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Sie kann dir mit ihren Gedanken die Knochen brechen, doch sie kann diese Kraft nicht kontrollieren. Allison hat ihre Gründe, weshalb sie sich ihr Leben lang von anderen Menschen fernhält. Doch dann begegnet sie dem Auftragskiller Daxton und seiner Freundin Maggie. Die beiden spielen ein grausames Spiel mit ihr. Als sie das herausfindet, wird es richtig blutig ... denn Allison ist nicht so hilflos, wie es scheint. ALLISON ist ein bisschen wie CARRIE von Stephen King, aber lustiger und grausamer ... typisch Jeff Strand.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2023
Aus dem Amerikanischen von Morton Tartas
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Allison erschien 2020.
Copyright © 2020 by Jeff Strand
Copyright © dieser Ausgabe 2023 by Festa Verlag GmbH, Leipzig
Titelbild: Kim Isaak
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-98676-090-8
www.Festa-Verlag.de
PROLOG
35 Jahre zuvor
Verdutzt legte Dad das Buch zur Seite. Eigentlich sollte niemand an die Tür der Holzhütte klopfen, vor allem nicht so spät am Abend. Es war ein lautes Klopfen, als ob jemand in großen Schwierigkeiten steckte.
Einmal pro Jahr mieteten sich Mom und Dad die Hütte, damit sie dem Arbeitsstress eine Zeit lang entfliehen konnten. Alle beide hatten Jobs, in denen sie es oft mit wütenden Menschen zu tun bekamen. Daher reisten sie im Sommer für eine Woche hierher, weit weg von allem Alltag. »Endlich habe ich Zeit für die beiden Menschen, die ich wirklich mag«, sagte Dad immer und grinste dabei, weil er in Wirklichkeit eine Menge Leute mochte.
Mom nutzte die Tage ausgiebig zum Malen und Spazieren. Dad hatte einen großen Bücherstapel dabei und verließ seinen Sessel kaum, außer zum Essen, Schlafen oder für einen Gang auf das Plumpsklo. Allison las oder zeichnete, ging mit Mom spazieren, dachte sich Lieder aus, spielte Brettspiele und schrieb Geschichten. Im Grunde tat sie einfach immer das, wozu sie gerade Lust hatte. Sie liebte diesen Ort.
Dad stand auf und ging an die Tür. »Kann ich Ihnen helfen?«, rief er laut.
»Wir haben uns verlaufen«, antwortete ein Mann auf der anderen Seite.
Dad seufzte und öffnete die Tür. Der Fremde auf der Veranda schubste Dad so heftig, dass er beinahe hinfiel. Er konnte gerade so sein Gleichgewicht halten, als zwei Männer bereits in die Hütte drängten. Einer hatte fettiges schwarzes, der andere fettiges blondes Haar. Alle beide trugen eine Pistole.
Allison schrie.
»Bring das Kind zum Schweigen, sonst passiert was«, knurrte der Mann mit dem schwarzen Haar und hielt seine Waffe auf Mom gerichtet. Der Blonde zielte auf Dad.
Allison ließ ihre Kreiden fallen und lief zum Stuhl, in dem Mom saß, die sie fest in die Arme nahm.
Die Männer hätten Brüder sein können. Ihre Gesichter sahen aus wie das von Dad am Ende der Woche, wenn er sich während seiner freien Tage nicht zu rasieren brauchte. Sie waren völlig verschwitzt, und doch zitterten sie, wie jemand vor dem Erfrieren. Ihre Kleidung war verschmutzt und zerrissen, als wären sie eine ganze Weile in den Wäldern umhergeirrt.
»Wir wollten das alles nicht«, sagte der Blonde. »Es ist nicht unsere Schuld, dass ihr einfach nicht gegangen seid. Wenn ihr wenigstens einmal für ein paar Minuten weg gewesen wärt, hätten wir hier reingekonnt und niemand hätte verletzt werden müssen.«
»Es braucht immer noch niemand verletzt zu werden«, sagte Dad. »Was wollen Sie?«
»Was glaubst du, was wir wollen?« Der Mann reagierte so, als wäre das die dämlichste Frage gewesen, die ihm je zu Ohren gekommen war. »Geld. Und alles andere von Wert, das ihr hier habt.«
Der Schwarzhaarige ging auf Mom zu und hielt die Waffe weiterhin auf sie gerichtet. »Du hast doch einen Ehering, oder? Her damit!«
Mom zerrte sofort an ihrem Ring, doch er ging nicht ab.
»Spiel keine Spielchen mit mir.« Das Gesicht des Mannes war eine hässliche Maske der Wut.
»Ringe sollen nicht einfach abfallen! Ich mache Ihnen keine Schwierigkeiten.« Sie zeigte zur Küchenzeile. »Da ist Seife.«
»Wir haben keine Zeit für Seife! Gib mir einfach den Ring, bevor ich ihn abschieße!«
Mom zerrte so heftig an ihrem Ring, dass sie sich beinahe den Finger brach. Als sie ihn endlich abbekommen hatte, reichte sie ihn dem Mann. Er hielt ihn hoch und besah ihn genauer, dann schob er ihn in seine Hosentasche.
»Deinen auch«, sagte der Blonde zu Dad.
