Alles aus Liebe - Alex Raack - E-Book

Alles aus Liebe E-Book

Alex Raack

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Beschreibung

»Ist doch eigentlich egal, wohin. Ist doch eigentlich egal, welches Team. Wichtig ist: mit wem. Und warum. Weil man Bock auf Fußball hat. Und noch mehr Bock, diese Leidenschaft zu teilen. Das macht einen doch erst zum Fan.« Noch nie war der Profifußball verabscheuungswürdiger, noch nie war er korrupter, noch nie so weit entfernt von denen, die ihn doch eigentlich erst groß machen: den Fans. Alex Raack, ehemaliges Mitglied der 11FREUNDE-Redaktion und heute freier Journalist, erzählt Geschichten von Menschen, die ihr Herz an diesen Sport verloren haben. Auf der Suche nach dem Sinn der Fußballliebe traf er sich mit singenden Essenern, ging mit einem Werder-Fan ins HSVMuseum, spielte eine Rolle in einem Roadmovie über Fans aus dem Ruhrgebiet und war mit Fans unterwegs, die lieber Fußball in der zweiten tschechischen Liga schauen, als zum FC Bayern zu gehen. Ein Buch über Fußball, nicht über Fußballer. Ein Buch über Fans, nicht über 200 Millionen Euro schwere Superstars. Und ein Buch, das all denen Hoffnung geben soll, die nicht mehr an die große Liebe Fußball glauben.

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Seitenzahl: 157

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Tropen Sachbuch

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Tropen

www.tropen.de

© 2018 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Zero Media GmbH, München

unter Verwendung eines Fotos von © GettyImages/

Rolfo Rolf Brenner

Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde

Printausgabe: ISBN 978-3-608-50383-8

E-Book: ISBN 978-3-608-11052-4

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

1. KapitelBerlin Olympiastadion

2. KapitelFrankfurt

3. KapitelBerlin-Köpenick

4. KapitelWeimar

5. KapitelHamburg

6. KapitelEssen

7. KapitelLehe

8. KapitelSokolov

9. KapitelBochum

10. KapitelBerlin-Wedding

11. KapitelStuttgart

12. KapitelDeutschland

13. KapitelMünchen

14. KapitelZuhause

Danksagung

Vorwort

Dieses Buch ist für alle, die den Fußball lieben. Für alle, die sich irgendwann einmal in dieses Spiel verguckt haben. Sei es vor dem Radio während der WM 1954, als Rahn einfach schießen musste. Sei es im großelterlichen Wohnzimmer zwanzig Jahre später, als Breitner zwar cool blieb, aber der Coolste von allen ein dünner Holländer war. Sei es 1998 im Italienurlaub, während in Frankreich wieder ein dünner Holländer ein Tor erzielte, das noch schöner war als Julia aus der Nachbarklasse. Für die, denen irgendwann ein Ball vor die Füße rollte und die seitdem eine geradezu unheimliche Anziehungskraft zu diesem Spielgerät verspüren, ob am Wochenende in der Kreisliga oder auf dem Hinterhof beim Bolzen mit den Enkeln. Für die, die einen Verein haben und ihm immer die Treue halten, selbst nach dem zweiten Abstieg in fünf Jahren. Für die, denen dieses Spiel etwas bedeutet. Weil sie durch den Fußball Freunde fürs Leben gefunden haben. Weil sie so viel Spaß im Stadion haben. Weil einige der wichtigsten Momente ihres Lebens unmittelbar mit dem Fußball verbunden sind. Für die, die glauben, dass der Fußball dabei helfen kann, Menschen zu guten Menschen zu machen. Die finden, dass dieses Spiel etwas Besonderes ist, das man schützen und bewahren sollte. Und nicht verkaufen.

Dieses Buch ist für alle, die ein Problem mit dem Fußball von ganz oben haben. Denen kein 22-Millionen-Transfer die Lust am Kicken selbst vermiesen kann, für die das aber Gift für ihre Beziehung als Fans zum Fußball ist. Die seit Jahren immer weniger Fußball gucken, obwohl das eigentlich zu ihrem Leben gehört. Die nicht damit einverstanden sind, dass der Fußball zu einem Event geworden ist und Fans zu Konsumenten gemacht wurden. Die es unerhört finden, dass man zugelassen hat, dass Geld über Tore und Titel entscheidet. Die wütend darüber sind, dass man unseren Sport kaputt macht. Die Angst davor haben, dass deshalb die eigene Liebe zum Fußball erkaltet.

