Der Zyklop - Jeff Strand - E-Book

Der Zyklop E-Book

Jeff Strand

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Beschreibung

Nach dem Tod seiner Frau verliert Evan komplett den Halt. Als er auf einem seiner langen, ziellosen Spaziergänge den Überfall auf eine junge Frau beobachtet, will er eingreifen. Doch die Frau braucht seine Hilfe gar nicht. Im Gegenteil: Sie ist sehr, sehr gut darin, sich selbst zu verteidigen.  Harriett umgibt ein Geheimnis. Sie hat noch nie ein Handy gesehen. Sie saß noch nie in einem Auto. Und sie sagt, sie reist durch das Land, um in Arizona einen Zyklopen zu töten. Normalerweise hängt Evan nicht mit gestörten Frauen ab, die er gerade erst kennengelernt hat. Aber wäre so ein verrückter Roadtrip nicht genau der Kick, den er jetzt braucht? Ein ungewöhnlicher Thriller. Ein modernes Märchen. Ein echter Jeff Strand.

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Seitenzahl: 433

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Aus dem Amerikanischen von Thomas Schichtel

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Cyclops Road erschien 2016.

Copyright © 2016 by Jeff Strand

Copyright © dieser Ausgabe 2020 by Festa Verlag, Leipzig

Titelbild: Arndt Drechsler

Lektorat: Katrin Holle

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-832-2

www.Festa-Verlag.de

Danksagungen

Ein riesiges zyklopisches Dankeschön an Tod Clark, Lynne Hansen, Wendy Latham, Michael McBride, Jim Morey, Rhonda Rettig, Donna Fitzpatrick Stinson und Paul Synuria II für ihre übliche tolle Hilfe zu diesem Buch. Falls irgendwas darin bei euch nicht ankommt, so haben sie vermutlich versucht, es mir auszureden.

Prolog

Wir sind den halben Weg die nächste Steigung hinauf, als ich auf einmal zu dem Schluss gelange, dass Achterbahnen eher was für Typen mit 20 Jahren weniger auf dem Buckel sind. Die furchtlose Becky lacht natürlich und hat die Arme hoch in die Luft gereckt.

Ich mache einen Scherz darüber, dass im Verlauf der Jahre die Standards für Sicherheitsüberprüfungen auf Rummelplätzen wohl gesunken sind, und Becky scherzt, eben sei jemand mit einem Stück Gleis davonspaziert und sie hoffe, dass es kein wichtiges Teil gewesen ist. Ich erläutere, dass im Zuge steigender Materialkosten die Konstrukteure von Achterbahnen heute weniger dauerhaften Stahl benutzen, was keine Gefahr darstellt, solange wir uns nicht zu sehr bewegen, und Becky erklärt, dass diese Gegend eine Menge Erdlöcher habe, was wahrscheinlich kein Problem darstelle, was aber vielleicht allein deshalb gesagt werden sollte, damit man die Achterbahn auf informierter Grundlage benutze.

Ich erwähne beiläufig: Wenn man das erste Gefälle hinabsaust und dabei mit einem Vogel zusammenprallt, kann der Aufprall so heftig sein, dass der Schnabel einem den Schädel komplett durchschlägt und auf der anderen Seite wieder zum Vorschein kommt. Becky bekräftigt, dass diese Aussage zutreffend sei. Tatsächlich, erklärt sie, sei es jüngst zu einem Vorfall gekommen, bei dem ein kompletter Pelikan den Schädel von jemandem durchschlagen habe, als die Achterbahn bergab raste – nicht diese hier, keine Sorge – und der Vogel anschließend davongeflogen sei, als wäre nichts passiert. Der Fahrgast habe tragischerweise nicht überlebt. Es sei allerdings eine ganz schön denkwürdige Art abzutreten.

Wir sind hier in keinem sonderlich populären Freizeitpark, und die nächsten Passagiere sitzen vier Reihen hinter uns, also kann niemand hören, was wir reden. Das ist uns wichtig. Meine Frau und ich haben auf Grundlage einer gemeinsamen Missbilligung für rücksichtslose Menschen zueinandergefunden.

Und jetzt sind wir beinahe auf dem Höhepunkt der Steigung, und wow, 70 Meter, so hoch war ich noch nie. Ich werde vermutlich, kaum dass wir aus dem Wagen gestiegen sind, die Herrentoilette aufsuchen, um diskret zu würgen, aber vorläufig lache ich und habe irre viel Spaß.

Wir sehen uns Rent zum dritten Mal an. Als ich den Film zuerst gesehen habe, musste ich tiefe Innenschau halten und mir eingestehen, dass ich Broadway-Musicals tatsächlich sehr mag. Klar, ich kann mir nicht helfen und denke, dass es manchen der Charaktere gar nicht schaden würde, sich Jobs zu suchen, aber die Musik ist unglaublich gut und wird mir auf Tage hinaus durch den Kopf gehen und mich fröhlich stimmen.

Ich weihe Becky eine Zeit lang nicht in dieses Geheimnis ein. Wenn ich zugeben würde, dass ich Musicals mag, schwebte ich in Gefahr, den Beziehungskredit zu verspielen, der damit verbunden ist, mich mühsam zu einem solchen Film überreden zu lassen. Tragischerweise hat sie mich dabei erwischt, wie ich bei Cabaret mit dem Kopf ruckte, und ich bin aufgeflogen.

Mit Ballett kann ich mich allerdings nicht anfreunden.

Becky hustet häufig, aber sie achtet sehr darauf, es nur zu tun, wenn der Film gerade laut ist. Zum Glück ist Rent eine sehr energiegeladene Show, sodass sie das Husten nicht lange unterdrücken muss. Wie gut, dass sie nicht auf tristes ruhiges Theater steht.

Habe ich schon erwähnt, dass wir die Eintrittskarten umsonst erhalten haben? Ein Radiowettbewerb. Sich eine Show zum dritten Mal anzusehen, selbst eine sehr geliebte Show, schien glatt zu albern, aber jemandes Kenntnisse von Grunge-Musik aus den 90ern erwiesen sich als ziemlich praktisch. Dritte Reihe, mittlere Plätze. Werdet damit erst mal fertig, ihr alle, die ihr mir in Wissen über Grunge-Musik der 90er und der Fähigkeit, als neunter Anrufer bei einem Radiosender durchzukommen, unterlegen seid!

Ich bin ein Genie in Sachen Schmelzkäse.

Becky ist eine herausragende Köchin. Selbst wenn sie eine mürrische, unangenehm riechende, penisabhackende Irre gewesen wäre, hätte ich sie vermutlich noch am ersten Abend um ihre Hand gebeten, nachdem sie Spaghetti gemacht hatte. Ich hege oft unreine Gedanken über ihr Chicken Parmigiana.

Inzwischen erledige ich alles Kochen, was eine Menge Pasta aus dem Karton und fertig abgepackte Salate zur Folge hat. Heute Abend war Becky jedoch tatsächlich hungrig, also habe ich mich für Fondue als besonderen Leckerbissen entschieden. Ich behaupte nicht, dass ich das Fondue von Anfang an selbst gemacht habe. Ich behaupte aber, dass ich den Käse um Knoblauch und sonstige Gewürze angereichert habe, und er ist verblüffend köstlich.

Becky tunkt ein weiteres Stück Brot in den Käse und steckt es sich in den Mund. »Das ist ja sooo lecker!«

Ich spieße ein Stück Granny-Smith-Apfel auf meine Fondue-Gabel, tunke es ein und drehe es im Käse, um einen vollen Überzug zu gewährleisten. »Wir müssten das jeden Abend haben.«

Becky schmunzelt. »Ich wäre 800 Pfund schwer.«

»Das würde mir nichts ausmachen.« Sie ist heutzutage sehr weit von einem Übergewicht entfernt. »Ich würde dich jeden Morgen mit dem Schwamm waschen. Wir könnten diese Wand dort herausschlagen, damit du das Haus verlassen könntest, wann immer du möchtest.«

»Wir müssten einen Kran mieten, der mich vom Fleck bewegt.«

»Na ja, was kostet ein Kran heutzutage? Das kann gar nicht so viel sein.«

»Ich denke eher doch.«

»Okay, also wenn wir nur sechsmal die Woche Fondue hätten, wärst du wie schwer? 700 Pfund? Ich bin sicher, dass du schon wieder von selbst laufen könntest.«

Becky nickt und stößt eine weitere Scheibe Brot in den Käse. »Abgemacht. Verdammt, ist das gut!«

Haha. Sie weiß noch nicht mal, dass ich Schokolade und Erdbeeren als Dessert in petto habe.