Schnell streifte er seinen Ehering vom Finger und gab ihn ab. »Jetzt dein Portemonnaie.«
»Es liegt im Schlafzimmer.«
»Warum liegt es im Schlafzimmer?«
»Hören Sie, Sir«, sagte Dad. Er klang genau so, wie wenn er Allison die Leviten lesen wollte und sie dabei deutlich erkennen konnte, wie viel Mühe es ihn kostete, ruhig zu bleiben. »Ich bin absolut bereit dazu, mit Ihnen zu kooperieren, meine Herren, aber Sie müssen mir auch entgegenkommen. Ich kann verstehen, dass Sie in einer verzweifelten Lage sind und unter großem Druck stehen. Aber meine Familie und ich saßen bis eben in einer Hütte und genossen unseren Urlaub. Selbstverständlich ist mein Portemonnaie im Schlafzimmer. Das ist kein Trick.«
Der Blonde nickte heftig. »Ja, ja, ja, du hast recht, du hast recht.« Er zeigte auf den anderen Mann. »Los, hol es.«
Der lief ins Schlafzimmer.
»Gleich neben dem Bett«, rief Dad ihm hinterher.
Mit dem Portemonnaie in der Hand war der Mann schnell wieder zurück. Waffe in der einen, Portemonnaie in der anderen Hand, versuchte er es auszuschütteln, doch musste er einsehen, dass es so nicht funktionieren würde, und schob daher die Waffe in den Hosenbund. Dann griff er in das Portemonnaie und holte einige Scheine heraus. »Was zum Teufel ist das?« Er wedelte wütend mit den Scheinen vor Dad herum. »Das sind gerade mal 30 Piepen!«
»Was haben Sie gedacht, wie viel darin wäre?«
»Mehr als 30 Piepen!« Der Mann steckte das Geld in die Hosentasche und warf das Portemonnaie auf den Boden. Sofort hatte er seine Waffe wieder gezogen.
»Bei uns war von Anfang an nicht viel zu holen«, sagte Dad, »Sie haben jetzt zwei Ringe und 30 Dollar. Nehmen Sie es und kaufen Sie sich, was Sie brauchen.«
»Oder vielleicht töten wir euch drei ganz einfach. Dann nehmen wir diese Bude komplett auseinander. Schauen mal, was hier noch so steckt.«
»Bitte, bleiben Sie doch vernünftig. Was ist mit dem Auto? Sie können es haben. Es steht weniger als eine halbe Meile entfernt. Ich werde Ihnen die Schlüssel überlassen und erklären, wie man hinkommt.«
Der Schwarzhaarige zielte auf Mom und grinste höhnisch: »Wie wär’s, wenn wir stattdessen ein bisschen Spaß haben?« Er leckte sich über die Lippen und besah Allison. »Wie alt bist du?«
»Lassen Sie sie in Ruhe«, sagte Mom.
»Wie alt?«
Allison sah ihm in die Augen. »Zehn.«
Der Mann kicherte. »Wow. Ich hätte dich wenigstens auf zwölf geschätzt. Ganz schön groß für dein Alter, was? Das könnte interessant werden.«
»Was zum Fick ist los mit dir?«, fragte der andere Mann.
»War nur Spaß!«
»Das sagst du jetzt, nachdem ich was gesagt habe.«
»Nein, es war echt nur Spaß.«
»Wenn ich nichts gesagt hätte, hättest du nicht gezögert. Das ist verdammt kranke Scheiße. Du musst echt mal klarkommen.«
»Es war ein Spaß!«, erwiderte der Schwarzhaarige. »Ich habe nur versucht, die Stimmung aufzulockern!«
»Warum zum Teufel sollte die Stimmung locker sein?«
»Ich … Ich weiß nicht. Warum nicht? Es war nur ein Witz, okay? Ich stehe nicht auf so was. Wenn du nichts gesagt hättest, hätte ich dir die Fresse weggeballert.«
»Drohst du mir etwa?«
»Nein, ich drohe dir nicht! Im Ernst jetzt! Ich versuche zu erklären, dass ich einen Witz gemacht habe, und du hast ihn nicht verstanden. Wenn du keinen Sinn für Humor hast, ist das nicht mein Problem.«
Während die Männer sich stritten, bemerkte Allison, wie Dad seinen Blick durch die Hütte schweifen ließ. Sie vermutete, er versuchte die nächstbeste Waffe zu finden. Hoffentlich würde er nicht irgendetwas Unüberlegtes tun – die Männer achteten zwar nicht auf ihn, hatten aber beide immer noch Waffen.
»Schön«, sagte der Schwarzhaarige. »Es war eben nicht witzig. Lass uns einfach verschwinden, okay?«
»Ich will noch nicht los.«
»Du bist derjenige, der mich für krank hält!«
»Weil du voll einen auf Kinderschänder gemacht hast. Die Mutter ist nicht zehn Jahre alt.« Er warf einen erregten Blick zu Mom. »Wie alt bist du? 29? 30?«
Mom antwortete nicht. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment weinen.
»Wenn ihr sie anfasst«, sagte Dad, »bringe ich euch um.«
»O nein, das wirst du nicht. Du wirst zusehen, wie es passiert, und dabei auch rein gar nichts tun, denn selbst wenn es dir egal ist, wenn ich dir dein Hirn wegpuste, weiß ich trotzdem, dass du deine Tochter in Sicherheit haben willst. Wenn du willst, schließen wir sie im Schlafzimmer ein, damit sie hiervon nicht total abgefuckt wird.«
Allison war klar, sie musste ihre Kräfte nutzen.
Mom und Dad fürchteten sich vor ihren Kräften. Sie verstanden sie nicht. Allison konnte sie auch nicht wirklich kontrollieren, und die meiste Zeit versuchten sie alle drei einfach so zu tun, als wäre es nur eine Art Einbildung gewesen. Aber egal wie sehr ihre Kräfte ihnen Angst einjagten, diese Männer waren viel schlimmer, und Allison würde nicht zulassen, dass sie ihren Eltern etwas antaten.
Sie konnte ihre Kräfte nicht einfach einsetzen, wie sie wollte. Es gelang ihr nur in »äußerst emotionalen Momenten«, wie Mom diese nannte. Das hier war mit Sicherheit einer dieser Momente.