Ich bin so einer. Und ich glaube, wir sind viele. Spätestens seit der WM 2014 spüre ich, wie die Kurve der Begeisterung all jener, denen wirklich etwas an diesem Spiel liegt, nach unten geht. Dass viele die Faxen dicke haben, weil sie inzwischen erkennen, wie versaut der Spitzenfußball wirklich ist. Weltmeisterschaften werden verschoben und die Superstars legen sich nicht mehr mit Diktatoren oder Funktionären an, sondern verstecken ihre Kohle in Steueroasen. Selbst Franz Beckenbauer ist ein fauler Apfel.

Ich habe mich während der Arbeit an diesem Buch häufig gefragt, was mir die Berechtigung gibt, ein solches zu schreiben. Ob ich mich dafür eigne, stellvertretend für so viele Gleichgesinnte, Geschichten zu erzählen, die von der Liebe zum Fußball handeln und auch davon, wie diese Liebe gerade auf eine schwere Probe gestellt wird. Ob diese Geschichten dafür geeignet sind, ein Buch zu füllen, in dem sich die Leser wiederfinden können, das ihnen Hoffnung gibt und sie vielleicht die eigene Einstellung zum Fußball überdenken lässt. Ich hoffe, ich bin diesen Ansprüchen gerecht geworden. Denn so kann es nicht weitergehen. Am Ende sind es immer noch die Fans, die darüber entscheiden, wie groß der Fußball wirklich sein darf.

Ich bin für dieses Buch durch ganz Deutschland gereist. Ich war am Filmset eines Roadmovies über das Ruhrgebiet und seine ganz besonderen Fußballfans. Ich habe mir von Stadionkartensammlern Abenteuer erzählen lassen, bin mit jungen Franken auf Auswärtsfahrt in die zweite tschechische Liga gegangen und habe einen Haufen Menschen dirigiert, der nicht die Spieler, sondern den Schiedsrichter anfeuerte. Ich habe mir in Hamburg, Frankfurt, München und Stuttgart von der großen Liebe erzählen lassen, wurde von einem ehemaligen Hooligan trainiert und wartete in Bremerhaven-Lehe auf ein Wunder im DFB-Pokal. Was auch immer mit diesem Buch passiert, die Begegnungen und Geschichten dieser Reisen kann mir niemand mehr nehmen. Die wunderbaren Menschen, die ich kennenlernen durfte, werde ich nie vergessen. Und am Ende war dieses Buch auch eine Selbsterkenntnis. Darüber, dass es doch das ist, was die Liebe zum Fußball für mich immer ausgemacht hat: dass er Menschen zusammenbringt, sie gemeinsam Abenteuer erleben lässt und das Leben schöner macht.

Ich hoffe, dass sich im Fußball bald etwas ändert. Dass wir nicht noch viele weitere Jahre ertragen müssen, dass der Fußball so zynisch und versaut geworden ist. Dass er sich so sehr von seinen Idealen entfernt hat.

Am Ende der einjährigen Arbeit saß ich mit dem Pressesprecher von ProFans, Sig Zelt, in einer Bar in Berlin-Friedrichshain. ProFans ist der größte Zusammenschluss von aktiven Fans in Deutschland. Sig glaubt, der Fußball ist nur noch zu retten, wenn er sich spaltet: in einen Fußballkosmos mit den besten und teuersten und geldgeilsten Spielern, Trainern, Managern und Beratern; und in einen, in dem die Werte dieses Spiels geachtet und geschützt werden, in dem der Fußball zwar weniger sportliches Talent vereint, aber ein besseres, weil ehrlicheres Spiel zeigt. Das fand ich schön und traurig zugleich. Eine romantische Idee in dieser unromantischen Gegenwart. Vielleicht ist das tatsächlich irgendwann einmal eine Idee. In Deutschland hat mein früherer Arbeitgeber 11FREUNDE im Herbst 2017 erstmals den »Tag der Amateure« gefeiert, Vorbild ist der in England bereits sehr populäre »Non League Day«. Fußball von ganz unten ganz oben. Es tut sich was.

