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Zwei Fremde, ein gemeinsamer Weg: der Überraschungsbestseller aus Frankreich über die heilende Kraft der Natur.
»Begleitung für letzte Reise gesucht.« Diese Anzeige gibt der 26-jährige Emile auf, als er eine unheilbare Diagnose bekommt. Seine letzten Monate möchte er nicht in Krankenhäusern verbringen, sondern in der Natur und in Freiheit. Zu seinem eigenen Erstaunen meldet sich Joanne auf seine Anzeige. Über ihre Gründe schweigt die junge Frau mit dem schwarzen Hut und nur einem Rucksack als Gepäck. Und so steigen beide in Emiles alten Caravan und fahren los. Es beginnt eine verblüffend schöne Reise, durch das mystische Gebirgsmassiv der Pyrenäen – eine Reise zu sich selbst, zu den Wurzeln des eigenen Schmerzes, aber auch eine Reise zur eigenen Kraft und zur eigenen Hoffnung …
Eine einfühlsame und zutiefst berührende Geschichte darüber, wie uns die Natur und die Stille dabei helfen, zu uns selbst zu finden und zu heilen. Dieser Roman katapultierte Mélissa Da Costa aus dem Selfpublishing in die erste Riege der erfolgreichsten Autor*innen Frankreichs.
»Dieses Buch berührt einen vom ersten Moment an, ab der ersten Zeile. Und von da an entwickelt sich pure, poetische Schönheit.« L‘Observateur
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 940
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Reisebegleitung für allerletzten Trip gesucht.« Diese Anzeige gibt der 26-jährige Émile auf, als er eine Diagnose über eine unheilbare Krankheit bekommt. Seine letzten Monate möchte er nicht in Krankenhäusern verbringen, sondern in der Natur und in Freiheit. Zu seinem eigenen Erstaunen meldet sich Joanne auf seine Anzeige. Über ihre Gründe schweigt die junge Frau mit dem schwarzen Hut und nur einem Rucksack als Gepäck. Und so steigen beide in Émiles alten Caravan und fahren los. Es beginnt eine verblüffend schöne Reise durch das mystische Gebirgsmassiv der Pyrenäen – eine Reise zu sich selbst, zu den Wurzeln des eigenen Schmerzes, aber auch eine Reise zur eigenen Kraft und zur eigenen Hoffnung …
Eine einfühlsame und zutiefst berührende Geschichte darüber, wie uns die Natur und die Stille dabei helfen, zu uns selbst zu finden und uns zu heilen. Dieser Roman katapultierte Mélissa Da Costa aus dem Selfpublishing in die erste Riege der erfolgreichsten Autoren und Autorinnen Frankreichs.
»Dieses Buch berührt einen vom ersten Moment an, ab der ersten Zeile. Und von da an entwickelt sich pure, poetische Schönheit.« L’Observateur
Mélissa Da Costa, geboren 1990, wurde durch ihren ersten Roman »All das Blaue vom Himmel«, den sie im Selfpublishing veröffentlichte, berühmt. Der Roman verkaufte sich durch Mundpropaganda 200 000-mal. Von der Presse hochgelobt, erhielt sie dafür den »Prix du jeune romancier«. Bis heute sind mehr als 600 000 Exemplare verkauft worden. Ihr zweiter Roman »Apfeltage« erschien bei dem renommierten Verlag Albin Michel und wurde ebenfalls ein großer Erfolg bei Publikum und Presse. Inzwischen hat sich die Autorin zum Shooting Star auf den französischen Bestsellerlisten entwickelt.
www.penguin-verlag.de
MÉLISSA DA COSTA
Roman
Aus dem Französischen von Susanne Van Volxem
Die Originalausgabe erschien 2020
unter dem Titel TOUTLEBLEUDUCIEL
bei Albin Michel, Paris.
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Copyright © der Originalausgabe by Mélissa Da Costa 2019
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025 by
Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)
Redaktion: Sabine Wiermann
Umschlaggestaltung: Favoritbuero
Umschlagabbildung: Abstract the studio / Shutterstock
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-30750-9V002
www.penguin-verlag.de
Für meinen Émile mit den magischen Augen
Kleinanzeigen.net
Betreff: Reisebegleitung für allerletzten Trip gesucht
Inserent: Emile26
Datum: 29. Juni, 01:02
Nachricht:
Junger Mann, 26 Jahre, erkrankt an früher Alzheimer-Demenz, möchte seine letzte Reise antreten. Abenteuerlustige Begleitung (m/f/d) gesucht, die mich auf diesem ultimativen Trip begleitet.
Reiseroute ist gemeinsam zu bestimmen. Alpen, Pyrenäen? Fortbewegung im Wohnmobil mit gelegentlichen Wanderungen (Achtung, gute Kondition erforderlich, da Rucksack und Zelt zu schleppen.).
Abreise: so bald wie möglich. Dauer: maximal 2 Jahre (je nach ärztlicher Prognose). Verkürzte Dauer möglich.
Profil meiner Reisebegleitung:
keine medizinischen Vorkenntnisse erforderlich (bekomme weder Pflege noch ärztliche Behandlung und bin top in Form);
stabiles Nervenkostüm (die Gefahr besteht, dass ich zunehmend unter Gedächtnisverlust leide);
idealerweise Naturliebhaber/-in;
keine Scheu vor minimalistischem Lebensstil;
Lust auf »Abenteuer des Lebens«.
Kontaktaufnahme nur per Mail. Handynummern können wir später noch austauschen.
Émile knetet sein Kinn. Wie immer, wenn er über etwas nachdenkt oder unentschlossen ist. Diesen Tick hat er, seit er ein Kind ist. Er weiß nicht genau, was er von seiner Anzeige halten soll. Sie erscheint ihm zu kühl, zu realitätsfern, auch irgendwie zu abgehoben. Er hat sie in einem Zug verfasst, ohne lange zu überlegen. Es ist ein Uhr morgens. Seit einer Woche hat er nicht mehr geschlafen. Oder kaum. Nicht gerade hilfreich, wenn man texten will.
Er liest die Anzeige noch einmal. Sie hinterlässt einen seltsamen Nachgeschmack, findet er. Irgendwie bitter. Aber dann sagt er sich, dass sie genau richtig so ist: depressiv genug, um Sensibelchen abzuschrecken, und zu abgedreht für Spießer. Nur jemand wirklich Besonderes wird diese Anzeige richtig zu nehmen wissen.
Seit er die Diagnose erhalten hat, erlebt er seine Mutter bloß noch in Tränen aufgelöst. Sein Vater knirscht ständig mit den Zähnen. Und seine Schwester verkümmert geradezu, ihr Gesicht ist entstellt von dunklen Augenringen. Ihm geht es nicht so. Er hat die Nachricht vollkommen nüchtern aufgenommen. Eine Form von früher Alzheimer-Demenz, haben die Ärzte ihm erklärt. Eine neurodegenerative Erkrankung, die mit einem fortschreitenden, unwiederbringlichen Gedächtnisverlust einhergeht. Die Krankheit greift den Hirnstamm an und zerstört ihn allmählich. Den Hirnstamm, der für sämtliche Vitalfunktionen zuständig ist: Herzschlag, Blutdruck, Atmung … Die gute Nachricht: Der Tod wird ihn schnell ereilen. Spätestens in zwei Jahren. Perfekt. Er hat keine Lust, jemandem zur Last zu fallen, jahrzehntelang in einem Zustand fortschreitender Demenz vor sich hin zu vegetieren. Ein früher Tod ist ihm eindeutig lieber. Zwei Jahre, das passt. Zeit genug, um etwas Vernünftiges daraus zu machen.
