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Die Abiturientin Olivia stellt es sich romantisch vor, ganz allein nur mit ihrer ersten großen Liebe Moritz und den Eltern ihren 18. Geburtstag zu feiern. Die vier treffen sich auf der "Quinta Velha" einem alten Herrensitz an der herrlichen Felsenküste der Algarve in Portugal. Nacheinander trudeln sie in dem einsamen, aber ganz und gar nicht leer stehenden Ferienhaus ein. Paul, der erfolglose Kunstmaler beherrscht als Haushüter das Anwesen. Großmutter Paula kommt unerwartet ebenfalls nach Portugal, sie will mit ihrer einzigen Enkelin feiern. Von romantischer Zweisamkeit kann keine Rede mehr sein. Es geht recht munter auf der Quinta zu, zumal Paul immer einen Krug Sangria im Kühlschrank stehen hat und damit alle Probleme schnellstens löst. Aber es kommt ganz anders als geplant: Olivia verknallt sich unsterblich in Pauls Freund, den "göttlichen" Priester Tiago. Er widersteht zwar den Flirtversuchen von Olivia, aber ... er hat ein Geheimnis und nutzt sein Zölibat als Schutzschild. Mama macht mit Moritz, Olivias Freund einem Ausflug nach Lissabon. Dabei landen die beiden im Bett, was zu Problemen führt. Papa befürchtet, der uneheliche Vater des schönen Priesters zu sein. Oma Paula und Haushüter Paul benehmen sich wie frisch verliebt Teenager. Olivias Welt ist ganz und gar aus den Fugen geraten und ihr ist die Lust zum Feiern gänzlich vergangen.
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Seitenzahl: 379
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Birte Pröttel
Algarveflimmern
Eine himmlische Liebe
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
INHALTSVERZEICHNIS
Über die Autorin Birte Pröttel:
1 Von Vollmond, Träumen und anderen Wünschen – Oder: Genieße den Moment, bevor er zur Erinnerung wird
2 Von Kleiderbergen und Schuhfestischisten – Oder Drei Dinge braucht die Frau: Schuhe, Schuhe, Schuhe
3 Vom Shoppen und Schlange stehen - Oder Wer seine Träume verwirklichen will, muss erst mal aufwachen
4 Von Nestflüchtern und Nesthockern - Oder von der Leichtigkeit Väter um die Finger zu wickeln
5 Von Palmen und Rüsselkäfern oder Erinnerungen Oder Gefühle sind nur was für ganz Mutige
6 Von Blitzen und Küssen oder Lächle und sei froh, es kann schlimmer kommen
7 Von Moritz und Dominospielern Oder: Wenn der Wind der Erneuerung weht, dann bauen die einen Menschen Mauern und die anderen Windmühlen
8 Von Kajal, Kochshows und andere Kalamitäten Oder: Auf jeden Topf passt ein Deckel. Bis dahin gibt’s Frischhaltebeutel
9 Von Bettgeflüster, Stellungskämpfen und einer Erscheinung Oder Es ist immer leichter das letzte Wort zu haben, als den ersten Schritt zu tun
10 Von Rangordnungen und Leitkühen Oder Man muss immer mit Leuten rechnen, auf die man nicht zählen kann
11 Von Klugscheißern, Sangria und Mülltonnen Oder Kunst kann man nicht einfach unter den Teppich kehren
12 Von Liebe und anderen Vulkanausbrüchen Oder : Nicht jeder Hügel hält, was er verspricht.
13 Von blutrünstigen Insekten, antiken Möbeln und bitterem Reis – Oder von alten Filmen
14 Von Schlafwandlern und anderen Überraschungen Oder: Wer schläft sündigt nicht
15 Von Schwiegermüttern und friedlichen Ferientagen Oder warum ist Campari so rot?
16 Von Hitzewellen und wenn Wolken sprechen könnten Oder wie man einen kühlen Kopf behalten kann
17 Von Sommerflimmern und Trantüten Oder: Auf Ebbe folgt die Flut
18 Von Autobahnen, Raststätten und Begrüßungsbier Oder wie man Zahnlücken mit Bier schließt
Von Echsenbeinen, die man essen kann Oder die beste Zeit einen Baum zu pflanzen war vor 20 Jahren
20 Von Landplagen, Langeweile und Flirtversuchen Oder: Wer nur mit dem Herzen gut sieht, ist blind
21 Vom Glück, sich treiben zu lassen Oder: vom heiligen Bimbam zum heiligen Lingam
22 Von Obst und Gemüse Oder: Es kommt immer darauf an, wem man hinterherläuft
3 Wenn es wie bei Muttern schmeckt Oder: Auch Flip-Flops können erotisch sein
24 Wer sich entspannt ist noch lang nicht tot Oder: zehn Ehemänner sind einige zu viel
25 Vom Musikgeschmack im Wandel der Zeit Oder: nicht jedes Geschenk macht glücklich
26 Vom Pinselquälen Oder: Wie man sich das Leben schön malt
27 Vom Berggipfel der Steinmännchen Oder: Auch saurer Wein macht lustig
28 Vom Erben Oder: Besitz belastet
29 Von Wunderwasser Oder: Wasser ist nicht nur zum Waschen da
30 Von Knoblauchbrötchen Oder: Wie man sich das Leben schwer macht
31 Von einer Ohrfeige, die wie eine Bombe einschlägt Oder: Wenn Väter sich Sorgen machen
32 Vom Vermeiden der Erbschaftssteuer Oder: Ohne Traummann macht erben keinen Spaß
33 Von schönen Müttern Oder: Probleme mit Hormonen
34 Von Seitensprüngen Oder: Manchmal helfen Tränen auch nicht weiter
35 Von Omas und Goethes klugen Sprüchen Oder: Warum kriegt man rote Ohren?
36 Von Selbstfindung Oder: Ich weiß etwas, was du nicht weißt
37 Von lähmender Melancholie Oder: Ich möchte was, was du nicht willst
38 Von einem Meer aus Tränen Oder wie man sich die Welt malt
39 Von Einsamkeit, wenn man nicht allein ist Oder: ohne Freundinnen geht nichts
40 Von einer schwerwiegenden Verabredung Oder: Papa ist nicht sein Papa
41 Von Beruf und Berufung Oder: Wie man Gefühle weckt
42 Vom Vollmond Oder: Gute Vorbereitung ist das halbe Fest
43 Von der Wirkung des Champagners Oder: Ein Schlückchen am Vormittag kann niemals schaden
44 Von Geburtstagsfeiern bei Vollmond Oder: Vom nassen Grab im Atlantik
45 Von Geburtstagsgeschenken Oder: Nicht alle Wünsche lassen sich erfüllen
46 Von Tiagos Geschenk Oder: Gedichte können glücklich machen
47 Von der Hütte in der Serra Oder: Glück kann glücklich machen
48 Anfang oder Ende, wer weiß es schon?
Pauls leckere Rezepte:
Carapaus alimado
Fisch im Backofen à la portuguese
Caldeirada, Fischeintopf
Paulas Thunfisch mariniert
Pauls Sangria Rezepte
Rote Sangria
Impressum neobooks
Neufassung des Romans „Vollmond und Sangria“
Birte Pröttel
Algarve
Flimmern
Eine himmlische
Liebe
Roman
Die Abiturientin Olivia stellt es sich romantisch vor, nur mit Freund und Eltern ganz allein in der Quinta ihren 18. Geburtstag zu feiern.So trifft sie sich mit Mutter, Vater, Oma und Freund, ihrer ersten großen Liebe Moritz im Ferienhaus an der Algarve. Doch dort verliebt sie unsterblich sich in den jungen Priester Tiago. Er widersteht zwar den Flirtversuchen von Olivia, aber ... er hat ein Geheimnis und nutzt sein Zölibat als Schutzschild ..."Nicht erst seit den 'Dornenvögeln' ist die Ehelosigkeit junger Priester für viele Menschen ein rätselhaftes Phänomen. Unbeteiligte können sich kaum vorstellen, dass ein junger Mann freiwillig auf die Freuden der Liebe verzichtet ... so geht in diesem Roman um die Frage: Was passiert, wenn sich ein junges Mädchen in einen 'unerreichbaren' Priester verliebt?"
