Alles Liebe von Joy - Jenny Valentine - E-Book

Alles Liebe von Joy E-Book

Jenny Valentine

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Beschreibung

Wiedersehen mit Joy! Joy hat mit ihrem neuen Leben in England alle Hände voll zu tun: Sie will, dass ihre Lehrerin sie endlich mag, muss im Streit zwischen ihrer großen Schwester und ihren Eltern vermitteln, herausfinden, wie sie ihren Großvater aufmuntern kann und eine außergewöhnliche Geburtstagsüberraschungsparty für ihren besten Freund organisieren, der von einem Mitschüler schikaniert wird. Puh! Aber wenn jemand gut im Probleme-Lösen ist, dann Joy! Der wundervolle zweite Band der Joy-Applebloom-Trilogie über den Mut, für andere einzustehen, Familienzusammenhalt und die kleinen Freuden des Alltags.

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EPUB
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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jenny Valentine

Alles Liebe von Joy

Aus dem Englischen von Anu Stohner

Mit Bildern von Claire Lefevre

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Allen Freundinnen und Freunden an liebenswerten Orten

1

Ich heiße Joy Applebloom und bin zehn Jahre alt. Meine Eltern, meine große Schwester Claude und ich sind früher oft umgezogen. Sehr oft. Wir haben am Meer geschlafen und an Flüssen, auf Bergen und in Wäldern. Wir haben mitten im stillsten Nirgendwo gelebt und in Städten, die rund um die Uhr brummen, in Gegenden, wo wochenlang keine Sonne scheint, und dann wieder in welchen, wo einem der Himmel wie eine ewig gleiche blaue Decke vorkommt. Wir waren überall auf der Welt, aber im Moment leben wir an einem einzigen festen Ort, und unsere Adresse ist In den Platanengärten Nr. 48, wo das Haus meines Großvaters steht.

Claude sagt, In den Platanengärten Nr. 48 sei der langweiligste Ort, an dem wir überhaupt landen konnten. Einen öderen Flecken Erde müsse man auf unserem Planeten erst noch suchen. Im Dinge-langweilig-und-öde-Finden ist Claude gerade besonders gut. Es ist sowieso eine ihrer herausragenden Fähigkeiten. Zum Glück ist es eine von meinen, das Gute in den Dingen zu sehen. Ich habe ein Gespür für Silberstreifen am Horizont wie Trüffelhunde für Trüffel. Großvaters Haus mag nicht so schön und aufregend sein wie die Alhambra in Granada oder eine Riesenachterbahn in der Wüste von Nevada oder die glitzernde Oberfläche des Indischen Ozeans – trotzdem steckt es für mich voller Überraschungen und Versprechen. Interessant ist zum Beispiel, dass die Sonne im Vorgarten auf- und hinter dem Haus untergeht, sodass man immer weiß, wo sie gerade ist. Dann haben wir eine eigene Haustür und brauchen nur fünf Minuten zu allen möglichen Orten, an denen man etwas unternehmen kann. Großvaters Haus ist warm und gemütlich und voller Essensdüfte und Bücherstapel und zum Trocknen aufgehängter Wäsche und Menschen, die ich liebe. Es stimmt schon, dass es schwer ist, eine ruhige Ecke zu finden, in der man seine Hausaufgaben machen kann, und Claude hat nicht ganz unrecht, wenn sie sagt, dass unsere Kleider nach Zwiebeln stinken, heißes Wasser aus der Leitung seltener ist als Goldstaub und das Haus vielleicht ein bisschen klein für so viele Leute – aber dafür sind wir hier alle zusammen, und es ist ein Zuhause.

Claude ist drei Jahre älter als ich. Sie ist groß und stark und hat leuchtend rote Haare, kalte Hände, sehr lange Wimpern und eine perfekte Nase. Ich bin viel kleiner, und meine Arme, Beine und Wimpern sehen neben ihren so spindeldürr wie Spinnenbeine aus. Oder wie mickrige Zweige. Aber ich habe schon unglaublich tolle Spinnen gesehen, und aus den meisten Zweigen werden Äste, also bin ich zuversichtlich und denke, dass ich nur Geduld haben muss.