Sie sah den schwarzhaarigen Mann an, starrte ihn förmlich an, konzentrierte sich mit all ihrer Kraft und versuchte ihn dazu zu bringen, die Hütte zu verlassen.
Er machte einen Schritt zurück, weg von ihnen. Seine Augen waren vor Überraschung weit aufgerissen, was ihn schlicht verwirrt aussehen ließ, als ob er nicht verstehen konnte, was mit ihm geschah.
Seine Waffe war immer noch auf Mom gerichtet. Das gefiel Allison nicht.
Der Schwarzhaarige begann nun langsam seine Pistole zu senken. Sein Arm zitterte, als er sich dagegen zu wehren versuchte. Allison fragte sich, wie sich das wohl anfühlen mochte. Etwa wie eine unsichtbare Hand, die den Arm hinunterdrückte?
Dann schrie er vor Schmerz auf und ließ seine Waffe im selben Moment fallen, als sein Arm brach.
Er brach ziemlich übel. Allison sah schon Blut durch den Ärmel quellen.
Der Blonde, der alles mitangesehen hatte, gaffte seinen Freund verblüfft an. Ihre Eltern fürchteten sich vor Allisons Kräften, und das, obschon sie ihnen niemals damit etwas angetan hatte. Diese beiden Männer musste umso mehr die nackte Angst packen.
Gut so.
Sie hatte zwar nicht genügend Kontrolle über ihre Kraft, um die Männer aus der Hütte zu befördern, aber sie konnte diese Männer vernichten, dafür sorgen, dass sie nie mehr jemandem wehtun konnten. So etwas zu tun war nicht böse, denn sie beschützte bloß die Menschen, die sie liebte.
Allison konzentrierte sich auf eines der Beine des blonden Mannes. Es bog plötzlich vorn hoch und zerbrach dabei das Knie. Er ging schreiend zu Boden.
Seine Waffe hielt er aber immer noch fest.
Das andere Bein bog sich hoch und brach ebenfalls. Das war nicht, was sie beabsichtigt hatte. Eine gebrochene Rippe stieß aus seiner Brust heraus. Auch das hatte sie nicht gewollt. Mit aller Kraft versuchte sie sich auf die Hand mit der Waffe zu konzentrieren. Als alle fünf Finger mit einem schnappenden Knall nach hinten klappten, war sie sehr zufrieden mit sich.
Dann drehte sich sein Kopf einmal komplett um seinen Hals und der blonde Mann rührte sich nicht mehr.
O Gott.
Hatte sie ihn umgebracht?
War sie jetzt eine Mörderin?
Der Schwarzhaarige rannte zur Tür. Allison hielt es für das Richtige, ihn gehen zu lassen – alles, was sie gewollt hatte, war ja, diese Männer aus der Hütte zu vertreiben –, doch was passierte, wenn er wiederkam? War er nicht auch eine Gefahr für andere?
Was sollte sie tun, wenn er ausplauderte, wozu sie fähig war, man sie daraufhin wegschließen würde, um sie zu untersuchen? Experimente mit ihr machte?
Alles gute Gründe, ihn nicht entkommen zu lassen. Darüber hinaus konnte Allison nicht ignorieren, wie schrecklich wütend sie war.
Auf einen Schlag brach sie ihm beide Beine. Er stürzte vornüber zu Boden und schlug mit dem Kinn so hart auf, dass Blut hochspritzte.
Sie bearbeitete seine Beine noch mehr, ließ sie an weiteren Stellen zerbersten.
Dann waren seine Arme an der Reihe.
Seinen Schädel konnte sie nicht spalten, obwohl sie sich redlich Mühe gab. Immerhin gelang es ihr, sein Gesicht mehrfach auf den Boden krachen zu lassen.
Erst dann bemerkte Allison entsetzt, dass sie die Kontrolle verloren hatte. Der blonde Mann war tot, und der Schwarzhaarige war dermaßen verunstaltet, dass er weder Mom noch Dad oder sonst irgendwem Leid zufügen würde. Sie musste sich wieder beruhigen. Musste damit aufhören.
Sie schloss ihre Augen und holte ein paarmal tief Luft. Unablässig zitterte sie am ganzen Leib und würde wohl eine Weile rausgehen und für sich allein umherlaufen, damit dieser Augenblick für sie ein Ende fand, doch das Schlimmste war nun vorbei. Sie würden ihr verzeihen. Sie hatte keine andere Wahl gehabt. Ja, es war schrecklich, sogar albtraumhaft. Doch was sie getan hatte, war gut. Möglicherweise war sie sogar eine Heldin.
Allison öffnete ihre Augen. Als sie sich in der Hütte umsah, sah sie die toten und gemarterten Körper von Mom und Dad.
1
Allison Teal dachte über einen guten Namen für ihren neuen Kater nach. Das arme kleine Ding war mager, arthritisch und hatte auf beiden Augen grauen Star. Die Leute, die ihn entweder zurückgelassen oder ihn von irgendwo aufgelesen hatten, hatten ihn einfach vor der Tür des Tierheims abgesetzt. Damit er nicht weglief, war seine Leine mit einem großen Stein beschwert worden.
Er hatte nicht versucht, sich zu verstecken, als Allison ihn heute Nachmittag mit zu sich nach Hause nahm. Anscheinend wusste er, wie schlecht seine Chancen auf eine Adoption standen und dass ihm hier eine echte Möglichkeit geboten wurde. Er hatte etwas Trockenfutter hinuntergeschlungen, sich ein wenig umgesehen, schlief nun fest auf der elektrischen Heizdecke, die sie auf der Couch drapiert hatte, und schnurrte.