Dass Laura ihn vor einem Jahr verlassen hat, ist angesichts der Umstände gar nicht so schlecht. Sonst wäre jetzt alles viel schwieriger. Seit einer Woche, seit der Verkündung seines Todesurteils, sagt er sich das immer wieder. Laura ist völlig von der Bildfläche verschwunden, seit einem Jahr hat er nichts mehr von ihr gehört. Nicht ein Anruf. Er weiß nicht mal, wo sie wohnt. Umso besser. So hat er wenigstens keine emotionalen Verpflichtungen. Er kann einfach gehen. Ganz gelassen seine letzte Reise antreten. Klar, es ist nicht so, dass da niemand wäre … Da sind seine Eltern, seine Schwester Marjorie, ihr Lebensgefährte Bastien, die Zwillinge. Und da ist Renaud, sein Jugendfreund. Renaud, der gerade Papa geworden ist und ein Haus für seine kleine Familie sucht. Renaud als Vater und Ehemann … Ironie des Schicksals: Keiner von ihnen beiden hätte darauf einen müden Cent gesetzt. Renaud, das war der kleine Dicke in der Schule. Asthmatiker, allergisch gegen Erdnüsse und eine absolute Null im Sport. Während er der Klassenclown war, immer einen Tick zu aufmüpfig, schnell bei der Sache. Jedem, der sie kannte, blieb ihre Freundschaft ein Rätsel. Der kleine Dicke und der Draufgänger. Renaud stand all die Jahre in seinem Schatten. Dann, mit der Zeit, wendete sich das Blatt. Zum Vorteil von Renaud. Er nahm zehn Kilo ab und fand seinen Weg: als Logopäde. Von dem Moment an war er wie verwandelt. Er lernte Laëtitia kennen und gründete eine Familie. Und er, der Klassenclown, landete am unteren Ende der Skala. Sechsundzwanzig Jahre alt und das krasse Gegenteil von einem Gewinner. Er hat Laura ziehenlassen …
Émile schüttelt den Kopf und lehnt sich in seinen Bürostuhl zurück. Das ist jetzt nicht der richtige Moment, um sentimental zu werden und die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Er muss sich auf seine Reise konzentrieren. Der Gedanke an die Reise spukt ihm im Kopf herum, seit man ihm sein Todesurteil verkündet hat. Ein, zwei Stunden lang war er am Boden zerstört, dann hat sich langsam dieser Gedanke in ihm festgesetzt. Er hat kein Wort darüber verloren. Zu niemandem. Ihm ist vollkommen klar, dass man ihn nicht gehen lassen wird. Seine Eltern und seine Schwester haben ihn sofort bei einer klinischen Studie angemeldet. Der zuständige Arzt hat mit der Wahrheit nicht hinterm Berg gehalten: Es geht dabei nicht um seine Heilung oder Behandlung, sondern allein um die Erforschung seiner seltenen Krankheit. Kein Wort über ihn, sein individuelles Schicksal. Was für eine Vorstellung: seine letzten beiden Lebensjahre als Versuchskaninchen für eine klinische Studie in einem Krankenhauszimmer zu verbringen! Und trotzdem haben seine Eltern und seine Schwester darauf bestanden. Er weiß, warum. Sie weigern sich, seinen Tod zu akzeptieren. Sie klammern sich an die winzige Hoffnung, dass die Studie und die daraus gewonnenen Erkenntnisse seine Krankheit aufhalten könnten. Aber aufhalten mit welchem Ziel? Um sein erbärmliches Leben, seine Demenz zu verlängern? Seine Entscheidung ist längst gefallen: Er wird fahren. Sämtliche Vorbereitungen wird er in aller Stille treffen und sich dann klammheimlich auf den Weg machen. Das Wohnmobil hat er bereits gefunden, das Geld ist schon überwiesen. Ende der Woche wird er es abholen. Er wird es auf einem Parkplatz in der Innenstadt abstellen und so lange dort stehen lassen, bis alle Vorbereitungen erledigt sind, um keinen Verdacht bei seinen Eltern und seiner Schwester zu erregen. Bei Renaud ist er sich nicht so sicher. Soll er es ihm sagen? Ihn um seine Meinung bitten? Wäre Renaud noch Single, ohne Frau und Kind, wäre die Sache klar: Sie wären zusammen losgefahren, ganz sicher. Aber jetzt liegt der Fall anders. Renaud lebt sein eigenes Leben, trägt Verantwortung für seine Familie. Und Émile will ihn dort nicht herausreißen, um ihn mit auf seine letzte Reise zu nehmen. Auch wenn sie früher beide von einem solchen Abenteuer geträumt haben. »Wenn wir mit der Schule fertig sind, schnappen wir uns Zelt und Rucksack und fahren los in die Berge.« Wie oft haben sie sich gegenseitig dieses Versprechen gegeben. Aber dann hat Émile Laura kennengelernt. Und Renaud Laëtitia. Und sie haben ihre Pläne fallen lassen.
Er liest die Anzeige ein letztes Mal. Ja, sie ist unpersönlich und abgedreht. Ja, wahrscheinlich wird eh niemand darauf antworten. Egal, er wird trotzdem fahren. Allein. Er hat Angst davor, allein zu sterben, davor fürchtet er sich wirklich. Aber wenn es denn so sein soll, dass niemand auf die Anzeige reagiert, dann ist es eben so. Er wird trotzdem fahren. Der Wunsch, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen, ist stärker als seine Angst.
Er klickt auf »Absenden«. Eine Mitteilung auf seinem Bildschirm sagt ihm, dass die Anzeige nun veröffentlicht wird. Er lässt sich gegen die Stuhllehne fallen und stößt einen Seufzer aus. Es ist Viertel nach eins. Falls irgendjemand auf seine Anzeige antworten sollte, falls irgendjemand so verrückt und mutig ist, ihm zu schreiben, dann kann er sicher sein, die beste Reisebegleitung aller Zeiten gefunden zu haben.
»Émile, Alter, tut mir total leid, aber ich konnte den Kleinen nicht bei Laëtitia lassen, sie muss arbeiten. Sobald sie fertig ist, kommt sie ihn abholen.«
Renaud scheint es unangenehm zu sein, ihn mit seinem Sohn auf dem Arm im Krankenhaus zu besuchen. Émile klopft ihm auf die Schulter.
»Hör schon auf, du weißt genau, dass ich deinen Jungen gerne um mich habe.«
Renaud und Laëtitia haben ihren Sohn Tivan genannt. Ein erfundener Name. Émile hat den Verdacht, dass Laëtitia Renaud dazu überredet hat. Er kann ihr einfach nichts abschlagen. Tivan – was für ein Name! Émile nennt ihn einfach »Junge«. Klingt immer noch besser, findet er.
»Er sollte längst schlafen. Die ganze Nacht hat er keine Ruhe gegeben. Eigentlich müsste er vor Erschöpfung längst zusammengebrochen sein.«
Renaud sieht müde aus. Émile schaut zu, wie er sich mit dem Kind auf dem Arm abmüht, den Buggy aufzuklappen. Das Baby ist sechs Monate alt, und Émile hat sich noch immer nicht an den Anblick von Renaud mit Kind gewöhnt. Auf ihn wirkt das alles nach wie vor vollkommen absurd. Und ihn da jetzt zu sehen, wie er mit hoch konzentriertem Gesichtsausdruck versucht, einen Buggy aufzuklappen, das ist einfach zu viel.
»Warum lachst du?«
»Ich habe das Gefühl, eine Fata Morgana zu sehen.«
»Was? Wieso?«
»Du und dein Junge … Renaud, der Buggy-Bezwinger …«
»Jaja, mach dich ruhig lustig über mich. Das wird dir …«
Er lässt seinen Satz in der Luft hängen. Émile ist sofort klar, warum. Eigentlich wollte Renaud sagen: »Das wird dir auch noch so ergehen«, wie er es immer tut, aber nun hat er sich mitten im Satz unterbrochen. Er wird rot vor Scham.
»Tut mir leid … Ich …«
Émile schüttelt den Kopf. Mit breitem Lächeln erwidert er:
»O nein, das wird mir nicht so ergehen. Wenigstens das bleibt mir erspart. Wer hat behauptet, das Leben sei ungerecht?«
Er versucht, seinen Freund zum Lachen zu bringen, aber es gelingt ihm nicht. Renaud lässt den Buggy Buggy sein und dreht sich zu ihm um, er ist ganz verstört.
»Wie machst du das? Ich meine … ich mache vor Sorge um dich kein Auge mehr zu. Wie schaffst du es, das so auf die leichte Schulter zu nehmen?«
Émile weicht seinem Blick aus, betrachtet eingehend seine Fingernägel. Er setzt eine gleichmütige Miene auf.
»Das klappt schon irgendwie. Ich meine … In ein paar Monaten werde ich nicht mal mehr wissen, wie ich heiße … Dann ist sowieso alles egal. Also, kein Grund, sich zu grämen.«
»Émile, ich meine es ernst!«
»Ich auch.«
Renaud ist kurz davor, die Fassung zu verlieren. Tränen stehen in seinen Augen. Für einen Moment ist Émile kurz davor, ihm alles anzuvertrauen, sein Geheimnis zu lüften: Das wird schon, Alter. Ich mache mich vom Acker und stürze mich ins Abenteuer, mit Campingbus und Rucksack, so wie wir beide es uns immer erträumt haben. Innerhalb von einem einzigen Jahr werde ich ein ganzes langes Leben leben, das verspreche ich dir. Nicht eine Sekunde werde ich es bereuen.
Aber er bringt es nicht über sich. Es ist nicht Renauds Schuld, im Gegenteil. Das Problem liegt woanders. Renaud ist viel mehr als ein Freund für ihn, er ist sein Bruder, und wenn er von seinen Plänen erfährt, wird er bei der Vorstellung, ihn nicht zu begleiten, ihn allein losziehen zu lassen, schier durchdrehen. Nein, das ist völlig ausgeschlossen. Émile will ihm kein schlechtes Gewissen machen. Denn Renaud wird – so gut glaubt er ihn zu kennen – unbedingt mitkommen wollen, wenigstens für ein paar Wochen oder Monate. Und dieser Gedanke ist noch unerträglicher. Er will nicht derjenige sein, der Renaud von seiner kleinen Familie fernhält, nicht einmal für einen Tag.
»Du musst hier nicht den Harten spielen«, sagt Renaud. Seine Augen sind jetzt kurz vor dem Überlaufen.
»Pass auf, dein Junge fällt gleich runter.«
Das Baby ist in der Tat schon halb aus Renauds Armen gerutscht, der seine ganze Aufmerksamkeit Émile gewidmet hat.
»Oh, Scheiße.«
Renaud befreit das Baby aus seiner Schieflage und legt es zu Émile aufs Bett, der es hochnimmt und auf seinen Schoß setzt.
»Émile …«
»Das wird schon, Alter. So ist das Leben. Ich habe eben Pech gehabt, damit muss ich mich abfinden.«
»So kannst du das nicht sagen.«
»Du weißt doch, es gibt da diese klinische Studie … Man kann nie wissen.«
Er folgt der Strategie seiner Eltern und seiner Schwester: die grausame Wahrheit hinter einer unsinnigen Hoffnung zu verbergen. Sein Versuch, glaubwürdig zu erscheinen, ist offenbar gelungen: Renauds Miene ist nicht mehr ganz so trübsinnig. Er hat den Kampf mit dem Buggy wieder aufgenommen.
»Soll ich dir helfen, Alter?«
»Danke, geht schon.«
»Und, wie geht es meinem Lieblingsjungen?«
Das Baby auf Émiles Schoß stößt einen entzückten Schrei aus.
Endlich hat Renaud den Buggy aufgeklappt. Er richtet sich auf und nimmt seinen Sohn, um ihn wie einen wertvollen Gegenstand in den Kinderwagen zu bugsieren. Dann setzt er sich neben Émile auf die Bettkante und schaut ihn an. Sein Blick ist anders als sonst.