Geboren in Stettin, aufgewachsen in Süddeutschland. Abitur in Offenburg, anschließende Ausbildung zur Redakteurin. Sie heiratet Dr. Dieter Pröttel, TV-Show- und Film- Regisseur. Drei Söhne.
Bis zur Geburt des ersten Kindes Redakteurin bei „Burda Moden“. Anschließend freie Autorin mit zahlreichen Veröffentlichungen. Eingeschlossen ca. 30 Bücher. Darunter „Auf die Fünfzig, fertig los!“, „Wie frau einen Mann bekommt, behält und überlebt“, „Ein Zwilling kommt selten allein“, „Mutter“, „Hurra, wir haben ein Katze“, „Eigener Herd“, „Golf für Spätberufene und Seiteneinsteiger“*, „Hurra, wir sind Zwillinge!“, „Auf den Hund gekommen“, „Hau ab! Flüchtlingskind!“ und viele mehr.
Film- und TV-Drehbücher für z.B. „Mama mia, nur keine Panik“, „Herz ist Trumpf“ u.a.
Handarbeits-, Bastel- und Werkbücher wie „Handarbeitslexikon“, „Makramee“, „Stoff- und Kuscheltiere“, „Jeden Tag ein bisschen mehr Weihnachten“, „Stricken mit der Strickmaschine“ u.v.a. Drehbücher für einen Strickkurs für Kinder (12. Folgen) und einen Nähkurs (10 Folgen).
„War es wirklich nötig, dass du Moritz zu uns in den Urlaub eingeladen hast?“
Ich holte tief Luft: „Mamaaa!“ entsetzt sah ich sie an, als wäre sie irgendwie nicht ganz dicht.
„Mama, wir wollen in Portugal meinen Geburtstag feiern. Okay? Und den feire ich nicht ohne Moritz, die Liebe meines Lebens!“
Mama machte eine wegwerfende Handbewegung: „ Pah, es werden noch viele Lieben deines Lebens folgen!“
Dafür hätte ich sie ermorden können. Mütter haben keine Ahnung! Was wissen sie schon von echter Liebe?
Am ersten Januar habe ich die neuen Filo Fax Seiten in mein braunes Ringbuch montiert. Als ich auf das Datum meines Geburtstags blätterte, entdeckte ich, dass da ein kleiner Ring gedruckt war. Vollmond! Bei Vollmond schalten alle auf sentimental. Ich auch.
Da kam mir die Idee: den achtzehnten feire ich in Portugal vollromantisch unter diesem dicken runden Knutsch-Ballon, mit meinem süßen Moritz und - na ja - mit Papa und Mama, da sie das Unternehmen finanzieren sollen. Auf seine Sponsoren muss man bekanntlich Rücksicht nehmen. Ich mag sie auch total gerne. Sie stören selten.
Doch jetzt störte Mama sich an Moritz! Was war in sie gefahren? Sie steht doch auf ihn!
Endlich Ferien. Die letzten vor meinem Abi, die letzten Sommerferien! Wir wollten uns in der Algarve treffen. Mama und ich würden fliegen, Papa fuhr mit dem Auto und Moritz tourte per Interrail. Er musste ein paar Fotos für seine Diplomarbeit machen. Ich fieberte meinem achtzehnten Geburtstag und meinem Moritz entgegen. Total verknallt in ihn und konnte ich es kaum erwarten, bis wir endlich... Seine Küsse...Und überhaupt...
Wenn jemand den ultimativen Zirkus beim Koffer packen macht, dann ist es Mama. Meine Tasche war längst prall gefüllt im Flur. Sie konnte sich nicht entscheiden.
„Ich habe nichts anzuziehen!“ jammerte sie vor dem überquellenden Kleiderschrank. Dann packte sie die "must have" immer wieder ein und aus. Ihre kastanienbraunen Haare standen wirr in alle Richtungen. Sie probierte die Sachen an und drehte sich vor dem großen Spiegel hin und her. Mittlerweile türmte sich ein himalajahoher Berg auf den Betten.
„Ist das alles für die Kleiderspende? Oder was machst du mit diesen vielen Fummeln?“
„Passt alles noch prima, muss nur probieren, was mitkommt oder hier bleibt.“
„Du weißt doch aus deinen heiligen Frauenzeitschriften, dass man alles, was man zwei Jahre nicht an hatte, wegwerfen oder in die Kleidersammlung geben soll.“
Das war Mamas Thema:
„Kleiderspende, nie im Leben! Man weiß, was mit den Kleiderspenden passiert. In Afrika werden die Sachen verkauft. Dann tragen die Eingeborenen C&A und Dior. Ihre schönen, farbenfrohen Volkstrachten kaufen Touristen als Souvenirs.“
Hauptgrund für den Kleiderberg: Mama kann sich nicht von ihren Schätzen trennen. Manche haben ja auch richtig viel gekostet. Insgeheim hoffte sie, dass ich ihre teuren Fetzen irgendwann mal tragen würde. Ich denke nicht im Traum daran, nicht mal bei einem Kostümfest mit 90iger Jahre Motto.
Sie stand hilflos mit hängenden Armen vor dem Klamotten Haufen und dem immer noch prall vollem Schrank. Die Kleider wirkten eher bedrohlich, als einladend. Und hinter Mama sperrte der knallrote Rimova-Koffer sein Maul auf.
„Heb nur alles gut auf, dann haben deine Enkel tolle Faschingskostüme!“
Mama holte aus und schlug mit einem weißen Fetzen lächelnd nach mir:
„Da hast du deine Enkel!“
„Soll ich die Pille weglassen in den Ferien?“
„Untersteh dich! Ich hüte keine Bälger! Auch deine nicht und auch wenn sie so süß sind, wie du es warst!“
„Dann beeil dich und pack deine Plünnen endlich ein. Du brauchst die Hälfte davon. Wetten ?“ Mit der Fußspitze schubste ich den Koffer in ihre Richtung.
Aus dem Schrank wehte ein Duft von Mamas Lieblingsparfüm „Miss Dior“. Das süße Seidenhemd von Jil Sander, war wirklich noch gut und schön und vor allem, es passte! Sie drehte sich zu mir um:
„In diesem Hemdchen hatte ich mit Papa herrliche Tage in Alanya an der türkischen Riviera. Damals warst du noch klein.“
Das Hemd war demnach fast so alt wie ich. Egal. Nachdenklich legte Mama es auf die Kleider-Zugspitze. Das weiße Kleid mit dem Neckholder, ein schickes Bogner Teil, hatte Bernd gefallen. An seine Küsse auf ihre gebräunten Schultern erinnerte sie sich lächelnd.
