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Regel Nummer eins, wenn du einen neuen Job anfängst: Finger weg von deinem (heißen) Kollegen! Cathy bekommt die Chance ihres Lebens und fängt als Hauptdarstellerin bei der Serie „Deadly Races“ an. Sie glaubt, ihren Traum von der großen Schauspielkarriere endlich ausleben zu können. Die goldene Regel, keine sexuellen Beziehungen innerhalb des Filmsets einzugehen, ist für sie kein Problem, denkt sie. Ein kleiner One-Night-Stand am Tag vor Drehbeginn mit einem mysteriösen Fremden kann allerdings nicht schaden, glaubt sie. Als jedoch genau dieser Typ am nächsten Morgen am Filmset als Stuntman antritt, gerät ihre Welt ins Wanken. Von nun an sollen sie täglich eng zusammenarbeiten. Viel Zündstoff liegt in der Luft und das liegt nicht nur an den heißen Stunts und dem schleimigen Produzenten, der ein Auge auf Cathy geworfen hat. Achtung: Teil 2/2 Dieses Buch ist eine Neuauflage des Romans mit dem Titel „Hollywood Nights“ und „Ein Stuntman zum Verlieben“.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
ALL YOUR DIRTY LIES
Ein Liebesroman in zwei Bänden
Teil 2
Von J.K. Mooning
Inhalt
Regel Nummer eins, wenn du einen neuen Job anfängst: Finger weg von deinem (heißen) Kollegen!
Cathy bekommt die Chance ihres Lebens und fängt als Hauptdarstellerin bei der Serie „Deadly Races“ an. Sie glaubt, ihren Traum von der großen Schauspielkarriere endlich ausleben zu können.Die goldene Regel, keine sexuellen Beziehungen innerhalb des Filmsets einzugehen, ist für sie kein Problem, denkt sie.
Ein kleiner One-Night-Stand am Tag vor Drehbeginn mit einem mysteriösen Fremden kann allerdings nicht schaden, glaubt sie.
Als jedoch genau dieser Typ am nächsten Morgen am Filmset als Stuntman antritt, gerät ihre Welt ins Wanken.
Von nun an sollen sie täglich eng zusammenarbeiten. Viel Zündstoff liegt in der Luft und das liegt nicht nur an den heißen Stunts und dem schleimigen Produzenten, der ein Auge auf Cathy geworfen hat.
Dieses Buch ist eine Neuauflage des Romans mit dem Titel „Hollywood Nights“ und „Ein Stuntman zum Verlieben“.
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
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Diese verfickte Bitch!!! Kochend vor Wut stürmte ich aus dem Cocktails and Billards. In mir brannte und brodelte der Hass, wie ich es noch nie erlebt hatte. Aaaaaaaaaaah!
Wie gerne hätte diesem arroganten Arsch Simon Sparrow eine mitten in die Fresse gegeben. Hart auf die Nase, bis das Blut in alle Richtungen spritzte. Meine Faust hatte bereits gezuckt und ich WOLLTE in diesem Moment nichts lieber, als zurücklaufen und ihm eine reinhauen.
Doch ich tat es nicht. Dafür war ich zu intelligent, in diesen Dreck ließ ich mich nicht hineinziehen. Das war unterste Schublade, bodenloses Niveau. Man küsste keine Frau, die einem anderen gehörte. So etwas war Abschaum, ER war Abschaum!
Genau wie sie.
Die letzten Meter zu meiner Harley Helena flog ich beinahe. Ich musste weg, nur weg von hier, bevor ich mich nicht mehr im Griff hatte und noch mehr Unüberlegtes tat. Es reichte bereits, dass ich meinen Billard-Queue, mehrere Stühle und alles, was mir sonst noch in den Weg gekommen war, zertrümmert hatte.
Verdammt! Plötzlich sah ich wieder rot und konnte mich nicht mehr halten. Ich brüllte: „Verdammte fucking Bitch!!!“, und trat dabei mit voller Wucht auf mein Motorrad ein. Wieder und wieder, so fest ich konnte. Der Schmerz in meinem Knie stach sofort ein, was mir gerade recht kam. Schmerz und Wut ergänzten sich perfekt. Wieder schrie ich, dieses Mal animalisch klingende Brülllaute statt Worte. Zorn bahnte sich seinen Weg durch meinen Körper, wallte in Wogen durch ihn hindurch und kam als Schreilaut wieder heraus. Währenddessen trat ich immer noch auf Helena ein. Das Metall verbog sich, ihr Schutzblech brach an einer Stelle ab. Scheißegal. Der Lack splitterte, ich trat weiter auf sie ein. Nur weil sie direkt an der Hauswand stand, fiel sie nicht um. Es schepperte und krachte mit jedem Tritt und genau das tat unglaublich gut. Ich stellte mir vor, dass es nicht Helena war, auf die ich eintrat, sondern dieser Kotzbrocken Sparrow. In meiner kranken Fantasie stand Cathy daneben und weinte bittere Tränen.
Lass ihn, tu ihm nicht weh, Ryan. Ich liebe ihn doch! Du warst nur eine kleine Affäre für mich. Es war ganz nett mit uns, mehr aber nicht. Jetzt ist er dran. Du bedeutest mir nichts, hast es noch nie getan.
Tränen der Wut und des Schmerzes brannten in meinen Augen, mit jedem Tritt stachen hundert Messerstiche in mein Knie. Mein schwarzes, ärmelloses Shirt klebte nass auf meiner Haut, aus meinen Haaren floss Schweiß herab und rann die Stirn entlang über mein Gesicht.
„Ryan?“, hörte ich plötzlich eine Stimme, als die Bartüre sich öffnete. Sie gehörte zu Ed, meinem Stuntkoordinator. Verdammt, auch das noch! Er durfte mich nicht so sehen, keiner sollte mich so sehen. Plötzlich schämte ich mich für mein irrationales Verhalten. Immerhin war er mein Chef UND mein Freund. So hatte er mich garantiert noch nie erlebt. Ich mich selbst ja auch nicht.
„Ryan, komm schon, lass uns reden. Wir gehen zu mir. Bleib ruhig, es gibt bestimmt eine Erklärung“, redete er beschwichtigend auf mich ein. Er sprach sanft, wie zu einem verletzten Tier, was mich erneut in Rage brachte. Himmel noch mal, ich brauchte sein Mitleid nicht. Dieser verräterische Hund!
„Einen Scheiß gibt es! Ich will nichts hören, lass mich in Ruhe und tröste weiterhin diese verlogene Tussi. Das hast du doch gerade getan, nicht?! Als ob SIE Zuspruch nötig hätte. Ach, egal, ist doch alles Bullshit hier, ich hau ab.“
Zitternd vor Wut und Scham zugleich zog ich den Helm über, schwang mich unter Schmerzen auf die schwer angeschlagene Helena und ließ ihren Motor aufjaulen. Sie bockte auf, das Vorderrad hoch in der Luft. Dann ließ ich diese ganze Drecksbande mit quietschenden und rauchenden Reifen hinter mir. Die konnten mich alle mal gern haben!
Ich fuhr einigermaßen zivil, versuchte, mich zu beherrschen und nicht meinen Hals zu riskieren. Wie so oft hatte ich nichts getrunken, was mir nun zugutekam, da ich vollkommen fahrtüchtig war. Ziellos, fuhr ich los, so schnell wie möglich und so weit weg wie nötig. Auf dem Highway angekommen, gab ich endlich Gas. Ich hatte die Kontrolle über Helena und das tat gut, beruhigte meine Nerven. Auch wenn mir alles entglitt, kontrollierte ich immerhin noch mein Motorrad. Also ließ ich mich treiben, fuhr blindlings in die Nacht hinein. Landschaften schossen an mir vorbei. Strände, trockene Ebenen, Städte in der Ferne. Ich fuhr immer weiter. Genoss das monotone, beruhigende Motorengeräusch und den kühlenden Fahrtwind. Meine Lederjacke hatte ich in der Bar vergessen, wie mir plötzlich auffiel. Eine Gänsehaut breitete sich auf meinen nackten Armen aus. Diese Kühle war wie eine Wohltat für mein erhitztes Gemüt.
Nach und nach gelang es mir, die zerstörerischen Gedanken auszublenden. Ich ließ mich fallen, konzentrierte mich nur auf den Geschwindigkeitsrausch und den Moment. Langsam bekam ich wieder etwas emotionalen Boden unter den Füßen. Jedenfalls, solange ich das Geschehene verdrängen konnte. Es tat gut, einfach nur in dieser Sekunde zu leben.
