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+++Die lange verschwundenen Tagebücher von Alfred Rosenberg, dem Chef-Ideologen der NSDAP, erstmals in einer Gesamtausgabe – ein Schlüsseldokument zur Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust+++ Seit 1946 verschollen, wurden die Tagebücher des NSDAP-Reichsleiters Alfred Rosenberg erst 2013 aufgefunden. Hier liegen sie erstmals als Gesamtausgabe vor, ausführlich kommentiert von den renommierten Historikern Frank Bajohr(Zentrum für Holocaust-Studien, München) und Jürgen Matthäus (US Holocaust Memorial Museum, Washington). Rosenbergs Aufzeichnungen zeigen, dass seine Rolle bei der Vorbereitung und Umsetzung des Holocaust lange unterschätzt wurde. Schon früh einer der radikalsten Antisemiten, unterstützte er bis zuletzt die deutsche Vernichtungspolitik. Seine Notizen verdeutlichen neben seiner unbedingten Ergebenheit gegenüber Hitler die erbitterte Konkurrenz innerhalb der Funktionselite um den »Führer«, insbesondere die intime Feindschaft zwischen Rosenberg und Joseph Goebbels. Aus der Perspektive eines der Hauptverantwortlichen eröffnet dieses Schlüsseldokument neue, wichtige Einblicke in die vom NS-Regime erzeugte Gewaltdynamik.
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Seitenzahl: 926
Veröffentlichungsjahr: 2015
Jürgen Matthäus und Frank Bajohr (Hg.)
Die Tagebücher von 1934 bis 1944
Die lange verschwundenen Tagebücher von Alfred Rosenberg, dem Chef-Ideologen der NSDAP, erstmals in einer Gesamtausgabe – ein Schlüsseldokument zur Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust
Seit 1946 verschollen, wurden die Tagebücher des NSDAP-Reichsleiters Alfred Rosenberg erst 2013 aufgefunden. Hier liegen sie erstmals als Gesamtausgabe vor, ausführlich kommentiert von den renommierten Historikern Frank Bajohr(Zentrum für Holocaust-Studien, München) und Jürgen Matthäus (US Holocaust Memorial Museum, Washington). Rosenbergs Aufzeichnungen zeigen, dass seine Rolle bei der Vorbereitung und Umsetzung des Holocaust lange unterschätzt wurde. Schon früh einer der radikalsten Antisemiten, unterstützte er bis zuletzt die deutsche Vernichtungspolitik. Seine Notizen verdeutlichen neben seiner unbedingten Ergebenheit gegenüber Hitler die erbitterte Konkurrenz innerhalb der Funktionselite um den »Führer«, insbesondere die intime Feindschaft zwischen Rosenberg und Joseph Goebbels. Aus der Perspektive eines der Hauptverantwortlichen eröffnet dieses Schlüsseldokument neue, wichtige Einblicke in die vom NS-Regime erzeugte Gewaltdynamik.
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Die Zeit des Nationalsozialismus
Eine Buchreihe
Begründet und bis 2011 herausgegeben von Walter H. Pehle
Die hier vorgetragenen Meinungen sind die der Herausgeber und reflektieren nicht die Meinungen des U.S. Holocaust Memorial Museums oder des Instituts für Zeitgeschichte.
Coverabbildung: © Bettmann/CORBIS
Eine Publikation des Jack, Joseph and Morton Mandel Center for Advanced Holocaust Studies am U.S. Holocaust Memorial Museum, Washington, DC, und des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte, München
Erschienen bei FISCHER E-Books
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403383-9
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Hinweis
Dank
I. Einleitung
Alfred Rosenberg: Eine biographische Skizze
Rosenberg und sein Tagebuch: Erkenntnisse und Probleme
Der Verbleib der Tagebücher nach 1945
Rosenberg, das NS-System und die »Judenfrage«
Das »Unternehmen Barbarossa« und der Übergang zum Genozid
Rosenberg, der »Osten« und die »Endlösung« bis Anfang 1942
Editorische Vorbemerkung
II. Die Tagebuchnotizen Alfred Rosenbergs 1934–1944
[1934]
Berlin 14.5.34
15.5.[1934]
17.5.[1934]
22.5.[1934]
22.5.[1934] Ropp
29.5. [1934]
5.6.[1934]
8.6.[1934]
11.6.[1934]
19.6.[1934]
28.6[.1934]
29.6.[1934]
7.7.[1934]
11.7.[1934]
13.7.[1934]
2.8.[1934]
6.8.[1934]
19.8.[1934]
Ende September [1934]
26.12 [1934]
[1935]
15.1.35
21.1.[1935]
2.2.[1935]
6.2.1935
11.2.[1935]
24.2.[1935]
26.II.[1935]
12.3.[1935]
14.3[.1935]
15.3[.1935]
18.3[.1935]
1936. Kapitel
25.4.[1936]
27.4.[1936]
27.4.[1936]
1. Mai [1936]
2. Mai [1936]
Ende Juli [19]36.
10.8.[1936]
11.8.[1936]
12.8.[1936]
19.8.[1936]
20.8.[1936]
21.8.[1936]
22.8.[1936]
23.8.[1936]
26.8.[1936]
29.8.[1936]
17.9.[1936]
26.9.[1936]
20.10.[1936]
30.10.[1936]
14.11.[1936]
15.11.[1936]
16.11.[1936]
22.11.[1936]
24.11.[1936]
11.12.[1936]
19.12.[1936]
26.12.[1936]
[1937]
8.1.37
18.1.[1937]
20.1.[1937]
12.2.37
14.2[.1937]
20.7.37
Nach dem Parteitag. 1937
Anfang Oktober [1937]
25.XI.37
26.XI.[1937]
27.XI[1937]
11.12.37
31.12.37
[1938]
[ohne Datum, Januar 1938]
29.1.[1938]
31.1.[1938]
11.2.[1938]
12.2.[1938]
17. Juli [1938]
20.7.[1938]
7.X.38
Nach d. Parteitag 1938. 10.X.38
14.10(1938)
18.10.[1938]
2.XI.(1938)
18.12.38
[o.D.; wahrscheinlich Dez. 1938]
[1939]
6.2.39.
1.3.39 abends
Mitte Mai [1939]
21.5.[1939]
19. Juli [1939]
22.8.[1939]
25.8.[1939] ab.[ends]
24.9.39
29.9.[1939]
5.10.39
1.XI.1939
11.11.39
3.12.39
11. Dez.[1939]
14.12.[1939]
19.12.[1939]
20.12.[1939]
[1940]
2.1.1940
7.1.[1940]
19.1.[1940]
27.1.[1940]
7.2.40
19.2.[1940]
3.III.[1940]
6.III.[1940]
9.4.40
11.4.[1940]
13.4.[1940]
27.4.[1940]
30.4.[1940]
30.4.[1940]
7.5.[1940]
7.5.[1940, loses Blatt]
8.5.40
10.5.40
6.9.40
6.9.40
10.9.40
11.9.40
12.9.40
13.9.40
14.9.40
16.9.40
Alt-Aussee 12.10.40
1941. Kapitel
2.2.41
28.3.41
31.3.41.
1.4.41
1.4.[1941] Dienstag.
2.4.41
2.4.41 abs.
6.4.41
9.4.41
11.4.41
20.4.41
1.5.41
6.5.41
Berchtesgaden 14. Mai 1941
1. Juni 41.
6. Juni 1941 20.6.41
Berlin 20.7.41
2.8.41
Seehof 1.9.41.
7.9.41
12.9.41
14.9.41.
[ohne Datum, handschriftlicher Eintrag »1.X.41« oberer Seitenrand]
14.12.41
28.12.41
1942. Kapitel
Berlin, den 14. Juli 1942 R/H.
7. Okt. [1942]
9.10.[1942]
1942 ?–Oktober.
12.X.[1942]
Am 13.–15.X.[1942]
16.X.[1942]
20.X.[1942]
21.X.42
22.X.42
27.X.42
30.10.42
2.11.42
6.11.42.
13.11.42
17.11.42
18.11.42
19.11.42
20.11.42
21.11.42
24.11.42
Am 25.11.[1942]
30.11.42
Am 18.12.42.
1943. Kapitel
Nach dem 12.1.43
19.1.43
Am 25./26.1.43
1.2.43
2.2.43
3.2.43
26.7.43
29.7.43
30.7.43
31.7.43.
4.8.43
7.8.43
13.8.43
14.8.43
Schloss Romrod, Hessen. 31.12.43.
1944. Kapitel
2.5.44
Schloss Schwarzenau. Pfingsten [28., 29. Mai] 1944.
29.7.44. Sonderzug Gotenland
30.7.44
Michendorf 27.8.44
Michendorf 22.10.44.
Michendorf 26.10.44.
Berlin 12.11.44
B[er]l.[in]-Dahlem 3.12.44.
III. Ergänzende Dokumente
Dokument 1
Dokument 2
Dokument 3
Dokument 4
Dokument 5
Dokument 6
Dokument 7
Dokument 8
Dokument 9
Dokument 10
Dokument 11
Dokument 12
Dokument 13
Dokument 14
Dokument 15
Dokument 16
Dokument 17
Dokument 18
Dokument 19
Dokument 20
Dokument 21
Dokument 22
Dokument 23
IV. Anhang
Verzeichnis der ergänzenden Dokumente
Bibliographie
Zeitgenössische Darstellungen
Gedruckte Quellen
Literatur
Abkürzungen
Abbildungsnachweis
Eine Publikation des Jack, Joseph and Morton Mandel Center for Advanced Holocaust Studies am United States Holocaust Memorial Museum, Washington, D.C., und des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte, München
Diese Edition ist ein Gemeinschaftsprojekt des Jack, Joseph and Morton Mandel Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C, mit dem Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München. Ohne die Unterstützung durch die Direktoren beider Institutionen, Paul A. Shapiro und Andreas Wirsching, wäre das Projekt unverwirklicht geblieben. Darüber hinaus danken die Herausgeber Henry Mayer, Susanne Heim, Stephanie Haupt, Radu Ioanid, Jan Lambertz und Cristina Bejan sowie jenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Zentrum für Holocaust-Studien, die intensiv an der Kommentierung des Tagebuches gearbeitet haben, u.a. Anna-Raphaela Schmitz, Dominique Hipp, Franziska Walter, Konrad Meinl und Giles Bennett. Dankbar sind wir darüber hinaus allen jenen Freunden, Kolleginnen und Kollegen, die uns bei der Identifizierung der im Tagebuch genannten Personennamen halfen.