Ich möchte mir den Fußball nicht nehmen lassen. Nie habe ich weniger Live-Fußball geschaut als im Jahr 2017. Nie saß ich seltener mit meinen Jungs zur Konferenz in der Kneipe. Nie habe ich weniger vom großen Fußball mitbekommen. Nie war mir die Champions League egaler. Ich überlege ernsthaft, die anstehende WM in Russland zu boykottieren, weil sie so schmutzig ist. Ich möchte wieder begeistert werden. Nicht vom zehnten Weltrekord von Cristiano Ronaldo, dem nächsten Kantersieg von Paris Saint-Germain oder Nahaufnahmen von Wladimir Putin mit dem Weltpokal. Sondern vom Spiel an sich. Möge dieses Buch seinen Teil dazu beitragen.

Walk on.

Alex Raack im Mai 2018

1. Kapitel

Berlin Olympiastadion

In dem der Autor zu Beginn seiner Reise auf der Suche nach dem aktuellen Zustand der deutschen Fanseele erstmal wieder zu sich selbst finden muss. Natürlich bei einem Spiel seiner Mannschaft.

»Fick dich, du Werder-Fotze!«

So beginnt sie, meine Reise durch Fußballdeutschland. Mit einem gut gemeinten Ratschlag eines Berliner Jünglings, doch bitteschön Geschlechtsverkehr mit mir selbst zu betreiben. Mein neuer Freund hat offenbar Anstoß an meinem grün-weißen Schal genommen, der, aber das konnte der Wüterich im Vorbeigehen nicht erkennen, gar kein Schal von Werder Bremen ist, sondern von Red Star Paris, einem Klub, den ich im Sommer 2016 kennenlernen durfte. Weil aber heute, am 10. Dezember 2016, Spieltag ist und Hertha BSC gegen Werder Bremen spielt, steht alles in grün und weiß unter verschärfter Beobachtung.

Solche Beleidigungen sind nie nett, aber wo, wenn nicht beim Fußball, sollte man selbst einem herzhaften »Fick dich« mit angemessener Gelassenheit begegnen? Fußball sei kein Hallenhalma, meinte schon mein Jugendtrainer und wollte damit deutlich machen, dass dieser Sport eben auch mal rau, dreckig und assi sein kann. Und darf. Wobei das dem Hallenhalma nicht gerecht wird, gibt es diese Brettspieldisziplin doch gar nicht. Wer weiß, welch kerniger Ton dort herrschen würde.

Heute werde ich das nicht mehr in Erfahrung bringen, denn am Berliner Ostkreuz, jener nicht enden wollenden Verkehrsknotenbaustelle im Herzen von Friedrichshain, muss man einen klaren Kopf bewahren, will man nicht von hektischen Großstädtern in den Ketwurststand gerempelt werden. Ab in die knüppelvolle Bahn und ohne Zwischenhalt Richtung Olympiastadion.

Meine Schwester hat sich um Karten gekümmert. Ich wollte erst gar nicht. Weil das Olympiastadion von meiner Wohnung aus gesehen auf der anderen Seite der Stadt liegt. Weil das Berliner Dezemberwetter so einladend ist wie ein Ketwurstwettessen. Weil meine Mannschaft seit Jahren so miesen Fußball spielt. Weil … ich Weichei vermutlich besser beim Hallenhalma aufgehoben wäre. Nun stehe ich doch in der Bahn und trinke Rotwein aus der Flasche, weil mir der vom Bier begünstigte Harndrang schon immer so sehr auf den Sack ging. Besonders dann, wenn man eingekeilt mit vielen anderen Menschen Zeit in Bussen, Bahnen oder Stadien verbringen muss. Das habe ich früher schon so gemacht, als ich noch nicht von meiner Schwester zum Fußball gucken überzeugt werden musste. Regelmäßig saß ich mit unserem Fanklub Subkultur Bremen in schlecht belüfteten Reisebussen, deren Toiletten bereits nach der ersten halben Stunde nicht mehr zu gebrauchen waren, weil massige Typen in Jeanswesten dort Dinge getan hatten, von denen ich hier nicht zu schreiben wage.