„Solche Teile sind wieder top aktuell. Alles kommt wieder in Mode. Man muss nur lang genug warten.“ Dann beugte sie sich über eine schwarze Papier-Tasche mit goldenem Dolce Gabbana Aufdruck und zog eine elegante, schwarze Jacke raus:
„Das ist aber nicht aus der Altkleidersammlung?“ feixte ich und nahm die schicke Tüte hoch.
„Ach du! Schau mal, dieses wunderbare Stück habe ich letzte Woche extra für den Urlaub und deinen Geburtstag gekauft!“
Sie schlüpfte in das hauchdünne Jäckchen. Meine Mutter weiß, wie sie sich stylt. Das muss man ihr lassen. Es ist nicht einfach für mich, mit einer Mutter zu leben, neben der man sich wie ein graues Mäuschen vorkommt. In meine Augen ist sie „Marken geil“. Nur was einen bekannten Namen hat, findet sie gut.
Früher orientierte man sich an irgendwelchen moralischen Werten. Heute bestimmen sogenannte Stil-Ikonen und oder Paris Hilton was „man“ anzieht und welche Marken hip sind. Leserinnen der Hochglanzblättchen folgen brav wie dumme Schäfchen. Mama ist auch so eine, die Trends mitmacht. Am liebsten bevor die große Masse ähnlichen Sachen bei H&M oder C&A ergattern kann.
Aus der Tiefe des Kleiderschranks angelte sie noch ein fein säuberlich in eine Plastiktüte verpacktes Stoffstückchen, eine schwarze, langärmelige Bluse mit nackten Schultern. Großartig!
„Dein Vater war immer ganz wild darauf, meine Schultern zu küssen oder zu berühren!“ Ob Bernd heute noch darauf reagieren würde?? Urzeiten waren diese Zärtlichkeiten her.
„Echt jetzt? Komm, träum nicht, pack den Koffer endlich fertig.“
„Hm.“
„Vergiss nicht, wir sind nur wir vier und es gibt keine großartige Dinner Party. Du brauchst weniger als die Hälfte von dem, was du einpackst.“
„Meine Erfahrung lehrt: man muss immer für alle Eventualitäten gerüstet sein.“
„Ja, Frau Lehrerin! Dann pack auch den fetten Pelzmantel ein. Man kann nie wissen! Wetten, dass du fast nicht von den Fummeln anziehen wirst?“
„Ist doch egal, Papa hat die Koffer im Auto, wir müssen sie nicht schleppen!“ Und dann sah sie mich lange zärtlich an:
„Irgendwie freue ich mich ja doch auf den Urlaub!“
Mal sehen, was dieser Urlaub bringen würde...
Papa klapperte kribbelig mit den Autoschlüsseln, er drängte, wollte los. Denn er brauchte einige Tage länger als wir und wollte uns doch in Lissabon abholen.
„Jetzt diskutiert doch nicht über die Rettung der Welt an Hand von Kleiderspenden, macht einfach mal zu.“
Unbeachtet hatte Papa uns wohl schon eine Weile zugehört. Die Edellimousine war gepackt und es fehlten nur noch unsere Sachen.
„Nu, macht schon!“ Papa klopfte nervös wie Jogi beim Endspiel auf dem Bettgestell rum.
„Die Koffer stinken!“
„Da werden deine Klamotten eben den Duft unseres denkmalgeschützten Hauses annehmen. Und die Leute, die das erschnuppern, glauben, du bist eine ehrwürdige Schlossherrin.“ Grinste ich sie an.
„Ich fahr jetzt, mit oder ohne stinkende Koffer. Ihr könnt sie ja am Airport aufgeben!“ Papa machte Druck.
„He, warte!“ schrie Mama und brach dann den Weltrekord im Kofferpacken. „Die Sachen können ja im Süden durchlüften!“
Unser Haus ist tatsächlich über zweihundert Jahre alt und der Keller, in dem die Koffer das Jahr über verstaut sind, ist modrig mit seinem offenen Lehmboden. Deshalb ist eben auch zu viel Zeug im Kleiderschrank. Alles durcheinander: Winter- und Sommersachen. Naja, ich kann verstehen, dass Mama das besondere „Keller-Parfüm“ nicht ausstehen kann.
Ich lachte und stupste sie auf den Koffer.
Sie plumpste auf die Plastikschale.
„He, was soll das?“
„Wollte nur mal sehen, ob das Ding zugeht.“
Mühsam schnappten die Schlösser ein. Mama verdrehte die Zahlen und strahlte: „Fertig!“
„Super, auf geht’s!“
Mama tauchte ins Schuhregal ab. Ihre Leidenschaft Schuhe!
„Warte Bernd, der Koffer ist fertig, kannst ihn mitnehmen, jetzt noch die Schuhe!“
„Es geht keine Stecknadel mehr ins Auto!“
Sie triumphierte: „Okay, dann nehm ich eben keine Schuhe mit! Kaufe mir in Portugal neue, eine ganze Kollektion. Die haben da die flottesten, angesagtesten Modelle, schön, preiswert und gut.“
Inzwischen sollte man sich an die großen Füße der Nordländerinnen gewöhnt haben, meinte sie. Schuhe Größe 4o. Als sie das erste Mal an der Algarve war und Schuhe in dieser Größe haben wollte, kamen alle Verkäuferinnen angerannt, kicherten und zeigten auf ihre Füße. Sooo große Füße!
Meine Freundin Lilly ist ebenso voll verrückt auf Schuhe. Sie gibt dafür ihr ganzes Taschengeld aus. Auch das, was ihre Oma sich vom Mund abspart und ihr heimlich zusteckt. Lilly kriegt sich im Schuhladen kaum ein. Sie stößt zalandoreife Schreie aus wie die Teenagertussis in amerikanischen Filmen, wenn ihnen ein Diamant an den Finger gesteckt wird. Nun sind Schuhe ja beileibe keine Diamanten, aber anscheinend geben sie der Mehrheit der Frauen ein Diamanten-Gefühl. Die meisten Weiber lieben und besitzen viel mehr Schuhe, als Männer sich auch nur ausdenken können. Warum das so ist? Ich kapier das nicht. Mir tun die meisten Schuhe schon weh, wenn ich sie nur sehe.
„Schuhe verändern dein Leben. Frag Cinderella!“ sagte Lilly und überredet mich, solche wolkenkratzerhohen Schuhe zu kaufen und zu tragen. Ich bin ja eher mini und da mogelt man ein bisschen Größe dazu. AAuf Partys kicke ich sie dann regelmäßig in die Ecke und wehe, wenn man hinterher wieder reinschlüpfen will! Dann heißt es barfuß nach Hause... Und irgendwann bin ich mit den Dingern umgeknickt und hatte eine Bänderzerrung! Zalando sei Dank!
Ich bin Schuhfetischistin der anderen Art, ich liebe es bequem: Espas, Timberlands oder Flip-Flops.
„Du siehst echt aus wie ein Bauerntrampel!“ meckert Mama.
Ich weiß nicht, was sie gegen Bauern hat. Ist das schon rassistisch oder so? Meine Crocs hasst sie besonders und findet sie prollig. Mir reichen meine drei bis vier Paar Schuhe vollkommen. Sie garantieren mir unter anderem Blasenfreiheit und Hühneraugen kenn ich nur vom Hühnerhof. Mit den Timberlands zu meinem Häkelkleidchen und der ultracoolen Lederjacke fühle ich mich echt megagut. Mama findet das unmöglich. Vielleicht mag ich dieses Styling deshalb so besonders.