Sie spürte, wie sich der Herzschmerz Bahn brach, den man erleidet, wenn man ein Haustier bei sich hat, dessen meiste Lebenszeit schon vergangen war – diese Erkenntnis traf Allison jedes Mal aufs Neue schwer –, aber das Glück dieses Katers in seinen letzten Jahren machte ihren eigenen Schmerz mehr als wett.
Als sie 15 Jahre alt war, war sie bei einer Pflegefamilie untergekommen, der es gleichgültig war, ob sie einen Hund hatte oder nicht, solange er stubenrein war. Damals hatte sie Smiley bekommen, einen elfjährigen Beagle mit nur einem Auge, der zu allem Überfluss auch noch hinkte. Allisons Pflegevater wollte von ihr wissen, warum zur Hölle sie ausgerechnet dieses Ding haben wollte, und sie antwortete darauf, sie wolle einen Hund, den niemand sonst lieben würde.
Was sie nicht hatte sagen können, war: »Tja, Scott, ich habe da diese Fähigkeiten, die ich nicht unter Kontrolle habe, und daher fürchte ich, ich könnte versehentlich mein eigenes Haustier umbringen. Falls das passiert, will ich mir selbst wenigstens sagen können, dass ich das Tier vor der Gaskammer gerettet habe und es bei mir immer noch besser dran war.«
Nun war Allison fast 46 Jahre alt und hatte bisher kein Haustier unbeabsichtigt getötet. Sie war sich nicht einmal sicher, ob ihre Kräfte Tiere beeinflussen konnten. Dennoch blieb sie dabei, ältere Tiere aufzunehmen (sie mochte in diesem Zusammenhang nicht von »retten« reden, weil es sich viel größer anhörte, so als hätte sie das Tier aus einem brennenden Haus herausgetragen), je hässlicher, desto besser.
Aber immer nur ein einziges Tier. Ihr Haus war schließlich kein Zoo.
Das schwarze und graue Haar an seiner Seite sah ein bisschen nach einem Wirbel aus, ganz wie eine Spirale. »Spiral« hatte einen wesentlich angenehmeren Klang als »Scheiß-altes-Viech-von-Kater«. Vielleicht blieb sie dabei. Immerhin blieb ihr viel Zeit für diese Entscheidung; es war nicht gerade so, als bekäme sie irgendwelchen Besuch, dem sie den Kater vorstellen musste.
Sie ließ Spiral auf der Couch ruhen und ging in die Küche, um sich einen Snack zu machen. Der Weg dorthin war nicht weit. Ihr Haus war winzig, doch brauchte sie allein ja kaum Platz. Was das Haus für sie so attraktiv machte, war seine isolierte Lage, die aber auch nicht zu abgeschieden war.
Sie durfte nicht zu nahe an anderen Leuten leben. Auf gar keinen Fall konnte sie Wohnungen in Mehrfamilienhäusern beziehen. Viel zu hoch war das Risiko, in Trauer über den Verlust eines geliebten Tieres entdecken zu müssen, dass sie in der Zwischenzeit die Nachbarn gleich nebenan umgebracht hatte. Starke Emotionen waren der Auslöser ihrer Kräfte. Dies hatte in der Vergangenheit dazu geführt, dass sie aus einem Pflegeheim hinausgeworfen worden war, weil sie einem anderen Kind den Arm gebrochen hatte – nur den Arm, Gott sei Dank. Dies war auch der Grund für viele andere Probleme in ihrem Leben.
Bereits einige Male hatte sie schnell das Wichtigste packen und weiterziehen müssen.
Das Leben als völlige Einsiedlerin war für Allison keine Alternative, sie hatte es schon versucht. Nicht einmal ein Hund als tierischer Gefährte hätte sie vor dem Verrücktwerden bewahrt. Als ihre finanzielle Lage es vor zehn Jahren hergegeben hatte, kaufte sie sich dieses kleine Haus auf dem großen Grundstück, ohne direkte Nachbarn in der Straße, und blieb die meiste Zeit über für sich allein. Wenn sie jedoch einen Kurztrip nach Youngstown, Ohio, machen wollte, war das kein Problem.
Einen Liebhaber hatte sie noch nie gehabt. Romantische Beziehungen waren undurchschaubar für jemanden, der, wann immer er in Gesellschaft war, darauf achten musste, ein ausgeglichenes Gemüt beizubehalten. Das gelang mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, doch solange sie nicht zum Zombie werden wollte, war das nicht genug.
Keine Freunde. Nichts außer flüchtigen Bekanntschaften, gerade mal genug, um ab und an etwas menschlichen Kontakt zu haben. Wenn sie sich mit Freunden treffen und sie alle über eine lustige Anekdote zu heftig lachen würden, hätte Allison jemandes Brustkorb zerschmettern können.
Von einer Arbeit in Vollzeit konnte sie nur träumen. Anfangs war dies ein echtes Problem gewesen, insbesondere seit sie auf sich allein gestellt war. Sie fand schließlich eine Stelle als medizinische Sekretärin, bei der sie im Homeoffice arbeiten konnte. Zwar musste sie täglich ins Büro, um ihre Disketten einzureichen und neue Kassetten abzuholen, was jedoch nicht zu den »äußerst emotionalen Momenten« zählte. Jetzt hatte sie einen Vollzeitjob als Buchhalterin, den sie komplett von zu Hause aus erledigen konnte, seit Online-Konferenzen per Webcam die Notwendigkeit beseitigt hatten, Menschen in anderen Gebäuden zu begegnen. Die Arbeit war stressig, es gab eine Menge Druck, was aber in Ordnung ging, solange die Leute, die den Stress produzierten, nicht in ihrer Nähe waren.
Es war nicht gerade die Hölle auf Erden, so zu leben, doch war es sicherlich eine Enttäuschung.