»Okay, das wäre geschafft … Und, wie … wie geht es dir so?«
»Ganz gut. Und wie läuft es bei euch? Was ist mit Laëtitia? Habt ihr euch weiter Häuser angeguckt?«
Das Ablenkungsmanöver hat nicht funktioniert. Renaud bleibt bei seinem Thema.
»Ich habe deine Mutter unten in der Eingangshalle getroffen.«
»Wann? Eben?«
»Ja. Sie ist völlig …«
Er wagt nicht weiterzusprechen. Émile beendet den Satz an seiner Stelle.
»Sie ist völlig fertig, ich weiß.«
»Zum Glück gibt es diese klinische Studie …«
»Ja, zum Glück …«
»Fuck …«
Renaud reibt sich mit der Hand übers Gesicht. Er sieht um Jahre gealtert aus. Die Nachricht von Émiles Krankheit hat ihn regelrecht umgehauen.
»Wo hast du dir den Scheiß bloß eingefangen?«
»Ich habe mir nichts eingefangen. Das ist eine seltene genetische Krankheit, weiter nichts.«
»Ja, aber warum ausgerechnet du?«
»Warum ausgerechnet ich? Warum denn nicht? Das ist Schicksal, Alter. Kann jedem passieren.«
»Wie schaffst du es nur, so cool zu bleiben? Nicht alles um dich herum kurz und klein zu schlagen?«
»Und die ganze Zeit rumzuheulen? Mich über mein Los zu grämen?«
Renaud weiß nicht mehr, was er sagen soll.
»Ich habe die Dinge akzeptiert, wie sie sind, das ist alles.«
»So warst du schon immer.«
»Wie, so?«
»So gelassen, so stark … Ich war immer der Schisser von uns beiden. Du hast mich jedes Mal aus meinem Loch rausgeholt.«
»Du warst nicht im Loch, Renaud! Du hast es ganz allein geschafft. Völlig ohne meine Hilfe.«
Renaud lächelt. Er kann nicht mehr an sich halten. Eine Träne kullert aus seinem Augenwinkel, seine Stimme droht zu brechen.
»Du wirst mir so verdammt fehlen, Alter …«
Auch Émile ringt jetzt um Fassung. Er hat einen dicken Kloß im Hals, den er versucht zu ignorieren. Aber ein weinender Renaud, das ist einfach zu viel. Er gibt seine Zurückhaltung auf. Sie haben sich nicht oft in den Armen gelegen, sie beide, aber in dem Moment erscheint es ihnen ganz natürlich.
»Hör auf, so weit sind wir noch nicht …«
»Es tut mir so leid … Ich heule wie ein altes Waschweib.«
»Und das vor deinem Jungen! Schämst du dich nicht?«
Renaud lächelt unter Tränen. Er zieht die Nase hoch. Émile bleibt standhaft. Sein Hals brennt wie Feuer, aber er wird nicht weinen. Das hat er sich fest vorgenommen. Renaud hat recht: Er war immer cool und stark. Und das wird er bis zum Ende sein.
»Wann wollte Laëtitia kommen? Du solltest besser deine Tränen trocknen, bevor sie dich so sieht. Am Ende verlässt sie dich noch.«
»Sie wird es niemals wagen, dem Kleinen seinen Papa wegzunehmen.«
»Das hoffe ich doch für dich.«
Renaud wirft ihm einen seltsamen Blick zu. Seine Augen glänzen feucht.
»Glaubst du wirklich an diese klinische Studie?«
Émile bringt es nicht übers Herz, ihn anzulügen.
»Nein.«
Renaud lässt die Schultern hängen.
»Warum hast du dann gesagt, dass du …«
»Irgendetwas musste ich doch sagen.«
»Was wirst du jetzt tun?«
»Wie, was werde ich jetzt tun?«
Ein Brüllen kommt aus dem Buggy, aber keiner von beiden kümmert sich darum. Sie messen sich mit Blicken. Jeder wartet auf eine Reaktion des anderen.
»Du wirst nicht hier ausharren und diese Studie über dich ergehen lassen.«
Renaud hat keine Frage gestellt. Das war eine Feststellung. Er fügt hinzu:
»Alter, ich kenne dich besser als du dich selbst. Das ist einfach nicht deine Art.«
Émile betrachtet ihn voller Zuneigung. Die von Tränen geröteten Augen. Sein ältester Freund. Der kleine dicke Asthmatiker. Einer der Pfeiler seines Lebens. Er hat es kapiert. Klar hat er es kapiert. Sie beide kennen einander besser als jeder von ihnen sich selbst.
»Alter …«
»Ich wusste es!«
»Ich habe doch gar nichts gesagt …«
»Ich wusste, dass du was im Schilde führst!«
»Du hast recht. Ich werde nicht hier versauern.«
»Ich wusste es!«
Renaud sieht gar nicht mehr am Boden zerstört aus. Er lächelt fast. Freudige Erregung hat sich über seine Trauer gelegt.
»Erzähl!«
»Du wirst niemandem ein Sterbenswort sagen, okay?«
»Bist du verrückt? Niemals!«
»Ich werde auf Tour gehen.«
»Auf Tour gehen? Wohin?«
»Keine Ahnung …«
Ein Klopfen an der Zimmertür unterbricht sie. Renaud zuckt zusammen, wischt sich schnell über die feuchten Augen. Émile antwortet:
»Ja, bitte?«
Die Tür geht auf, und eine junge Frau mit blonden Locken und einem eng anliegenden Kostüm betritt den Raum.
»Laëtitia!«
Sie wirkt völlig außer Atem, reißt sich die Sonnenbrille von der Nase, stellt die Handtasche auf dem Boden ab und wirft einen flüchtigen Blick in den Buggy.
»Wieso schläft er nicht?«
Émile bemerkt die Veränderung in Renauds Körperhaltung sofort. Er streckt sich und wölbt die Brust vor. Seine Miene wirkt mit einem Mal wichtig, er ist jetzt ganz der verantwortungsvolle Papa. Seit seine Frau das Zimmer betreten hat, ist er wie verwandelt. Stimmt schon, Laëtitia hat etwas Einschüchterndes an sich. Sie ist jemand, der mit beiden Beinen auf der Erde steht und eine sehr genaue Vorstellung vom Leben hat. Sie weiß, was sie will und wo es langgeht. Eine harte Arbeiterin. Sie kämpft an allen Fronten.
»Er war kurz davor, einzuschlafen.«
Er lügt. Bestimmt hat er Angst, dass Laëtitia ihn für einen schlechten Vater hält. Émile muss grinsen. Laëtitia tritt ans Bett und gibt Renaud einen raschen Kuss, bevor sie sich vor Émile aufbaut.
»Wie geht es dir?«
»Ganz okay.«
Sie nimmt ihn in die Arme. Er ist an solche Zuneigungsbekundungen von ihr nicht gewöhnt. Sie haben sich immer gut verstanden, aber stets respektvolle Distanz bewahrt. Zwischen Laura und ihr hingegen hat es nie gefunkt. Laura war ihr komplettes Gegenteil. So brünett, wie Laëtitia blond, so sorglos und leichtlebig, wie Laëtitia ernsthaft und vorausschauend ist. Die eine erfüllt ihn mit ängstlicher Bewunderung, während die andere seine grenzenlose Anbetung erfuhr. Lauras Unbekümmertheit, ihre Spontaneität und kindsköpfige Art haben ihn immer mehr angezogen. Sie war frei wie ein Vogel. Und am Ende ist sie ihm davongeflogen.
Laëtitia entlässt ihn aus ihrer Umarmung. Seit der Nachricht von seiner Krankheit benimmt sich jeder in seiner Umgebung plötzlich so bedeutungsschwer. Umarmungen, sorgenvolle Blicke, hingehauchte Sätze, als könnte ein bisschen zu viel Aufregung ihm gleich den Todesstoß versetzen. Das macht ihn ganz verlegen. Er mag das gar nicht.
»Mal wieder im Vollstress?«, fragt Émile.
»Hör bloß auf …«
»Und das Haus?«
»Wir haben keine Zeit für Besichtigungen. Zwischen Tivan, dem Job … Da bleibt einfach kein Platz.«
Stille breitet sich aus. Laëtitia hat sich vors Fenster gestellt, neben Tivans Buggy. In Gedanken versunken, krault sie seinen Kopf. Allmählich scheint sie wieder zu Atem zu kommen.
»Wann fängt deine klinische Studie an?«
»Nächste Woche.«
»Warum behalten sie dich so lange hier?«
»Ich muss noch ein paar Untersuchungen über mich ergehen lassen, bevor die Studie anfängt.«
»Untersuchungen?«
»Blutbild, DNA-Tests, Scans, Gedächtnistests …«
»Wahnsinn …«
Sie klaubt eine Daunenfeder von Tivans Kopf.
»Kannst du am Wochenende raus?«
»Klar, ich bin hier schließlich nicht im Knast.«
Er hat versucht, sie zum Lachen zu bringen, aber ohne Erfolg. Laëtitia war schon immer die Ernsthaftigkeit in Person. Émile glaubt, dass sie Renaud Sicherheit gibt, dass er sie aus dem Grund liebt. Er war von Anfang an einer von der ängstlichen Sorte. Bei ihr hat er eine starke Schulter zum Anlehnen gefunden.
