hatten Licht hinter ihren Fenstern. Bessell blieb stehen. Er hatte die Straße erreicht, die von der Hauptstraße abging und zu seinem kleinen Domizil führte. Nur wenige Meter entfernt stand ein großer 7er BMW am Straßenrand. Das Auto wäre nichts Besonderes gewesen, wenn es nicht ein rumänisches Kennzeichen gehabt hätte, worüber Bessell sich ein wenig wunderte. Es schien niemand im Auto zu sitzen, obwohl es schwer zu erkennen war, weil sich in den Autoscheiben das Licht der Straßenlaternen spiegelte.
In seiner Wohnung angelangt, schaltete Bessell sein Notebook ein und schenkte sich aus einer halbleeren Flasche Veltliner Rotwein ein kleines Kelchglas bis zum Rand voll. Bei seinen Nachbarn brannte ebenfalls noch Licht. Auch die beiden Autos standen noch immer in der Straße. Im Haus schien alles ruhig zu sein. Wahrscheinlich hatten sich die streitenden Eheleute längst beruhigt und saßen jetzt bei einem Schlummertrunk beisammen und sprachen wieder sachlicher über die bevorstehende Scheidung. Bessell schrieb noch zwei Stunden an seinem neuen Roman, kam aber nur schleppend voran und ging dann etwas enttäuscht über die mäßige Tagesleistung gegen zwei Uhr nachts müde ins Bett.
Es war bereits halb zehn, als Bessell aufstand. Der flüchtige Blick aus dem Fenster verriet ihm, dass die Wolken sich noch längst nicht verzogen hatten und der neue Tag so schäbig werden würde, wie der gestrige geendet hatte. Bessell zog sich an. Er hatte schon gestern festgestellt, dass er kein Brot mehr im Haus hatte und so beschloss er, hinunter zur Hauptstraße zu gehen und in dem kleinen Lebensmittelgeschäft einzukaufen. Vielleicht hatte heute auch wieder die kleine Bar geöffnet, wo er sich gerne einmal hinsetzte, um einen Kaffee zu trinken. Jetzt im Winter, also außerhalb der Hauptsaison, hatte die Bar zu unregelmäßigen Zeiten geöffnet. Die Besitzerin war eine eigenwillige Frau, die nach Bessells Schätzung mindestens auf die sechzig zuging. Und obwohl sie großen Wert darauf legte, sich gemäß der aktuellen Mode zu kleiden und auch entsprechend zu schminken, sah man ihr das Alter dennoch an. Schon ihr Name hätte den Titel eines Romans abgeben können. Sie hieß Carla Menotti, und wenn man den Gerüchten glauben konnte, dann stammte sie von einer sizilianischen Mafiafamilie ab. Bessell hatte zwar auch den Verdacht, dass sie wohlhabend war und die Bar nur aus Langeweile betrieb, doch das Geld, das sie besaß, stammte mit Sicherheit nicht aus den Einkünften einer kriminellen Vereinigung. Außerdem hatte seine Vermieterin ihm erzählt, dass Carla Menotti die Witwe eines wohlhabenden Mailänder Kaufmanns wäre.
Wenn Bessell nicht so sehr auf das Geld hätte achten müssen, dann wäre er gerne frühstücken gegangen. Die abendlichen Restaurantbesuche, die er sich bestimmt zwei bis dreimal pro Woche gönnte, waren schon teuer genug. Seine Geldnöte waren auch der Grund, weshalb er kein Auto mehr hatte. In den ersten Wochen am Lago Maggiore hatte er es nur wenig vermisst. Doch jetzt im Winter hätte er sich gerne hin und wieder ins Auto gesetzt, um einen kleinen Ausflug oder Besorgungen in den großen Supermärkten in Locarno oder Bellinzona zu machen. Er hatte zwar etwas Geld auf dem Konto, nur diese Ersparnisse sollten für mindestens zwei Jahre reichen, denn solange wollte er an seinem neuen Roman schreiben.
Bessell nahm sich den Hausschlüssel vom Garderobenschrank und sah in den Spiegel. Eigentlich hätte er duschen und sich rasieren müssen, denn er mochte es nicht sonderlich, mit zerzausten Haaren und unrasiert aus dem Haus zu gehen. Doch da er ohnehin später noch joggen wollte, hätte sich das Duschen nicht gelohnt. Es war ihm wichtig, sich neben dem Schreiben fit zu halten, denn das viele Sitzen tat ihm nicht gut. Aber er hatte sich nun einmal entschieden, sein Geld zukünftig mit der Schriftstellerei zu verdienen. Ob es damit überhaupt etwas werden würde, stand auf einem anderen Blatt. Sein erster Roman, der immerhin verlegt wurde und letztendlich der Grund für seine Ambitionen war, hatte sich gerade einmal knapp zweitausend Mal verkauft. Viel zu wenig, um davon leben zu können und außerdem hatte er einen schlechten Vertrag mit dem kleinen Verlag abgeschlossen. Der Roman, der gleich als Taschenbuch erschienen war, kostete in der Buchhandlung neun Euro neunzig. Davon bekam Bessell nur zwei Euro, also bisher knapp viertausend Euro. Pro Seite waren es bis jetzt etwa fünfzehn Euro, was sich gar nicht so wenig anhörte, doch wie lange brauchte er im Durchschnitt für eine Seite, wo er doch an vielen Tagen nicht einen einzigen Satz zustande brachte.
