All die wundervollen Tage - Helene Rose - E-Book

All die wundervollen Tage E-Book

Helene Rose

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Beschreibung

Was, wenn deine Liebe dir jeden Samstag zulächelt? Traust du dich, zurückzulächeln? Anna und Phillip wagen diesen Schritt, weiter scheinen sie aber nicht zu kommen. Doch als sie sich eines Tages unverhofft gegenüberstehen, geht es auf einmal um alles: ihre Vergangenheit, die ihnen nachjagt; eine Zukunft, in der Liebe eher eine Hoffnung denn Gewissheit ist. Vor allem ist da aber eine Frage: Reicht ein Samstagslächeln, um ein neues Leben zu beginnen?

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Seitenzahl: 299

Veröffentlichungsjahr: 2025

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so weit der Horizont reicht

Für Felix, für immer

Annas geheime, aber durchaus nützliche Talente:

Ihre Umzugskartons hatte sie allein in ihre neue Wohnung in Effelsbach gehievt. Genau wie ihre viele Pflanzen, die sie zuerst drapiert hatte. Bei den Möbeln hatten ihr zum Glück einige Nachbarn geholfen.

Sie hatte eine ruhige Hand, wenn es wirklich darauf ankam: beim Ausschneiden vielversprechender Horoskope, wenn Isabell verlangte, dass sie ein Herzchen aufs Smartphone-Display zeichnete, oder wenn sich die seltene Gelegenheit bot, Wimperntusche aufzutragen.

Anna konnte spannende Geschichten schreiben. Jedenfalls befanden das ihr Großcousin Davie und ihre Cousine Sophie, die es bedauerten, dass diese Fähigkeit nur zu den geheimen Talenten zählte.

Geheime und überaus nützliche Talente, die Anna nur zu gerne hätte:

Flirten zu können wie Isabell.

Armin gegenüber nicht nervös zu werden. Notiz an sie selbst: Hände stillhalten!

Nicht alles zu romantisieren; obwohl es nichts werden konnte, wenn man sich der Hoffnung auf die große Liebe nicht hingab, oder?

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

KAPITEL 1 – ANNA

KAPITEL 2 – ANNA

KAPITEL 3 – PHILIPP

KAPITEL 4 – ANNA

KAPITEL 5 – PHILIPP & ANNA

KAPITEL 6 – PHILIPP

KAPITEL 7 – ANNA

KAPITEL 8 – PHILIPP & ANNA

KAPITEL 9 – ANNA

KAPITEL 10 – PHILIPP & ANNA

KAPITEL 11 – PHILIPP & ANNA

KAPITEL 12 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 13 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 14 – PHILIPP & ANNA

KAPITEL 15 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 16 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 17 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 18 – ANNA

KAPITEL 19 – PHILIPP

KAPITEL 20 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 21 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 22 – PHILIPP & ANNA

KAPITEL 23 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 24 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 25 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 26 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 27 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 28 – PHILIPP & ANNA

KAPITEL 29 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 30 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 31 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 32 – PHILIPP & ANNA

KAPITEL 33 – ANNA & PHILIPP

KAPITEL 34 – PHILIPP & ANNA

KAPITEL 35 – ANNA & PHILIPP

PROLOG

Jede Entscheidung hat ihre Konsequenzen, so viel wusste Anna auch. Ihr war ebenso bewusst, dass die Folgen weitreichend sein konnten. Doch natürlich konnte sie nicht ahnen, dass ihr Leben umgekrempelt werden würde, nur weil sie sich entschieden hatte, sich an einem Samstagmorgen in ein Café am Marktplatz der kleinen Stadt Effelsbach zu setzen. Und dann wurde es zu einem jener Tage, an denen man morgens aufwachte, aufstand, an denen erstmal alles wie immer war – und an denen sich bis zum Abend die eigene Welt grundlegend verändert hatte. Auf eine Art, durch etwas, das man zuvor nicht einmal hatte kommen sehen. Das mochte zum Positiven oder zum Negativen sein, manchmal wusste man es noch nicht genau, in welche Richtung das Schicksalspendel schwingen würde. Auch Anna war sich da am Abend jenes Samstags nicht ganz sicher – das Einzige, was sie wusste, war, dass es für sie kein Zurück mehr gab. Ihre Welt war nicht mehr die gleiche, seit dieser Mann das Café betreten hatte. Nie hätte sie gedacht, dass es sie derart hinwegraffen könnte, dass ihre Gefühle so durcheinandergeraten konnten. Dabei hatte er nicht einmal etwas zu ihr gesagt. Genau genommen hatten sie sich nur für Sekundenbruchteile angesehen. Doch es hatte gereicht, um Annas Gefühlswelt in Verwirrung geraten zu lassen.

Genau wie seine.

Nur wusste das keiner von beiden vom anderen.

KAPITEL 1 – ANNA

Jeden Morgen, wenn Anna von der niedrigen Steintreppe vor ihrem Wohnhaus stieg, wurde sie von einem verliebt lächelnden Paar empfangen. Er, groß, muskulös, schwarze Haare; sie, natürlich genauso sportlich wie er, dunkelbraune Locken, drollige Sommersprossen. Ein perfektes Paar. Eigentlich waren sie niedlich, wie sie so Arm in Arm dastanden. Anna mochte die beiden, auch wenn sie fast schon zu glückselig von ihrem Werbeplakat auf sie hinab lächelten. Ein Werbeplakat, das verlauten ließ: Einfach Liebe finden. Und das natürlich am besten mit der Hilfe einer brandneuen App. Für Anna nicht gerade der romantischste Weg, sich zu verlieben – dabei glaubte sie an die große Liebe. Nur, dass sie ihre noch nicht gefunden hatte und von einer Beziehung leider so weit entfernt war wie der Nordpol vom Südpol.