Schöneres Wetter hätten wir uns gar nicht wünschen können. Hätte ich eine Checkliste für Wetterwünsche ausgefüllt und per E-Mail an Gott gesendet, hätten wir auch nichts Perfekteres bekommen. Von einem Regenguss erwischt zu werden, ist total romantisch und so, aber ich habe Sonnenschein, klaren Himmel und knapp 25 Grad viel lieber.

Perfektes Wetter an einem Tag, an dem sich Becky frisch genug fühlt, um aus dem Haus zu gehen. Verdammt, ja doch!

»Ich gönne mir heute einen Gesunde-Haare-Tag«, scherzt Becky und tätschelt sich die kahle Kopfhaut.

Der Park Ranger hatte recht: Der Weg ist durchgängig für Rollstuhlfahrer zugänglich. Wir kommen nicht mal den anderen Leuten in die Quere. Der Weg ist so glatt, dass Becky auf dem Rückweg zum Auto sogar schlafen kann und es vermutlich tun wird.

Und ja, wir können die Natur auch ohne ein konstant dahinströmendes Plaudern genießen. Ich schiebe Becky einfach vor mir her und freue mich über den Weg und darüber, dass Becky glücklich ist.

Ich habe nicht vor zu lügen. Wenn wir Crazy Eights spielen, weckt das in Becky eine wilde Lust am Wettkampf, angesichts dessen der durchschnittliche Super-Bowl-Coach jaulend zu seiner Mama zurücklaufen würde.

Nicht mal der Umstand, dass ich für uns beide die Karten halten muss, macht da einen Unterschied. Sie kann problemlos auf die Karte tippen, die sie spielen möchte, und obwohl ihr Geplapper nur im Flüsterton herauskommt, kann ich an ihren Augen ablesen, dass ihr der Ausgang dieses Spiels wichtiger ist als jede Verhandlung über Nuklearwaffenbegrenzung.

Ich war in Versuchung, sie gewinnen zu lassen, denn es könnte unser letztes Spiel sein, aber nein. Hätte sie auch nur eine Sekunde lang den Verdacht gehabt, dass ich nicht alle meine Fähigkeiten im Crazy Eights in die Waagschale werfe, dann wäre ich vor ihr durch diesen Tunnel auf das weiße Licht zugeflogen.

Ich spiele eine Kreuz Sechs aus.

Becky formt das Wort »Scheiße« nur mit den Lippen, aus Respekt vor Ellen im angrenzenden Bett, die nichts von Flüchen hält.

Ich zeige ihr die oberste Karte im Ziehstapel. Sie formt das Wort »Scheiße« noch drei weitere Male, ehe sie eine Herz Sechs spielen kann.

Ich habe keine Sechsen oder Herzen auf der Hand. Ich muss praktisch das gesamte Scheißspiel ziehen, um eine solche Karte zu kriegen. Ich weiß, dass mir eine verheerende Niederlage unmittelbar bevorsteht.

Während ich durch die Kanäle zappe, stelle ich fest, dass unser Lieblingsfilm läuft. Es sind nur noch 20 Minuten übrig, und er wurde fürs Fernsehen bearbeitet, aber es ist trotzdem Ein Fisch namens Wanda, und ich halte Beckys Hand, während wir uns schieflachen. Eigentlich lächelt Becky nur, aber ich lache genug, damit wir beide richtig schief werden.

Becky bittet mich, den Fernseher auszuschalten, als der Film vorbei ist, denn auf diese Weise ist es vielleicht der letzte Film, den sie je sieht.

Es funktioniert nicht ganz. Sie stirbt zwei Tage später, während sich Ellen Miss Undercover 2 ansieht. Ich entscheide mich aber, den Spaß in Erinnerung zu haben, den wir hatten, als wir uns Ein Fisch namens Wanda ansahen, und es sind meine Erinnerungen, also kann ich mir auch die aussuchen, die ich haben möchte.

1

Ich sitze an meinem Schreibtisch und frage mich, ob ich meinem Boss sagen werde, er solle sich zum Teufel scheren.

Wahrscheinlich nicht. Ich schätze, er ist nicht der schlimmste Typ auf der Welt. Das Unternehmen hat festgelegt, dass meine drei Tage Trauer mit Zustimmung des Managers auf fünf Tage ausgedehnt werden können, und er hat seine Zustimmung gegeben. Tatsächlich waren alle nett, als ich vor einer Woche zurückgekommen bin. Blumen, Umarmungen und aufrichtig klingende Rezitationen von »es tut mir leid«.

Ich verabscheue Dirk jedoch seit Jahren, und meinen Job noch länger. Ein Teil von mir sagt: He, deine Frau ist gerade gestorben – vielleicht ist jetzt nicht der beste Zeitpunkt, um weitere stabilisierende Elemente aus deinem Leben zu streichen. Ein anderer Teil sagt: Du erträgst dieses feixende Wiesel schon viel zu lange. Wenn du auf einmal motiviert bist, hier rauszukommen, sei es auch nur, weil du emotional verletzbar bist, dann nur zu.

Ich weiß nicht, welche der beiden Stimmen recht hat. Die Idee, meinen Job zu kündigen, mein Haus zu verkaufen und Florida zu verlassen, reizt sehr. Ich möchte nicht unbedingt in ein Gletscherland ziehen, aber ich bin diese sumpfige, mückenträchtige südliche Hitze leid. Irgendwo auf halbem Weg durchs Land nach Norden wäre nett. Noch mal neu anfangen. Becky und ich waren 19 Jahre lang zusammen (na ja, wir wären es gewesen, hätte sie noch einen Monat länger durchgehalten) und haben die ganze Zeit in Tampa gelebt, aber ich habe hier keine Bindungen, die ich nicht trennen könnte.

Ich sollte nicht impulsiv handeln. Ich müsste anfangen, meine Sachen zu verkaufen. Mein Haus auf den Markt bringen. Eine neue Stelle in einer neuen Stadt finden. Dann Dirk sagen, er solle sich zum Teufel scheren.

Der logische Teil meines Gehirns bringt ein solides Argument vor. Ich habe ein bisschen Geld auf der hohen Kante, aber nicht annähernd genug, um mit 44 alle Zelte abzubrechen und mich auf die Suche nach einer unbekannten Zukunft zu machen. Ich hatte mehrere Monate Zeit, um die Einzelheiten dieser Zukunft auszuarbeiten, aber mein Leben nach Becky war nichts, womit ich mich vorher schon befassen wollte.

Ich werde noch warten, bis ich meinen Job hinwerfe.

Und wenn ich dann kündige, wird es höflich geschehen, ohne Klagen vorzubringen und mit den angemessenen zwei Wochen Frist.

Auf einmal steht Dirk vor meinem Arbeitsplatz. »Evan. Mein Büro.« Er geht wieder, ohne auf eine Bestätigung zu warten.

Als mein Boss hat er jedes Recht zu der Einstellung, dass ich alles stehen und liegen lassen muss, um mit ihm zu reden. Ich habe aber den Telefonhörer am Ohr. Er weiß nicht, dass ich in einer Warteschleife hänge. Was, wenn ich gerade ein Kundengespräch gehabt hätte?

Ich lege auf und gehe in sein Büro, wo er schon an seinem Schreibtisch sitzt. Er fordert mich mit einem Wink auf, mich zu setzen. Als ich dem unbehaglich Folge geleistet habe, sieht er mich mit seinem Rattengesicht an und lächelt.

Manche Leute kommen mit einem Rattengesicht auf die Welt. Es ist nicht ihre Schuld. Sie sind vollkommen nette Leute, und doch hat ihnen die Natur ein Gesicht verpasst, das fies und nicht vertrauenswürdig aussieht. Dirk andererseits hat ein völlig normales, sogar gut aussehendes Gesicht, das er zu etwas Rattenhaftem verzieht. Ich bin sicher, dass er es nicht absichtlich macht. Wenn er herablassend auftritt, was er häufig tut, macht seine scheußliche Miene es noch schlimmer.

Dirk ist zehn Jahre jünger als ich. Einen Boss zu haben, der jünger ist als ich, macht mir nichts aus, aber Dirk glaubt, dass es mir etwas ausmacht, also bringt er das so oft wie möglich zur Sprache. Er ist ein Meister der Kunst, ein Arschloch zu sein, ohne jemals die Grenze zu überschreiten und gegen alle Richtlinien der Personalabteilung zu verstoßen.