Mama jammerte „Ohne die kann ich nicht in den Urlaub!“ und hielt giftgrüne Stilettos in die Höhe. Das wollte Papa nicht verantworten und nahm gnädig noch einen Stoffbeutel voller Schuhe mit. Die Drohung, an der Algarve alles neu zu kaufen, hatte gewirkt.
Mama fliegt nicht gerne und daher ist sie auch nicht oft in den Ladenstraßen am Flughafen unterwegs. Als sie die Auslagen in den Stores entdeckte, flippte sie total aus. Ich ließ mich vom Kauffieber anstecken, wir shoppten nach Herzenslust bis die Visa Card glühte. Papa war schon Galaxienweit entfernt und konnte kein Veto einlegen.
Die Shoppingmeile im Flughafen ist zu verführerisch. Sowas kannten wir in unserer Kleinstadt nicht. Wir mussten natürlich alles ganz genau anschauen, betasten und erschnuppern. Gut, dass Papa nicht dabei war, der hätte uns Beine gemacht. Aber ohne ihn als Bremse hatten wir zu lange gebummelt, nur um festzustellen, dass die Sachen bei Douglas billiger sind. Da ich als Tochter unterwegs war, hatte ich auch nicht die Aufgabe auf die Uhr zu schauen, sowas machen traditionell die Eltern, oder?
Irgendwann hörte ich eine zerquetschte Lautsprecher Stimme:
„Die Passagiere Reimer werden dringend gebeten zu Ausgang 52 zu kommen, der Flug wird geschlossen!“
„Mama, hast du gehört? Wir sind aufgerufen!“
Mama probierte gerade ein mikroskopisch kleines Victorias Secret Teil, drehte sich hin und her vor dem Spiegel.
„Süß, nicht wahr?“
„Mama, wir müssen zum Gate!“ meine Stimme überschlug sich.
„Gleich, ich muss erst noch bezahlen!“
Die Verkäuferin packte in aller Ruhe das kleine Päckchen, als wäre es ein Brillantohrring von Tiffanys. Mich packte Panik!
Wir spurteten wie Usain Bolt zum Gate. Jetzt war Horror, wir hatten die Maschine nach Lissabon tatsächlich verpasst!
„Tut uns sehr leid, der Flug ist seit fünf Minuten geschlossen!“ bedauerte freundlich lächelnd die Dame am Schalter, während sie ihre Papiere zusammenpackte. Ich werde ihren schiefsitzenden Hut nie vergessen.
Wir haben dann aus der Not eine Tugend gemacht und unseren Frusst über den verpassten Flug mit tollen Einkäufen kompensiert. Im Airporthotel haben wir dann vom feinsten gespeist und im Kingsize Luxusbett geschlummert.
Am nächsten Tag bekamen wir einen Flug direkt nach Faro.
Mama trippelte hin und her, reckte den Hals, um zu sehen, wo wir uns am besten anstellen. Die vier Schlangen bei der Personenkontrolle waren gleichlang. Für welche sollten wir uns entscheiden? Hektik pur! Und heute waren wir schon wieder spät dran. Wir hatten nachts der Bar im Flughafenhotel einen intensiven und langen Besuch abgestattet. Nun mussten wir uns wieder beeilen.
„Immer komme ich an die langsamste Reihe!“
Kann man den Leuten die vor einem stehen ansehen, ob sie versierte Flieger sind? Männer, die ihre Geldbörse bereits in der Hand halten, den Gürtel ausgezogen und den Laptop aus der Tasche genommen haben, sind definitiv Vielflieger. Dazwischen trödeln Leute, die ewige Zeiten brauchen, um alles in den blauen Plastikkästen zu verstauen.
Mama wurde nervös wie eine Büchse Anglerwürmer.
„Man könnte auch früher losgehen. Dann ist es egal in welcher Schlange man steht!“
„Nein, mich trifft es immer. Ob an der Supermarktkasse oder hier!“
„Mama, wir stellen uns an verschiedenen Schlangen an und sehen, dann, wer zuerst durch ist. Klar?“
So machten wir unser kleines Wettrennen an der Personenkontrolle. Mama hektisch, ich total cool. Wenn wir den Flieger wieder verpassen, hat sie ja Schuld, was kümmerte es mich?
Zielsicher fand Mama die langsamste aller Schlangen. Wild gestikulierend zeigte sie auf den Mann vor sich, der umständlich seine Sachen in die Schale legte. Dann fing er auch noch an, Kleingeld aus den Hosentaschen zu fummeln.
„Genau, wie an der Supermarktkasse!“ zeterte sie zu mir rüber.
Ich grinste und schwupp war ich auch schon dran und durch. Und vor lauter Ärger über ihren Vordermann hat Mama vergessen, sich um ihre eigenen Sachen zu kümmern und nestelte nun ihrerseits umständlich das IPad aus der Tasche.
„He, Mama, hast du mal wieder Probleme mit „Murphys Law“?“
„Verarschen kann ich mich selber!“
„Mama, so was sagt man nicht!“
Es stimmt: bei Mama geht immer alles daneben, sogar Dinge, die bei anderen ganz normal funktionieren! So wie der berühmte Herr Murphy es prophezeit „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Egal ob Mama im Supermarkt oder bei der Personenkontrolle ansteht. Sie hat einfach kein Glück. Sagt sie. Ich glaube, das macht sie extra. Hat ja sonst nicht viel zum Meckern. Aber auch sie schaffte es durch die Kontrolle, sogar ohne dass der Piepser Alarm quiekte.
Die einen haben Schmetterlinge auf ihren himmelblauen Koffern, wie die Tussi vorhin in der Check-In Schlange. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch. Und die rotierten wie die Düsenturbinen. Sie trieben das Flugzeug zu schnellerem Tempo an. Sie trieben mich zu meinem Moritz.
Endlich in der Maschine schlängelte Mama sich zwischen den Mitreisenden durch. Unmengen von Rucksäcken, Taschen, Beuteln und Plastiktüten hinderten sie nicht daran, zielstrebig ihren Platz anzusteuern. Meine hübsche Mama Martina sieht aus, wie eine naturgetreue Kopie von Nena. Schwarzhaarig, schmal und auf lässige Art elegant. Bereitwillig machten ihr die Leute Platz. Und dann spielte sie, raffiniert wie immer, ein Schulterleiden vor. Mit ein paar ihrer unwiderstehlichen Augenaufschläge lächelte sie den hübschen Flugbegleiter an:
„Können sie so lieb sein und meinen Kabinenkoffer ... Ich habe nämlich einen Tennisarm!“
Der nette Junge ächzte, als er Mamas Kabinenkoffer anhob.
„Der hat aber bestimmt mehr als acht Kilo!“ grinste er.
„Weiß ich nicht!“ entgegnete Mama mit Unschuldsmiene, „ ich wiege ihn nie.“
Mit einem gequälten Seitenblick hob er das Stück und brach damit bestimmt den Weltrekord im "schwere Koffer ins Gepäckfach stemmen", denn das Teil wog mehr als ein Flusspferd. Der freundliche Helfer sah aus, als wäre Dauergast in der Muckibude, aber er stöhnte auf und fiel fast nach hinten um, das ging aber nicht, weil die Kabinen eben eng sind
„Danke, danke, danke, sie sind ein Schatz!“ strahlte Mama ihn an. Er lächelte verkrampft, sicher hatte er jetzt „Rücken“. Den hielt er sich auch. Ich verkniff mir, ihn ebenfalls um Hilfe zu bitten, denn mein winziges Köfferchen war genauso schwer wie die Mülltonne eines Chinarestaurants.
