Allein das Leben zählt - Karin Selest - E-Book

Allein das Leben zählt E-Book

Karin Selest

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Beschreibung

"Bis zur Hochzeit ist alles wieder gut." Das flüsterte mir Oma ins Ohr, wenn ich mich beim Spielen verletzt hatte, oder unendlich traurig war, weil mich meine Eltern wieder einmal nicht verstehen wollten. Omas tröstende Worte halfen zum Glück. Heute weiß ich, dass es mit einer Hochzeit kaum getan ist und dass es Eltern schwer haben, ihre Kinder immer zu verstehen. Doch die wohl wichtigste Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass der Weg des Lebens, den wir alle gehen, nicht nur ebenmäßig verläuft. Des Öfteren stolpern wir über felsiges Geröll oder verirren uns im Nebelschleier der Gefühle und jeder muss für sich seinen Weg finden. Zehn Episoden und die Ballade am Ende des Buches erzählen von berührenden Schicksalen und tiefgreifenden Lebensentscheidungen.

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Seitenzahl: 92

Veröffentlichungsjahr: 2016

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www.tredition.de

Karin Selest

Allein das Leben zählt

Zehn nahegehende Lebensschicksale

www.tredition.de

© 2016 Karin Selest

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7323-7686-5

Hardcover:

978-3-7323-7687-2

e-Book:

978-3-7323-7688-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Mein Traum von Afrika – ich träumte ihn vor über dreißig Jahren

Sehnsucht

Mein Vater

Was willst du noch?

Der letzte Zug

Einsame Entscheidung

Verkehrte Welt

Auf Lebenszeit

Dann kam Frosch

Lebenslüge

Sommergewitter – eine Ballade

Mein Traum von Afrika – ich träumte ihn vor über dreißig Jahren

Ich hatte den Facharbeiterbrief in der Tasche, meinen neunzehnten Geburtstag ausgelassen gefeiert, und fieberte einem Traum entgegen. Ein Jahr technische Aufbauhilfe in Angola. Ich durfte raus, wenn auch nur für ein einziges Jahr. Ich wollte in die Freiheit, und endlich bot sich eine Gelegenheit, dem erdrückenden Gewahrsam meines Landes und nicht zuletzt der Obhut meiner Mutter zu entfliehen. Bisher gelang mir das nur von Freitag bis Sonntag. An diesen Tagen schlief ich bei Frank, in den ich damals unsterblich verliebt war.

Frank hatte gerade die Musterung hinter sich und würde in Kürze notgedrungen eineinhalb Jahre in der „Nationalen Volksarmee“ Quartier beziehen. Was machte es da, wenn ich in Afrika war? Das gemeinsame Leben konnte später beginnen.

Ich glaubte fest daran, selbst tausende von Kilometern getrennt konnten wir die Prüfung bestehen. Danach würden wir uns im Bauerngehöft seiner Mutter eine Wohnung ausbauen und eine Familie gründen.

In unseren Träumen war alles perfekt, wir wussten genau, was wir wollten. Nur das Eine war uns fremd, dass Jugend und Besonnenheit kaum vereinbar sind. Um diese Erfahrung sollten wir in nur vier Wochen reicher werden.

Vier Wochen, so lange dauerte meine Pillenzwangspause. Wir hätten uns nur beherrschen müssen, aber das erschien Frank und mir das Schwerste und obendrein Blödeste, das man sich im Leben vorstellen konnte. Nein, beherrschen wollten wir uns keinesfalls. Zum Glück waren Frank und ich hinreichend darüber aufgeklärt, dass es mehrere Möglichkeiten zur Verhütung gab. Eine davon lag gleich neben den Kaugummis an der Kasse vom Dorfkonsum. Es musste nur einer losgehen, um solch eine Packung zu kaufen, schon wären die Liebe und unsere Zukunftsträume gerettet.

Freiwillig waren weder Frank noch ich dazu bereit, deshalb knobelten wir. Eine Münze sollte entscheiden; sie entschied sich für mich. „Nicht mit mir“, dachte ich, wurde zickig und forderte Revanche. Ich bekam sie, es traf Frank und unser erster gemeinsamer Streit bahnte sich an. Weil wir von einem dritten Versuch beide nicht viel hielten, fauchte ich meinen Freund an: „Kondome sind Männersache, also gehst du!“

Franks Blick verriet, dass er diese Meinung ganz und gar nicht teilte. Doch dann umarmte er mich, gab mir ein Küsschen aufs Ohrläppchen und sagte: „Ich will nicht streiten. Entweder wir gehen da zu zweit hin oder besorgen die Dinger woanders.“

Er hatte Recht, die Drogerie in der Stadt bot uns einen neutralen Boden. Aber bei Schneeregen und um diese Zeit, es wurde schon dunkel, mit dem Moped losfahren? Das war völlig ausgeschlossen und die Entscheidung damit gefallen. Schweigend zogen wir die Jacken über und traten den beschwerlichen Weg zum Konsum an.