»Wie geht es dir?«, fragt er auf eine Art, die mir verrät, dass er mich nicht hereingerufen hat, um zu erfahren, wie ich mit dem Tod meiner Frau fertigwerde.

»Gut. Ich versuche einfach, mich zu beschäftigen.«

Er nickt. »Beschäftigung ist gut. Man braucht Stoff für seine Gedanken.«

»Yeah.«

»Also. Zu der Tabellenkalkulation, die du heute Morgen geschickt hast.«

»Ja?«

Er dreht seinen Computermonitor herum. »Siehst du das?« Er tippt mit dem Zeigefinger auf die Darstellung. »Ich kann es heranzoomen, wenn es zu klein ist.«

»Ich kann es sehen.«

»Dann erkennst du das Problem, richtig?«

»Ah, okay. Tut mir leid.«

»Sag mir, was du für das Problem hältst. Ich möchte nur sicherstellen, dass wir über ein und dasselbe reden.«

»Eine Null zu viel. Entschuldige.«

Er dreht den Monitor wieder in die Ursprungsposition. »Ich weiß, dass es nur eine winzig kleine Null ist, aber sie macht den Unterschied zwischen 49.000 Dollar und 490.000 Dollar aus. Das ist eine Diskrepanz von 441.000 Dollar.«

Ich weiß genau, dass Dirk diese Zahlen nicht im Kopf subtrahieren kann. Er hat es ausgerechnet, ehe ich sein Büro betreten habe.

»Ich verstehe«, erkläre ich ihm. »Noch einmal: Es tut mir leid.«

»Ich verstehe, dass du mit den Gedanken woanders bist. Das ist vollkommen einsehbar. Ich denke nur, dass ich kein sehr effektiver Manager wäre, wenn ich es durchgehen ließe, oder?«

Ich frage mich, ob mein Wunsch, ihn an den Haaren zu packen und mit dem Gesicht auf den Tisch zu hämmern, bis er keine Zähne mehr hat, eine Überreaktion darstellt.

Ich denke, dass in Anbetracht der Umstände dieser eine Tippfehler auf 300 Zeilen eine im Grunde sehr ordentliche Bilanz ist. Ich möchte nicht ausrasten. Möchte nichts tun, was mir nachher leidtut. Dirks Job ist es, für einen hohen Qualitätsstandard seiner Angestellten zu sorgen. Ich habe tatsächlich eine zusätzliche Null eingefügt, die dort nicht hingehörte.

Natürlich ist das ein interner Bericht.

Niemand außer Dirk wird ihn je zu Gesicht bekommen. Ich muss einfach denken, dass ein nicht durch und durch böser Mensch den Fehler einfach korrigiert hätte, anstatt einen Neuwitwer ins Büro vorzuladen.

Benutze ich Beckys Tod als Ausrede für meine Fehler? So jemand möchte ich nicht sein. Ich möchte Verantwortung für mein Handeln übernehmen. Aber wenn ich diese Sache ruhig und rational überlege, gelange ich zu der ruhigen und rationalen Meinung, dass sich Dirk als unglaubliches Arschloch aufführt.

Das ist okay.

Ich werde später kündigen. Ich lasse nicht zu, dass er mich über die Kante schubst.

»Jedenfalls ist es keine große Sache«, sagt Dirk. »Schick mir einfach ein revidiertes Dokument, sobald du wieder an deinem Arbeitsplatz sitzt.«

Okay, jetzt bin ich über die Kante hinaus.

»Bei allem Respekt«, sage ich, »aber du könntest die zusätzliche Null jetzt gleich selbst korrigieren, oder? Ich meine, der Cursor steht genau da.«

»Das könnte ich, aber ich bin es ja nicht, der sie eingebaut hat, oder, Evan?«

Ich spüre die brennende Wut gar nicht, bis er beim »oder, Evan?« anlangte. Er hat schon oft in diesem Ton mit mir geredet, und ich dürfte von ihm nicht erwarten, mich jetzt anders zu behandeln, aber in diesem Augenblick bin ich wirklich nicht in der Stimmung dafür.

Ich halte die Hände ganz still und vermeide so, dass ich ihm eine runterhaue.

»Du herablassender kleiner Widerling«, sage ich und beuge mich vor.

»Verzeihung?«

»Ich lasse mich von einem erbärmlichen Wurm und arroganten Wichser nicht auf diese Art behandeln.« Weder »erbärmlich« noch »Wurm« sind die Wörter, die mir anfänglich durch den Kopf gegangen sind, aber ich habe mich im letzten Augenblick dazu durchgerungen, nicht obszön zu werden.

»Mir gefällt dein Ton nicht besonders«, setzt mir Dirk auseinander.

»Mir gefällt dein …« Ich hätte beinahe gesagt: »… Rattengesicht nicht.« Aber nein, ich sollte nicht so tief sinken und mich lieber auf seine Persönlichkeit konzentrieren als auf seine körperliche Erscheinung. »… Tonfall auch nicht.«

Wow. Das war schwach.

»Du bist eindeutig zu früh wieder ins Büro gekommen. Ich werde sowohl die Qualität deiner Arbeit als auch diesen Ausbruch ignorieren, aber du musst dich wirklich wie ein Profi benehmen.«

»Leck mich.«

»Was?«

»Ernsthaft, Dirk, leck mich. Ich bin es leid, mir von einem erbärmlichen, rotznäsigen, unintelligenten, erniedrigenden, verwerflichen …« Ich verliere den Faden. Bei Gesprächen dieser Art schneide ich absolut schrecklich ab.

»Muss ich den Sicherheitsdienst rufen?«

»Nur wenn du nicht damit fertigwirst, dass jemand dir erklärt, was du für ein Schwachkopf bist. Ein idiotischer Schwachkopf.« Idiotischer Schwachkopf? Wer zum Teufel sagt denn so was? Was ist nur mit mir los?

»Dir ist doch klar, dass du gefeuert bist, oder?«

»Absolut.«

»Dann geh bitte aus meinem Büro und pack deine persönlichen Sachen ein. Ich rufe jemanden vom Sicherheitsdienst, der dich aus dem Gebäude führt.«

»Prima, du …« Mir fällt nichts mehr ein. Mir kommt einfach keine einzige vernichtende Bemerkung zu ihm in den Sinn. Ich werde gefeuert, ohne dass es mir gelingt, eine anständige Tirade vom Stapel zu lassen. Ich bin so frustriert, dass es auf keine Skala mehr passt. Wenn ich schon diese Brücke hinter mir niederbrenne, möchte ich ihn mit meinen Worten niedermachen und ihm nicht mit unbeholfenem Geplapper in Erinnerung bleiben.

Nix. Ich habe nichts auf der Pfanne. Das ist die schwächste Jobkündigung aller Zeiten.

Ich möchte ihm so furchtbar gern eine runterhauen.

Aber nicht gern genug, um wegen Tätlichkeit angezeigt zu werden. Das wäre noch eine Größenordnung mehr Scheißdreck, und der fühle ich mich nicht gewachsen.

Ich möchte ihm einen stahlharten Blick zuwerfen, aber er sieht das Telefon an, dessen Hörer er inzwischen abgenommen hat, also stehe ich auf und gehe aus dem Büro und tue dabei so, als hätte ich meine Würde gewahrt. Ich versuche, die Tür hinter mir zuzuschlagen, aber es ist eine von den Türen mit einem Stopper, der die Schließgeschwindigkeit dämpft, also schwingt sie im Grunde einfach nur den größten Teil des Weges zu und raubt mir die Befriedigung eines lauten Knalls. Ich tue mir auch den Arm ziemlich weh.

Während ich zu meinem Arbeitsplatz gehe, formt sich in meinen Gedanken eine ausführliche, voll ausformulierte Anti-Dirk-Tirade. Natürlich.

Ich gehe an meinem Arbeitsplatz vorbei und setze meinen Weg einfach fort. Ich mache mir nichts aus meinen persönlichen Sachen. In diesem Höllenloch findet man nichts, was ich haben möchte.

Als der Fahrstuhl das Erdgeschoss erreicht, sind mir mindestens neun Sachen eingefallen, die ich doch haben möchte, darunter ein gerahmtes Bild von Becky. Ich muss später noch mal herkommen und es holen. Ich bin sicher, dass das gar nicht peinlich wird.