Washington/München, im Februar 2015
Jürgen Matthäus
Frank Bajohr
Der am 12. Januar 1893 im damals russischen Reval (estnisch: Tallinn) geborene Alfred Rosenberg entstammte einer deutsch-baltischen Familie und siedelte nach seinem Architekturstudium in Riga und Moskau Ende 1918 ins von Weltkriegsniederlage und Revolutionswirren geschüttelte Deutschland über. In München schloss sich Rosenberg rasch dem völkischen Milieu an und reüssierte mit einigem Erfolg als Verfasser politischer Kampfschriften mit betont antisemitisch-antikommunistischer Spitze. In der noch jungen NSDAP gehörte er vor allem aufgrund seines Anspruchs, aus eigener Erfahrung die wahre Natur »jüdisch-bolschewistischer Herrschaft« offenzulegen, zum engeren Kreis um Hitler und zum Stammpersonal des Parteiorgans Völkischer Beobachter, dessen Herausgeberschaft er 1923 übernahm. Angesichts seiner Frühschriften attestiert ihm sein Biograph zu Recht einen »geradezu monomanischen Antisemitismus«;[1] zu den einschlägigen Titeln gehören Rosenbergs erstes Buch Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten (veröffentlicht 1920), das wir in Teil III auszugsweise abdrucken;[2] »Unmoral im Talmud« (1920); Der staatsfeindliche Zionismus (1922); Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik (1923) sowie zahllose judenfeindliche Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, im von ihm seit 1924 herausgegebenen Periodikum Der Weltkampf sogar mit internationalem, an »die weiße Rasse« gerichtetem Anspruch.[3]
Seine weitere Karriere wäre ohne die beachtliche journalistische und konzeptionelle Produktivität dieser Jahre, die in der Parteileitung nur selten anzutreffen war, kaum vorstellbar. Sein publizistischer Fleiß glich offensichtliche Defizite als Propagandaredner und Organisator aus und untermauerte seine Stellung als Hitler-Vertrauter. Rosenbergs 1919 fertiggestelltes erstes Buch prägte zumindest teilweise die antisemitischen Passagen in Hitlers Mein Kampf.[4] Wahrscheinlich beeinflusste er auch indirekt das im Februar 1920 verkündete NSDAP-Programm, vor allem Punkt 4: »Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.« Darauf deutet auch der Umstand hin, dass Rosenberg später als berufener Kommentator des Parteiprogramms fungierte.[5]
Als Hitler und andere NS-Größen nach dem gescheiterten »Marsch auf die Feldherrnhalle« am 9. November 1923 verhaftet wurden, versuchte Rosenberg, vom Parteiführer ermächtigt, die disparaten Flügel und Gruppen innerhalb der Organisation zusammenzuhalten. Zwar konnte er dazu beitragen, die Partei auf einen parlamentarischen Kurs hin auszurichten, doch fehlte es ihm an persönlicher Statur und interner Hausmacht, um sich in den Kompetenzkämpfen völkischer Fanatiker zu behaupten. Nach Hitlers Haftentlassung verlegte sich Rosenberg daher ganz auf seine schriftstellerische Tätigkeit. Neben seiner Schlüsselrolle als Herausgeber von und Autor für NS-Periodika gelang es ihm, sein Opus Magnum zu beenden, das als Der Mythus des 20. Jahrhunderts 1930 erschien und seinen Ruf als Spiritus Rector der Parteiideologie festigte. Anknüpfend an Houston Stewart Chamberlain und Paul de Lagarde konstruierte Rosenberg ein dichotomisches System, in dem sich »Rasse« und »Gegen-Rasse«,[6] Deutsche und Juden kategorisch gegenüberstanden; historisch angeblich tief verwurzelt, ließe sich dieser Gegensatz nur konfrontativ mit dem Sieg der einen oder anderen Seite überwinden. Kein anderer NS-Funktionär produzierte ein ähnlich ambitioniertes Denkmodell, und den Unterschied in der konzeptionellen Reichweite zu Hitlers Bestseller verdeutlicht schon der Vergleich der beiden Buchtitel. Nach 1933 wurde der Mythus trotz seines sperrigen Stils und eines esoterischen, über weite Strecken logisch kaum nachvollziehbaren Eklektizismus – beides Merkmale von Rosenbergs Konzeptschriften – bis Kriegsende mit mehr als einer Million Exemplaren zum Kassenschlager, der neben Mein Kampf als autoritativer Schulungstext, konformistischer Zitatensteinbruch oder zeitgemäßes Geschenk breite Verwendung fand.[7]
Rosenbergs Fähigkeit, ideologische Grundsatztreue mit taktischer Flexibilität und politischem Gespür zu kombinieren, zeigte sich seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre in seinem Bemühen, das Feld der Außenpolitik für sich zu reklamieren, das von anderen NS-Spitzen weitgehend ignoriert wurde. In seiner 1927 publizierten Schrift Der Zukunftsweg einerdeutschen Außenpolitik erklärte er Russland zum Feind und betonte eine Übereinstimmung der deutsch-britischen Interessen. Er nahm damit Gedanken vorweg, die Hitler ein Jahr später in seinem zu Lebzeiten unveröffentlichten »zweiten Buch« zu Papier brachte.[8] Als Rosenberg nach dem Wahlerfolg der NSDAP von 1930 Reichstagsabgeordneter wurde, konnte er so als außenpolitischer Experte der Partei auftreten, was ihm kurz nach Hitlers Machtantritt die Leitung des Außenpolitischen Amts der NSDAP (APA) – eine inoffizielle Konkurrenzinstanz zum Auswärtigen Amt – einbrachte, gefolgt von seiner Ernennung zum Reichsleiter (2. Juni 1933) und »Beauftragten des Führers für die gesamte weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP« (24. Januar 1934).[9] Über alles, was im NS-Verständnis »jüdisch-bolschewistische« Angelegenheiten betraf, beanspruchte Rosenberg Mitspracherecht und konnte es nicht selten auch gegen mächtige Konkurrenten durchsetzen. Doch im Vergleich zu Göring, Ribbentrop oder Goebbels nahm Rosenberg bis 1941 in der Führungsriege des Regimes dennoch eine Randstellung ein, da ihm ein Ministeramt und damit staatliche Kompetenzen fehlten. Ehrgeiz besaß Rosenberg genug, doch machte er es sich durch seine kleinliche Streitsucht, geringe Kooperationsbereitschaft und Neigung zum Grundsätzlichen nicht eben leicht. So stimmte Hitler Mitte 1938 Rosenbergs Plan zur Schaffung eines nazifizierten Universitätsmodells in Gestalt der »Hohen Schule« zwar zu, schob die Gründung des als wissenschaftliches Pilotprojekt und politikbegleitenden Think-Tank konzipierten »Instituts zur Erforschung der Judenfrage« aber bis März 1941 hinaus, was den begrenzten politischen Einfluss des Reichsleiters verdeutlicht.[10]
Dies änderte sich jedoch im Lauf der ersten beiden Kriegsjahre. Im Oktober 1940 konnte Rosenberg den umkämpften Leitungsposten einer um die »Sicherung« jüdischer Kunstsammlungen, Archivbestände, Bibliotheken und anderer Werte bemühten Zentrale für sich verbuchen; in der Folgezeit wurde sein »Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg« (ERR) europaweit zur erfolgreichsten Rauborganisation des Regimes, aus dessen überreichem Fundus sich neben Hitler und Göring auch deutsche Museen bedienen konnten.[11] Den eigentlichen Karrieresprung markierte jedoch der Überfall auf die Sowjetunion, in dessen Planungen Rosenberg im Vorfeld eingebunden war. Am 20. April 1941 wurde er zum »Beauftragten für die zentrale Bearbeitung der Fragen des osteuropäischen Raumes« ernannt. Seine »große Stunde«, das spricht aus den Tagebuchnotizen dieser Zeit, war nun gekommen, und Rosenberg bemühte sich nach Kräften, Hitlers Vertrauen durch Nutzung neuer, radikaler Möglichkeiten zur Durchsetzung nationalsozialistischer Ziele im Osten gerecht zu werden. Mit seiner formellen, allerdings erst Monate später öffentlich bekanntgemachten Ernennung zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete am 17. Juli 1941 wurde Rosenberg Herrscher über eine Region, die von der Ostsee bis zum Kaspischen Meer reichen sollte. Sie war ausersehen, die Versorgung von Wehrmacht und »Heimatfront« zu gewährleisten, wertvollen »Siedlungsraum im Osten« zu erschließen und langfristig die Unangreifbarkeit der deutschen Machtstellung in Europa zu sichern. Das Scheitern der deutschen Offensive Ende 1941 vor Moskau setzte den NS-Visionen engere Grenzen, doch umfasste Rosenbergs Machtsphäre mit den Reichskommissariaten Ostland und Ukraine immer noch mehr als eine halbe Million Quadratkilometer mit rund 30 Millionen Einwohnern; Rosenberg sah hier den Raum, in dem »die nationalsozialistische Weltanschauung sich erprobt«.[12]
Wie unten näher ausgeführt, gehörte Alfred Rosenberg zu den Hauptverantwortlichen einer Politik, die die deutsche Strategie des »Vernichtungskriegs« hinter der Front in Besatzungsalltag umsetzte, mit fatalen Folgen für die Betroffenen. Wenngleich er in seinen Denkschriften im Vergleich zu anderen NS-Größen für eine moderate Herrschaftspolitik gegenüber Ukrainern und einigen anderen nichtrussischen Volksgruppen eintrat, um dem deutschen Kriegseinsatz Ressourcen leichter zu erschließen, unterstützte er real eine radikale Ausplünderungs-, »Befriedungs-« und »Germanisierungs«-Politik, die Millionen von Zivilisten in der besetzten Sowjetunion das Leben kostete.[13] Juden gehörten seit den ersten Tagen der deutschen Besatzung zu den Hauptopfern von Massenerschießungen durch Wehrmacht, Einsatzgruppen und Polizei; mit der Einrichtung der Zivilverwaltung ab Juli 1941 suchten sich Rosenberg und seine Vertreter vor Ort in die neue Gewaltlandschaft einzufügen und beschleunigten so den Übergang zum Genozid.[14]
Als sich die militärische Lage verschärfte und rivalisierende Instanzen an Macht gewannen, verlor Rosenberg langsam an politischem Einfluss. Seinem Führer bis zuletzt treu ergeben, wurde Rosenberg nach Kriegsende von der US-Armee verhaftet und vor dem Internationalen Militärtribunal (IMT) in Nürnberg zusammen mit anderen Spitzenfunktionären des »Dritten Reichs« wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Beteiligung an der Vorbereitung eines Angriffskriegs und Verbrechen gegen den Frieden angeklagt. In seiner Zelle setzte der einstige NS-Chefideologe seine emsige Schreibarbeit im Geiste der ihm ungebrochen gültig scheinenden Rassenutopie fort; bis heute finden seine »letzten Aufzeichnungen« in rechtsradikalen Kreisen Anklang.[15] Nach dem Schuldspruch in allen Anklagepunkten wurde das Todesurteil gegen Alfred Rosenberg am 16. Oktober 1946 vollstreckt.
