Alles, was Recht ist: Eine Geschichte für kleine Juristen - Hanno Beck - E-Book

Alles, was Recht ist: Eine Geschichte für kleine Juristen E-Book

Hanno Beck

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Beschreibung

Die mächtige Idee vom Grundgesetz – das Vorlesebuch zum 70. Jubiläum! Als die Ratten im Keller des Gerichtsgebäudes das Kommando übernehmen, müssen die klei-neren Mäuse ganz schön was einstecken. Doch als beide Völker von einem Kammerjäger be-droht werden, tritt der Mäusechef, mit einer kleinen List und einer mächtigen Idee bewaffnet, den größeren Nagern entgegen. Denn am Ende darf nicht das Recht des Stärkeren herrschen! Mit Blick auf 70 Jahre Grundgesetz erklärt "Alles, was Recht ist" als zweisprachige Fa-bel, wie wichtig Zusammenhalt und allgemeine, verbindliche Regeln für unsere De-mokratie sind. Als Vorlesebuch können Kinder ab 6 Jahren gemeinsam mit den Eltern die Idee hinter dem Grundgesetz verstehen und Spaß an der spannenden Geschichte haben. •Bonusmaterial: Inklusive englischer Übersetzung •Mit ansprechenden Illustrationen zum Kinderbuch •Spannend sowohl für junge Menschen, als auch für erwachsene Juristen und Nicht-Juristen Deutsches Grundgesetz einfach erklärt! Egal ob Recht und Politik oder Wirtschaft: Das Autorenduo aus Hanno Beck und Juliane Schwoch stellt trotz großer Fachexpertise und wegen ihrer langen gemeinsamen Autorenerfahrung komplizierte Sachverhalte kindgerecht erklärt dar. Egal ob Recht und Politik oder Wirtschaft.

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Seitenzahl: 136

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Hanno BeckJuliane Schwoch

ALLES, WAS RECHT IST

Eine Geschichte für kleine Juristen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Bibliographic information supplied by the German National Library.

The German National Library lists this publication in the German National Bibliography; detailed bibliographic data can be accessed on the internet at http://dnb.d-nb.de.

Hanno Beck/Juliane Schwoch

Alles, was Recht ist / A short story about law

Frankfurt am Main 2019

ISBN 978-3-96251-056-5

eISBN 978-3-96251-072-5

Idee/Umsetzung

KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft mbH

Idea/Realisation

60549 Frankfurt/40474 Düsseldorf

Produktion

Production

© FAZIT Communication GmbH

 

Frankfurter Allgemeine Buch

 

Frankenallee 71 – 81

 

60327 Frankfurt am Main

Umschlag/Satz

Christiane Hahn, www.christianehahn.de

Cover/Typesetting

 

Illustrationen

Christiane Hahn, www.christianehahn.de

Illustrations

 

Druck

CPI books GmbH, Leck

Printing

 

 

Alle Rechte, auch des auszugsweisen Nachdrucks, vorbehalten.

 

All rights reserved, including reproduction in whole or in part.

 

Printed in Germany

Inhalt

Contents

Vorwort

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

A short story about law

Chapter 1

Chapter 2

Chapter 3

Chapter 4

Chapter 5

VORWORT

Warum gibt es Märchen? Warum brauchen Kinder Märchen? Wir glauben, dass alle Menschen Märchen benötigen, und wissen um die Zustimmung eines berühmten deutschen Philosophen:

„Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgend einem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten!“, hat Friedrich Nietzsche 1878 geschrieben – wer möchte widerspechen?

Aber warum brauchen Menschen Märchen und Fabeln? Natürlich sind sie Balsam für die Seele, sie entführen uns in andere, aufregende Welten, sie lassen uns unsere eigenen Sorgen, Mühen und Lasten für einen Moment vergessen. Und da sie meistens gut enden, lassen sie uns zurück mit dem beruhigenden Gefühl, dass am Ende alles gut wird. Märchen machen uns glücklich.

Doch das ist nicht alles, Märchen erfüllen einen tieferen Zweck: Wer Märchen liest, erschafft sich Welten, kreiert eigene Bilder, füttert seine Fantasie, seinen Geist. Und: er lernt. Märchen vermitteln Lehren, Einsichten, Erkenntnisse und sie sind moralische Wegweiser. Vermutlich ist das eine der wichtigen Aufgaben von Märchen über all die Jahrtausende hinweg. Wir lernen über solche Geschichten. Wir verstehen, dass es nicht das Äußere ist, das zählt, wenn wir die Geschichte vom hässlichen Entlein hören, wir erkennen den Wert von Selbstlosigkeit und Wohltätigkeit, wenn wir das Märchen von Sterntaler hören. Märchen sind ein Wegweiser, der Kinder auf ihrem Weg begleiten soll, ein moralischer und pragmatischer Kompass für die Fahrt auf der manchmal stürmischen See des Lebens.