Auch wenn ich eher von der kleinen und gut gelaunten Sorte bin, denke ich viel über große und ernste Dinge nach. Ich jongliere mit ihnen wie ein Clown im Zirkus und weiß nur noch nicht, ob das Jonglieren auch eine meiner herausragenden Fähigkeiten ist. In letzter Zeit muss ich so viele Dinge auf einmal in der Luft halten, dass ich mir eine Liste gemacht habe:

Nr. 1: Claude hat Hausarrest. Das ist für sie so was wie das Ende ihres Lebens.

Nr. 2: Sie redet nicht mit Mama und Papa. Kein einziges Wort. Großvater sagt, Claude lässt die zwei am ausgestreckten Arm verhungern, und ich weiß nicht, warum man so sagt, wenn es mit Essen gar nichts zu tun hat. Was ich nur ganz bestimmt weiß, ist, dass ich so nicht behandelt werden möchte. Man muss sich ja fühlen, als gäbe es einen gar nicht.

Nr. 3: Ich glaube, dass Großvater einsam ist. Sogar sein eigener Kater hat ihn verlassen.

Nr. 4: Mein bester Freund Benny wird von einem Jungen namens Clark Watson gemobbt. Ich weiß nicht, wie lange das schon so geht, und ich weiß auch nicht, warum Clark Watson ihn mobbt, aber in letzter Zeit ist Benny seltsam nervös und geknickt und still, und ich mache mir Sorgen um ihn.

Nr. 5: Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, unsere Lehrerin Mrs Hunter dazu zu bringen, dass sie mich wirklich mag.

Nr. 6: Ich komme mit dem Briefeschreiben nicht hinterher. Ich müsste jede Menge wichtiger Briefe schreiben, und es werden jeden Tag mehr.

Nr. 7 ist besonders wichtig, nämlich der streng geheime und spitzenmäßig spannende Plan für einen Geburtstag. Ich kann mit keiner Menschenseele darüber reden, sonst bleibt der Plan nicht lange geheim, und stattdessen pfeifen ihn die Spatzen von den Dächern. Was den Geburtstag betrifft, bin ich gerade so schweigsam wie meine große Schwester. Und die Person, um die es dabei geht, ist so nervös und geknickt und still, als wäre ihr der Geburtstag so egal wie sonst was.

Oh, und Nr. 8: Seit Neuestem bin ich Schlafwandlerin.

Es ist ganz schön kompliziert, mit acht Dingen gleichzeitig zu jonglieren, besonders, wenn man auch noch Ordnung halten, seinen Anteil am Abwasch erledigen und im Kopf ausreichend Platz für die Schule lassen soll. Aber ich habe Akrobaten in Kasachstan zugeschaut, wie sie sich im einarmigen Handstand Tonkrüge zuwarfen und kein einziger dabei zu Bruch ging. Und ich habe Wanderartisten in Marokko gesehen, die sich Ziegen auf die Schultern stellten und trotzdem dreizehn Keulen durch die Gegend wirbelten. Seitdem weiß ich, was alles möglich ist, und dass ich einfach mein Bestes geben und es mit den verflixten acht Dingen in der Luft versuchen muss.

Claude macht so ziemlich das Gegenteil, jedenfalls fällt ihr, seit sie Hausarrest hat, ständig was aus den Händen, und in der ersten Wut war es besonders schlimm. Da hat sie »aus Versehen« sogar Großvaters Daheim-ist-es-am-schönsten-Tasse kaputt gemacht, und es sind ihr die fürchterlichsten Wörter rausgerutscht. Meine große Schwester kann in neun verschiedenen Sprachen fluchen, und im Hausarrest tut sie es bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Hausarrest bedeutet, dass Claude das Haus nur für die Schule verlassen und zu Hause kein Handy benutzen darf. Es ist die Strafe für Sachen, die sich vielleicht witzig anhören, es nach Meinung unserer Eltern aber nicht sind, ganz abgesehen davon, dass meine große Schwester dazu abends, wenn sie eigentlich hätte schlafen sollen, aus dem Fenster geklettert ist und mich dazu vergattert hat, Mama, Papa und Großvater nichts zu verraten.