Bisher hatte sie nur einen Ex-Freund aus Urzeiten aufzuweisen, den ihre Mutter ihr eingebrockt hatte. Es war ein Fehler gewesen, sich darauf einzulassen. Erst als es vorbei war, hatte sie aufgehört, sich einzureden, dass sie sich in ihn verlieben würde. Nein, eigentlich war da nur einer gewesen, den sie wirklich gemocht hatte. Einer, der unerreichbar geworden war.

Anna war es gewohnt, allein zu sein. Dabei wäre sie gerne eine von diesen Personen, die Weihnachtskarten verschickten, auf denen ein vor Romantik sprühendes Paar zu sehen war. Sie wollte Teil eines solchen Paares sein. Aber da weder offensives Flirten, wie ihre Freundin Isabell es praktizierte, noch aufdringlich beworbene Apps ihr Fall waren, blieb ihr nichts anderes übrig, als die Männerwelt und die potenzielle Liebe auf sich zukommen zu lassen und solange eben Single zu bleiben. Als hätte derjenige, der das Plakat vor ihrer Tür aufgehängt hatte, es geahnt, dass sich dahinter ein einsames Herz befand.

Anna schüttelte den Kopf, um die betrüblichen Gedanken zu vertreiben und widmete sich konzentriert ihrem Fahrradschloss, bis es klickte und sie ihr Fahrrad aus dem Ständer schieben konnte, vorbei an dem perfekten Paar. Sie schwang sich in den Sattel und machte sich auf den Weg durch die beschauliche Kleinstadt namens Effelsbach. Anna radelte wie jeden Morgen auf ihrem roten Fahrrad durch die Straßen bis zu dem schmucklosen Gebäude am gepflasterten Marktplatz, in dem sich die Redaktion der lokalen Zeitung, die Effelsbacher Nachrichten, befand. Dort war sie für den Kinderteil der Zeitung und der Website zuständig und erklärte, so gut sie es konnte, den Jüngsten in ihren Artikeln die Welt. Was sie schön fand, wenngleich sie sich ein bisschen heuchlerisch vorkam, waren die Dinge doch oft viel komplizierter, als es in ihren überaus kindgerechten Texten schien. Vermutlich war sie nicht die Einzige, die manchmal gerne in einer Welt leben würde, in der alles so einfach war, wie es im Kinderteil einer Zeitung wirkte. Wobei – eigentlich wusste Anna sogar, dass sie damit nicht allein war. Isabell war eine Kandidatin dafür, an den Dingen des Alltags verzweifeln zu können, wobei ihre größten Probleme sich vorrangig darum drehten, dass ihre langen, blonden Haarsträhnen an ihren frisch mit Lipgloss bestrichenen Lippen kleben blieben.

Isabell war Annas Kollegin und zugleich ihre beste und zugegebenermaßen einzige Freundin – und das im Grunde seit ihrem ersten Arbeitstag, denn sie einte das heimliche Interesse für etwas anderes als ihren eigentlichen Job. Bei Anna waren es das Schreiben von Geschichten für ihren Großcousin Davie nebst dem Lesen von Romanen. Da das aber bekanntermaßen kein Gehalt aufs Konto brachte, war ihr nichts anderes übriggeblieben, als einen sogenannten »richtigen Job« anzunehmen.

Isabell hingegen war vor allem an der ästhetischen Seite des Lebens interessiert, die sich mit Make-up erzeugen ließ. Das konnte sie wie keine zweite, schlussendlich war sie aber aus dem gleichen Grund wie Anna in der Redaktion gelandet. Allerdings anders als Anna, nämlich über entfernte Kontakte ihrer reichen, spendenbereiten und damit stadtweit gerne gesehenen Eltern. Nun machte Isabell genau wie Anna »etwas Vernünftiges«, damit ihr der Geldhahn und ihre Etage in der elterlichen Stadtvilla weiter offenstanden, während sie an ihrer Traumkarriere als Stylistin feilte.

Als Anna ihr Fahrrad vor der Redaktion abgeschlossen hatte, stieg sie im muffigen Treppenhaus die Stufen bis zur zweiten Etage hinauf, wo ihr hinter der Tür zu ihrem Büro geruchstechnisch ein Kontrastprogramm entgegenschlug. Anna kräuselte nur kurz die Nase, denn der mächtig-süßliche Duft eines Parfums auf Vanillebasis war ihr bestens vertraut. So etwas trug hier nur eine Person. Die sprang bei Annas Anblick von ihrem Schreibtisch auf, noch bevor die schwere Tür hinter Anna ins Schloss fallen konnte.

»Heute ist Freitag«, trällerte Isabell und kam in einer wehenden weißen Hemdbluse auf Anna zugetänzelt. Anders konnte man ihren Gang auf ihren High Heels kaum bezeichnen. Anna kannte niemanden sonst, der immer, wirklich immer, solche Schuhe ertragen konnte.

»Endlich!«, erwiderte Anna und umarmte Isabell, die sich anschließend bei ihr unterhakte und sie zu ihrem gemeinsamen Arbeitsbereich lotste, wo Anna sich auf ihren Drehstuhl fallen ließ. Sie hatte ihren Platz, bestehend aus einem Tisch, auf dem der Computerbildschirm und die Tastatur sowie ein Stapel Papiere waren, von dem Anna nicht mehr sagen konnte, was auf ihnen stand, ihren Vorstellungen entsprechend eingerichtet. Demnach befanden sich Bilder und Postkarten mit Zitaten und besonders vielversprechende Horoskope, die sie aus Zeitungen ausgeschnitten hatte, rings um sie herum. Isabell saß neben ihr, sodass ihre beiden Tische T-förmig zueinander standen, damit sie effizient zusammenarbeiten konnten. So hatten sie es damals ihrem Chefredakteur Armin begründet, warum nur diese Tischanordnung die einzig Wahre sei. Einige Meter weiter, auch alle in Zweiergruppen, befanden sich die Plätze der anderen vier Redaktionsangestellten. Alle waren aufgrund der eingeschränkten personellen Möglichkeiten neben ihrem Haupttätigkeitsfeld ein bisschen für alles zuständig, von der Recherche, über das Artikelschreiben, über Werbemaßnahmen bis hin zum Social Media-Management. Insgesamt waren sie hier oben drei Frauen und vier Männer, die ihr Chefredakteur Armin, der sein Büro im Nebenzimmer hatte, bei Meetings mit potenziellen Anzeigekunden als knapp zwanzig Mitarbeiter anpries.