»Dann komm am Wochenende zu uns zum Essen.«
»Super Idee.«
»Freitagabend. Ja, komm am Freitagabend! Ich mache uns Lasagne.«
»Geiles Programm!«
Émile spürt, dass Renaud ihn voller Misstrauen beäugt. Er versucht, seinen Blick einzufangen, ihn zu deuten. Renaud weiß, dass er die Flucht ergreifen will. Bestimmt fragt er sich, ob er am Wochenende wirklich noch da sein wird oder ob er ihnen etwas vormacht. Émile möchte ihm die Sorge nehmen, aber Laëtitia ist da, und er will nicht, dass sie Bescheid weiß. Sie wäre garantiert dagegen. Sie würde es nicht verstehen.
Auf jeden Fall wird er am Wochenende noch da sein. Er holt das Wohnmobil erst am Samstagmorgen ab. Er wird es auf dem Parkplatz vor dem Kino abstellen, dort, wo alle Campingwagen und dubiosen Kleinlaster parken. Danach wird er sehen. Er weiß noch nicht genau, wann er losfahren wird. Die Anzeige wurde, seit er sie vor zwei Tagen hochgeladen hat, einhundertsiebenmal angeklickt, aber bisher hat sich niemand gemeldet. Er hat keine großen Hoffnungen mehr, aber man kann nie wissen. Am Sonntag will er sich mit seiner Reiseroute beschäftigen. Er hat Lust auf Natur, auf Wald, auf Pinienduft und Kieselsteine, die unter seinen Füßen wegflitschen.
»Und dein Job?«
Er zuckt zusammen, als er Laëtitias Stimme vernimmt. Sie beobachtet ihn vom Fenster aus, eine Hand noch immer im Buggy, auf Tivans Kopf.
»Was?«
»Du wirst aufhören zu arbeiten, nehme ich an …«
»Äh, nein … Nicht unbedingt.«
»Bist du krankgeschrieben?«
»Ja. Bis auf Weiteres.«
Ein beklemmendes Schweigen breitet sich aus. Renaud windet sich unbehaglich.
»So oder so, ich werde meinen Job kaum vermissen«, ergänzt Émile.
Seine Arbeit besteht aus dem Matching von Hotels mit Buchungsseiten. Bei jedem Vertragsabschluss erhält er eine Provision. Das Start-up ist winzig. Vor nicht mal drei Jahren gegründet. Außer ihm gibt es an festen Mitarbeitern nur noch den Chef, einen Freund von Laura. Sie hat sie miteinander in Kontakt gebracht. Der Chef ist achtundzwanzig Jahre alt und möchte am liebsten die ganze Welt erobern. Er wird nicht sehr weit kommen, ihm fehlen die Mittel. Außer ihnen beiden arbeitet noch ein Praktikant in der Firma, Jérôme-Antonin, ein echtes Muttersöhnchen, faul und inkompetent. Nein, dieser Job wird ihm bestimmt nicht fehlen. Er hat die Stelle damals angenommen, weil er Geld verdienen musste, aber der Job hat ihn nie gepackt. Er hat gearbeitet wie eine vollautomatisierte Maschine, wie am Fließband, um die Zeit totzuschlagen. Daher hat er auch nicht mitbekommen, dass sein Gedächtnis ihm zunehmend Streiche gespielt hat. Er hat es auf seine Langeweile und mangelnde Motivation geschoben: die vergessenen E-Mails, noch mal geschrieben, noch mal verschickt, die verpassten Termine, die wiederholten Rückrufe von Kunden, die geistigen Aussetzer mitten am Tag, das minutenlange Sitzen vor einem leeren Blatt (Was wollte ich noch mal machen?) … Der Job war öde, ohne jede Abwechslung, und er dachte, er hätte sich gehenlassen, mehr nicht. Doch das war es nicht, oder jedenfalls nicht nur. Sein Gehirn hat ihn im Stich gelassen. Später gesellten sich Unwohlsein und Schwindel hinzu. Zeichen von Erschöpfung, hat er gedacht. Eine Spätfolge von Lauras Trennung, ein Jahr danach … Seine Mutter hat darauf bestanden, dass er zum Arzt geht. Und dann – das Todesurteil.
Laëtitia macht sich am Fenster zu schaffen. Sie kämpft mit dem Griff, um es zu öffnen.
»Das ist vielleicht heiß hier! Der reinste Backofen.«
Frische Abendluft dringt ins Zimmer. Es ist Anfang Juli, die Vögel zwitschern wie verrückt.
»Gibt es hier keine Klimaanlage?«
»Nur in der Geriatrie.«
»Ich halte es hier drinnen nicht mehr aus, ich gehe mir eine Limo holen. Wollt ihr auch was?«
Émile schüttelt den Kopf. Renaud tut es ihm nach. Laëtitia wischt sich über die Stirn, die verschwitzten Locken.
»Ich bin gleich wieder da.«
Sie verlässt den Raum, macht behutsam die Tür hinter sich zu. Sofort dreht Renaud sich zu Émile um. Er will es jetzt wissen.
»Also … Was hast du vor?«
»Ich weiß es noch nicht genau.«
Émile streckt die Hand zu dem weißen Nachttisch aus, greift nach seinem Smartphone. Er öffnet eine Webseite, scrollt nach unten, tippt auf das Display.
»Hier, das ist Stand der Dinge.«
Er hält Renaud das Handy hin. Die Anzeige.
»Lies.«
Émile sitzt hinter dem Steuer des Wohnmobils, reglos, verwirrt, in Gedanken versunken. Er hat den Campingbus am Morgen abgeholt. Er ist in Topzustand. Sogar Geschirr gibt es in der Miniküche und ein Set mit Handtüchern, die offenbar nie benutzt wurden. Er kann sofort losfahren, wenn er will …
Das Wohnmobil steht auf dem Parkplatz gegenüber vom Kino. Émile kann sich nicht dazu durchringen, auszusteigen. Er weiß nicht mehr, was er denken soll, ist völlig durcheinander. Renauds Reaktion auf seine Anzeige hat ihn zutiefst verunsichert.
»Ich kann ja verstehen, dass du abhauen willst … Aber mit jemand total Fremdem?«
Er hatte verlegen mit den Schultern gezuckt, als wollte er sich entschuldigen, dass er nicht mit ihm fährt.
»Bestimmt antwortet sowieso niemand … Oder irgend so ein Irrer. Ein Psychopath oder Triebtäter. Was hast du dir nur dabei gedacht?«
Seine Reaktion hat Émile aus dem Konzept gebracht. Normalerweise sind Renaud und er immer auf einer Wellenlänge. Diesmal nicht. Das hat ihn in eine tiefe Krise gestürzt. Vielleicht hat Renaud nur so negativ reagiert, weil er weiß, dass ich bald sterbe? Weil er weiß, dass ich weit weg von zu Hause sterben werde, weit weg von meinen Lieben? Oder ist mein Plan wirklich so durchgeknallt? Er hätte die Anzeige von der Webseite nehmen sollen. Doch heute Morgen hat jemand geantwortet. Und ihn eiskalt erwischt … Denn es ist kein Mann, womit er insgeheim gerechnet hat – falls sich überhaupt jemand melden würde. Nein, es ist eine Frau. Eine junge Frau, die behauptet, neunundzwanzig Jahre alt zu sein. Die Anzeige hätte sie abschrecken oder zumindest beunruhigen müssen. Allein mit einem fremden Mann zu verreisen, dessen Leben angeblich bald zu Ende geht, ohne die Route oder den tieferen Sinn der Reise zu kennen … Aber sie wirkt überhaupt nicht beunruhigt. Sie hat eine kurze Antwort gepostet und fast keine Fragen gestellt. Ist sie vielleicht psychisch nicht ganz in Ordnung?
Kleinanzeigen.net
Betreff: Re: Reisebegleitung für allerletzten Trip gesucht
Inserent: Jo
Datum: 5. Juli, 08:29
Nachricht:
Guten Morgen, Emile26,
Ihre Anzeige hat mein Interesse geweckt.
Ich heiße Joanne und bin 29 Jahre alt.
Ich bin Vegetarierin, aber ansonsten unkompliziert, was Lebensstil und Komfort angeht.
Trotz meiner 1,57 m bin ich in der Lage, einen 20-Kilo-Rucksack über längere Strecken zu tragen.
Abgesehen von einer Allergie gegen Wespenstiche, Erdnüsse und Meeresfrüchte bin ich gut in Form.
Ich schnarche nicht, rede nur wenig und meditiere gerne, vor allem draußen in der freien Natur.
Von mir aus kann die Reise so bald wie möglich losgehen.
Ich freue mich auf Ihre Nachricht.
Joanne
Seit dem Eintreffen der Nachricht am Morgen hat er sie schon x-mal gelesen. Allerdings ohne sie wirklich zu begreifen. Wer ist diese Frau? Warum macht sie das? Nun ist er misstrauisch … Sie hat keine einzige Frage gestellt. Sie ist bereit, ihn auf seiner Reise zu begleiten, einfach so, völlig angstfrei. Welche Frau macht so was? Er hätte große Lust, die Nachricht Renaud zu zeigen und ihn um seine Meinung zu bitten. Ich bin Vegetarierin, aber ansonsten unkompliziert, was Lebensstil und Komfort angeht. Wenn das nicht schräg ist! Und über seine Krankheit, das Damoklesschwert, das während der gesamten Reise über ihren Köpfen schweben wird, kein Wort … Ist ihr das egal? Ich schnarche nicht, rede nur wenig und meditiere gerne, vor allem draußen in der freien Natur.
Émile knetet sein Kinn, fährt sich mit der Hand übers Gesicht, über den Bart, den er sich seit einem Jahr stehen lässt. Es fällt ihm schwer, sich einzugestehen, dass seine Anzeige exakt eine solche Antwort provoziert hat. Sein Text war so gehalten, dass diese Sorte Mensch sich angesprochen fühlen musste. Also wo ist das Problem? Warum ist er plötzlich so misstrauisch? Er betrachtet sich im Rückspiegel. Seinen dunklen Bart, die Grübchen, die man unter der Behaarung noch erahnen kann, seine braunen Mandelaugen. Er bekommt schon Falten in den Augenwinkeln. Krähenfüße. Ganz zart. Bestimmt hat das außer ihm noch niemand bemerkt. Er mustert seine sorgenvolle Miene, die Grübelfalte auf der Stirn.