Da kam mir Mamas „Nebenmann“ zur Hilfe. Beim Heben seiner Arme fiel ich fast in Ohnmacht. Das Anwenden von Deodorant hielt man wohl zu seiner Zeit bestimmt für schädlich, wenn nicht gar krebserregend. Haben die es nicht neulich in einer Fernsehsendung gesagt „und was im Fernsehenkommt, stimmt doch“ oder? Nun hatte ich Nasen-Krebs.
Mama schützte vorausriechend die empfindliche Nase mit ihrem neuen Dolce Gabbana Schal vor aggressiven Naturduft Attacken. Als besondere Dreingabe waren die Poren des hilfreichen Zeitgenossen von einer papageienbunten Tattoolandschaft verunstaltet. Seine Fahne hätte als Bionarkose bei Naturheilverfahren einen ganzen Krankensaal in Schlaf versetzt. Ich konnte dem Aroma nicht entkommen. Nach getaner Arbeit ließ er sich zufrieden in den Sitz neben Mama plumpsen. Das hatte eine weitere Duftwolke zur Folge. Seine nackten, mit blonden Stacheln übersäten Waden, steckten in mikrokurzen zerrissenen Designerjeans. Die Beine spreizte er lässig und dabei berührten seine Knie Mamas zarte Waden. Himmel hilf! Das fing ja schon gut an.
Mama tat das einzig Wahre: sie stellte sich tot. Und Tote haben bekanntlich keinen Geruchssinn. Wow, da hatte Mama Pech gehabt.
Mir ging es erheblich besser. Mir war das alles egal, ich war verliebt und schwebte auf Wolke sieben in zehntausend Metern Höhe über der Erde. Verliebt sein ist das Eine, Liebe das Andere. Und manchmal ist das Eine das Andere und umgekehrt. Die Liebe meines Lebens: Moritz. Dass man noch mehr lieben kann, das wusste ich da auf meiner Wolkenfahrt nicht…
Zwar knutschte und fummelte ein verliebtes Pärchen ununterbrochen neben mir. Sie duftete nach Patschuli und er benebelte mich mit Testosteron-Wolken. Nach dem Motto: Alles Bio! Da träumte ich dann eben wieder von meinem Moritz.
Ich freute mich, in dem alten Herrenhaus an der Algarve bei Vollmond meinen Geburtstag zu feiern. Sternförmig reisten wir auf unser Ziel die „Quinta Velha“ zu. Wir, das waren Papa, Mama, Moritz und ich. Nur wir vier! Ganz allein!
Was wir nicht wussten: die Quinta war schon bevölkert, wie ein Ameisenhaufen.
Paul, der verkrachte Künstler, wohnte dort sowieso jahraus jahrein . Papa hatte kein Sterbenswörtchen darüber zu uns gesagt. Da Paul von seinen von der Kunstwelt verkannten Werken, nicht leben konnte, hütete er unsere Hütte.
Meine exzentrische Oma Paula war auch auf der Quinta gestrandet und breitete sich mit ihren bunten Tüchern und Hüten wie ein Schimmelpilz aus.
Mein Moritz kam von irgendwo von der Iberischen Halbinsel. Er hatte moderne Gebäude spanischer und portugiesischer Architekten für seine Diplomarbeit fotografiert und wartete auf mich.
Papa war noch nicht da, er ackerte mit dem Auto die 3000 Kilometer ab und behauptete, das würde ihm Spaß machen, wegen der Landschaft. Der Kofferraum platzte fast von den Unmengen Zeug: seiner Fotoausrüstung, einer alten Kaffeemaschine und einem museumsreifen Staubsauger Ungetüm. Weil er unser Gepäck auch mitgenommen hatte, konnten Mama und ich mit federleichtem -haha - Handgepäck reisen.
Wir ahnten auch nicht, dass Tiago, ein Freund von Paul, andauernd aufkreuzte. Tiago war ein junger Priester und mehr auf der Quinta als in seinem Pfarrhaus. Oma stöhnte, als sie ihn zum ersten Mal sah:
„Es ist ein Verbrechen, dass so ein Bild von einem Mann den Weibern dieser Welt verloren geht!“
Als ich ihn sah, fielen mir fast die Augen aus dem Kopf und fortan hatte ich nichts, wirklich nichts gegen göttlichen Beistand. Im Gegenteil. Aber das ist eine andere Geschichte. Oder eben die Geschichte.
Als wir Dussel den Flug verpasst hatten, jammerte Mama: „Das Neubuchen war sauteuer. Für das Geld hätten wir leicht einen Pauschalurlaub in einem Viersterne Hotel bekommen!“
Stattdessen hingen wir einen Tag später platt wie Flundern in der Maschine nach Faro. Und in Lissabon wartete Papa!
Wenige Stunden und Moritz würde mich mit seinen starken Armen rumschleudern, bis mir schwindelig wäre. Ich hielt es kaum aus vor Sehnsucht. Wir hatten drei Wochen nur per WhatsApp Kontakt gehabt. Er hatte seine Messages total süß mit Milliarden Emoticons verziert. Immer wieder guckte ich die Herzchen und Küsschen auf den Nachrichten an. Ich glaub, dabei schossen mir auch Herzchen und Sternchen aus den Augen wie in einem Comic. Nur noch drei Stunden aushalten. Dann...
Der Champagner, den Mama und ich genüsslich geschlürft hatten, zeigte Wirkung. Die Bauch-Schmetterlinge machten langsam schlapp und legten ein Päuschen ein. Lang genug, um von Moritz‘ weichen, warmen Händen zu träumen. Er hatte die schönsten Jungenhände, die ich kannte. Die Fingernägel waren nicht abgeknabbert wie bei 90 Prozent der männlichen Smartphone Bediener. Wie zärtlich seine Hände sein konnten! Wenn sie mich berührten, stellten sich meine Nackenhaare auf und eine Gänsehaut lief mir rauf und runter. Warum stellen sich eigentlich bei Hunden und Katzen auch die Rückenhaare auf?
Ach Moritz! Ich war jetzt fast 18 und Moritz mein erster richtiger Freund! Meine Freundinnen behaupteten, ich sei ein Spätzünder. Für mich waren Jungs bisher eine völlig rätselhafte Verirrung der Schöpfung. Mehr Kumpels als potentielle Liebhaber und irgendwie fand ich alle doof. Bis Moritz kam.
Die Turbinen brummten leise vor sich hin. In meinem I-Pod streichelte Ann Sophie Mutter mit Mozartmelodien ihre Stradivari. Der neue weiche Kaschmirschal streichelte meinen Hals. Auf dem Klapptischchen vor mir lag das ungenießbare, pappartige Sandwich, das sogar eingefleischte Fastfood Junkies abgelehnt hätten und wartete darauf, in den Müllcontainer zu wandern. Mein Kindle war ausgeschaltet. Ich lauschte in sanftem Dämmerzustand dem Violinkonzert No.2. Unten zogen die letzten verschneiten Gipfel der Alpen vorbei. Bald würden wir über die trockenen, karstigen Berge Spaniens gleiten, bevor der Sinkflug Richtung Faro begann.
Lautes Geplärr wütender, ungezogener Bälger riss mich aus meinen Wohlfühlkokon. Warum, um Himmelswillen, wünschen sich die Menschen so sehnlichst Kinder? Man hat nur Geplärre, schlaflose Nächte und später renitente Pubertiere. Irgendein genetischer Fehler in unseren Fortpflanzungsorganen lässt uns das Gegreine, Hosenscheißen und all die anderen Plagen mit den Blagen wunderbar finden. Allerdings natürlich nur, wenn es die eigenen Sprösslinge sind. Eigentlich krass. Ich jedenfalls kann diese quietschenden Monster nicht ausstehen.
