Begegnung mit H. H. - Fabian Holting - E-Book

Begegnung mit H. H. E-Book

Fabian Holting

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Beschreibung

Sommer im Tessin. Ein deutscher Banker auf der Flucht zu seiner Geliebten in die Schweiz. Zurück lässt er seine Frau und die zwei Kinder. Kurz vor dem Ziel stellt er seinen Wagen ab und wandert hinauf zu einer alten Marienkirche oberhalb von Lugano. Auf einer Bank vor dem Kirchenportal sitzt ein alter Mann in einem unmodernen, schwarzgrauen Anzug und blickt gedankenverloren in die Ferne. Sie kommen ins Gespräch. Während der alte Mann aus seinem Leben berichtet und Geschichten erzählt, lässt der Banker alles, was geschehen ist, Revue passieren. Wie konnte es nur so weit kommen? Zwei gesunde Kinder, eine hübsche Frau und ein passabler Job, doch plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Kriminalroman, Liebesgeschichte, Bankenthriller und die Gedankenwelt von Hermann Hesse furios zu einem spannenden Roman verwoben.

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Seitenzahl: 447

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Fabian Holting

Begegnung mit H. H.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Impressum neobooks

I

Nicht steht mir zu, über eines andern Leben zu urteilen! Für mich allein muss ich urteilen, muss ich wählen, muss ich ablehnen.

Hermann Hesse, Siddhartha

1. Auflage

Teil 1

1

Vor mir tauchte eine weitere Entfernungstafel auf. Die Buchstaben und Ziffern so harmonisch und einprägsam, wie in kaum einem anderen Land. Lugano 8 km, Chiasso 32 km, Milano 75 km stand auf dem Autobahnschild mit grünem Hintergrund. Grün, die Farbe der Hoffnung, die mir abhanden gekommen war. ASTRA Frutiger heißt die Schriftart auf den Schildern der Schweizer Autobahn, benannt nach dem Schriftenentwerfer Adrian Frutiger, der vor einigen Monaten gestorben war. Woher ich das wusste? Ich hatte es in der Zeitung gelesen. Auch Schriften, so banal und selbstverständlich sie einem im Leben begegneten, mussten erst entworfen werden. Ich hatte den Zeitungsartikel, der nach Frutigers Tod veröffentlicht wurde, noch gut in Erinnerung. Ein Mann, der sich sein Leben lang mit dem Entwerfen von Schriften beschäftigt hatte. Sogar Bücher hatte er darüber geschrieben. Eine unvorstellbare Tätigkeit, doch immerhin hatte das Alphabet zusammengenommen zweiundfünfzig Groß- und Kleinbuchstaben, sechs Umlaute und zehn Ziffern, die Sonderzeichen und das Eszett nicht mitgezählt. Es gibt Serifen, Tropfen und Punzen, Grund- und Haarstriche. All dies konnte gestaltet werden. Frutiger, so hieß es, habe anfangs zwischen Architektur und Bildhauerei geschwankt, aber dann herausgefunden, dass Schriftenentwerfen beides miteinander vereine. Auch ich wollte nicht das werden, was ich geworden war.

Doch Frutiger war auch eine tragische Gestalt. Er hatte seine beiden Töchter im Alter von sechzehn und zwanzig Jahren verloren. Sie hatten sich das Leben genommen und das in einem Abstand von nicht einmal zwei Jahren.

Ich hatte ebenfalls an Selbstmord gedacht, als ich am frühen Morgen mit dem Auto das verregnete Ravensburg verlassen hatte. Am Vortag hatte mein Leben endgültig eine Wende genommen, die ich noch vor einigen Jahren niemals für möglich gehalten hatte.

Ich setzte den Blinker und wechselte auf die Spur zur Ausfahrt Lugano Sud. Vor nicht einmal einer Stunde hatte ich in meinem Audi A 8 noch gefroren und die Temperatur der Klimaanlage höher gedreht. Jetzt knallte die hochstehende Sonne beständig auf meine Windschutzscheibe und erwärmte das Fahrzeuginnere wie die Luft in einem Gewächshaus. Ich hatte bis in die Sonnenstube der Schweiz keine vier Stunden gebraucht. Die Autofahrt von Ravensburg bis ins Rheintal auf der Schweizer Seite dauert nicht sehr lange. Bis Chur ist es von dort nur noch ein Katzensprung. Die Fahrt durch das Hochgebirge verging wie im Fluge. Kalte Bergluft, tiefhängende Wolken, Modelleisenbahnhäuser am Hang und Miniaturkühe auf den saftig grünen Bergmatten. Schon bald hatte ich den Bernardinotunnel erreicht, der wie durch ein Wurmloch im All in eine andere Welt führt. Dahinter blauer Himmel und nach jeder Kehre, die mich dem Tessin ein Stück näher brachte, stetig ansteigende Temperaturen. Die Kirchen auf dieser Seite der Alpen haben andere Türme und die Häuser andere Balkone und Fassaden.

Ich fuhr nicht nach Lugano, sondern bog ab in die Via Cantonale, eine Straße die durch ein Tal führt, das die Collina d´Oro vom Monte Salvatore trennt. Goldener Hügel, ein schöner Name für einen Berg. Ich hatte noch etwas Zeit und diese Zeit wollte ich mit mir allein verbringen.

Das kleine Tal muss früher einmal schöner gewesen sein. Entlang der Landstraße verläuft die Autobahn, die ich gerade verlassen hatte. Auf der anderen Straßenseite gab es Motorräder von Ducati zu kaufen. Es folgten eine Tankstelle und ein Einkaufszentrum mit Märkten und Geschäften, die es überall gibt, ob in Deutschland, in Italien oder anderswo. Eine Autowaschanlage, noch eine Tankstelle und ein weiteres, noch größeres Einkaufszentrum. Dann folgte IKEA und schließlich eine Fabrikhalle. Eine Fabrik soll es im Tal schon vor hundert Jahren gegeben haben. Nach einem Kreisel wird die Landstraße schmaler, das Tal enger und die Autobahn verschwindet im Monte Salvatore. Es wird idyllischer und die bewaldeten Berghänge rücken näher heran. Ich erreichte die kleine Kirche Santa Carlo. Viele kleine spitze Türmchen, runde Fensterbögen, neogotischer Stil würde ich sagen. Ich passierte den kleinen Ort Barbengo. Hier hatten die Menschen früher von der Seidenraupenzucht gelebt. Gelegentlich sieht man noch Maulbeerbäume. Ich dagegen verdiente mein Geld, indem ich den ganzen Tag in einem Büro saß. Doch das war jetzt vorbei.

Ich parkte meinen Wagen kurz hinter dem Postamt von Figino. Zum Luganer See sind es nur noch ein paar Meter. Anfang Mai waren die Kastanienwälder noch leicht durchsichtig gewesen. Jetzt war alles dunkelgrün und undurchdringlich bewachsen. Es gibt hier einen steilen Wanderweg, der hinauf auf den Monte Salvatore führt. Den wollte ich gehen. Im Sommer sind hier nur wenige Wanderer unterwegs. Der Weg ist nicht ganz leicht zu finden. Die meisten Wanderer gehen von Morcote aus hinauf auf den Berg. Das ist weitaus angenehmer und vielleicht auch schöner. Doch mich zog dieser einsame, ziemlich steile und leicht verwilderte Bergpfad so sehr an, dass ich nicht widerstehen konnte. Die ersten hundert Meter waren sehr anstrengend. Ich hatte in den letzten zwei Wochen wenig Schlaf bekommen. Der Waldboden, uneben und steinig, war von dicken Wurzeln durchzogen, die wie Adern hervortraten. Gelegentlich stolperte ich, was mich nicht davon abhielt, schneller zu gehen und größere Schritte zu machen. Vor mir stoben Eidechsen in die Reste des Laubs vom vergangenen Herbst. Es roch nach feuchter Erde. Obwohl das Thermometer im Tal noch mehr als fünfundzwanzig Grad gezeigt hatte, war es im schattigen Kastanienwald beinahe kühl. Der Schweiß trat mir dennoch auf die Stirn und das Hemd klebte mir am Körper. Ich erreichte die Ruine eines alten Steinhauses. Vielleicht ein ehemaliges Grotto, dort wo im Sommer die Bauern früher ihren kühlen Wein ausschenkten und einfache Gerichte anboten. Ich setzte mich auf eine rote Bank, um einen Moment auszuruhen. Ich betrachtete die Ruine. Überall lagen die roh behauenen Steinbrocken herum. Es war nur noch die Hälfte des ehemaligen Steinhauses übrig geblieben. An der innenliegenden Bruchsteinmauer zeichneten sich die Reste der Treppenstufen ab, die vielleicht einmal in die Schlafräume geführt haben. Im oberen Stockwerk gab es zwei Fensteröffnungen. Die dicken Mauern waren efeuumrankt. Ein Symbol der Vergänglichkeit. Wenn es kein Grotto war, dann vielleicht ein Bauernhaus. Ich starrte noch eine Weile vor mich hin und stellte mir das Steinhaus vor, wie es einmal ausgesehen haben könnte, mit Dach, Schornstein und Eingangstür. Vielleicht hatte eine Familie mit Kindern dort gelebt.