Er hat nie wirklich daran geglaubt. Konnte sich nicht vorstellen, dass jemand auf seine Anzeige reagieren würde. Jedenfalls keine Frau. Das verstört ihn am meisten. Laura hatte durchaus einen Spleen, war spontan und unkonventionell, aber sie hätte nie auf eine solche Anzeige geantwortet. Niemals hätte sie sich auf ein derartiges Abenteuer eingelassen. Und doch war Laura das emanzipierteste, unorthodoxeste Mädchen, das er je getroffen hat. Jedenfalls die Laura vom Anfang. Diejenige, in die er sich unsterblich verliebt hat.
Das Läuten seines Handys reißt ihn aus den Gedanken. Das Wort »Mama« leuchtet auf dem Display auf. Er wartet drei Sekunden, bevor er rangeht.
»Émile? Wo bist du?«
»Alles gut, Mama. Ich mache nur ein paar Besorgungen. Was gibt’s?«
»Ich bin unten vor deiner Wohnung. Auf mein Klingeln hat niemand geöffnet …«
»Warte auf mich. Ich bin in zehn Minuten da.«
»Ich wollte nur kurz schauen, ob alles in Ordnung ist. Deine Schwester ist da … Mit den Zwillingen.«
Er unterdrückt den Seufzer, den er am liebsten ausgestoßen hätte, und ringt sich eine freundliche Entgegnung ab.
»Ich komme, so schnell ich kann.«
Seit sein Todesurteil gefallen ist, lassen sie ihn nicht eine Sekunde in Ruhe. Weder die einen noch die anderen. Sie ersticken ihn mit ihrer Fürsorglichkeit. Er möchte so schnell wie möglich aufbrechen, er hat genug von diesem Zirkus. Auch für sie wird es am Ende eine Erleichterung sein. Sie wissen es nur noch nicht. Im Moment überwiegen Trauer und Schmerz, sie sind voller guter Absichten, aber irgendwann wird all das nur noch eine Last für sie sein. Sie müssen wieder anfangen zu leben. Niemand kann etwas für ihn tun. Aber sie, sie haben ihr Leben noch vor sich.
Kleinanzeigen.net
Betreff: Re: Re: Reisebegleitung für allerletzten Trip gesucht
Inserent: Emile26
Datum: 5. Juli, 20:11
Nachricht:
Nun denn, Joanne, sehr erfreut!
Ich muss zugeben, ich habe nicht damit gerechnet, auf meine Anzeige eine Antwort zu bekommen.
Du bist eine echte Überraschung.
Wo bist Du genau? Falls wir nicht zu weit auseinander wohnen, könnten wir uns vor der Abreise treffen und die Route besprechen …?
Ich komme aus der Nähe von Roanne.
Émile
PS. Du kannst mich gerne duzen.
Die Aufregung hat seine Zweifel besiegt. Émile hat seine Nervosität, seine Befürchtungen abgelegt. Er hat den Tag mit Mutter und Schwester zugebracht. Sie haben ihn behandelt, als läge er schon auf dem Totenbett. Fast wäre er explodiert. Er hat gesehen, wie sie verstohlen leidvolle Blicke ausgetauscht, wie sie mit den Tränen gekämpft haben. Er hat die zentnerschwere Last der Diagnose über ihnen, über dem ganzen Haus schweben gespürt. Sogar die Kinder von Marjorie, die Zwillinge, haben etwas gespürt. Sie haben zwar nicht geweint, aber sie waren extrem ruhig, viel zu ruhig für Dreijährige. Wenn er bleibt, wird es die Hölle. Der Tod wird immer mehr Platz einnehmen, er wird alles andere unter sich ersticken. Nur noch dieser ätzende Geruch wird bleiben, der faulige Atem des herannahenden Todes.
Er muss gehen. Und zwar schnell. Solange alles noch halbwegs intakt ist.
Kleinanzeigen.net
Betreff: Re: Re: Re: Reisebegleitung für allerletzten Trip gesucht
Inserent: Jo
Datum: 5. Juli, 20:21
Nachricht:
Noch mal hallo!
Ich wohne in Saint-Malo und Du in Roanne. Uns trennen siebenhundert Kilometer. Ich fürchte, wir können vor der Abreise keinen Kaffee mehr trinken gehen …
Dafür kann ich übermorgen schon in Roanne sein. Wir könnten uns an der Autobahnausfahrt 3 treffen. Ich werde einen großen schwarzen Hut und goldene Sandalen tragen und einen roten Rucksack bei mir haben. Was meinst Du?
Joanne
Kleinanzeigen.net
Betreff: Re: Re: Re: Re: Reisebegleitung für allerletzten Trip gesucht
Inserent: Emile26
Datum: 5. Juli, 20:29
Nachricht:
Kann das sein, dass Du genauso wild darauf bist loszufahren wie ich? Oder täusche ich mich da?
Émile
Joanne hat nicht mehr geantwortet. Es ist Mitternacht, Émile liegt auf dem Bett, die Fenster sind weit geöffnet. Er ist allein in der Wohnung. Offenbar hat sie keine Lust, näher auf das Thema einzugehen. Er fragt sich, warum. Wovor mag sie wohl auf der Flucht sein? Er hat Farbe bekannt, sie nicht. Vielleicht ist sie gar nicht auf der Flucht, vielleicht ist sie nur verrückt. Oder sexbesessen. Ihm ist das egal. Er wird bald sterben. Nichts ist mehr wichtig. Er schreibt ihr trotzdem zurück, um sicherzugehen, dass sie ihre Meinung nicht geändert hat.
Kleinanzeigen.net
Betreff: Re: Re: Re: Re: Reisebegleitung für allerletzten Trip gesucht
Inserent: Emile26
Datum: 6. Juli, 00:14
Nachricht:
Passt Dir zwölf Uhr mittags?
Ich habe keine Telefonnummer von Dir. Wie erkennen wir uns?
Émile
Kleinanzeigen.net
Betreff: Re: Re: Re: Re: Re: Reisebegleitung für allerletzten Trip gesucht
Inserent: Jo
Datum: 6. Juli, 00:49
Nachricht:
Zwölf Uhr mittags passt mir gut. Du wirst mich an meinem schwarzen Hut, den goldenen Sandalen und dem roten Rucksack erkennen.
Joanne
Émiles Herz hämmert in seiner Brust, sein Hals ist wie zugeschnürt. Er weiß nicht wirklich, was er tut. Noch nie zuvor ist er mit einem Wohnmobil gefahren, es ist gar nicht so einfach. An der roten Ampel wirft er einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel. Er sieht ziemlich mitgenommen aus. Dunkle Ringe um die Augen. Zottelbart. Er dreht das Radio noch lauter, will nicht länger darüber nachdenken, was er gerade getan hat. Was oder vielmehr wen er gerade verlassen hat. Es ging alles so schnell, so rasend schnell, dass keine Zeit mehr für einen Rückzieher blieb. Gestern Abend war er innerlich noch absolut zwiegespalten, heute Morgen ist er schon losgefahren.
Die Ampel schaltet auf Grün. Er folgt dem Schild in Richtung Autobahn, verlässt den Kreisverkehr. Die Ausfahrt 3 kommt immer näher. Genau hier ist er jahrelang auf die Autobahn gefahren, jeden Sommer, mit seinen Eltern und seiner Schwester, Richtung Süden. Er verscheucht die Erinnerung aus seinem Kopf. Will nicht daran denken. Jedenfalls nicht jetzt. Er muss sich auf das konzentrieren, was vor ihm liegt.
Er dreht die Lautstärke herunter, als er nach rechts abbiegt, auf den Parkplatz vor der Ausfahrt. An diesem Dienstag um die Mittagszeit ist kaum etwas los. Er schaut auf die Uhr auf dem Armaturenbrett. Zehn Minuten zu früh. Sie wird sicher noch nicht da sein. Der Parkplatz ist menschenleer. Wer hat sie wohl hergebracht? Ein Freund? Jemand aus der Familie? Was wird sie ihnen erzählt haben? Er parkt das Wohnmobil und schaltet den Motor aus. Im selben Moment registriert er, wie sich am anderen Ende des Parkplatzes etwas bewegt. Da steht ein Baum. Ein einsamer Baum auf einer winzigen Rasenfläche, kurz vor der Autobahnauffahrt. Eine junge Frau sitzt unter dem Baum. Kein Zweifel, das ist sie. Im Schneidersitz, mit einem schwarzen Schlapphut auf dem Kopf. Neben ihr am Baumstamm lehnt ein großer roter Rucksack. Sie beobachtet ihn, unentschlossen, die Hand über den Augen als Sichtschutz vor der Sonne. Émile wendet als Erster den Blick ab, öffnet die Fahrertür. Die Frau am anderen Ende des Parkplatzes steht auf. Sie trägt einen langen schwarzen Rock, der ihr bis zu den Knöcheln reicht und ihre Figur verbirgt. Er ist sich nicht ganz sicher, weil sie noch zu weit weg ist, aber sie scheint sehr schlank zu sein, wenn nicht gar mager. Er geht auf sie zu. Sie nähert sich ebenfalls. Er fühlt sich albern und ungelenk. Noch schlimmer als beim ersten Date. Und plötzlich steht sie vor ihm. Sie ist wirklich sehr zierlich. Klein und zerbrechlich. Ihre Schultern sind schmal. Er fragt sich, wie sie einen so großen Rucksack tragen kann. Unter dem riesigen schwarzen Hut verbirgt sich ein zartes Gesicht, kleine dunkle Augen ohne Glanz, strähnige hellbraune Haare, weder glatt noch lockig. Sie könnte hübsch sein, wenn sie wollte, wenn sie ihre Haare kämmen, ihre Augen mit Kajal betonen und Körper und Gesicht nicht unter dieser zeltartigen Kleidung und dem Schlapphut verbergen würde. So sieht sie einfach nur klein aus. Klein und unscheinbar. Und ein bisschen schlampig.