»Was ist das denn?«, fragte Anna, machte eine ausladende Bewegung mit den Händen und überwedelte damit ihren Arbeitsbereich und die neu hinzugekommenen Zettel darauf.

»Weiß nicht, hat sicher Armin gestern Abend hingelegt«, erwiderte Isabell mit einem derart gleichgültigen Blick, wie ihn sonst nur Katzen gegenüber Streichelgesuchen aufsetzen, die sie nicht locken.

»Ich sehe schon, deine Prioritäten liegen woanders. Was ist denn los in der Welt der Schönen und noch Schöneren?«, fragte Anna und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Handys in Isabells Hand.

Deren Augen blitzten in Anbetracht ihres Lieblingsthemas freudig auf. »Oh, so einiges! Da wäre zum Beispiel die Überlegung, ob ich diesen neuen Lockenstab bräuchte.« Isabell hielt Anna ihr Handy hin, damit diese einen Blick darauf werfen konnte.

»Hübsch!« Mehr konnte Anna beim besten Willen nicht dazu sagen. Ihre hellbraunen, laut Isabell fast karamellfarbenen Haare waren von Natur aus leicht gewellt und auch sonst war sie nie in die Verlegenheit gekommen, etwaige Anschaffungen in Erwägung zu ziehen. Ganz im Gegensatz zu Isabell, die jeden Morgen eine halbe Stunde dafür aufwandte, in ihre langen, blonden Haare natürlich aussehende Wellen zu zwirbeln.

»Ja, nicht?« Isabell strahlte Anna an, bevor sie einen wachsamen Blick über ihre Schulter warf. »Hoffentlich hat Armin das nicht gehört. Ich denke immer, dass er es gleich irgendwem petzt oder schriftlich vermerkt, wenn er mich zu oft über Nicht-Arbeits-Sachen reden hört.«

Sie verdrehte die Augen. »Ich will gar nicht wissen, wie es in meiner potenziellen Akte aussieht. Ich könnte wetten, er hat schon zwanzigmal so was notiert wie: ›Angestellte erweckt den Eindruck, nicht bei der Sache zu sein‹. Ein Glück erhofft er sich von meinen Eltern eine Spende fürs Büro. Wahrscheinlich musste ich nur deshalb noch nie zu einem Gespräch über meine ›Arbeitsmoral‹.« Isabell machte mit ihren Fingern Anführungszeichen in die Luft, eine Geste, die für Isabell mindestens so typisch war wie das Zurückwerfen ihrer langen Haare über eine Schulter.

»Hat er gestern noch etwas dazu gesagt, was heute ansteht?«, wechselte Anna das Thema.

»Nicht dass ich wüsste. Aber warte mal.«

Gelegenheiten wie solche kamen Isabell wie gerufen, denn sie sehnte sich geradezu nach Möglichkeiten, mit einer bestimmten Person im Büro ins Gespräch zu kommen, ganz egal, was eine Kontaktsituation provozierte. Diese Person war Robert. Er war aktuell Isabells auserkorenes Ziel der Begierde, das es so oft wie möglich anzuflirten galt. Er war unbestreitbar der attraktivste unter ihren Kollegen, weshalb Isabell klar war, dass sie dringend in die Offensive gehen musste. Schließlich befanden sie sich in einer Kleinstadt mit begrenzten Möglichkeiten an potenziellen Partnern, einer Kleinstadt, in der man gefühlt alle Optionen kannte, im schlimmsten Fall aber keine wirklich mochte. Isabell musste also aktiv werden, ehe es andere Frauen taten, wenn sie mehr von diesem Mann wollte. Und das wollte sie, denn es sprachen etliche Aspekte für ihn. Robert war groß, was ein sehr wichtiges Kriterium für eine High Heels-Liebhaberin wie sie war. Außerdem hatte er dunkle Haare, war ziemlich gut trainiert, trug ausschließlich eng geschnittene weiße Hemden und hatte obendrein etwas mit einem komplizierten Titel studiert, womit es sich in dem Freundeskreis ihrer Eltern hervorragend angeben lassen würde. Nach Isabells Auffassung kam es einem Wunder gleich, dass so jemand hier gelandet war, in einer Redaktion in ihrer Heimatstadt Effelsbach. Aber genau dieses Wunder hatte sie seit ihrem ersten Arbeitstag für sich auserwählt und wurde nicht müde, Annäherungsversuche, die seitens Robert allerdings nicht als solche erkannt oder abgewiesen wurden, zu unternehmen.

Isabell erhob sich anmutig von ihrem Stuhl und strich ihre Hemdbluse glatt, die für diesen frischen Frühsommertag vielleicht und für die Arbeit ganz gewiss einen Tick zu kurz war, und durchschritt grazil den Raum. Anna sah ihr hinterher, halb staunend über ihren Mut, halb amüsiert, dass Isabell offenbar zu glauben schien, dass man nichts damit falsch machte, an jedem einzelnen Tag im Leben die aufgedonnertste Person bei der Arbeit zu sein. Isabell war die Erste – und die Einzige – gewesen, deren Augen gestrahlt hatten, als Armin seine Belegschaft vor einigen Wochen darauf hingewiesen hatte, dass alle sich an die neue, eigens von ihm konzipierte und ausgerufene Kleiderordnung halten mögen, die im Wesentlichen aus den Sätzen bestanden hatte: »Leute, die Lotterzeit ist vorbei! Ich möchte keinen von euch mehr in Jogginghosen oder Ähnlichem sehen!« Das sähe vor Kunden »einfach nicht aus«.