Allisons Kräfte waren der reinste Fluch. Keine Pluspunkte, nichts, was einen Ausgleich geschaffen hätte. Wenn sie in der Lage gewesen wäre, physische Objekte zu bewegen, hätte sie eine verdammte Superheldin sein können! Sie könnte die produktivste, berühmteste Bauarbeiterin aller Zeiten sein. Oder sie wäre eine Mentalistin geworden, die ihr Publikum in Staunen versetzte, indem sie ihre »Illusion«, Gegenstände bloß mit ihrem Verstand zu verrücken, vorführte. Telekinese an sich wäre in der Tat eine feine Sache gewesen, aber ihre Kräfte wirkten sich nur auf Lebewesen aus, wahrscheinlich sogar nur auf Menschen.
Möglicherweise hätten ihre Kräfte irgendeinen Nutzen gehabt, hätte sie diese kontrollieren können. So etwas verlangte nach Übung … Und wie sollte sie das anstellen? »Okay, ich werde nun versuchen, meine Fähigkeiten zu trainieren, und deinen Arm allein mit meinem Verstand bewegen. Ich sollte vorher erwähnen, dass ich dir bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich besser geworden bin, wahrscheinlich einige Male den Arm brechen werde. Irgendwelche Einwände?«
Einmal, inmitten einer tiefen depressiven Phase, war sie hinaus in den Wald gegangen und hatte versucht, an Eichhörnchen zu üben. Es gelang ihr nicht, obwohl es schon schwierig genug war, nahe genug an ein Eichhörnchen heranzukommen, um sicher zu sein. Dann hasste sie sich selbst dafür, an lebendigen Wesen experimentiert zu haben, und fiel nur noch tiefer in die Depression. So war sie nicht deswegen von ihrem Fluch geplagt, weil sie ihre Kräfte besaß, sondern weil sie eine Tierliebhaberin war.
Selbst wenn es ihr einmal gelingen sollte, ihre Kräfte zu verfeinern, konnte sie sich jemals zutrauen, sich einem anderen Menschen verletzlich zu zeigen und sich ihm zu öffnen? Was für eine Beziehung sollte das schon sein, in der sie keine starken Gefühle zulassen durfte? Mit Allison nicht zanken zu können, weil sie ihre Liebhaber mit ihrem Verstand zerschmettern konnte … Tja, das wäre für niemanden ein besonders attraktiver Charakterzug.
Davon abgesehen konnte Allison immer noch raus in die Öffentlichkeit, für sich allein ein schönes Essen in einem Restaurant genießen und Museen besuchen. Im Hofladen einkaufen gehen. Sie lebte nicht in den Schatten, verborgen vor der Gesellschaft.
Zu Hause hatte sie Bücher ohne Ende, das Internet, mehrere Streamingdienste und einige schöne Orte in der Nähe zum Wandern. Und sie hatte Spiral. Manch ein soziophober Mensch mochte sagen, sie hatte ein Traumleben.
Also, ihr Leben war nicht scheiße. Aber es war mit Sicherheit enttäuschend.
Am nächsten Morgen war um zehn Uhr eine Dienstbesprechung angesetzt, also war dies einer der Tage, an denen sie tragischerweise gezwungen war, sich die Haare zu machen und einen BH zu tragen. Nachdem die übliche, langweilige Orga besprochen war, stieß ihr Chef, Jamison, einen langen Seufzer aus, der gar nicht gut klang.
»Ich denke, es werden alle schon davon gehört haben«, sagte er. Allison, die nie ins Büro kam und daher auch von keinen Gerüchten wusste, hatte nichts mitbekommen, was einen solchen Seufzer erklären könnte. Sie lehnte sich aufmerksamer als sonst nach vorn.
»Ich wollte euch nur versichern, dass die Überlegungen, unseren Standort nach Übersee zu verlegen, nichts weiter als Gedankenspiele sind. Es sind keine endgültigen Entscheidungen gefällt worden, und außerdem ist gar nicht bekannt, welche Abteilungen betroffen sind, und ganz ehrlich, ich habe nichts gehört, das mich denken lässt, dass man in naher Zukunft überhaupt in diese Richtung weiterdenkt. Es ist nichts, worüber ich mir persönlich den Kopf zerbrechen würde.«
Allison wurde ein wenig mulmig zumute. Sie hatte das schon mal durchgemacht. Wenn der Chef sich genötigt fühlte, Gerüchte anzusprechen, und sie nicht auf ganzer Linie abstritt, dann stellten sie sich gewöhnlicherweise als Wahrheiten heraus.
»Falls ich irgendetwas mitbekomme, seid ihr die Ersten, die es hören«, sagte er, offensichtlich lügend. »Noch mal, stresst euch deswegen nicht, ich bin sicher, alles bleibt beim Alten und es gibt gar keinen Grund zur Panik. Habt ihr noch Fragen?«
Es gab einige Fragen, die Jamison nur unzureichend beantwortete.
Schließlich war die Besprechung vorüber und Allison kehrte zurück an die Arbeit.
Sie hatte ein bisschen Erspartes, außerdem würde sie vermutlich eine Abfindung erhalten, aber Arbeitslosengeld stand in ihrem Fall völlig außer Frage. Solange sie sich nicht kräftig mit Medikamenten vollpumpte – und das Arbeitsamt ist einer der Orte, an denen es wenig ratsam ist, zugedröhnt aufzutauchen –, konnte sie sich dieser stressigen Situation nicht aussetzen. Was würde mit ihr geschehen, wenn der Sachbearbeiter sie herablassend behandelte?
Jetzt war nicht die Zeit, sich darüber Sorgen zu machen. Es war noch viel zu früh.
Sie wollte sich keinen neuen Job suchen müssen.
Denk nicht mehr daran.
