Zwei Seiten eines Augenblicks - Jenny Valentine - E-Book

Zwei Seiten eines Augenblicks E-Book

Jenny Valentine

0,0
12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Ein wunderschönes, herzzerreißendes und poetisches Buch.« Laura Bates, Autorin von ›Sisters of Sword and Shadow‹ Davor sind Elk und Mab allerbeste Freundinnen, Seelenverwandte. Seit Mab Elk aus einem Hecken-Labyrinth »befreit« hat, sind sie unzertrennlich. Bis zu dieser katastrophalen Nacht nach der Party. Danach ist nichts mehr, wie es war. Die Freundinnen haben Angst, sich zu verlieren, obwohl sie sich immer noch nah sind, näher als jemals zuvor. So können sie jetzt sogar erstmals über Elks große Liebe sprechen. Über France, den großen Bruder von Mab. Davor konnte Mab das nicht ertragen. Und was wird aus all den anderen Plänen, die die Freundinnen hatten? Gibt es für sie überhaupt eine Zukunft und wie könnte die aussehen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über das Buch

ES GIBT DIE EINE SEITE DIESES AUGENBLICKS – UND DIE ANDERE.

DAVOR.

DANACH.

ICH TRÄUME SEITHER ANDAUERND DAVON.

 

Zu Beginn eines langen, heißen Sommers werden die besten Freundinnen Elk und Mab mit den Folgen eines plötzlichen Todes und den lebensgefährlichen Konsequenzen einer einzigen tragischen Tat konfrontiert.

 

Zutiefst emotional wirft der Roman Fragen nach der Liebe, Geistern und den unsterblichen Banden der Freundschaft auf.

 

»Dieses erschütternd ehrliche Buch wird Sie vielleicht zum Weinen bringen, wenn Sie sich an den schönen Sätzen und den klugen Einsichten erfreuen. Ich bewundere diesen Roman bis hin zu den literarischen, oft leisen, erschütternden Seiten.« The Irish Times

Jenny Valentine

Zwei Seiten eines Augenblicks

Aus dem Englischen von Klaus Fritz

Für all die Geister

1. Marienkäfer

Wir sitzen auf dem Friedhof, meine beste Freundin Mab und ich, und machen Witze über den Kegelclub und wie ähnlich der den Gräbern ist. Ich trinke warmen Cider aus der Dose, und Mab raucht diese Selbstgedrehten, eine nach der anderen, die sie bei der Party aufgelesen hat. Dünn wie Puppenfinger. Sie hatte sich vor dem Heimweg einen endlosen Vorrat davon in die Taschen gestopft. Ich weiß noch, was sie dabei für ein Gesicht machte, es glühte vor Wut.

Ich mag die nicht mal, sagt sie. Aber wenigstens hab ich jetzt was zu tun.

Ich zerbreche mir inzwischen nicht mehr den Kopf, ob wir hier das Beste oder das Bescheuertste aus unserem Sommer machen. Weder noch vielleicht. Mab meint, vielleicht beides. Die große Wahl haben wir jedenfalls nicht, so viel steht fest. Allerdings würde ich gerne zurückreisen in die Zeit vor dem schwarzen Loch, das mich gerade von innen zu verschlingen droht, in die Zeit, als es bloß ein Nadelstich war. Ein bloßes subatomares Verlustpartikel. Ich würde noch weiter zurückgehen, wenn ich könnte. Ins Davor. In die Zeit vor der Party und allem, was danach passiert ist. Natürlich, das würden alle gerne.

Spielst du im Kopf immer noch Pingpong mit diesen Atomen?, sagt Mab, als könnte sie hören, was ich denke.

»Nichts ändert sich«, antworte ich.

Sie nickt. Selbst wenn sich alles ändert.

Sie ist netzgardinendünn. Nur ein Schleier ihrer selbst. Sommersprossen, wie wenn es auf trockenem Boden anfängt zu regnen, eine kleine Narbe über ihrer Augenbraue, das strahlend weiße Schimmern ihrer Zähne. Wenn ich blinzle, tropft und verschwimmt ihre Gestalt wie zerfließende Farbe. An ihrer rechten Seite hat sie Schleifspuren, der reine Asphalt. Ein Riss in ihrem Kleid, knochentief. Der Bluterguss an ihrer Schläfe ist schwarz und schattig, wo ein Stück ihres Schädels eingebrochen ist. Sie dreht sich um und grinst mich an, den Mund voll gelblichem Rauch. Meine schöne Freundin.