Für Isabell war das der Freifahrtschein für modische Eskapaden wie die heutige gewesen, in der sie auf ihren Kollegen zusteuerte. Alles unter Annas neugierigen Augen, die sich erfolglos bemühten, mit purer Willenskraft stielförmig zu werden, um die Szenerie am anderen Ende des Raumes besser beobachten zu können.

»Hi, Robert«, flötete Isabell indessen im Gehen, bevor sie einige Unterlagen auf seinem Tisch beiseiteschob und sich beiläufig, aber definitiv flirty auf die Tischkante setzte. »Du, sag mal, hat Armin gestern noch etwas dazu gesagt, was heute ansteht?«

Isabell hatte exakt Annas Wortlaut verwendet, was sie ansonsten nur tat, wenn ihr in einem Meeting nichts anderes einfiel, als Anna zuzustimmen. Außerdem drehte sie sich eine ihrer blonden Haarsträhnen immer wieder um die Finger ihrer rechten Hand und das in einer Geschwindigkeit, bei der zu befürchten war, dass die Haare sich verknoteten und ihr die Finger abschnürten.

»Nein, hat er nicht. Aber wir haben auch erst gleich das Meeting.« Damit sprang Robert von seinem Stuhl auf, griff nach einem Notizbuch, nickte Isabell förmlich zu und verschwand mit raumgreifenden Schritten in Armins Büro. Isabell kehrte indessen zu Anna zurück.

»Findest du nicht auch, dass er sich ein bisschen mehr für mich interessieren könnte?« Isabell ließ sich mit einem dramatischen Seufzer auf ihren Drehstuhl fallen und fläzte sich in ihn hinein, als sei er ihr Fernsehsessel.

»Könnte er. Aber du solltest inzwischen mitbekommen haben, dass er nicht nur Armins Stellvertreter, sondern vielmehr sein Minime ist. Was wiederum heißt, dass er sich für nichts anderes als die Arbeit interessieren darf. Das verbietet sich von selbst.«

»So eine Verschwendung«, schnaufte Isabell. »Ich meine, sieh ihn dir an! Er könnte genauso gut Model sein! Groß, muskulös, diese Haare und dazu seine blauen Augen. In New York würde man sich um ihn reißen!«

»Nur dass wir nicht in New York sind«, sagte Anna und bemühte sich um ein tröstendes Lächeln. »Aber wir machen es uns hier so schön wie möglich«.

Die beiden schickten sich ebenfalls an, zur allmorgendlichen Zusammenkunft in Armins Büro zu gehen, jedoch im Gegensatz zu Robert in gesitteter Geschwindigkeit. Als Anna und Isabell eintrafen, saßen Armin und er an dem winzigen, runden Tischchen, das ihnen allen wohl das Gefühl geben sollte, an einer Art Konferenz teilzunehmen. Kurz darauf trudelten die übrigen Kollegen ein und damit war ihr Stuhlkreis vollständig.

»Also gut, dann wollen wir mal«, ergriff Armin das Wort. »Ich habe vorhin mit unten gesprochen«, fing er an und meinte damit die Redaktion der Printausgabe der Effelsbacher Nachrichten, für die er früher gearbeitet hatte. Das war, bevor dieser Bereich der Redaktion deutlich geschmälert worden war. Armin hatte darin seine Chance zur Beförderung gesehen und den Job als Chefredakteur der Onlineausgabe angenommen hatte, ohne wirklich zu ahnen, was da auf ihn zukäme.

»Die melden sich nachher, um zu besprechen, was wir als Vorab-Meldung veröffentlichen können. Ansonsten stellen wir unsere eigenen Artikel online.«

Alle nickten vor sich hin. Da hier in aller Regel keine Überraschungen zutage traten, wussten sie bereits, welche Aufgaben ihr Chef gleich an sie verteilen würde.

»Anna, wie immer: die zwei, drei wichtigsten Tagesnews, aber bitte nicht zu drastisch. Außerdem habe ich mich gefragt, ob es vielleicht in irgendeinem Zoo mal wieder ein süßes Tierbaby gibt. Das zieht Kinder doch magisch an.« Anna notierte sich ihren Auftrag – eine willkommene Gelegenheit, nicht in Armins herrisches Gesicht schauen zu müssen.

»Isabell, kümmerst du dich wie üblich um die Social Media-Accounts? Denk daran, das neue Design zu verwenden, wenn du einen Beitrag erstellst.« Isabell nickte. Dabei wusste sie aufgrund der eigens ausgewerteten Statistiken ebenso gut wie ihr Chef, dass diese Liebesmüh zwecklos war, aber man verlor hier niemals den Mut. Und Armin erst recht nicht – nochmal weniger, seit er das Prinzip der Paywall für sich entdeckt hatte –, weshalb er seine Belegschaft täglich mit denselben Aufgaben eindeckte. Von daher wusste Anna, was hier wie lief, wodurch sie sich hätte sicher fühlen sollen. Dennoch schaffte sie es auch nach einem halben Jahr nicht, Armin ins Gesicht zu sehen. Vielmehr war sie damit beschäftigt, in ihrem Schoß an ihren Fingern herumzunesteln, um die Nervosität zu kompensieren, die sie Armin und seiner autoritären Art gegenüber verspürte.