Wenigstens habe ich nicht angefangen zu schluchzen.

Ich verlasse das Gebäude. Okay, gut, ich bin jetzt meine Anstellung los. Ich fühle mich ziemlich gut, abgesehen von den entsetzten Gedanken mit dem Thema »Was zum Teufel habe ich nur getan?«, die in mir explodieren; außerdem ist mir richtig schlecht und ich habe das Bedürfnis, mich in eine Fötushaltung zusammenzurollen und zu zucken.

Ich krümme mich und kotze auf den Rasen.

Ich hätte auf Dirks Auto brechen sollen. Niemand hätte mir nachweisen können, dass ich es absichtlich gemacht habe.

Ich bin sicher, dass ich noch mehr rausspritzen könnte, aber zu seinem Wagen müsste ich in eine andere Richtung gehen, und das ist die Sache nicht wert. Ich wische mir den Mund mit dem Handrücken ab und gehe zu meinem eigenen Auto.

Was zum Teufel habe ich nur getan? Was zum Teufel habe ich nur getan? Was zum Teufel habe ich nur getan?

Er stellt mich bestimmt wieder ein, oder? Das muss er. Man kann nicht jemanden aufgrund eines Fehlverhaltens feuern, wenn er gerade den Tod des Ehepartners betrauert. Die Unternehmenspolitik würde das nie zulassen. Und als ich mir das ganze Gespräch noch mal durch den Kopf gehen lasse, so schmerzhaft das auch ist, denke ich nicht, dass Dirk mir tatsächlich gesagt hat, ich sei gefeuert. Es war stark angedeutet, aber »Dir ist doch klar, dass du gefeuert bist, oder?« ist nicht das Gleiche wie »Du bist gefeuert«. Vielleicht ist ja alles okay.

Nein. Ich gehe nicht zurück. Ich hätte schon vor langer Zeit kündigen sollen. Vielleicht nach einer der 800 Empfehlungen Beckys, ich solle mir eine neue Stelle suchen.

Ich setze mich in mein Auto und kotze prompt das ganze Lenkrad voll.

Und dann weine ich.

Selbstverständlich möchte ich die Schweinerei so schnell wie möglich aufwischen, aber mir ist sehr wichtig, dass weder Dirk noch irgendeiner der bisherigen Kollegen mich auf dem Parkplatz antrifft, während mir die Tränen übers Gesicht laufen und ich das Lenkrad vollgekotzt habe. Und so fahre ich von dem Gebäude weg und hoffe, dass damit der Tiefpunkt meines Lebens schon erreicht ist, obwohl ich denke, dass mich ein Polizist für irgendeinen Verstoß gegen die Verkehrsregeln anhalten und so den Vergleichswert noch ein Stück tiefer einstellen könnte.

Ich bringe die vier Häuserblocks bis zum nächsten Restaurant hinter mich, ohne rotes und blaues Signallicht im Rückspiegel zu sehen. Nachdem ich das Auto gereinigt und eine nährstoffreiche Mahlzeit aus fettigem Brathähnchen genossen habe, fühle ich mich ein bisschen besser. Ja, ich wünschte mir, ich hätte so viel sengenden Scharfsinn ausgedrückt, dass Dirk schon allein deshalb geheult hätte, gefolgt von einem Kampftritt an seinen Hals, aber trotzdem ist die Lage viel besser, als wenn ich in zehn Jahren noch immer diesen Job machen würde.

Ich weiß nicht recht, was ich mit dem Rest des Tages anfangen soll. Mir ist nicht danach, nach Hause zu fahren.

Ich denke, ich gehe einfach irgendwohin. Nirgendwohin.

Also stecke ich Kopfhörer ins Mobiltelefon, stelle meine vermischte Musikbibliothek auf Zufallswiedergabe und gehe los. Ich stelle die Musik richtig laut, um den inneren Monolog möglichst zu übertönen. Mit meiner Zukunft befasse ich mich morgen.

Ich gehe stundenlang. Ich stoppe nur einmal, um mir eine Flasche Wasser und einen Schokoriegel zu kaufen, und 15 Minuten später ein zweites Mal, als ich sehe, wie eine Frau überfallen wird.

2

Ich war noch nie in diesem Park. Normalerweise wäre er auch kein Platz, wo ich spazieren gehen würde, sobald die Dunkelheit heraufzieht.

Die Frau ist an einen Baum gedrängt worden. Ich kann aus dieser Distanz von etwa 70 Metern nicht erkennen, wie alt sie ist. Ihre langen roten Haare sind auffällig.

Der Angreifer hält sie mit einer Knarre in Schach. Ich höre nicht, was er zu ihr sagt, aber vermutlich ist es etwas Unhöfliches.

Ich stelle meine Musik auf Pause und drücke das Icon am Telefon, das die Polizei ruft.

Das war ein Fehler. Das aufleuchtende Display weckt die Aufmerksamkeit des Angreifers. Er schwenkt die Pistole in meine Richtung. »Lass das Telefon fallen!«, schreit er.

Ich habe keine Ahnung, wie gut er schießen kann. Wenn ich mich umdrehe und weglaufe, wird er mich eher verfehlen, als mir eine Kugel in den Rücken zu jagen. Vielleicht schießt er überhaupt nicht. Wahrscheinlich bricht er sogar den Überfall auf die Frau ab; er wird einfach abhauen, ehe die Cops eintreffen.

Ich lasse das Telefon fallen.

»Komm her!«, schreit er.

Näher an ihn heranzugehen, scheint mir eine wahnsinnig schlechte Idee. Möchte er den Zeugen ermorden, oder möchte er mir einfach die Brieftasche klauen? Ich könnte versuchen, vernünftig mit ihm zu reden, ihn davon zu überzeugen, dass er den falschen Lebensweg eingeschlagen hat und viel glücklicher wäre, wenn er keine Frauen im Park ausraubt, aber nach dem Desaster mit Dirk habe ich kein Zutrauen in die eigenen verbalen Fähigkeiten.

Ich kann nicht einfach weglaufen. Es ist ja nicht so, dass ich rechtzeitig Hilfe holen könnte, um die Frau zu retten. Und ich möchte nicht, dass die Schlagzeilen Ortsansässiger Hosenscheißer überlässt Frau ihrem Mörder lauten.

Der Schweiß strömt mir an den Seiten herab, während ich hinübergehe.

Die Frau schlägt den Mann zu Boden. Er landet auf dem Arsch.

Sie hat ihn mit irgendwas erwischt, aber sie war so schnell, dass ich nicht sicher bin, was sie benutzt hat.

Als sie ihm damit eine über den Schädel zieht, erkenne ich, dass es eine vielleicht 90 Zentimeter lange Holzstange ist. Der Räuber kippt um, hoffentlich nur bewusstlos.

Ich hebe mein Telefon auf und laufe zu ihr hinüber. »Alles okay mit dir?«, frage ich.

Sie ist schön. Vielleicht 30 Jahre alt. Sie trägt ein kurzes schwarzes Kleid und einen riesigen Rucksack.

»Ich wünschte, du hättest dich rausgehalten«, sagt sie.

»Wieso?«

Sie deutet auf einige Bäume. »Weil sich da noch drei mehr herumtreiben.«

Es macht mich unglücklich, als ich keine drei Meter von uns entfernt drei weitere Räuber in unser Blickfeld treten sehe. Sie sind jung, etwa im College-Alter, obwohl ich bezweifle, dass sie nach höherer Bildung streben. Jeder von ihnen zückt ein Springmesser und klappt es auf, und sie bewegen sich dabei dermaßen synchron, dass ich von gemeinschaftlicher Übung überzeugt bin.

»Wie wäre es, wenn ihr es uns leicht macht?«, fragt einer von ihnen. Er hat eine Lederjacke an, obwohl wir einen sehr warmen Aprilabend haben. Er zeigt mit dem Messer auf die Frau. »Lass den Rucksack auf den Boden fallen.« Dann richtet er das Messer auf mich. »Und du, lass deine Brieftasche fallen.«

Gott sei Dank. Er möchte uns nur ausrauben. Ich hole meine Brieftasche hervor, zeige sie dem Räuber, um ihm zu verdeutlichen, dass ich nichts Komisches plane, und werfe sie auf den Erdboden zwischen uns.

»Auch dein Telefon.«

Ich werfe das Telefon neben die Brieftasche.

Die Frau hat sich nicht gerührt.