Eine gefühlte Ewigkeit standen Frank und ich unschlüssig vor dem kleinen, immerhin üppig besuchten Geschäft. Bevor wir endgültig kalte Füße bekamen, was nur zum Teil am Schneematsch lag, besannen wir uns auf unsere Kühnheit und marschierten Hand in Hand geradewegs hinein.

Den Einkaufskorb zwischen uns und den Haltegriff eisern umklammernd, trödelten wir durch die Gänge in Richtung Kasse und reihten uns in die Warteschlange der tratschenden Dorffrauen ein. Je näher der Zahltisch kam, desto kribbeliger wurden wir und hefteten unsere Blicke auf das Objekt der Begierde. Die Staubschicht auf den kleinen Packungen verriet, dass wir nicht die Einzigen waren, die Skrupel hatten, danach zu greifen. Ich schaute Frank unschlüssig an, da krakeelte auch schon die Frau an der Kasse: „Was wollt ihr denn?“

Eine Totenstille breitete sich um uns herum aus. Die Dorfneuigkeiten verloren an Bedeutung und von allen Seiten wurden wir erwartungsvoll angestarrt. Frank lief rot wie ein Feuerlöscher an und mir wurde heiß und kalt zugleich. Ich kam mir vor wie ein Bankräuber, der seine Pistole im Fluchtwagen vergessen hatte. Bevor die Kassiererin zur nächsten Frage ansetzen konnte, grapschte ich irrwitzig nach einem Päckchen Fruchtkaugummi. Frank verstand zum Glück den Seitenpuffer, den ich ihm gab. Geistesgegenwärtig legte er eine Mark auf den Kassentisch und wie von einem Rudel Raubtieren gejagt stürmten wir hinaus auf die Straße.

Kaugummi kauend trödelten wir nach Hause. Zumindest hatten wir für keinen neuen Dorftratsch gesorgt. Wir versprachen uns, in den kommenden Wochen Vorsicht walten zu lassen, und verdrängten so unsere Gedanken an den peinlichen Versuch, Kondome zu kaufen.

Obwohl der Sex, wie Frank und ich fanden, ab diesem Abend weniger Spaß machte, klappte es recht gut. Wir hatten alles fest im Griff und waren stolz auf uns.

Doch dann kam dieser Freitag. Ich weiß nicht, welches Datum er hatte, aber es könnte sehr gut ein Dreizehnter gewesen sein. Wir hatten mit Freunden gefeiert, gesungen, getanzt und billigen Schaumwein getrunken. Weit nach Mitternacht schlenderten Frank und ich eng umarmt die Dorfstraße entlang. Es war kalt und wir freuten uns auf wohlige Wärme unter der Bettdecke.

Die Vorfreude wurde mehr als gestillt. Frank lockte mich verführerisch unter das Federbett, und wie in all unseren Nächten schmiegte ich mich an seinen wärmenden Körper. Eine verheißungsvolle Behaglichkeit umhüllte mich. Ich fühlte seine Hände und den Kuss auf meiner Haut. Vertraut und innig umschlungen erfühlten wir uns wie nie zuvor und ließen uns von der Leidenschaft verzaubern. Wir verschmolzen, wurden eins und erlebten ihn, den einen, den unendlichsten, wahnsinnigsten Moment der Zweisamkeit. Wir schwebten zu den Sternen, tanzten im Universum und fanden die Glückseligkeit.

Die Landung erwies sich als weniger himmlisch, viel zu schnell kamen wir im Hier und Jetzt an und das Angstgefühl nahm uns gefangen.

Wochen des Bangens und Hoffens vergingen. Wir redeten, vermuteten, stritten und versöhnten uns, bis meine Befürchtung zur Wahrheit wurde und ich zum ersten Mal im Leben vor der Entscheidung „Entweder – Oder“ stand. Entweder Mutter werden oder Angola sehen. Frank überlegte nicht lange, er empfahl mir das Oder. Doch so einfach war es für mich keineswegs. Den richtigen Entschluss zu fassen, fiel mir alles andere als leicht. Sollte ich ein Kind wegen eines Jahres Freiheit opfern? Nein, das durfte ich nicht. Das musste Frank verstehen, selbst wenn es bitter für ihn war.

Für meine Schwiegermutter in spe bedeutete der „Unfall“, dass schnellstmöglich geheiratet werden müsse. Meine Eltern durchdachten das Dilemma einige Tage länger. Schlussendlich freundeten sie sich mit dieser Lösung an und ich mich irgendwie auch. Zumindest würde ich ein neues Leben beginnen, ohne ständig am Rockzipfel meiner Mutter zu hängen. Platz gab es auf dem Bauernhof genügend. Ein großräumiger Umbau musste nicht sofort sein. Gemütlich und komfortabel würden wir uns eben später einrichten.