Ich fuhr immer weiter. Atmete ein und aus. Wieder und wieder. Machte einen Atemzug nach dem anderen, ganz einfach. Das war alles, zudem ich augenblicklich fähig war.
Irgendwann war ich mitten in der Einöde gelandet, jenseits der Großstädte, fern der tausend Lichter. Hier war es herrlich ruhig und die Landschaft atemberaubend schön. Tief einatmend nahm ich den Sternenhimmel über mir wahr. Sterne und Planeten, an denen ich in Hochgeschwindigkeit vorbeiflog. Der Mond war dabei stets an meiner Seite, als treuer Begleiter.
Einige Minuten später hielt ich an, in einem winzigen Kuhdorf am gefühlten Ende der Welt. Als ich mich umblickte, entdeckte ich eine kleine, geschützte Stelle am Waldrand, direkt bei einer Lichtung. Gigantische Mammutbäume ragten daraus empor. Schnell schob ich Helena hinter ein Gebüsch, das sie völlig verdeckte, während ich mir einen der riesigen Redwood–Bäume aussuchte. Sein mächtiger und breiter Stamm hatte einen geschätzten Durchmesser von sechs Metern. Er war fest im Boden verankert und seine Spitze ragte weit hoch, bis in den Himmel hinein. Ich nahm an, dass er um die hundert Meter maß. So groß und stark wie er war, bot er mir Schutz, kurzum, das war genau das, was ich jetzt brauchte. Ich lehnte meinen Oberkörper gegen seinen Stamm und schlief augenblicklich ein.
***
„Sieh mal, Mami, da liegt ein toter Mann!“
Eine piepsige Stimme, die eindeutig zu einem Kind gehörte, drang langsam in mein Bewusstsein.
„Nein, Schatz, der ist nicht tot. Wie kommst du denn darauf?“, antwortete dem Kind eine erwachsene, weibliche Stimme.
„Weil der überall Blut auf seinem Shirt hat. Und schau mal, seine Fingerknöchel sind ganz offen und blutig. Wie bei den Mördern in Papas Filmen, die er immer schaut.“
„Waaas...?!“, kam es entgeistert zurück, während ich mich noch nicht dazu bringen konnte, die Augen zu öffnen.
„Ja, jeden Samstag, wenn du bei deiner Freundin bist, schaut er coole Filme mit mir. So werde ich ein richtiger Mann.“
„Wer sagt das, Papa etwa? Mami redet später mal mit ihm. Du darfst solche Filme noch nicht schauen, das ist viel zu gruselig, du bist erst fünf. Und der Mann hier ist nicht tot, vermutlich nur betrunken. Warte mal, das haben wir gleich.“
Um mich herum raschelte es plötzlich, Schritte entfernten sich, dann hörte ich ein lautes Knacken. Nach einer kurzen Stille, in der ich inständig hoffte, die beiden würden wieder verschwinden, näherten sich die Schritte wieder. Plötzlich spürte ich eine Hand an meiner Schulter, die mich sanft rüttelte.
„Sir, hallo? Geht es Ihnen gut? Haben Sie Schmerzen, soll ich einen Arzt rufen?“
Scheiße.
Langsam und nur mit äußerster Mühe gelang es mir, meine Augen zu öffnen. Die Frau war gut 1,80 groß und kräftig gebaut. In ihrer freien Hand hielt sie einen dicken Ast als Waffe gezückt.
„Machen Sie keine Dummheiten, Mister, ich bin im Kampftraining ausgebildet.“
Das war eine Lüge, wie ich augenblicklich heraushörte. Ihre übertriebene Selbstsicherheit war gespielt. Dennoch zweifelte ich nicht daran, dass sie sich Männern gegenüber sehr gut behaupten konnte. Sie erinnerte mich an eine Bärenmutter, die mit allen Kräften ihr Junges beschützte. Doch von mir hatte keiner der beiden etwas zu befürchten.
„Ich denke gar nicht daran, Ihnen etwas anzutun. Bin bloß ein harmloses Weichei, auf dem die Frauen herumtrampeln“, platzte es aus mir heraus. „Eine macht das jedenfalls, die Einzige, die wirklich zählt.“
Erschrocken über meine plötzliche Offenheit, verzog ich das Gesicht. Ich war sonst nicht der Typ, der Fremden sein Seelenleben offenbarte. Verflixt, dies alles nahm mich viel zu sehr mit.
Schlagartig änderte sich ihr Gesichtsausdruck von Misstrauen zu Mitleid.
„Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie sehen reichlich mitgenommen aus. Ich würde gerne einen Arzt rufen, der Sie gründlich durchcheckt. Nicht, dass da etwas gebrochen ist. Ihre Knöchel, zum Beispiel.“
Erstaunt blickte ich auf meine Hände und sah nun den Grund ihrer Besorgnis. Sämtliche Fingerknöchel meiner beiden Hände waren blutverkrustet, ebenso erkannte ich deutliche Schnittwunden an den Handkanten. Hände und Unterarme, sowie mein Shirt, waren mit dunklen Blutspritzern übersät. Fuck! Woher kam das denn? Ich hatte nichts davon bemerkt. Musste wohl in der Bar passiert sein, als ich diverse Einrichtungsgegenstände in meiner Wut zerschmettert hatte. Dunkel erinnerte ich mich daran, dass ich sogar mit bloßen Fäusten auf die Wand eingeboxt hatte. Herrje, mein körperlicher Zustand musste den beiden ja Angst machen. Tief sog ich die frische Waldluft in meine Lungen und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Es funktionierte, mein Verstand arbeitete wieder und ein Mantel der Ruhe hüllte sich um meinen Geist.
Ich habe es immer noch drauf, stellte ich erleichtert fest. Die indianische Ruhe, sie ist in mir. Ich muss mich darauf konzentrieren. Genau das tat ich jetzt.
„Lady“, begann ich lässig in Cowboy-Manier, „ich brauche keinen Arzt, das sind nur oberflächliche Wunden, nicht der Rede wert. Und wer bist du, kleiner Mann?“, wandte ich mich an den Winzling, der in einigen Metern Entfernung hinter seiner Mutter stand.
„Ich bin Norman und du?“
„Ryan. Mein Name ist Ryan.“
Der kleine Kerl schaute mich aus seinen blauen Augen neugierig an.
„Bist du ein echter Mörder? So einer, wie die aus Papas Filmen?“ Entsetzt sog seine Mum die Luft ein und wollte ihn augenblicklich ermahnen. Doch ich kam ihr zuvor und schnitt ihr mit einer beruhigenden Geste das Wort ab.
„Nein, ich hab nichts Böses getan. Ich war nur sehr wütend und hab dummerweise ein paar Stühle kaputtgemacht“, erklärte ich Norman, der mich empört ansah.
„Das darf man aber nicht. Man darf nichts kaputtmachen, dann kommt man ins Gefängnis“, schlaumeierte er.
„Nein, deshalb nicht. Man muss die Stühle allerdings wieder reparieren oder neue kaufen.“
„Aha. Und warum warst du so wütend?“
„Weil ein fieser Kerl meine Freundin geküsst hat.“
„Oh“, ertönte es gleichzeitig aus zwei Mündern.
Die Mutter übernahm wieder und streckte mir die Hand hin.
„Ich bin Rita. Tut mir leid, dass Ihnen so etwas passiert ist. Aber wir müssen nun schleunigst nach Hause. Am besten noch bevor mein Mann sich Sorgen macht und die komplette Polizeieinheit losschickt, um den Kleinen und mich zu suchen. Sind Sie sicher, dass Sie keinen Arzt brauchen, Mr. ...?
„Carter, Ryan Carter. Nein, ganz bestimmt nicht. Das sind bloß ein paar Kratzer. Mir geht es gut.“
Sie fuhr sich durch die wilde Lockenfrisur, die einer Hexenmähne ähnelte. Ernst musterte sie mich. Schließlich nickte sie knapp und meinte:
„Gut, Sie sind erwachsen, das können Sie selbst beurteilen. Gute Besserung!“
Mit diesen Worten wandte sie sich ab und zog den unwilligen Norman hinter sich her. Ich war mir sicher, er hätte sich gerne noch etwas mit mir unterhalten. Allerdings war mir klar, dass ich meine Fassade der Lässigkeit nicht mehr lange aufrechterhalten konnte, bevor die Wut mit voller Macht zurückkam.