Bessell zog die Tür ins Schloss, drehte sich um und tippelte die wenigen Stufen hinunter auf die Straße. Es regnete zwar nicht, aber der wolkenverhangene Himmel sah aus, als wäre er jederzeit bereit einen tüchtigen Regenguss auf die Erde fallen zu lassen. Vom See wehte ein feuchtes und kühles Lüftchen herüber in den Ort. Vor dem Haus der Hengartners stand ein Polizeiwagen. Es saß niemand darin. Bessell blieb einen Moment stehen. Die beiden Autos der Hengartners standen noch immer da. Der Signalton eines Zuges durchschnitt die Beschaulichkeit des angefangenen Tages. Bessell wandte sich ab und ging die Straße hinunter. Als er die Eisenbahnunterführung passierte, ratterte ein Güterzug über ihn hinweg. Unten an der Hauptstraße, dort wo am Abend zuvor der BMW gestanden hatte, war ein großes Durcheinander. Drei Polizeiwagen und ein Ambulanzwagen versperrten einen großen Teil der Straße. Dahinter erkannte Bessell einen schwarzen, lang gezogenen Kombi. Es war ein Leichenwagen. Die Fensterscheibe der Fahrertür war heruntergelassen. Vom Fahrer konnte man nur die linke Hand sehen, die aus dem Fenster hing und zwischen den Fingern eine qualmende Zigarette hielt. Mehrere Polizisten standen zwischen diesem Fahrzeugaufgebot herum. Einige Leute aus dem Ort hatten sich eingefunden und schauten die enge Treppengasse hinunter, die zwischen alten Steinhäusern entlang führte und nach einigen Metern unten am See endete. Vor dem Hindernis auf der Straße hatte sich bereits eine kleine Schlange wartender Autos gebildet. Ein Polizist bemühte sich mit geübten Handbewegungen, abwechselnd die aus beiden Richtungen kommenden Autos am Einsatzort vorbeizuleiten. Er machte dabei ein angestrengtes Gesicht. Bessell war stehen geblieben und hatte die Szenerie von der anderen Straßenseite aus beobachtet. Ein VW-Bus mit aufgesetztem Blaulicht wurde vorgelassen und hielt direkt neben den anderen Fahrzeugen. Das Verkehrshindernis war dadurch noch größer geworden. Drei Männer stiegen aus. In ihren Händen hielten sie etwas Zusammengefaltetes. Es waren weiße Overalls. Sie falteten sie auseinander und stiegen beinahe gleichzeitig hinein. Große Aluminiumkoffer wurden ausgeladen. Einen Moment später hielt ein Audi A6 Variant am Straßenrand. Zwei Männer in Zivil stiegen aus und wandten sich gleich darauf an einen der uniformierten Polizisten. Im Verlauf des Gesprächs fuchtelte der Polizist aufgeregt mit den Händen und zeigte immer wieder in Richtung Treppengasse und gelegentlich auch in die Richtung aus der Bessell gekommen war. Bessell näherte sich dem kleinen Menschenauflauf. Die ganze Szene wirkte unwirklich und wenn nicht die Kameras, die Beleuchter und ein Regieteam gefehlt hätten, dann hätte man meinen können, hier würde lediglich ein Film gedreht. Bessell sprach einen der Umherstehenden an. Es war ein älterer Mann mit grauen, nach hinten gekämmten Haaren. Er war aus dem Ort und Bessell war ihm schon beim Einkaufen begegnet.
»Was ist passiert?« Der alte Mann sah ihn mit seinen gelblich unterlaufenden Augen an, so als könne er sich nicht im geringsten vorstellen, dass noch nicht alle im Ort von dem, was geschehen war, gehört hatten.
»Ein Toter unten am Strand. Ein Junge aus dem Ort hat ihn entdeckt, als er heute früh Steine über das Wasser springen lassen wollte. Der Junge wohnt dort drüben in dem Haus bei seiner Großmutter.« Der Mann wies mit seiner knochigen Hand auf die andere Straßenseite.
»Er hat es gleich seiner Großmutter erzählt und die hat sofort die Polizei verständigt. Ich habe vorhin mit ihr gesprochen.«
»Weiß man schon, wer der Tote ist?«
»Nein, er soll mit dem Gesicht nach unten im Wasser gelegen haben. Den Mann hat keiner angerührt. Er soll dort mit eingeschlagenem Schädel liegen. Furchtbar oder?«
Der alte Mann schüttelte den Kopf und sah dann wieder hinüber zu den drei Männern aus dem VW-Bus, die sich jetzt ganz in Weiß gekleidet auf die Treppengasse zubewegten. Sie mussten schwer an den Aluminiumkoffern tragen, und wie es aussah, würden sie mindestens zweimal gehen müssen, um alles, was sie aus dem Wagen ausgeladen hatten, mit hinunter an den See nehmen zu können. Bessell wandte sich ab. Die Vorstellung, hier stehen zu bleiben, bis die Leiche in einem Zinksarg hinaufgetragen wurde, ließ ihn erschaudern. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging Bessell hinüber zur Bar, die sich in einer Entfernung von vielleicht hundertfünfzig Metern schräg gegenüber befand. Als er eintrat, stand Carla Menotti stumm mit einem ihrer Gäste am Fenster. An der Theke saßen zwei Maler in weißer Kleidung mit den typischen Farbklecksen darauf und unterhielten sich über das, was sie glaubten, über den ganzen Vorfall zu wissen. Jeder der beiden Männer hatte einen Cappuccino vor sich stehen. Mit dem Rücken zu den Gästen gewandt, stand eine junge Frau hinter der Theke. Sie war damit beschäftigt, Kaffeetassen trocken zu wischen und oben auf die Kaffeemaschine zu stellen. Über einer weißen Bluse trug sie einen eng anliegenden grauen Pullunder und erinnerte an eine Kellnerin in einem der großen Hotels. Bessell setzte sich an die Theke und bestellte einen doppelten Espresso. Vor ihm stand ein Tablett, auf dem sich Croissants stapelten. Er nahm sich eines herunter und sah der Bedienung dabei zu, wie sie einen der Siebträger unter den Auslass einer Kaffeemühle hielt und der frisch gemahlene Kaffee hineinrieselte. Als die junge Frau den Siebträger in die Brühvorrichtung einhängte, kam Carla Menotti vom Fenster herüber und stellte sich ebenfalls hinter die Theke. Sie begrüßte den neuen Gast und sagte etwas spöttisch:
»Ah, unser Schriftsteller, seien Sie herzlich willkommen.« Bessell lächelte verlegen.
»Ach, Schriftsteller. Ein Schriftsteller ist man wohl erst, wenn man seine Brötchen damit verdienen kann und das ist bei mir noch lange nicht der Fall.«
Carla Menotti schmunzelte, so dass Bessell sich fragte, ob sie ihn überhaupt ernst nahm.
»Aber ich habe bei Ihnen ein gutes Gefühl. Schade, dass Sie nicht auf Italienisch schreiben, sonst hätte ich Ihren ersten Roman gerne einmal gelesen.«
Bessell war es unangenehm, dass es sich im Ort bereits herumgesprochen hatte, dass er Romane schrieb. Die Frau, von der er die Ferienwohnung sehr günstig gemietet hatte, war eine gute Freundin seiner Mutter. Sie hatte bei ihrem letzten Besuch in Gerra, noch bevor Bessell die kleine Wohnung bezogen hatte, allen Bekannten davon erzählt.
Carla Menottis Miene verfinsterte sich. Sie stützte ihre Unterarme auf die Theke und beugte sich weit zu Bessell herüber. Ihr Gesicht war wie immer stark geschminkt und Bessell konnte das kräftig aufgetragene Rouge auf ihren Wangen erkennen.