Während er alle anderen mit ihren Aufgaben für den heutigen Arbeitstag versah, schaute Anna sich zum gefühlt hundertsten Mal in seinem ziemlich düsteren, weil schattig gelegenen Büro um. An den Wänden befanden sich einige schwarzweiß Fotos der Stadt und in einer Zimmerecke stand eine vor sich hinsiechende Pflanze, deren restliche Lebenserwartung nach Annas Schätzung ungefähr drei Tage betrug. Wenn sie ihr letztes Blatt abgeworfen hätte, wäre der Farbklecks aus diesem Raum verschwunden, dachte Anna. Auch der Blick aus dem Fenster war nicht unbedingt das, was man als Erlebnis für die Sinne bezeichnen konnte. Es erlaubte die Sicht auf ein beigebraunes Gebäude, das einzig durch ordentliche weiße Spitzengardinen in den Fenstern verziert wurde. Vermutlich fand man hier Gardinen mit Wellenmuster, wie sie in Annas Wohnzimmer hingen, bestenfalls erfrischend oder aber im schlimmeren Fall übertrieben hip. Willkommen in Effelsbach.

Hierher zu kommen, sich allmählich einzuleben, war wie ein Neuanfang für Anna gewesen. Sie mochte diese Formulierung zwar nicht, niemand konnte wahrhaftig von vorne beginnen, jeder trug eine Vergangenheit in sich, doch ihr Versuch kam dem nahe. In ihren geheimen Wünschen hatte sie sich ursprünglich in einem von raschelndem Schilf umwobenen, reetgedeckten Strandhaus gesehen, in dem es nach dem salzigen Meer roch, ein Häuschen, in dem nachmittags seichter Familientrubel herrschte. Gelandet war sie aber statt auf einem Immobilienportal mit Strandhäusern im Angebot erst auf einer Webseite mit Stellenausschreibungen und dann in dieser Stadt. Der Vorteil an dieser Gegend war, dass die Wohnungen einigermaßen bezahlbar waren, während sie sich sowohl dort, wo sie studiert und einige Zeit gearbeitet hatte, als auch an den Orten, wo sie sich in ihren Träumen sah, kaum ein Zimmer leisten konnte. Deshalb hatte sie vor einem halben Jahr ihr Hab und Gut zusammengepackt und war in eine Dachgeschosswohnung in Effelsbach gezogen. Ihr Elternhaus samt freiem Zimmer lag zwar nicht allzu weit entfernt in der nächstgrößeren Nachbarstadt, doch die Busverbindungen waren derart schlecht bis nichtexistent, dass es einer Weltreise gleichkam, wenn man von einem Ort zum anderen gelangen wollte. Das einzige private Verkehrsmittel, das für Anna erschwinglich war, war ihr Fahrrad, das sie aber sicher nicht pro Strecke dreißig Kilometer hin und wieder zurück tragen würde. Na gut, eigentlich war Anna diejenige von beiden, die das nicht wollte. Die Strecke war also die offizielle Begründung. Die eigentliche, dass Anna ihre Eltern besser seltener als öfter sehen wollte, hatte sie wohlweislich für sich behalten.

»Dann frohes Schaffen!«, wünschte Armin indessen und wandte sich von ihnen ab und seinem Computer zu. Als Zeichen, dass das Morgenmeeting beendet war, machten sich allgemeines Rascheln und Aufstehen breit und Anna kehrte von ihrer Gedankenreise zurück ins Büro. Wenige Sekunden später spürte sie ein Ziehen am Ellenbogen.

»Kommst du mit in die Teeküche?«, raunte Isabell ihr zu.

»Ja, gerne.« Sie schmunzelte. »Einer muss ja bei dir bleiben, um dich aufzufangen, falls der Tag kommen sollte, an dem du mit deinen High Heels umknickst oder irgendwo stecken bleibst.«

»So ein Tag wird nicht kommen. Eher heiratet mich Robert.« Isabell schnaubte amüsiert, bevor sie ihr langes Haar über eine Schulter warf, sich bei Anna einhakte und sie zur Küche zog. »Lass uns langsam machen, ja?«, flüsterte sie Anna auf dem Weg zu. »Nach dem morgendlichen Fiasko verkrafte ich es nicht, heute zu viel Zeit an meinem Platz zu verbringen.«

Kurz darauf kochte sich Isabell wie angekündigt zeitlupenartig einen Kaffee, während Anna längst mit ihrer dampfenden Teetasse in der Hand dastand und sich unwohl dabei fühlte, derart viel Zeit mit Trödeleien zu verbringen. Isabell war es gerade recht, dass sie erst lange nach allen anderen an ihren Plätzen ankamen, wo Anna Isabells Aufmerksamkeit pflichtbewusst in Richtung Arbeit zu lenken versuchte. Es war vergebens; Isabell starrte vor sich hin, bis sie sanft von Anna darauf hingewiesen wurde, dass mittlerweile zwei Stunden des Arbeitstages verstrichen waren, ohne dass Isabell es zu etwas Nennenswertem gebracht hätte.

Die sah sie mit großen Augen an. »Weißt du, was das Problem ist?«

»Na?« Anna zog die Augenbrauen hoch.

»Ich habe absolut keine Ahnung von den Themen, die heute gepostet werden sollen. Schlimmer noch, sie langweilen mich.« Sie ließ sich auf ihrem Stuhl ein Stück nach unten rutschen und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Nein, selbst, wenn ich alles in meinem Gehirn durchwühle, finde ich nichts Spannendes dazu.« Isabell setzte sich wieder aufrecht hin, griff nach ihrem Handy und updatete ihre Social Media-Feeds. Wie immer, wenn sie nicht weiterwusste oder -wollte.

Anna band derweil ihre schulterlangen Haare zu einem hochsitzenden Knäuel, schob die Ärmel ihrer weißen Bluse ein wenig höher und ließ ihre Hände konzentriert über der Tastatur schweben. Dann runzelte sie die Stirn und seufzte. Wo genau sie mal eben ein süßes Tierjunges aufstöbern sollte, hatte Armin natürlich nicht verraten. Ihr blieb nur, eine verzweifelte Idee nach der anderen zu verfolgen, was sich jedoch als ergebnislos erwies. Anna grübelte sich durch diese Angelegenheit, bis das erschöpfte Kreativzentrum in ihrem Kopf an einer Stelle angelangt war, an der es Anna vorschlug, sie könnte doch ein Tierbaby erfinden. Armin würde ohnehin nicht persönlich bei dem natürlich leider sehr weit entfernten Zoo vorfahren, um ihre Story zu überprüfen, versprach Annas Gehirn ihr. Sie schmunzelte, bevor sie die absurde Überlegung verwarf.