Magst du eine?, sagt sie und nimmt einen Zug.

»Nein danke.«

Widerlich, ehrlich gesagt.

»Tja. Du sollst eh nicht rauchen.«

Sie tritt mir gegen den Knöchel, so gut sie das mit Ausholen eben kann, und wie gerne würde ich es spüren.

Ich bin schon tot, weißt du nicht mehr, sagt sie. Als ob ich das vergessen könnte.

 

*

 

Es ist eine Zeit dazwischen. Nach den Prüfungen, vor den Zeugnissen, wenn die Arbeit erledigt ist oder auch nicht, egal, und es ohnehin zu spät ist. Ich habe mich so lange auf dieses Gefühl gefreut – wie wenn du gesprungen wärst, aber noch nicht gelandet bist. Uns bleibt nichts, als zu warten.

Fegefeuer, nennt Mab es jetzt. Vorhölle.

»Also du musst es ja wissen«, sage ich.

Ihre gewölbte Augenbraue. Splitt unter der oberen Schicht ihrer Haut. Ja genau.

Sie fächelt mit der Hand ständig zwischen uns herum, weil sie meint, die Kippen würden so stinken. »Lass gut sein«, sage ich, weil ich absolut nichts riechen kann. Sie runzelt die Stirn, zupft sich einen Tabakfetzen von der Zunge. Knochenfarbig. Knochenmüde. Sie auch nur anzusehen, macht mich unruhig. Schlechtes Gewissen wegen des Bluts, das immer noch, wenn auch träge, durch meine Adern strömt.

Diese Hitzewelle hat alles erschlagen. Die Straßen haben sich in ein Filmset verwandelt. Menschenleer. Ausgestorben.

»Wo sind alle?«, frage ich.

Keinen blassen Schimmer.

Ich muss sie einfach fragen. Die Frage entsteht tief in meiner Magengrube, und es gibt nur den einen Weg nach draußen. »Wo ist France?« Mabs Bruder. Es ist kompliziert. Sie versetzt mir einen Blick, und ich halte ihm stand. Ich schaffe es, bis sie blinzelt.

»Immer noch sauer deswegen?«, frage ich. »Echt jetzt?«

Nein. Sie wendet sich ab. Ich bin drüber weg. So etwas sagt sie dir nur, wenn es nicht stimmt.

Es ist so still. Keine Brise, kein Vogelgezwitscher und kein Auto. Nur der Sound meiner eigenen Gedanken, die wie immer voll sind von ihm, wie das Meer voller Fische ist, wie eine klare Nacht voller Sterne. Wo er früher war, ist nur dunkle Materie. Das spüre ich. Ein bedrückendes Fehlen von Licht.

Elk, sagt Mab, sanfter jetzt.

»Ja?«

Ich bin sicher, er wird kommen.

Ich versuche, ihn nicht zu wollen. Ich strenge mich an, das in den Griff zu kriegen.

Mein kleiner Bruder krabbelt im trockenen Gras unter uns herum, schnaubt und spuckt und patscht, spürt Insekten nach wie eine große Katze. Er sammelt Abfälle auf, während er gleichzeitig ein Tiger ist. Wahrlich ein Meister im Multitasking.

Mum zischelt ihn an. »Knox. Das macht man hier nicht.«

Armer Kleiner, sagt Mab.

»Es geht ihm gut«, erwidere ich. »Hier gefällt es ihm.«

Sie reckt sich, als würde sie gähnen. Wir kommen ja auch recht häufig her.

Knox stampft auf eine Chipstüte, nimmt sie zu seiner Sammlung.

Den Strand mag er lieber, sagt Mab.

Ich sehe ihm zu, wie er knurrt. Das Rosa seiner Lippen. Seine perfekten kleinen Milchzähne.

»Stimmt«, sage ich. »Du hast recht.«

Die Sonne knallt herunter, gnadenlos. Ich würde gutes Geld zahlen für eine Brise oder einen Regenschauer – jetzt sofort. Ein mickriges Stück Eis.

»Es ist so heiß«, sage ich. »Ist dir auch heiß?«

Sie schüttelt den Kopf, weist mit dem gesunden Arm über die Hausdächer. Die Konturen zittern in der Luft, als wären sie unter Wasser. Allein der Anblick macht mich durstig.

Sind das Wohnungen für alte Leute?