»Furchtbar, was dort drüben passiert ist. Und das in unserem beschaulichen Ort. Davon haben Sie doch sicherlich schon gehört?«
Bessell nickte stumm und sah zum Fenster hinüber.
»Unten auf dem schmalen Kiesstrand am See hat ein Junge hier aus dem Ort die Leiche entdeckt. Es muss schrecklich für den Jungen gewesen sein. Der Junge hat erzählt, dass die Haare des Toten am Hinterkopf blutverklebt waren. Er ist sofort zu seiner Großmutter gelaufen, bei der er hier im Ort zur Zeit wohnt. Die hat natürlich sofort die Polizei verständigt«, sagte Carla Menotti beinahe im Flüsterton.
Bessell nippte an seinem Caffè und schob sich verstohlen den letzten Bissen seines Croissants in den Mund. Die beiden Maler verabschiedeten sich, nachdem sie bei der jungen Bedienung bezahlt hatten. Der Mann, der zuvor mit Carla Menotti am Fenster gestanden hatte, saß jetzt an einem runden Tisch und las Zeitung. Vor sich hatte er ein Glas Weißwein stehen. Von der Einrichtung her, war die Bar mehr ein Café oder Bistro. Es standen schlichte Holztische im Raum. Die zwei Tische am Fenster waren rund, die übrigen eckig und viel größer. Doch das Lokal hatte eine gewisse zeitlose Ausstrahlung. Es wirkte weder modern noch alt. Die Theke und die hohen Schränke dahinter waren schlicht, aber ganz in Holz gehalten und hatten einen hellbraunen Farbton. In einem Regal hinter dem Tresen standen in zwei Reihen Kaffeepackungen einer unbekannten italienischen Rösterei. Ansonsten waren die Regale und Schrankelemente voll mit Gläsern der verschiedensten Art. Darunter und darüber zahlreiche Flaschen mit einem Inhalt, der von klar über bonbon- bis bernsteinfarben ging. Carla Menotti nahm sich zwei kleine Cognacgläser und stellte sie vor Bessell auf den Tresen. Sie bückte sich, holte eine Flasche Calvados hervor und schenkte ein.
»Bitte, der geht auf Kosten des Hauses. So ein Calvados bringt die gesunde Gesichtsfarbe wieder zurück. Sie sehen ja auch schon ganz blass aus«, sagte sie scherzhaft, machte dabei aber ein ernstes Gesicht. Bessell bedankte sich und kippte den Schnaps herunter.
»Stellen Sie sich vor, ein Polizist war heute früh auch schon bei mir in der Bar. In Uniform versteht sich. Die höheren Beamten sind ja vorhin erst eingetroffen. Er bestellte sich einen Caffè so wie sie und dann fing er an, mir Fragen zu stellen.«
Bessell nahm sich noch ein Croissant vom Tablett. Er musste daran denken, dass er bisher noch nicht dazu gekommen war, auch nur ein einziges Wort zu entgegnen, außer den üblichen Lauten des aufmerksamen Zuhörers.
»Und was wollte er von Ihnen wissen?«, fragte er.
»Ob wir gestern Abend geöffnet hatten. Zum Glück hatten wir bereits gegen vier alles verrammelt und verriegelt und sind nach Hause gefahren. Im Winter ist ja im Ort nicht viel los und außerdem hatte ich mich mit einer Freundin zum Abendessen in Mailand verabredet.«
Carla Menotti sah Bessell erleichtert an. Sie schien tatsächlich froh darüber zu sein, nicht als Zeugin über irgendwelche Vorkommnisse aussagen zu müssen, die sich während der möglichen Tatzeit auf der Straße ereignet haben könnten. In diesem Moment fiel Bessell der BMW ein, den er gestern Abend gesehen hatte. Er stand ja ungefähr dort, wo jetzt die Armada der Polizeiwagen parkte. Seltsamerweise fiel es ihm erst jetzt wieder ein. Der Grund dafür war wohl, dass er den gestrigen Abend und sein bisheriges Leben am Lago Maggiore nicht im geringsten mit einem Verbrechen wie Mord oder Totschlag in Verbindung bringen konnte. Er trank den letzten Rest Kaffee aus seiner dickwandigen Espressotasse. Dabei sah er Carla Menotti an, als hätte er vergessen, was er sagen wollte. Dann blickte er auf sein angebissenes Croissant, und als er wieder davon abbeißen wollte, brach er in der Bewegung ab und fragte:
»Woher weiß man eigentlich, dass dem Mann erst gestern Abend der Schädel eingeschlagen wurde? Womöglich liegt er schon länger dort unten am Strand.«
Carla Menotti winkte ab und kehrte ihm den Rücken zu. Sie nahm einen kleinen Karton von der Anrichte und riss ihn auf. Darin waren einzeln verpackte Kekse, die zum Cappuccino oder anderen heißen Getränken gereicht wurden. Sie griff hinein, holte eine Handvoll heraus und stopfte die Kekse in eine Art durchsichtigen Spender, der vor ihr auf dem Tresen stand.
»Vollkommen unmöglich«, sagte sie etwas altklug und schüttelte dabei mit dem Kopf. Um die Spannung noch etwas zu steigern, machte sie eine kleine Kunstpause. Dann sah sie Bessell mit einem bedeutungsschweren Blick an und sagte:
»Der Junge war gestern am späten Nachmittag auch unten am Strand und da lag noch kein Toter da.«
»Vielleicht ist der Mann ans Ufer geschwemmt worden und wurde gar nicht hier bei uns ermordet«, wandte Bessell ein. Im gleichen Moment musste er daran denken, dass ja noch nicht einmal geklärt war, ob es sich tatsächlich um ein Gewaltverbrechen handelte. Möglicherweise war der Mann von seiner Yacht gefallen, vorher unglücklich mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen und dann im Wasser gelandet. Diesen Gedankengang behielt er für sich, denn er wollte endlich los. Er bezahlte seinen Caffè und die zwei Croissants. Als Bessell sich verabschiedete, signalisierte der Mann am runden Tisch, dass er noch gern ein zweites Glas Weißwein hätte.