Als ich wieder das Bild vor Augen hatte, das mich nicht mehr loslassen wollte, stand ich auf und ging weiter.

Eine knappe halbe Stunde später betrat ich eine Lichtung. Vor mir lagen im gleißenden Sonnenschein eingezäunte Weiden und die Kirche Santa Maria Assunta di Torello. Der Kirchturmragte wie eine Festung aus rotem Porphyr aus der Wiese heraus. Die Kirche, romanischer Baustil aus dem zwölften Jahrhundert, war einst Teil eines mittelalterlichen Klosters gewesen. Der Überlieferung nach, soll Guglielmo della Torre, der erste Propst des Klosters, seinen Mönchen ein strenges Klosterleben verordnet haben. Zwischen Mitternacht und Schlafenszeit mussten sich die Mönche siebenmal zum Gebet einfinden. Die Gebetssalmen durften nicht gemurmelt, sondern mussten deutlich artikuliert vorgetragen werden. Wenn die Glocke rief, mussten die Ordensbrüder jegliche Arbeit liegen lassen und in die Kirche kommen. Wie sich die Religionen der Welt doch ähnelten. Ich ging hinauf zur Kirche. Die Sonne stand hoch, mein Schatten fiel breit und kurz vor mir auf den schmalen Pfad. Neben dem Portal sah ich im staubigen Sand ein altes Taschenmesser liegen. Ich hob es auf. Es war kein gewöhnliches Messer. An dem glatten Holzgriff hatte es einen Brandfleck. Ich klappte die Klinge heraus. Es ging etwas schwer, doch das Scharnier schien noch intakt zu sein. Die sehr starke, halbmondförmig gebogene Klinge war stumpf und hatte etwas Patina angesetzt. Ich klappte es noch ein paar Mal auf und zu. Das Taschenmesser gefiel mir und so steckte ich es in meine Hosentasche. Ich ging weiter bergauf. Kurz bevor der Weg erneut in den dichten Kastanienwald führte, blickte ich mich noch einmal um. Die von der Sonne beschienenen steinernen Mauern der mittelalterlichen Kirche und des kleinen Nebengebäudes strahlten warm und hell. Davor standen zwei schwarze Zypressen. Im Hintergrund die graublaue Bergsilhouette. Auf den eingezäunten abschüssigen Weiden stand das Gras schon hoch. Schmetterlinge, Libellen und andere Insekten schwirrten durch die Luft. Was in der Welt auch immer passierte, dieser Ort schien davon nicht betroffen zu sein. In der Ferne, auf dem goldenen Hügel, sah ich die kleine Kirche von Agra und etwas unterhalb, das Dorf mit dem Kastanienwald darüber. Wäre ich in der Lage gewesen, die Zeit anzuhalten, in diesem Moment hätte ich es getan. Doch so blieb mir nichts anderes übrig, als weiterzugehen.

Hier oben stehen auch Buchen zwischen den Kastanienbäumen. Ginstergestrüpp und Brombeergeranke säumen den wieder schmal gewordenen Pfad. Es gibt Abzweigungen, deren Wege plötzlich im Nichts enden. Wegweiser gab es keine und die Kennzeichnung des Wanderweges an Bäumen und Felsen war blass verwittert oder fehlte ganz. Ich ging noch schneller und stellte mir vor, Bluthunde würden mich verfolgen. Hunde mit hängenden Lefzen, angetrieben von ihren ehrgeizigen Besitzern. Sobald sie mich nahe genug wähnten, würden sie ihre Hunde von der Leine lassen. Die Hunde kämen allmählich näher. Ich würde es an ihrem aufgeregten, immer lauter werdenden Gebell hören. Irgendwann wären sie auf wenige Meter herangekommen. Schließlich würden sie mich einholen und sich in meine Waden verbeißen, mich zu Boden ziehen, nach meinen Armen schnappen. Hilflos am Boden liegend fielen die Hunde über mich her, rissen mir Fleischstücke aus den Armen, den Beinen und das Gesicht bis mir schwarz vor Augen werden würde und alles vorbei war. Vielleicht die einfachste Lösung meiner Probleme. Hatten sie mich schon zur Fahndung ausgeschrieben? Ich musste an meine Kinder denken. Eine Tochter und einen Sohn. Mein Sohn sollte nach den Sommerferien in die Schule kommen. Meine Tochter ging in die zweite Klasse. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern, auch wenn sie mich nicht so oft sahen, wie ich es mir gewünscht hätte. Was würden sie von ihrem Vater denken, wenn sie erst einmal erfahren würden, was er getan hatte. Dieser Gedanke war so schmerzlich, dass ich versuchte ihn mit aller Macht zu verdrängen. Ich ging noch etwas schneller und begann stärker zu schwitzen. Warum war ich überhaupt hier heraufgelaufen? Hier gab es keine tiefe Schlucht, in die ich mich hätte stürzen können, oder vielleicht doch? Warum war ich nicht direkt nach Lugano gefahren? Ich hätte mich auf eine der Caféterrassen unten am See setzen und warten können. Wie sollte ich ihr nur erklären, was geschehen war?

Der Weg erschien mir länger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ich war schon bald eineinhalb Stunden unterwegs, obwohl ich schnell gegangen war, viel zu schnell, beinahe gehastet. Doch ich hatte die richtige Abzweigung gewählt. Schon aus einiger Entfernung schimmerte mir die rötliche Stützmauer der halbrunden Schanze entgegen, die sich neben der überdachten Vorhalle der Waldkirche Madonna d´Ongero befindet. Ich ging weiter bis zur breiten Rampe auf der anderen Seite der Marienkirche. Hier stehen für die Besucher der Kirche zwei Reihen von Stationenhäuschen Spalier. Erschöpft von meiner Wanderung blieb ich am ersten Stationenhäuschen einen Moment stehen und betrachtete das Gotteshaus. Der Grundriss der Kirche hat die Form eines lateinischen Kreuzes. Es gibt nur ein Kirchenschiff, aber zwei Seitenkapellen. Der Glockenturm ist quaderförmig und in der Mitte ragt die achteckige Kuppel empor.

Ich hatte mich selbst in diese Lage gebracht. Niemanden konnte ich dafür verantwortlich machen, oder etwa doch? Meine Frau vielleicht. Ja, ganz bestimmt war sie mitschuldig daran. Sie hatte mich immer angetrieben und versucht meinen Ehrgeiz zu wecken. Ich sollte mich beruflich verbessern, Karriere machen und viel Geld verdienen. Das war ihre einzige Chance, selbst etwas im Leben darzustellen. Sie hatte ein ausgeprägtes Geltungsbewusstsein, das sie nur mit meiner Hilfe befriedigen konnte. Doch hatte ich meine Frau nicht als schmückendes Beiwerk benutzt? Meine Freunde beneideten mich um sie. Hatte ich sie vielleicht nur wegen ihres guten Aussehens geheiratet? Zehn Jahre war das jetzt her und die letzten drei Jahre hatte sie mich betrogen. Ich war ein Mensch, der immer tat, was Autoritäten von ihm verlangten, seien es Eltern, Lehrer, Chefs. Das wurde mir zum Verhängnis. Im Grunde genommen war ich ein Mensch ohne Selbstvertrauen.