Rotwein also. Die heilsame Wirkung setzt bereits nach den ersten sechs Stationen ein und lässt mich darüber nachdenken, was ich eigentlich vom heutigen Abend erwarte. Werder Bremen galt einst als Spektakel. Es gab Jahre, da konnte die Mannschaft drei Gegentore kassieren und man verlor als Fan trotzdem nicht die Hoffnung, weil Werder dann eben vier Treffer erzielte. Aber das ist lange her. Seit einigen Spielzeiten kreucht mein Klub im unteren Tabellenviertel, hat die Kohle aus den goldenen Champions-League-Jahren offenbar längst verbraten und lässt deshalb Fußballer auflaufen, von denen ich nicht wüsste, welchen Namen ich mir aufs Trikot flocken lassen würde, wenn ich noch einmal zehn Jahre alt wäre. In solchen Momenten kommt in mir der Erfolgsfan durch und das wiederum gefällt mir gar nicht. Nein, ich erwarte mir nicht viel von diesem Spiel.

Am Stadion. Die S-Bahn-Station hustet die Fan-Klümpchen auf den Vorplatz, rechts von uns thront der riesige Berliner Betonkessel. Die Erinnerung daran, dass ich hier bereits dreimal meine Mannschaft im Pokalfinale erleben durfte, macht das Hier und Jetzt auch nicht besser. Ich brauche ganz dringend jemanden, der mir ein wenig Hoffnung gibt. Die Flasche Rotwein ist schon leer.

Dann erfahre ich, dass ausgerechnet der prominenteste Hoffnungsbringer von allen sich um uns kümmern wird: Gott himself. Unsere Stadionbegleiter aus Norddeutschland arbeiten in der Diakonie und wollen gerne dem Stadionpfarrer einen Besuch abstatten. Das Olympiastadion verfügt über eine eigene Kapelle, die sich tief im Bauch des Ungetüms befindet. Pfarrer Bernhard Felmberg hält hier an Spieltagen ehrenamtlich die Andacht. So etwas gibt es in Deutschland sonst nur in Frankfurt und Gelsenkirchen.

Ich bin nicht sehr gläubig, zumindest nicht aus klassisch-kirchlicher Perspektive. In einer Kirche war ich schon sehr lange nicht mehr. Und ganz sicher nicht eine Stunde vor Beginn eines Fußballspiels. Aber nun stehe ich gemeinsam mit meiner Schwester, unseren Bekannten und etwa dreißig weiteren Fans vor dem VIP-Eingang und warte darauf, von einem Mitarbeiter des Pfarrers abgeholt zu werden. Wir werden in den Innenraum des Stadions geführt. Längst sind nicht alle Plätze besetzt, aber der große Kessel zischt und köchelt schon ein wenig. Das ist definitiv einer meiner liebsten Momente bei Stadionbesuchen: der Übergang raus aus den grauen Treppenaufgängen ins kunterbunte Irrenhaus. Unten der sattgrüne Rasen, ein einzigartiger Sound, zusammengemischt aus Tausenden von Stimmen und Geräuschen, ein erwartungsfroher Vibe, dessen Faszination man sich schwer entziehen kann. Wir werden bis fast ganz an die Rasenkante geführt und schwenken im letzten Moment nach links, wo uns das Stadion wieder zu verschlucken droht. Neben den Eingängen stehen die Sky-Experten um Lothar Matthäus und warten auf die nächste gut bezahlte Dampfplauderei. Ich singe Lothar Matthäus ein Lied und Christoph Metzelder hört mir kurz zu. Ob sich Lothar daran erinnern kann, wie ich ihm einst zum langen Interview in einem schicken Münchener Hotel gegenübersaß und er sich konsequent weigerte ein charmanter Gesprächspartner zu sein? Bestimmt nicht. Wir passieren die Fußballgötter und erreichen nach wenigen Stufen die kleine Kapelle.