Tagebücher von Zeitgenossen haben in den letzten Jahren das Verständnis des Nationalsozialismus und seiner Verbrechenspolitik besonders geprägt. »Zeugnis ablegen bis zum letzten« war Victor Klemperers erklärtes Ziel; auch andere Opfer der Judenverfolgung verstanden sich als Chronisten bedeutsamer Veränderungen, als sie ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle in Gestalt von Tagebüchern dokumentierten. Dass diese Autoren die Ereignisse in ihren alltäglichen Dimensionen und noch unbestimmten Konsequenzen in keinen klaren Erklärungszusammenhang einbetten konnten, wie er sich erst aus größerer Distanz herstellen lässt, macht ihre Aufzeichnungen umso wertvoller für das Verständnis der Zeitläufte, von denen wir heute – aus der Rückschau – wissen, wo sie endeten.[1]
Tagebuchaufzeichnungen, in denen sich die subjektiven Perspektiven führender Nationalsozialisten auf das »Dritte Reich« widerspiegeln, sind dagegen extrem selten. Die Männer um Hitler gestalteten jene Zukunft, die ihre Opfer erleiden mussten. Deshalb geht von Egodokumenten aus der Hand führender Nationalsozialisten bis heute eine starke Faszination aus, scheinen sie doch die sinistre Aura ihrer Verfasser zu reflektieren und Aufschlüsse über die Triebkräfte der NS-Verbrechen zu liefern. Bei den führenden NS-Funktionären stand jedoch das Ahnen oder Wissen um den nächsten Schritt zur »Lösung der Judenfrage« oder anderer ideologischer Kernziele in eklatantem Missverhältnis zu der Bereitschaft, darüber persönlich Zeugnis abzulegen. Die meisten führenden Nationalsozialisten begriffen sich als »Männer der Tat«, die nicht zur Kontemplation oder gar kritischen Reflexion neigten, zumal diese Eigenschaften parteiintern nicht gerade geschätzt wurden. In der NS-Bewegung rangierte der »Draufgänger« stets über dem »Tintenritter«.
Darüber hinaus erzeugten die rapiden Veränderungen nach 1933 und die Dynamik der Ereignisse und Entwicklungen, angetrieben von der NS-»Bewegung« im Verein mit anderen gesellschaftlichen Eliten, eine Atmosphäre hektischer Betriebsamkeit und Atemlosigkeit, die mit innehaltendem Nachdenken kaum vereinbar war. Und während die offizielle NS-Propaganda das immer gleiche Bild monolithischer Geschlossenheit, Einigkeit und Konsequenz zu vermitteln suchte, wussten vor allem führende Nationalsozialisten um die Realität des »Dritten Reiches«, in der die verschiedenen Herrschaftscliquen um Einfluss rangen und einander heftig befehdeten.
Die offensichtliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität ließ sich deshalb in Tagebuchaufzeichnungen nur um den Preis des Selbstbetrugs ignorieren. Selbst wenn sie keinen Zweifel an der historischen Bedeutung, ja Präzedenzlosigkeit der Geschehnisse seit 1933 hatten, fehlte den meisten Männern um Hitler ein Geschichtsbewusstsein, welches das Gegenwartshandeln und den Ewigkeitsanspruch des Regimes hätte verbinden können. Begriffe wie »Endlösung« oder »Tausendjähriges Reich« dokumentierten einerseits das vermessene Postulat, Geschichte schlichtweg abschaffen und in einen Endzustand überführen zu wollen. Andererseits war die Gegenwartspolitik des Regimes durch überraschende und unvorhergesehene Wendungen geprägt, die selbst überzeugte Nationalsozialisten in massive Erklärungsnot brachten: zum Beispiel die Ausschaltung der SA 1934, der Pakt mit dem ideologischen Todfeind Stalin 1939 oder der Englandflug von Rudolf Heß 1941.
Aus all diesen Gründen haben die NS-Hauptakteure keine Tagebücher, sondern allenfalls – wie z.B. Heinrich Himmler – Kalendarien hinterlassen, die von ihrem ständigen Aktionismus zeugten.[2] Selbst die jüngst aufgefundenen privaten Briefe Himmlers[3] an Frau und Kinder lesen sich partiell wie ein verschriftlichter Taschenkalender. Die auf den ersten Blick lebhaften Gefühlsäußerungen des Reichsführers SS entpuppen sich bei näherem Hinsehen als sterile, sich ständig wiederholende Floskeln. Wenngleich Himmler in seiner dienstlichen Korrespondenz oder auch in seinen Reden gelegentlich durchaus gefühlsbetont agierte, gab sich der Reichsführer SS selbst dem engsten privaten Umfeld gegenüber zumeist empathielos und wenig reflexiv. Dies war sicher nicht nur dem Umstand geschuldet, dass ihm – anders als einigen seiner Untergebenen – die Praxis des Massenmords in ihren grausigen Details anscheinend als kaum vermittelbar und nur gegenüber ausgewählten Funktionsträgern zu erwähnendes Staatsgeheimnis galt. Vielmehr verspürte Himmler auch deswegen kein Bedürfnis nach Reflexion, weil er mit seinem Handeln im Reinen war und keinerlei Selbstzweifel hegte.[4]
Letztlich haben nur zwei führende Nationalsozialisten umfangreichere Tagebuchaufzeichnungen hinterlassen: Propagandaminister Joseph Goebbels, der über mehr als zwei Jahrzehnte ein persönliches Tagebuch führte – von 1924 bis 1945[5] –, und der NSDAP-Chefideologe und spätere Reichsminister für die besetzten Ostgebiete Alfred Rosenberg, dessen politische Notate aus dem Zeitraum 1934 bis 1944 wir mit dieser Publikation erstmals geschlossen und kontextualisiert vorlegen.[6] Beide waren fast über den gesamten Zeitraum des »Dritten Reiches« hinweg intim miteinander verfeindet, was ihren Aufzeichnungen auch die Funktion eines wechselseitigen Korrektivs gibt. So zeigt das Tagebuch Rosenbergs, der jede abfällige Bemerkung über Goebbels aus Parteikreisen registrierte und jede Demütigung seines Konkurrenten festhielt, dass Goebbels gerade bei der Kerntruppe der »alten Kämpfer« wenig beliebt war und seine Stellung im nationalsozialistischen Herrschaftssystem nicht überschätzt werden sollte.
Allerdings teilte der Propagandaminister mit seinem Rivalen die Neigung, ihm unliebsame oder zum Nachteil gereichende Vorkommnisse in seinen Notizen geflissentlich zu verschweigen. Insofern wäre es methodisch naiv, in den Tagebüchern von Goebbels oder Rosenberg etwas anderes als subjektive Perspektiven zu erwarten. Gewiss bieten sie keinen umfassenden Einblick in die NS-Herrschaft, wie dies Hans-Günther Seraphim behauptete, als er Mitte der 1950er Jahre einen Teil von Rosenbergs Tagebuch edierte: »Hier berichtet ein Eingeweihter über das Funktionieren des Parteiapparats, über das Agieren der NS-Regierung und ihrer Organe und gewährt in der nur für seine persönlichen Zwecke bestimmten, ungefärbten Niederschrift erregende Einblicke in die Denk- und Handlungsart Hitlers und seiner Gefolgsleute.«[7] Die Erwartung sensationsheischender Offenbarungen aus dem Zentrum der Macht mag naheliegen; sie ignoriert jedoch den problematischen Charakter derartig subjektiv gefärbter Quellen: Goebbels’ und Rosenbergs Tagebücher spiegeln die tatsächlichen Ereignisse nur sehr partiell wider, wenn sie nicht zentrale Elemente der historischen Realität ganz ausblenden.
Es war kein Zufall, dass gerade Goebbels und Rosenberg Tagebücher schrieben, gehörte es doch ohnehin zu beider Kernaufgaben, die Politik des »Dritten Reiches« reflektierend und deutend zu begleiten. Während Goebbels die NS-Politik in griffige tagespolitische Losungen übersetzen musste, konzentrierte sich Rosenberg eher auf das Weltanschaulich-Grundsätzliche, dessen Essenz er vor allem in Reden den versammelten NS-Parteifunktionären vortrug oder in der NS-Presse veröffentlichte. Dabei formulierte Goebbels wesentlich schneller und prägnanter als der schwerfällige Rosenberg, der oft wochen- oder monatelang keine Tagebuchzeile zu Papier brachte – auch deshalb, weil er in seinen diversen Funktionen mit dem Abfassen von »Meldungen an den Führer«, Denkschriften und Aktennotizen vollauf beschäftigt war. Seine Einträge zeichnen sich kaum durch längere narrative Passagen aus; es dominieren eher lakonische, skizzenhafte Bemerkungen. Zudem wimmelt es in Rosenbergs Aufzeichnungen von holprigen Formulierungen, Grammatikfehlern und schiefen Satzkonstruktionen, die die vorliegenden Einträge zu einer gelegentlich schwierigen Lektüre machen. Es mutet ironisch an, dass ausgerechnet dem Deutschbalten Rosenberg, der sich im »Dritten Reich« gerne zum Chefinterpreten deutschen Denkens und deutscher Kultur stilisierte, jegliches Einfühlungsvermögen in die deutsche Sprache fehlte.
Weder Goebbels’ noch Rosenbergs Tagebuchaufzeichnungen waren für die Öffentlichkeit bestimmt. Als Goebbels 1934 dennoch Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahre 1932/33 veröffentlichte, stieß er damit in weiten Parteikreisen prompt auf eisige Ablehnung, die dem Propagandaminister eine egozentrische Selbstbeweihräucherung vorwarfen.[8] Diese Einschätzung dürfte nicht ganz unzutreffend gewesen sein, und auch Rosenberg benutzte sein Tagebuch, um seine Erfolge in glänzenderem Licht erscheinen zu lassen. Im Falle Rosenbergs dienten die oft rudimentären Aufzeichnungen allerdings vermutlich primär als Erinnerungsposten für spätere Zeiten (»um einmal im Alter diese Zeit wiedererstehen zu lassen«)[9] und häufig auch als Frustrationsventil. Passagen, in denen er »Eitelkeit und levantinische Anmaßung«[10] anderer kritisierte, Goebbels (»Eiterproduzent«)[11] oder Ribbentrop (»richtig dummer Mensch mit der üblichen Arroganz«)[12] hasserfüllt abqualifizierte, erinnern eher an Formulierungen verschworener NS-Gegner als an Äußerungen eines führenden Repräsentanten des Regimes. Auch das ostentative Selbstmitleid Rosenbergs und der Nimbus des Einzelkämpfers innerhalb des Führerkorps der »Volksgemeinschaft«, die aus vielen Einträgen sprechen, hätten in einer weiteren Öffentlichkeit vermutlich für fassungsloses Erstaunen gesorgt. Sein Tagebuch schrieb Rosenberg also erkennbar allein für sich.