Ich ging um die Kirche herum und betrat die von einer niedrigen Mauer umfasste Pfalz. Auf einer Bank vor dem Eingangsportal der Kirche saß ein alter Mann in einem unmodernen, schwarzgrauen Anzug, unter dem er eine dazu passende Weste trug. Er blickte gedankenverloren vor sich hin. Außer uns beiden schien sonst niemand hier oben zu sein. Ich sah mich ein wenig um. Der alte Mann sah kurz zu mir auf. Er hatte eine faltige, fast runzelige Gesichtshaut und eine runde, altmodische Brille auf der Nase. Sein Kopf wirkte auf dem langen, dünnen Hals fast vogelartig. Sein Gesicht musste schon sehr viel Sonne gesehen haben.

»Buongiorno, Sie sind der erste Mensch, der mir hier heute begegnet«, sagte er und lächelte mich zurückhaltend an. Ich erwiderte seinen Gruß. Ich trat an die Mauer heran. Dahinter stürzte der waldige Berg steil hinab. Die Bäume standen zu hoch, um auf die Berge auf der gegenüberliegenden Seite und in das Tal blicken zu können. Ich stellte mich auf Zehnspitzen.

»Sie können sich noch so strecken«, hörte ich den alten Mann hinter mir sagen, »die Bäume versperren schon seit vielen Jahren die Sicht. Das war einmal anders. Von hier hatten Sie früher den schönsten Ausblick über das gesamte Tal. Sie konnten die Dörfer und Kirchen der gegenüberliegenden Berghänge sehen und natürlich das blass schimmernde Wasser des Luganer Sees. Sogar die Walliser Gipfel konnten Sie bei guter Sicht erkennen. Ein wunderschöner Anblick kann ich Ihnen sagen. Man konnte von hier oben die Bergreihen des Lema, Gambarogno und Tamaro sehen. Sie wissen schon, dort wo der Lago Maggiore liegt.«

Ich hatte mich längst umgedreht und war zwei Schritte auf ihn zugegangen.

»Sind Sie auf der Durchreise?«, fragte er mich.

Ich sah ihn überrascht an. Wie er wohl auf diesen Gedanken gekommen war?

»Ja«, antwortete ich.

»Und, wohin fahren Sie?«

»Nach Italien«, sagte ich.

»Italien, das Land der Sehnsüchte. Als junger Mann bin ich häufiger dort gewesen. Ich habe längst nicht alles von Italien gesehen. Vor allem der Süden und die Inseln sind mir verborgen geblieben. Weiter als bis Spoleto bin ich nicht gekommen, wenn ich mich recht erinnere. Doch die Orte, an denen ich war, habe ich in vollen Zügen genossen und mir meist viel Zeit für sie genommen.«

Ich setzte mich zu ihm auf die Bank. Der Weg hier herauf hatte mich erschöpft. Mir fiel auf, dass er die Wortsilben so seltsam betonte.

»Ich kann mich noch gut an Genua erinnern, an den Hafen, die vielen Schiffe und an das schillernde blaugrüne Meer. Die engen Gassen der Stadt mit den in weiß gestrichenen Häusern haben mir Eindruck gemacht. Ich besuchte auch Pisa mit seinem leider schiefen Campanile. Die Uffizien in Florenz habe ich besonders in mein Herz geschlossen. Vor allem die unteren Säle mit den Malerporträts von Rembrandt, Schiavone, Tizian und vielen anderen haben es mir angetan. Sind Sie einmal dort gewesen?«

»Nein, leider noch nicht.«

»Das müssen Sie unbedingt nachholen. In guter Erinnerung ist mir Botticellis Werk Frühling geblieben. Das hübsche Gesicht der Flora hat sich in mein Gedächtnis gegraben. Ein Gesicht, das viel wirklicher erscheint, als alle anderen Gesichter auf diesem Gemälde und vielen anderen Bildern aus dieser Zeit. Ihr Kleid ist mit Blüten übersät und sie ist mit Blumen bekränzt. Aus ihrem geschürzten Kleid streut sie Rosen auf die Blumenwiese. Eine der wunderbarsten Darstellungen der Frühlingsgöttin, wenn nicht sogar des Frühlings selbst. Sie sollten sich für das Betrachten dieses Bildes viel Zeit nehmen und es sich nach Möglichkeit an verschiedenen Tagen ansehen. Es werden Ihnen immer wieder neue Details auffallen. Aber neben Florenz ist auch Ravenna, mit seiner imposanten Basilika San Vitale, und vor allem auch Padova sehr zu empfehlen. Diese wunderschöne Stadt wird oft unterschätzt. Wenn Sie einmal dort hinkommen, dann sollten Sie auf alle Fälle die Plätze Erbe und Frutti besuchen. Diese Plätze werden durch zwei Salone voneinander getrennt. Sehr beeindruckend.«

Er geriet förmlich ins Schwärmen. Seine Gesichtszüge hellten sich auf und er gestikulierte mit den Händen.

»Und dann natürlich die zwar protzige, aber im Innern reich und schön gestaltete Antoniuskirche in Padova. Aber am meisten Eindruck hat mir bei meinen Italienreisen die Lagune von Venedig gemacht. Aber das wird Sie wohl nicht sonderlich überraschen. Ich denke, Venedig übt auf fast alle Menschen eine unbeschreibliche Wirkung aus. Übrigens bietet die Lagune im Mondschein einen traumhaften Anblick. Aber ich glaube, ich langweile Sie mit meinen Schwärmereien über Italien.«

»Nein, keineswegs. Erzählen Sie bitte weiter«, antwortete ich. Es störte mich tatsächlich nicht und lenkte mich ein wenig von meinen eigenen schweren Gedanken ab.

»Ich kenne die venezianische Lagune sehr gut. Mit einem kleinen Boot bin ich viele Male an den Inseln entlang gerudert und auch durch die braunen Schlammbänke gewatet. Von der Lagune aus betrachtet, ist die schwarze Silhouette der Stadt mit ihren Türmen, Kuppeln und Dächern wundervoll anzuschauen. Das opalartige Wasser der Lagune steckt übrigens zu fast allen Tageszeiten voller überraschender Farbkombinationen.«

»Ja, Venedig ist eine beeindruckende Stadt. Nach dem Abitur bin ich mit einem Freund dort gewesen. Ich erinnere mich noch, wie wir verzweifelt nach einer Kirche mit dem Namen San Nicoló gesucht haben. Vor dieser Kirche wurden in den Siebzigerjahren Aufnahmen zu einem bekannten Film gedreht. Es ist ein richtiger Filmklassiker, der in Deutschland unter dem Titel Wenn die Gondeln Trauer tragen lief. Leider gibt es in Venedig zwei Kirchen mit diesem Namen. Beim ersten Mal waren wir falsch. Es ist nicht die Kirche am Lido, wo wir zuerst hingegangen sind, sondern das Gotteshaus San Nicoló dei Mendicoli in der Nähe der Universität für Architektur. Kennen Sie diesen Film auch?«

»Nein, nie davon gehört.«

»Der Film basiert auf der Novelle Don’t look now von Daphne du Maurier.«

»Von dieser Schriftstellerin habe ich schon gehört.« Plötzlich lächelte er versonnen.

»Woran müssen Sie denken?«

»Ach, es hat nichts mit der Schriftstellerin zu tun, nur mit Venedig. Ich erinnere mich an eine einfache, aber sehr gute Unterkunft dort. Nur die Bambini der Vermieterin waren etwas anstrengend. Einmal haben sie mit großem Vergnügen meiner Lokussitzung beigewohnt. Solche bizarren Erlebnisse hatte ich einige in Italien. Einmal bat mich ein etwas abgerissener Mann um meinen Zigarillo. Ich dachte, er bräuchte lediglich Feuer. Doch stattdessen steckte er den Zigarillo fröhlich in den Mund und ging beseelt von seinem Geschenk davon. Ich blieb verdutzt stehen und ließ es geschehen.«

»Haben Sie auch Mailand kennengelernt?«

»Ja, warum fragen Sie?«

»Weil ich auf dem Weg nach Mailand bin und nur den Bahnhof dieser Stadt kenne.« Ich hatte tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, mich in einer großen Metropole wie Mailand fürs Erste zu verstecken. Es sollte nicht allzu schwer sein, eine kleine Wohnung in einer der Vorstädte zu mieten und dort unauffällig für einige Zeit zu leben.