»Rucksack«, sagt der Räuber und wedelt mit dem Messer in ihre Richtung.

Die Frau schüttelt den Kopf.

»Soll das ein Witz sein?«, fragt der Räuber. »Möchtest du erschossen werden?«

»Ihr habt keine Schusswaffe. Ihr hättet sie mir inzwischen gezeigt. Euer Freund hatte die einzige Pistole, weshalb er es auch war, der mich behelligt hat. Ihr anderen habt nur zugeschaut, für den Fall, dass die Sache schiefgeht. Was auch so gekommen ist.«

»Nun, wir haben drei Messer.«

»Ich weiß.«

»Denkst du, dass wir damit nicht zustechen, weil du eine Frau bist?«

»Keineswegs. Die letzte Eigenschaft, die ich an euch erkenne, ist Ritterlichkeit.«

»Rucksack. Runter damit. Sofort.«

»Du solltest tun, was er sagt«, erkläre ich der Frau und glaube irgendwie, dass ich hilfreich bin.

»Nein.«

Der Räuber zuckt die Achseln. »In Ordnung. Ich habe versucht, die Sache locker anzugehen, aber du musstest ja …«

Der Kopf fliegt ihm in den Nacken, als ihn die Stange mitten auf der Stirn erwischt. Er stolpert ein paar Schritte rückwärts, fällt aber nicht hin. Ehe der benommene Ausdruck aus seinem Gesicht weicht, hat sie ihn schon drei weitere Male getroffen. Jetzt fällt er um.

Einer der übrigen Räuber versucht einen Messerangriff auf die Frau. Sie zuckt zusammen, als ihr das Messer einen Schnitt am linken Oberarm versetzt.

Ich müsste etwas tun.

Sie schlägt mit dem Stock nach seinen Beinen. Der Räuber stößt einen Schrei aus und fällt rücklings hin. Er wirft das Messer nach ihr. Sie schwingt den Stock, um es abzuwehren, aber der Wurf ist so ungezielt, dass er harmlos an ihr vorbeigeht.

Sie haut ihn drei weitere Male. Es sieht aus, als würde das wirklich verdammt wehtun.

Der letzte Räuber hebt schnell meine Brieftasche und das Telefon auf und verschwindet zwischen den Bäumen in der Dunkelheit.

»Möchtest du ihm nachlaufen?«, fragt mich die Frau.

»Äh, er hat immer noch das Messer.«

»Okay.« Mit der freien Hand streicht sie das Kleid glatt, und dann nickt sie mir höflich zu. »Danke für deinen Versuch, mir zu helfen.«

Sie geht los.

»He! Sollten wir nicht, keine Ahnung, mal nachsehen, dass sie nicht tot sind oder so was?«

Sie bleibt nicht stehen. »Sie sind nicht tot. Möglicherweise hirnverletzt, aber sie haben ohnehin keinen guten Gebrauch von ihren Gehirnen gemacht.«

Ich stehe einen Moment lang da. Auf keinen Fall werde ich hinter einem Verbrecher mit Schnappmesser herlaufen, auch nicht, nachdem er mir Bargeld, Kreditkarte und Telefon geklaut hat. Aber ich kann die Frau nicht einfach fortgehen lassen.

Ich laufe ihr nach. »Wohin gehst du?«

»Zum selben Ziel wie zuvor.«

»Müssten wir nicht die Polizei rufen?«

»Du hast das Recht dazu.«

»Hast du ein Telefon?«

»Nein.«

»Du hast eine ganz schön schlimme Schnittwunde am Arm.«

Sie bleibt stehen. Ein Rinnsal Blut ist ihr am ganzen Arm herabgelaufen. Sie seufzt frustriert.

»Du müsstest in ein Krankenhaus gehen«, sage ich.

»Ich gehe nicht in Krankenhäuser.«

»Okay, aber du solltest irgendjemanden finden, der das zusammenflickt. Das muss vielleicht genäht werden.«

»Das mache ich selbst.«

»Ernsthaft?«

»Warum sollte ich darüber scherzen, mir selbst den Arm zu nähen? Wen würde das erheitern?«

Sie geht weiter.

»Sieh mal, ich müsste dich wirklich in eine Notaufnahme fahren.«

»Ich versichere dir, dass ich nicht vorhabe zu verbluten. Da wir schon geklärt haben, dass die Angreifer nicht tot sind, würde ich gern etwas Distanz zu ihnen erreichen, ehe sie sich erholen.«

»Vielleicht sollten wir zurückgehen und die Pistole von dem einen Typen holen.«

»Das kannst du gerne machen.«

Wir setzen unseren Weg fort.

»Ich möchte echt nicht lästig sein«, sage ich. »Ich … Ich kann nur einfach nicht zulassen, dass du von hier wegspazierst. Wir müssen bei der Polizei eine Aussage machen.«

»Warum?«

»Weil die Typen versucht haben, uns auszurauben! Ich meine, sie haben versucht, dich auszurauben, und hatten Erfolg dabei, mich auszurauben.«

»Du möchtest also, dass sie ins Gefängnis kommen?«

»Na ja, schon, und ich möchte meine Sachen zurückbekommen.«

»Ich habe das Gefühl, dass die Schmerzen, die sie einstecken mussten, ausreichend Strafe für ihr Verbrechen sind. Wenn du darüber hinaus Wiedergutmachung anstrebst, habe ich volles Verständnis dafür und wünsche dir alles Gute. Ich kann außerdem deinen Wunsch verstehen, deine Sachen zurückzuerhalten. Ergreife dazu alle Maßnahmen, die du für nötig hältst. Gleichwohl bin ich mir ziemlich sicher – obwohl ich einräumen muss, dass ich keine umfassenden Kenntnisse von Polizeiarbeit habe –, dass dein gestohlenes Eigentum für immer verloren ist.«

»Wer bist du?«

»Ich heiße Harriett. Wer bist du?«

»Ich bin Evan.«

»Schön, dich kennenzulernen, Evan.«

»Harriett, das ist ein wirklich schlimmer Schnitt, und ich lasse dich einfach nicht weggehen, ohne sicherzustellen, dass dein Arm okay ist.«

»Prima. Wir gehen noch ein Stück weiter, und dann darfst du zusehen, wie ich mir die Wunde nähe. Ist das genug?«

»Ich denke, schon.«

»Gut.«

Wir gehen weiter. Ich kann mich nicht erinnern, dass eine Frau mich jemals so ratlos gemacht hat.

»Trampst du?«, frage ich.

»Nein. Ich benutze keine mechanischen Verkehrsmittel.«

»Du siehst nicht nach Amish aus.«

»Ich weiß nicht, was das heißt.«

»Amish. Sie benutzen keine moderne Technik. Weißt du, man sieht sie in dem Film Der einzige Zeuge mit Harrison Ford.«

»Ich sehe mir keine Filme an.«

»Echt nicht?«

»Warum gehst du so beharrlich davon aus, ich würde dich anlügen? Bist du selbst ein pathologischer Lügner?«

»Nein, nein, es ist nur so, dass es irgendwie ungewöhnlich ist, sich keine Filme anzusehen, denkst du nicht? Hast du einen Fernseher zu Hause?«

»Alles, was ich besitze, ist in meinem Rucksack.«

»Wie lang ist dein Weg? Verzeih mir die ganzen Fragen, aber du musst verstehen, du bist von Typen mit Pistole und Messern bedroht worden und hast sie mit einem Stock ausgeschaltet. Ich sehe so was nicht oft. Es hat mich neugierig gemacht.«

»Das klingt plausibel. Ich bin unterwegs nach Arizona.«

»Arizona?«

»Hast du noch nie davon gehört?«

»Du wanderst nach Arizona?«

»Ja.«

»Das ist …« Hätte ich mein Telefon dabeigehabt, hätte ich die Entfernung recherchiert. »Das liegt einige Staaten weit entfernt.«

»Ich weiß.«

»Vielleicht 2000 Meilen.«

»Ich habe nicht behauptet, dass ich schon morgen da bin.«

»Ich denke nicht mal, dass man auch nur eine Route findet, um den ganzen Weg zu Fuß gehen zu können.«

»Hörst du mich vielleicht deine Pläne kritisieren?«

»Ich sag ja nur. Ich denke nicht, dass es möglich ist.«

»Guter Mann, wenn du mich vor den Angreifern gerettet hättest, dann würde ich vermutlich in deiner Schuld stehen und dankbar zuhören, wie du mir erzählst, dass ich nicht weiß, was ich tue. Da die Begegnung aber anders verlaufen ist, würde ich es lieber nicht hören.«

»In Ordnung«, sage ich. »Das ist nur fair.«

Wir gehen einige Minuten lang schweigend weiter. Als wir eine Wegbiegung zurückgelegt haben, sehe ich den Mini-Markt, den ich aufgesucht habe, ehe ich im Park spazieren gegangen bin.