Erleichtert blickte ich den beiden hinterher, als sie fort eilten. Plötzlich drehte sich die Frau noch mal um und rief mir zu:
„Und viel Glück mit Ihrer Lady, Mr.! Reden Sie noch mal mit ihr. Vielleicht war alles nur ein dummes Missverständnis.“
Verärgert schüttelte ich den Kopf. Da war er wieder, mein neuer Begleiter, der Zorn.
„Nein, sie ist ein mieses Stück. Dieses Miststück hat ihn vor meinen Augen geküsst, da gibt es nichts falsch zu verstehen“, brüllte ich ihr zu.
Überrascht von meinem Zornesausbruch stolperte sie beinahe, nahm ihren protestierenden Sohn auf den Arm und eilte im Affentempo vor mir davon. Besser: Sie flüchtete.
Endlich war ich wieder alleine mit mir selbst. Doch die Illusion der Ruhe war dahin und ich sehnte mich nach meinem bequemen Bett und den eigenen vier Wänden um mich herum, egal, wie klein meine Bude auch war. Das Vibrieren meines Smartphones in der Tasche erinnerte mich wieder an das kleine Biest, Cathy. Wie hatte ich mich dermaßen in ihr täuschen können? Bisher hatte ich mich stets auf meine Menschenkenntnis verlassen können. Hm, mein inneres Arschloch-Radar hatte versagt. Er funktionierte offenbar nicht bei Frauen.
Seufzend zog ich das Handy raus und warf einen Blick auf das Display. Dreizehn Anrufe in Abwesenheit, acht Kurzmitteilungen. Genervt drückte ich den Off-Knopf des Handys. Ich war nicht erreichbar, egal für wen. Und für Miss Cathelyn Bruckheimer schon gar nicht. Boah, am liebsten würde ich sie packen und schütteln für das, was sie mir angetan hatte. Erst spielte sie mir die verletzte Frau mit Schutzpanzer vor und dann betrog sie mich – vor meinen Augen und denen unserer Kollegen. Denn es hatten sich gestern Abend viele von der Crew im Cocktails and Billards aufgehalten. Die dummen Sprüche, die am Montag folgen würden, konnte ich jetzt schon erahnen.
Es war mir völlig einerlei, was die anderen über mich dachten. Ich wollte nur nicht ständig durch blöde Sprüche an Cathy erinnert werden. Und dies würde garantiert geschehen, weil alle es gesehen und gehört hatten. Diejenigen, die an diesem Abend nicht da waren, würden es gewiss von Spacko-Simon am nächsten Tag erfahren. Angeber, Schleimer, hirnverbranntes A... ! Mir fielen viele Namen für ihn ein, leider keiner, der meinem Abscheu und Ekel ihm gegenüber gerecht wurde.
Langsam stieß ich mich mit dem Rücken vom Redwood-Baum ab und stand auf. Alles tat weh, sämtliche Muskeln und Knochen im Leib rebellierten gegen diese Bewegung. Wie lange hatte ich hier eigentlich gesessen und geschlafen? Ich warf einen Blick auf meine schwarze Armbanduhr, ein Geschenk meiner Eltern zum 18. Geburtstag. Ein billiges Modell, weil sie sich nichts anderes hatten leisten können. Doch ich trug sie bis heute und hielt sie in allen Ehren.
Viertel nach elf. Morgens. Shit! Ich hatte keine Ahnung, wie weit weg ich von Los Angeles war, von meinem Zuhause. Gut, dass ich ein Navi-Gerät am Motorradlenker befestigt hatte. Es sah zwar nicht besonders toll aus an einer Harley, passte irgendwie nicht dazu, war aber äußerst nützlich. Besonders heute.
Der Weg zu Helena zog sich ewig in die Länge, da meine müden Glieder mir kaum gehorchten. Endlich stand ich vor ihr und zerrte sie aus dem stacheligen Gebüsch, wobei ich mir an den spitzen Dornen beide Unterarme zerkratzte. Wieder blutete es. Was soll´s, darauf kam es nun auch nicht mehr an.
Als mein Navi jedoch einen fünfstündigen Rückweg anzeigte, fluchte ich laut. Ruhig Blut!, bläute ich mir wieder ein. Erst einmal tanken und einen kräftigen Kaffee im nächsten Diner schlürfen, dann zurück nach L.A..
Fünfeinhalb Stunden später kam ich völlig erschöpft in meiner Wohnung an. Eilig schluckte ich zwei Painkillers auf einmal und wunderte mich wieder einmal, dass mein Knie in der Beweglichkeit so enorm eingeschränkt war. Irgendwie fühlte es sich wabbelig an. Instabil. Vermutlich war es doch mehr als eine einfache Prellung. Das hatte mir gerade noch gefehlt.
Plötzlich brannten meine Augen, aufgrund der Tränen, die einschossen. Ein Mann weint nicht!, war ein Sprichwort, das auf mich wohl nicht zutraf. Bei all der Scheiße, in der du steckst, ist das allerdings auch kein Wunder, dachte ich mir.
Wieso hatte sie es getan? Dieser Frage ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Ich hatte wirklich geglaubt, dass sie mich mochte. In letzter Zeit konnte sie sich mehr und mehr mir gegenüber öffnen und so Einiges von sich preisgeben. Verdammt, sie hatte mich sogar ihrem Bruder vorgestellt. So etwas tat man doch nicht, wenn einem der andere nichts bedeutet, oder?
Ich würde jedenfalls nur dann meiner Familie eine Frau vorstellen, wenn ich mir ganz sicher war, dass sie die Richtige ist. Was übrigens der Grund war, dass sie Hannah nie kennengelernt hatten. Obgleich ich sie liebte, fehlte mir immer etwas bei ihr. Das Feuer, das ich jedes Mal in Cathy Nähe spürte, zum Beispiel. Der Ausdruck in ihren Augen, wenn sie mich ansah. So gierig, beinahe süchtig nach mir. In Hannahs Augen sah ich Wärme, jedoch nie dieses abgrundtiefe Verlangen, wie bei ...
Schlag sie dir aus dem Kopf! Sie ist eine verlogene Tussi. Hat´s von Anfang an nicht ernst mit dir gemeint, redete ich mir wieder und wieder ein. Dennoch war da ein winzigkleiner, nanopartikelgroßer Teil in mir, der nicht wahrhaben wollte, dass alles vorbei war. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, fiel mir dazu passenderweise ein.
Ich war so ein Idiot! Verzweifelt kramte ich in meinem Vorratsschrank und fand eine Flasche Whiskey. In kompletter Montur, ohne mich auszuziehen, ließ ich mich rücklings aufs Bett fallen, mit der Whiskey-Flasche in der Hand. Es war ein edler Tropfen, den mir ein paar Kumpels zum letzten Geburtstag geschenkt hatten. Ich trank relativ selten Alkohol – im Vergleich zu anderen. Doch, wenn, dann durfte es keine Plörre sein, sondern etwas richtig Gutes. Whiskey war daher schon immer mein Favorit, wie auch meine Freunde wussten. Sie hatten ihn mir für besondere Anlässe überreicht. Dabei war ich mir ziemlich sicher, dass sie etwas anderes im Sinn hatten als das traurige Frustsaufen, das ich jetzt vorhatte. Tja, es war nun mal so: Heute wurde der teure Whiskey stillos getrunken. Seine einzige Aufgabe war es, mich zu betäuben und alles andere auszublenden.
Ich klemmte den Korken zwischen die Zähne und zog und zerrte so lange daran, bis er sich endlich löste. Dann setzte ich den Flaschenhals an und trank. Schluck für Schluck, bis meine Kehle brannte und die Wirkung einsetzte. Egal, ich musste am nächsten Tag erst mittags am Set auftauchen, konnte also morgens lange ausschlafen. Trinken bis zur Besinnungslosigkeit, nichts anderes hatte ich jetzt noch vor.
***
Ein penetrantes Klingeln riss mich unbarmherzig aus dem komatösen Schlaf. Verdammt, was war das, mein Handy? Wieso ging der Alarm runter, war es schon so spät? Ich tastete nach meinem Smartphone, um dem nervigen Gedudel ein Ende zu bereiten. Doch es war unschuldig, zeigte keinen Alarm an, stattdessen die Uhrzeit: 7 Uhr morgens. Wieder ertönte dieses fiese Geräusch, verflixt, wo kam das her? Nach einigen Sekunden der Verwirrung erkannte ich schließlich die Wahrheit. Es war nicht mein Handy, sondern meine Wohnungsklingel, die laut schrillte.