Auf der Straße war alles noch unverändert. Nur die Schlange der wartenden Autos war mittlerweile in beide Richtungen zu einem richtigen Stau herangewachsen. Auch die Zahl der Neugierigen schien etwas zugenommen zu haben. Die Fahrer des Leichenwagens waren ausgestiegen und warteten jetzt ungeduldig vor ihrem Fahrzeug stehend auf ihren traurigen Einsatz. Die Leute von der Spurensicherung waren wohl noch längst nicht mit ihrer Arbeit fertig. Die beiden Kriminalbeamten in Zivil waren nicht mehr zu sehen. Vermutlich standen sie noch unten am Ufer, machten sich ein Bild von der ganzen Angelegenheit und ließen sich die ersten Erkenntnisse von den Kollegen der Spurensicherung mitteilen. Bessell sah sich das Ganze von der Ferne aus nur noch einen kurzen Augenblick an und drehte dann ab, um die wenigen Schritte zu dem kleinen Lebensmittelgeschäft zu gehen. Vor dem Schaufenster standen drei Frauen und sahen hinüber zum Schauplatz des Geschehens. Dabei unterhielten sie sich mit ausdrucksvollen Gesten. Sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie von Bessell keinerlei Notiz nahmen. Auch Bessells zaghafter Versuch zu grüßen, wurde nicht erwidert. Im Laden nahm er nur einen Einkaufskorb, schlenderte langsam und ohne Hast zwischen den Regalen umher und wählte nach und nach das Nötigste aus. Brot, etwas Aufschnitt, eine Packung Eier sowie Reis und Nudeln. Die Kassiererin, eine junge Frau, bediente ihn so neutral, als wäre im Ort nichts weiter vorgefallen. Kurz zuvor hatte sie noch Weinflaschen in ein Regal einsortiert. Sie schien sich für den Toten am See nicht weiter zu interessieren und wünschte Bessell beim Verlassen des Ladens einen schönen Tag. Bessell stand wieder auf der Straße; das Bild war unverändert. Auch die drei Frauen waren noch immer da und schauten hinüber. Bessell ging die Hauptstraße entlang, und als er an seiner Straße angelangt war, blieb er nicht noch einmal stehen, um hinüberzuschauen, sondern ging gleich weiter zu seiner Wohnung. Obwohl es immer noch so aussah, als könnte es jederzeit regnen, war es die ganze Zeit über trocken geblieben. Die geschlossene Wolkendecke hatte also dicht gehalten. Über den Hügelzügen oberhalb des Ortes zogen vereinzelt Wolken dahin, als hätten sie sich von den anderen losgerissen. Auf den Stufen zu Bessells Ferienwohnung standen zwei Männer. Sie lehnten lässig am Treppengeländer und schienen sich über etwas zu unterhalten, was beide zum Lachen brachte. Als einer der Männer Bessell sah, hörte er abrupt auf zu lachen und ging die wenigen Stufen hinunter auf die Straße. Schon von Weitem sprach er Bessell auf Italienisch an.
»Signore Bessell, habe ich recht?« Bessell nickte erstaunt.
»Wir haben auf Sie gewartet, weil wir ihnen einige Fragen stellen möchten.« Der zweite Mann kam jetzt ebenfalls die Treppe hinunter.
»Aber entschuldigen Sie«, fügte der Mann, der ihn angesprochen hatte hinzu, während er ihm die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte.
»Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Angelo Favalli und das ist mein Kollege Fabio Caroni. Wir sind von der Polizia Cantonale in Locarno. Bessell gab auch dem anderen Mann die Hand. Am Fenster gegenüber bewegte sich etwas. Bessell blickte hinüber und sah Frau Hengartner für einen kurzen Augenblick am Fenster stehen. Gleich darauf trat sie vom Fenster zurück und ihre Konturen verschwanden. Favalli und sein Kollege hatten den kurzen Blickkontakt mitbekommen. Sie sahen einander kurz an, dann wandte sich Favalli wieder Bessell zu.
»Vielleicht können wir uns in Ihrem Haus weiter unterhalten?«
»Aber natürlich, gerne«, sagte Bessell wenig überzeugend. Bessell ging voraus und holte im Gehen seinen Schlüssel aus der Hosentasche. Als er aufgeschlossen hatte, bat er die beiden Männer hinein und während sie an ihm vorbei in die Wohnung gingen schaute er noch einmal hinüber zum Fenster auf der gegenüberliegenden Seite. Doch das Tageslicht spiegelte sich zu stark in der Fensterscheibe, so dass er nichts und niemanden sehen konnte. Bessell führte die Polizeibeamten in eine Art Wohnküche. Die Ferienwohnung bestand nur aus diesem Raum, einer kleinen Abstellkammer und einem Schlafzimmer und einem recht großzügigen Badezimmer. Favalli trat an Bessells Schreibtisch heran, während sein Kollege den Kaminofen in der anderen Ecke des Raumes scheinbar teilnahmslos musterte. Bessell stand etwas unbeholfen in der Mitte des Zimmers und sah mal zu dem einen und mal zu dem anderen Polizeibeamten. Die beiden Männer waren etwa Mitte dreißig, sehr sportliche Typen und ungefähr gleich groß. Mit ihren schwarzen, in etwa gleich lang geschnittenen Haaren sahen sie sich sogar ähnlich. Doch während Favalli einen Dreitagebart trug, war das Gesicht seines Kollegen glattrasiert. Beide trugen sie kurze Lederjacken, die jedoch vollkommen unterschiedlich geschnitten waren und einen voneinander deutlich abweichenden Geschmack verrieten. Als würde der Anblick eines Notebooks und ein unaufgeräumter Schreibtisch, auf dem sich bedruckte Papiere, Zeitungsartikel und das eine oder andere Buch stapelten, Hinweis genug sein, bemerkte Favalli ohne Bessell dabei anzusehen:
»Sie sind also Schriftsteller?« Seine Stimme klang etwas ungläubig.
»Ich schreibe, das ist richtig, aber ich bin noch ganz am Anfang und habe erst einen Roman bei einem kleinen, unbedeutenden Verlag unterbringen können«. Bessell war anzusehen, dass ihm die Situation mit den beiden Polizisten in seiner Wohnung unangenehm war. Er fragte sich die ganze Zeit, warum sie gerade ihn aufgesucht hatten. Außerdem hatte er längst bemerkt, dass sie Informationen zu seiner Person eingeholt hatten. Wie sonst, hätte der Mann mit dem Namen Favalli ihn gleich auf seine schriftstellerischen Ambitionen ansprechen können. Zudem sprachen sie ihn gleich auf Italienisch an. Bessell bat den beiden Männern an, sich zu setzen. Es machte ihn nervös, dass sie im Raum umhergingen und alles neugierig betrachteten. Außerdem wollte er endlich wissen, was sie eigentlich von ihm wollten. Gehorsam folgten sie Bessells Angebot und nahmen auf einem Sofa gleich neben dem Kaminofen Platz. Bessell setzte sich ihnen gegenüber auf einen breiten Sessel.