Türme und Erker und Veranden. Fahrstühle und Rampen und diese Notfallknöpfe im Klo. Meine Mum hat mal eine Zeit lang dort gearbeitet. Sie meinte, sie sei nie zum Atemholen gekommen. Von hier oben sieht es aus wie Disneyland.

Mab harkt mit ihren bloßen Fersen durch den Staub. Ich frage mich einen Moment, wo ihre Schuhe sind. Nur einen Moment. Dann hört es auf.

Zumindest werde ich nicht dort enden, sagt sie.

»Wo, im Altersheim?« Ich stelle mir meine Oma Joanie vor. Ihre Hände aus Baumwurzeln und ihre Gelenke aus Streichhölzern, ihre Weisheit und ihre Lippenstifte und ihr ansteckendes, rasselndes Lachen. »Ich kann mir Schlimmeres vorstellen.«

Festivalklos, sagt Mab.

»Teppichböden in Pubs.«

Der Lesezirkel deiner Mutter.

»Karaoke auf einem Kreuzfahrtschiff.«

Sie lacht auf und verstummt dann plötzlich.

Schau mal.

Mum geht direkt an uns vorbei, den Arm voll verwelkter Rosen, und Knox zockelt gehorsam hinter ihr her. Neben mir im Gras liegt noch eine Ciderdose. Ich kann mich nicht erinnern, zwei getrunken zu haben, aber möglich ist es. Durchaus.

»Lass die nicht hier liegen«, sagt Mum, das erste Mal, dass sie heute überhaupt mit mir redet.

»Schon gut«, sage ich. »Hatte ich auch nicht vor.« Und Mab so: Was ist los mit euch? Was soll dieser Ton?

Zoff. Keiner bewegt sich. Dolch in der Hand.

Knox hebt die Dose für mich auf, bückt sich direkt neben mir, sodass ich das Haar von dem kleinen Kerl und die mittägliche Hitze auf seiner Haut riechen kann.

»Sagen wir mal so«, erkläre ich Mab. »Die Kommunikationskanäle sind definitiv gestört.«

Mum und ich haben seit Wochen kaum miteinander gesprochen. Meiner Meinung nach ist das ihre Schuld, angesichts der Umstände, und ich bin zu ausgelaugt, um es wieder in Ordnung zu bringen. Ich denke, ich habe mehr als genug um die Ohren.

Mein Bruder bleibt an einem Brombeerstrauch hängen, kratzt sich die Hand an einem Dorn auf. Der helle Blutstropfen an seinem Daumen sieht aus wie ein Marienkäfer. Er hebt ihn hoch ins Licht, grinst mich an und leckt ihn ab.

Rost, flüstert Mab gebannt. Eisen.

Mir geht durch den Kopf, dass sie nie wieder etwas schmecken wird.

Sie mustert ihre Hände, blutlos, fast durchsichtig, die Ringe noch an den Fingern, blass schimmernd. Alle außer dem einen, der mit dem Smiley-Siegel, den sie am Strand gefunden hat. Massives Gold mit nachtschwarzen Augen. Wer immer ihn verloren hatte, tat ihr so leid, erinnere ich mich, sie wollte ihn hüten wie ihren Augapfel, um den Verlust wiedergutzumachen. Jetzt gehört er mir. Ich hatte ihn mir nachts auf der Party ausgeliehen, und das war es dann wohl. Sie wendet sich ab, als sie sieht, dass ich ihn trage, als würde er nicht an meine Hand gehören.

Hast du schon einen Job?, fragt sie.

»Du hörst dich an wie mein Vater, nur mal nebenbei, und nein, hab ich nicht.«

Ich vermisse das Café. Ich mochte meinen Job.

Das geht mir gegen den Strich. Ein totales Märchen. »Stimmt doch überhaupt nicht. Du hast dich über die Gäste beschwert und gesagt, die Füße würden dir wehtun.«

»Tja«, sagt sie. Jetzt tut nichts mehr weh.

»Wirklich nicht?«, frage ich. »Ehrlich?«

Sie sieht aus, als hätte sie andauernd Schmerzen.

Ich schaue zu Boden, nach Spuren, die ihre Füße hätten hinterlassen sollen. Wieder spüre ich diese Leere in meinem Magen. Der schiere Abgrund. Unser neues Normal. Knox weiß, wie man eine Leere füllt. Er kommt und baut sich direkt vor mir auf.