»Sag mal, hast du in der Mittagspause schon etwas vor?«, fragte Isabell plötzlich. »Ich bräuchte dich für ein paar Schnappschüsse.«

Anna – womit sie in Isabells Augen eine ähnlich häufige Spezies wie Einhörner war – lag alles rund um Beautythemen zwar so fern wie das noch aufzustöbernde Tierjunge, aber sie erklärte sich trotzdem regelmäßig bereit, sie zu unterstützen. Egal wie erfolgreich oder erfolglos sie auch sein mochte, wie viele oder wenige Likes ihre Posts erhielten, Isabell hielt an ihrem Traum fest. Das mochte Anna. Sie übersprang ihre Zusage und fragte: »Mit einem gemalten Herzchen auf dem Foto?«

Hierin lag ein lange unentdecktes und weitestgehend geheimes Talent von Anna, von dem sie zwar nicht wusste, woher es rührte, das Isabell sich aber nur zu gerne zunutze machte: Anna konnte freihändig und im ersten Anlauf perfekte, absolut Posting-würdige Herzchen auf Displays malen, wofür Isabell mindestens vier Anläufe brauchte, bestehend aus fortwährendem Zeichnen-Löschen-Zeichnen-Löschen.

»Du weißt, worauf es ankommt«, antwortete Isabell.

Um Punkt zwölf Uhr stand sie vor Annas Tisch parat, ihre Lidschatten-Palette, die sie mit sich führte wie andere eine Packung Taschentücher, in der einen Hand, ihr Smartphone und ihr Portemonnaie in der anderen Hand. »Damit ich dir hinterher noch etwas spendieren kann für deine Mühe«, sagte sie bei Annas Blick darauf und ließ das Kleingeld darin klimpern. »Ich dulde keine Widerrede«, schob sie hinterher, als Anna den Mund öffnen wollte, um genau das zu tun. Für Anna fiel es unter die Kategorie Freundschaftsdienst, dass sie auf Isabell wartete, während diese Glitzer auf ihre Augenlider tupfte, um danach das Ergebnis in einigen Nahaufnahmen festhalten zu lassen.

»Perfekt!«, sagte Isabell, als Anna ihr das Smartphone wiedergab und sie durch die Bilder scrollte. »Da sind viele schöne dabei. Nachher noch ein paar Herzchen, dann bist du erlöst.«

Die Foto-Aktion hatte länger gedauert als ursprünglich geplant, doch die beiden ließen sich trotzdem nicht davon abhalten, einen Abstecher zu ihrem Lieblings-Café zu machen, das nahe der Redaktion auf der anderen Seite des Marktplatzes lag.

»Robert ist immer so kurz angebunden«, beklagte sich Isabell auf dem Weg und wechselte somit das Thema – weg von ihrer Wunsch-Karriere, hin zu ihrem anderen Lieblingsgesprächsinhalt. »Ich glaube, wenn ich ihn nicht um ein Date bitte, wird er nie merken, dass ich ihn interessant finde.«

»Möglich«, sagte Anna und zuckte mit den Schultern, so gut die behighheelte, wegen des uneben gepflasterten Marktplatzes schraubstockartig festgeklemmte Isabell an ihrem Arm es zuließ. »Ich kann indessen nur hoffen, dass mir Mr. Right eines Tages zufällig begegnet und er entweder auf mich zukommt oder ich mutig genug bin, ihn anzusprechen. Wobei wir beide wissen, dass das vermutlich nicht passieren wird.« Über Annas Gesicht huschte ein Schatten.

»Hat sich bei dir in letzter Zeit nichts getan? Nicht mal vielversprechende Augenkontakte an der Supermarktkasse oder etwas Vergleichbares?«

Anna bewunderte Isabell dafür, alles, inklusive ihres Liebeslebens, unbeschwert zu nehmen, wie es kam. Ganz im Gegensatz zu Anna, die zu oft dazu neigte, vor lauter Gedanken die Schönheiten, die Leichtigkeit des Lebens zu verpassen. Was es auch sein mochte, was andere Menschen in diesen Momenten erlebten – sie war zwar dabei, doch der Augenblick gehörte nicht ihr. Obwohl sie sich dessen schmerzlich bewusst war, hatte sie noch keinen Ausweg aus dieser Misere gefunden.

»Schön wär’s«, sagte Anna. »Darum steht es ähnlich dürftig wie um die Erfüllung von Armins Tagesauftrag.«

»Es kann nur besser werden«, erwiderte Isabell und tätschelte Annas Arm. »Du wirst deine große Liebe schon finden. Oder sie dich. Stell dir mal vor, wie du eines Tages mit ihm hier entlangschlenderst.«

Tatsächlich war ein sehnsüchtiger Funke in Anna ganz besonders bereit, sich zu verlieben. Bisher hatte sie jedoch nur beim Lesen von Romanen Happy Ends erleben dürfen. Immerhin dort konnte sie sich in romantische Geschichten flüchten, die vielleicht nicht geradlinig verliefen, aber doch unausweichlich zu einem glücklichen Ende führten. Sie liebte es, zu sehen, wie ein Wort ums nächste sich zu den anderen gesellte, wie sich Stück für Stück eine Liebesgeschichte entspann, die sie sich für ihr eigenes Leben nur erträumen konnte. Nicht zum ersten Mal breitete sich Enttäuschung in ihr aus, wieder dachte sie an ihre verlorene Liebe, obwohl ihr Verstand abermals anmerkte, dass sie damit aufhören musste. Ihr war nicht entgangen, dass sie ihre Gedanken, Teile ihres Lebens zwar wie Perlen auffädeln konnte, an diesem Knoten aber stockte und so die Kette niemals vollenden und schließen konnte. Was wiederum dazu führte, dass all ihre Perlen unaufhaltsam hinabglitten und Anna sie mühsam zusammenklauben und von vorne anfangen musste.