Wer zur Hölle wollte um diese Tageszeit etwas von mir? Empört setzte ich mich im Bett auf, was prompt mit hammermäßigen Kopfschmerzen belohnt wurde. Immer noch war mir leicht schummrig vom Alk. Die Whiskyflasche lag halb leer auf dem Fußboden und im Zimmer stank es geradezu danach. Vermutlich konnte man alleine durch die Dämpfe betrunken werden. Mühsam kämpfte ich mich aus dem Bett heraus und stolperte zur Tür. Durch den Spion sah ich ... Lisa. Zack´s Lisa, die ziemlich besorgt dreinblickte. Hä? Was wollte sie hier? Erstaunt öffnete ich die Tür und augenblicklich fiel sie mir erleichtert um den Hals.
„Gott sei Dank, du bist hier! Ich hatte mir solche Sorgen gemacht, nachdem du auf keine meiner Nachrichten geantwortet hast. Für einen Augenblick dachte ich tatsächlich, du hättest Dannys besonderen Tag heute vergessen. Aber du bist bereits angezogen, super, dann hole ich ihn gleich. Er wartet im Auto, wir haben Bagels fürs Frühstück mitgebracht.“
Plötzlich hielt sie inne und schnüffelte an mir herum. Misstrauisch nahm sie mich von oben bis unten in Augenschein. Bei meinen ramponierten, immer noch blutverkrusteten Händen und zerkratzten Unterarmen hielt sie inne. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein ungläubiges Staunen ab.
„O mein Gott! Was ist denn mit dir passiert? Wie schaust du denn aus? Und wieso stinkst du wie ´ne Schnapsdrossel? Wo kommt all das Blut her? Wer hat dir das angetan? Erzähl!“
Offensichtlich zog sie es in keine Sekunde lang in Erwägung, dass ich selbst an meinem Zustand nicht ganz unschuldig war. Im Gegenteil: Sie führte mich behutsam am Arm zurück ins Zimmer und drückte mich vorsichtig auf den Küchenstuhl. Lisa behandelte mich wie ein Kind, das Trost brauchte. Nicht wie einen Erwachsenen, der zumindest teilweise selbst Scheiße gebaut hatte, so wie ich.
„Mein armer Ryan, warte, ich brühe dir schnell einen starken Kaffee auf und du erzählst mir in Kurzform, was passiert ist. Dann muss ich aber Danny hochholen. Ich kann ihn nicht so lange alleine im Auto sitzen lassen. Also, schieß los!“
Geschickt hantierte sie in meiner Küche herum und blickte mich immer wieder aufmunternd an. Kurzfassung? Die konnte sie haben.
„Cathy hat ihren Kollegen in der Bar geküsst, ich hab´s gesehen, bin ausgerastet, war stinkwütend und hab die halbe Einrichtung zertrümmert. Daher das Blut, muss mich wohl dabei verletzt haben. Bin dann die halbe Nacht und den gestrigen Tag durch die Gegend gefahren, abends was getrunken. Fertig, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Und jetzt hol schon Danny. Weshalb seid ihr noch mal hier?“
Ratlos starrte ich sie an und sie umarmte mich noch einmal tröstend.
„Au weia, Ryan, so eine Scheiße! Es tut mir so leid wegen Cathy, wir reden da später in Ruhe drüber, ok? Dir muss es echt mies gehen, wenn du sogar Dannys Berufetag in der Pre-School vergessen hast. Du wolltest doch heute für Zack einspringen und etwas von deinem Alltag als Stuntman erzählen. Aber vorher solltest du dringend duschen und dir frische Klamotten anziehen!“
„Erst mal brauche ich Kaffee“, murrte ich, verärgert über mich selbst. Diese Schul-Aktion hatte ich tatsächlich komplett vergessen. Mist. Und mein Handy hatte ich ja gestern ausgeschaltet, deshalb hatte Lisa mich nicht erreichen können.
„Sag mal“, begann sie plötzlich und starrte mich ungläubig an. „Hast du wirklich Dinge kaputtgemacht? Das kann ich mir beim besten Willen nicht bei dir vorstellen, du bist doch sonst immer völlig gechillt. Die Ruhe in Person. Diese Cathy muss dir ganz schön an die Nieren gegangen sein, wenn du vollkommen anders reagierst als sonst.“
Ihre besorgte Miene erinnerte mich an meine eigene Mutter und auf diesen Schultag hatte ich nun wirklich keine Lust. In meiner Verfassung war dies wohl keine gute Idee.
„Mir geht´s nicht gut. Verschieben wir es einfach“, knurrte ich.
„Nein, Ryan, das geht nicht. Danny und die Klasse freuen sich schon seit Wochen darauf. Die Lehrerin hat es extra für heute eingeplant, du kannst das jetzt nicht hinschmeißen. Es würde den Kids das Herz brechen. Komm schon, Augen zu und durch, du schaffst das. Sei einfach du selbst. Nur nicht ganz so brummig und wortkarg wie sonst. In Ordnung?“
Mein knappes Nicken verursachte nur ein gespielt genervtes Augenrollen bei ihr. Sie stellte mir die XXL-Kaffeetasse gefüllt mit dem dampfenden Hallo-Wach-Getränk auf den Tisch und eilte zur Tür hinaus, um ihren Sohn zu holen.
„Und du duscht gleich, verstanden?“, rief sie mir im Gehen zu. „So kannst du da nicht auftauchen, die armen Kids kriegen einen Schock fürs Leben!“
Ich umklammerte die heiße Tasse mit beiden Händen und schnupperte daran. Der Geruch, den ich sonst liebte, verursachte heute Übelkeit in mir. Auf einmal würgte es mich vor Ekel. Verdammt, mir war speiübel! Rasch schob ich den Stuhl zurück und stolperte gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer, bevor ich mich übergeben musste.
Scheiße, weshalb fühlte ich mich dermaßen schlecht? Dunkel erinnerte ich mich daran, mehrere Schmerztabletten genommen zu haben, bevor ich mich der Whiskyflasche zuwandte. Du Idiot!, schimpfte ich innerlich, während ich mir die Seele aus dem Leib kotzte. Schmerzmittel gepaart mit hochprozentigem Alkohol - eine grandiose Idee. Kein Wunder, dass es mir heute dementsprechend mies ging.
Gefühlte fünf Minuten später öffnete sich wieder meine Wohnungstür und ich hörte Lisa mit Danny hereinkommen.
„Ich brauch noch ein paar Minuten. Fangt schon mal mit dem Frühstück an!“, rief ich ihnen durch die geschlossene Badezimmertüre zu. Au Mann, wie sollte ich nur diesen verfluchten Tag überstehen?! Als mein Körper endlich alles herausgeschafft hatte und der Würgereiz nachließ, war mindestens eine Viertelstunde vergangen.
„Onkel Ryan?“, klopfte Danny an die Türe. „Kommst du jetzt? Wir müssen schleunigst los, sonst kommen wir zur spät zur Schule, sagt Mama.“
Verflucht noch mal! In Windeseile spritzte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und wagte einen Blick in den Spiegel. Ich erschrak fast zu Tode, mein eigener Anblick war mir fremd. Weiß wie eine Wand, tiefschwarze Ringe unter den knallroten Augen, wilde Bartstoppeln ...! Außerdem stank ich jetzt auch noch aus dem Mund wie ein Iltis. Das konnte man allerdings ändern. Nach dem Zähneputzen zog ich ein T-Shirt aus dem Wäschekorb und roch daran. Erst zwei Tage angehabt, das würde schon gehen. Ok, es war zerknittert, aber besser als nichts. Ich hatte einfach nicht genug Energie, um zum Schlafzimmer zu gehen und etwas Frisches aus dem Schrank zu holen. Das blutverschmierte Oberteil warf ich einfach zu Boden, völlig kontrovers zu meiner sonstigen Ordnungsliebe.
Ich kann heute nicht zum Set, ich will ihr nicht gegenübertreten, das überleb ich nicht!, dachte ich verzweifelt.
Sofort schob ich den Gedanken beiseite. Erst einmal musste ich das Ding in der Schule überstehen, dann konnte ich mich dem anderen Mist widmen.
Entschlossen öffnete ich die Türe und trat zu Danny und Lisa ins Zimmer. Der Kleine umarmte mich stürmisch, rümpfte dann aber leicht die Nase:
„Du riechst irgendwie komisch, Onkel Ryan.“
Verwirrt blickte er mich an. Weil mir dazu keine Antwort einfiel, grinste ich ihn nur entschuldigend an und wuschelte ihm durch die blonden Locken.