Am Eingang greife ich mir eher aus Verlegenheit ein Buch. Mit vollem Einsatz – Das Neue Testament mit Lebensberichten internationaler Spitzensportler heißt es. »Das dürfen sie gerne behalten«, sagt mir eine der Mitarbeiterinnen und zwinkert mir verschwörerisch zu. Höflich bedanke ich mich. Wie soll man auch eine Bibel zurückweisen? Auf einer Doppelseite berichtet der ehemalige Bundesligatorhüter Dirk Heinen von seinem Weg zu Gott. »Eine besondere Liebesgeschichte« lautet der Titel. Und ich denke mir, dass dieses Credo ganz hervorragend zu dem passt, was ich in den kommenden Monaten für dieses Buch erleben möchte. Denn nichts anderes ist der Fußball doch. Eine kollektiv umschwärmte Geliebte, ein Herzensbrecher, mal in grün, rot oder blau gekleidet, aber immer mit derselben Masche erfolgreich. Während der kurzen Andacht denke ich über Dirk Heinen nach.

Welch skurriler Moment in meinem Leben als Fußballfan. Zu Beginn meiner Reise auf der Suche nach der deutschen Fankultur, meiner geplanten Erkundung der großen Liebe Fußball, sitze ich in einer Stadionkapelle und lausche Pfarrer Felmberg, der von Glauben, Hoffnung und Miteinander spricht. Ich muss an meinen klugen Vater denken, der zwar keine Ahnung von Fußball hat, aber einst mit mir darüber philosophierte, wie viel Religion Fußball ist und wie viel Fußball Religion. Und darüber, dass der Gang ins Stadion letztlich nichts anderes sei, als der Marsch in die Kirche. Wenn auch mit deutlich betrunkeneren Gemeindemitgliedern. Da ist schon was Wahres dran. Fußball ist in Deutschland so groß und mächtig-wichtig, wie es die Kirche einmal war und gerne wieder wäre. Jetzt muss ich nur noch meinen Glauben an das Spiel wiederfinden.

Der hat in den vergangenen Jahren ganz schön gelitten. Das mag damit zu tun haben, dass ich mein Hobby zum Beruf machte und sieben Jahre lang als Redakteur für das Magazin 11FREUNDE arbeitete. Die Sicht auf die große Liebe verändert sich naturgemäß, wenn sie einen professionellen Anstrich bekommt. Es liegt aber auch an der Entwicklung des großen Fußballs. Denn die ist katastrophal. Sportlich gesehen entwickelt sich das Spiel immer weiter, die Spieler sind schneller, fitter und technisch variabler als noch vor zwanzig Jahren. Aber das ganze Drumherum löst bei mir in steter Regelmäßigkeit Würgereflexe aus. Am liebsten würde ich das alles auskotzen, die vielen Transfermillionen, die großen Sponsorendeals, die Business Seats und Logen, die korrupten Funktionäre, die großen Turniere, die man eigentlich gar nicht mehr begleiten sollte, weil sie auf einem Fundament aus Dreck und Betrug stehen. Meine große Liebe Fußball wurde von Menschen, die nichts mehr lieben als Geld, ausgenutzt, ausgesaugt und ausgepresst. Und das so bedingungslos, dass ich mir inzwischen sehr sicher bin, dass die Blase irgendwann platzen wird. Geht die Entwicklung genauso weiter, wenden sich selbst die treusten Fans in naher oder ferner Zukunft angewidert und enttäuscht ab. Seit Jahren erfährt der unterklassige Fußball immer mehr Zuspruch und Interesse. Warum? Weil es da noch Spaß macht, sich einen Spaß aus der Sache zu machen.

Mit diesen Gedanken im Kopf, unterlegt von den Kirchengesängen, die mir noch im Ohr nachhallen und einen sehr merkwürdigen Soundtrack bilden, stiefele ich die Stufen nach oben, bis wir unsere Plätze erreicht haben. Beinahe direkt unter dem Dach, unter uns der grün-weiße Auswärtsanhang, noch weiter unten die furchtbar hässliche blaue Tartanbahn und schließlich das wunderschöne Grün des frisch gemähten Rollrasens. Das Spiel läuft schon, als ich innerlich noch immer wütend die Fäuste gegen den großen Ausverkauf und Verflachung des Spiels balle.