Bloß dass sie es trotzdem rauskriegten. Wegen Nr. 8 auf meiner Liste.

Im Traum war ich auf einem Markt. Er war überdacht und heiß und eng und staubig und bis obenhin vollgestopft mit Eimern und Wassermelonen und Decken und Kisten mit Blumen und riesigen Plüschtieren. Es war wie auf dem Markt in Mumbai, wo Claude immer die Gewürze nicht ausgehalten hat und gar nicht mehr aufhören konnte zu niesen und ich lachen musste, dass mir die Tränen kamen, weil sie dabei so komisch das Gesicht verzog und ihre Wangen zitterten wie bei einem Eichhörnchen.

In dem Traum habe ich nicht gelacht und auch keine Tränen vergossen. Ich habe nur an irgendeinem Marktstand Hunderte von winzig kleinen Schubladen geöffnet und nach weiß der Himmel was gesucht, und die Schubladen wurden winziger und winziger, bis sie irgendwann so schwer zu öffnen waren, dass mir meine Finger wie aufgeblasene Ballons vorkamen. Und dann war ich plötzlich wach und in dem Zimmer, das ich mit Claude im echten Leben teile. Ich stand im Schlafanzug am Bücherregal, und Mama und Papa waren auch da.

»Wow!«, sagte ich. »Bin ich geschlafwandelt?«

Dann erzählte ich von meinem Markttraum, der noch so klar in meinem Kopf war, als wäre ich wirklich dort gewesen, aber Mama und Papa schienen davon trotzdem wenig begeistert zu sein. Papa lehnte sich bis zur Hüfte aus dem Fenster, und Mama sagte: »Wo zur Hölle ist sie hin?« Sie meinte Claude, aber ich musste zugeben, dass ich es nicht wusste.

Die beiden sahen erschrocken aus, und weil ich das von ihnen nicht gewohnt bin, sagte ich: »Entschuldigung!«, und sie sagten: »Wie bitte? Hast du etwa davon gewusst?«, und ich sagte: »Äh, ja. Irgendwie schon.«

Papas zorniger Blick landete auf mir wie ein Geier auf seiner Beute, und Mamas Lippen wurden kreideweiß. Ich legte mich leise wieder ins Bett und zog mir die Bettdecke unters Kinn. Ich schaute nach oben, aber da baumelten keine Netze mit getrockneten Chilischoten, keine Regenschirme oder indischen Kuhglocken oder Ersatzteile für Fahrradräder. Es war nicht wie auf dem Markt in Mumbai. Nicht wie in meinem Traum.

»Und was genau weißt du?«, fragten Mama und Papa gleichzeitig.

»Eigentlich nichts«, sagte ich, was irgendwie auch stimmte.

»Es ist MITTERNACHT«, sagte Papa und dröhnte wie eine Turmuhr.

»Hat sie das schon mal gemacht?«, fragte Mama, und ich sagte: »Vielleicht.«

»Oh, JOY!«, dröhnte Papa wieder.

»Ja?«

»Warum um alles in der Welt hast du uns nichts gesagt?«

»Weil Claude gesagt hat, dass ich es nicht soll.«

»Das ist kein wirklich guter Grund«, sagte Papa.

»Es war ein Geheimnis«, sagte ich.

Mama schüttelte den Kopf. »Es gibt Geheimnisse, die man für sich behalten sollte, Joy«, sagte sie. »Aber es gibt auch welche, die man besser nicht für sich behält.«

Das war neu für mich. Und ist es immer noch.