»Hallo«, sagt er mit belegter Stimme.
Sie hebt den Kopf, um zu antworten. Sie scheint wirklich nicht größer als einen Meter siebenundfünfzig zu sein, genau wie sie geschrieben hat.
»Hallo.«
Das ist alles, was sie sagt. Er fühlt sich leicht überfordert. Ihr Kennenlernen hat er sich anders vorgestellt. Der Tonfall ihrer ersten Nachricht ließ eine unbekümmerte junge Frau vermuten, ein normales, selbstbewusstes, vielleicht sogar flippiges Mädchen. Nicht so einen weiblichen Kobold, der unter einem überdimensionierten Hut verschwindet und offensichtlich extrem schüchtern ist. Er fühlt sich gezwungen, etwas zu sagen, weil er weiß, dass sie es nicht tun wird.
»Da wären wir also. Ich … Ich bin Émile.«
Wieder hebt sie das Gesicht und deutet ein kaum wahrnehmbares Lächeln an.
»Joanne.«
»Bist du … bist du schon lange da?«
»Seit zwei Stunden.«
»Oh, das wusste ich nicht. Tut mir leid!«
»Kein Problem. Ich bin früher abgesetzt worden als erwartet.«
Ihre Stimme ist leise und trägt kaum. Sie hat definitiv nichts mit dem Mädchen aus der ersten Nachricht zu tun.
»Bist du gebracht worden?«
»Ich bin per Anhalter gekommen.«
»Ah.«
Er weiß nicht, was er noch hinzufügen soll. Da steht sie nun vor ihm, mit ihrem riesigen roten Rucksack, also sagt er:
»Sollen wir … Bist du bereit? Fahren wir los?«
Sie nickt. Zusammen gehen sie Richtung Wohnmobil. Ihr Gang ist schwerfällig und leichtfüßig zugleich. Als würde sie eine große Last tragen, aber trotzdem über dem Boden schweben.
Er öffnet die Seitentür des Campingbusses. Sie wirft einen flüchtigen Blick in den Innenraum, ohne größeres Interesse zu zeigen. Daher sagt er:
»Das ist unser Reisegefährt. Hier werden wir wohnen.«
Ein merkwürdiger Satz, denkt er. Hier werden wir wohnen. Bisher hat er nur mit Laura zusammengewohnt. Und ab heute wird er diesen Minibus mit einer vollkommen Fremden teilen.
Ihr ausdrucksloser Blick wandert über die Einrichtung. Es scheint ihr wirklich komplett egal zu sein, was da auf sie zukommt. Émile nimmt hinter dem Steuer Platz. Sie setzt sich neben ihn und legt den Anschnallgurt an. Noch immer hat sie ihren Hut nicht abgelegt. Wahrscheinlich wird sie es gar nicht mehr tun, denkt er. Unruhig rutscht er auf seinem Sitz hin und her und lacht nervös auf.
»Wir haben uns noch gar nicht über …«
Sein Lachen geht in einem Hustenanfall unter.
»… über die Reiseroute verständigt. Es ist also noch völlig offen, wohin wir fahren …«
Die Situation erscheint ihm plötzlich total absurd. Am Steuer eines Wohnmobils zu sitzen, neben sich dieses autistische Mädchen, ohne die geringste Ahnung, wo es langgehen soll.
Das zarte Stimmchen erhebt sich:
»Das ist mir egal.«
Wer ist sie, und was zum Teufel treibt sie an? Wovor ergreift jemand die Flucht, der ohne Angst vor möglichen Konsequenzen zu dem erstbesten Typen ins Auto steigt? Sie haben beschlossen, in Richtung Pyrenäen zu fahren. Seitdem hat keiner von ihnen beiden ein Wort gesagt. Hin und wieder versucht Émile, aus den Augenwinkeln einen Blick auf sie zu erhaschen. Ihm ist bewusst, dass er sich nicht gerade diskret verhält, aber er kann nicht anders. Der Satz ist gefallen, ehrlich und schnörkellos: Das ist mir egal. Er weiß, dass sie die Wahrheit sagt. Es interessiert sie nicht die Bohne, wohin sie fahren, wer er ist, warum er diese Reise antritt, was mit ihm geschehen wird … All das spielt für sie keine Rolle. Sie will nur die Flucht ergreifen. Aber vor wem? Wovor? Die Unkenntnis macht ihn verrückt.
Jetzt ist ihm alles klar. Er hat total danebengelegen. Der coole Tonfall ihrer Nachricht … Er hat es für Abenteuerlust gehalten, für Mut zum Risiko. Er dachte, einem außergewöhnlichen Menschen zu begegnen, extrovertiert, leicht durchgeknallt. Doch er hat sich geirrt. Ihr Tonfall war cool, das ja, aber aus einem einfachen Grund: Dieses Mädchen ist völlig durch den Wind, neben der Spur, aus dem Lot. Eine verlorene Seele. Unterwegs in anderen Sphären. Wahrscheinlich weiß sie gar nicht, dass sie am Leben ist.
Sie fahren und fahren, die Musik ist leise, fast auf lautlos gestellt. Die Frau hat den Blick starr auf die Straße gerichtet. Sie rührt sich nicht, tut keinen Mucks.
»Du sagst Bescheid, wenn ich das Fenster öffnen soll …«
»Ja.«
»Wenn du anhalten möchtest …«
»Ja, mache ich.«
Kilometer reiht sich an Kilometer. Allmählich gewöhnt er sich an das Wohnmobil, an seine Besonderheiten beim Fahren. Und an das Schweigen der Frau neben sich. Er redet sich ein, dass ihm das gerade recht ist, dass er sowieso nicht in der Stimmung ist, sich zu unterhalten. Sein Hals ist wie zugeschnürt, er ist den Tränen nahe. Doch er kann sich zusammenreißen. Gestern war er bei seinen Eltern, um ihnen die Termine für die erste Phase der klinischen Studie durchzugeben.
»Du kannst sie im Kalender eintragen, Mama. Falls du mich begleiten willst …«
Er hat ein paar Minuten Wer wird Millionär? mit seinem Vater im Fernsehen geschaut, während seine Mutter neben ihnen die Orchideen gegossen hat. Dann ist er zu Marjorie gegangen, um ihr zu helfen, eine Glühbirne in ihrem Kronleuchter im Wohnzimmer auszutauschen.
»Aber Émile … Das war doch nicht nötig, dass du deswegen extra vorbeikommst … Seit drei Monaten lebe ich schon ohne …«
Sie schien überrascht, ihn zu sehen. Ihr Mann, Bastien, arbeitet hart. Die Geburt der Zwillinge hat ihr Leben nicht einfacher gemacht. Sie müssen sich abstrampeln, um über die Runden zu kommen. Bastien hat kaum Zeit für Hausmeistertätigkeiten, und als die Birne vor drei Monaten den Geist aufgab, hat Marjorie Émile gebeten, bei Gelegenheit vorbeizukommen, um sie auszuwechseln. Natürlich hat er es nicht getan. Nicht, dass er keine Zeit gehabt hätte … Nein, er hat diesen Gefallen, der am Ende wirklich keine große Sache war, drei Monate lang aufgeschoben. Aber gestern hat er sich endlich gekümmert. Er hat im Supermarkt eine Glühbirne gekauft und ist zu Marjorie gefahren. Bastien war bei der Arbeit. Die Zwillinge haben ihren Nachmittagsimbiss gegessen, Marjorie hat die Küche aufgeräumt.
»Ich komme wegen der Birne«, hat er zur Begrüßung gesagt.
Marjorie hat ihm eine Trittleiter ins Wohnzimmer gestellt. Die Zwillinge haben sich am Fuß der Leiter aufgebaut und ihm interessiert zugeschaut. Anschließend hat Marjorie ihm einen Kaffee gemacht und wollte unbedingt, dass er mit ihnen zu Abend isst. Aber er hat ihr Angebot mit der Begründung ausgeschlagen, er müsse noch zu Renaud. Er hat gewartet, bis Bastien nach der Arbeit nach Hause gekommen ist, um einen zweiten Kaffee mit ihm zu trinken und über alles und nichts zu schwatzen. Dann ist er gegangen. Er hat »Bis bald« gesagt und ist schnell, zu schnell zu Renaud gefahren. Das war nicht der richtige Moment, um in Tränen auszubrechen und sich seinem Kummer hinzugeben. Er musste erst noch einen weiteren heimlichen Abschied hinter sich bringen, sich ein weiteres Gesicht für immer einprägen, bevor er am nächsten Tag seine Reise antreten würde.
Also hat er mit einer Packung Eier in der Hand bei Renaud geklingelt.
»Meine Mutter hat sie mir gebracht. Zwei Packungen innerhalb von einer Woche! Die werden bei mir nur schlecht …«
Renaud hat etwas sagen wollen. Er war seltsam bleich im Gesicht. Laëtitia, die direkt neben ihm stand, ist ihm zuvorgekommen.