»Ich besorge ein paar Sachen, um deinen Arm zu flicken«, sage ich zu ihr.

»Ich habe medizinisches Material dabei.«

»Okay.«

Sie zögert. »Ich hatte nicht erwartet, dass ich es so schnell benutzen muss. Ich schätze, es könnte nicht schaden, wenn du mir einen Verband für diese spezielle Verletzung besorgst.«

»Cool. O nein, warte mal … Meine Brieftasche ist weg. Ich habe kein Geld.« Ich grabe in den Taschen und finde 37 Cent.

»Ich benutze meine eigenen Sachen.«

»Tut mir leid. Ich war gedankenlos.«

»Sie werden uns nicht hierher folgen«, sagt sie, als wir die gut ausgeleuchtete Zone vor dem Markt erreicht haben. Sie nimmt den Rucksack ab, setzt sich und lehnt sich an das Gebäude.

»Ich muss bei der Polizei anrufen und dann meine Kreditkarte sperren lassen«, erkläre ich ihr. »Bleib so lange hier.«

»Werden mich die Behörden aufhalten?«

»Sie möchten vermutlich eine Aussage von dir.«

»Musst du sie dann wirklich anrufen?«

»Yeah, denn wenn der Typ die Kreditkarte schon benutzt hat, brauche ich einen offiziellen Beleg dafür, dass ich bei der Polizei Meldung gemacht habe. Ansonsten bleiben 8000 Dollar Abbuchungen oder so was an mir hängen.«

Sie nickt und öffnet den Reißverschluss des Rucksacks.

Ich betrete den Mini-Markt. Der Verkäufer ist so nett, mir sein Telefon zu leihen. Der Zeitaufwand für einen Anruf bei der Polizei wäre Gelegenheit für den Verbrecher, auf eine lustige Einkaufstour zu gehen, also beschließe ich, erst mal die Kreditkarte sperren zu lassen.

Anscheinend ist ein Dienstagabend eine gute Zeit, um ausgeraubt zu werden, denn ich hänge nicht lange in der Warteschleife und der Vorgang ist nur ein klein bisschen albtraumhaft. Ich brauche außerdem einen neuen Führerschein, neue Versicherungskarten und habe die acht Rabattmarken verloren, die ich für ein kostenloses U-Boot-Sandwich gesammelt habe. Könnte schlimmer sein. Ich könnte ein arbeitsloser Witwer sein. Oh, warte mal …

Die gute Nachricht lautet, dass der Typ meine Karte bislang nicht benutzt hat. Und ich hatte höchstens 40 Dollar in der Brieftasche.

Da ich mich widerstrebend der Einschätzung anschließen muss, dass ich nicht die geringste Chance habe, meine Sachen zurückzukriegen, entscheide ich mich, auf Harrietts Wünsche einzugehen und die Polizei nicht hinzuzuziehen.

Irgendwie erwarte ich, dass Harriett fort ist, als ich wieder ins Freie komme, aber da sitzt sie nach wie vor. Sie hat ihren Arm mit antiseptischen Tupfern gereinigt, die neben ihr auf dem Beton liegen, und hält eine Nadel mit einem Faden an die Schnittwunde.

Ich setze mich neben sie. »Hast du wirklich vor, das selbst zu machen?«

»Ja.«

»Ohne Betäubung?«

»Ich habe drei Aspirin genommen.«

»Okay.«

»Brauchst du eine Narkose, ehe du mir zusiehst?«

»Du brauchst nicht sarkastisch zu sein. Ich denke nur, es wäre … du lieber Himmel!«

Ich kann nicht glauben, dass sie die Wunde wirklich selbst näht. Es ist ja nicht so, dass ich in den zurückliegenden Monaten nicht eine Menge unangenehmer medizinischer Verfahren mit angesehen hätte, aber da hat es niemand bei sich selbst gemacht.

Harriett zieht die Naht fest zu und führt die Nadel zum nächsten Stich.

»Jedenfalls«, sage ich, »habe ich beschlossen, nicht die …« Ich sauge scharf Luft durch die Zähne, als sie die Nadel erneut einsticht. Ich kann in ihrem Gesicht ablesen, dass es wirklich wehtut, aber sie erzeugt keinen Laut und vergießt keine Träne. »… Polizei anzurufen … Wie zum Teufel schaffst du das nur?«

Sie wird mit dem dritten Stich fertig und macht sich daran, die Naht abzubinden. Die Wunde ist für diese Selbstbehandlung ungünstig platziert, aber Harriett scheint es hinzukriegen.

Sie nimmt ihre Arbeit in Augenschein und steckt Nadel und Faden zurück in ein kleines Erste-Hilfe-Set.

»Schmerzen sind also keine große Sache für dich, hm?«, frage ich.

»Ich sehe keinen Grund, mich lange damit aufzuhalten.« Sie steckt das Set in den Rucksack zurück, zieht dessen Reißverschluss zu und steht auf. »Muss ich noch warten, um eine Aussage zu machen?«

»Nee, alles okay. Ich habe die Polizei nicht angerufen.«

»Danke. Ich bin schon zu lange aufgehalten worden.«

»Könntest du mir einen Riesengefallen tun, ehe du losziehst?«, frage ich. »Ich muss wissen, warum du nach Arizona wanderst. Ich bin von Neugier förmlich besessen. Wenn ich es nicht erfahre, kann ich die ganze Nacht nicht schlafen. Bitte!«

»Du würdest mir nicht glauben.«

»Darauf kommt es nicht an. Ich muss es einfach wissen.«

»Nein. Du wirst aller Welt von der geistig gestörten Frau erzählen, der du begegnet bist, und ich möchte nicht von dir lächerlich gemacht werden.«

»Ich werde mich nicht über dich lustig machen. Ich verspreche es.«

Sie wirft einen Blick auf meine linke Hand. »Ist deine Frau damit einverstanden, dass du nach Einbruch der Dunkelheit mit fremden Frauen redest?«

»Becky ist gestorben. Es liegt noch nicht mal zwei Wochen zurück.«

Harriett hält sich die Hand vor den Mund. »Oh! Es tut mir so leid. Ich wollte nicht respektlos sein.«

»Es ist okay. Ich meine, es ist nicht okay, aber was du gesagt hast, war okay.«

Sie blickt mir tief in die Augen, als wollte sie erkennen, ob ich ein verlogener Drecksack bin.

»In Ordnung«, sagt sie. Sie holt tief Luft. »Ich bin unterwegs, um einen Zyklopen zu erschlagen.«

3

Ich hätte am liebsten gesagt: »Okay, na ja, danke für deine Zeit.« Damit sie dann ihre Reise fortsetzen kann. Sie wirkt aber so aufrichtig, dass ich für, keine Ahnung, 15 Sekunden oder so mitspielen möchte, ehe wir unserer getrennten Wege gehen.

»Einen Zyklopen, wie?«

»Ja.«

Mir gehen auf einmal die Fragen aus. Harriett hat mich fasziniert, als sie die Scheiße aus einigen Räubern geprügelt und den eigenen Arm genäht hat, aber so verzweifelt ich derzeit Ablenkungen in meinem Leben brauche, ich habe doch keine Zeit für eine Verrückte.

Harriett blickt mir erneut in die Augen. »Du glaubst mir nicht.«

»Ich kann mich derzeit wirklich nicht festlegen.«

»Alles Gute, Evan.«

»Danke. Dir auch.«

Sie geht weg.

Zum Glück hat mich das stundenlange Wandern nicht immer in dieselbe Richtung geführt, sodass ich nur etwa 30 Minuten brauche, um wieder mein Auto zu erreichen, obwohl es mir ohne Musik viel länger erscheint. Eins muss man ihr lassen: Die bekloppte Zyklopentöterin hat mich eine Zeit lang von meinen echten Problemen abgelenkt.