Auch wenn Rosenberg in der operativen Politik des »Dritten Reiches« spät zum Zug kam und oft – allerdings nicht so oft wie in der älteren Literatur behauptet – das Nachsehen hatte, stand seine Stellung im nationalsozialistischen Herrschaftssystem nie grundsätzlich in Frage. Sie beruhte vor allem darauf, dass Rosenberg, den Hitler wohl nicht ohne ironischen Unterton als »Kirchenvater des Nationalsozialismus« und später als »Torhüter des Ostens« bezeichnete,[13] der NSDAP und ihren führenden Funktionären stets das Gefühl gab, ihre ideologischen Grundsätze beruhten nicht auf Idiosynkrasien, Machtphantasien und Hassgefühlen, sondern seien im Gegenteil tiefenphilosophisch hergeleitet und wissenschaftlich grundiert. Rosenberg selbst war davon zweifellos überzeugt. Doch schon lange bevor er mit dem Tagebuchschreiben begann, bewegte sich sein Denken in weltanschaulichen Bahnen, die keinen Raum für kritische Analyse boten und die Wirklichkeit nur dann ins Bewusstsein dringen ließen, wenn sie seine bereits feststehenden Ansichten bestätigten.[14]
Rosenbergs ideologischer Rigorismus bestimmte die Grundrichtung seines politischen Handelns. Seine politischen Vorstellungen standen allerdings nicht von Beginn seiner Tätigkeit an unverrückbar fest, sondern veränderten sich partiell. Rosenbergs ideologische Grundsätze bestanden weniger aus einem prinzipiell unveränderbaren Katechismus als vielmehr aus basalen »Haltungen« in einem weltanschaulichen Feld, das nicht zuletzt durch Pragmatismus und Flexiblität gekennzeichnet war.[15] Dies gilt selbst für die »Judenfrage«. Da Juden für Rosenberg den ihm verhassten Internationalismus und Universalismus repräsentierten und er sie gleichermaßen für den Liberalismus und den Kommunismus verantwortlich machte, gehörte der Antisemitismus zu jenen grundsätzlichen Haltungen, an denen Rosenberg stets unerschütterlich festhielt. Sehr viel flexibler jedoch ging der NSDAP-Chefideologe mit der Frage um, wie Juden oder verschiedene Strömungen des Judentums konkret behandelt werden sollten. So verkehrte sich beispielsweise Rosenbergs anfänglich positive Einschätzung des Zionismus[16] schließlich ins Negative. Gestand Rosenberg den Juden zunächst noch grundsätzliche Rechte zu, gehörte er in den Kriegsjahren zu den Verfechtern eines rigorosen Vernichtungsgedankens. Die »christliche Kultur«, die Rosenberg noch in frühen Traktaten gegen die »jüdische Gefahr« mobilisieren wollte, verwandelte sich in späteren Ausgaben seiner »Werke« in eine »deutsche Kultur«.[17] Solche Transformationen gingen nicht zuletzt auf neue Möglichkeiten der politischen Praxis und auf Veränderungen der politischen Lage zurück, teilweise auch auf opportunistische Anpassung an den »Führer«.[18] Für Hitler wie für Rosenberg beruhte »Weltanschauung« zwar auf unveränderbaren Grundhaltungen, doch lieferte sie kein konkretes, ausgearbeitetes Handlungskonzept, das nach 1933 hätte umgesetzt werden können.[19]
In Rosenbergs Tagebuch artikulierte sich der mit unveränderlichen ideologischen Prinzipien einhergehende politische Pragmatismus in der wiederholten Äußerung, er habe eine bestimmte Idee schon immer verfolgt oder diese und jene Meinung tief verinnerlicht, nun aber seien die Bedingungen für ihre Umsetzung gegeben. Indem er jedoch die Politik des Regimes zugleich als Ausdruck vorgeblich ewiger, unverrückbarer Wahrheiten ausgab, legitimierte Rosenberg auch und gerade die verbrecherische Praxis nationalsozialistischer Herrschaft und erfüllte in der NS-Bewegung eine in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzende Funktion. Auch wenn Rosenberg eine Aura des Selbstmitleids und der Unzufriedenheit umgab, konnten sich seine »Erfolge« beim Umsetzen der NS-Agenda – bei der Vorbereitung der deutschen Invasion Norwegens oder der Machtübernahme Marschall Antonescus in Rumänien, beim Plündern von Kunst- und Kulturgut im deutsch besetzten Europa, beim Verbreiten antisemitischer Parolen bis in den Nahen Osten und nicht zuletzt als Vordenker und Mitverantwortlicher der »Endlösung« – durchaus sehen lassen. Auf kaum einen anderen NS-Führer trifft der Begriff »Überzeugungstäter« so vorbehaltlos zu wie auf Rosenberg, der bis zuletzt glaubte, was er predigte, und unter Einsatz neuer, radikaler Methoden praktizierte, was er für selbstverständlich hielt.[20] Überdies zeigt sich an seinem Beispiel, dass nicht allein radikale Gedanken in eine radikale Praxis mündeten. Diese standen vielmehr in einem Wechselverhältnis, so dass die radikale Praxis auch die Radikalität der Gedanken beeinflusste.
Die vorliegende Edition und unsere Einleitung zielen nicht auf eine umfassende Biographie, die längst vorliegt,[21] oder eine Gesamtgeschichte der politisch-ideologischen Aktivitäten Rosenbergs, an der es weiter fehlt. Rosenbergs Aufzeichnungen bieten vor allem zahlreiche, oft punktuelle Einblicke in die verschiedenen Politikfelder des »Dritten Reiches« und deren subjektive Wahrnehmung durch den Verfasser, die stark durch ständige Kompetenzkonflikte geprägt ist. Dabei bilden die Außenpolitik des Regimes sowie vor allem das Verhältnis zu den Kirchen einen gewissen Schwerpunkt. Rosenbergs wie Hitlers ostentative Ablehnung christlicher Grundsätze tritt immer wieder deutlich hervor.
Angesichts der Vielfalt der im Tagebuch erwähnten Einzelaspekte wollen wir uns im Folgenden auf einige prägnante Aspekte des Tagebuchs und des historischen Kontextes konzentrieren. An erster Stelle wäre die Rekonstruktion und bedingte Neubewertung der Funktion zu nennen, die Rosenberg im »Dritten Reich« während jener Phase erfüllte, in der das Regime von der Judenverfolgung zur unterschiedslosen Judenvernichtung im Verlauf des Jahres 1941 überging. Deshalb haben wir über die Tagebucheintragungen hinaus auch Denkschriften, Reden und andere, zumeist von Rosenberg selbst verfasste (und einige hier erstmals publizierte) Schlüsseldokumente hinzugefügt, die seine Rolle in dieser entscheidenden Periode stärker verdeutlichen, als er dies in seinen Tagebuchnotizen tat. Zentrale ideologische Grundlagen für die sich kumulativ radikalisierende antijüdische Politik hatte Rosenberg bereits in den frühen zwanziger Jahren geschaffen. So gingen, wie eingangs erwähnt, die antijüdischen Ausführungen in Hitlers Buch Mein Kampf auch auf Rosenberg zurück, der bereits 1919 die Herrschaft der Bolschewiki in Russland als Reinform jüdischer Herrschaft bezeichnet hatte und mit der Fusion von Antisemitismus und Antibolschewismus die zweifellos wirkungsvollste Legitimation für den späteren Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion lieferte.[22]
An dem ideologischen wie taktisch-politischen Grundsatz, das »jüdische Parasitenvolk« an den »Bolschewismus zu ketten«, d.h. Bolschewismus und Judentum als vermeintlich untrennbare Einheit zu deklarieren, hielt Rosenberg, wie sein Tagebuch zeigt, hartnäckig fest.[23] Überdies blieb er davon überzeugt, dass es sich bei der unvermeidlichen Auseinandersetzung mit dem »Judentum« um einen »Weltkampf« handelte, wie auch der gleichnamige Titel der von ihm herausgegebenen Zeitschrift deutlich machte. Dabei stilisierte Rosenberg Deutschland stets zu einer hinterrücks angegriffenen Partei, die sich in ihrem Kampf gegen Juden im Recht befinde. Darüber hinaus förderte er antisemitische und völkische Bewegungen in den europäischen Ländern – mit dem Ziel einer antisemitischen Internationale und damit eines antiuniversalistischen Gegenentwurfs zum Gedanken der Vereinten Nationen. Nach dem Novemberpogrom 1938 fiel Rosenberg durch besonders radikale antisemitische Reden auf, obwohl er den Pogrom als unnütze Vernichtung von Sachwerten kritisiert hatte: ein prägnantes Beispiel für die Radikalisierung programmatischer Positionen durch die politische Praxis. Fast stereotyp tauchte in allen seinen Reden ab Januar 1939 die Formulierung auf, dass die »Judenfrage« in Europa erst dann gelöst sei, wenn der letzte Jude erst Deutschland, dann Europa verlassen habe, bis Rosenberg sich im November 1941, in bemerkenswerter Offenheit (wenngleich unter dem Siegel der Vertraulichkeit) vor der Presse für eine »biologische Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa« aussprach.[24]
Nachdem Rosenberg im Frühjahr 1941 zentral in die geplante Neuordnung Osteuropas eingebunden worden war (Hitler: »Rosenberg, jetzt ist Ihre große Stunde gekommen.«[25]), wirkte er in der zweiten Jahreshälfte entscheidend daran mit, den »Ostraum« zum Schauplatz der »Endlösung« zu machen. Dass sich Rosenberg als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete nicht allein mit der ideologisch-weltanschaulichen Orchestrierung des Holocaust befasste, zeigten seine diversen Initiativen, die auf Arbeitsteilung beim organisierten Massenmord abzielten. Auch bediente er sich aller verfügbaren Möglichkeiten weit jenseits seines eigenen Aufgabengebiets, als er beispielsweise die Deportation der deutschen und europäischen Juden in den Ostraum als Antwort auf die Verschleppung der Wolgadeutschen durch Stalin vorschlug. Vor seinen Nürnberger Richtern gab Rosenberg zu Protokoll, dass ihm »der Gedanke an eine physische Vernichtung von Slawen und Juden, also der eigentliche Völkermord, […] nie in den Sinn gekommen«, geschweige denn von ihm »irgendwie propagiert« worden sei;[26] damit war er so weit von der Realität entfernt wie bei seinem früheren Räsonieren über »deutsches Wesen« und »ewige Werte«. Rosenbergs Aufzeichnungen geben insgesamt Anlass, über das Verhältnis von Zentrum und Peripherie in der Genese des Holocaust neu nachzudenken und Ersterem wieder vermehrt Beachtung zu schenken. Dies gilt auch für das komplexe Wechselverhältnis zwischen NS-Ideologie und politischer Praxis, das in Rosenbergs Tagebuch deutlich wird.
