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Weihnachten, Silvester/Neujahr, Jahreszeiten, Geburtstage, Kennenlern-, Verlobungs- und Hochzeitstage, Trauergedenktage, Urlaub, Jubiläen ... Was gibt es nicht alles an Gedenk- und Erinnerungstagen, persönlichen wie offiziellen, an die wir mehr oder weniger gern zurückdenken - in Freude oder Trauer, vielleicht auch in Scham, Wut oder Zorn? Viele der oben aufgeführten Themen werden in dieser Sammlung von 25 Autorinnen und Autoren aus der Region individuell, ironisch, wehmütig oder auch ganz pragmatisch behandelt, in Prosa und Versform, Hochdeutsch und Mundart. Ein unterhaltsames Lesebuch für alle Altersgruppen und Liebhaber von südhessicher Regional- und Mundartliteratur .
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Jetzt sind sie wieder unterwegs: Diese Bande von ausgefuchsten Räubern – die Zeiträuber.
Einfach so, ohne zu fragen, stehlen sie dir eine Stunde. Was kostet eine Stunde? Aushilfen 10 Euro, Facharbeiter 20, Spezialisten für irgendwas 200 oder 2000 Euro.
Wer zahlt das eigentlich? Wie? Wer zahlt was? Na, den volkswirtschaftlichen Schaden, der durch die Sommerzeit entsteht. Überlegen Sie doch mal, wie viel Leute leben in Europa. Zig Millionen. Wenn Sie pro Stunde nur 10 Euro rechnen, macht das Summa summarum zig Millionen Euro. Sie fehlen. Sind weg. Einfach weg. Wenn das kein volkswirtschaftlicher Schaden ist!
Was könnte man in einer Stunde nicht alles tun?
Eine Stunde lesen, eine Stunde lieben, eine Stunde Sand sieben.
Ich habe mich hingesetzt und gespannt gewartet, was passiert, wenn sie mir eine Stunde stehlen, die Zeiträuber: es ist Mitternacht, dann 1.00 Uhr, dann 1.30 Uhr, 1.50 Uhr, 1.55 Uhr, 56, 57, 58, 59 – 3.00 Uhr. Da! Jetzt ist es passiert! Sie ist weg. Einfach weg. Der Sprecher im Radio lapidar: »Es ist jetzt 3.00 Uhr. Die Uhr wurde wegen der Sommerzeit um eine Stunde vorgestellt.«
Sie sagen, so kann das Sonnenlicht an den langen Abenden ausgenutzt werden. Aber es ist stockdunkel, heute Nacht um 3.00 Uhr, weil es ja eigentlich erst zwei Uhr ist.
Was hätte ich nicht alles tun können in dieser Stunde. Und was habe ich getan? Einfach gewartet und zugesehen, wie sie vergeht, die Stunde, wie sie vergeht, die Zeit. Sie ist weg, in einem Augenblick. Und keiner bringt sie zurück. Wie viele Stunden habe ich verbracht mit Warten, mit Abwarten, was geschieht. Und es ist doch nichts geschehen, außer, dass sie vergangen ist, die Zeit.
Aber dann im Herbst, wenn sie wiederkommt, die Stunde, dann werde ich genau aufpassen, ob sie auch wirklich kommt und dann werde ich all das nachholen, was ich jetzt verpasst habe:
Lesen, lieben und jede Menge Sand sieben.
Sammy fand es unerträglich, heute ohne Leni hier sitzen zu müssen. Dabei war es wieder so ein Tag wie gestern: die Wasserfontäne sprudelte ausgelassen, Sonnenkleckse tanzten auf den Blumen und vom Kirschbaum torkelten die Blüten herab wie verirrte Schneeflocken. Heute jedoch blieben die Blüten nicht in ihren Haaren hängen; achtlos fielen sie auf den Boden. Und es munterte ihn wenig auf, dass sie gegen Abend wieder zurück sein würde.
Am Tag zuvor hatte er ihr Kommen gar nicht bemerkt, weil er in Gedanken bei ihr gewesen war. Plötzlich hatte sie auf der Bank gegenüber gesessen und bald wusste er nicht mehr, wo er noch hinsehen sollte. Er starrte auf den Boden, als beabsichtige er all die Blüten dort zu zählen. Allerdings war das nicht lange auszuhalten und von einem inneren Zwang getrieben hob er schließlich den Kopf und blickte direkt in ihre Augen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als mit wackeligen Knien zu ihr hinüberzugehen. Und dann stellte er die Dämlichste aller Fragen: »Du bist doch auch im Literaturkurs bei dem Röder?« Sie legte den Kopf in den Nacken, lachte glockenhell, was zu dem flirrenden Licht um sie herum passte. Doch schnell verstummte sie und hielt sich mit jenem albernen Mädchengetue die Hand vor den Mund.