Wäre nur meine Begegnung mit Dirk so verlaufen wie die mit den Räubern im Park! »Ich kündige, Dirk!« Dong! Holzstock an die Stirn! Dong! Dong! Dong! Nicht heftig genug, um tatsächlich was von seinem Gehirn freizulegen, aber ganz klar heftig genug, um dauerhafte Spuren seiner Bestrafung zu hinterlassen, weil er sich als Arschloch aufgeführt hat. (Offensichtlich bin ich es in dieser Fantasie selbst, der den Stock schwingt, nicht Harriett. Ich brauche sie nicht, um meinen ehemaligen Boss zu verhauen.)

Ich frage mich, ob sie mich nur verarscht hat. Vielleicht ist »einen Zyklopen erschlagen« ein Slangbegriff für irgendwas. He, möchtest du nach der Arbeit mit ins Kino gehen, ein bisschen was trinken, vielleicht einen Zyklopen erschlagen?

Ich fahre nach Hause und gehe hinein. Das Haus hat ohne Becky eine merkwürdige Atmosphäre. Sie war beruflich eine Menge unterwegs, und so habe ich viele Abende allein hier verbracht, aber alles kommt mir irgendwie verkehrt vor. Die Flure sind zu lang. Die Decken sind zu tief. Die Klimaanlage ist zu laut.

Nicht so wichtig. Ich bleibe nicht mehr lange hier. Ich kann jetzt überallhin umziehen, wie es mir beliebt. Na ja, zu jedem Ort, den ich mir leisten kann. Vielleicht gehe ich irgendwohin, wo die Lebenshaltungskosten richtig niedrig sind, wie Arkansas. Oder Mexiko. Trotz gegenteiliger Indizien auf meinem High-School-Zeugnis kann ich Spanisch lernen.

Ich brauche eindeutig eine Dusche, aber Beckys Schwester Marjorie hat mich noch jeden Abend aus Seattle angerufen, um zu erfahren, wie es mir geht, also sollte ich sie anrufen und ihr sagen, dass ich mein Mobiltelefon nicht mehr habe. Hoffentlich kann ich die Nummer zu einem neuen Gerät mitnehmen.

Ich hebe den Hörer ab, und der Piepton verrät mir, dass ich Sprachnachrichten erhalten habe. Die erste kommt von der Personalabteilung und informiert mich, dass noch Papierkram zu erledigen ist und ich deshalb baldmöglichst vorstellig werden soll. Die zweite stammt von meiner Kollegin Patty, deren Arbeitsplatz neben meinem war, und sie sagt, dass sie meine Sachen eingepackt hat und ich kommen und sie holen kann, oder wenn ich sie anrufe, dann bringt sie mir den Karton auch gern ins Erdgeschoss oder sogar auf den Parkplatz, was immer für mich am leichtesten ist, und ihr tut aufs Neue leid, was mit Becky passiert ist, und alle machen sich Sorgen um mich, und Chet spritzt endlich ihre Einfahrt zu Hause mit dem Druckschlauch ab, sage und schreibe sechs Wochen nachdem sie ihm gesagt hat, dass es nötig ist, und sie möchte ein anderes Rezept für diese Rosinenhaferplätzchen ausprobieren, die sie bäckt, aber sie hat inzwischen Zweifel, von dem abzuweichen, was bislang funktioniert, und sie weiß nicht genau, wie lange eine Sprachnachricht dauern kann, es sei ja nicht mehr wie früher, wo einem das Band ausgeht, und …

Der dritte Anruf ist von mir. Das heißt, von meinem Telefon.

»Evan?«, fragt Harriett. »Evan? Hörst du mich? Evan? Mache ich das richtig? Hörst du das? Antworte, wenn du das hören kannst.«

Die Sprachnachricht endet. Ich rufe sie sofort zurück.

Mein Handy klingelt siebenmal, ehe sie das Gespräch annimmt. »Evan?«

»Harriett?«

»Evan?«

»Hast du mein Telefon?«

»Wo bist du?«

»Ich bin zu Hause.«

»Verstehst du mich? Evan?«

»Ja, ich verstehe dich.«

»Evan? Mache ich das richtig?«

»Harriett, wo bist du? Ich komme dorthin.«

»Evan?«

»Sag mir, wo du bist.«

»Evan?«

»Ich höre dich.«

Ich höre, wie sie mit jemand anderem redet; dann meldet sich eine Männerstimme in der Leitung. »Hallo?«

»Hallo, ich bin Evan Portin. Ich denke, dass Sie da mein Mobiltelefon haben.«

»Jaja, okay, Ihre Freundin hat es gefunden, denke ich. Wir sind hier an der Texaco-Tankstelle an der North Griffin. Kennen Sie die?«

»Ich kann sie finden.«

Harriett sagt etwas zu ihm, das ich nicht verstehen kann. »Sie sagt, dass sie nicht auf Sie warten wird, aber sie nimmt den Weg nach Westen.«

»Vielen Dank. Ich fahre sofort los.«

20 Minuten später fahre ich an der Tankstelle vorbei und weiter nach Westen. Wenige Blocks später erreiche ich eine Stelle, wo der »Weg nach Westen« eigentlich entweder nach Nordwesten oder nach Südwesten führt. Ich entscheide mich für den Nordwesten. Harriett kann nicht zu weit gekommen sein; wenn ich mich also falsch entschieden habe, kann ich immer noch den anderen Weg probieren.

Ich habe mich richtig entschieden. Sie wandert an einem Walmart vorbei den Straßenrand entlang. Ich wechsle auf die rechte Fahrspur, halte neben Harriett an und drehe das Beifahrerfenster herunter. »Hi!«, sage ich. »Möchtest du einsteigen?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Okay, ich fahre auf den Parkplatz.«

Ich biege rechts ab und parke an der Stelle, die Harrietts Weg am nächsten liegt. Ich steige aus, schließe die Tür und merke dann, dass ich den Schlüssel im Zündschloss stecken gelassen habe. Ich bin entsetzt, bis ich dann auch bemerke, dass ich die Tür gar nicht abgeschlossen habe, sodass das Problem leicht zu lösen ist.

Harriett ist inzwischen stehen geblieben. Sie wartet auf dem Fußweg auf mich. Während ich zu ihr hinüberlaufe, sehe ich, dass sie sowohl mein Telefon als auch meine Brieftasche in den Händen hält.

»Hier sind deine geraubten Sachen«, sagt sie und reicht sie mir.

»Vielen Dank!« Ich öffne die Brieftasche und stelle verblüfft fest, dass sogar das Bargeld noch drin ist. »Wie hast du sie zurückerhalten?«

»Der Verbrecher ist mir nachgelaufen. Anscheinend wollte er sich rächen. Das ist nicht so gekommen, wie er gehofft hatte.«

Ich hole einen 20-Dollar-Schein aus der Brieftasche und halte ihn ihr hin. »Hier.«

»Ich verfüge über hinreichende Mittel. Ich brauche keine Belohnung.«

»Doch, brauchst du. Du hast mir 18 Stunden Schlangestehen auf der DMV erspart.«

»DMV?«

»Die Kraftfahrzeugbehörde.«

»Klar. DMV. Wo man die Lizenz erhält, schweres Gerät zu bedienen.« Sie deutet auf mein Auto.

»Ja. Und dort ist alles voller unglücklicher Menschen. Ich habe mit der Wartezeit in der Schlange übertrieben, und eigentlich sind manche Leute, die dort arbeiten, nett und tüchtig, also dürfte ich keine unfairen Klischees verbreiten, aber ich freue mich trotzdem, den Führerschein wiederzuhaben. Bitte nimm die Belohnung an.«

Harriett nimmt den Geldschein entgegen. Sie öffnet den Reißverschluss einer kleinen Tasche am Rucksack und steckt das Geld hinein. »Danke.«

»Wie geht es deinem Arm?«

»Er hat sich besser angefühlt, als er noch keine Wunde hatte.«

»Wie weit gehst du heute Abend noch?«

»Bis ich nicht weitergehen kann.«

»Was dann?«

»Dann suche ich mir einen Unterschlupf für die Nacht und gehe morgen weiter.«

»Na ja, weißt du, Harriett, wenn du ein Stück mit mir fahren würdest, vielleicht eine halbe Stunde lang, könnte ich dir einen kompletten Tagesmarsch ersparen. Damit wäre die verlorene Zeit mehr als zurückgewonnen.«

»Das kann ich nicht annehmen.«

»Ich werde auch nichts versuchen. Es ist nicht nur so, dass ich um meine Frau trauere, sondern ich weiß auch absolut, dass du mir total in den Arsch treten könntest.«

»Ich reise nicht auf diese Art.«

»Wieso nicht?«

»Ich mache das einfach nicht.«

»Noch nie?«

»Nein.«

»Bist du noch nie mit einem Auto gefahren?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Autos sind ganz schön cool«, sage ich. »Ich möchte dir nicht zur Last fallen. Ich bin dir wirklich dankbar dafür, dass du mein Telefon und meine Brieftasche zurückgeholt hast, und ich dachte mir, da du noch so einen weiten Weg vor dir hast, wäre es vielleicht nett, 20 oder 30 Meilen Vorsprung herauszuholen.«

»Ich habe gelernt, zu Fuß zu reisen.«

»In Ordnung. Es war nur ein Angebot.«

Wir schütteln uns die Hände und ich mache mich auf den Rückweg zu meinem Auto.