Seine Aufzeichnungen ermöglichen darüber hinaus einen interessanten Einblick in die Strukturen und Netzwerke des NS-Herrschaftssystems. Rosenbergs Dauerklagen über das Verhalten von Konkurrenten und die nahezu permanenten Cliquenkämpfe zeugen einerseits von den polykratischen Herrschaftsstrukturen des »Dritten Reiches«, in denen verschiedenste Funktionsträger einander bitter bekämpften.[27] Andererseits unterstreichen seine Ausführungen die überragende Rolle Hitlers in diesem System. Fast hündisch war Rosenberg – ähnlich wie Goebbels – auf seinen »Führer« fixiert und notierte akribisch auch kleinste Gunstbeweise wie Händedruck, Schulterklopfen und aufmunternde Worte. Auch abschätzige Bemerkungen des »Führers« über gerade abwesende Rosenberg-Konkurrenten wurden eifrig registriert, wobei Rosenberg gar nicht in den Sinn kam, dass es sich hier um ein subtiles Herrschaftsmittel Hitlers handelte. Denn dieser äußerte sich – wie das Tagebuch Goebbels’ verrät – auch über Rosenberg in dessen Abwesenheit abfällig[28] und versicherte den jeweils Anwesenden seiner besonderen Wertschätzung: ein bewährtes Mittel der Loyalitätserzeugung, das zugleich die Konkurrenten gegeneinander ausspielte. Wenn Rosenberg ein Telegramm des »Führers« erhielt, bekam er bezeichnenderweise einen »Schreck« und erwartete angstvoll unangenehme Dinge, darin einem Schulbuben gleichend, der von seinem Lehrer eine Standpauke befürchtete.[29] Rosenberg setzte nie nach, wenn Hitler im direkten Gespräch die Argumente ausgingen oder sich in Gemeinplätze flüchtete. Er widersprach seinem »Führer« auch nicht, wenn dieser Rücksichten auf andere vorschob, wie beispielsweise bei Rosenbergs Ukraine-Plänen, die Hitler unter Verweis auf rumänische Interessen torpedierte. Seine Reden legte Rosenberg dem »Führer« häufig zur Genehmigung vor. Mit ähnlich unterwürfigem Gestus, ja kindlichem Stolz präsentierte Rosenberg die in ganz Europa zusammengeraubten Kunstschätze, aus denen sich Hitler persönlich Stücke für sein »Führermuseum« in Linz auswählen konnte.[30]
Im Vergleich zu Goebbels hielt sich Rosenberg deutlich seltener auf dem Obersalzberg auf oder war weniger häufig in der mittäglichen Runde um Hitler zugegen, die dieser meist zu ausgreifenden Monologen nutzte. Dennoch scheint an etlichen Stellen seiner Aufzeichnungen jener feixende Grundton der Männerrunden um den »Führer« durch, der nicht zuletzt der gegenseitigen Bekräftigung ideologischer Prinzipien und rücksichtsloser Absichten diente. Mitleidlos wurden dabei die Opfer des Nationalsozialismus verhöhnt, wenn sich Hitler ironisch als Bewahrer der »Humanität im Osten« gerierte und er Rosenberg scherzhaft als »Schriftführer eines von mir präsidierten Kongresses zur humanen Behandlung der Juden« vorschlug.[31] Bei seinen Monologen ließ Hitler seine Umgebung über grundlegende Auffassungen nicht im Unklaren; auch die anwesenden Personen stellten sich schnell darauf ein, indem sie sich in ihren Bemerkungen opportunistisch an dem orientierten, was der »Führer« gerne hören wollte: ein sehr effektives Mainstreaming der Meinungen, in dem abweichende Stellungnahmen kaum noch eine Chance hatten, Gehör zu finden.
Wenngleich Rosenberg in NS-Führungskreisen den Ruf eines prinzipienfesten Ideologen genoss, liefert er in seinem Tagebuch zahlreiche Beispiele dafür, dass sich Ideologie und Opportunismus keineswegs ausschlossen. So verwundert es kaum, dass Rosenberg 1939 den Nichtangriffspakt mit dem ideologischen Todfeind Stalin nicht goutierte. Er verkniff sich aber jeden Protest oder demonstrative Missfallensäußerungen gegenüber dem »Führer«, weil er es für »zwecklos hielt, über nicht zu Änderndes zu klagen«.[32] Hitler belohnte diese Grundhaltung sogleich, indem er sich »sehr warm« über Rosenberg äußerte, der doch »ein Politiker« sei und keinen offenen Widerstand geleistet habe.[33] Auch in der Behandlung der osteuropäischen Bevölkerung stimmten Hitler und Rosenberg keineswegs in allen Aspekten überein. Zwar waren sich beide in der radikalen Vernichtungspolitik gegenüber Juden und Bolschewiki vollkommen einig, differierten jedoch erkennbar in der Frage, wie und ob die verschiedenen Völker Osteuropas an der angestrebten deutschen Suprematie zumindest beteiligt werden sollten. Hitler verfolgte primär ein geopolitisches Konzept, das den künftigen »Lebensraum« bereits als letztlich leeren Raum definierte, in dem auf die dort lebende Bevölkerung keine besondere Rücksicht genommen werden müsse.[34] Rosenberg vertrat dagegen ein Herrschaftsmodell, das dem Nationalismus der osteuropäischen Völker Zugeständnisse machte, um vor allem Ukrainer und Balten, aber auch muslimische Gruppen langfristig gegen die russische Herrschaft in Stellung zu bringen. Hier brachte der Deutschbalte seine Kenntnisse osteuropäischer Mentalitäten ein, die in NS-Führungskreisen ansonsten äußerst dünn gesät waren. Wieder einmal drang Rosenberg mit seinem Ansinnen nicht durch, fügte sich jedoch opportunistisch, als er beispielsweise im Oktober 1941 in Erwartung eines kurz bevorstehenden »Endsieges«, aber auch aufgrund von Hitlers Rücksichtnahme auf die Interessen des rumänischen Bündnispartners, seine eigenen Pläne für einen ukrainischen Staat aufgab.[35]
Trotz seines Pragmatismus bei der Nutzung neuer Möglichkeiten und opportunistischer Anbiederei an den »Führer« hielt Rosenberg an wesentlichen ideologischen Grundhaltungen unbeirrbar fest, die er weder in seinem Tagebuch noch in seinen Aufzeichnungen im Nürnberger Gefängnis 1945/46 in Frage stellte.[36] In allen Angelegenheiten, die für ihn zu den ideologisch begründeten Notwendigkeiten zählten, zeigte Rosenberg einen auffallenden, mit Desinteresse gekoppelten Mangel an Empathie gegenüber ihren ebenso inhumanen wie verbrecherischen Konsequenzen – eine Mitleidlosigkeit, die den Leser immer wieder frappiert und die im Tagebuch ihren deutlichsten Ausdruck im fast völligen Verschweigen deutscher Vernichtungsmaßnahmen findet. Zwar demonstrieren Rosenbergs Aufzeichnungen, dass er in Einzelfällen zu menschlicher Anteilnahme und Mitgefühl sehr wohl in der Lage war, wenn er um gefallene Mitarbeiter trauerte oder Generalfeldmarschall Keitel zum Tod von dessen an der Ostfront getöteten Sohn kondolierte. Hält man sich jedoch vor Augen, dass dies in einer Sitzung geschah, in der sowohl Rosenberg wie Keitel implizit den Tod vieler Millionen Menschen in Osteuropa beschlossen und guthießen, dann wird deutlich, dass Rosenbergs Gefühlswelt durch eine höchst partikularistische Moral bestimmt wurde, die universal gültige Menschenrechte vehement ablehnte und dem Phantom eines ethnisch bereinigten, machtpolitisch abgesicherten »Tausendjährigen Reichs« verpflichtet war.[37]
Rosenbergs ideologisch determinierte Empathielosigkeit machte auch vor den eigenen »Volksgenossen« nicht halt: Symptomatisch dafür steht sein Tagebucheintrag zur weitflächigen Zerstörung Hamburgs durch die alliierte »Operation Gomorrha« im Juli/August 1943, der fast 40000 Einwohner zum Opfer fielen. Zynisch räsonierte Rosenberg über die Angriffe als »Wink des Schicksals« und bezeichnete sie als Chance zur »Wiederentdeckung des Ländlichen«.[38] Ähnliche Gefühlskälte und ideologische Verbohrtheit verrät Rosenbergs hartnäckiges Klammern an Durchhalteparolen, mit denen die steil ansteigende Todesraten unter deutschen Soldaten und Zivilisten als notwendige Opfer deklariert wurden, die auf dem Weg zum »Endsieg« nun einmal erbracht werden müssten. Die Schlacht von Stalingrad erschien ihm als »Heldentat so großen Ausmaßes wie keine andere« und als »Ausgangspunkt des Sieges.«[39] Da ist es nachvollziehbar, wenn Goebbels in anderem Zusammenhang über Rosenberg urteilte, dieser äußere sich »so kalt und provozierend, daß es einem davor graut«.[40]
In den letzten Kriegsjahren schlüpfte Rosenberg in seinem Tagebuch immer häufiger in die Rolle eines Kritikers der real existierenden Verhältnisse im »Dritten Reich«. Vor allem als ihm, dem Ostminister, ab 1943/44 das Herrschaftsterritorium sukzessive abhandenkam und sein Einfluss zusehends schwand, mutierte der NSDAP-Chefideologe zum Warner, der dem »Dritten Reich« insgesamt – nicht unzutreffend, aber auf das Private seines Tagebuchs beschränkt – einen Hang zur theatralisch-propagandistischen Selbstinszenierung attestierte, die politisches Handeln eher vorspiegele als realiter vollziehe. Dennoch erreichte Rosenbergs Kritik zu keinem Zeitpunkt eine Dimension, die das NS-System insgesamt in Frage gestellt hätte, was auf drei grundlegende Beschränkungen zurückzuführen war: Erstens fehlte Rosenberg – wie allen anderen NS-Führern auch – jegliches Sensorium für eine kritische Selbstwahrnehmung. Fehlentwicklungen entsprangen in seiner Perspektive immer dem Fehlverhalten anderer, während er die eigene Person, die ja durchaus Teil der kritisierten »Theatrokratie« war, stets jenseits aller Missstände verortete.[41] Zweitens hielt Rosenberg mit stoischer Konsequenz an seinen weltanschaulichen Grundüberzeugungen fest, die auch durch eine Konfrontation mit der Realität nicht erschüttert wurden. Vielmehr strukturierten die ideologischen Prinzipien auch die höchst selektive Realitätswahrnehmung, die wiederum im Zirkelschluss die Gültigkeit der ideologischen Norm bekräftigte. Wer wie Rosenberg das Phantasma eines »internationalen Judentums« als straff gegen Deutschland agierendes Kollektiv akzeptiert hatte und sich im Dauerstreit mit dunklen Mächten des Universalismus wähnte, sah – fern von jeder Realität – ständig Zusammenhänge, die die Geschlossenheit des Weltbildes bekräftigten und keineswegs dementierten. Und drittens nahm Rosenberg den Diktator von aller Kritik grundsätzlich aus. Wenn Hitler Fehlentscheidungen traf, war dies in Rosenbergs Perspektive nicht diesem selbst, sondern immer dem verderblichen Wirken und den falschen Ratschlägen anderer wie Bormann, Goebbels, Ribbentrop oder Himmler zuzuschreiben. Auf diese Weise hielt nicht allein Rosenberg am Gloriolenbild eines im Kern untadeligen »Führers« fest. Wie nicht zuletzt die regimeinternen Lageberichte zeigen, nahmen die meisten der damaligen Zeitgenossen Hitler von jeglicher Kritik aus und perzipierten zwar Missstände, waren jedoch davon überzeugt, dass diese den Wünschen Hitlers nicht entsprachen (»Wenn das der Führer wüsste«). Insofern verweist das Tagebuch Alfred Rosenbergs nicht nur auf typische Einstellungen und Verhaltensmuster des NS-Führungspersonals, sondern auch auf mentale Dispositionen, die in der gesamten deutschen Bevölkerung weit verbreitet waren.