„Auf jetzt!“, befahl Lisa und schob uns beide zur Türe. „Wir müssen los. Gut, dass ich nur um die Ecke geparkt habe. Sonst würden wir definitiv zu spät kommen.“
Die Fahrt zur Schule war die reinste Hölle für mich. Mehrmals musste ich Gallensäure, die mir hochkam, wieder runterschlucken. Lisa fuhr mit einem Affenzahn durch die Stadt. Drückte aufs Gas, bremste brutal wieder ab und nahm die Kurven wie ein Rallyefahrer. Mir wurde immer übler, vermutlich war ich bereits grün im Gesicht. Als wir endlich ankamen, riss ich die Türe auf und sog verzweifelt frische Luft in meine Lungen.
„Bist du bereit? Alle freuen sich schon riesig“, erklärte Danny mir aufgeregt.
„Klar, ich freu mich auch“, log ich und wappnete mich für den Kampf wie ein Sioux-Indianer vor der Büffeljagd in der Prärie.
Die Klasse empfing mich mit großem Beifall und entließ mich bereits eine halbe Stunde später wieder. Dieses Mal klatschten nur noch wenige.
Das Ding war nämlich voll in die Hose gegangen. Mit keinerlei Vorbereitung und einer unterirdisch schlechten Laune, fiel es mir noch schwerer als sonst, große Reden zu schwingen.
Monoton und zugegebenermaßen ziemlich knapp, rasselte ich die wichtigsten Voraussetzungen meines Jobs herunter und wusste dann nicht weiter. Die Lehrerin forderte mich auf, einen normalen Tag im Leben eines Stuntmans zu beschreiben, was ich tat – trotz immer stärker werdender Kopfschmerzen und einer zunehmenden Übelkeit. Den gelangweilten Blicken der Kinder, sowie auch der Lehrerin und Lisa nach zu urteilen, war mein Vortrag wohl eher semi-interessant. Danach folgte erst einmal eine ernüchternde Stille, bis die Kids, aufgemuntert von der Lehrerin, mich mit Fragen bombardierten. Mein Schädel pochte, als wäre er kurz vorm Explodieren, die Kids riefen lautstark durcheinander, es war der reinste Horror. Schließlich kam Lisa zu mir vor und fragte leise:
„Sag mal, brütest du etwas aus? Deine Gesichtsfarbe hat sich inzwischen von kalkweiß zu grün-gelb geändert ... ist dir übel?“
Ich nickte. „Speiübel.“
„Ok“, meinte sie schließlich. „Dann brechen wir das hier auf der Stelle ab. So hat das ja keinen Wert. Lass mich nur machen, ja?“
Erschöpft nickte ich und ließ mich auf einem Stuhl nieder, den die Lehrerin mir freundlicherweise anbot. Auch sie wirkte enorm irritiert. Lisa wandte sich an die Kids:
„Hört mal, auch wenn ein Stuntman stärker und mutiger ist als viele von uns, so kann er, wie ihr, krank werden. Genau das ist Ryan passiert. Er hat Bauchweh und ihm ist übel. Ihr kennt das sicher auch, oder? Wem von euch ging es schon mal genauso?“
Sofort schossen die Hände nach oben und tatsächlich ALLE meldeten sich.
„Seht ihr, das hab ich mir gedacht. Dann könnt ihr also gewiss verstehen, dass Mr. Carter hier besser ins Bett gehört und erst einmal wieder gesund werden muss.“
Einige der Kinder protestierten, doch Lisa redete einfach weiter und übertönte sie.
„Aber“, fuhr sie fort, „eins kann ich euch versprechen. Sobald er wieder gesund ist, gibt´s für euch alle, für die gesamte Klasse, eine persönliche Führung von Mr. Carter über das Gelände der Filmstudios. Und wer weiß, vielleicht dürft ihr dabei auch bei einem wahrhaftigen Stunt zuschauen. Wie sieht´s aus, habt ihr Lust?“
Die Kids jubelten und bekamen vor Freude rote Wangen. Ich auch, aber vor Entsetzen. Was machte Lisa da? Ich konnte unmöglich die komplette Pre-School-Klasse einladen. Chimney und die anderen würden nur schwer zu überreden sein, das wusste ich. Und es kam noch schlimmer:
„Sehen wir dort echte, richtige Filmstars?“, wollte ein kleines Mädchen mit dunklen Rastazöpfen wissen.
Gebannt wartete die Klasse auf eine Antwort. Ich schüttelte vehement den Kopf, doch niemand schaute zu mir. Alle blickten zu Lisa, die freudig rief:
„Na klar, das ist ein Filmstudio. Gewiss sind da Stars bei den Dreharbeiten vor Ort.“
Ich knurrte entgeistert und warf ihr einen vernichtenden Blick zu, den sie endlich registrierte.
„Äh, ja, wie auch immer, wir müssen jetzt dringend los. Mr. Carter soll ja schleunigst gesund werden, damit wir ihn bei der Arbeit besuchen können. Also bis dann, macht´s gut und habt viel Spaß im Unterricht! Seid fleißig und lernt was!“
Die Lehrerin, Miss Darcy, eine stämmige Mittvierzigerin, verabschiedete sich trotz meiner mangelhaften Rede überschwänglich von uns, bedankte sich gefühlte tausend Mal für die Einladung ins Studio und wünschte mir gute Besserung. Dabei raunte sie mir zu:
„Ich will Ihnen wirklich nicht zu nahe treten, Mr. Carter, aber es wäre besser, wenn Sie das nächste Mal nicht nur gesund, sondern auch nüchtern vor den Kindern erscheinen. Ihre Fahne konnte ich bis in die letzte Reihe riechen. Nichts für ungut, jeder hat ja mal einen schlechten Tag.“
Zu einer Antwort konnte ich noch nicht einmal ansetzen, als Lisa entschuldigend zu Miss Darcy meinte:
„Tut mir leid, er hat Liebeskummer. Haben wir alle mal. Dann ist da diese Magen-Darm-Grippe im Anmarsch, er hat heute einfach großes Pech. Nächstes Mal wird er sein strahlendes Selbst sein.“
„Ha“, lachte ich bitter auf. Genau, mein strahlendes Selbst. Das klang mal so gar nicht nach mir. Außerdem musste ich diesen Tag heute erst einmal überstehen.
Lisa fuhr mich nach Hause.
„Sag mal, spinnst du?!“, herrschte ich sie an. „Wie kannst du nur die komplette fucking Klasse einladen? Meine Chefs erlauben das nie und nimmer.“
„Das sollten sie aber besser, sonst zerstörst du viele Kinderträume“, meinte sie hartnäckig. „Und jetzt reg dich nicht auf, ich wollte dir nur helfen.“
„Helfen, pff, eine schöne Hilfe ist das“, stöhnte ich. „Warum hast du nicht gleich die ganze Schule eingeladen?“
Kichernd meinte sie: „Die Idee hatte ich auch, aber es kam mir dann doch zu extrem vor. Dennoch, hast du die leuchtenden Augen der Kids gesehen? Ich wette, die können in der nächsten Zeit kaum schlafen vor lauter Aufregung. Außerdem musste ich da eingreifen. Dein langweiliges Gestammel war selbst für meine Ohren kaum zu ertragen. Die Kinder, vor allem Danny, hatten sich so auf deinen Besuch gefreut. Aber was du da abgeliefert hast, war echt traurig anzusehen. Ich versteh´s ja, nach allem, was du am Wochenende erlebt hast. Aber Danny wäre garantiert der Buhmann bei den anderen gewesen. Sie hätten ihn ihre Enttäuschung spüren lassen, dabei war er voller Stolz gewesen, dass du heute den Vortrag hältst.“
Sie lenkte den silbernen Mercedes in eine Parklücke, zwei Blocks von meinem Wohnhaus entfernt.
„Wo ist Zack überhaupt, wieso hat er den Schultermin nicht übernommen?“
„Er ist übel drauf zurzeit. Wenigstens hat er jetzt ernsthaft mit der Physiotherapie begonnen. Er stürzt sich sogar richtig rein, hat jeden Nachmittag einen Termin dort. Danach macht er lange Spaziergänge, um seine Muskeln zu stärken. Vielleicht wird es dann endlich mal besser mit seinem Knie. Jetzt, da er so kräftig trainiert.“
Ich nickte nur.