Für einen kurzen Moment saßen sie sich schweigend gegenüber. Beide Kommissare hatten ihre Ellenbogen auf die Oberschenkel aufgestützt und eine nach vorn gerichtete Sitzposition eingenommen. Während Kommissar Caroni noch immer etwas verlegen wirkte und seinen Blick durchs Zimmer wandern ließ, schaute Angelo Favalli mit einem fragenden Gesichtsausdruck Bessell an. Bessell hatte sich im Sessel zurückgelehnt und wartete auf ein Ende des allgemeinen Schweigens, dessen Dauer ihm mittlerweile wie eine halbe Ewigkeit vorkam. Favalli senkte seinen Blick und betrachtete für einen kurzen Augenblick die Innenflächen seiner Hände. Dann ließ er sich auf dem Sofa zurückfallen, platzierte seinen linken Arm auf dem Polster der Rückenlehne, so dass es beinahe so aussah, als wollte er seinem Kollegen die Hand auf die Schulter legen. Und bevor er anfing zu sprechen, sah er Bessell noch einmal eindringlich und übertrieben wichtig in die Augen.
»Wie lange kennen Sie schon Frau Hengartner, Ihre Nachbarin?«
Favalli nahm Bessells verblüfften Gesichtsausdruck wahr, der sich noch immer nicht vorstellen konnte, was die beiden Polizisten überhaupt von ihm wollten. Natürlich war ihm bereits in den Sinn gekommen, dass es sich um den Toten unten am Strand um jemanden aus dem Ort handeln konnte, aber warum man gerade ihn befragen wollte, einen Zugezogenen, der obendrein erst wenige Monate hier wohnte, war ihm vollkommen schleierhaft.
»Kennen ist wohl zu viel gesagt. Wir sind uns schon hier vor dem Haus begegnet. Sie ist ja nur gelegentlich da, um nach dem Rechten zu sehen. Zumindest jetzt in den Wintermonaten.«
Bessell hatte nicht gleich an das Gespräch mit Frau Hengartner in dem Restaurant in San Nazzaro gedacht. Jetzt fiel es ihm wieder ein, doch er schwieg darüber. Favalli fuhr sich mit der Hand durch die nach hinten gekämmten Haare. Sein Kollege Caroni saß mittlerweile etwas teilnahmslos daneben und starrte Bessell an, als würde dieser nicht auf Italienisch antworten, sondern in einer ihm völligen fremden Sprache.
»Und Herrn Hengartner, wie oft sind Sie ihm schon begegnet?«
»Ihm noch seltener, schließlich wohne ich hier in Gerra noch nicht sehr lange.«
»Wann genau haben Sie die Wohnung bezogen?«
»Erst letztes Jahr im November, aber ich war im Sommer für zwei Wochen hier und dann noch einmal Ende September für wenige Tage.«
Der Tote musste irgendetwas mit seinen Nachbarn, zu tun haben. Soviel war Bessell jetzt klar geworden. Doch er traute sich nicht zu fragen, zumal er davon überzeugt war, dass die beiden Kommissare es ihm ohnehin noch anvertrauen würden. Nach einer kurzen Pause fragte ihn der schweigsame Caroni ganz direkt:
»Interessiert es Sie nicht, warum wir Ihnen diese Fragen stellen?«
Bessell hatte die Angewohnheit, bei ernsten Gesprächen immer etwas teilnahmslos und desinteressiert dreinzublicken. Ihm selbst war das nicht bewusst, doch nach einem Vorstellungsgespräch vor einigen Jahren hatte ihn ein Personalchef darauf angesprochen. Die Stelle hatte er aus diesem Grund nicht bekommen. Bessell nahm eine aufrechte Sitzhaltung ein und sah dann beide Kommissare abwechselnd mit ernster Miene an.
»Doch, doch auch ich habe schon vom Toten unten am See gehört und natürlich ist mir auch das Aufgebot an Polizeiwagen nicht entgangen. Ich bin nur etwas perplex, weshalb sie gerade mich befragen und was die ganze Sache mit meinen Nachbarn zu tun haben könnte.«
»Gut«, sagte Favalli in fast gönnerhaftem Ton, »wir wollen offen mit Ihnen reden. Der Tote unten am See ist Herr Hengartner und wir hatten in Erfahrung gebracht, dass Sie mit ...«
An dieser Stelle stockte Favalli und tat so, als würde er nach den richtigen Worten suchen. Dann nahm er den Faden wieder auf.
»... mit den Hengartners befreundet sind.«
Bessell erhob sich aus seinem Sessel.
»Von wem haben Sie das denn gehört?« Er wandte sich ab, und noch bevor Favalli antworten konnte, fragte Bessell:
»Möchten Sie etwas trinken?«
»Nein, danke«, sagten beide fast gleichzeitig. Bessell schenkte sich Mineralwasser ein und kehrte dann zu seinem Sessel zurück. Bevor er sich hinsetzte, nahm er einen großen Schluck.
»Das hat uns jemand hier aus dem Ort erzählt«, gab Favalli endlich zur Antwort. »Würden Sie dieser Aussage nicht zustimmen?«
»Nein, sicher nicht. Ich kenne sie eigentlich nur vom Sehen, und wenn das ausreicht, um befreundet zu sein, dann habe ich mittlerweile trotz meiner kurzen Zeit hier am Lago Maggiore viele Freunde.« In Favallis Gesicht zeichnete sich Verwirrung ab. Doch er schien nicht bereit zu sein, den Grund hierfür zu erläutern.
»Gut, lassen wir das«, sagte er und in seiner Stimme lag ein Hauch von Resignation. Jetzt ergriff Caroni das Wort.
»Dann würden wir von Ihnen als Nachbarn gerne hören, ob Ihnen gestern etwas aufgefallen ist. Haben Sie die Hengartners im Laufe des Tages gesehen oder gesprochen?«
»Nein, tagsüber war ich hier in der Wohnung und habe geschrieben. Erst als ich abends rausging, um noch etwas Essen zu gehen, habe ich bemerkt, dass die beiden Autos der Hengartners in der Straße standen.«
Caroni nickte zufrieden. Er saß ganz entspannt auf dem Sofa mit rundem Rücken und hielt sich mit beiden Händen an seinem rechten Knie fest, beinahe so, als würde er mit intellektueller Bewunderung einem vorgetragenen Gedicht folgen. Bessell überlegte angestrengt. Er wollte nichts Falsches sagen.
»Als ich draußen auf der Straße stand, habe ich lediglich Frau Hengartner kurz am Fenster gesehen. Sie unterhielt sich offenbar mit ihrem Mann, zumindest habe ich eine männliche Stimme gehört.« An dieser Stelle schaltete sich Favalli wieder ein.