»Ja sicher, ich bin auch bei dem Röder.« Schelmisch sah Leni ihn mit ihren wasserblauen Augen an und sagte: »Und du, was schleichst du hier ständig herum, wenn ich hier sitze? Du hättest doch schon lange mal zu mir kommen können.« Und er fragte sich, wie tapsig er sich bisher aufgeführt hatte. Aber er gewann auch an Sicherheit: »Du beobachtest mich? Das ist aber verdächtig«, sagte er eine Spur zu forsch, befürchtete, sie könnte darüber verärgert sein; aber wieder lachte sie nur, rückte ein Stück und sagte: »Komm, setz dich, ich beiße nicht.«
Also setzte er sich, wusste nicht, was er jetzt tun sollte, und sagte schließlich mit brüchiger Stimme: »Du hast Blüten in deinen Haaren.« »Zupf sie heraus!«, forderte sie ihn auf. Zunächst traute er sich nicht, sie anzufassen. Doch dann pflückte er immer freudiger die Blüten aus ihren samtweichen Haaren. Die Sonne ließ Schattenfalter tanzen, Bienen bedrängten ihn summend und das stete aufdringliche Murmeln der Wasserfontäne machte ihn schwindelig. Dann aber gab es keine Blüten mehr zu pflücken, sie hielten sich an den Händen und lächelten einander an. Zufrieden schloss er die Augen und durch seine Lider drang das Sonnenlicht glutrot in seinen Kopf. Nach einer Weile fragte sie, beiläufig, so als würde sie sich nach dem Weg erkundigen: »Sag, Sammy, willst du mir nicht einen Kuss geben? Wir essen nämlich pünktlich und ich muss bald gehen. Aber vorher will ich noch einen Kuss!«
Verwirrt über ihr Angebot, verfiel er in eine Starre, bis sie sich schließlich vorbeugte und ihre Lippen auf seine legte. Angenehm warm und weich fühlte sich das an, schöner als er sich das je hatte vorstellen können. Er fragte sie, ob sie sich vielleicht später noch einmal treffen könnten. Nein, sagte sie, leider habe sie keine Zeit, da sie noch Besuch von einer Freundin bekäme. Nun, wo es endlich passiert war, glaubte er, es nicht mehr ohne sie aushalten zu können. Die Qualen, die er ausgestanden hatte, wegen der Ungewissheit, ob sie zusammenfänden, wurden von einer neuen Qual abgelöst und zwar von jener, sie könnte einmal nicht da sein.
Nachdenklich sah er nun wieder dem Blütenfall zu und dachte daran, dass sie gestern Abend noch einen draufgesetzt hatte. »Da ist noch was«, hatte sie gesagt und er hatte gedacht: Aha, aufgepasst, jetzt kommt’s – da ist immer noch was. Wahrscheinlich hat sie einen anderen, mit dem sie noch reden muss, irgendetwas in der Richtung. Doch es war nichts dergleichen. Aber das, was sie zu sagen hatte, war auch nicht besser gewesen. Sie hatte ihm erklärt, sie würde heute einen Ausflug unternehmen; dieser sei schon lange geplant und, sie wagte tatsächlich, ihm das zu sagen, sie freue sich auf diesen Ausflug. Was sollte er dazu sagen, wo er doch glücklich war, endlich mit ihr zusammen zu sein. Er bat sie, wenigstens noch eine Weile zu bleiben. Aber auch in dieser Hinsicht blieb sie konsequent, erinnerte ihn an die Uhrzeit und er müsse doch bestimmt ebenfalls nach Hause zum Abendessen. Natürlich musste er. Aber er hatte keinen Bissen hinunter bekommen und den Abend gelangweilt vor dem Fernseher verbracht.