»Mit Mailand bin ich nie recht warm geworden. Diese moderne Strenge ist nicht das, was ich in Italien gesucht habe. Übrigens braucht man nicht weit zu reisen, um Schönes zu entdecken. Selbst diese kleine Wallfahrtskirche hier«, er wies mit seiner knochigen Hand, die übersät war von Altersflecken, auf das Hauptportal der Kirche, »beherbergt wunderschöne Kunstwerke. Ich habe sie mir heute wieder angesehen, obwohl ich schon viele Male da war. Die Stuckaturen im Kuppelgewölbe und an den Wänden sind bemerkenswert. Sie stammen von Alessandro Casella.«

Neugierig geworden stand ich auf und ging die wenigen Schritte zum Eingangsportal. Ich versuchte die Tür zu öffnen.

»Es ist abgeschlossen«, sagte ich.

»Ach so. Vorhin war sie jedenfalls noch offen. Dann sehen Sie doch einfach durch das vergitterte Fensterchen hinein«, antwortete er beiläufig.

Ich trat einen Schritt zurück und beugte mich vor, um durch die vergitterte Luke in der Eingangstür der Kirche zu sehen. Ich sah den heiligen Raum. Der Kirchensaal war ziemlich klein. Auf jeder Seite vielleicht ein Dutzend Kirchenbänke. Engelsstatuen an den Wänden, dazwischen bunte Wandmalereien. Ganz hinten im Dämmerlicht glaubte ich im Hauptaltar das goldene Fresko der wundertätigen Madonna zu sehen. Als ich genug gesehen hatte, wandte ich mich wieder der Bank zu. Der alte Mann sah mich aus müden Augen an.

»Bitte setzen Sie sich doch wieder.« Ich zögerte einen Moment und nahm dann wieder neben ihm Platz.

»Wie sind Sie auf die Idee gekommen, hier herauf zu wandern?«, fragte er mich.

»Ich bin diesen Weg vor einiger Zeit schon einmal gegangen. Er ist schattig und einsam. Das gefällt mir. Es ist hier oben ja nichts außer der Madonna d’Ongero.«

»Kennen Sie den Blick von der gegenüberliegenden Seite, der Collina d’Oro, auf den Monte Arbostora und den Monte Salvatore?«

»Ja, ich habe schon in der Pensione Agra übernachtet.«

»Mit einer Frau, nicht wahr?« Ich schwieg. Der alte Mann drehte seinen Kopf und sah mich für einen Augenblick über die Schulter hinweg an. Dann blickte er wieder nach vorne, in die Richtung, wo die Kastanienbäume die einstmals schöne Aussicht versperrten. Schließlich sagte er:

»Wenn Sie den Blick von Agra aus kennen, dann ist es Ihnen vielleicht schon aufgefallen, dass es Vormittage gibt, da sucht das Auge die Marienkirche am Berghang vergeblich. Es gibt nur Wald, sonst ist nichts zu sehen. Kein Fels, keine Lichtung und auch keine Madonna d’Ongero. Erst wenn am Nachmittag die Westsonne auf ihre Mauern fällt, taucht sie wieder auf und man ist nie ganz sicher, ob sie wieder genau dort steht, wo sie beim letzten Mal gestanden hat.«

»Ja, sie haben recht. Selbst mit dem Fernglas ist die Kirche manchmal nicht zu finden.«

Der alte Mann nickte wissend.

»Hier im Tessin hat sich so viel verändert. Nur dieser Platz vor der Kirche und der Weg hier herauf sind fast noch so, wie ich es von früher in Erinnerung habe. Mögen Sie Musik?«

»Gelegentlich«, antwortete ich.

»Die schönsten Kompositionen sind von meinem Freund Schoeck.«

»Von wem?«

»Schoeck.«

Ich schüttelte den Kopf und sah ihn fragend an.

»Sie kennen Schöck nicht?«

»Nein, nie von ihm gehört.«

»Auch egal.«

Wie aus heiterem Himmel fing der alte Mann an halblaut zu lachen und hörte gar nicht mehr damit auf. Ein heiseres, fast krächzendes Lachen.

»Was haben Sie? Was ist so lustig?«

»Ach, entschuldigen Sie. Ich lache nicht über Ihre Unwissenheit. Als Mann in meinem Alter schwelgt man gerne in guten Erinnerungen. Sie kommen ganz von allein und manchmal scheint es mir so, als wären sie jahrelang in meinem Gedächtnis von all den unangenehmen Gedanken verschüttet gewesen. Ich musste gerade an eine Reise zusammen mit meinem Freund Schoeck denken, den Sie ja nicht kennen, obwohl er Schüler Max Regers war und als Liedkomponist sogar von James Joyce sehr geschätzt wurde. Zusammen mit einem weiteren Freund waren wir in Umbrien unterwegs und kamen auch nach Assisi. Dort stiegen wir in einem Hotel ab, das vorwiegend von Engländern bewohnt wurde und ausgesprochen teuer war. Zwei alte Ladies gingen mir damals sehr auf die Nerven, wenn ich mich recht erinnere. Im Speisesaal ließen sie sich Brunnenwasser bringen, wo doch die umbrischen Weine ganz ausgezeichnet sind. Aber an den glasigen Augen der beiden Damen, ihrem schwerfälligen, mitunter taumeligen Gang und ihrem fast drollig-komischen Gehabe, wenn sie mit den Kellnern sprachen, war unschwer zu erkennen, dass sie sich auf ihrem Zimmer einen ordentlichen Schluck Whisky genehmigten, bevor sie zum Essen herunter kamen. Aber das ist es gar nicht, worüber ich so lachen musste. Auf unserer Umbrien-Reise machten wir auch in Orvieto Halt. In einer Bar dieser Stadt entdeckten wir einen von diesen Spielapparaten, in den man Zwanzig-Centesimi-Münzen werfen konnte. Diese fielen dann auf Fächer, auf denen weitere Münzen lagen. Und wenn man Glück hatte, flogen unten ein oder zwei Münzen heraus. Wir versuchten unser Glück, das heißt Schoeck sah uns zunächst nur dabei zu. Wie zu erwarten war, kamen als Ausbeute nur wenige Münzen zusammen, die wir am Ende doch alle wieder verspielt hatten und darüber hinaus noch etliche mehr. Nun wollte es Schoeck doch einmal versuchen. Mit skeptischer Miene warf er seine erste Münze ein. Das Ergebnis war eine Lawine von gut achtzig Münzen, die in einen Auffangteller fielen, der dafür viel zu klein war. Etliche Zwanzig-Centesimi-Stücke purzelten zu Boden und rollten unter die Tische. Die einheimischen Gäste blickten erstaunt auf. Einige kamen von der Theke zu uns herüber und beäugten uns misstrauisch. Der Wirt, der sich eigentlich Einnahmen und keine Ausgaben durch dieses Spielgerät versprochen hatte, warf uns einen bösen Blick zu. Schoeck blieb davon unbeeindruckt und warf erneut eine Münze in den Schlitz. Und schon wieder fielen dutzende von Zwanzig-Centesimi-Münzen in den Auffangteller. Irgendwo unter den einheimischen Zuschauern vernahmen wir das italienische Wort für Betrug. Obwohl ich es auch gern noch einmal versucht hätte, stopften wir alle Münzen in unsere Taschen und zogen es vor, die Bar schnellstmöglich zu verlassen. Schoeck lud uns dann in einem der anderen Lokale der Stadt zum Nachtessen ein und spendierte uns obendrein noch einen hervorragenden goldgelben orvieter Wein.«

Während er seine kleine Geschichte erzählte, ging mir die Zwanzig-Centesimi-Münze nicht aus dem Kopf. Ich wusste, dass Centesimi die Untereinheit der Lire war. Doch diese Münzen waren spätestens kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Umlauf verschwunden. Die Inflation war Schuld. Wie lange lag die Geschichte bloß zurück, die er da erzählt hatte. Der alte Mann nahm seine Brille ab und rieb sich eine Träne aus den entzündeten roten Augen. Noch bevor er sie wieder aufgesetzt hatte, fragte er mich:

»Wie lebt es sich eigentlich als junger Mann in Deutschland? Sie sind doch aus Deutschland, nicht wahr. Irgendwo aus der Bodenseeregion, habe ich recht? Ich höre das an Ihrem Akzent.«

Ich zögerte einen Moment und antwortete dann bereitwillig, wie ein Mann, der ein Geständnis ablegen wollte.