»Stand das Fenster denn offen?«
»Nein das nicht, aber ...« Bessell veränderte seine Sitzposition. Man konnte seiner Mimik ansehen, dass er mühsam nach den richtigen Worten suchte.
»... ich hatte den Eindruck, dass ihre Unterhaltung sehr emotional geführt wurde.«
Favalli lachte kurz auf und besann sich dann wieder auf einen Gesichtsausdruck, der besser zu der Situation passte. Etwas zu ernst fügte er hinzu:
»Sie meinen, dass sie sich gestritten haben?« Bessell sah Favalli misstrauisch an.
»Für diesen kurzen Augenblick machte es zumindest den Anschein, obwohl Frau Hengartners Stimme nicht zu hören war. Ich bin dann gleich weitergegangen.«
Caroni, der sich noch immer mit beiden Händen am Knie festhielt, hakte nach.
»Haben Sie nicht daran gedacht, die Hengartners kurz zu begrüßen, schließlich waren sie doch einige Wochen nicht in ihrer Wohnung hier in Gerra.«
Bessell sah Caroni verständnislos an.
»Daran habe ich überhaupt nicht gedacht, schließlich kenne ich die Hengartners nur flüchtig, auch wenn Sie sich das nicht vorstellen können.«
Favalli bemerkte Bessells Unzufriedenheit mit Caronis Frage und wollte schlichten.
»Bitte verstehen Sie uns nicht falsch, wir glauben Ihnen ja. Ich begrüße meine Nachbarn auch nicht, wenn sie aus dem Urlaub zurückkommen.«
Caroni schlug das linke über das rechte Bein und lehnte sich zurück. Die Arme platzierte er neben seinen Oberschenkeln auf der Sitzfläche.
»Dürfen wir fragen, wo Sie zu Abend gegessen haben?, erkundigte er sich schließlich und sah daraufhin kurz Favalli an, als ob er sich vergewissern wollte, dass dieser mit seiner Frage einverstanden war. Bessell sah Caroni missmutig an. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die beiden ihn mit der ganzen Angelegenheit in Verbindung brachten. Nur den Grund dafür, konnte er sich nicht zusammenreimen. Vielleicht war der Besuch der beiden Kommissare aber einfach nur dem Umstand geschuldet, dass er der Nachbar des Toten war. Und es bestand ja tatsächlich die Möglichkeit, dass ihm etwas aufgefallen war, was zur Aufklärung des Falls hätte beitragen können. Doch komisch kam ihm die ganze Sache schon vor. Auch wenn er schon einige Male im Restaurant in San Nazzaro war, wusste er nicht, wie das Lokal hieß.
»Sie werden sich vielleicht wundern, aber ich merke mir nur selten die Namen der Restaurants, in denen ich esse. Aber es ist eine Art Pizzeria in San Nazzaro, in der ich gestern Abend war. Gleich vorne an, auf der rechten Seite, wenn Sie aus Gerra kommen und in den Ort hineingehen.«
Caroni nahm ein kleines Notizheft aus der Innentasche seiner Jacke und notierte einen Namen.
»Ich glaube, ich weiß, welches Restaurant Sie meinen. Sind Sie mit dem Auto dort hingefahren?«
»Nein, ich habe meinen Wagen vor einigen Monaten verkauft. Ich brauche hier nicht unbedingt ein Auto. Ich gehe gern zu Fuß oder fahre mit dem Bus und demnächst werde ich mir ein vernünftiges Fahrrad zulegen.«
»Wann sind Sie gestern Abend in Ihre Wohnung zurückgekehrt?« Caroni setzte den Kugelschreiber bereits an und wartete geduldig auf eine Antwort.
»Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, aber es war bestimmt halb zwölf.«
»Und haben Sie noch jemanden auf der Straße gesehen oder ist Ihnen sonst etwas aufgefallen?«, mischte sich jetzt wieder Favalli ein, der schon seit einigen Minuten ungeduldig auf dem Sofa hin- und herrutschte und eine unzufriedene Miene machte. Vermutlich hatte er sich mehr von dem Gespräch mit Bessell erhofft. Bessell hatte schon vor einigen Minuten an den BMW mit dem rumänischen Kennzeichen denken müssen. Vielleicht wäre das ein Hinweis, der die Polizisten zufrieden stimmen könnte.
»Eine Sache ist mir tatsächlich noch aufgefallen. Unten an der Hauptstraße, eigentlich genau dort, wo jetzt die Straße durch die vielen Einsatzfahrzeuge versperrt ist, stand gestern Abend, als ich zurückkam, ein 7er BMW. Ich glaube sogar, das aktuelle Modell.«
Die beiden Kommissare sahen Bessell ungläubig an. Dann senkte Caroni seinen Blick und starrte wieder angestrengt in sein Notizheft. Beinahe gelangweilt murmelte er:
»Welche Farbe hatte das Auto und haben Sie sich Ziffern vom Nummernschild merken können?«
»Schwer zu sagen. Sie wissen doch, nachts sind alle Katzen grau. Doch wenn der fahle Schein der Straßenlaternen mich nicht getäuscht hat, würde ich sagen, dass der Wagen wohl anthrazitfarben war, ein metallisches Anthrazit, um genau zu sein.«
Bessells Gesicht konnte man ansehen, dass er sich darüber freute, endlich etwas Sachdienliches beigetragen zu haben. Zufrieden lehnte er sich im Sessel zurück und wollte gerade das Glas an die Lippen setzen, als ihm einfiel, dass er zum Nummernschild ja noch nichts gesagt hatte. Er unterbrach die Bewegung und fügte gelassen hinzu:
»Einzelne Ziffern oder Buchstaben vom Nummernschild habe ich mir nicht gemerkt, aber ich habe mich darüber gewundert, dass der Wagen ein rumänisches Kennzeichen hatte. Die Länderkennung war eindeutig zu sehen. Es war sogar zusätzlich ein Aufkleber mit den Buchstaben RO angebracht.«
Caroni schrieb, ohne aufzusehen. Favalli zog die Stirn kraus. Bessell bemerkte das scheinbare Desinteresse der beiden Kommissare an dieser Information und um der möglichen Bedeutung seiner Aussage mehr Gewicht zu verleihen, ergänzte er beinahe etwas beleidigt klingend:
»Autos mit rumänischem Kennzeichen sind mir hier am Lago Maggiore noch nicht aufgefallen. Manchmal sieht man teure Limousinen mit russischem Länderzeichen, aber auch nicht oft. Übrigens konnte ich nicht erkennen, ob noch jemand in dem BMW saß. Das Licht der Straßenlaternen spiegelte sich in der Heckscheibe und auch in den Seitenscheiben. Ich bin dann gleich weitergegangen. Alles war ruhig und friedlich. Es waren weder Schritte noch Stimmen zu hören.«
Caroni sah Bessell mit geöffnetem Mund an, so als ob er sich darüber ärgerte, dass Bessell ihm seine Fragen beantwortete, bevor er sie gestellt hatte. Noch bevor er seine Lippenstellung zur Formung eines Lautes verändert hatte, fiel ihm Favalli in das noch nicht ausgesprochene Wort.