»Oh, das ist aber nett! Möchtest du vielleicht einen Aperitif mit uns trinken?«
Er war extra um diese Uhrzeit gekommen, weil er wusste, dass Laëtitia dann zu Hause sein würde. Renaud würde ihm keine Fragen stellen, ihn sich nicht zur Brust nehmen und sich dann an seiner Schulter ausweinen können. Es war nicht sehr fair von ihm, seinen besten Freund so auszutricksen, aber er wollte partout keine Abschiedsszene. Schon immer hat er Abschiede gehasst. Laëtitia hat ihm einen Martini serviert, den er mit Renaud und ihr zusammen im Wohnzimmer getrunken hat. Er hat Tivan auf den Arm genommen, um ihn ein bisschen zu ärgern und zum Quengeln zu bringen.
»Euer Junge kann mich nicht leiden.«
Renaud hat die ganze Zeit kein Wort gesagt. Er schien zu spüren, dass etwas im Busch war, dass diese Begegnung wahrscheinlich ihre letzte sein würde.
Als Émile schon fast zur Tür hinaus war, hat Renaud ihn aufgehalten.
»Émile, warte …«
Laëtitia war ins Wohnzimmer zurückgekehrt, nachdem sie sich von ihm verabschiedet hatte.
»Was soll dieser Humbug mit den Eiern? Hör auf, mich zu verarschen, Émile!«
In seinem Blick lag tiefer Schmerz.
»Ich muss jetzt wirklich gehen, Alter.«
Er hat ihn flüchtig umarmt und ist die Stufen hinabgeeilt.
»DUBISTVIELLEICHTEINARSCHLOCH!«
Renauds Brüllen hat das ganze Treppenhaus erfüllt. Natürlich hat er es kapiert. Er hat genau gewusst, dass Émile sich wie ein Dieb davonstehlen wollte, ohne ihm Adieu zu sagen.
Émile hat noch gehört, wie Laëtitia zur Wohnungstür gelaufen kam und Renaud angeraunzt hat.
»Was ist denn in dich gefahren?«
Dann ist die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen, und Émile hat nichts mehr gehört. Er ist in seine Wohnung zurück, um seinen Rucksack zu holen, und hat sich dann zum Wohnmobil aufgemacht. Die Nacht hat er auf dem Parkplatz vor dem Kino verbracht, weil er sichergehen wollte, dass er ungestört bleibt. Weil er nicht von Renaud in seiner Wohnung aufgesucht werden wollte. Die ganze Nacht hat er kein Auge zugetan.
Émile versucht, nicht mehr daran zu denken. Es tut einfach zu weh. Sich so zu verhalten ist normalerweise nicht seine Art. Er fragt sich, ob Joanne ähnlich leidet wie er, ob das der Grund ist, warum sie kein Wort sagt und so verloren aus der Wäsche guckt. Vielleicht. Am Ende ist es gar nicht so schlecht, dass sie beide schweigen und die Gefühlslage des anderen respektieren.
Sie halten an einer Autobahnraststätte, um sich die Beine zu vertreten. Joanne ist nicht vom Wohnmobil fortzubewegen. Émile geht ein paar Schritte Richtung Rasthof. In den letzten Stunden hat er viel verstanden. Dinge, die er bisher nicht wusste. Er wusste nicht, wie schön und auch herzzerreißend es sein kann, eine Glühbirne auszuwechseln, seine Schwester lächeln zu sehen, Wer wirdMillionär? mit seinem Vater zu gucken, seine Mutter an den Orchideen zupfen zu sehen, den Jungen weinen zu hören, während Laëtitia ihm ein Glas Martini eingießt und Renaud aus dem Fenster schaut. Er wusste nicht, wie kostbar das alles ist. Er dachte, mit leeren Händen dazustehen, nachdem Laura gegangen war, allein mit der großen Leere. Er hat nicht gesehen, was ihm geblieben ist, lauter Kleinigkeiten, die ihm aber trotzdem das Gefühl geben, geliebt zu werden, lebendig zu sein.
Er schluckt die Tränen hinunter und tritt durch die Glastür in den Rasthof. Nicht, dass er hungrig wäre, aber es ist bereits Nachmittag und er muss etwas zu essen für den Abend besorgen. Der Appetit wird schon kommen. Er nimmt ein Sandwich aus dem Kühlfach und schlendert zwischen den Regalen umher. Er weiß nicht, ob Joanne etwas zu essen dabeihat. Schließlich nimmt er eine Tüte Chips und zwei Packungen Apfelmus aus dem Fach. Außerdem eine Dose Erbsen und eine mit Linsen. Für alle Fälle … So haben sie etwas in Reserve. An der Kasse fügt er noch eine Flasche Wasser zu den Einkäufen hinzu und zückt seine EC-Karte.
»Sechzehn Euro sechsundvierzig, bitte.«
Auf dem Parkplatz ist es erstickend heiß. Die Julisonne brennt auf sie herunter. Joanne sitzt auf einem Stück Rasen neben dem Wohnmobil. Sie hat die Beine lang ausgestreckt, den Rock leicht hochgezogen, sodass man ihre Waden sehen kann. Sie sind bleich, offenbar haben sie in letzter Zeit kaum Sonne erblickt. Mit der Plastiktüte in der Hand geht Émile auf sie zu.
»Möchtest du etwas essen? Ich habe uns ein paar Snacks gekauft.«
Sie schaut zu ihm auf und schüttelt den Kopf.
»Danke, nein. Im Moment nicht.«
Es scheint etwas mehr Leben in sie gekommen zu sein. Ihre Sätze werden länger. Also setzt er sich neben sie auf den Rasen und fragt, als würden sie sich schon länger kennen:
»Und, alles okay?«
Sie nickt.
»Ja, alles okay.«
Sie zögert, dann fügt sie hinzu:
»Weißt du schon, wo wir heute Nacht schlafen werden?«
Émile zuckt mit den Achseln.
»Nein. Ich dachte, irgendwo spontan anzuhalten, sobald ich müde werde. Aber wenn du eine bestimmte Vorstellung hast …«
»Nein, nein! Ich wollte es nur wissen …«
Schweigen macht sich zwischen ihnen breit. Plötzlich schießt Émile eine Frage durch den Kopf. Er kann nicht anders, als sie zu stellen.
»Wie bist du eigentlich auf meine Anzeige gestoßen?«
Sofort senkt Joanne den Kopf, sodass ihr Gesicht unter dem breitkrempigen Hut verschwindet. Sie versucht, sich gleichgültig zu geben, zupft an ein paar Grashalmen.
»Ich wollte weg von zu Hause. Ich brauchte eine Mitfahrgelegenheit. Also habe ich die Kleinanzeigen studiert, um zu schauen, was alles so angeboten wird.«
Émile wartet auf eine Fortsetzung. Es kommt keine.
»Und so bist du auf meine Anzeige gestoßen?«
»Sie war gleich auf der ersten Seite. Ich … Ich glaube, du hast ziemlich viele Klicks gehabt, denn sie wurde in den ersten vierundzwanzig Stunden mit am meisten aufgerufen.«
»Ach, tatsächlich?«
Sein Lächeln ist halb amüsiert, halb traurig.
»Sie war schon ein bisschen merkwürdig, oder?«
Joanne zieht die Schultern hoch.
»Ja, wahrscheinlich.«
Sie selbst scheint sie nicht merkwürdig gefunden zu haben.
»Ich dachte, Frauen würden sich von einer solchen Anzeige eher abgeschreckt fühlen.«
»Oh … Nein … Ich nicht.«
Ihm wird klar, dass er keine genauere Antwort erhalten wird. Langsam richtet er sich auf und fragt:
»Möchtest du noch auf die Toilette? Dir ein bisschen die Beine vertreten?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Nein, nein, geht schon.«
»Also fahren wir weiter?«
»Okay.«
Es ist kühler geworden. Die Sonne verschwindet allmählich hinter dem Horizont. Sie sind noch ein paar Stunden weitergefahren, bis Émile Angst hatte, am Steuer einzuschlafen. Nach der Nacht … Und all den Sorgen … Er hat beschlossen, für diesen Tag Schluss zu machen und das Wohnmobil neben einer Bundesstraße zu parken, in der Nähe von Brive-la-Gaillarde. Es ist kaum achtzehn Uhr, aber er hat plötzlich einen unglaublichen Hunger. Sie haben einen Campingtisch und zwei Stühle aus einer Art Wandschrank hervorgeholt und am Straßenrand aufgestellt. Ihre improvisierte Terrasse.
»Möchtest du etwas essen?«
Joanne hat ihren Blick über Chips, Sandwich und Apfelkompott schweifen lassen und sich für Letzteres entschieden.
»Mehr willst du nicht?«
»Ich habe nicht viel Hunger.«
Sie hat ihr Kompott im Stehen gegessen, ohne sich zu ihm an den Klapptisch zu setzen. Danach hat sie gefragt, ob sie duschen kann, ob der Wassertank gefüllt ist.
»Geh ruhig, ich habe es heute Morgen erst kontrolliert. Wir haben noch fünfzig Liter. Morgen können wir den Tank wieder auffüllen. Wir suchen uns eine Servicestelle für Wohnmobile …«
Sie hat genickt und ist im Wagen verschwunden. Jetzt sitzt er da, am Campingtisch, am Rande einer Bundesstraße, und isst ein abgepacktes Sandwich. Sein ausgeschaltetes Handy liegt neben ihm. Er wird es nie mehr einschalten. Oder jedenfalls für eine lange Zeit nicht. Er hat keine Nachricht hinterlassen, für niemanden. Er wird sich später darum kümmern. Er wird einen Brief schreiben und ihn an seine Eltern schicken. Sie werden ihn Renaud und seiner Schwester zu lesen geben.