Wie sich anhand seines Tagebuchs erkennen lässt, schuf Rosenberg die Basis für spätere Geschichtsklitterungen schon vor Kriegsende; nach 1945 feilten seine Adepten, unter ihnen leitende Beamte des ehemaligen Ostministeriums, schon aus Eigeninteresse weiter an der Legende des realitätsfernen, wohlmeinenden und von radikaleren NS-Größen ins Abseits gedrängten Denkarbeiters.[1] Die umfangreiche, wenngleich seit den Nürnberger Prozessen stark zersplitterte Aktenüberlieferung der Rosenberg’schen Dienststellen sowie die seit den 1950er Jahren für die Forschung verfügbaren Teile seiner Tagebuchnotizen waren nur partiell geeignet, Licht ins Dunkel zu bringen, solange unklar blieb, was Rosenberg darüber hinaus während der NS-Zeit privat aufgezeichnet hatte. Dass weitere Notizen existierten, stand aufgrund der sporadischen Veröffentlichung von Textverweisen und Zitaten, insbesondere durch den ehemaligen Nürnberger Anklagevertreter Robert M.W. Kempner, zu vermuten.[2] Aber erst im Dezember 2013, als die bis dahin nicht zugänglichen Originalseiten des Rosenberg-Tagebuchs dem United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) übergeben und zeitgleich auf der Website des Museums veröffentlicht wurden,[3] fand die jahrzehntelange Suche nach dieser Quelle ihr Ende.
Was nach Kriegsende mit Rosenbergs Aufzeichnungen passierte, lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Die hier erstmals veröffentlichten Passagen aus seinem Tagebuch zur zweiten Kriegshälfte bezeugen erhebliche Aktenverluste durch Bombenkrieg und Brandschäden; was darüber hinaus von Rosenbergs Stab gezielt vernichtet wurde, um es nicht in die Hände der Alliierten fallen zu lassen, bleibt wohl für immer unbekannt. Seit 1943 hatten Rosenbergs Dienststellen Akten, oft zusammen mit Kunstwerken, Bibliotheken und anderem Raubgut, bis in die hintersten Winkel des NS-Herrschaftsgebiets ausgelagert; mit seiner Verhaftung bemühten sich die alliierten Anklagebehörden, prozessrelevantes Material so umfassend wie möglich zu sammeln. Robert G. Storey, der als amerikanischer Anwalt für die Anklage im Nürnberger Prozess arbeitete,[4] bekundete Ende 1945, dass »die persönliche Korrespondenz und Tagebücher des Angeklagten Rosenberg, einschließlich seiner Parteikorrespondenz, hinter einer falschen Wand in einem alten Schloss in Ostbayern gefunden wurden«.[5] Noch während der Nürnberger Verfahren kam es jedoch zu Aktenverlusten. Dies galt nicht zuletzt für Rosenbergs Tagebuchaufzeichnungen. Die nachfolgenden Ausführungen, Teil der maßgeblich und über viele Jahre vom US Holocaust Memorial Museum betriebenen Suche nach den verlorenen Teilen des Tagebuchs, sollen helfen, Licht ins Dunkel dieser Provenienzgeschichte zu bringen, die für das Schicksal zahlreicher Aktenbestände nach 1945 nicht untypisch ist.[6]
In der zweiten Hälfte des Jahres 1945 wurden »die privaten Aufzeichnungen Alfred Rosenbergs« einschließlich »handgeschriebener Tagebuchnotizen« von der Abteilung für die Aufklärung von Kriegsverbrechen der US-Armee übernommen und in der Vorbereitung des Nürnberger Prozesses an jenes Büro weitergegeben, das für die Strafverfolgung von Kriegsverbrechen der Achsenmächte zuständig war.[7] Zum Anklageteam gehörte Dr. Robert Kempner, der als von den Nazis entlassener ehemaliger preußischer Ministerialbeamter bestens mit Geschäftsgang und Gebräuchen deutscher Spitzenbehörden vertraut war und nach dem Ende des Militärtribunals den sogenannten Wilhelmstraßen-Prozess verhandelte.[8] Neben Kempner sichtete ein ganzes Team eine kaum zu überschauende, stupende Materialmenge. Mitarbeiter suchten nach verfahrensrelevanten Dokumenten, gruppierten, was sie fanden, nach einheitlichen Kriterien in unterschiedliche Kategorien, und sortierten aus, was redundant schien. So gelangten grob als »Rosenberg files« bezeichnete Dokumente (Kopien, aber auch Originale) zum Centre de Documentation Juive Contemporaine (CDJC) nach Paris; andere Akten aus Rosenbergs Instanzenreich landeten im New Yorker YIVO Institute for Jewish Research, wo sie bis heute archiviert sind.[9]
Was an Nürnberger Material einstweilen zusammenblieb, gelangte nur bruchstückweise in den Gewahrsam der dafür vorgesehenen Aktenrepositorien. Im Herbst 1945 registrierten die amerikanischen Anklagevertreter Teile von Rosenbergs Tagebuchnotizen für die Zeitabschnitte vom 14. Mai 1934 bis zum 18. März 1935 sowie vom 6. Februar 1939 bis 12. Oktober 1940 unter den Nürnberger Dokumentennummern 1749-PS bzw. 198-PS.[10] Aus unbekannten Gründen wurde der Rest des Tagebuchs nicht als potentiell für den Prozess relevantes Beweismaterial angesehen und fiel daher aus dem Schema der Nürnberger Aktenverwaltung heraus. Nach Angaben von Fred Niebergall, Leiter der Abteilung für Dokumentenkontrolle, sollten alle Dokumente mit Ausnahme der für den Nürnberger Prozess vorgesehenen an ihn übergeben werden.[11] Allem Anschein nach dürfte Niebergall beides übernommen haben. Einer Aktennotiz vom Sommer 1946 zufolge wurden Tagebuchteile – »diary notes« – für 1936 sowie vage als »diary« beschriebene Dokumente für die Zeitabschnitte Januar bis Mai 1940, Februar bis Dezember 1941, und 1939 bis 1944 – an die Dienststelle des Militärstaatsanwalts (Judge Advocate General, JAG) der US-Armee in Wiesbaden abgegeben.[12] Die Aktennotiz unterschied zwischen »documents«, zu denen Rosenbergs Tagebuch gezählt wurde, und Kopien (»Photostats«); dennoch gelangten die für den Staatsanwalt in Wiesbaden vorgesehenen Originale in den Besitz von Robert Kempner, während nur der Tagebuchteil zu 1934/35 – die einzigen in Form eines gebundenen Tagebuchs verfassten Notizen Rosenbergs – im Original als JAG-Überlieferung ins US-Nationalarchiv (National Archives and Records Administration, College Park, MD; im folgenden NARA) gelangte.[13]
Verwirrung über den Verbleib von Rosenbergs Tagebüchern herrschte offenbar schon zur Zeit des Nürnberger Hauptverfahrens. Obwohl das Gericht im August 1945 entschieden hatte, Rosenbergs Verteidigung Zugang zu den Tagebuchnotizen zu gewähren, händigte Kempner sie nicht aus; das Material, vermerkte Rosenbergs Anwalt Alfred Thoma, »sei nicht auffindbar«.[14] Nach Ende des Nürnberger Prozesses bemühte sich die Anklagebehörde im Zusammenhang mit den Nachfolgeverfahren verstärkt, weiteren Aktenverlusten einen Riegel vorzuschieben, doch war dies angesichts von Materialfülle und Personalknappheit nur bedingt möglich. Auf einer der Sitzungen des »Document Disposal Committee« der Nürnberger Anklagebehörde wurde angeregt, doch regelmäßig die Papierkörbe zu untersuchen, »um den Verlust wichtigen Materials zu verhindern, das jemand weggeworfen hat ohne dessen Bedeutung zu verstehen«.[15] Nicht alle Mitarbeiter waren aktiv um Verhinderung von Aktenverlusten bemüht; 1980 äußerte sich Robert Kempner in einem Gespräch über den Umgang mit NS-Dokumenten bei Abschluss der Prozesse: »Es gab natürlich sofort 1949 interessierte und clevere Leute, die an solchen Dokumenten Bedarf hatten. Wenn so ein zuverlässiger Mensch zu einem kam und die Akten auf dem Sofa lagen, sagte man eben: ›Ich will davon nichts wissen‹ und ging aus dem Zimmer raus. Das Sofa war nachher leer.«[16] Gegen Ende der Nürnberger Verfahren stellte ihm Fred Niebergall eine Art Blankovollmacht aus in Gestalt der Ermächtigung, »Material der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse zu entnehmen und zu behalten, für Zwecke der Forschung und des Studiums, für Schreiben und für Vorträge«.[17] Von dieser Möglichkeit machte Kempner ausgiebig Gebrauch und überführte zahlreiche Nürnberger Originalakten in sein Haus in Lansdowne, Pennsylvania. Als Jurist wusste Kempner mit einiger Sicherheit, dass Niebergalls Ermächtigung keine hinreichende Grundlage für die widerrechtliche Aneignung von Staatseigentum darstellte; dennoch blieben die in Nürnberg gesammelten Dokumente bis zu Kempners Tod 1993 in seinem Privatbesitz. Der Großteil von Rosenbergs Tagebuchnotizen gehörte dazu.