»Und, als Sie wieder hier in der Straße waren, ist Ihnen dort etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Nein, im Haus der Hengartners brannte zwar noch Licht, aber schließlich sind sie erwachsene Leute und so spät war es ja auch noch nicht.«
»Konnten Sie im Fenster etwas erkennen oder haben Sie wieder Stimmen gehört?«
»Nein, die Vorhänge waren zugezogen. Es war kein Laut zu hören.«
Caroni hob die Hand, mit der er den Stift hielt. Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, fehlte nicht mehr viel und er hätte mit den Fingern geschnipst, um sich Gehör zu verschaffen. Dann fragte er wichtig:
»Die Autos der Hengartners standen die noch immer in der Straße?«
»Ja, noch genauso wie einige Stunden zuvor, und wenn Sie mich direkt danach fragen, stehen sie auch jetzt noch auf den gleichen Plätzen, wie gestern Abend.«
Favalli machte bereits Anstalten sich zu erheben, doch dann fiel ihm noch eine Frage ein.
»Sind Sie gestern Abend dann gleich schlafen gegangen? Es heißt ja, dass einige Schriftsteller besser nachts als tagsüber schreiben können.« Jetzt musste Bessell lachen.
»Das habe ich auch gehört und es bereits ein paar Mal versucht, aber es ist nie etwas Vernünftiges dabei herausgekommen. Aber Sie haben recht, ich habe dann noch etwa zwei Stunden versucht etwas zu Papier zu bringen, aber wieder nur mit mäßigem Erfolg, so dass ich dann etwas ärgerlich ins Bett gegangen bin. Doch wenn Sie jetzt wissen wollen, ob bei den Hengartners noch Licht brannte, so muss ich passen. Ich habe nicht mehr aus dem Fenster gesehen.«
Favalli schlug mit der flachen Hand auf seinen Oberschenkel und stand auf. Caroni verstaute währenddessen umständlich Stift und Notizheft in seiner Jacke.
»Vielen Dank Herr Bessell, das wäre erst einmal alles. Aber bitte informieren Sie uns, wenn Sie vorhaben zu verreisen. Möglicherweise fallen uns später noch Fragen ein.« Caroni stand ebenfalls auf und reichte Bessell zwei Visitenkarten, seine und die von Favalli.
»Vielleicht müssen wir Sie auch noch nach Locarno bitten, damit Sie das Protokoll, das wir anfertigen werden, unterzeichnen können.«
Zu dritt und hintereinander hertrottend gingen sie zur Tür.
»Und Frau Hengartner, wie hat sie es aufgenommen?«, fragte Bessell, als er den beiden Kommissaren die Tür öffnete. Es sollte beiläufig klingen, doch Favalli konnte genau das ernsthafte Interesse aus Bessells Stimme heraushören. Er blieb in der Tür stehen und sagte:
»Sie steht unter Schock. Wir haben ihr vorhin die Nachricht überbracht und nur wenige Fragen gestellt. Eine Polizistin ist jetzt bei ihr. Wir haben vorsichtshalber auch einen Arzt verständigt. Er müsste eigentlich längst da sein und sich um sie kümmern.« Bessell machte ein betroffenes Gesicht und hob noch einmal flüchtig die Hand zum Abschied. Caroni und Favalli bemerkten noch, wie Bessell zu Hengartners Haus hinüberschaute, bevor er in die Wohnung zurückging und die Tür ins Schloss fallen ließ.
Bessell sah aus dem Fenster. Alles war unverändert. Es war niemand zu sehen. Der Himmel klarte sich allmählich auf, doch wenn tatsächlich die Sonne noch herauskäme, dann würde es später nur für ein paar wärmende Sonnenstrahlen unten am Seeufer reichen. Der restliche Teil des Ortes würde wieder leer ausgehen und hatte sich noch einige Wochen zu gedulden, bis die Sonne wieder höher stand. Die beiden Kommissare waren hinunter zum See gegangen. Der tote Herr Hengartner musste mittlerweile seine Reise im Zinksarg angetreten haben, um in der Pathologie in Bellinzona noch genauer untersucht zu werden. Vermutlich waren die Mitarbeiter der Spurensicherung jetzt dabei, alles wieder zusammenzuräumen und in ihren Aluminiumkoffern zu verstauen. Zuvor werden sie zahlreiche Fotos mit der Digitalkamera gemacht haben. Bessell hatte einmal vorgehabt, Krimis zu schreiben, doch es scheiterte an den fehlenden Detailkenntnissen der heutigen Polizeiarbeit. Zumindest war er dieser Meinung und schrieb lieber über die Beziehung von Menschen und den kleinen Abenteuern, die sie im normalen Leben zu bestehen hatten. In der Küche betrachtete Bessell seine Einkäufe und als er den Bon zur Hand nahm, ärgerte er sich über die stolzen Preise für die wenigen Lebensmittel, die er gekauft hatte. Lange würde er damit ohnehin nicht auskommen. Er hatte sich vorgenommen, am Abend wieder häufiger zu kochen. In der Schweiz war es teuer, gerade jetzt, wo der Euro an Wert verloren hatte. Die kleinen Läden in den Schweizer Urlaubsorten am Lago Maggiore langten besonders zu. Doch zum Glück war Italien nicht weit.