Isabell, die, wie ihr Blinzeln erahnen ließ, vermutlich bis eben genießerisch ihr Gesicht der Sonne entgegengestreckt hatte, warf ihr einen prüfenden Blick zu, den Anna mit einem stummen, aufflammenden Lächeln erwiderte. Sie wusste, dass Isabell sich vorstellen konnte, was ihr durch den Kopf ging. Aus ihrer anfänglichen Schicksalsgemeinschaft des Arbeitsplatz-Teilens war schnell eine Verbindung geworden, die weit über das Kollegentum hinausreichte. Isabell hatte es durch ihre offenherzige Art in rasender Geschwindigkeit vermocht, Anna zumindest ihr gegenüber hinter ihrer Schüchternheit hervorzulocken. Sie hatten angefangen, ihre Leben miteinander zu teilen.

»Ich halte die Augen offen«, versuchte Anna, an ihr Gespräch anzuknüpfen. Dabei gab sie sich, jegliche Sehnsucht möglichst verbergend, optimistischer, als ihr zumute war.

»Auch in einer kleinen Stadt wie dieser sind sicher tolle Männer zu haben. Wir wissen nur noch nicht, wo genau. Aber wie würde Armin jetzt sagen?«

»Nie den Mut verlieren!«, ertönte es von Anna und Isabell beinahe synchron, was Anna ein Schmunzeln auf die Lippen zauberte.

Als sie die Warteschlange vor dem Café erreichten, verstummte ihr Gespräch. Anna streckte sich, um die Tageskarte lesen zu können, Isabell, um den Kassierer näher zu inspizieren, der ihr fast so gut gefiel wie Robert.

»Was wollen wir nehmen? Kuchen? Oder was Richtiges?«, fragte Anna.

»Egal, Hauptsache, Robert 2.0 bedient uns«, erwiderte Isabell. Anna glaubte sofort, dass sie alles essen würde, solange es nur von jenem bestimmten Angestellten verkauft wurde.

Während die Schlange langsam vorrückte, richtete Isabell es geschickt so ein, dass sie von Robert 2.0, der laut seinem Namensschild eigentlich Alex hieß, bedient wurden. Anna beobachtete, wie Isabell ihm mit spielerischer Mühelosigkeit ihr kokettes Lächeln zuwarf, als sie bei ihm bezahlte. Anna hätte etwas Derartiges nicht gekonnt, geschweige denn, dass sie gewusst hätte, was sonst zu tun gewesen wäre. Bei ihr stand »Flirten-können« lediglich auf der Liste wünschenswerter Talente, doch Isabell war da anders. Die zahlte in Fällen wie dem heutigen gerne mit Bargeld, zum einen, um beim Scheinüberreichen einen Handkontakt herzustellen, zum anderen, um möglichst liebenswürdig zu flöten: »Tut mir leid, ich habe es leider nicht kleiner.«

Alex lächelte seinerseits charmant und sagte mit vermutlich extra betörender Stimme: »Kein Problem. Den Schein kann ich wechseln.« Wenn jemand so etwas in sexy sagen konnte, dann er, befand Isabell im Nachhinein, als sie und Anna mit ihren Getränken und je einem Salat zum Mitnehmen von dannen zogen, um die Mittagspause und Armins Geduld mit ihnen nicht völlig überzustrapazieren. Außerdem galt es in Annas Fall, endlich ein entzückendes Tierjunges aufzustöbern.

Dass dies das letzte Mal gewesen war, dass Anna unbedarft das Café besucht hatte, dass das Schicksal dort etwas auf sie zu lenkte, von dem sie bislang kaum zu träumen wagte, konnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht wissen.

KAPITEL 2 – ANNA

Am nächsten Morgen war davon allerdings noch nichts zu sehen. Vielmehr war Anna damit beschäftigt, ihre Schreibutensilien zusammenzusuchen. Sie hatte sich kurzerhand entschieden, zum Café zu radeln, um dort die Schreibarbeit aufzunehmen, von der sie zu Hause durch Banalitäten des Alltags nur abgelenkt werden würde. Dabei war es höchste Zeit, dass sie für Davie in die Tasten tippte, um möglichst bald eine neue Kindergeschichte für ihn fertigzustellen. Also packte Anna unter den verliebten Augen des perfekten Paars all ihre Sachen in das Körbchen ihres Fahrrads und trat beherzt in die Pedale, mit jedem Tritt ihrer Geschichte näherkommend. Wie viel Geschichte – und obendrein eine vollkommen andere, als sie jetzt noch dachte – gleich auf sie zu geschritten kam, war für sie nicht abzusehen. Dabei wusste sie eigentlich, dass alles, und so auch die scheinbar banale Entscheidung, auszugehen, anstatt zu Hause zu bleiben, seine Konsequenzen hatte.