»Ich bin aus Markdorf und lebe heute in Ravensburg.«

»Ah ja, habe ich also recht gehabt. Ich habe einige Jahre am Bodensee gelebt. Am Untersee, um es genau zu sagen. In einem ganz kleinen Dorf.« Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, so als ob er für einen kurzen Moment einem angenehmen Gedanken nachhing.

»Damals hatte ich einen schönen Nachen, mit dem ich regelmäßig zum Einkaufen hinüber nach Steckborn gerudert bin. Wir hatten im Dorf nur einen Bäcker, sonst nichts. In Steckborn gab es damals sogar schon einen Bahnhof und das Appenzeller Land ist nicht sehr weit.«

Zu welcher Zeit konnte das gewesen sein, fragte ich mich. Wer ruderte mit einem schmalen Boot zum Einkaufen hinüber in die Schweiz. Ich sah ihn irritiert an. Er zog plötzlich die Stirn kraus und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, als ob zu dieser schönen Erinnerung noch eine schmerzliche hinzugekommen war. Es vergingen ein paar Sekunden.

»Was machen Sie eigentlich beruflich?«, fragte er mich schließlich mit nüchterner Stimme, als wollte er sich selbst von seinen unangenehmen Gedanken ablenken.

»Ich arbeite in einer kleinen Privatbank als Finanzmanager.«

»Ah, Sie kümmern sich also darum, das Geld Ihrer Klienten zu vermehren. Solch eine Dienstleistung hätte ich früher auch gut gebrauchen können. Sie müssen wissen, Geldangelegenheiten zu regeln, war mir immer eine Qual. Überhaupt schien mir Zeit meines Lebens alles Geschäftliche entbehrlich zu sein. Aber ich war natürlich auch darauf angewiesen, schließlich hatte ich eine Familie zu ernähren. Als ganz junger Mann habe ich sogar ein Praktikum in einer Turmuhrenfabrik gemacht. Die Arbeit dort hat mir Freude bereitet. Einige Zeit später habe ich dann in einer Buchhandlung in Tübingen als Sortimentsgehilfe gearbeitet. Jeden Tag stand ich zehn bis zwölf Stunden am Stehpult oder hinter dem Ladentisch. Es war eine furchtbare Zeit. Ich musste Rechnungen ordnen, Bücher verpacken und Werbepostkarten adressieren. Eine langweilige Tätigkeit kann ich Ihnen sagen. Zum Glück durfte ich die verpackten Bücher auch austragen. So kam ich gelegentlich hinaus.«

»In Tübingen habe ich ein Jahr gewohnt. In welcher Buchhandlung haben Sie denn gearbeitet?«, fragte ich ihn.

»Heckenhauer, hieß die Buchhandlung.«

»Das Antiquariat meinen Sie. Das kenne ich. Es ist ein alteingesessenes Geschäft mit viel Tradition.«

»Ach wirklich. Sagen Sie, wie wird man das, was Sie geworden sind?«

»Dreizehn Jahre Schule mit Abschluss Abitur und Studium zum Finanzwirt. Kollegen von mir haben auch eine Banklehre gemacht und anschließend Betriebswirtschaftslehre studiert. Wir haben auch Juristen und natürlich Steuerberater in unseren Reihen. Wichtig ist noch, dass Sie für das Studium nicht zu viel Zeit benötigen. Ein geradliniger Lebenslauf ist die wichtigste Voraussetzung. Es handelt sich um eine sehr konservative Branche, für die ich tätig bin.«

»Dann sind Sie nicht gerade zu beneiden.«

»Es gibt Menschen, denen so etwas Spaß macht.«

Er sah mich ungläubig an. »Und gehören Sie zu diesen Menschen?«

Ich musste einen Moment überlegen.

»Sie sind sich also nicht sicher.«

»Vielleicht gehöre ich tatsächlich nicht zu diesen Menschen.«

»Dann war bei Ihnen die Gehirnwäsche also erfolgreich. Aber lassen Sie sich das nicht zum Vorwurf machen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es ist schon seit langem so, dass Wissenschaft und Schule von oben gelenkt werden. Sie versuchen mit aller Macht, uns von Kindesbeinen an den Zustand eines gezwungenen, ruhelosen Angestrengtseins als Ideal einzutrichtern. Dabei hat Leo Tolstoi einmal geschrieben: Wenn es möglich wäre, dass der Mensch einen Zustand schaffte, in dem er müßiggehen dürfte und dabei die Überzeugung hätte, ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu sein und seine Schuldigkeit zu tun, dann hätte er einen Teil der ursprünglichen Glückseligkeit wiedergefunden. Schöne und sehr treffende Worte, nicht wahr. Aber seien Sie beruhigt, mir ist es in meinem langen Leben nie gelungen, die Kunst des Müßiggangs zu beherrschen. Nicht einmal annähernd. Beinahe alles, was ich gemacht habe, sei es die Arbeit im Büro, das Briefeschreiben an Freunde und Bekannte, selbst die Gartenarbeit und das gelegentliche Spielen mit meinen Kindern, und sogar Dinge, die der Ablenkung und Zerstreuung dienen, wie Lesen und Malen, habe ich stets mit der krampfhaften Art von Eifer und Pflicht ausgeführt.«

»Ja, wir Menschen von heute wollen immer perfekt sein, sogar in der Freizeit. Mir geht es da nicht anders.«

»Welche Geldanlagen empfehlen Sie Ihren Kunden? Lohnen sich Aktien noch?«

Ich hatte wenig Lust, mich über diese Dinge zu unterhalten, doch ich wollte nicht unhöflich sein. »Es kommt auf den Klienten an. Einige wollen keine Risiken eingehen und sind schon damit zufrieden, wenn sich ihr Vermögen nicht verringert. Andere wiederum wollen es unbedingt vermehren und gehen dafür gerne auch größere Risiken ein. Vielen ist es auch egal, ob sie ein oder zwei Millionen mehr oder weniger auf dem Konto haben. Doch ein Ziel verfolgen fast alle Kunden, sie wollen möglichst wenig Steuern an den Staat zahlen. Das erfolgreich umzusetzen, gehört mittlerweile zu unseren Hauptaufgaben in der Privatbank.«

»Gibt es tatsächlich Kunden, die nicht daran interessiert sind, die Höhe ihrer Steuerzahlungen zu verringern?«

»Die gibt es tatsächlich, aber äußerst selten. Wir nennen sie die Philanthropen, weil sie sich nicht ihrer Verpflichtung entziehen wollen, ihren Beitrag zum Staatswesen zu leisten. Einige sind sogar so altruistisch veranlagt, dass wir für diese Kunden viel Zeit aufwenden, die richtigen Organisationen für Spenden zu finden. Aber es gibt nicht viele davon. Wer es einmal zu Geld gebracht hat, glaubt, dass ihm Unrecht geschieht, wenn er davon etwas der Allgemeinheit abgeben muss. Bei einigen Kunden nimmt diese Verhaltensweise manische Züge an.«

»Sie sprechen ja nicht gerade mit großer Begeisterung von Ihren Kunden.«

»Finden Sie?«

»Ja, aber lassen wir das Thema fürs erste. Sagen Sie, was hat es eigentlich auf sich, mit diesen ganzen elektronischen Geräten, die heute alle mit sich herumtragen?«

»Sie meinen, die Smartphones und Tablets?«

»Ja, richtig.«

»Nichts Besonderes. Sie können Nachrichten schreiben und empfangen, telefonieren und Informationen aus dem Internet abrufen.«

»Ich konnte mich mit dem technischen Fortschritt nie so recht anfreunden. Die Errungenschaften des neuen Zeitalters haben mir nicht viel bedeutet. Dennoch gehörte ich zu den ersten Menschen, die im Zeppelin mitfliegen durften und diese Gelegenheit auch mit Freude wahrgenommen haben. Aber mein Leben war immer schon voller Widersprüche, auch wenn ich es selber oft nicht wahrhaben wollte.«

Wovon sprach der Mann eigentlich, fragte ich mich und fuhr mir mit der Hand durch meine verschwitzen Haare. Sind wir nicht alle schon mal mit dem Flugzeug geflogen.