„Du, tut mir leid, ich muss dich hier rauswerfen. Muss gleich weiter zu ´ner Besprechung und die ist leider enorm wichtig. Es geht um die geplante Fortsetzung eines Blockbusters und die haben mich als Drehbuchautorin im Visier. Das ist eine Riesenchance, da muss ich pünktlich erscheinen. Eine ganz zwanglose Besprechung hieß es zwar, aber ich weiß ja, wie das läuft. Die wollen mich auf Herz und Nieren prüfen.“
„Geh da ruhig hin, ich muss eh später zur Arbeit“, brummte ich, immer noch sauer auf sie.
„Du willst heute echt bei der Arbeit auftauchen?“, empörte sich Lisa.
„Ja, wieso nicht?“, entgegnete ich. „Wenn ich diesen Flohhaufen überlebt habe, kann ich auch arbeiten gehen.“
„Das halte ich für keine gute Idee. Aber ich weiß ja ...“, kapitulierend hielt sie die Hände hoch. „Du bist genauso stur wie Zack und lässt dir nichts sagen.“
Ich schenkte ihr ein gekünsteltes Grinsen und quälte mich unter Schmerzen aus dem Auto. Dabei gehorchte mir mein verletztes Bein nicht. Ich konnte es in letzter Zeit weder richtig strecken noch beugen, was ihr natürlich prompt auffiel.
„Geh mal zum Arzt, du solltest das gründlich durchchecken lassen. Das kommt mir nicht wie eine harmlose Zerrung vor, auch wenn du es ständig beteuerst.“
Schmerzerfüllt hüpfte ich auf einem Bein zu ihr rüber und drückte ihr durchs herunter gelassene Wagenfenster einen Kuss auf die Stirn.
„Mach ich. Vielleicht. Viel Erfolg für dich nachher. Du rockst das, da bin ich mir sicher.“
Lisa lächelte mich liebevoll an und meinte:
„Manchmal denke ich, es wäre vieles einfacher gewesen, wenn ich mich damals in dich, anstatt in Zack verliebt hätte. Mit dir kann ich über alles reden. Zack gegenüber hab ich noch nicht mal den Termin erwähnt. Ich will nicht, dass ihm mein wachsender Erfolg Angst macht. Oder ihn in seiner Männerehre kränkt, weil ich jetzt die Familie ernähre. Pass gut auf dich auf, ja? Ich ruf dich morgen an. Lass dich nicht unterkriegen. Wer weiß, vielleicht klärt sich die ganze Geschichte mit Cathy noch auf“, meinte sie.
„Genau. Und morgen wird es Gold vom Himmel regnen. Das ist genauso wahrscheinlich“, brummte ich, während ich mich humpelnd und ächzend auf den Heimweg machte. Zwei Blocks, das würde ich schon schaffen. Wie hieß es so schön: Ein Indianerherz kennt keinen Schmerz.
In Schweiß gebadet und stöhnend kam ich schließlich Zuhause an und nahm zum ersten Mal, seit ich dort wohnte, den Aufzug. Denn ich würde keine einzige Treppe mehr hochkommen, so viel stand fest. Mein Humpeln war nicht zu übersehen, verdammt! Dies wäre sicherlich ein gefundenes Fressen für Rodney „Schweinsgesicht“ Chimney, um mich hochkant raus zu befördern. Meinen Job könnte ich mir abschmieren, wenn ich so am Set auftauchte. Andererseits konnte ich es mir auch nicht leisten, krank zu Hause zu bleiben. Vermutlich würde er schon am selben Tag einen Ersatz für mich einstellen und mich langsam aber sicher raus ekeln.
Es half alles nichts, ich musste dringend zum Set und zwar ohne dieses lästige Humpeln, das mich heute begleitete. Behutsam begann ich, mein Knie zu massieren. Danach versuchte ich ein paar Lockerungsübungen, doch Beugen und Strecken misslang völlig. Mein Bein tat einfach nicht mehr, was es sollte.
Dazu dieses verdammte Stechen, das mir immer wieder blitzartig einschoss. Ohne Tabletten würde es nicht gehen, da war ich mir sicher. Gut, dass ich mir neulich erst im Supermarkt um die Ecke welche auf Vorrat besorgt hatte, man bekam die Dinger ja regelrecht hinterhergeworfen. Anders als in Europa. Ich hatte mal gelesen, dass die Leute Medikamente dort nur in Apotheken kaufen konnten.
Unschlüssig wog ich die Schachtel in meinen Händen hin und her. Wie viele davon sollte ich nehmen? Eine, wie es auf dem Beipackzettel als Einzelration empfohlen wurde, half garantiert nicht. Auch zwei konnte ich mir abschminken, die nahm ich sowieso schon jeden Morgen. Also drei? Ich zählte sie ab und legte mir sie auf die Hand. Suchend schaute ich mich nach einem Wasserglas um. Mist, das war in der Küche, zwar nur wenige Meter entfernt, aber jetzt war jeder Schritt einer zu viel.
Allerdings lag die Whiskyflasche neben meinem Bett auf dem Boden. Ich nahm sie hoch und überlegte kurz. Ein kleiner Schluck, damit die Tabletten besser runterrutschten, würde sicherlich keinen großen Schaden anrichten. Am Tag vorher hatte ich zu viel davon getrunken, klar, aber ein Mini-Tröpfchen schadete bestimmt nicht. Ich nahm die Tabletten alle auf einmal und spülte sie mit dem goldfarbenen Whisky runter.
Ah, tat das gut. Es brannte in meiner Kehle und schon bald setzte die wohlig warme Wirkung ein.
Cathy kam mir vor Augen. Wie sie mich heißgemacht hatte in der Requisitenkammer, wow! Ihr honigfarbenes Haar, das ihren Rücken herunterfloss und seidig schimmerte. Ihre unglaublichen, leuchtend blauen Augen, die tief in meine Seele blickten. Und ihre Pfirsichbrüste, straff und ohne Makel. Mein bestes Stück da unten rührte sich sofort und stand wie ´ne Eins. Rasch öffnete ich meine Hose und schob sie etwas runter. Ich legte mich rücklings auf die Bettdecke und begann, mich selbst mit hartem Griff zu reiben. Ich umschloss meinen dicken Schwanz mit der Handfläche, ballte damit eine Art Faust und führte sie mal schneller, mal langsamer, über mein hartes Glied. Dabei variierte ich den Druck, mal fester, mal leicht wie ´ne Feder.
Die ganze Zeit über stellte ich mir vor, dass es ihre Hände waren, die mich umfassten. Verdammt, war das geil! Beinahe konnte ich sie riechen und ihre samtene Haut fühlen. Meine andere, freie Hand streichelte dabei meine Hoden und knetete sie sanft durch. Cathy, o Cathy, ich will dich! Es dauerte nur wenige Minuten, bis ich merkte, dass es bereits so weit war. Ich verlangsamte meine Bewegungen, hielt sogar kurz inne, um den Höhepunkt hinauszuzögern. Dann beschleunigte ich wieder, erhöhte den Druck und den Rhythmus. Schließlich kam ich laut stöhnend und dachte dabei an Cathys leise und lustvolle Töne, die sie bei ihrem Höhepunkt von sich gegeben hatte – während die Wellen auf uns einschlugen.
Erschöpft, aber unglaublich befriedigt, blieb ich einzige Zeit so liegen. Plötzlich kam ich mir unglaublich leer vor. Nie wieder würde ich mit ihr zusammen sein, nie wieder würden wir zusammen lachen, zusammen den geilsten Sex der Welt erleben. Das alles war vorbei.
Unruhig wälzte ich mich hin und her, wischte dann mit einigen Taschentüchern aus meiner Nachttischschublade meinen Penis und Unterleib trocken.
Reiß dich zusammen, denk nicht mehr an diese treulose Schlampe! So eine Frau ist nichts für dich, sie bedeutet nur Schmerz und Betrug! Sicher, mein Kopf wusste das, aber mein Herz verbündete sich mit meinem Schwanz und die beiden wollten nur eines: zu ihr.
O mein Gott. Wie sollte ich ihr nachher nur gegenübertreten, ohne erneut auszurasten? Auf dem Set konnte ich mir eine Szene wie in der Bar vorgestern sicherlich nicht leisten. Ich musste lockerer werden, aber wie? Mein Blick fiel auf die Flasche mit der goldfarbenen Flüssigkeit, die nun auf meinem Nachttisch stand. Ein kleiner Schluck noch? Nur, um nachher nicht auszuflippen. Ich öffnete die Flasche erneut und trank ein winziges Schlückchen. Dann noch eins. Dann mehr, weil ich nichts spürte. Schließlich setzte die Wirkung schlagartig ein und ein wohliges Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit. Viel besser, so konnte ich ihr beinahe schon gegenübertreten. Eine weiche Wolke breitete sich in meinem Kopf aus, doch gleichzeitig kam auch die Stimme der Vernunft. Ich durfte so nicht mehr fahren. Nicht mit der Mischung von Hochprozentigem und den drei Schmerztabletten.