Allison brauchte augenblicklich das Gefühl einer Katze auf ihrem Schoß.
Sie verließ ihr Büro. Natürlich konnte sie ihre Arbeit überall im Haus machen, auch draußen, aber sie mochte es, einen speziellen Raum nur für ihre tägliche Arbeit zu haben. Arbeit und Privates zu trennen war ihr umso wichtiger, da sie einen Film schauen konnte, ohne das nagende Gefühl zu haben, ihre Arbeitsmails lesen zu müssen.
Spiral schlief auf der elektrischen Heizdecke. Die Wärme tat seinen arthritischen Gelenken sicher gut. Anstatt eine harte Abfuhr des Katers zu riskieren, griff sich Allison gleich den Kater samt Heizdecke und brachte ihn in ihr Büro. Sie setzte sich vorsichtig hin und versuchte dabei Spiral so wenig wie möglich zu stören. Ihr neuer Kater stand auf, reckte sich, dann legte er sich wieder hin und schlief ein.
Mach dir keine Sorgen wegen deines Jobs. Alles ist gut. Spar dir deine Befürchtungen für später, sobald du mehr weißt.
Für heute hatte sie vorgehabt, zum Feierabend auswärts Sushi essen zu gehen (großartige Angebote zur Happy Hour; keine Lieferung), doch nun musste sie sich von der Idee verabschieden. Gerade jetzt konnte sie nicht unter nichts ahnenden Leuten sein.
2
»Das wird schon«, sagte Daxton Sink. »Entspann dich einfach.«
Sam umklammerte seinen Sitzgurt leicht. »Mir ist schlecht.«
»Musst du kotzen?«
Sam schüttelte den Kopf. »Ich denke, nicht.«
»Sag vorher Bescheid, wenn doch.«
»Mach ich.«
»Es ist einfacher, als du denkst«, versicherte ihm Daxton. »Alles, was du tun musst, ist, ihm die Knarre zwischen die Augen zu halten und abzudrücken. Bumm. Tot. Wir verschwinden. Ganz einfach.«
»Wenn du es sagst.«
»Du machst das schon.«
»Und wenn ich einfach erstarre?«, fragte Sam. »Was, wenn ich es nicht tun kann?«
»Ich werde da sein, um das zu verhindern. Genau deshalb hat er dich nicht allein losgeschickt. Es ist nichts falsch daran, nervös zu sein. Du solltest nervös sein. Jeden Moment wirst du das Leben von jemandem beenden. Das ist eine große Sache, und es wäre unanständig, sollten wir das unterschätzen. Aber ich verspreche dir, du kommst damit klar.«
»Ich denke, es ist nur, dass ich nicht weiß, wie ich in dem Moment reagieren werde. Weißt du, was ich meine? Ich habe keine Ahnung, wie hässlich es wird.«
Daxton schmunzelte. »Das meiste der Sauerei kommt aus der Rückseite seines Schädels. Durch ein kleines Loch vorn rein, hinten durch ein großes wieder raus.«
»Ich werde also kein Blut sehen?«
»Na ja, du wirst schon Blut sehen, da bin ich mir sicher. Aber es wird nur krass übel, wenn du danebenzielst und die Kugel durch sein Auge oder die Nase oder so was fliegt. Du wirst aber nicht auf ein bewegliches Ziel schießen. Der Lauf wird direkt an die Stirn gepresst und dann drückst du ab. Völlig idiotensicher.«
Sam nickte. »Ich will nur nichts falsch machen.«
»Ich verstehe schon. Du willst einen guten Eindruck bei deinem Schwiegervater in spe hinterlassen. Ginge mir nicht anders.«
Sams Verlobte, Olivia, war die Tochter von Dominick Winlaw. Sie war eine heiße 21-Jährige mit einem so spektakulären Hintern, dass es Daxton völlig einleuchtete, weshalb Sam auf seinen Masterabschluss fürs Grundschullehramt verzichtete und stattdessen gefährliche Jobs für Mr. Winlaw erledigte. Daxton hätte sicher nichts dagegen gehabt, zehn Jahre jünger und 50 Prozent attraktiver zu sein; er hätte genauso versucht, diesen Hintern zu heiraten.
»Du weißt, es gibt hierzu eine Alternative«, sagte er.
»Ja?«
»Ich leg ihn um, und wir sagen, du warst es. Erzähl Winlaw, du hast wie ein Champion abgeliefert.«
»Ich möchte wirklich nicht lügen.«
»Ist mir recht. Wollte es nur mal erwähnt haben.«
Sam blieb für eine Weile still.
»Vielleicht können wir in der echten Situation schauen, wie ich dazu stehe.«
»Nö«, sagte Daxton. »Keine Chance. Wir klären den Plan, bevor wir an seine Tür klopfen. Ich tue nichts lieber, als ihn für dich zu killen, aber das wird keine Entscheidung in allerletzter Sekunde sein.«
»Ja, okay, das ergibt Sinn. Sorry.«
»Wir können an der Geschichte feilen, nachdem ich ihn erledigt habe, wenn du willst. Wenn es dir passt, sagen wir, du hast ihn erschossen. Wenn nicht, dann sagen wir, er hat sich plötzlich bewegt und ich habe ihn erschossen. Darüber wird sich Winlaw sicher nicht ärgern.«
»Trotzdem, ich denke, ich sollte es selbst machen.«
»Deine Entscheidung. Wollte nur helfen.«
»Weißt du was? Darüber bin ich echt froh. Du tötest ihn. Ich werde den Nächsten erledigen.«
»Klingt gut.«
Nach dem Navi waren es noch gute anderthalb Kilometer zu ihrem Ziel, einem Wohnhochhaus.