Dann geschieht etwas Unvorhergesehenes. Werder Bremen spielt mutigen, aufregenden, guten Fußball. Die Spieler gehen in die Zweikämpfe, wie man in Zweikämpfe gehen muss, zugleich besonnen und aggressiv. Die Pässe kommen an, irgendwo steht immer ein Bremer frei oder im Raum. Und Hertha tut mir den Gefallen und liefert das vielleicht schlechteste Heimspiel der bisherigen Saison ab. Ich bin wie ein Blume in der Wüste, die nach langer Zeit endlich vom Regen überrascht wird. Mit jeder Minute gehe ich weiter auf, bin ich im Spiel drin. Ich lasse mich überraschen. Und dann begeistern. Ich fühle wieder das, was das Fan-Dasein ausmacht: Stolz, Zuneigung, Euphorie. Nach einer guten Torchance brülle ich »Werder! Werder!«. Einfachster Kurvensingsang, aber Fußball ist angeblich ein einfaches Spiel, also sollten es die Sprechchöre auch sein. Und das Beste in diesem Fall: Der Rest der Kurve stimmt mit ein. Das ist in Zeiten, da jede größere Fankurve von Capos mit Megaphonen an der Kandare gehalten wird, schon eine Leistung. Und lässt mich schwer herzklopfend und endorphindurchschüttelt zurück, als stünde ich das erste Mal in einer Kurve. Einen Bruder im Geiste schräg vor mir motiviert das kurz darauf zu einem so oldschooligen Geschmetter, dass mir gedanklich sofort ein Voku-hila wächst. »Das war super, das war elegant!«, habe ich seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr gehört. Und der Bremer Rest? Stimmt mit ein.

Kurz vor der Pause schießt Max Kruse das 1:0. Und als ich schließlich damit fertig bin, meine Nebenleute abzuklatschen, ist auch schon Halbzeit und die Mannschaften lassen mich mit dem wohligen Gefühl zurück, mein Team hier und heute zum Sieg zu brüllen. In einer perfekten Welt käme gleich Werders Präsident Marco Bode auf die Tribüne und wünscht mir mit einem kumpeligen Schulterschlag alles Gute für die zweite Hälfte.

Das passiert zwar nicht, aber meine Schwester reicht mir einen übergroßen Becher Bier und das ist fast genauso schön. In der Halbzeit schwärme ich ihr von Werders Spielweise vor, das ist seit Jahren nicht mehr passiert. Und das braucht doch der Fan, selbst jene, die seit Kleinkindtagen einem Klub die Daumen drücken, der den vierten Platz in der dritten Liga zum größten Erfolg der Vereinsgeschichte zählen muss. Ab und an eine Prise Begeisterung, ausgelöst durch einen starken Auftritt auf dem Rasen. Kleine Geschenke erhalten die Fanschaft.

Die zweite Halbzeit beginnt. Und meine Bremer machen genauso weiter wie in Hälfte eins. Das ruft – auch typisch für uns Kurvenliebhaber – Erinnerungen an goldene Zeiten wach. Für einen Moment vergesse ich, dass da unten Clemens Fritz oder Fin Bartels auf dem Platz ackern und denke an Johan Micoud, Aílton oder Dieter Eilts. Fans sind Schwärmer, Schwärmer sind Nostalgiker. Weil Nostalgie nun einmal schwärmerisch ist. Sie hat den unschlagbaren Vorteil, die Realität ein wenig nach eigenem Gusto abzuschleifen, sich Dinge schöner zu reden, als sie vielleicht waren. Obwohl das bei Erinnerungen an Johan Micoud gar nicht nötig ist. Hier und heute brauche ich mich allerdings gar nicht so intensiv in die Vergangenheit flüchten, auch wenn mit dem ewigen Claudio Pizarro eine Mensch gewordene Brücke zwischen früheren Bremer Glanzzeiten und der letztlich tristen Gegenwart des Gegners Hälfte unsicher macht. Denn die Mannschaft spielt rauschhaften Fußball, viele Dinge, die seit vielen Spielen oder gar Spielzeiten nicht mehr geklappt haben, glücken. Wenn die Dinge auf dem Rasen funktionieren, dann sieht Fußball wieder ganz einfach aus. Was natürlich ein trügerisches Bild ist, das weiß jeder, der selbst mal gegen den Ball getreten hat. Aber diese schlichte Harmonie von Fuß und Spielgerät ist genau das, was sich der Zuschauer auf der Tribüne wünscht.