»Wo ist sie?«, sagt er. »Ich will nicht auf sie drauftreten.«

»Was meinst du damit?«, fragt ihn Mum, und ich sage: »Hier neben mir.«

Er späht ungefähr in Mabs Richtung, und obwohl er sie nicht sehen kann, wirft sie ihm einen Handkuss zu.

»Schon gut, Knox«, sage ich. »Du wirst ihr nicht wehtun. Sie kann ganz gut ausweichen.«

Mum spricht mit ihrer schmallippigen Stimme. »Bleib einfach weg vom Grab«, sagt sie zu Knox. »Lauf nicht drüber.« Als ob das die einzige Version von Mab wäre, die hier zur Debatte stünde. Als ob ich nicht schon oft genug versucht hätte, ihr klarzumachen, dass es den Geist meiner besten Freundin tatsächlich gibt.

Mab neben mir lacht, bissig, leise. Ich hasse es, was sie da macht. Mich einfach verleugnen.

»Ich weiß«, sage ich. »Das hasse ich genauso.«

Der Friedhof ist kolossal. Ein Stein neben dem anderen. Um uns herum die Stadt, und hier diese andere Stadt, markiert und beschriftet wie terrassierte, in Gittern angeordnete Reihenhäuser. Mum räumt auf, wie sie es zu Hause macht – mit gesenktem Kopf, blitzschnell, konzentriert – während hinter ihr Knox noch mehr Müll einsammelt.

»Gibt es hier auch böse Nachbarn?«, sagt er. »Ist das hier so?«

»Böse Nachbarn?« Mum klopft sich den Dreck von den Knien. »Nun hör mal. Was für eine Frage.«

Du bekommst nichts und niemanden, wie es ausschaut, sagt Mab. Böse Nachbarn wären schon mal etwas.

Aber schön ist es hier. Grün und friedlich und weitläufig, mit schattigen Ecken und langen flüsternden Baumalleen. Viele Leute verbringen ihr Leben an keinem so hübschen Ort wie diesem zum Totsein.

Manche Gräber haben Denkmäler und Engel, grünstichige Bronzen und Blumengestecke, die in der Hitze erschlaffen, aber dieses hier ist klein und ruhig und bescheiden. Zu neu, um schon einen Stein zu haben. Es gibt nur diese Plakette am Boden. Ziemlich erbärmlich. Das Traurigste, was ich je gesehen habe.

»Du solltest ein Denkmal bekommen«, sage ich. »Ein Mausoleum. Einen Wolkenkratzer.«

Das reicht nicht, sagt Mab, und ihr Körper schwillt an und bricht wie eine Welle, als ob etwas anderes, ein größeres Wesen, sie ein- und wieder ausatmet. Das reicht nicht, das reicht nicht.

Mum zupft an ein paar halb verdursteten Gänseblümchen. Pflückt sie. Dünnt sie aus. Knox lässt sich auf den Boden plumpsen. Er möchte Grashalme spalten und sie zum Pfeifen bringen, aber sie sind zu trocken und zerknittern und brechen. Das übersteigt seine Möglichkeiten bei Weitem. Ein Herkules ist er nicht. Mab schaut ihm aufmerksam zu, wie er einen Halm nach dem anderen, voller Hoffnung, es vielleicht doch zu schaffen, zwischen die Daumen presst.

»Ich muss dann mal gehen«, sage ich.

Sie blickt auf. Wohin?

»Es ist Dienstag. Um fünf hab ich Stevie.«

Sie runzelt die Stirn. Du willst schon zurück?

Sie hat diesen Ausdruck in den Augen, als wollte sie nicht, dass sich die Welt ohne sie dreht. Sachen im Terminkalender, Verabredungen.

»Ich hab zwei Wochen versäumt«, sage ich. »Außerdem ist es doch irgendwie ihr Fachgebiet, oder? Trauerbegleitung. Ich kann Hilfe gebrauchen.«

Mab rollt mit den Augen.

»Ehrlich gesagt hätte ich gehofft, du würdest auch dabei sein«, sage ich, und sie fängt an zu gestikulieren, als würde sie sich umbringen, mit einem Messer, einer Pistole, einem Strick.

»Lass das«, sage ich. »Komm mit.«

Sie lächelt. Ihr gebrochener Wangenknochen, ihr herzförmiges Kinn.

Lass uns einfach ein wenig länger bleiben, sagt sie. Lass uns hier sitzen. Dann komme ich mit, versprochen.