»Mein erster richtiger Flug war übrigens mit einem Eindecker in Bern. Der Pilot saß vorne und ich direkt hinter ihm. Wir stiegen hinauf in die Luft. Die Stadt unter uns wurde zur Spielzeugwelt. Die Felder, Wiesen und Wälder sahen aus wie hingestreut.«

Ich sah ihn ungläubig an. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass er sich mit mir einen Spaß erlaubte.

»Was haben Sie, was sehen Sie mich so an. Glauben Sie mir etwa nicht?«

»Doch, doch.«

Nachdem wir einen Moment geschwiegen hatten, fragte er mich:

»Wurden Sie eigentlich religiös erzogen?«

Ich sah ihn irritiert an und antwortete dann:

»Katholisch, aber nicht besonders streng. Kommunion mit sechs und von zehn bis zwölf Messdiener in unserer Kirche. Die Beichte war für mich das größte Problem. Ich hatte einfach nichts zu beichten.«

»Und heute?«

»Ich bin vor zehn Jahren aus der Kirche ausgetreten.«

»Ich meinte, ob Sie heute etwas zu beichten hätten.«

»Wie jeder andere auch«, wich ich der Frage aus. Dabei hätte ich viel zu beichten gehabt. Für unsere Bankkunden tat ich von Anfang an Dinge, die vielleicht nicht illegal waren, von denen ich aber wusste, dass sie nicht in Ordnung sind. Wir haben alles ausgenutzt, was halbwegs legal war und irgendwann haben wir sogar diese Grenze überschritten. Ich noch mehr, als alle anderen.

Er verzog den Mund und betrachtete nachdenklich seine Hände.

»Ich bin ausgesprochen religiös erzogen worden. Meine Eltern waren Pietisten. Sie, als Badener wissen sicherlich was Pietismus ist?«

»Ja, ich habe eine ungefähre Vorstellung davon.«

Er warf mir einen kritischen Blick zu.

»Meine Eltern haben sich voll und ganz in den Dienst Gottes gestellt und sind nicht dem kleinsten egoistischen Trieb gefolgt. Solange sie auf Erden weilten, wollten sie Gott gefallen. Das Leben war für sie nur eine Vorbereitung auf das jenseitige Reich Gottes.«

Ich musste ihm einen etwas ratlosen Blick zugeworfen haben, der verriet, dass ich nicht viel verstanden hatte. Er seufzte und sprach dann weiter.

»Vielleicht verstehen Sie diese Menschen und ihren sektenhaften Glauben besser, wenn ich Ihnen von folgender Begebenheit erzähle. Mein Großvater hat sie aufgeschrieben. Sie ereignete sich noch weit vor meiner Zeit. Seine kleine Tochter Agathe litt an einer schweren Bronchitis. Das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer und es gab zu dieser Zeit kaum eine Chance auf Heilung. Sie soll dann abends im Beisein ihrer Mutter und einer Freundin der Familie auf seinem Schoss gesessen haben. Dabei stellte sie ihrem Vater die Frage, ob er nicht Gott bitten könne, sie wieder gesund zu machen. Darauf antwortete ihr Vater, dass er den lieben Gott leider nicht darum bitten könne, weil dieser ihm gesagt habe, dass er sie zu sich nehmen möchte. Darum solle sie gehorsam sein und gehen, wenn es soweit sei. Das Kind ist dann tatsächlich schon bald gestorben. Der Vater hatte also seiner Tochter das Gebet zu seiner Rettung versagt. Vielleicht wissen Sie jetzt, was es heißt, Pietist zu sein.«

»Da bin ich doch lieber katholisch. Der protestantische Glaube ist mir zu nüchtern. Wir lieben das Leben und außerdem ist die katholische Kirche viel aufgeklärter, als noch vor hundert Jahren.«

Der alte Man tat erneut einen tiefen Seufzer.

»Und wie ist es mit dem Exorzismus. Neulich soll es in einem Hotelzimmer in Frankfurt eine zu Tode geprügelte Frau gegeben haben. Die Familienangehörigen wollten ihr den Teufel austreiben. Daraufhin hat das Bistum Limburg erklärt, dass Teufelsaustreibungen in der katholischen Kirche zwingend die Erlaubnis des Bischofs bedürfen. Sie haben wahrscheinlich gedacht, dass heute kein vernünftiger Mensch mehr einen Gedanken an ein solches Ritual verschwendet?«

Ich zuckte nur mit den Schultern.

»Hört sich nicht besonders aufgeklärt an. Heinrich Heine hat der Welt den Satz hinterlassen: Ärgert dich deine Hand, so hau sie ab, ärgert dich deine Zunge, so schneide sie ab, und ärgert dich deine Vernunft, so werde katholisch. Mir steht es nicht zu, über diesen Satz zu urteilen, aber ganz unrecht scheint er nicht zu haben. Die Weltanschauungen und Religionen gehörten schon immer zu den rührenden, mitunter grotesken Formen, in denen der Mensch seine Not und den Mangel an Kraft und Intelligenz zum Ausdruck bringt. Aber dennoch bin ich der Ansicht, dass jeder einzelne frei darüber entscheiden sollte, welche Tröstungen ihm helfen, mit dem rauen und nicht selten ungerechten Leben halbwegs zurecht zu kommen. Zuwider ist mir aber jegliche Anmaßung und Monopolisierung nur einer Form der Tröstung, die glauben machen will, es gebe nur den einen wahren Weg und nur die eine alles umspannende Weisheit und Erklärung für das menschliche Dasein. Aber Sie haben ja längst der Kirche den Rücken gekehrt.«

»Das hatte andere Gründe.«

»Welche, wenn ich fragen darf?«

»Ich wollte die Kirchensteuer sparen, so einfach ist das.«

»Dann sind Sie gläubig geblieben.«

»Nein, davon kann nicht die Rede sein.«

»Obwohl ich mich nicht als religiös bezeichnen würde«, sagte der alte Mann, »träume ich gelegentlich davon, vor dem Taufbecken einer katholischen Kirche zu stehen und von einem ganz jungen Pfarrer getauft zu werden. Seltsam oder? Träumen Sie auch gelegentlich?«

»Ich denke schon, doch leider kann ich mich nur selten an meine Träume erinnern. Nur wenn ich Urlaub habe, fange ich nach einigen Tagen an, intensiv zu träumen. Teile dieser Träume bleiben mir dann sogar im Gedächtnis haften. Und abends, wenn ich wieder zu Bett gehe, sind sie mir wieder gegenwärtig.«

»Das ist sehr interessant. Ich habe mich jahrelang sehr eindringlich mit meinen Träumen beschäftigt, sie aufgeschrieben und versucht, sie zu deuten. Das ist keine einfache Übung und das Resultat der Traumdeutung ist für gewöhnlich sehr enttäuschend. Doch Träume können eine tiefere Bedeutung haben. Sie können ein Ausdruck für unsere Gemütslage sein. Besonders an Tagen, an denen ich aus verschiedenen Gründen sehr reizbar war und Mühe hatte, im täglichen Leben geduldig zu bleiben, folgten Nächte mit schweren Träumen, die mir zu denken gaben und sich später als frühe Anzeichen für bevorstehende unabänderliche Veränderungen in meinem Leben herausstellen sollten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Traum, in dem ich mit meiner damaligen Frau aufs heftigste stritt und sehr grob mit ihr umging. Wenn ich mich recht daran erinnere, war ich in diesem Traum sogar kurz davor, sie zu misshandeln. Doch das wäre nicht weiter beachtenswert, wenn nicht während dieser Traumszene meine Frau sich plötzlich in meinen ältesten Sohn verwandelt hätte, der in diesem Jahr vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt war. Der Traum schien meine Ablehnung gegen Frau und Familie zum Ausdruck zu bringen. Eine Empfindung, die ich bei wachem Verstand missbilligte und weit von mir wies. Wie würden Sie diesen Traum deuten?«