Die ganze Angelegenheit hatte Bessell innerlich aufgewühlt. An Schreiben war heute nicht mehr zu denken. Etwas Ablenkung täte ihm daher gut, dachte er. Wenn das Wetter mitspielte und kein besonderer Wellengang war, dann könnte er das Boot klarmachen und auf den See hinausfahren, vielleicht sogar hinüber nach Italien zum Einkaufen. Bisher war er nur einmal mit dem Bus in Luino gewesen. Doch der Bus war teuer und warum sollte er nicht einfach die kurze Strecke mit dem Boot zurücklegen. Er musste wieder an Frau Hengartner denken. Nicht einmal ihren Vornamen kannte er und doch hatte jemand aus dem Ort den Kommissaren erzählt, dass sie sich gut kennen würden oder sogar miteinander befreundet seien. Von seiner zufälligen Begegnung mit Frau Hengartner im Restaurant in San Nazzaro vor vier Wochen hatte er Favalli und Caroni nichts erzählt. Es war das erste und bisher letzte Mal gewesen, dass er mit ihr gesprochen hatte, ohne nur die üblichen Floskeln unter Nachbarn auszutauschen. An diesem Abend hatte sie ein Stück der Unnahbarkeit abgelegt, die sie sonst wie ein unsichtbarer Schleier umwehte. Die Hengartners schienen wohlhabend zu sein. Sie fuhren teuere Autos und dann natürlich das Haus hier am Lago Maggiore, das ihnen gehörte. Bessell hatte vorne an der Hauptstraße im Schaufenster eines Immobilienmaklers schon häufiger die Aushänge gelesen. Selbst für die kleinsten Wohnungen hier im Tessin und erst recht am Lago Maggiore wurden unvorstellbar hohe Kaufpreise verlangt. Bessell mochte sich nicht vorstellen, was schon allein seine Wohnung kosten würde. Seine Vermieterin musste eine reiche Frau sein. Der Tod und nicht der Familienrichter hatte Frau Hengartner von ihrem Mann geschieden. Bessell fragte sich, was er empfinden würde, wenn er die Nachricht von Saskias Tod erhielte. Obwohl er sich sicher war, dass er sie nicht mehr liebte und sie ihn nicht immer fair behandelt hatte und ihn schon früh wie ein Spielzeug, das keine Faszination und Neugierde mehr wecken konnte, beiseitegelegt hatte, war er doch davon überzeugt, dass ihm die Todesnachricht nahe gehen und ihn in einen Schockzustand versetzen würde, der eine ganze Zeit lang anhalten könnte. Die Psychologie eines solchen Schicksalsschlags fing an ihn zu interessieren, und während er darüber nachdachte, wie so etwas schriftstellerisch verarbeitet werden könnte, merkte er, wie schäbig es war, sich jetzt mit solchen Dingen auseinanderzusetzen. Er dachte ernsthaft darüber nach, hinüberzugehen und Frau Hengartner sein Beileid auszusprechen. Doch im nächsten Augenblick wurde ihm klar, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um mit ihr zu sprechen.
Es schoss ihm plötzlich in den Kopf, dass die Kommissare vielleicht nur deshalb bei ihm waren, weil sie ihn verdächtigten, seinen Nachbarn erschlagen zu haben. Einen anderen Grund konnte es eigentlich nicht geben. Er musste daran denken, wie er als Zwanzigjähriger einen Anruf von der Mordkommission erhalten hatte. Er wohnte noch zu Hause bei seinen Eltern und hatte sich einige Monate zuvor einen alten VW-Passat zugelegt. Der Wagen war eigentlich viel zu groß für seine Bedürfnisse, doch er konnte ihn günstig bekommen und er schien in einem guten Zustand zu sein. Die Mordkommission am Telefon zu haben, war für ihn natürlich ein Schock und der Ermittlungsbeamte teilte ihm auch gleich unverblümt mit, dass es um die Aufklärung eines Raubmordes ging. Mehr wurde nicht verraten und stattdessen ein Termin im Polizeikommissariat vereinbart. Bessell nahm den Termin brav wahr und man verriet ihm, dass sein Auto Schuld am Verdachtsmoment war. Bei einem Raubmord in Süddeutschland hatte ein Zeuge einen Wagen, wie er ihn fuhr, mit der gleichen Farbe und den letzten Ziffern des Kennzeichens gesehen und seine Beobachtungen zu Protokoll gegeben. Auch ein Phantombild existierte, welches gleich im Büro mit Bessells Antlitz verglichen wurde. Nachdem der Kommissar gewisse Ähnlichkeiten festgestellt hatte, wurde Bessell gebeten, noch seine Fingerabdrücke dazulassen. Er musste eine Etage tiefer gehen, alle Finger seiner beiden Hände auf ein Stempelkissen drücken und jeden Einzelnen auf einem Papier abrollen. Ein Vorgang, der sich tief in Bessells Gehirn eingegraben hatte. Mit einem unguten Gefühl fuhr er wieder nach Hause. Er kannte jetzt die Tatzeit, die viele Wochen zurücklag und musste darüber nachdenken, wo er sich wohl zu dieser Zeit aufgehalten haben könnte. Er hatte im Frühjahr sein Abitur gemacht und jobbte gelegentlich für ein Malereiunternehmen. Zum Glück konnte er Stundenzettel vorlegen, die genau in die Tatzeit fielen. Seine Angaben wurden von der Mordkommission beim Malereiunternehmen plump und ohne irgendwelche Erklärungen überprüft. Die Folge war, dass Bessell unter fadenscheiniger Begründung seinen kleinen Gelegenheitsjob verlor. Noch Monate lang hatte er Angst, dass die Mordkommission sich noch einmal melden könnte, um ihm mitzuteilen, dass er noch immer im Fokus der Ermittlungen stand. Doch er sollte nie wieder etwas von dieser Angelegenheit hören. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung spürte er, wie plötzlich das ohnmächtige Gefühl als Mörder verdächtigt zu werden, wie ein schleichendes Gift in sein Innerstes vorzudringen schien. Und vielleicht waren nicht nur seine mangelhaften Kenntnisse der Kriminologie der Grund dafür gewesen, dass er sich literarisch nicht mit diesem Genre beschäftigte, obwohl bei der Leserschaft die Aussicht auf Erfolg wohl weitaus größer gewesen wäre, sondern eben dieses Erlebnis. Er fing an, das Gespräch mit Favalli und Caroni weiter auf sich wirken zu lassen. Möglicherweise folgte der Besuch der beiden Kommissare nur einer vorbestimmten Logik und war damit Teil der Routinearbeit in einem solchen Fall. Auch Bessell wusste, dass bei einem Tötungsdelikt mit hoher Wahrscheinlichkeit der Mörder im direkten Umfeld des Getöteten zu finden war, vor allem dann, wenn es sich nicht um einen Raubmord handelte. Und es war ja verständlich, dass er als Nachbar befragt wurde, zumal die Kommissare auch noch erfahren hatten, dass er mit den Hengartners angeblich befreundet war, obwohl davon nun wirklich nicht die Rede sein konnte. Es war auch nicht ungewöhnlich, dass über Bessell als bunter Hund im Ort geredet und Vermutungen angestellt wurden. Er verhielt sich zwar nicht auffällig, ging nicht mit Strohhut aus dem Haus, trug keine seltsame Kleidung oder trank Absinth in Cafés, während er mit glasigen Augen Leute beobachtete und sich Notizen machte; nein es reichte vollkommen aus, dass alle wussten, dass er sich als Schriftsteller betätigte.