„Alles, was Recht ist“ ist ein Märchen, ein moderneres Märchen, das wie seine teils jahrhundertealten Vorbilder nicht nur Spaß, Spannung und Zerstreuung bringen, sondern Einsichten vermitteln will. Es ist ein Märchen über unerwartete Katastrophen, über egoistische, gedankenlose Mitmenschen, über Gemeinschaft, Solidarität und Recht. Es verfolgt eine einfache Idee: Recht, Gesetze und Regeln sind nicht plötzlich vom Himmel gefallen. Wir lernen von diesem Märchen, dass unser Miteinander ohne Regeln und Gesetze rasch im Chaos versinkt. Eine Katastrophe als Auslöser – der Einsturz eines Nachbargebäudes – bringt das Leben der Bewohner unseres Gerichtsgebäudes durcheinander, stürzt eine alte, bisher stabile Ordnung ins Chaos. Das unbedachte, rücksichtslose Verhalten der neuen Mitbewohner aber bringt alle anderen Bewohner des Gerichts in große Gefahr, und erst angesichts der Gefahr verstehen alle Beteiligten, wie wichtig es ist, zusammenzuhalten und wie wichtig allgemeine, verbindliche Regeln sind. Wir erkennen, dass wir alle aus dem gleichen Material geschnitzt sind – und die gleichen Rechte haben, egal, wie wir aussehen, welche Ansichten wir vertreten oder welche Gewürze wir in unser Essen tun.

Vermutlich sind Gesetze und Regeln für das Miteinander so entstanden – sie wurden nicht eines Tages erfunden und ausgerufen, nein, sie schlichen sich langsam in unser Leben ein, weil alle erkannten, wie wichtig solche Regeln sind und dass es für alle von Vorteil ist, wenn sich alle daran halten. Es ist kein Zufall, dass alle großen Weltreligionen ähnliche Regeln und Vorschriften in ihrem Verhaltenskodex haben – es sind universelle Regeln, die sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt und bewährt haben. Unser Grundgesetz, das in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, atmet diese universellen Ideen der Menschheitsgeschichte, es steht auf den Schultern von Riesen, die schon unsere Vorfahren getragen haben.

Unsere Welt ist schneller, ruppiger, rauer und lauter geworden, und in diesem oft emotional überhitzten Klima vergessen wir rasch die Bedeutung von Regeln, meinen, dass wir uns über sie hinwegsetzen können, ja müssen, dass sie vielleicht für andere gelten, aber nicht für uns, und dass manche Rechte für uns gelten, aber nicht für andere – ein fataler Trugschluss. Recht und Gesetze sind universell, müssen universell sein, für alle gelten, sonst machen sie keinen Sinn. Auf gar keinen Fall darf das Recht des Stärkeren gelten. Das müssen auch die lebenslustigeren neuen Bewohner unseres Gerichtsgebäudes erfahren, als sie zu sehr über die Stränge schlagen. Es tut uns gut, wenn wir immer wieder daran erinnert werden. Dieses Märchen soll uns daran erinnern.

Aber es soll auch Spaß machen, unterhalten, mitreißen, denn Menschen – die Kleinen wie die Großen – lernen am besten über Geschichten. Je aufregender sie sind, umso eher erinnert man sich an sie und an ihre Botschaft. Wir sind davon überzeugt, dass alle Menschen Märchen brauchen, als Unterhaltung, als Seelenmassage und als Lehrstück über uns und unsere Welt. Wer mit Märchen aufwächst, hat mehr Fantasie, mehr Wissen und mehr Kreativität als jemand, dessen geistiger Acker nur von Spielekonsolen bestellt wurde. Auch hier wissen wir einen der größten Köpfe des 20. Jahrhunderts hinter uns, nämlich Albert Einstein. Wir teilen seine Einstellung zu Märchen:

„Wenn du intelligente Kinder willst, lies ihnen Märchen vor. Wenn du noch intelligentere Kinder willst, lies ihnen noch mehr Märchen vor.“

Also. Lassen Sie uns rasch damit beginnen.