Heute vergnügte sie sich also auf diesem Ausflug. Ab und an öffnete er die Augen, hoffte, sie habe ihm zuliebe auf den Ausflug verzichtet. Bald jedoch sah er ein, dass er sich bis zum Abend gedulden musste. Und gerade als er noch einmal die Erinnerung an ihren ersten scheuen Kuss abrufen wollte, hörte er, wie jemand seinen Namen rief. Nur das nicht, dachte er. Doch schon kam Kevin auf ihn zugehopst. Mit seinem grünen Igelhaarschnitt und dem silbernen Halbmond an seinem linken Ohr hatte er starke Ähnlichkeit mit einem Piraten. Und verstehen tat man ihn auch selten. Schon von weitem winkend eilte er auf ihn zu.
Kevin runzelte die Stirn, erkannte, es würde heute wieder schwierig werden mit Sammy. Und was er ihm zu sagen hatte, würde die Laune des ewig Griesgrämigen dort auf der Bank auch nicht bessern.
»Sammy«, rief er deshalb heiter: Ich hab große Neuischkeite.«
»Was willst du? Ich habe nicht gerade gute Laune«, sagte Sammy genervt. »Alla gut, dann saach ich halt nix.« Kevin setzte sich neben ihn und zog eine Schnute.
Eine Weile war das auszuhalten, dann sagte Sammy schnaubend »Na los, nun rück schon heraus mit deinen Late Night News.«
Aha, dachte Kevin, das Walross wird wach, und schon spürte er einen kräftigen Klaps auf seiner Schulter, was ihn aufhüpfen ließ, aber er ließ sich nun nicht mehr lange bitten. »Sie werns net glaawe, wer grod aagerufe hat?«
»Woher soll ich das wissen, kann ich etwa in deinen getünchten Schädel schauen?«, knarzte Sammy, der wohl wirklich wenig Interesse daran hatte zu erfahren, mit wem er telefoniert hatte.
»Sie werns net glaawe, Ihr Sohn hot aagerufe.«
»Du hast Recht, ich glaube es nicht«, antwortete er.
Neugierig war er aber doch. »Und, was will mein Herr Sohn?«
Kevin grinste so breit, Sammy hätte sich nicht gewundert, wenn seine Haare angefangen hätten zu glühen. »Zu seim Fuffzigste will er Ihne eilade.«
Es dauerte eine Weile bis er die Passage übersetzt hatte. Mist, dachte er, das hatte er ganz vergessen.
Er sah Kevin böse an. Gerade so, als sei dieser sein Sohn. »Ha! Mein Sohn wird fünfzig und ich soll ihm wohl vorzeitig sein Erbe vermachen.«
Kevin legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sammy, er freit sich bestimmt. Und mich däts aach freie.«
»Dann geh du doch hin«, maulte er den verblüfften Pfleger an.
Kevin steckte die Hände in die Taschen und eine Zeit lang schwiegen sie vor sich hin. »Jed Johr desselbe Knaatsch,« sagte Kevin murrend, es war ihm egal, ob Sammy es hörte oder nicht.
»Weißt du was, Captain Sparrow, ruf meinen Sohn zurück und sag ihm, ich denke nicht daran, ihm den Tag zu versüßen.« Kevin stand seufzend auf. Sammy grinste. Er hatte gewonnen. »Nun mal los. Und wenn du zurückkommst, bring uns ein Eis mit.«
Kevin sagte kein Wort mehr, machte sich langsam auf den Rückweg. Sammy starrte auf den Kiesboden. Dann sah er zu der sprudelnden Wassersäule und schließlich zu den leuchtenden Blüten, konnte einfach nur an Leni denken. Letzte Woche hatte er sie überraschend bei der Vortragsreihe eines lokalen Autors im Nachbarheim wiedererkannt. Und sie ihn eben auch. Seitdem belauerten sie sich, gerade so wie vor nun fast sechzig Jahren auf dem Schulhof. Da hatten sie beide ihre erste gemeinsame, wenn auch harmlose Liebelei. Scheues Händchenhalten in der Pause, flüchtige Küsschen hinter den Fahrradständern. Gekicher und Häme der Freunde. Sein Kopf ruckte energisch hoch. Kevin hatte, was seinen Sohn betraf, Recht: jedes Jahr derselbe Ärger mit den Geburtstagen. Für seine Kinder waren solche Feiern wohl eher so eine Art Gesundheitscheck, um zu sehen, wie lange sie noch auf ihr Geld warten mussten. Doch gerade war ihm eine Idee gekommen. Kevin konnte noch nicht weit sein. Er stemmte sich auf die Beine und dackelte, so schnell er konnte, dem Davoneilenden hinterher, brüllte den Namen des Pflegers in die Mittagsstille.