2. Chinchilla

Abgesehen von Mab, oder was von ihr übrig ist, habe ich eine Mutter und einen Vater, die sich immer noch gernhaben, dann France, wo auch immer er steckt, Stevie, meine Therapeutin, die wirklich ganz in Ordnung ist, und Knox, der gerade fünf geworden ist. Mein Name, Elk, ist die Abkürzung von Elena. Ich weiß, das passt nicht so gut wie Mab für Mabel und France für Francis, aber jedenfalls ist das die Abkürzung. Es ist, wie es ist.

Wir hätten schon aufbrechen sollen, aber Mab ist nicht imstande, sich zu bewegen. Ich sehe, wie sie sich in den Horizont versenkt, in all die Einzelheiten. Ich sehe sie das Licht trinken.

Ich vermisse alles, sagt sie. Ich war nicht bereit.

»Das tut mir leid«, antworte ich mangels besserer Worte.

Ich wünschte, ich hätte ein gutes Buch, sagt sie, und zählt einiges von dem, was sie gerne hätte, an den Fingern ab.

Frische Erdbeeren, Elk. Ich will eine Erdbeere.

Ein Kartenspiel.

Einen Aschenbecher.

»Ist das alles?«

Sie war nie gut, wenn es ums Packen ging. Schulausflüge, da hatte sie keine Socken dabei. Wie oft sie ihren Inhalator vergessen hat. Die Woche, als wir campen gingen und sie ihr Zelt nicht mitgenommen hatte.

In der Schule, als ich noch viel jünger war, schrieben wir eine Liste dessen, was wir einpacken würden, wenn wir unser Zuhause fluchtartig verlassen müssten. Für den Fall, dass ein Krieg uns plötzlich töten wollte, wie es nun mal passiert, oder eine Hungersnot oder eine Flut oder eine Pandemie. All die lustigen Dinge. Kein Wunder fühlen sich Kinder gestresst. Ich erinnere mich, was unser Lehrer Mr Cressey alles aufzählte. »Oder wenn die Regierung ein Gesetz beschließen würde, dass alle mit blauen Augen gehen müssten«, sagte er, und alle blauäugigen Kinder in der Klasse: »Was?«, und alle Kinder, die es schon kapiert hatten, dachten: »Ja, sogar du. Stell dir vor.«

Ich kannte Mab und France noch nicht. All das lag noch vor mir. Ich denke im Moment darüber nach, dass wir auf unseren Listen Telefone und Autos und Haustiere und Nintendos draufstehen hatten.

Mr Cressey sagte: »Keine Ladegeräte, kein Benzin, kein Hundefutter, keine Zeit.«

Er sagte: »All diese Dinge werden euch nur aufhalten und nutzlos sein.«

Ich denke, er wollte, dass wir unsere Liebsten und höchstens unsere Pässe mitnehmen und uns auf den Weg in die Berge machen.

Er versuchte uns zu erklären, was wichtig ist, was von Bedeutung sein könnte, aber wir konnten ihn nicht verstehen.

Jetzt höre ich zu.

Mr Cressey wurde krank und verschwand allmählich. Es war mit der Zeit einfach immer weniger von ihm da.

Meine Oma ging langsam von uns, mit dem Kopf zuerst, von oben nach unten, indem sie vergaß. Das mitanzusehen war das Schlimmste.

Mab ging binnen Sekunden. Deswegen ist noch so viel von ihr da, glaube ich.

Also okay, sagt sie, als ich über ihre Wunschliste lache. Was würdest du mitnehmen?

Mr Cressey brachte mal einen Chinchilla mit in den Unterricht. Keine Ahnung, wie er an einen rangekommen war. Wir schlossen die Augen und streckten die Hände aus, und als wir hinsehen durften, hatten wir ihn schon berührt.

»Ihr könnt ihn nicht mal spüren«, erklärte er. »Weil er so weich ist.«

Ich ging die Liste der Kandidaten durch. France und mein kleiner Bruder, meine Eltern und meine Oma, bevor sie starb. Meine Comics, meine guten Sportschuhe, alle meine Lieblingsbücher. Eigentlich ist es ein sinnloses Unterfangen. Ich weiß die Antwort ohnehin. Ich kenne sie, ehe ich anfange.

Ich berühre Mabs Gesicht. Versuche es jedenfalls. Wie bei dem Chinchilla erwarte ich, dass ich es spüre, aber ich kann es nicht.