Ach, Moritz! Auch mit dir nicht! Nein! Noch lange nicht!
Ich räkelte mich Gangplatz 8D und lächelte Mama zu. Mama machte sich auf der anderen Seite 8C so schmal wie möglich. Hautkontakt mit ihrem Nachbarn hätte gerade noch gefehlt. Aus meinen Ohrstöpseln jubelte immer noch die „Mutter“ und ich wiegte mich sanft dazu. Ich werde achtzehn!
„Mama, hast du Papa gesimst, dass wir nach Faro und nicht nach Lissabon fliegen?“
Mama schaute mich entsetzt an.
„Ach du liebe Zeit, ich habe ihm nicht mal gemailt, dass wir einen Tag später ankommen!“
„Super. Mein Akku ist leer und das Ladegerät im Koffer bei Papa im Auto!“
Mama sank mit einem bühnenreifen Stöhnen noch tiefer in ihren Sitz.
„Was machen wir jetzt?“
„Na, den Piloten bitten, er soll statt nach Faro nach Lissabon fliegen, das ist doch ganz einfach!“
„Olivia, Papa wartet in Lissabon und wird wie ich ihn kenne, bestimmt verrückt vor Sorge. Werd endlich mal erwachsen, das ist nicht zum Spaßen!“ Sie funkelte mich richtig böse an.
„Bin schon fast erwachsen, schon vergessen?“
Mama verzog säuerlich ihr Gesicht. Sie war das personifizierte schlechte Gewissen. Erst den Flieger verpassen, dann nicht Bescheid sagen und zum Überfluss auch noch Unsummen verplempert zu haben. Am schlimmsten war es, dass sie hier untätig angeschnallt sitzen musste.
Jetzt ist es soweit, ich werde erwachsen, darf wählen, Autofahren und ausziehen.
Es ist schon komisch mit den besonderen Geburtstagen. Eigentlich ändert sich nichts und du bist davor und danach genau die gleiche Person. Und doch ändert sich alles. Zum Beispiel beim Achtzehnten, man fiebert auf das „endlich erwachsen“ sein hin. Die Erwachsenen behandeln dich nicht anders, du darfst zwar wählen, dich betrinken und Auto fahren, aber ohne die Hilfe der Altvorderen geht halt doch nicht alles, was du dir so vorstellst. Ob ich meine Drohung, mit achtzehn das Nest zu verlassen, wahr machen würde? Immer wenn mir mal was nicht passte, erpresste ich meine beiden Alten.
Eigentlich mag ich meine Mama sehr, immer kann man das natürlich nicht zeigen. Und außerdem läuft einem eine Mama nicht weg, sogar wenn man manchmal unausstehlich ist.
„Ich werde ausziehen, wenn ich endlich volljährig bin.“ Für Papa eine Schreckensvision. Und wenn ich in diesem Zusammenhang nölte und irgendwelche Wünsche äußerte, dann erfüllte er mir diese sofort. Eigentlich gemein, seinen Vater so zu verarschen. Dass er immer wieder drauf reinfällt, ist doch seine Sache.
Als ich neulich beispielsweise eine neue Jacke haben wollte und ihn deshalb anschmuste wie eine Oma ihr erstes Enkelkind, war Papa zur sofortigen Wunscherfüllung bereit. Dazu sind Väter ja auch da.
„Sie hat doch erst neulich eine Fleece Jacke bekommen!“ erinnerte Mama ihn und durchbohrte mich mit einem strengen Blick.
„Ihr versteht mich nicht. Wollt mich nicht verstehen. Die Abercrombie ist so cool und meine alte grottenhässlich. Okay, ich habe verstanden! Macht nichts, wenn ich achtzehn bin, ziehe ich aus und zieh an, was ich will! Und ihr seid Gott froh, das ihr mich los seid!“
„Pass auf, was du sagst, meine Liebe. Und überhaupt, woher kommt der Meinungswandel? Sonst ziehst du doch über alle her, die Markenklamotten tragen…“
„Abercrombie ist was anderes.“
Das Menschenjunge, also zum Beispiel auch ich, bringt es als Nesthocker unter den Säugetieren zur unbestrittenen Langzeit-Meisterschaft. Kein anderes Lebewesen bleibt zwanzig Jahre treu und (weniger) brav bei Mami und Papi. Lässt sich füttern, pflegen, mit Designerklamotten und I-Phone, I-Pad und I-Pod befriedigen und mit Taschengeld und Geschenken zu immer neuen Anlässen verwöhnen. Ab und zu versuchen die ewig Gebenden was zu fordern: z.B. Leistung, Gehorsam und oder womöglich Gegenliebe! Solche Ansprüche fördern den Prozess der Ablösung und des Nestflüchtens.
Keine Echse, kein Fisch (nicht mal der Maulbrüter), kein Säuger praktiziert die Brutpflege so extrem wie der Mensch. Die Schildkröte legt ihre Eier in den Sand. Nach ihr die Sintflut. Der Kuckuck beglückt fremde Vogelpaare mit seinen, sich als unverschämt herausstellenden Nachkommen. Sollen doch andere die missratene Brut groß ziehen, wofür haben wir denn einen Sozialstaat? Die meisten Lebewesen werden kurz und schmerzlos gehegt und gepflegt und dann dem Leben ausgesetzt nach dem Prinzip „learning by doing“.
Der Mensch ist von Haus aus ein Faultier. Darum erfindet er laufend Maschinen, die ihm Arbeit abnehmen. Um Waschmaschinen, Bagger und Autos auszudenken, braucht es nur etwas Grips, aber keine Muskeln. Der Mensch lehnt sich zurück und lässt die Technik für sich malochen. Komisch eigentlich, dass estrotzdem noch immer nicht die Ein-Tages Woche gibt.
Der Mensch, besonders der jugendliche, nützt eben wegen dieser Bequemlichkeit den Pflegetrieb der Mutter zum eigenen Vorteil schamlos aus. Und die liebevolle Mutter pflegt und hegt, und kann das nicht mehr abstellen. Sie erarbeitet sich damit das Recht, sich auch später ständig ins Leben des Gehegten und Gepflegten einzumischen. Es scheint ihr zum Lebensinhalt zu geraten, ständig zu fragen: Soll ich dir eben ein Brot schmieren? Hast du saubere Wäsche an? Hast du die Zähne schon geputzt? Und, und, und...
Solcherlei Attacken halten auf Dauer nur echte professionelle Oberfaultiere aus. Alle anderen denken spätestens jetzt über eine Trennung von Pudding und Käsekuchen nach. Oder sie drohen, bei Nicht-Erfüllung von Wünschen, wie speziellen Jacken, das Vaterhaus und den mütterlichen Herd auf Nimmerwiedersehen zu verlassen.
Mama bleibt cool, sie kennt meine Tricks: „Und wovon willst du dann deine Wünsche und den Lebensunterhalt bezahlen?“
„Laut Jugendamt müsst ihr doch bis zum Abschluss meines Studiums zahlen!“
Papa hasst diese Diskussionen. Ohne lange Fragen greift er in seine Gesäßtasche, um das „liebe Kind“ gnädig zu stimmen. Daraufhin falle ich Vater wie gewünscht um den Hals, flöte:
„Du bist der geilste Papi der Welt!“ und ich verzupfe mich... Hoffentlich versteht er das mit dem „geil“ nicht falsch.