Im Café wurde sie dieses Mal nicht von Alex, sondern von der Inhaberin namens Melanie bedient. Wenn Alex da gewesen wäre, hätte Anna natürlich ihr Handy gezückt und, ganz wie es die Pflicht einer guten Freundin war, Isabell über diesen Sachverhalt informiert. Aber so hatte sie sich lediglich einen Chai Latte geben lassen und sich in die hintere Ecke des Cafés gesetzt, das für Effelsbacher Verhältnisse modern, mit viel Holz und beigen Kissen eingerichtet war. Seit über einer Stunde saß sie an dem schmalen Tisch vor ihrem Laptop und hatte immerhin Schritt eins vollzogen und im aufgekeimten Optimismus ihr Schreibprogramm geöffnet. Allerdings war es dabei geblieben. Sie hatte kein einziges Wort getippt. Dabei hatte sie ihrer Cousine Sophie versprochen, schnellstmöglich Nachschub für Davie zu liefern, der laut Sophie immer vehementer drängelte. Und nicht nur er wartete ungeduldig – auch seine Freunde saßen Anna im Nacken, erfreuten sich doch ihre Geschichten ebenso bei ihnen großer Beliebtheit. So sehr, dass Sophie Anna mehrmals gedrängt hatte, ihre Werke anständig zu veröffentlichen und nicht nur ausgedruckte Exemplare zu verteilen. Anna hatte gelobt, es sich überlegen zu wollen. Jetzt war das jedoch kein Thema, denn um eine Geschichten-Sammlung zusammenzubekommen, müsste sie erstmal neue schreiben. Was sie aktuell nicht tat.

Stattdessen drehte sie das sanft leuchtende, bunt gemusterte Windlichtglas auf ihrem Tisch erst in die eine, dann in die andere Richtung und beobachtete, wie die Farben auf der Tischplatte tanzten, während sich der pudrige Wachsgeruch um ihre Nase schmiegte. Sie hatte gehofft, dass ihr irgendwann die zündende Idee kommen würde, doch bislang bestanden Annas Gedanken im Wesentlichen aus Tagträumen und den Inhalten verschiedener Bücher, die sie einmal gelesen hatte. Nun bereute sie es, im Vorfeld nicht gründlicher darüber nachgedacht zu haben, worüber sie schreiben wollte. Es fehlte ihr an einigem: den Figuren, der Geschichte, dem Setting. Also genau genommen an allem.

Anna seufzte. Mittlerweile wäre sie damit zufrieden gewesen, sich ein paar Notizen zu machen, wenn sie schon nicht drauflos schreiben würde, doch selbst dafür fehlte ihr der Funke der Inspiration. Obendrein war es nicht hilfreich, dass sie mittlerweile hoffen musste, dass die Angestellten sie nicht ansprechen und darauf hinweisen würden, dass kein Mensch drei Stunden brauchen konnte, um einen kleinen Chai Latte zu trinken, selbst nicht, wenn man nebenbei arbeiten würde. Annas Glück war dabei einzig, dass die Inhaberin die Tochter einer Kollegin von Annas Mutter war. Daher kannte man sich mehr oder minder über drei Ecken und es wäre einem Affront gleichgekommen, wenn man eine Quasi-Bekannte aufgefordert hätte, zu gehen. Auf diese Weise hatte Anna wohl bei einigen Leuten eine Art Sitzplatzgarantie, denn Annas Mutter kannte dank ihrer geschwätzigen Kontaktfreudigkeit, die offenkundig nicht auf ihre Tochter abgefärbt hatte, gefühlt die gesamte Bevölkerung der Gegend. Vermutlich hätte sie Anna problemlos mit Informationen versorgen können, hätte sich ihr je die Frage aufgedrängt, was jeder einzelne ihrer Kindergartenfreunde inzwischen arbeitete oder was der Großcousin fünften Grades irgendeines entfernten Bekannten zuletzt erlebt hatte.

Als Anna bemerkte, dass ihre Gedanken viel zu weit abgeschweift waren, schüttelte sie kurz und schnell ihren Kopf und richtete sich auf. Dann seufzte sie noch einmal. Ihre Gedanken trippelten auf der Stelle wie ein Dressurpferd es tat, wenn sein Reiter es verlangte. Nur dass es bei Anna ungewollt war. Sie hätte viel dafür gegeben, wenn man ihrer Fantasie einen Schubs gegeben hätte.

In diesem Augenblick ahnte sie nicht, dass in wenigen Sekunden der herbeigesehnte Schubs nicht nur kommen, sondern stärker werden würde als erwartet, wenn die Eingangstür aufging. Allerdings zielte er in eine völlig andere Richtung, als Anna jetzt noch hoffte.

KAPITEL 3 – PHILIPP

Philipp lief schnellen Schrittes über den Effelsbacher Marktplatz, zu schnell, um an diesem erstaunlich warmen Frühsommervormittag nicht ins Schwitzen zu geraten, in die Richtung eines kleinen Cafés. Wenn er dort ankam, würde sein weißes Hemd vermutlich an seinem Oberkörper kleben; das hasste er wie kaum etwas anderes. Der schwere Rucksack mit seinem Equipment auf der Schulter trug sein Übriges dazu bei, dass sein Rücken sich immer feuchter anfühlte. Am liebsten wäre Philipp umgedreht, aber er holte sich jeden Samstag, also auch heute, einen Kaffee, bevor es für ihn an die Arbeit ging.

Das Café lag nicht weit entfernt von seiner Wohnung, die sich wiederum direkt über seinem Laden befand. Seit nunmehr knapp drei Jahren war er stolzer Inhaber des einzigen Fotoladens in Effelsbach, ein Geschäft, das er von seinen Eltern übernommen hatte. Das Schicksal hatte es so für ihn vorgesehen, daran war nichts zu ändern. Aber wenn man ihn gefragt hätte, hätte er gesagt, dass er seine Arbeit mochte. Er fühlte sich wohl in dem Geschäft, zumal sein bester Freund aus Schulzeiten, Moritz, sich dazu hatte hinreißen lassen, ihn als Mitarbeiter zu unterstützen. Was damals als zeitlich begrenzte Übergangslösung angefangen hatte, war ausgeufert und darin gemündet, dass Moritz nicht mehr gegangen war und sich stattdessen tief in die Materie eingearbeitet hatte. Moritz‘ Arbeit war für Philipp von unschätzbarem Wert, wenngleich der Haken darin bestand, dass am Monatsende zwei Gehälter übrigbleiben