»Warte.«

Ich drehe mich wieder zu ihr um.

Sie tätschelt ihren Arm an der genähten Stelle. »Vielleicht kann man im Fall einer Verletzung eine Ausnahme machen. Der beschleunigte Fortgang meiner Reise wäre hilfreich.«

Ich grinse. »Komm.«

Ich öffne den Kofferraum, aber Harriett möchte den Rucksack nicht aus den Augen lassen. Ich packe ihn auf den Rücksitz und öffne ihr dann die Beifahrertür. Sie zögert, als ginge es darum, einen Käfig voller Kanalratten zu betreten, und steigt ein. Sie zuckt zusammen, als ich die Tür schließe.

»Was denkst du?«, frage ich, als ich mich ans Lenkrad setze.

»Ich leide stark an Klaustrophobie. Und hier riecht es leicht nach erbrochenem Brot und Käse. Der Sitz ist aber sehr bequem.«

»Weißt du, wie man den Sicherheitsgurt anlegt?«

»Das weiß ich nicht.«

Ich lege den eigenen Sicherheitsgurt an. Sie packt ihren und bekommt es gleich beim ersten Mal richtig hin.

»Meine Klaustrophobie wird schlimmer.«

Ich drücke die Taste, die auf ihrer Seite das Fenster senkt. »Das müsste helfen. Sollte dir irgendwann unbehaglich zumute werden, sag mir Bescheid, und ich halte an. Ich fahre langsam.«

Ich starte den Motor. Harriett packt die Seiten ihres Sitzes. Sie drückt die Augen zu, als ich aus der Parkbucht zurücksetze. Sie flüstert etwas vor sich hin, das ich nicht richtig verstehe, das aber nach so etwas wie einem beruhigenden Mantra klingt.

Sie stößt einen gedämpften Schrei aus, als ich auf die Straße fahre.

»Alles okay?«, frage ich.

»Ich habe noch nie so was Unnatürliches getan.«

Ich fahre immer vorsichtig, aber diesmal bin ich noch aufmerksamer. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm es wäre, sie zum Mitfahren zu überreden und dann einen Unfall zu haben.

»Erzähle mir mal von diesem Zyklopen«, sage ich, um sie von dem Tempo von 30 Stundenkilometern abzulenken. »Nichts, was du sagst, wird dieses Fahrzeug verlassen, das verspreche ich.«

Sie hält die Augen geschlossen. »Du glaubst nicht, dass es ihn gibt, also besteht kein Bedarf, über ihn zu reden.«

»Das habe ich nie gesagt.«

»Ich bin mir absolut klar darüber, dass ich für Außenstehende verrückt klinge. Ich habe nicht vor, alle Welt davon zu überzeugen, dass ich recht habe. Du gehörst nicht zu den Leuten, die es glauben müssen.«

»Was genau meinst du mit Zyklop? Wenn ich das Wort höre, muss ich sofort an den Typen von den X-Men denken, der mit den Augen Laserschüsse abgibt, aber ich bin ziemlich sicher, dass nicht er es ist, den du umbringen möchtest.«

»Wer sind die X-Men?«

»Dann denke ich an eine mythische Kreatur. Riesengroß, ein großes Auge in der Mitte, vielleicht ein Horn.«

Harriett sagt nichts.

»Geht es um den?«

Sie öffnet die Augen nur kurz, um mich finster anzusehen.

»Du bist unterwegs, um einen einäugigen Riesen zu erschlagen?«

»Ich wurde mein ganzes Leben lang für diese Reise ausgebildet. Wenn du mich also verspottest, verspottest du mein Leben.«

»Ich mache mich nicht über dich lustig, versprochen! Ich stelle nur Fragen. Ich lebe in Florida, seit ich sechs war, also woher sollte ich wissen, ob man in Arizona Zyklopen findet oder nicht? Wer hat dich ausgebildet?«

»Meine Eltern.«

»Wo sind sie?«

»Sie sind tot. Ich möchte nicht weiter darüber reden.«

»Okay. Wir müssen uns nicht unterhalten. Magst du Musik?«

»Ja. Aber ich habe kein Instrument mitgebracht.«

»Ist schon okay.« Ich schalte das Radio ein. Ich durchsuche mehrere Kanäle, finde aber nur Werbespots, also schalte ich zum CD-Spieler um.

Mein musikalischer Geschmack ist ganz schön breit gefächert. Als ich mir zuletzt eine CD angehört habe, war ich in Death-Metal-Stimmung. Die gar nicht so melodischen Klänge des Songs »Bodily Fluids Are Yummy!« von den Rotten Eggs tosen aus den Lautsprechern.

»Ist das Musik?«, fragt Harriett.

»Technisch gesehen ja«, sage ich und drehe die Lautstärke herunter.

»Es hört sich an, als wären sie mitten in einem Massengemetzel.«

»Ich denke, das soll es auch.«

»Das ist entspannend für dich?«

»Es hilft mir, Dampf abzulassen, yeah.«

»Interessant.«

»Was für Instrumente spielst du?«

»Die Flöte und die Harfe.«

»Das ist cool.«

»Ich habe mich nie für eine versierte Musikerin gehalten, aber ich habe meine Fähigkeiten vielleicht unterschätzt.«

»Noch eine Frage. Was hat es mit dem Kleid auf sich?«

Sie macht ein langes Gesicht. »Gefällt dir mein Kleid nicht?«

»Doch, es ist ein tolles Kleid. Es ist nur nicht das, was ich bei jemandem erwartet hätte, der quer durchs Land reist, um etwas zu erschlagen.«

»Ich bin eine ausgebildete Kämpferin. Das heißt aber nicht, dass ich nicht nett aussehen kann. Ich habe auch praktischere Sachen, wenn ich sie brauche, aber ich sehe gern feminin aus.«

»Leuchtet mir ein. Ich war nur neugierig.«

Harriett blickt zum Fenster hinaus. »Du hast recht. Das ist eine viel effizientere Methode zu reisen.«

»Japp. Autos sind super.«

»Wie weit noch bist du bereit, mich zu fahren?«

»Oh, keine Ahnung. Ich muss nirgendwo sonst sein. Ich fahre dich gern noch eine Stunde lang oder so.«

Mir fällt auf, dass sie den Stock fester gepackt hält.

»Wie wäre es mit noch weiter?«

4

Ist das eine Entführung?

Ich kann es nicht genau sagen. Ich vermute mal, ich sollte einfach fragen.

»Ist das eine Entführung?«

»Ja«, sagt sie.

»Ernsthaft?«

Harriett denkt über die Frage nach. »Nein. Ich weiß es nicht. Nein, das ist keine Entführung. Ich entschuldige mich. Ich habe einen Augenblick lang nicht richtig nachgedacht. Meine Reise hat mit viel Stress begonnen, und ich hätte das nicht sagen sollen. Ich würde nie jemanden entführen. Wenn du mich jetzt am Straßenrand absetzen möchtest, verstehe ich das vollkommen.«

»Ja, ich denke, ich mache das.«

»Ich verstehe das vollkommen.«

Ich fahre auf den Parkplatz eines Burger Place.

Harriett zupft an ihrem Sicherheitsgurt.

»Drück den Knopf«, sage ich und deute darauf.

Harriett drückt den Knopf und ihr Sicherheitsgurt löst sich. Sie wird ohne meine Hilfe daraus schlau, wie man die Tür aufmacht, und steigt aus, wobei sie Rucksack und Stock mitnimmt.

»Ich schäme mich wirklich für mein Verhalten«, sagt sie. »Ich hoffe, du behältst mich auch für andere Teile unserer Begegnung im Gedächtnis und nicht nur für die wenigen Sekunden schlechten Urteilsvermögens.«