Ende der 1940er Jahre und noch lange danach scheint Kempner entschlossen gewesen zu sein, Rosenbergs Tagebuch für seine eigene Publikationstätigkeit zu nutzen. Dazu trugen mehrere Faktoren bei: Ehemalige Parteigänger Hitlers bemühten sich unter den veränderten Vorzeichen des Kalten Krieges um Rehabilitierung; viele Deutsche nahmen gegenüber der angeblich alliierten »Siegerjustiz« eine wachsende Abwehrhaltung ein und neigten dazu, für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs allenfalls die Führungsspitze des NS-Regimes verantwortlich zu machen.[18] Entsprechend kämpferisch liest sich der knappe Kommentar, den Kempner einer 1949 in der Zeitschrift Der Monat veröffentlichten Auswahl von Rosenbergs Tagebuchnotizen zu Fragen der Religion vorausschickte. Dabei wandte er sich speziell gegen »Personen […], die in Nürnberg als Kriegsverbrecher angeklagt waren« und die über Memoiren oder ähnliche Veröffentlichungen versuchten, »uns eine Vergangenheit vorzuzaubern, in der sie in der Rolle des besonnenen Ratgebers oder des tragischen Kämpfers ihr möglichstes gegen Unrecht und Barbarei taten«. Rosenbergs schon 1947 publizierte Gefängnisaufzeichnungen, veröffentlicht von zwei Journalisten, die ihm kritisch gegenüberstanden,[19] sah Kempner als »klassisches Beispiel«; der Vergleich mit Rosenbergs Tagebuch sollte die »innere Verlogenheit seiner Aufzeichnungen« belegen und zeigen, dass die NS-Führung beabsichtigt hatte, »nach dem deutschen Siege die christlichen Kirchen in Deutschland völlig zu ›überwinden‹ und den Staat zum absoluten Herrn über Glaubensdinge zu machen«.[20]
Diese 28 Auszüge aus dem Zeitraum 1936 bis 1943 in Der Monat blieben bis jetzt die umfangreichste Veröffentlichung aus den in Kempners Besitz befindlichen Rosenberg-Tagebuchnotizen. In der Folgezeit scheint sich Kempner der Diskrepanz zwischen seinen hehren wissenschaftlich-pädagogischen Absichten und der dubiosen Aneignung einer Quelle, die er als seinen Privatbesitz ansah, bewusstgeworden zu sein, so dass er sie nur noch sehr selektiv zitierte; zudem ließ ihm seine Tätigkeit als Rechtsanwalt mit Kanzleien in Frankfurt am Main und Lansdowne wenig Zeit für die intensive Beschäftigung mit seinem Dokumentenschatz. Bei Quellenangaben aus diesem Fundus verwies er vage auf sein »Archiv« und seine Nürnberger Notizen, so dass Leser keine Möglichkeit hatten, Kempners Angaben nachzuprüfen.[21] Einigen wenigen offenbarte er mehr. Mitte 1950 schickte er einen Brief an André François-Poncet, zu dieser Zeit französischer Hochkommissar in Deutschland mit langer diplomatischer Karriere, nebst drei Originalseiten aus Rosenbergs Tagebuch, die von besonderem Interesse seien, »weil Ihr Name und Ihre Aktivitäten erwähnt werden«; die Seiten, so Kempner weiter, »wurden nicht als Asservate in die Nürnberger Prozesse eingeführt, sondern für die Ermittlungen vor Prozessbeginn verwendet«. Er hatte François-Poncet diese Notizen schon in Nürnberg versprochen; nun habe er sie wiedergefunden.[22] Ob Kempner noch andere Bekannte mit Original-Beutematerial bedachte, lässt sich anhand seines Nachlasses nicht klären; auszuschließen ist es jedenfalls nicht.
In den 1950er und 1960er Jahren verbanden sich mit dem Namen Robert Kempner zum einen die Nürnberger Strafverfahren, die einen enormen Quellen- und Dokumentenfundus hervorgebracht hatten;[23] zum anderen jedoch stand Kempner im Verdacht, sich privat Akten illegitim angeeignet zu haben. Er war beileibe nicht der einzige Nürnberger Prozessmitarbeiter, der NS-Dokumente als »Souvenirs« mit nach Hause gebracht hatte,[24] doch schien es sich angesichts der von ihm selbst publizierten Hinweise bei seiner Sammlung um eine besonders umfangreiche und historisch bedeutsame zu handeln. An dieser Nebenfront des primär auf zwischenstaatlicher Ebene geführten »Kampfs um die Akten« blieb es ruhig bis Mitte der 1950er Jahre, als im Zuge der Vorarbeiten für die Veröffentlichung der als Nürnberg-Dokument 1749-PS ins NARA gelangten Rosenberg’schen Tagebuchteile der Herausgeber, der Göttinger Völkerrechtler Hans-Günther Seraphim, bei Kempner wegen weiterer Teile anfragte. Seraphim hatte bereits alle 116 Tagebuchseiten für die Zeitabschnitte 1934/35 und 1939/40 erfasst, die ihm in kopierter Form am Göttinger Institut für Völkerrecht und am Amsterdamer Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie (jetzt: Nederlands Instituut voor Oorlogs-, Holocaust- and Genocidestudies, NIOD) zugänglich waren.[25]
Kempner blieb in seiner Korrespondenz mit Seraphim unverbindlich, ehe er ihn im November 1955 in einem Brief mit konkreten Informationen überraschte. Er »habe jetzt die Rosenberg Tagebücher durchgesehen« und listete »folgende Jahre: 1936–1938; 1939 verschiedenes vom Februar, Mai, Juli, August, 24. September, 1. und 11. November, 3. Dezember; 1940 beginnt am 2. Januar bis Jahresende; 1941 beginnt im Februar, endet im Dezember; 1942 beginnend im Oktober, endend im Dezember; 1943 beginnend im Januar, endend im Dezember; 1944 beginnend im Mai, endend im Dezember«. Im Ganzen handele es sich um rund 400 handschriftliche Seiten; daneben habe er noch maschinenschriftliche Texte »über Besprechungen beim Führer« zum Beispiel am 29. September 1941.[26] »Von besonderem Interesse«, schloss Kempner kryptisch, »sind natürlich die Ausführungen Rosenbergs über Russland.«[27] Nach Erhalt der Auskunft, dass Kempner knapp das Vierfache dessen an Material hatte, was Seraphim für seine bereits vor Manuskriptabschluss stehende Edition eingesehen hatte, scheint der Göttinger Völkerrechtler in Lansdowne wegen einer gemeinsamen Gesamtausgabe des Tagebuchs angefragt zu haben. Erhalten ist Kempners Antwortschreiben vom Januar 1956, in dem er Seraphim anbot, auf einer seiner nächsten Deutschlandreisen das »wertvolle Material« zur Ansicht mitzubringen. Seraphim habe völlig recht, schrieb Kempner, dass eine Teiledition keinen Sinn mache; er habe in der Zwischenzeit noch mehr gefunden und regte eine gemeinsame Publikation »in größerem Stil« an, denn: »Das Material ist zu gut, und ich möchte keinesfalls, dass es zerflattert.«[28]
Zu einer Gesamtedition von Rosenbergs Tagebuchnotizen unter Beteiligung Kempners ist es jedoch nie gekommen. Ein Brief, in dem Kempner ankündigte, er sei in Europa und habe »einige Dinge mitgebracht, die Sie interessieren werden«, erreichte Seraphim nicht rechtzeitig.[29] Mitte April 1956 teilte ihm Seraphim mit, seine Teilausgabe (Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs 1934/35 und1939/40) habe der Verlag bereits im Druck; das Buch sei zwar ein Fragment, aber doch geeignet, »wenigstens einen Eindruck von Rosenberg und den Menschen, mit denen er umging«, zu vermitteln, und vielleicht sei dies das beste Mittel, »die Unsinnigkeit seiner Doktrin und des NS überhaupt klarzulegen«. Zudem befürchtete Seraphim, »dass eine Veröffentlichung des ganzen Tagebuches mit den entsprechenden Dokumenten im Anhang und dem notwendigen Kommentar – vermutlich ein mehrbändiges Werk! – heute verfrüht wäre«.[30] Daraufhin empfahl ihm Kempner, eine Anmerkung einzufügen, die auf sein Material hinwies.[31] Seraphim tat dies in letzter Minute,[32] obgleich er damit seiner in der Einleitung geäußerten Vermutung widersprach, Rosenberg habe kein »durchgehendes Tagebuch« geführt.[33]
Bis jetzt stellte Seraphims Edition, ergänzt um 15 Dokumente aus dem offiziellen Nürnberger Fundus, die umfangreichste Sammlung von Rosenbergs Notizen dar. Dem Bemühen des Herausgebers um Quellentreue setzte die Qualität der Kopien Grenzen, die ihm als Vorlage dienten. Teilweise schwer lesbar und nicht immer zeitlich klar einzuordnen, verleiteten die Göttinger und Amsterdamer Reproduktionen zu zahlreichen, oft sinnentstellenden Fehlern, die sich beim Vorliegen der Originalseiten hätten vermeiden lassen. Dass für den Zeitraum 1934/35 das Originaltagebuch und für 1939/40 Kopien im NARA zugänglich waren, scheint Seraphim unbekannt gewesen zu sein.