»Menschen zu töten ist kein Spaß«, sagte Daxton. »Nur ein verrückter Psychopath hat Gefallen daran. Aber ich kann nicht sagen, es sei kein Adrenalinkick, wenn man es auf die richtige Weise handhabt. Nicht der Moment, wo du letztlich den Abzug ziehst, aber alles andere, was vorher kommt.«
»Wie meinst du das?«, fragte Sam.
»Wir sind hier, um ihn zu töten. Es gibt für die Sache keinen anderen Ausgang. Dieses arme Schwein wurde jetzt schon vom Hochhaus geschubst, und wir sind da, um zuzusehen, wie er auf dem Asphalt aufschlägt. Aber er weiß das nicht. Also spielen wir ein bisschen mit ihm. Wenn wir die Knarre an seine Stirn drücken, sagen wir ihm, er soll uns den Schlüssel für das Bankfach aushändigen.«
»Welches Bankfach denn?«
»Es gibt keines. Das ist der Punkt. Er wird sagen, er hat keine Ahnung, wovon wir reden, und wir werden so tun, als wären wir stinksauer, und sagen ihm, wenn er uns nicht sofort den Schlüssel gibt, dann legen wir ihn um. Wie will er da rauskommen? Wird er dabei bleiben, dass es keinen Schlüssel gibt, und versuchen, uns davon zu überzeugen? Wird er mitspielen, bis er eine Idee hat, wie er aus dieser Scheiße ungeschoren davonkommt? Wir lassen ihn zappeln, bis es nicht mehr witzig ist, dann killen wir ihn.«
»Klingt nicht gerade nach einer Menge Spaß.«
»Möglicherweise ist ›Spaß‹ das falsche Wort. Glaub mir, wenn du einen Drecksack vor dir hast, der sich in die Hose scheißt, ist das ein machtvolles Gefühl.«
»Ist er denn ein Drecksack?«, wollte Sam wissen. »Niemand hat mir gesagt, was er verbrochen hat. Mr. Winlaw sagte nur, das sei unwichtig. Weißt du etwas darüber?«
Daxton schüttelte den Kopf. In Wahrheit lag die Chance bei fifty-fifty, dass der Kerl verdient hatte, was ihn erwartete. »Nein, aber er hat recht damit; es ist unwichtig. Es ist nicht unsere Entscheidung. Mit Sicherheit werden wir keinen Heiligen umlegen, wenn dir das eine Hilfe ist. Vielleicht sollten wir diesen Job lieber ordentlich durchziehen.«
Er hielt den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Gebäudekomplex an, direkt vor Haus C. Es war 14 Uhr nachmittags und die meisten Stellplätze waren leer. So konnte er gleich beim Treppenhaus parken, das zur Wohnung 207 führte.
»Letzte Chance, dich zu entscheiden«, sagte er. »Willst du ihn umlegen oder soll ich das machen?«
»Du kannst das erledigen.«
Daxton zwang sich, nicht zu grinsen. Die Gelegenheit, jemanden zu töten, kam nicht oft. »Ich rede, du schweigst. Du musst nichts tun, außer die anderen Räume zu durchsuchen und sicherzustellen, dass er allein ist. Wenn ich dir irgendwelche anderen Befehle gebe, befolgst du sie sofort ohne Wenn und Aber, als wären wir bei der Army und ich dein Offizier. Kapiert?«
Tatsächlich sah es so aus, als würde Sam sich jeden Moment übergeben und danach sogar in Tränen ausbrechen. Doch er nickte, löste seinen Sicherheitsgurt und stieg aus. Sie nahmen die Treppen rauf zum Apartment 207, und oben angelangt klopfte Daxton an die Tür.
Ein dünner, bärtiger Mann Ende 50 machte auf. Zu seinem Unglück sah der arme Nate ganz genauso aus wie auf seinem Foto.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er.
»Wir würden gern hereinkommen«, sagte Daxton.
»Hausierer sind hier nicht erwünscht.«
»Wir arbeiten für Dominick Winlaw.«
Augenblicklich veränderte sich Nates Ausdruck von »verärgert« zu »niedergeschlagen und übertölpelt«. Er nickte und schritt aus dem Weg. Daxton und Sam betraten das Apartment. Schicke Wohnung. An eine Wand gelehnt standen einige Kistenstapel und jede Menge Krimskrams, als ob Nate umziehen wollte.
Sofort hatte Daxton seine Pistole gezogen, den Schalldämpfer bereits montiert, und zielte auf Nate. »Setz dich«, sagte er in Richtung Couch zeigend.
Ohne sich zu widersetzen, plumpste Nate auf das Sofa.
»Sind wir hier allein?«, fragte Daxton.
»Ja.«
»Wenn mein Kollege gleich drüben nachschaut, erwartet ihn da keine Überraschung?«
»Nein.«
»Check die anderen Zimmer«, befahl Daxton Sam.
Der rührte sich nicht, so als hätte er nicht mitbekommen, dass Daxton mit ihm sprach. Vielmehr schien es, er könnte sich jeden Moment vorbeugen und den Boden vollkotzen.
Daxton schnipste direkt vor seinen Augen. »Hey, check die anderen Zimmer.«
Sam nickte und flitzte los.
Erneut widmete Daxton seine Aufmerksamkeit Nate. Vor ihm saß jemand, der aussah, als wüsste er, was ihn erwartete. Das Apartment zu verlassen war bloß ein halbherziger Versuch gewesen, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Einen Moment lang sahen sie beide sich nur an.