»Dich«, sage ich, und ihre Augen sind wie Glasperlen, wie Tautropfen, wie Wasser. »Hundertpro. Ich würde dich mitnehmen.«

3. Wegwerfbecher

Es war Mums und Dads Idee, dass ich eine Art Gesprächstherapie machen sollte. Ich hielt nichts davon, jedenfalls zu Anfang nicht. Aber sie ließen nicht locker, auf nette Art, und schließlich sagte sogar Mab, es würde mir wahrscheinlich guttun.

»Du kannst nicht einfach nur im Dunkeln hocken und für den Rest deines Lebens diese blöden Physikbücher lesen«, sagte sie, und als ich sie fragte, wieso nicht, meinte sie: »Weil ich dich vermisse, Prinzessin Quantum. Ich sterbe hier vor Langeweile, während du in jedem schwarzen Loch nach deiner Oma suchst.«

Stevies Praxis ist in einem runtergekommenen Gebäude hinter der Hauptstraße. Über einem Charity-Laden, neben einem Zahnarzt. Anfangs bin ich wegen meiner Oma hingegangen. Was mit ihr passierte, traf mich wirklich heftig. Eine Art Verlorengehen in Zeitlupe, als würde sie in eine reißende Strömung geraten, und wir konnten nicht einfach rausschwimmen und sie retten; alles, was uns zu tun blieb, war, auf dem Trockenen zu stehen und zuzuschauen. Ich schwöre, ich habe es versucht, aber ich konnte mich irgendwie nicht losreißen. Das alles steckt mir noch tief in den Knochen.

Tatsächlich habe ich die Dienstage bei Stevie am Ende sehr gemocht. Auf dem Weg dorthin dachte ich immer, ich hätte ihr nichts zu erzählen, aber drin konnte mich dann niemand zum Verstummen bringen. Beim ersten Mal jedoch wusste ich nicht, was da auf mich zukam, also trug ich meinen besten Panzer. Ich muss wirklich eine harte Nuss gewesen sein. Mum meinte, sie würde mit Knox in die Bücherei um die Ecke gehen, aber ich wusste, sie begleitete mich nur dorthin, um sicher zu sein, dass ich reinging. Sie ist ein ruhiger Typ, aber sie möchte gerne am Ruder des Schiffes stehen. Manchmal wusste ich nicht mal, dass sie es tat, aber bei anderen Gelegenheiten sah ich klar. Meine Mutter zieht die Fäden, selbst dann, wenn es nicht so aussieht.

Bei diesem ersten Termin, vor mehr als einem Jahr, klemmte die Tür. Ich musste zweimal die Klingel drücken, wie peinlich, und der Treppenläufer hatte mal dringend den Staubsauger nötig. Etwas wie einen Warteraum gab es nicht, nur diesen einen Stuhl oben, der einsam aussah, und ein paar lahme Zeitschriften, die du sowieso nicht lesen würdest, selbst wenn es die allerletzten Zeitschriften auf der Erde wären. Ich stand herum, als das Klo am Ende des Flurs gespült wurde und diese Frau erschien. Bluse, geblümter Rock. Sie trocknete sich die Hände mit einem Blatt blauem Küchenkrepp. Ich sah zu, wie es sich schwarz färbte, da wo sie es anfasste.

»Elena?«, sagte sie. Sie hatte eine Narbe an der Kehle, die wie ein Plattwurm zuckte und zappelte, wenn sie redete. Ich gab mir Mühe, die Narbe nicht anzustarren, was hieß, dass ich einfach nicht wegschauen konnte.

»Ja, sorry«, sagte ich. »Hi.«

Sie lächelte mit dem Mund, aber ihre Augen waren ernst und gleichsam hungrig. »Ich bin Stevie«, sagte sie. »Bitte, komm herein.«

Durch die Wand konnte ich hören, wie jemand die Zähne gebohrt bekam.

»Das ist ja sehr beruhigend«, sagte ich und dachte, sie würde vielleicht lachen, aber sie sah mich nur über ihre Brille hinweg an. Stevie hat einen klaren, steten Blick und tätowierte Augenbrauen, etwa drei Schattierungen zu dunkel. Sehen aus wie Vögel, die hoch in den Himmel ihres Gesichts fliegen. Außerdem hatte sie ein Notizbuch und eine kleine Erkältung, wegen der ich mir, wie sie sagte, »keine Sorgen machen« solle. »Setz dich doch.«

Auf dem Tisch neben mir waren eine Schachtel mit Papiertaschentüchern, einige Visitenkarten, ein kleiner schwarzer Wecker und ein Plastikbecher mit einem Schluck Wasser drin. Auf dem Untersetzer war in Großaufnahme ein Entenküken abgebildet, und ich war in einer Laune, dass mich das nervte. Auf der Visitenkarte stand, dass sie auf Trauerarbeit spezialisiert war. Sind wir das nicht alle am Ende?