»Ich bin nicht einmal in der Lage, meine eigenen Träume zu deuten, wie soll ich da mit fremden Träumen etwas anfangen können. Überschätzen wir nicht die Bedeutung unserer Träume? Es heißt doch, dass wir jede Nacht viele Stunden träumen. Wer über ein Bewusstsein verfügt, der träumt auch, wenn er schläft. Früher dachte man, unser Gehirn wird im Schlaf abgeschaltet. Doch dem ist nicht so. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, Sie könnten sich an jeden Traum erinnern. Sie bräuchten eine sehr lange Zeit, um sich mit der Vielzahl der Träume auseinander zu setzen und noch länger, um die Träume für Ihr Leben zu deuten. Hätten die Träume eine tiefergehende Bedeutung und könnten uns womöglich die Zukunft aufzeigen, wäre unser Leben mit Ereignissen überfüllt. Dabei plätschert es in den meisten Fällen doch nur so dahin.«

»Ich merke schon, Sie haben sich bereits mit dem Phänomen des Träumens auseinander gesetzt.«

»Das ist schon einige Jahre her.«

»Ich bin nie davon ausgegangen, dass meine Träume mir Auskunft über meine Zukunft geben könnten. Sicherlich habe ich davon gehört. Doch das ist in meinen Augen Humbug. Aber Träume verraten etwas über unser Bewusstsein, und erst recht etwas über das, was uns im Unbewussten beschäftigt und nicht loslässt.«

»Dann geht es Ihnen also bei der Deutung Ihrer Träume nicht um das Entschlüsseln von Botschaften, sondern um die Aufklärung Ihres Bewusstseins.«

»So könnte man es ausdrücken. Also bitte, versuchen Sie, meinen Traum vor diesem Hintergrund zu deuten.«

Ich zögerte noch einen Moment. Ich musste an meine Frau, an meine eigene Familie denken. Schon seit mehreren Jahren verbrachte ich mehr Zeit mit meiner Arbeit in der Privatbank, als mit Pamela und unseren Kindern. Doch Pamela schien das zu akzeptieren und ermunterte mich sogar dazu. Die Gratifikationen, die ich regelmäßig für mein fast außergewöhnliches Engagement erhielt, konnten wir als junge Familie gut gebrauchen. Ich kam häufig erst um zehn Uhr oder noch später nach Hause. Meine Kinder sah ich an diesen Abenden nur noch schlafend in ihren kleinen Betten liegen. Ich bedauerte diesen Zustand zutiefst, doch Pamela sagte in solchen Momenten zu mir: »Jetzt, wo die Kinder noch klein sind, ist es doch nicht so tragisch, wenn sie etwas weniger von dir haben. Am Wochenende unternehmen wir wieder etwas zusammen.« In dieser Zeit planten wir meist spät abends unseren Hausbau. Pamela hatte sich einen guten, noch sehr jungen Architekten gesucht und ein Baugrundstück hatten wir ebenfalls in Aussicht. Das Problem war nur, sie wollte mehr, als wir uns leisten konnten.

»Überlegen Sie nicht so lange, versuchen Sie es einfach«, mischten sich die Worte des alten Mannes zwischen meine Gedanken.

»Es kann viele Gründe für einen solchen Traum geben. Der einfachste Grund wäre, dass Sie sich über Ihre Frau geärgert haben. Vielleicht über ein falsches Wort, eine ungerechte Bemerkung. Dass Ihre Frau sich jedoch während des Traums in Ihren Sohn verwandelt, deutet wohl auf ein tiefer liegendes Problem hin. Vielleicht haben Sie recht und es ist tatsächlich ein Zeichen für eine innere Ablehnung gegen Frau und Familie. Dass es Männer gibt, die sich durch Heirat und Familie angebunden, eingeengt und ihrer Freiheit beraubt sehen, brauche ich Ihnen sicherlich nicht zu sagen.«

»Sehr gut gedeutet. Ich glaube, Sie haben meine damalige Situation schon fast richtig erfasst, obwohl ich mir nicht anmaßen möchte, meine Psyche jemals richtig verstanden zu haben, sonst hätte ich damit weitaus besser umgehen können, als es mir in meinem Leben gelang. Fällt Ihnen vielleicht noch eine weitere Deutung meines Traumes ein?«

Ich brauchte einige Sekunden, bevor ich eine Antwort auf seine Frage hatte. »Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber es besteht auch die Möglichkeit, dass Sie Ihre Frau nicht aus Liebe geheiratet haben, sondern es hierfür andere Beweggründe gab.«

»Welche Beweggründe könnten das Ihrer Meinung nach gewesen sein?«

»Die Familie Ihrer Frau war vermögend und die Heirat gab Ihnen finanzielle Unabhängigkeit.«

»Meine Frau war tatsächlich ein wenig vermögend, dennoch denke ich, dass dieser Grund ausscheidet. Aber bitte weiter.«

»Sie glaubten tatsächlich, Ihre Frau zu lieben und haben sich selbst über Ihre wahren Gefühle getäuscht.«

»Dies könnte durchaus der Wahrheit näher kommen, wenn es denn nur eine Wahrheit gibt. Fällt Ihnen noch ein weiterer Beweggrund ein?«

»Sie sind dem gesellschaftlichen Zwang unterlegen, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen, weil es alle vernünftigen und ernstzunehmenden Männer so machen. Vielleicht wollten Sie Ihren Freunden und Bekannten damit imponieren. Es wird gern als Zeichen der Reife gedeutet, Verantwortung in dieser Form zu übernehmen.«

»Sehr gut, mehr will ich dazu nicht sagen. Verraten Sie mir auch noch einen Traum, den Sie nicht mehr aus Ihren Gedanken tilgen können?«

Ich war unentschlossen und schwieg einige Sekunden, den Blick auf den Boden gerichtet. Doch dann dachte ich, was könnte es schon schaden.

»Einmal bin ich im Traum neben einer mir fremden Frau auf dem Sofa eingeschlafen. Sie war jung und hübsch und hatte kastanienbraune Haare, einen dunklen Teint, der mediterrane Typ, Sie wissen schon.«

»Das Gegenteil von Ihrer Frau, stimmt’s.«

»Ja, richtig.«

»Wie ging der Traum weiter?«

»Erst am nächsten Morgen bin ich, noch immer neben ihr liegend, aufgewacht. Sie war ganz nackt. Sie gab mir Ihre Hand zum Abschied und küsste mich auf die Stirn. Ich ging aus dem Haus, nahm mein Fahrrad und fuhr nicht nach Hause, sondern direkt ins Büro. Dabei fragte ich mich die ganze Zeit, ob meine Frau mich bereits vermisste.«

Ein Spatz landete vor uns auf dem festgetretenen, sandigen Boden. Neugierig drehte und neigte er sein Köpfchen und sah mal mit dem einen, mal mit dem anderen Auge zu uns herauf. Der alte Mann ließ seine rechte Hand in der Jacketttasche verschwinden. Als sie wieder hervorkam, hatte er darin den kleinen Knust eines Weißbrotes. Der Spatz hüpfte noch näher heran, tänzelte vor Aufregung und öffnete seinen Schnabel. Etwas unbeholfen und mit zittriger Hand brach der alte Mann kleine Bröckchen aus dem Knust heraus und warf eins nach dem anderen vor sich auf den Boden. Der Spatz pickte die Brotkrumen hastig auf und bettelte danach noch eindringlicher mit dem kleinen Schnabel. Ein Lächeln huschte über das alte Gesicht des Mannes.

»Dieser Spatz schert sich nicht um unsere Probleme und Untauglichkeiten für das Leben. Er will nur fressen und satt werden, sonst nichts. Das Leben kann so einfach sein, wenn man nur seinen Instinkten folgt. Doch wie ich vermute, sind wir beide keine Instinktmenschen. Zu Ihrem Traum fällt mir leider nicht viel ein, dafür kenne ich Sie noch zu wenig. Aber wie mir scheint, sind Sie mit Ihrer Ehe nicht ganz im Reinen und in Ihrem Innersten sehnen Sie sich nach einer Veränderung. Aber es kann auch alles ganz anders liegen und Ihr Traum hat eine andere oder aber auch gar keine Bedeutung in dieser Beziehung. Was meinen Sie?«

»Es ist schon einige Jahre her, dass ich diesen Traum hatte. Mit dem, was ich wohl geträumt habe, ist mir meine Frau zuvor gekommen. Sie betrügt mich mit einem anderen Mann.«

»Und Sie betrügen Sie mit einer anderen Frau.«

Ich sah ihn entgeistert an. Doch er erwiderte meinen Blick nicht, warf stattdessen dem noch immer aufgeregt tänzelnden Spatzen einen weiteren Krümel hin und sagte ganz beiläufig.