Hin und wieder kommt ein Auto vorbei. Sobald es außer Hörweite ist, kehrt wieder vollkommene Stille ein. Nur das Rauschen des Duschwassers ist zu hören. Ihm wird die Absurdität der Situation bewusst. Er, der am Rande einer Bundesstraße zu Abend isst. Joanne, die ein paar Meter von ihm entfernt unter der Dusche steht. Heute Nacht werden sie Seite an Seite auf der Doppelmatratze liegen, unter dem Faltdach des Wohnmobils. Er kann nur hoffen, dass sie nicht unter Klaustrophobie leidet. Viel Platz haben sie da oben nicht … Vielleicht weigert sie sich ja, neben ihm zu schlafen. Vielleicht will sie sich lieber unten auf der Sitzbank ein Nachtlager herrichten, vor dem Esstisch.
Sie werden sich gegenseitig Gute Nacht wünschen und kein weiteres Wort sagen, denn sie reden praktisch nicht miteinander. Sie könnten auch ein altes Ehepaar auf Campingurlaub sein.
Das Rauschen der Dusche bricht ab. Émile schluckt den letzten Bissen seines Sandwichs hinunter und lehnt sich in seinem Campingstuhl zurück. Nicht mehr lange, und er wird zu Bett gehen. Er ist total erschöpft. Sein Körper fühlt sich an, als wäre er tonnenschwer. Er hört den Kies knirschen. Joanne kommt näher, eingehüllt in einen Bademantel. Ihre Haare sind nass und hinterlassen feuchte Schlieren auf ihrem Gesicht. Er erkennt sie kaum wieder. Sie sieht aus wie jemand, der ein schlechtes Gewissen hat.
»Émile …«
Es fühlt sich seltsam an, seinen Vornamen aus ihrem Mund zu hören. Zum ersten Mal. Er wird sich daran gewöhnen müssen.
»Ich habe das ganze Wasser aufgebraucht … Tut mir leid … Ich dachte nicht, dass es so schnell geht …«
Er winkt ab.
»Kein Problem.«
»Aber … Wenn du dich auch waschen willst …«
»Darum kümmern wir uns morgen.«
Sie scheint nicht wirklich erleichtert zu sein. Sie wirkt immer noch verstört, hat den Kopf zwischen die Schultern gezogen.
»Meinst du, ich kann den Wandschrank benutzen, um meine Sachen einzuräumen?«
Er lächelt ihr beruhigend zu.
»Klar. Wenn du willst, kannst du auch unter der Spüle noch Sachen unterbringen.«
»Und du?«
»Unter der Sitzbank ist auch noch Stauraum. Das wird dann mein Schrank.«
»Okay. Danke.«
Sie geht zurück zum Wohnmobil. Émile rekelt sich, dann steht er auf.
»Soll ich den Tisch und die Stühle draußen lassen?«, fragt er mit lauter Stimme, damit sie ihn auch im Wagen hören kann.
Joannes Kopf erscheint im Türrahmen.
»Warum?«
»Ich gehe jetzt ins Bett. Ich muss noch ein paar Stunden Schlaf nachholen.«
»Äh … Ja, lass sie ruhig stehen. Ich werde sie reinholen, bevor ich schlafen gehe.«
Er nimmt die leere Sandwichpackung und sein noch immer ausgeschaltetes Handy und betritt das Wohnmobil. Joanne kniet vor ihrem Rucksack und packt langsam Kleidungsstück um Kleidungsstück aus. Sie steht auf und öffnet den Wandschrank, in dem der Campingtisch und die Stühle untergebracht waren. Es ist genug Platz, um alles Mögliche zu verstauen. Sie werden nicht beengt wohnen müssen.
»Gehört das dir?«, fragt sie.
Ganz unten im Wandschrank hat sie einen Karton entdeckt. Sie will ihn hervorholen, doch Émile hindert sie daran. Ein wenig zu brüsk sagt er:
»Lass, das ist meiner.«
Sie hält mitten in der Bewegung inne. Er weiß nicht, ob er sie gekränkt hat. Sie lässt sich nichts anmerken und beginnt, ihre Sachen einzuräumen. In dem Karton befinden sich Fotos. Seine Vergangenheit, in Form von Schnappschüssen.
Émiles Tonfall wird sanfter.
»Ich klappe jetzt das Dach auf. Da oben ist unsere Schlafkoje.«
Er zeigt auf die Strickleiter im hinteren Teil des Wagens, von der aus man unters Dach zu ihrem Schlafplatz kommt.
»Okay.«
Er hat noch nie das Dach eines Wohnmobils aufgeklappt. Zehn lange Minuten dauert es, bis er den Mechanismus verstanden hat. Als Joanne den Kopf durch die Luke steckt, um »Kriegst du es hin?« zu fragen, ist er gerade fertig geworden.
»Alles gut.«
Er schaut auf die Uhr. Es ist sieben Uhr.
»Also, ich gehe jetzt schlafen … Wenn du noch draußen bleiben willst: Unter der Spüle sind Kerzen. Und ein Feuerzeug.«
»Okay, danke.«
»Falls etwas sein sollte, hab keine Hemmungen, mich aufzuwecken. Oder hier herumzukruscheln. Fühl dich ganz wie zu Hause.«
»Okay«, sagt sie noch einmal.
»Gute Nacht.«
Er klettert die Strickleiter hoch und verschwindet in der Luke. Die Matratze ist bequem, aber nicht groß. Sie dürfen sich nicht allzu sehr bewegen. Im Sitzen zieht er sich aus. Aufrecht stehen ist unmöglich. Er behält nur T-Shirt und Unterhose an und legt seine restlichen Kleider am Fußende ab. Erleichtert lässt er sich in die Kissen sinken. Er wird heute nicht lange brauchen, um einzuschlafen.
Es dürfte etwa drei Uhr morgens sein, vielleicht ein wenig später. Er braucht über eine Minute, um zu begreifen, wo er sich befindet. Vielleicht, weil er den Ort nicht kennt. Vielleicht, weil sein Gehirn ihn im Stich lässt. Er weiß nicht, wie lange er noch wissen wird, wer er ist, wer er war und warum er sich wo befindet. Die Ärzte haben keine Prognose gewagt.
»Es kann Monate dauern, bis das Erinnerungsvermögen tatsächlich abbaut. Oder es geht viel schneller. Wir können es nicht sagen.«
Er ist einer von zwei Fällen in ganz Europa. Sie haben nicht genug Daten zur Verfügung. Das Wohnmobil ist in weißes Licht getaucht. Der Mond. Um sie herum ist alles still. Joannes unbewegliche Gestalt dicht neben ihm ist deutlich zu erkennen. Sie schläft auf der Seite, dreht ihm den Rücken zu. Sie hat nicht geflunkert: Sie schnarcht nicht. Er kann nur ihren Rücken sehen, ihre schmalen Schultern, ihre Haare, die auf dem Kissen ausgebreitet sind. Im Halbdunkel wirken sie dunkler als tagsüber. Man könnte meinen, sie sind braun. Und glatt. Man könnte meinen, sie ist Laura.
Émile lächelt unwillkürlich. Er weiß, dass es lächerlich ist, dass es zu nichts führt, aber für ein paar Minuten möchte er die schlafende Joanne beobachten und sich vorstellen, dass es Laura ist. Er rückt kaum merklich näher an sie heran, nur ein winziges Stück, um seine Nase in ihre Haare stecken zu können. Sie riechen nicht wie Lauras Haare, sie sehen auch nicht so aus, doch seine Fantasie täuscht ihn darüber hinweg. Er hört sie atmen und stellt sich vor, es wäre Laura. Ihre muskulösen Beine, ihre schulterlangen glatten Haare, ihr Nacken, den er immer so sexy gefunden hat, die runden Schultern, die genau die richtige Breite haben, ihre Brüste, wie zwei wunderschöne Äpfel, nicht sehr groß, aber perfekt geformt. Und ihr Bauch … Ihr himmlischer Bauch. Ein wenig vorstehend, worüber sie sich immer geärgert hat, aber unendlich weich … Dort hat er sie am liebsten geküsst, auf den Bauch. Ihre geschwungenen Lippen. Ihr Hintern … Er schließt die Augen, versucht, seine Erregung zu zügeln. Joannes Schultern sind viel zu schmal. Laura war nicht wie Joanne. Sie hatte genau die richtige Figur. Kurvig, aber muskulös. Sie war nicht so wie dieses zerbrechliche Wesen neben ihm. Nein, sie war kompakt, voller Leben.
Joanne stöhnt im Schlaf. Émile macht sich bereit, die Augen zu schließen, so zu tun, als schliefe er, falls sie sich zu ihm umdrehen sollte, aber sie rührt sich nicht. Sie schläft weiter, noch immer mit dem Rücken zu ihm. Er konzentriert sich auf ihre Haare, nur ihre Haare. Sie könnten die von Laura sein. Und es funktioniert. Laura ist da. Laura schläft neben ihm. Sie ist mit ihm auf diesen letzten Trip gekommen. Sie sind zu zweit, nur sie beide im Wohnmobil. Sie wird bei ihm bleiben, sie wird nicht weggehen. Sie haben sich wiedergefunden. Er ist sicher, dass sie ihr schelmisches, immer leicht spöttisches Lächeln lächelt, dass sie bloß so tut, als schliefe sie, nur um ihn zu ärgern, um ihn dazu zu bringen, eine Hand auf ihre Taille zu legen und die andere auf ihren Hals und danach auf ihre Brust. Dann wird sie nicht mehr so tun, als schliefe sie. Sie wird einen leisen Seufzer ausstoßen, und er wird seinen Mund auf ihre Haare pressen, auf ihr Ohr. Er wird sich an ihren Rücken schmiegen, sie wird ihn fragen: »Hast du etwa Lust auf mich?« Sie mag es, wenn er Lust auf sie hat. Er muss es immer wieder sagen. »Sag es mir, sag, dass du Lust auf mich hast.«