Hanno Beck und Juliane Schwoch

1. KAPITEL

Es knallte, knirschte, Stein splitterte, Eisen quietschte, und plötzlich wurde es im Gerichtsgebäude dunkel: Riesige Staubwolken vor den Fenstern schluckten jegliches Tageslicht. Alles, was eben noch herumgeschnüffelt, geschlurft oder friedlich geschlummert hatte, erstarrte. Dann ein weiterer Schlag. Das alte Gebäude erbebte vom Fundament bis unter seine Dachgauben. Justitia auf ihrem Lieblingsplatz – der Heizung im Richterzimmer – schwankte. Nur der panische Hieb ihrer Krallen in die brüchige Tapete rettete sie vor dem Sturz. Spikey, der wieder mal im Keller an Gerichtsakten knabberte, wurde hochgeschleudert, drehte einen unfreiwilligen Salto und setzte unsanft auf. Entrüstet hustete er Staub und Papierfetzen. Alles, was gerade noch träge die Mittagsruhe genossen hatte, stand senkrecht, auf allen Vieren oder wirbelte wild piepsend und kreischend durch die Luft. Staubwolken pufften von dem Schlag aus den Bücher- und Archivregalen, drangen von der Straße durch Tür- und Fensterschlitze herein und in die Augen und Mäuler der Bewohner. Die Tiere hasteten, husteten und fuchtelten wild umher. Schließlich kippte auch noch die Schnapsflasche im Versteck des Richters im Gerichtssaal von den Bewohnern unbemerkt um und ergoss sich in einer cognacbraunen, duftenden Pfütze.

Selbst in den weltentfernten Schlummer des Beweisstücks drang das Beben, bahnte sich einen Weg in sein uraltes Bewusstsein und ließ es im Traum träge schnuppern. Beweisstück lebte seit Urzeiten im Gerichtsgebäude: Eines Tages war es von den Menschen ins Gebäude gebracht worden (warum wohl?), dann war es bedächtig und unbemerkt davongekrochen und seitdem von den Menschen vergessen worden. Keiner der Bewohner des Gerichtsgebäudes wusste, was für ein Tier es war, und Beweisstück selbst auch nicht; es war exotisch, so viel stand fest. Und da auf seinem Panzer ein großes Schild „Beweisstück Nr. 1“ klebte (wo es wohl hergekommen sein mag?), nannten die anderen Tiere den Exoten eben so. Beweisstück war uralt, weswegen es bei schwierigen Fragen gern zu Rate gezogen wurde. Was bisher ein rares Vorkommnis gewesen war; denn das Leben im Gerichtsgebäude war ein ruhiges. Jetzt richtete Beweisstück langsam seine Sinne dorthin, wo durch die Kopföffnung seines Panzers etwas Licht hineinfiel. Unablässiges Quietschen und Knirschen drang herein, dennoch blieb der Boden ruhig: kein weiterer Schlag. Die Gefahr schien vorüber.

Durch die Rohre aber hörte Beweisstück, wie die Mäusebande ein Stockwerk unter ihm im Vorraum des Archivs panisch herumflitzte. Die kleinen Tatzen brannten auf dem Holzboden. Ach, mussten diese Mäuse immer übertreiben? Konnten sie nicht einfach ruhig bleiben wie Beweisstück?

Offensichtlich nicht, denn es hörte die panische Stimme der Maus namens Braunfleck piepsen: „Die Welt zerbirst! Der Himmel fällt auf uns herab und löscht alles Leben aus.“ Braunfleck war noch jung, dennoch sollte er es besser wissen. Weißbart, der Mäuseanführer – er hatte wunderbar lange, weiße Schnurrhaare – schüttelte genervt seinen Kopf. Allerdings musste er gestehen, dass er ein solches Beben selbst noch nicht erlebt hatte. Seine Schnurrhaare spürten den Bewegungen im Gebäude nach: Gut, das Beben ließ nach. Er hob die Pfote und verlangte Ruhe im Mäuserudel.

Ein dritter Knall ließ die Fensterscheiben ächzen. Wieder stob von überall her Staub in die Räume, und die Mäuse saßen einmal mehr im Dunkeln. Justitia oben im Richterzimmer fauchte, Spikey ließ im Kellerarchiv die wohlschmeckenden Blätter fallen und rannte mit wogendem Bauch weg, und Beweisstück verkroch sich zutiefst entrüstet tief in seinen Panzer.

Als sich der Staub lichtete und Weißbart anfing, seine Bande im Dunst zu zählen, sahen einige seiner Mäuse seltsam groß aus. Noch dazu hatte sich ihre Anzahl fast verdoppelt. Er rieb sich die Augen. Das war eine schlechte Idee: Der Staub brannte scheußlich. Dennoch, das Oberhaupt der Mäuse kniff die Augen zusammen und zählte noch einmal – verflixt!