Spätestens seit Kempners Schreiben von 1955 an Seraphim und den Münchener Historiker Helmut Krausnick, in denen er die in seinem Besitz befindlichen Tagebuchteile mehr oder weniger knapp aufgelistet hatte, dürfte sich im überschaubaren Kreis der mit der NS-Geschichte befassten Historiker herumgesprochen haben, dass der ehemalige Nürnberger Anklagevertreter bislang unzugängliche Quellen verwahrte. Ende 1962 wandte sich Reinhard Bollmus, der an einer Dissertation zur Stellung des Amts Rosenbergs im Instanzenwirrwarr des »Dritten Reichs« arbeitete, an Kempner mit der Frage, ob bzw. unter welchen Bedingungen er Zugang zu Rosenbergs Tagebuchnotizen erhalten könne.[34] Ähnlich wie in seiner Korrespondenz mit Seraphim scheint Kempner auch in diesem Fall hin- und hergerissen gewesen zu sein zwischen dem Drang, als Bewahrer wichtiger Quellen und Erkenntnisse zur NS-Geschichte Anerkennung zu finden, und dem Wissen um die widerrechtliche Aneignung seines Dokumentenschatzes. Deshalb reagierte er auf Anfragen ausweichend.[35] Als Bollmus 1970 sein bahnbrechendes Buch Das Amt Rosenberg und seine Gegner veröffentlichte, konnte er dort zum Schicksal des Rosenberg-Tagebuchs nur auf eine vom Spiegel Anfang 1963 angekündigte, angeblich von sowjetischer Seite geplante Quellenpublikation verweisen.[36] Über einen deutschen Journalisten fand Kempner heraus, dass das Moskauer Außenministerium weder über Originalnotizen Rosenbergs verfügte noch Editionsabsichten hegte.[37] Dennoch erwies sich das zu Zeiten des Kalten Krieges nicht (und selbst nach 1989 nicht vollständig) widerlegbare Gerücht, hinter dem »Eisernen Vorhang« seien Rosenbergs verschollene Aufzeichungen verborgen, als zählebig genug, um die zeitweilig evidente Schlüsselrolle Kempners weitgehend in Vergessenheit geraten zu lassen.[38]
Nach Kempners Tod 1993 trug die jahrelange Unklarheit über Umfang und Verbleib seines Nachlasses dazu bei, die Spekulationen über seine aus Nürnberg mitgebrachten NS-Originalakten noch zu verstärken. Kempners Erben wollten den in den USA befindlichen Teil des Nachlasses geschlossen am U.S. Holocaust Memorial Museum (USHMM) untergebracht sehen, doch standen diesem Wunsch zahlreiche Hindernisse im Wege. Als 1997 ein Team des Museums unter Leitung des damaligen Chefarchivars Henry Mayer in Kempners Haus in Lansdowne die Akten sichtete, bot sich ihnen ein Bild völliger Unordnung und chaotischer Vernachlässigung. Dass sich Rosenbergs Tagebuchnotizen in Kempners Besitz befunden haben mussten, war den Museumsmitarbeitern klar, doch fehlte von dem Material jede Spur. Erst im Frühjahr 2001 ging der Nachlass offiziell an das USHMM;[39] bis dahin war seiner weiteren Zersplitterung durch unbefugte Personen Tür und Tor geöffnet. Tatsächlich verschwanden Teile der Sammlung vor Übernahme durch das USHMM in dunklen Kanälen, die auszuleuchten Mayer noch über Jahre beschäftigen sollte. Im Herbst 2003 sorgte die gerichtlich angeordnete Übereignung von Akten an einen Altwarenhändler, der Material aus Kempners Haus entfernt hatte, für die nur partielle Übergabe von Originalen an das USHMM – die andere Hälfte durfte der Altwarenhändler verkaufen. Daraufhin erschienen besorgte Presseberichte über den fahrlässigen Umgang mit den Dokumenten.[40] Rosenbergs Tagebuchnotizen blieben verschollen, und die Suche ging unter Mithilfe staatlicher Ermittlungsbehörden und eines Privatdetektivs weiter. Erst zehn Jahre später, im Dezember 2013, konnten Mitarbeiter des U.S. Department of Homeland Security zusammen mit anderen Materialien 425 von Rosenberg handgeschriebene Tagebuchseiten beschlagnahmen und dem USHMM übergeben.[41]
Die Notizen umfassen den Zeitraum von April 1936 bis Dezember 1944; daneben gingen 2013 ähnliche Ausarbeitungen Rosenbergs – Aktenvermerke, »Meldungen an den Führer« und andere, meist maschinenschriftliche Dokumente – an das USHMM, wie sie bereits Bestandteil des dortigen Kempner-Nachlasses waren. Ob es sich bei diesen Notizen zusammen mit dem am NARA befindlichen (und in diese Edition integrierten) 73-seitigen gebundenen Tagebuch für 1934/35 um alle jemals von Rosenberg angefertigen Tagesaufzeichnungen handelt, muss bezweifelt WERDEN. KRIEGSVERLUSTE UND DURCH ROSENBERG ODER SEINEN STAB GEGEN KRIEGSENDE GEZIELT VORGENOMMENE ZERSTÖRUNGEN SIND EBENSO WENIG auszuschließen wie die Möglichkeit, dass in Zukunft aus unbekannter Quelle noch Tagebuchteile auftauchen. In mehreren Archiven haben sich Akten aus den Arbeitsgebieten Rosenbergs erhalten, die es zusammen mit der vorliegenden Tagebuch-Gesamtausgabe ermöglichen, Rosenbergs Aktivitäten und die Angaben des Tagebuchs zu kontextualisieren.[42] Aufgrund von Kempners oben erwähnter Aufstellung (in seinem Brief an Seraphim vom November 1955) scheint jedoch einigermaßen sicher, dass die im USHMM verfügbaren Seiten alle Teile von Rosenbergs Tagebuch enthalten, die der Nürnberger Ankläger zu dieser Zeit in seinem Besitz hatte.[43]
Die Tagebuchnotizen weisen für die folgenden Wochen und Monate Lücken auf:
März 1935 bis April 1936;
Februar bis Juli 1937;
Februar bis Juli 1938; Ende Juli bis Oktober 1938;
Juni bis Juli 1940;
Mitte Oktober 1940 bis Ende Januar 1941; Anfang Juni bis Mitte/Ende Juli 1941; August 1941; Mitte bis Ende September 1941; Anfang Oktober bis Mitte Dezember 1941;
Januar bis Anfang Oktober 1942;
Anfang Februar bis Ende Juli 1943; Mitte August bis Ende Dezember 1943;
Anfang 1944 bis Ende Mai 1944; Juni bis Ende Juli 1944; September bis Ende Oktober 1944.
Diese Lücken lassen sich teilweise mit Rosenbergs außerdienstlicher Schreibfaulheit erklären, die er bisweilen selbstkritisch offen benannte.[44] Hinzu kommen Teilverluste von Tagebuchseiten und Anlagen (bei Letzteren sichtbar dort, wo Rosenberg auf die ursprünglich seinen Notizen beigegebenen Dokumente verweist) während oder nach dem Krieg, besonders schwerwiegend für die Entscheidungsjahre 1941/42. Die nachhaltige Zerstörung von Aktenzusammenhängen innerhalb von und zwischen Rosenbergs Dienstbereichen seit Kriegsende schließt eine originalgetreue Rekonstruktion dessen, was er als Bestandteile seines Tagebuchs erachtete, aber vielleicht niemals geschlossen zusammentrug, wohl für immer aus. Die Auswahl der ergänzenden Dokumente im Teil III bleibt somit willkürlich; es handelt sich um solche Texte, in denen die Verfolgungspolitik des NS-Regimes und Rosenbergs Anteil an ihrer Konzipierung und Umsetzung sichtbar werden.
Hatte Rosenberg Muße, sich seinem Tagebuch zu widmen – etwa während seiner häufigen Aufenthalte in der Prominenten-Klinik Hohenlychen –, schrieb er ausgiebig, meist aus der Erinnerung, gelegentlich auf der Basis von Gesprächsaufzeichnungen, Besucherkalendern oder ähnlichen schriftlichen Unterlagen.[45] Bei der Auswahl seines Schreibmaterials war er in der Regel nicht wählerisch und bevorzugte lose Blätter;[46] gegen Kriegsende verwendete er sogar bereits beschriebenes Papier noch einmal. Neben den teilweise signifikanten zeitlichen Lücken deuten mehrfache Nennungen des gleichen Datums, fehlende Paginierung, häufige Schreibfehler und der uneinheitliche Gebrauch von Abkürzungen auf einen unsystematischen Schreibprozess hin, dessen verwirrende Wirkung durch die nachträgliche Zerstörung des Dokumentenzusammenhangs noch verstärkt wird. Bei der Rekonstruktion der Sequenz undatierter Tagebuchseiten haben wir uns von formalen und inhaltlichen Kriterien wie Handschrift, Tintenfarbe, Textfluss oder Erzählzusammenhang leiten lassen, ohne dass wir in jedem Fall zweifelsfrei Datierungsalternativen ausschließen konnten.
Alfred Rosenberg führte kein Tagebuch, in dem er seinen Gedanken über Erlebtes und Erstrebtes freien Lauf ließ. Oft fehlen Hinweise auf wichtige Ereignisse, insbesondere in der NS-»Judenpolitik«, entweder ganz, oder Rosenberg beließ es bei Andeutungen, deren Verständnis ein Maß an Vertrautheit mit der Materie voraussetzte, wie es nur Teilnehmer an dem Geschehen – in erster Linie er selbst – haben konnten. Neben den eingangs erwähnten Faktoren, die für die Einstellung zu Tagebuchaufzeichnungen in der NS-Führung insgesamt gelten, spielten hier wohl auch Rosenbergs Tendenz zum Grundsätzlichen und seine fehlende Bereitschaft eine Rolle, sich in noch nicht entschiedenen Fragen eindeutig festzulegen. Da er jedoch in seinen Reden und Veröffentlichungen um die Ziele, teilweise auch die Methoden der angestrebten »Lösung der Judenfrage« kein Geheimnis machte, frappiert Rosenbergs Verzicht auf Reflexion zu diesem Thema in den überlieferten Teilen seines Tagebuchs umso mehr. Angesichts der dokumentarischen, hier teilweise in Teil III abgedruckten oder in den Anmerkungen erwähnten Hinterlassenschaft aus seinem Dienstbetrieb kann kein Zweifel bestehen, dass Rosenberg gerade im Zusammenhang mit dem Übergang zum systematischen Völkermord im Jahre 1941 mehr wusste und eine zentralere Rolle spielte, als er seinen Tagebuchnotizen anvertraute.
Ordnung war für Alfred Rosenberg mehr als das sprichwörtliche halbe Leben. Wer wie er im Gefolge der Kriegsniederlage 1918 »das Weltgetriebe förmlich auseinanderfallen« und nur noch »lauter Verzerrtes, Vereinzeltes, Chaos« um sich sah,[1] suchte nach sinnstiftenden Orientierungsformeln, und wer wie er kein Verständnis für den Humanitätsgedanken der Aufklärung und die universalistische Gleichheitshoffnung des Sozialismus hatte, dem kamen die Kampfformeln vom »jüdischen Bolschewismus« und von »deutscher Rassenseele«, die er in seinem Mythus des 20. Jahrhunderts propagierte, gerade recht. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten im tief verunsicherten deutschen Bürgertum antikommunistische Ideologeme mit antisemitischer Spitze Hochkonjunktur; im Umgang mit »dem Typus des russischen Juden, des Führers der Weltbewegung, dieser sprengstoffhaften Mischung aus jüdischem Intellektual-Radikalismus und slawischer Christus-Schwärmerei« empfahl selbst Thomas Mann Anfang Mai 1919 »mit aller aufbietbaren Energie und standrechtlicher Kürze« vorzugehen.[2] »Vernunftantisemit« – also Vertreter eines »kühleren, aber zielbewußten Antisemitismus der ›Geistigen‹« im Unterschied zum »brutalen, öffentlichen, aber im Grunde ziellosen Antisemitismus der Straße«[3] – war Rosenberg schon deshalb nicht, weil Affekt und Intuition sein Denken bestimmten; wo immer er das Werk »des Juden« oder seiner vielen Helfer zu erkennen meinte, fühlte er Wut und Hass, den er umgehend auf diese Gegner projizierte.[4] Für Rosenberg war Antisemitismus ebenso Fixpunkt seines manichäischen Weltbilds – hier »Kulturträger« in Gestalt des nordischen Typus, dort jüdische »Kulturvernichter« – wie emotionales Bedürfnis und unverzichtbare Grundlage nationalsozialistischer Politik.[5]
Die Konturen einer solchen Politik wurden dort am sichtbarsten, wo es um die vermeintliche Abwehr existentieller Bedrohung ging. Rosenbergs Humanitätsverständnis war rassistisch determiniert, doch traute er der Intuition mehr als wissenschaftlichem Denken. Biologistische Theorien, wie sie in unterschiedlicher Form viele seiner Parteigenossen umtrieben,[6]