Ich weiß, dass Papa meine Schmeicheleien genießt. Er hätte für mich und meine Umarmungen alles Geld der Welt gegeben. Mama nimmt mir übel, dass ich Papa nach allen Regeln der Schmusekunst erpresse. Aber was soll sie machen?
Und nun saß ich in der begehrten Jacke, durch den Flugzeugkorridor von ihr getrennt und war in höhere Musikregionen entschwebt. Ohrstöpsel sind Klasse, auch wenn man gerade keine Musik hört, verhindern sie doch, dass man belabert wird. Das Pärchen neben mir gab mir eine Lektion: „Wie mache ich Liebe im Flugzeug, angeschnallt auf zwei Sitzen.“ Sie waren zirkusreife Akrobaten. Ich tat so als würde ich nichts sehen, linste aber doch neugierig hin, was sich da so abspielte. Man lernt ja nie aus!
Ich brauchte dringend Ablenkung. Gott sei Dank hatte ich in meinem Handgepäck die Schminksachen dabei. Ich arbeitete mich durch das gesamte Programm, damit ich nicht immer nach nebenan schielen musste. Die Augen zart mit Kajal betont, die Wimpern dicht und schwarz getuscht. Die Augenringe mit Concealer abgedeckt, das Makeup ganz leicht und fast nicht sichtbar. Wirklich perfekt.
„Wenn man nicht genau hinguckt, wirkst du total natürlich und ungeschminkt. Wie kriegst du das nur hin?“ fragte Mama „Als ich in deinem Alter war, fand ich Schminken unter meinem Niveau. Mich hat es total genervt, dass meine eigene Mutter mit angeklebten Wimpern, dramatisch blauem Lidschatten und weißen Lippen mit schwarzem Rand rumlief. Dazu trug sie noch riesige Schlapphüte und bunte Häkelkleidchen. Ich hab mich eher für meine Mutter geschämt, als dass ich stolz auf sie war.“
Obwohl Mama mir das schon oft und nervtötend erzählt hatte, hielt es mich nicht vom Schminken ab. Auffallen ist zwar nicht so mein Ding. Ich ziehe mich eher konservativ an, eben doch ganz schwarz in schwarz. Aber etwas Makeup muss einfach sein. Finde ich!
Lilly behauptete, ich sei attraktiv und müsste nur was aus mir machen. Aber was zum Teufel macht man, wenn man was „aus sich macht“? Ist das innerlich? Äußerlich? Ein Gesamtprojekt? Für mich? Oder für die anderen? Ich bin oft unsicher, was mir steht, was zu mir passt. Dann hilft mir nur der Spurt zum Drogeriemarkt.
Leider bin ich nicht besser als andere. Ich stecke die Leute auch gleich in Schubladen, je nachdem wie sie daher kommen. Sie bekommen das Etikett die Stirn: doof, interessant, prollig, unterirdisch, langweilig oder spießig. Ich will natürlich nicht ebenfalls in deren Schubladen gesteckt werden. Darum wechsle ich meinen „Styl“ wie ein Chamäleon. Lilly meint, ich solle mehr an meinem Wiedererkennungswert arbeiten. Wie denn, bitte schön?
Ich lehnte mich noch weiter in meinem Sessel zurück, von hinten wurde gemurrt: „Stellen sie ihren Sitz gerade!“ Prompt ließ ich ihn wunschgemäß nach vorne schnalzen und meine meckernde „Hinterfrau“ schüttete sich ihren Kaffee auf den Schoß.
Das hatte sie vom Nörgeln.
In den Ferien werden wir uns nicht gegenseitig anmeckern. Wir werden uns eine schöne Zeit da unten im Süden machen.
Das Brummen der Motoren schläferte mich ein. Und ich träumte weiter von Moritz, meinem Moritz! Von Moritz mit den blonden Haaren und der Porzellanhaut.
Meine Freundin Lilly behauptete: „Moritz ist bleich wie ein Grottenolm!“ Das stört mich überhaupt nicht, es gibt ihm das gewisse Etwas, einen intellektuellen Touch. Ich stehe nicht auf braungebrannte Surfer Boys mit dem ewigen Strahlen ihrer gebleachten Zähne.
Mein Moritz ist anders. Moritz hat noch eine unschlagbare Eigenschaft: Moritz kann zuhören und er ist aufmerksam. Nicht nur bei mir, sondern überhaupt. Darum liebt Mama auch meinen Moritz! Sie mag meinen blonden Freund sehr. Deshalb hatte sie kaum was dagegen gehabt, dass er mit nach Portugal kommt. Sie sah sich schon als die Schwiegermutter eines berühmten Stararchitekten. Papa kann als Zahnarzt, mit zugegebener Maßen sehr erfolgreicher Praxis, nie einen Promistatus erreichen. Es sei denn, er fängt was mit Daniela Katzenberger an.
Bei Moritz träumte sie sich schon als VIP-Schwiegermutter. Was Mütter halt so Zukunftsträume für ihren Nachwuchs haben. Sie vergöttert Moritz, ich glaube sogar, dass sie ihn liebte. Eigentlich hätte ich eifersüchtig sein sollen. Doch was sollen Mütter schon mit den Freunden der Töchter anfangen? Oder umgekehrt?
Die Quinta war keineswegs einsam und verlassen. Wir dachten, das alte Gemäuer würde vor sich hin gammeln und langsam verfallen. Papa liebt alte Bruchbuden, er wäre gerne Archäologe geworden. Ich glaub, er findet es romantisch, wenn der Putz bröckelt. Jedes Jahr flog er mit seinen Kumpeln aus dem Golfclub zur Quinta. Die brauchten nur ein Bett und ein Dach überm Kopf. Und im Kopf selber hatten sie nur pitchen, putten und driven und am neunzehnten Loch ein eiskaltes Bier schlürfen.
Wir ahnten nicht, dass auf der Quinta ganzjährig der ulkige Paul wohnt. Und der kümmerte sich um das „Alte Gemäuer“ wie ein Schönheitschirurg sich um die Runen von Millionärsgattinnen.
„Quinta Velha“ heißt eigentlich altes Bauernhaus. Das steht auf weiß-blau glänzenden Keramikkacheln am Gartentor. Aber das war nicht wirklich ein Bauernhaus, das war bestimmt mal ein Herrenhaus gewesen mit allen Drum und Dran. Die Quinta thront auf einem kleinen Hügel, nicht weit von der felsigen Steilküste der Algarve. Von weitem sieht man als erstes eine riesige Araukarie, die neben dem Gebäude wächst. Sie reckt sich imposant in den stahlblauen Himmel. Ihre Form und ihre dunklen Zweige, die dicht benadelt sind, erinnern an einen Weihnachtsbaum. Wenn man drüber streicht, fühlen die Äste sich kühl und zart an, ein wenig wie glatte Haut einer Blindschleiche. Ich kann nie an der Araukarie vorbeigehen, ohne sie zu streicheln.
Hinter dem einstöckigen Haus strotzt eine Handvoll riesiger Pinien dem rauen Wind und der sommerlichen Trockenheit. Ursprünglich war die gesamte Küstenlandschaft von saftig grünen Pinien bedeckt. Heute haben wuchernden Hotelpaläste und elegante Ferienvillen sie verdrängt. Zwei mächtige Eukalyptusbäume werfen Schatten auf den hinteren Garten. Die ganze Gegend duftet nach Hustenbonbons.