»Ja, die Pensione Agra hat sehr schöne Doppelzimmer. Nach dem Malen, Sie müssen wissen, ich malte leidenschaftlich gerne Aquarelle, kehrte ich gelegentlich auf ein kühles Glas Wein dort ein. Haben Sie mal versucht zu malen? Ich meine Bilder mit Bleistift oder Pinsel.«

»Nein.«

»Dann versuchen Sie es. Es wird Ihnen helfen Ihre eigene Situation besser zu verstehen. Es hilft übrigens auch bei der Traumdeutung. Sie werden sehen. Als ich anfing zu malen und zu zeichnen, war ich etwa in Ihrem Alter. In der Umgebung von Agra bin ich gern spazieren gegangen. Der Wald auf der Rückseite des Berghanges, dort wo sich heute das Grotto Posmonte befindet, ist malerisch schön. Die Wege dort kennen Sie sicherlich auch. Doch im Gegensatz zu Ihnen, bin ich dort meist allein spazieren gegangen.«

»Ja, und es gibt schöne Aussichtspunkte mit Blick auf den See«, fügte ich hinzu.

»Haben Sie mal das Licht im Wald gesehen, wenn die Bäume im Frühjahr gerade angefangen haben auszuschlagen und die Blätter noch klein und zart sind? Es ist ein ganz besonderes Licht, beinahe unwirklich. Die Stämme der Bäume glänzen silbrig grau im durchsiebten Sonnenlicht.«

»Ja, ich glaube, ich weiß, was Sie meinen.«

2

Ich wusste wirklich wovon er sprach. Ich war mit Teresina im Frühjahr den Weg durch den Wald gegangen. Wie sollte ich ihr nur alles erklären. Durfte ich ihr überhaupt alles erzählen? Wenn ich es täte, würde sie mich dann fallen lassen, nichts mehr mit mir zu tun haben wollen? Am Anfang unserer Beziehung war es für mich mehr ein Abenteuer gewesen, ein Beweis für meine Unabhängigkeit. Doch mittlerweile war mehr daraus geworden. Vielleicht war es sogar Liebe. Es war wie so oft im Leben reiner Zufall, dass wir zusammenkamen. Ich wollte mein Geld in Sicherheit bringen. So beschloss ich, Geldbeträge in bar bei der Bank in Lugano einzuzahlen. Bareinzahlungen waren bei den Schweizer Banken zu dieser Zeit nicht unüblich. So mancher brachte seine Bareinkünfte in die Schweiz, um sie dem deutschen Fiskus zu entziehen. Die Geldbeträge, die ich in Lugano einzahlte, waren nicht sehr groß, meist unter zehntausend Euro, krumme Beträge in kleinen Scheinen, um nicht aufzufallen. An einem dieser Tage bediente mich Teresina am Bankschalter. Ich hatte warten müssen, weil sie eine Kundin, eine betagte Deutsch-Schweizerin mit einem albernen Hut und einem offenbar sehr komplexen Anliegen hatte bedienen müssen. Während sie geduldig alle Fragen beantwortete und Einträge am Computer vornahm, konnte ich es nicht lassen, sie die ganze Zeit über dabei anzusehen. Sie hatte ihre langen schwarzen Haare hochgesteckt, sodass ihr sonnengebräunter Nacken und ihre zierlichen Ohren zu sehen waren. Ihre dunklen Augenbrauen, die langen schwarzen Wimpern, die braunen Augen und ihr sinnlicher Mund faszinierten mich. Sie war Mitte zwanzig, als wir uns kennenlernten, also einige Jahre jünger als ich. Bei ihrem Anblick kam mir der mediterrane Süden in den Sinn; Sonne, Pinien, Zypressen, Olivenbäume, Meer und Strand. Plötzlich schien sie meine Blicke bemerkt zu haben und sah für einen langen Augenblick an der alten Dame vorbei und mir direkt in die Augen. Ich lächelte verlegen und sie erwiderte mein Lächeln für einen kurzen Moment. Dann widmete sie sich wieder ihrer Kundin. Als ich endlich an der Reihe war, bediente sie mich sehr freundlich. Es ging schnell. Ich füllte das übliche Formular aus, gab an, dass es sich um Einnahmen aus dem Einzelhandel handelte und zahlte einen Betrag umgerechnet in Schweizer Franken in Höhe von sechstausendvierhundertfünfzig ein. Sie zählte das Geld und ich sah sie die ganze Zeit dabei an. Ihr hübscher Mund zählte stumm mit. Ihre Fingernägel waren an diesem Tag hell rosa lackiert. Wären wir uns nicht zwei Stunden später rein zufällig unten an der Seepromenade begegnet, so wären wir bestimmt kein Liebespaar geworden.

3

»Haben Sie sich mal angesehen, was sie aus dem ehemaligen Sanatorium gemacht haben?«, fragte er mich plötzlich. Da ich mit meinen Gedanken noch bei Teresina war, wusste ich nicht gleich, was er meinte.

»Wie bitte?«

»Na dieses neue Resort mit dem Namen Collina d‘Oro.«

»Ich habe es nur von außen gesehen. Es soll sündhaft teuer sein.«

»Von außen ist es dem ehemaligen Sanatorium recht ähnlich. Sie kennen wahrscheinlich nur die Ruine?«

»Ich habe davon gehört. Als ich dort oben das erste Mal spazieren gegangen bin, stand davon nicht mehr allzu viel.«

»Dann hatten sie wohl schon angefangen, die Ruine abzureißen. Ich habe früher im Sanatorium gelegentlich Angehörige von Freunden und Bekannten besucht, die dort in Behandlung waren. Hin und wieder gab es Konzerte und Lesungen im Haus. Einmal hatten sie einen Klabund-Abend veranstaltet.«

»Was für einen Abend?«, fragte ich nach.

»Sie kennen Klabund nicht?«

»Nein, nie von ihm gehört.« er sah mich vorwurfsvoll an.

»Seine Frau hatte diese Lesung auf die Beine gestellt. Sie war im Gegensatz zu ihm ganz in Ordnung.«

»Von welcher Frau sprechen Sie?«

»Ach, entschuldigen Sie, ich habe nur laut gedacht. Ich spreche von der Frau des Chefarztes Professor Alexander. Er war ein ganz unangenehmer Mensch. Wenn er sprach, klang es immer so, als wollte er Befehle erteilen. Und diese alberne Fliege, die er bei fast jedem Anlass um den Hals trug. Sein kugelrunder Schädel war wie blank poliert. Er war schon früh ein eifriger Nazi gewesen, der die Hakenkreuzfahne auf dem Dach seines Sanatoriums hissen ließ. In dieser Zeit habe ich das Sanatorium gemieden und einen weiten Bogen darum gemacht. Nur als meine Nichte sich dort behandeln lassen musste, bin ich sie besuchen gegangen. Professor Alexander hat übrigens nach dem zweiten großen Krieg kurze Zeit in der Pensione Agra gewohnt. Es war die Zeit nach seiner Entlassung aus dem Sanatorium. Heute finden Sie ihn und seine Frau gleich neben an auf dem Friedhof. Dort liegen auch viele seiner Patienten. Die meisten waren noch ganz jung, als sie der Tuberkelbazillus dahingerafft hat.«

Wovon redete der Mann bloß. Es musste Jahrzehnte zurückliegen, dass in diesem Sanatorium Tuberkulose-Patienten behandelt wurden. Es entstand eine längere Verlegenheitspause. Hoch oben am blauen Himmel hinterließ ein Flugzeug einen langen Kondensstreifen.

»Es bedrückt Sie etwas, habe ich recht?«, fragte er unvermittelt in die entstandene Stille hinein.

Ich antwortete nicht.

»Ihr Leben ist aus den Fugen geraten, richtig? Ich sehe es Ihnen doch an. Ich glaube, es geht Ihnen so, wie es auch mir einmal ergangen ist. Haben Sie eigentlich Kinder?«

»Ja, zwei, eine Tochter und einen Sohn.«