„Tach auch“, schnarrte eine nasale Stimme direkt hinter Weißbart. Er wirbelte herum. Vor ihm schälte sich aus den absinkenden Staubwolken ein … ach du großer Schmelzkäse: eine Ratte. Ihre beängstigende Erscheinung wurde verstärkt durch eine Augenklappe über dem rechten und einen stechenden Blick aus dem linken Auge. „Einauge mein Name. Wir kennen uns von der Straße, und da dachten wir Jungs“ – die Ratte wies hinter sich – „wir ziehen bei euch ein.“

„Ihr – wie? Was?“

„Was, wie – ist das alles, was du zu sagen hast?“, höhnte Einauge. „Verrat uns lieber, wo wir den Staub mit was Gutem herunterspülen und unser Fell putzen können.“ Das Fell der Ratten, sie waren etwa ein Dutzend, sah nicht danach aus, als ob ihre Besitzer es häufig putzten. Tatsächlich waren sie dreckig, filzig und rochen streng. Weißbart schüttelte sich. Souverän, sagte er sich, sei souverän. „Was ist passiert?“, schrie sein Angstzentrum. „Ruhe“, donnerte sein Verstand. Weißbart streckte sich, soweit es ging – die Ratte war wirklich groß –, putzte seine Barthaare, um Zeit zu gewinnen, und antwortete dann: „Ihr seid die Ratten vom Wertstoffhof nebenan.“

„Was du nicht sagst.“

„Da ist die Baustelle …“

„Die Baustelle IST nicht, die Baustelle HAT! Sie hat unser Zuhause kurzzeitig zerstört.“

Weißbart stutzte: Was meinte die Ratte mit „kurzzeitig“?

„Kurzzeitig wie vorübergehend“, höhnte die Ratte. Konnte sie Gedanken lesen? „Das müsstet ihr Gesetzbuchmäuse doch besser wissen als wir Straßenpoeten.“ Triumphierend drehte sich Einauge zu seinen Ratten um, die ihm zujohlten und die Schenkel klopften. Sie verbreiteten so einen Gestank, dass Weißbart übel wurde und die jüngsten Mäusekinder sich im Fell ihrer keuchenden Mütter versteckten. „Also, wie sieht’s aus, ihr Hüter der Gesetzbücher, wo können wir Gesetzlosen uns putzen? Wo gibt’s Fressen? Und, beim großen Rattenschwanz, wo gibt es hier mal so ein bisschen Spaß? Was steht ihr da rum? Himmel, seid ihr langweilig. Keine Partymäuse, oder? Archivtrolle. Kein Feuer im Rattenschwanz, was?“ Einauge verdrehte sein einziges Auge, und wem bisher noch nicht schlecht war, dem wurde es jetzt. Es war ein gruseliger Anblick. Das Mäuseoberhaupt Weißbart schnappte nach Luft. „Was ist das denn für ein Benehmen“, platzte es aus ihm heraus. Alle erstarrten. Eine Ratte, die etwa drei Mal so groß wie eine Maus war, zurechtzuweisen, war eine zweifelhafte Idee. Da hielt Einauge auch schon in seiner Bewegung inne, drehte sich zu Weißbart um und starrte ihm tief in ein Auge. „Wie bitte?“, schnarrte er. Sekundenlang fror alles ein.

„Ich meine, also, was ich eigentlich sagen wollte …“, stammelte Weißbart. „Nebenan, nebenan im Nachbarzimmer findet ihr einen tropfenden Wasserhahn, da könnt ihr euch waschen“, flüsterte er. „Und derweil machen wir euch etwas zum Fressen.“

„Na also.“ Einauge grinste, „da will ich doch mal ein Auge zudrücken, was? Ha, Brüller!“ Wieder drehte er sich zu seinen Ratten um, die vor Lachen wankten. „Brüller, ein Brüller.“

„Die letzten Seifenreste findet ihr da auch“, erklang Weißbarts Stimme schlaff.

„Seife?“ „Dreckszeug!“ „Das macht krank, lasst bloß die Pfoten davon.“ „Ha, ICH krall mir eine!“ Unter diesem Gebrabbel und dem zufriedenen Grinsen von Einauge schlurften die Ratten ins Nebenzimmer.

Sofort rissen die Mäuse alle Tücher und Bretter von den Türritzen, um Luft hereinzulassen. „Weißbart, was soll …“ Der Mäuserich hob seine Pfote: „Leise!“ „Was machen wir jetzt?“, piepste seine Frau Minchen. Weißbart plumpste auf den nächsten Gesetzesstapel.