Kaum stand Kevin vor ihm, fuchtelte er diesem mit dem Stock vor der Nase herum, worauf Kevin erschrocken einen Schritt zurücksprang. »Hör gut zu, Kevin. Sag dem Nichtsnutz, ich käme.« Sammy atmete tief durch. Das alles strengte ihn sehr an.
»Und sag ihm, ich bringe eine Frau mit.«
Kevin schaute ihn erstaunt an. »E Fra, was donn fer a Frau … davon hob ich ja …«
Energisch drückte Sammy seinen Gehstock auf Kevins Brust: »Klappe halten. Du hast Recht, besser du sagst, ich brächte meine Freundin mit. So, und nun schieb ab.« Kevin trollte sich. Sein Sohn würde Augen machen, dachte Sammy, vor allem wenn er der Baggage Leni als zukünftige Stiefmutter vorstellen würde. In großer Vorfreude auf die Gesichter der Erbengemeinschaft grinste er und rief Kevin hinterher, ab und zu versuchte er sich an dessen seltsamem Idiom. »Unn vergess des Eis net, Stachelbeerkopp.«
Was hattet ihr da vorhin eigentlich zu tuscheln? Na, Manfred, Toni und du. Natürlich habe ich das mitbekommen. Nun sag schon. Ach, du holst dir erst noch was zu trinken. Bring mir halt noch ein Glas Bowle mit. Morgen sind die Früchte wieder … ich habe doch gesagt … lass gut sein, ich hol mir selbst. Ja, das sehe ich, dass du genug hast. Wie immer.
Nun reg’ dich nicht wieder auf, war nicht so gemeint. Rück halt mal ein Stück. Das heißt, ich schließe nur noch das Fenster. Meinst du, der Grill kann über Nacht draußen bleiben? Wenn’s regnet, dann … nun reg’ dich nicht auf, ich dachte ja nur, weil letztes Mal die ganze Kohle vermatscht war. Aber du hast Recht, heute Nacht regnet es bestimmt nicht. Nun sag schon, da ist doch wieder was, wenn du so herumdruckst. Was hatte denn das Nachbarschaftsfestkomitee zu beratschlagen? Na, das hätte ich mir ja denken können, dass es um die Hennings ging. Was ich von denen halte? Weiß nicht. Aber euch hat doch was nicht gepasst, oder?
Das glaub’ ich jetzt nicht, nur weil er euren Selbstgebrannten nicht probieren wollte. Doch, du hast gesagt, er weiß nicht, was gut ist. He, pass auf, deine Kippe, wir haben schon genug Löcher im Teppich. Aber zuvorkommend ist er. Jetzt guck nicht so. Von euch hat keiner Anstalten gemacht, mir zu helfen, als mir das Grillfleisch beinahe vom Teller gerutscht wäre. Ihr musstet ja den Zapfhahn bewachen. Reg dich nicht auf, war nicht so … aber geschickt ist er und er hat schöne Hände. Na ja, bei dem Beruf.
Ja, er ist Gitarrenlehrer. Was plusterst du dich so auf, es kann ja nicht jeder am Schreibtisch sitzen und Bleistifte verkleinern. Nun setz’ dich wieder hin. Mensch, bist du empfindlich. Sie ist ja so eine. Na so eine eben? Ja so eben; weißt doch, was ich meine.
Nett, sicher, macht Pilates, und wirkt ein bisschen tütü. Früher sagte man Jazzgymnastik. Na ja, Pilates klingt eben feiner.
Aber gut aussehen tut sie, klasse Figur. Hat der Toni auch gesagt? Das glaub ich. Meinst du, ich habe nicht gemerkt, wie ihr um sie herumscharwenzelt seid? Denk bloß nicht, ich fang nun wieder an abzunehmen. Aber die hat dich ganz schön auflaufen lassen, wie du auf sie zugestelzt bist: Frau Henning, darf ich sie zu einem Tänzchen …? Hättest mal dein Gesicht sehen sollen. Hör auf, das tut weh, lass mich los! Musstest es gleich wieder bei Lotti probieren. Dem Manfred hätte ich beinahe eine gescheuert, wollte mir einen Eiswürfel in den Ausschnitt stecken. Beschließt ihr so was bei euren Komiteesitzungen? Da wäre ich ja gerne mal dabei.