Der Raum war klein und hatte nichts Besonderes an sich. Ein Bücherregal. Eine Topfpflanze aus dem Supermarkt. Ein kleiner Teppich zwischen Stevies Sessel und meinem. Sie sagte mir, ich solle es mir bequem machen, also zog ich meine Schuhe aus und ging in den Schneidersitz, so wie zu Hause beim Fernsehen. Das half nicht wirklich weiter.

»Nun, Elena«, sagte sie.

»Elk, bitte«, erwiderte ich, und Stevie nickte.

»Okay, Elk.«

Sie hielt einen kleinen Einleitungsvortrag, das hier sei ein sicherer Ort für mich, wo ich mich frei ausdrücken und darüber reden könne, was passiert ist und wie es mir dabei ginge. Mir kam es so vor, als hätte sie genau das schon ungefähr tausendmal gesagt. Ich fragte mich, ob sie dessen schon überdrüssig geworden war. Dann, als die Stille sich allmählich endlos anfühlte, fragte sie: »Was kann ich für dich tun?«

Ich rutschte auf meinem Platz umher. »Ich weiß nicht so recht.«

Sie sah mich plötzlich wachsam an. »Was denkst du, warum du hier bist?«

Ich zupfte an der Sohle meiner Socke. »Meine Oma ist gestorben«, sagte ich, und ich wusste, das war nicht mal der Anfang.

Oma hatte eine Art Demenz. Am Anfang konnte sie dir genau sagen, was an einem Mittwoch im Juli 1952 passiert war und wer dabei war und was sie anhatten, aber wenn du sie gefragt hast, was sie ungefähr zehn Minuten zuvor zu Mittag gegessen hatte, starrte sie dich an, völlig abwesend, als würdest du etwas Unmögliches von ihr verlangen. Diese ganze Vergangenheit überall, eine unbekannte Zukunft und die schwer greifbare, sich selbst löschende Gegenwart. Später wurde auch 1952 verschluckt. Und sie vergaß nicht nur Dinge; sie vergaß, wie man Dinge tat. Ich glaube, wir sahen zu, wie sie vergaß, wer sie war.

Stevie schlug die Beine übereinander, und ihre Schenkel zischten wie etwas, aus dem langsam die Luft entwich. Sie sagte: »Es tut mir leid wegen deinem Verlust«, und ich hätte mich wohl bedanken sollen, aber ich fühlte mich nicht dankbar, also sagte ich nichts.

»Standet ihr euch nahe?«

Mir tat der Kiefer weh. Er fühlte sich an wie eine Dose Limo, nach dem Schütteln, bevor einer sie knackt. Ich blickte zur Tür. Glanzlack, alte Flecken, ein Schlüssel im Schloss. Ich hätte wohl da durchgehen können. Schließlich war ich freiwillig hier.

Stevie lächelte. Ich nahm einen Schluck Wasser. Es schmeckte nach Plastikbecher.

»Warum nehmen Sie keine richtigen Gläser?«, sagte ich. »Das ist nicht gerade nachhaltig, finde ich.«

»Nachhaltig?«, erwiderte sie und zog ihre Vogelschwingen von Augenbrauen hoch.

»Nachhaltig«, wiederholte ich. »Sie wissen schon. Der Planet und alles. Müllberge. Verschmutzung. Plastikinseln im Meer, größer als Texas.«

»Ah«, sagte Stevie. »Es sind die Vorschriften. Tut mir leid, Hygieneregeln, du weißt schon.«

Ich sagte: »Sie haben hier die Erkältung.«

»Stört dich das?«, erwiderte sie.

»Nicht so sehr wie der Becher.«

Sie ließ den Blick auf ihren Schoß sinken. »Du kannst das nächste Mal gern deine eigene Wasserflasche mitbringen. Wenn dir das hilft.«

Wie schnell sie da einknickte. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ich nahm noch einen Schluck Plastikwasser. »Mir ist nicht so nach reden«, sagte ich.