Also tat ich das einzig Vernünftige und rief mir ein Taxi, das zum vereinbarten Zeitpunkt vor meiner Türe warten sollte. Erleichtert ließ ich mich wieder in die Kissen zurückfallen und nahm meinen neuen Freund, den Whisky, zurück in die Hand. Jetzt, da ich nicht selbst fahren musste, konnte ich noch etwas mehr trinken, damit ich garantiert locker blieb, wenn ich auf Cathy traf. Als der Taxifahrer schließlich an meiner Haustüre schellte, fühlte ich mich herrlich befreit und war bei bester Laune. Mein Knie spürte ich überhaupt nicht mehr und beschwingt nahm ich die Treppen, immer zwei auf einmal. Dabei blieb ich mit dem Fuß hängen und stürzte einige Treppenstufen hinunter. Ich musste so über meine eigene Ungeschicklichkeit lachen, dass der Bauch schmerzte. Irgendetwas Feuchtes klebte an meiner Stirn und ich verwischte es mit dem Handrücken. Nichts tat weh, also war es wohl halb so wild. Summend stieg ich ins Taxi ein. Der Tag versprach nun deutlich besser zu werden.
Das Taxi hielt vor der Pforte des Firmengeländes, daher musste ich einiges an Weg zu Fuß zurücklegen. Egal, ich hatte keinerlei Schmerzen, also war das ein Klacks für mich. Ich schwebte beinahe zu Halle 11, wo der Treffpunkt mit den anderen aus dem Team vereinbart war. Als ich dort ankam, trug ich ein breites, zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht. Schnell mit den Fingern einmal durch die Haare gefahren, perfekt. Ich prüfte meinen Atem, dabei begann ich zu schwanken und verlor beinahe das Gleichgewicht. Ups, gerade noch mal gut gegangen. Ich hörte ein Kichern und stellte zu meiner Belustigung fest, dass es mein eigenes war. Beschwingt ging ich an den anderen vorbei, die mich merkwürdig anstarrten.
„Was habt ihr denn alle, was guckt ihr denn so doof aus der W...sche, äh, Wäsche?“, nuschelte ich. Plötzlich war jemand neben mir und hakte sich bei mir ein, drückte mir sogar ein Küsschen auf die Wange. War es Cathy? Seltsam, ich sah alles irgendwie verschwommen.
„Schätzchen, in deinem Zustand solltest du lieber nicht hier am Set auftauchen. Hast es wohl etwas sehr mit dem Frusttrinken übertrieben, gestern, was? Dabei hat es diese Zicke gar nicht verdient. Hey, kein Grund Trübsal zu blasen, denn du hast mich, deinen Schatz. Ich bin dein größter Fan, das weißt du doch.“
Ihre Worte umhüllten mich wie eine rosafarbene Wolke, drangen nicht richtig zu mir vor. Hm. Dieses süße Parfüm kam mir irgendwie bekannt vor. War es vielleicht wirklich Cathy? Doch was faselte sie da von Frustsaufen, wie meinte sie das? Ich schaute sie an, erkannte aber lediglich vage Umrisse. Cathy´s Umrisse? Die weiche Wolke in meinem Kopf übertünchte alles und ich dachte an Sex. Sex mit Cathy.
Jetzt war ich wieder scharf. Schlagartig.
„Küss mich, Süße. Egal wer du bist, ich brauche jetzt ´nen laaangen Kuss. Bin scharf wie Chili.“
„O ja, mein Süßer, das bist du. Bei mir brauchst du nicht lange darum zu bitten. Den kannst du gerne haben. Immer und jederzeit.“
Mit diesen Worten presste sie sich eng an mich und plötzlich wurde mir klar, wer sie war. Tina MacIntosh. Ich hatte sie an dem extrem süßen Parfüm erkannt. Stimmte ja, sie war schon länger scharf auf mich gewesen, aber ich wollte ja nur Cathy. Das hatte allerdings jetzt ein Ende. Cathy hatte mich fies betrogen, nun war ich wieder frei für all die anderen Frauen. Was für ein Glück, dass Tina bei mir war!
Sie küsste mich hingebungsvoll und spielte mit ihrer Zunge in meinem Mund herum, was irgendwie geil war, andererseits einen leichten Würgereiz bei mir auslöste. Ich schob sie etwas weg und merkte, dass meine Worte undeutlich klangen, als würde ich lallen.
„Baby, wir machen später weiter, bei mir. Nur du und ich. Alleine. Ohne Cathy.“
Lauthals lachte ich über meinen eigenen, so fand ich, grandiosen Witz. Sie wirkte etwas pikiert, hakte sich aber dennoch bei mir unter.
„Ich bring dich lieber mal zu Ed, bevor alle hier merken, wie du heute drauf bist. Und reiß dich ein wenig zusammen, wäre besser, wenn du nicht ganz so stark schwankst. Stütz dich einfach auf mir ab, lege deinen Arm fest um mich herum. Ich helf dir, ok?“
Mehrere verschwommene Gesichter tauchten um mich herum auf. Einige klopften mir auf die Schulter und sagten so was wie:
„Nimm´s nicht so schwer, Alter. Sei froh, dass du sie los bist.“
Hä? Wen meinten die? Ach so, Cathelyn, fiel mir wieder ein und ich musste laut lachen, weil ich das anscheinend kurz vergessen hatte. Meine Glieder fühlten sich auf einmal schwer an und schlagartig wurde ich unglaublich müde.
„Hey, hilf mir mal kurz, ich schaff es nicht alleine, er ist zu schwer“, sagte die Tina-Stimme neben mir. Irgendein Typ protestierte, doch meine neue, tolle Freundin blieb hartnäckig, sagte:
„Das ist das Mindeste, was du tun kannst. Schließlich hast du ihm auch die Frau geklaut. So was macht man nicht. Also komm rüber und pack mit an!“
Plötzlich wurde ich unter den Schultern grob gepackt und vorwärts geschleift – von irgendeinem großen, kräftigen Kerl. Wer war er noch mal? Vergessen, auch egal. Irgendwie verschwamm mir alles vor den Augen. Die Welt um mich herum drehte sich und fühlte sich an, wie in Watte gehüllt. Soft und weich und irgendwie flimmerte alles so merkwürdig.
„Hey, Schätzchen, nicht einschlafen!“, rief Tina, als ich für einen kurzen Moment die Augen schloss. Ich fühlte mich gar nicht mehr so gut. Alles um mich herum war seltsam, ich konnte weder klar denken noch klar und deutlich sehen.
„Wir müssen ihn irgendwo hinsetzen und Ed holen, das hat so keinen Zweck!“, meinte meine zuckersüße Tina. „Er wird wissen, was zu tun ist. Er ist ein netter Kerl.“
„Da drüben, da auf die Bank!“, kommandierte sie diesen anderen Typen herum. Bald schon setzten sich mich auf das harte Ding und der Typ meinte zu mir:
„Nix für ungut, Alter, sie hat nie zu dir gepasst. Ist nicht deine Welt, diese Glitzerindustrie. Sie sollte mit jemandem zusammen sein, der sie versteht und denkt wie sie. Eigentlich hab ich dir damit einen Gefallen getan. Früher oder später hätte sie dir sowieso das Herz gebrochen. Sie ist nicht deine Liga. Also kannst du mir dankbar sein.“
Keine Ahnung, was dieser Kerl damit meinte, seine Worte flossen bedeutungslos durch mich hindurch. Ich verstand jedes Einzelne davon und doch kapierte ich ihren Sinn nicht. Was war los mit mir? Plötzlich registrierte ich eine Bewegung neben mir. Sie wollte gehen, wollte mich verlassen, genau so wie ...!? Ja, wie wer eigentlich? Egal, sie durfte mich nicht auch noch alleine lassen.
„Bleib bei mir, geh nicht!“, nuschelte ich kaum hörbar, doch offenbar hatte sie verstanden, denn sie legte erneut den Arm um mich und strich mir tröstend übers Haar. Dann drückte sie meinen Kopf auf ihre Schulter. Es war sehr angenehm dort zu liegen, ich blickte direkt auf ihr Dekolleté.
„Du hast große Brüste“, meinte ich und sie lachte laut auf.