Anstatt den Vertrag für Afrika zu unterzeichnen, unterschrieb ich das Aufgebot. Frank nahm es bedingungslos hin, doch bald spürte ich, dass er sich veränderte. In ihm ging etwas vor, das in mir Zweifel weckte. Er wurde zunehmend schweigsamer, verbrachte viel zu viel Zeit ohne mich und schien seine Einberufung kaum erwarten zu können. Schmerzhaft musste ich mir eingestehen, dass Frank nicht mehr auf der Suche nach Träumen für uns beide war, und wenige Tage vor der Trauung traf er eine Entscheidung. Es überraschte mich nicht, ich hatte es geahnt. Irgendwie verstand ich Frank sogar. Er war unglücklich, überfordert und hatte Panik. Er wollte keine Frau mit Kind, die auf ihn wartete, solange er bei der Armee diente. Frank wollte frei sein, sagte er mir, als er ging und damit mein Leben aufs Neue in eine andere Bahn lenkte.

Großmütig nahmen sich meine Eltern meiner und des Würmchens in meinem Bauch an. Meine Mutter meldete die Hochzeit ab und gab das Brautkleid zurück. Mein Vater widmete sich der Abstellkammer neben dem Kinderzimmer und schuf einen zweiten bewohnbaren Raum für mich und sein zukünftiges Enkelkind. Es war wohltuend, dass sie mich in dieser Zeit des Kummers und der Enttäuschung über eine verlorene Liebe nicht allein ließen. Doch was für meine Eltern Fürsorge hieß, bedeutete für mich ein Zurückgehen in die Unselbständigkeit. Das wurde mir schnell bewusst. Den Traum von Afrika hatte ich selbst begraben. Den Traum von Freiheit begrub die erneute Abhängigkeit.

Fünf Monate später wurde mein Sohn geboren und ich war noch immer an meine Eltern gebunden. Vielleicht war ich nicht erwachsen genug und zu schwach, vielleicht liebte meine Mutter zu sehr oder war zu übermächtig. Ich kann es nicht sagen, aber mein Sohn gehörte zu keiner Zeit mir.

Frank sah sich seinen Erstgeborenen lediglich ein einziges Mal an. Er stellte keine Ansprüche, zahlte Alimente und war frei.

Eines Tages sollte auch ich es werden.

Mittlerweile bin ich nicht nur frei, sondern habe Frieden mit mir selbst geschlossen. Doch jede Entscheidung auf dieser Wegstrecke brachte ein „Entweder – Oder“ mit sich. Oft war es ein Abschied für lange Zeit, wenn nicht gar für immer.

Mein Traum von Afrika ist nicht in Erfüllung gegangen, begleitet hat er mich bis heute. Möglicherweise fand ich durch ihn die Antwort auf die Frage: Was ist Glück?

Für mich bedeutet Glück, trotz unerfüllter Träume und Wünsche den Weg in das eigene Leben immer wieder zu finden.

Sehnsucht

Es war einer der letzten warmen Tage im September. Der laue Herbstwind wehte durch die Bäume und spielte mit den buntgefärbten Blättern.

Im zweiten Stock der stattlichen, ein wenig baufälligen Villa streckte ein Junge den Kopf aus dem Fenster. Man brauchte nur einmal hinzuschauen und wusste, dass es Tommi war. Sein Haar versteckte er wie immer unter einem knallroten Baseballcap. Tommi war acht Jahre alt und ein aufgeweckter, zu jedem Unfug bereiter, kleiner, pummeliger Bengel. Doch an diesem Tag stand er im mausgrauen Jogginganzug und roter Kappe traurig am Fenster.

Er hatte es Micha versprochen. Er würde aufpassen und ihn rufen, sollte das grüne Auto durch die Einfahrt kommen. Micha war sein einziger Freund und damit sein bester. Er war wie Tommi acht Jahre, spindeldürr, um einiges größer und hatte fast dasselbe braune Haar. Doch seines kräuselte sich in hunderten winzigen Löckchen um den Kopf.

Micha und Tommi waren unzertrennlich und selten traf man einen ohne den anderen. In der Regel wurde es immer laut, wenn die beiden in einem Zimmer waren. Es sei denn, sie heckten einen Streich aus.

An diesem Tag aber war alles anders. Hibbelig räumte Micha eine blaue Reisetasche ein und Tommi beobachtete ihn verstohlen. Er sah die strahlenden Augen und wusste, sein Freund hatte es verdient. Er wohnte schon viel zu lange im Kinderheim. Der Kleiderschrank war beinahe leer, bald würde Micha fertig sein. Micha hatte seine beste Jeans angezogen und das Hemd, das ihm die „Leute“ mit dem grünen Auto am vorigen Besuchssonntag geschenkt hatten. Genau diese „Leute“ wollten ihm seinen Freund wegnehmen.

Tommi schaute wieder hinunter in den Garten. In Gedanken sagte er: „Das Auto darf nicht kommen, es darf einfach nicht kommen, dann bleibt Micha hier.“