»Wirklich?«, fragte ich. »Und woher weiß man den Unterschied? Woher weiß man, was was ist?«

Sie haben die Frage nicht beantwortet, und Claude hat auch auf Mamas und Papas vierzehnten Versuch, sie anzurufen, nicht reagiert.

»Bleib, wo du bist!«, sagten sie zu mir, als wäre ich absichtlich geschlafwandelt oder hätte womöglich vor, Claude durchs Fenster zu folgen. Dann gingen sie aus dem Zimmer.

Und ich konzentrierte mich auf die Tapete. Claude behauptet, die Tapeten im Haus In den Platanengärten Nr. 48 seien extra so ausgesucht, dass sie einem den Schlaf rauben, aber ich habe herausgefunden, dass ich nur die Augen zusammenkneifen und ganz nah an die Tapete in unserem Zimmer drangehen muss, damit das Muster mit den Blumen, die wie Riesenkröten aussehen, sogar etwas Beruhigendes bekommt. Ich musste gerade weggedöst sein, als Claude mit dem Kopf voran und völlig außer Atem aus dem Dunkel auftauchte. Sie landete in genau dem Moment stöhnend auf dem Fußboden vor dem Fenster, als Mama und Papa ins Zimmer stürmten und das Licht anknipsten. Es war ein Schock für uns alle, der speziell bei mir dazu führte, dass meine Augen sich in ihre Höhlen verkrochen wie Taschenkrebse in ihre Schalen.

»Äh … öh«, sagte Claude, während sie sich aufrappelte, und man sah ihr an, dass sie mit aller Kraft ernst zu bleiben versuchte. Aber sie schwankte ein bisschen, und plötzlich kicherte sie, als hätte sie gerade einen Witz gehört. Sie roch nach Hustenbonbons, Lagerfeuer und Cola, und weil das Licht sie blendete, kniff sie blinzelnd die Augen zusammen.

Mama holte tief Luft und sprach so ex-tra-lang-sam, als zählte sie die Lücken zwischen den Wörtern. Das tut sie nur an den äußersten Rändern ihrer unendlichen Geduld, und früher erlebte man es so selten wie einen Kometen am Himmel oder eine Sonnenfinsternis, aber mir kommt es so vor, als hätte sich das in letzter Zeit geändert.

»Wo.«, sagte sie, »Bist. Du. Gewesen?«

Claude zog ihre Turnschuhe aus und schmiss sie auf den Boden. »Draußen.«

»Wo draußen?«, fragte Papa mit zusammengepressten Zähnen und fast ohne die Lippen zu bewegen, wie ein Bauchredner ohne Puppe. »Und mit wem?«

»Mit wem?«, sagte Claude und zuckte mit den Schultern. »Einfach nur draußen.«

»Hast du was GETRUNKEN?«, fragte Mama, und meine Schwester lachte hässlich und sagte: »NEIN«, und was dann kam, war der übliche Streit. Im Streiten, muss man wissen, sind manche in unserer Familie richtig gut, seit sie es genauso regelmäßig üben wie ich das Bruchrechnen. Weil nur Übung den Meister macht, werde ich darin in letzter Zeit auch immer besser.

Unter Mamas heftig lauten Sätzen war unter anderem der, wonach Claude ihre Privilegien missbrauche, und Claude fragte: »Welche Privilegien denn bitte?«

Worauf Papa sagte, dass Claude vertragsbrüchig geworden sei und ihr Vertrauen missbraucht habe, und das hier sei jetzt der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, junge Dame.

Claude stand inzwischen so regungslos wie eine Teekanne und sagte: »Ja? Glaubst du?«

Mama sagte: »Du bist dreizehn«, und die Teekanne sagte: »Und?« Schließlich wolle sie nur ihre Freiheit.

Papa sagte: »Freiheit ist etwas, was man sich verdient.«

Und Claude steckte die Finger in die Ohren und schrie: »Ach ja? Wirklich? WIESO?«, und Mama warf die Arme in die Luft und rannte aus dem Zimmer, und Papa stand da wie jemand, der den letzten Zug verpasst hat und beim besten Willen nicht weiß, was er jetzt tun soll.