Sie tat so, als würde ihr das nichts ausmachen, genau wie wir so tun, als wäre es uns egal, ob Knox sein Grünzeug isst oder nicht. »Es ist deine Zeit«, sagte sie. »Du kannst daraus machen, was du willst.«

»Also wie, ich könnte auch nichts sagen?«

»Natürlich. Wir könnten einfach dasitzen. Es ist deine Entscheidung.«

Ich blieb eine Weile stumm. Das muss neunzig Sekunden verbraten haben. Draußen fuhr ein Laster vorbei, und das Gebäude ächzte. Die Jalousien bauschten sich, wie von einer Brise, nur dass da keine war.

Stevies Wecker ähnelte dem meiner Oma an ihrem Bett im Hospiz, der eine Minute nach der anderen wegtickte. Am Ende bedeutete die Zeit nichts für sie. Sie war ein sehr unpoetischer Mensch, aber ich weiß noch, wie sie dalag, die Bettdecke bis zum Hals hochgezogen, und sagte: »Ich bin der Tropfen, der ins Meer zurückkehrt.«

Ich sagte: »So welche hat keiner mehr.«

»Was?«, sagte Stevie. »Wecker?«

»Nur alte Leute. Alle nehmen jetzt ihr Telefon.«

»Ich mag ihn«, erwiderte sie. »Dann bin ich wohl ein alter Mensch.«

»Wie alt sind Sie?«

»Dreiundfünfzig. Nicht mehr jung. Mittelalt.«

Man kann sehen, wenn Frauen sich alt fühlen, weil sie dann den ganzen Tag Halstücher tragen. Meine Mum hat mal eine Zeit lang eins getragen, bis mein Bruder sie fragte, ob sie für eine Fluglinie arbeiten würde, und mein Dad sich fast an seinem Toast verschluckte. Ich mochte es, dass Stevie keinen Wert darauf legte, auch nicht, um diese ziemlich große Narbe zu verstecken. Sie wirkte rau und glänzte leicht, ein geflickter seidener Grat. Der Hals meiner Oma war zerknülltes Papier, eine Hängematte, die schwang, wenn sie sprach. Um ihre Augen waren Krähenfüße und Kreuzstiche von jahrzehntelangem Lächeln. Ich fand sie schön.

»Und du bist vierzehn, nicht wahr, Elk?«, sagte Stevie. Sie benutzte meinen Namen häufig, damit ich ihr vertraute. Wie bei einem Verkaufsgespräch. Als ob ich eine hochsolvente Kundin wäre.

»Sechzehn, Stevie«, sagte ich, und Stevie sah in ihrem Notizbuch nach.

»Meine Mum ist vierundvierzig«, sagte ich. »Mein Dad zweiundvierzig, und meine Oma war siebzig, als sie starb.«

Die Jalousien teilten die Sicht in feinsäuberliche Streifen. Grüne Farbe an den Fenstern und Regenrohre. Alte Girlanden. Dieser Malen-nach-Zahlen-Himmel aus blauem Glas.

Stevie wartete. Ich wusste es damals noch nicht, aber sie ist sehr geduldig.

»Du vermisst sie sicher sehr«, sagte sie.

Am Ende der Stunde schlug sie vor, ich solle für das nächste Mal einiges aufschreiben, damit ich mich vorbereitet fühlte und wir gemeinsam darüber reden könnten. Ich war müde, kaute an meinen Fingernägeln, und es fühlte sich an wie in einem Gewächshaus, als würde uns in diesem tristen kleinen Raum bald der Sauerstoff ausgehen.

»Sie meinen so etwas wie Hausaufgaben?«, sagte ich.

»Ja, wenn du es so nennen magst.«

Mochte ich nicht. Nicht sonderlich.

Stevie ordnete ihren kleinen Stapel Visitenkarten und klaubte ihre Sachen zusammen. Der schwarze Wecker steuerte auf die volle Stunde und die Minute und die Sekunde zu.

»Wie du willst«, sagte sie. »Es könnte hilfreich sein.«

»Wie denn?«

Sie stand auf, ganz gefasst, die Füße und Knöchel zusammengedrückt. Die Narbe an ihrem Hals war nicht mehr silbern, sondern rosa. »Ich bin nicht dazu da, dir zu sagen, was du tun sollst.«

»Na gut«, sagte ich. »Da sind Sie buchstäblich die Einzige.«

 

*