»Willst du gar nicht ›Sie müssen das nicht tun‹ sagen?«, fragte Daxton. »Kein Angebot von dir, das Doppelte von dem zu zahlen, was ich für den Job bekomme?«
»Würde es was helfen?«
»Nee.«
Sam kehrte ins Wohnzimmer zurück. »Alles sauber.«
»Gut.« Jetzt zielte Daxton genau mittig auf Nates Gesicht, etwas oberhalb der Augenbrauen. Gerade als er abdrücken wollte, bemerkte Daxton, wie Sam sich abwendete. »Hey, Junge!« Daxton war bei Weitem nicht alt genug, um einen 22-Jährigen als einen »Jungen« zu bezeichnen, aber er würde seinen richtigen Namen selbst dann nicht verwenden, wenn der einzige Zeuge in wenigen Sekunden tot sein würde.
Sam sah ihn nicht an, als er fragte: »Was?«
»Du musst schon hinsehen.«
»Warum denn?«
»Weil, wenn du die Lorbeeren für den Job einheimsen willst, musst du wohl wissen, wie es ausgesehen hat. Wenn du nicht einmal hinsehen kannst, dann wirst du leider deinem Schwiegervater sagen müssen, dass du nicht für diese Sorte Arbeit gemacht bist.«
»Okay, okay«, antwortete Sam. Er holte ein paarmal tief Luft, dann drehte er sich wieder um.
Mit einem Mal spritzte Blut aus Sams Hals, als eine Pistole abgefeuert wurde.
Beim zweiten Schuss, diesmal in den Rücken, umklammerte Sam die Halswunde. Er knallte auf den Boden. Daxton konnte nur einen kurzen Blick auf die Frau erhaschen, die sich wieder in den Flur zurückzog.
Scheiße!
Nate wollte hochkommen. Daxton schoss ihm in den Kopf, dann lief er schnell durchs Wohnzimmer und presste sich an die Wand. Während er versuchte, die gurgelnden, nach Atem ringenden Laute von Sam zu ignorieren, musste er sich einzig auf die Lösung des wesentlich drängenderen Problems konzentrieren. Er bewegte sich im Schutz der Wand in Richtung Flur, jetzt bereit, bei der ersten ersichtlichen Bewegung zu schießen. Nichts geschah.
Endlich blickte er um die Ecke. Kein Anzeichen von ihr. Nur zwei offen stehende Türen und eine geschlossene Tür waren zu sehen. Er hatte keine zufallen gehört.
Wie viel Zeit blieb ihm noch, bevor Nachbarn die Polizei alarmierten? Das hier hätte schnell und sauber ablaufen sollen.
»Ich muss dich nicht töten«, sagte Daxton mit ruhiger Stimme. »Ich habe dich nicht gesehen, wenn du mich nicht gesehen hast.«
Keine Antwort.
Daxton folgte ihm den Flur entlang. Tür Nummer eins oder Tür Nummer zwei? Falls sie in einem der Zimmer reglos mit gezogener Waffe wartete, würde er ein Problem haben, andererseits musste sie irgendein Geräusch machen, wenn sie ihn töten wollte, außer sie war ein verfickter Ninja.
Er zögerte und achtete auf jeden Hinweis, wo sie sich versteckt haben konnte.
Auch wenn jede Sekunde länger in dem Apartment bedeutete, dass es wahrscheinlicher wurde, geschnappt zu werden, konnte er trotzdem nicht verschwinden, solange die Frau noch am Leben war. Wenn Winlaw wütend wurde, konnte Daxton wenigstens sagen, es habe keine Zeugen gegeben.
Er blieb völlig still.
Atmen. Leises, aber rasches Atmen. Sie war im Zimmer zu seiner Rechten.
Versteckte sie sich oder war sie zum Schießen bereit?
Die Frau, die sich erfolgreich aus ihrem Versteck schleichen konnte und auf sie beide schoss, war nicht die Sorte Mensch, die sich in einem Wandschrank verkroch und auf ihren Untergang wartete. Daxton hätte es gehört, wenn sie ein Fenster öffnete, also blieb die einzig logische Option, dass sie vorhatte, ihn zu erschießen, sobald er die Türschwelle betrat.
Wenn er blind ums Eck feuerte, konnte er eventuell einen Glückstreffer landen.
Genauso gut konnte er seine Hand dabei verlieren.
Einen Versuch war es wert.
Leise wechselte er seine Position auf die rechte Flurseite. Die Pistole hatte er jetzt in der linken Hand. Und dann, ganz plötzlich, streckte er seine Hand durch die offene Tür ins Zimmer und feuerte drei Schuss ab. Als er seine Hand zurückzog, hörte er einen Körper zu Boden gehen.
Vorsichtig spähte er in das Zimmer.
Die Frau schien gut 50 Jahre alt. Nate war nicht verheiratet, also hatte er wohl eine altersgemäße Freundin gehabt. Am liebsten hätte Daxton sie an der Schulter gestreift, was ihm die Möglichkeit gegeben hätte, hineinzustürmen und ihr den Rest zu geben, doch zwei der drei Kugeln hatten ernsten Schaden angerichtet. Sie lag auf dem Boden, die Augen vor Schreck und Entsetzen weit aufgerissen, auf der Brust zwei sich ausbreitende rote Flecken.
Die Waffe hatte sie nicht fallen lassen, also schoss Daxton ihr zwischen die Augen.
Er hastete ins Wohnzimmer zurück. Zwar war Sam noch nicht tot, aber selbst wenn Daxton 911 anrief, war es längst zu spät für ihn. Aus seinem Hals sprudelte immer mehr Blut. Ihm blieb vielleicht noch eine Minute.
Mit zitternder Hand holte Daxton sein Handy hervor und rief Winlaw an.
»Alles erledigt?«, fragte Winlaw.
»Es ist wirklich sehr schlecht gelaufen«, berichtete Daxton. »Ein Reinigungstrupp muss her, sofort. Hier liegen drei Leichen und eine Menge Blut. Zweimal wurde laut geschossen.«
»Ist –?«