Meine Schwester rannte Mama hinterher, um das letzte Wort zu behalten. Das ist ihr wichtig. Ich hatte mir längst das Kissen über die Ohren gezogen wie einen großen Hut, aber was Claude schrie, hörte ich trotzdem ganz schön laut.

»ICHHASSEDICH!«, schrie sie, und Mama schrie: »SCHÖN!«

Dann sagte Papa, Claude habe von heute an Hausarrest, und sie jaulte auf, als hätte sie eine Wespe gestochen.

Ich glaube, das war es, wovon Großvater aufgewacht ist.

Er kam in seinem bis ganz nach oben zugeknöpften Pyjama aus dem Schlafzimmer, und die Haare standen ihm wie eine fluffige Wolke um den Kopf. Ich konnte ihn durch die offene Tür gut sehen. Ich kenne Thomas Ernest Blake noch nicht lange, aber manchmal mag ich ihn so sehr, dass mir das Herz klopft, als würde irgendwo in meiner Brust Popcorn gemacht. Wir beide waren gerade die einzigen nicht wütenden Personen im Haus, und ich winkte ihm zu, was er ohne Brille leider nicht sehen konnte, sonst hätte er bestimmt zurückgewinkt.

»Was ist denn los?«, fragte er.

Mama, Papa und Claude schrien alle gleichzeitig »NICHTS!«, als wären sie plötzlich ein Herz und eine Seele und im Übrigen der Meinung, dass Großvater sich gefälligst um seinen eigenen Kram kümmern sollte, ganz egal, ob das Haus hier ihm gehörte und es schon nach Mitternacht war.

»Wie gut«, sagte er. »Könntet ihr dann bitte damit aufhören?«

Er schlurfte zurück in sein Zimmer, und Mama und Papa polterten die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo sie auf dem Sofa schlafen. Claude warf sich so heftig auf unser Bett, dass ich in die Luft flog und für einen Moment schwebte wie bei einem Zaubertrick.

»Mach noch mal!«, sagte ich, aber sie schnaubte nur.

»Sag jetzt bloß nichts!«

»Was? Wieso nicht?«

»Das ist alles deine Schuld«, sagte sie.

»Wieso das denn?«, fragte ich.

Claude zog sich ihr Kopfkissen übers Gesicht und jaulte noch eine Weile leise vor sich hin, und als sie schließlich redete, klang ihre Stimme dumpf und wie eingequetscht.

»Warum kannst du nicht einfach machen, was man dir sagt?«

»Ich?«

»Ja, du. Wie schwer ist es denn, im Bett zu bleiben, wenn wir es so abgemacht haben?«

»Ich hab doch geschlafen«, verteidigte ich mich. »Dass ich geschlafwandelt bin, konnte ich nicht wissen, weil man dabei ja nicht wach ist.«

Claudes Gesicht war plötzlich so nah an meinem, dass ich die Härchen zwischen ihren Augenbrauen und die winzigen safrangelben Einsprengsel im Weiß ihrer Augen sehen konnte.

Sie sagte: »Ich werde nie wieder mit ihnen reden. Nie.«

»Mit wem?«, fragte ich, weil ich dachte, es würde sie vielleicht zum Lachen bringen, aber das tat es nicht.

»Mit ihnen«, sagte sie. »Mama und Papa. Du kannst von Glück sagen, dass ich noch mit dir rede.«

»Mit mir? Es ist doch nur dumm gelaufen. Ich bin doch nicht absichtlich geschlafwandelt.«

»Jedenfalls sitze ich jetzt hier fest«, sagte sie. »In diesem Gefängnis. Also vielen Dank auch!«

Sie stellte das Kopfkissen wie eine Wand zwischen uns auf, und ich konnte sie nicht mehr sehen. Nicht das kleinste Fitzelchen von ihr.

»Es ist kein Gefängnis«, sagte ich.

Und von der anderen Seite der Grenze kam es zurück: »Für mich schon.«

2