Vor dem Haus an der niedrigen Gartenmauer mit dem blauen Eisentor vertrocknen die traurigen, zerfransten Stümpfe zweier Palmen. Sie waren einmal der Glanz und das Wahrzeichen der Quinta. Jetzt hatten die Maden des Palmrüsselkäfers sie ausgehöhlt wie Frühstückseier. Der blöde Käfer hat ganze Arbeit geleistet. Es hingen nur noch einige vertrocknete Palmzweige dran. Da hatte wohl jemand gehofft, es würden Wunder geschehen und die Palmen fröhlich neue Triebe fabrizieren. Nach dem Motto: die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber Palmen haben nun mal nur ein Herz und können keine Seitentriebe wachsen lassen.
Hier wollten wir uns treffen: Mama, Papa, Moritz und ich. Hier wollten wir meinen achtzehnten Geburtstag feiern. Ganz allein unter uns. Nicht mit Freundinnen ins Kino oder in die Disco. Nein, nur wir vier.
Die alte Quinta gehörte meiner geliebten, etwas schrägen Großmutter, Oma, Granny oder Paula, wie sie genannt werden wollte. Sie lebte seit Jahren in den Staaten oder war auf Reisen. Oma war schon ewig nicht mehr auf der Quinta gewesen, darum fiel es uns auch nicht im Traum ein, dass sie dort sein könnte.
Ich selber war mal als kleiner Pups durch den Garten gestolpert, aber daran konnte ich mich natürlich nicht erinnern. Mama hat nach ihrem ersten und letzten Besuch verkündetet: „Ich geh lieber ins Hotel!“ Für Mama ist Urlaub in einem Ferienhaus der reine Horror. Da muss man Betten beziehen, Spinnenweben beseitigen, Vorräte auffüllen. All das braucht man in einem Hotel nicht. Sie fand die Quinta grässlich und nur, weil ich mal einen etwas anderen Geburtstag feiern wollte, hatte sie unüberlegt und mir zu liebe dieser Reise zugestimmt.
Dazu muss ich kurz die Story der Quinta erzählen. Sie ist genauso schräg, wie meine Oma Paula. Sie hatte das alte Bauernhaus von ihrem schwerreichen Großvater geerbt. Es war eine Ruine, wie Ausgrabungsstätte aus der Spätbronzezeit. Hätte man glatt als Touristenattraktion ausbauen können, erzählte Papa mal.
Aber Oma wollte selber da wohnen. Mit ihrem Mann, meinem zukünftigen Opa, hatte sie alles liebevoll und mit viel Mühe restauriert. Glück und Stolz erfüllte sie, wenn sie ihr Werk anschauen und genießen konnte. Es war ihr verzaubertes Paradies bis, na ja, bis sie meinen Großvater mit einer anderen im Bett erwischte. Vor Schreck bekam Opa einen Herzinfarkt und segnete das Zeitliche. Echt krass!
Und na ja, Oma wollte die Quinta nicht mehr betreten. Papa liebt die Quinta. Sie ist für ihn das Symbol unbeschwerter Sommerferien. Und jetzt lustiger Golfreisen.
Ich hatte die Quinta noch nie mit Bewusstsein erlebt. Ich stellte es mir romantisch wie in französischen Ferienfilmen vor, dort den Geburtstag zu feiern. Als einziger „Fremder“ durfte Moritz mitkommen. Wir wollten so einen richtig gemütlichen Urlaub machen. Mit chillen, schwimmen, sonnen, lecker essen und trinken und vielleicht auch mal in die Dorfdisco gehen. Und mit meinem Freund wollte ich das genießen, na ja, was man halt in der Sommerhitze so tut.
Ach ja, Moritz!
Aus dem traulichen Tête à Tête zu viert wurde nichts.
Wie alle meine Freundinnen schleppe ich immer meinen riesigen Stoffbeutel mit mir rum. Da ist alles drin, was ich bin. Ohne den Beutel verlasse ich nie das Haus. Nie ohne Handy, mein Samsung Tablet und das schwarze Notizbuch: „Für Nachtgedanken!“ hatte Papa gesagt, als er mir das Büchlein schenkte. Ich schreibe niemals nachts, da schlaf ich wie ein Murmeltier. Senile Bettflucht heb ich für später auf. In dieses schwarze Büchlein kommen kleine Gedankensplitter und kurze Gedichte oder Aphorismen. Wann immer mir etwas auf- oder einfällt, kritzele ich es auf die rauen Seiten des Werkdruckpapiers.
Moritz ist furchtbar neugierig und er versucht immer einen Blick ins Buch zu erhaschen. Er denkt, es gibt für mich kein anderes Thema als nur immer Moritz! Manchmal sind männliche Wesen sehr auf sich beschränkt, zumindest die, die ich kenne. Als wenn es nicht auch noch andere Themen als „Moritz“ gäbe! Ich hatte ihm bei Todesstrafe verboten, in dem Buch zu schnüffeln. Entsprechend verschnürte ich es mit einem komplizierten Makramee Knoten. Keiner würde es nach dem Öffnen wieder hinkriegen, dass ich nichts merkte. Nur, außer Moritz interessierte sich sowieso keiner für meine Ergüsse. Wenn ich gut drauf war und Moritz total süß fand, las ich ihm auch mal daraus vor.
Er verstand nicht alles oder sogar meistens gar nichts. Es machte ihn glücklich, wenn ich ihn ins Vertrauen zog. Wir waren ja noch nicht wirklich lange ein Paar. Wir trafen uns in unserer Clique auf dem Tennisplatz und flirteten mit den Augen. Er hatte eine Tussi. Und ich konnte mit all den Testosteron gesteuerten Typen nicht viel anfangen. Zu unsensibel, zu selbstbesoffen, zu unaufmerksam und zu uninteressiert. Nicht an mir, sondern an allem. In dieser Schublade steckte Moritz auch.
Dann passierte es bei einem Gewitter in dem Häuschen an unserer Bushaltestelle. Dieses gläserne Ungetüm verdiente den Namen Schutzhütte nicht. Wir wurden beide klatschnass und kalt. Moritz, zog mich näher zu sich, legte seine Jacke um mich. Ein warmer Duft von Leder und Mann kitzelte meine 30 Millionen Duft-Rezeptoren.
„Komm ich wärme dich!“ dabei klapperten seine Zähne noch mehr als meine. Er schob seine Hand auf meinen Rücken, sie war eiskalt und ich ließ einen kleinen Schrei los. Er hielt mir mit der anderen Hand den Mund zu und zog mich näher an sich: „He, stellt dich nicht an, wir müssen uns gegenseitig wärmen. Der nächste Bus kommt erst in zwanzig Minuten.“
Den nächsten Bus haben wir verpasst. Unsere Küsse hatten die Wirkung von Heizöfchen oder sogar offenen Feuerstellen! Man sollte im Winter viel mehr küssen! Das Knutschen heizte ein und wir dampften in der Kälte wie Thermalquellen. Der Regen rann in Sturzbächen an der Glaswand des Bushäuschens runter. Es roch nach Moder und verfaulten Bananenschalen im Papierkorb. Aus unsren Schuhen triefte das Wasser wie Softeis von der Eistüte.
Blitze und Donnerschläge am Himmel, Blitze und Entladungen bei uns! Es knisterte und funkte gewaltig! Die Blitze am Himmel konnten kaum mit unseren mithalten! Irgendwie merkten wir davon nichts. Je mehr es krachte und donnerte, umso mehr explodierten unsere Gefühle. Aber bei allem Begehren war er so zärtlich, streichelte meine Seele mehr als ich es je erfahren hatte. Ich brannte lichterloh!