Nach und nach fanden die Mäuse ihre Stimmen wieder und Gemurmel setzte ein. Irgendwann winkte ihr Ältester ab und übernahm das Wort: „Mäuse! Offenbar haben wir Übernachtungsgäste. Der Knall von vorhin muss von der Baustelle gekommen sein, die schon seit Wochen vor dem Gerichtsgebäude betrieben wird. Nun müssen sie den Unterschlupf der Ratten zerstört haben, und sie bitten uns um Zuflucht. „Bitten? Bitten??? BITTEN???“ Zornig strich sich seine Frau über den Bauchpelz. „Wenn das eine Bitte war, dann, dann …“ „Ruhe.“ Weißbart standen die Schnurrhaare zu Berge. „Wir müssen uns arrangieren. Wir haben ein Zuhause und sind versorgt: Wir leben im Gerichtsgebäude. Unser Essen holen wir uns bei der Gerichtskatze. Und andere“, dabei schielte er zum dicken Spikey, der inzwischen die Gruppe erreicht hatte, „fressen sogar die Gesetzestexte im Archiv. Aus dem tropfenden Wasserhahn bekommen wir unser Wasser. Wir haben also alles, während die Ratten schuldlos in Not geraten sind.“ „Wenn sie sich mal so benehmen würden“, grummelte Minchen. „Genau“, riefen andere Mäuse. „Die führen sich auf, als ob sie die Welt beherrschten.“ Weißbart winkte ab. „Wir wissen doch alle, was Gerechtigkeit bedeutet. Wenn jemand in Not gerät, dann helfen wir. Wären wir nicht auch froh, wenn man uns helfen würde, wären wir in Not geraten?“ Vor allem die letzte Bemerkung vom Ältesten beeindruckte die Mäuse: Wenn jemand in Not gerät, ist es dann nicht ein Gebot der Mäuseliebe zu helfen? Unter Mäusen war das eine Selbstverständlichkeit.

„Wo ist da die Gerechtigkeit“, jammerte Minchen, Mutter von elf Mäusebabys. „Wie soll das gehen? Die werden alles Futter wegfressen. Und wo sollen die schlafen? Mäuse und Ratten sind nicht dafür geschaffen zusammenzuleben. Und jetzt komm mir nicht mit ‚kurzzeitig‘“, fauchte sie Weißbart an. Er hatte gerade die Schnauze geöffnet, aber sie schnitt ihm das Wort ab. „Nein, ich will nichts davon hören. Wir alle wissen, das ‚kurzzeitig‘ ein dehnbarer Begriff ist, und was sagt überhaupt das Gesetz dazu?“ Störrisch funkelte sie in die Menge. Spikey verschluckte sich, hustete und verknotete seine Pfötchen. „Nein! Nein, nein, nein, du hast nicht das GESAMTE BGB gefressen“, polterte Minchen. „N… n… nur das Inhaltsverzeichnis.“ „Ich fasse es nicht.“

„Spinne“, rief Weißbart. „Hat jemand Spinne gesehen?“ „Hier“, hauchte es von der Decke. Dort saß eine dunkelbraune Spinne. „Spinne, was weißt du über den Begriff ‚kurzzeitig‘? Kam der in den Verhandlungen, die du belauscht hast, einmal vor?“ „Ich muss überlegen“, summte die Spinne und verschwand.

„Wo bleiben eigentlich die Ratten?“, fragte Minchen.

„Die haben eine Badepartie in unserem Wassernapf gestartet“, wütete eine andere Mäusedame. Sie hatte durch den Türschlitz gelinst. „Unser ganzes, mühsam gesammeltes Trinkwasser ist eine einzige stinkende, dreckige Masse. Danke, Weißbart, das war eine GUTE Idee, die Ratten aufzunehmen.“

Mit diesen Worten drehten sich die Mäuse um und verkrochen sich in ihren Unterschlüpfen, Nestern und Mäuselöchern. Weißbart blieb alleine in der Mitte des Raumes sitzen. Er seufzte. Vor ihm, das wusste er, lagen sehr, sehr unangenehme Zeiten. Wenn er bloß wüsste, was „kurzzeitig“ hieß. Ratlos tippelte er zu seinem Nest. Eine andere Furcht begleitete ihn: Wenn bloß die Zweibeiner, die Menschen, nichts merkten; nicht auszudenken, was passieren würde. Er verfiel in dumpfes Grübeln.

2. KAPITEL