„Ja, die hab ich, mein Hübscher. Schön, dass du das auch endlich merkst.“
Ich umarmte sie, so gut es ging. Sie fühlte sich etwas hart und knochig an, dennoch ganz angenehm. Alles war momentan besser, als alleine zu sein. Eng drückte ich mich an sie.
„So ist es gut, Ryan. Kuschel dich schön an mich heran. Lass die Tussi starren, die hat dich eh nicht verdient. Wir beide sind das bessere Team.“
Hä? Wieder verstand ich den Sinn ihrer Worte nicht, merkte nur, dass sie liebevoll mit mir sprach. Sie meinte es gut mit mir, roch süß und hatte riesige Brüste. Anders als ... diese andere.“
Ich rieb mein Gesicht an etwas Weichem, Kuscheligen, das nicht so knochig war wie der Rest von ihr.
„Hey, hey, du gehst aber ran. Magst wohl meine Brüste wirklich sehr, was?“ Und dann, an jemand anderen gewandt, der offensichtlich bei uns in der Nähe stand:
„Jetzt hat er endlich mal welche, zwischen die er sein Gesicht stecken kann. Das muss er ausnutzen. Diese kleinen Pickelchen von dir waren ihm anscheinend zu winzig.“
„Nimm deine scheiß Finger von ihm, du mieses Stück! Er ist völlig high, das merkt er doch gar nicht. Geh bloß weg von ihm!“
Fuck. DIESE Stimme kannte ich. Sie schnitt tief in mich rein und plötzlich fühlte ich mich hundeelend. Ich wollte lieber bei ihr sein als bei Tina. Doch Tina umklammerte mich weiterhin fest und mein Körper gehorchte mir einfach nicht mehr. Ich wollte aufstehen und zu ihr, zu Cathy gehen. Denn so hieß sie, sie war es. Das war mir eben eingefallen.
„Du bist die Eine für mich“, seufzte ich, glücklich, dass sie da war. Die Antwort kam prompt.
„Das weiß ich doch, Süßer, das wusste ich schon immer. Gut, dass du das endlich auch erkennst.“
Seltsamerweise hörte sich dies nach der Tina-Stimme an, doch das war mir zunehmend egal. Es war gerade urgemütlich. Und ich war so müde.
„Da ist er, ich hab ihn mitgebracht, wie du gesagt hast, Tina“, meinte der starke Kerl von vorhin wieder.
„Shit, Junge, was ist mit dir denn los? Mach die Augen auf, sieh mich an!“, ertönte die Stimme meines Chefs.
Ich grinste müde, zwang mich, kurz aufzublicken, und lallte: „Ed, du Verräter.“ Mehr brachte ich nicht heraus, dann fielen mir die Augen wieder zu. So schwer, alles war so schwer. Und ich war so verdammt müde.
***
Wieso roch es hier süßlich? Was war das für ein penetranter Geruch? Wo befand ich mich?
Ich öffnete die Augen, schloss sie wieder, blinzelte kurz und riss sie dann weit auf. Wo zur Hölle war ich hier gelandet?
Cremefarbene Wände mit pinkfarbenen Blütenbordüren. Überall Kuscheltiere. Eine Armee an Kuscheltieren nicht nur im Bett um mich herum, sondern überall. Auf einer pinkfarbenen Kommode, in einem weißen, riesigen Regal, auf dem Schreibtisch. Kurzum, alles hier wurde von Stofftieren überlagert. Mitten an der Wand hingen auf goldenen Haken eine lederne Peitsche, eine schwarze Bondage-Maske und Klebeband. Klebeband? Hilfe, hier musste eine Irre leben. So eine durchgeknallte Alte wie in dem Film Misery. Vermutlich hielt mich hier auch jemand gefangen. Ich überprüfte meine Arme und Beine, nichts, keine Fesseln, keine Lederriemen, mit denen sie mich ans Bett gebunden hatte. Noch nicht. Erleichtert atmete ich auf. Trotzdem blieb die Frage: Wo war ich hier? Ein Blick zur Decke machte mich sprachlos. Ein riesiger Deckenspiegel hing exakt über dem Bett, in dem ich lag. Und noch etwas: Ich hatte weder eine Bettdecke noch IRGENDWELCHE Klamotten an. Ich war schlicht und einfach splitterfasernackt.
Plötzlich sah ich im Spiegel, wie sich etwas neben mir rührte. Erschrocken starrte ich nach rechts, auf ein lang gestrecktes, schwarzhaariges Etwas. Wieder blinzelte ich, um klarer sehen zu können.
Mein Kopf dröhnte, hämmerte und alles drehte sich. In was zum Geier, war ich hier hineingeraten?
Neben mir lag ein Hund. Riesengroß und pechschwarz und er knurrte mich an. Mir wurde schlagartig übel. Ich mochte Hunde, aber garantiert keine kampfhundartigen Viecher neben mir im Bett. Das war echt zu viel.
Er bleckte die Zähne, zeigte sein rotes Zahnfleisch und wirkte mit seinen wahnsinnigen Augen wie ein blutrünstiges Monster. Nun begann ich zu keuchen. Keine Panik, Ryan, ganz ruhig. Der tut nichts, der will nur spielen.
„Sunshine, hör auf zu knurren, komm zu Mami, komm her, meine Süße!“
Sunshine, jetzt ernsthaft? So hieß dieses knurrende Ungetüm neben mir im Bett? Ich blickte hoch und meine Kinnlade klappte runter.
Wieso stand da Tina MacIntosh und rekelte sich lasziv im Türrahmen? Sie strich sich aufreizend durch ihre wasserstoffblonde Mähne und grinste mich an. Noch etwas fiel mir auf: Auch sie war nackt. Komplett. Kein BH, kein Slip, nicht einmal ein winzig kleiner String. Nichts, sie trug einfach nichts.
Halleluja, was musste ich weggetreten sein gestern!
Wieder knurrte Sunshine und schielte mich bösartig von der Seite an.
„Sunshine, aus jetzt, komm her!“, befahl die nackte Tina und ich konnte meinen Blick nicht von ihren riesigen Brüsten abwenden. Die waren natürlich gemacht, von einem eher drittklassigen Schönheitschirurgen, würde ich mal behaupten. Denn sie standen unnatürlich vom Körper ab und wirkten wie zwei aufgeklebte Bälle. Es war mir ein Rätsel, was manche Männer an so etwas fanden. Ich fand es abartig unnatürlich.
Auf einmal bewegten sich die Dinger, nein, Tina bewegte sich. Sie wackelte betont mit ihren Hüften und ein Blick in ihr Gesicht zeigte mir, dass sie sich vermutlich stundenlang eine dicke, maskenartige Make-up-Schicht aufgeschminkt hatte. Wie eklig. Starb die Haut nicht darunter ab, wenn sie so wenig Luft bekam? Ich lachte trocken auf, eine interessante Vorstellung: Unter der dicken braunen Schicht könnte die Haut bereits schwarz und völlig abgestorben sein. Igitt. Abrupt blieb sie stehen und sah mich aufmerksam an.
Irgendwie fühlte ich mich seltsam. Wie ausgekotzt und trotzdem noch schwebend über den Wolken schwebend. Himmel, wie viel Whisky hatte ich gestern bloß getrunken?
Plötzlich fiel mir alles wieder ein, die Tabletten, der Alk, das Taxi zum Set. Ja, genau, und dann war ich ...?! Ein schwarzes Loch tat sich genau da auf, wo meine Erinnerung sein sollte. Verdammt, ich wusste nichts mehr. Weshalb war ich bei Tina? Dies war ihr Zuhause, oder? Ich beschloss, sie zu fragen, jedoch mit leiser, ruhiger Stimme, damit dieses Monster neben mir keine Bedrohung in mir sah ... und mir nicht an die Kehle springen wollte.
„Originell hier. Und du wohnst hier also?“
Sie lächelte, kam näher und setzte sich neben den Hund aufs Bett. Sofort begann dieser, sie abzulecken und verwandelte sich in ein zahmes Riesenbaby.
„Ja, das ist mein Loft“, erklärte sie und betonte dabei das letzte Wort. „Schick, nicht? Mein Daddy hat´s mir gekauft. Und Sunshine, meine allerliebste Sunny, hast du ja bereits kennengelernt. Ich glaube, sie ist etwas eifersüchtig. Sonst schläft sie immer bei mir im Bett, aber heute Nacht musste sie für dich ihren Platz räumen. Damit wir ... du weißt schon.“
Sie klimperte mit ihren Wimpern und schaute mich mit ihrem aufgesetzten Schlafzimmerblick an.