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Eine Invasion von jenseits des Grabes. Das Haus ist nicht perfekt, aber gut genug, um es zu mieten. Doch unglücklicherweise haben die Gardners und ihre beiden jungen Töchter den falschen Ort gewählt … Erst verrotten die Lebensmittel. Dann drehen die Menschen durch. Und als sich die Geister zeigen, bricht die Hölle los. Eine blutige, brutale Spukhausgeschichte. Durchzogen mit dem skurrilen Humor von Jeff Strand.
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Seitenzahl: 328
Veröffentlichungsjahr: 2021
Aus dem Amerikanischen von Michael Krug
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Sick House erschien 2018.
Copyright © 2018 by Jeff Strand
Copyright © dieser Ausgabe 2021 by Festa Verlag, Leipzig
Titelbild: Arndt Drechsler-Zakrzewski
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-909-1
www.Festa-Verlag.de
PROLOG
Gina Atherton würde niemals einem Lebewesen etwas zuleide tun. Was in ihren Augen jedoch nicht bedeutete, dass sie nicht nach dem Tod mit den Knochen von Lebewesen herumspielen konnte.
Sie hatte auf dem Tisch im Esszimmer erst mehrere Lagen Zeitungspapier und danach ihre Sammlung von Skeletten ausgebreitet. Zwei Katzen, ein kleiner Hund, ein Eichhörnchen, eine Ratte und eine Schlange sowie ein Rehschädel. Die Gebeine der Ratte, der Schlange und des Rehs hatte sie von einem Tierpräparator gekauft. Die Katzen und das Eichhörnchen hatte sie größtenteils unversehrt am Straßenrand gefunden, mit nach Hause genommen und den Rest die Natur erledigen lassen. Woher sie den Hund hatte, wusste sie nicht mehr.
Der vergnügliche Teil stand an. Buntes Durcheinandermischen. Vielleicht würde sie eine Schlange mit einem Rattenkopf anfertigen. Oder einen Hund mit einem Eichhörnchenkopf. Oder einen Rehkopf mit acht Katzenbeinen.
So viele Möglichkeiten.
Wenn die Kreationen fertig wären, würde Gina sie im Blumengarten vergraben. Sie lächelte, als sie sich ausmalte, wie man sie irgendwann fand, sei es, kurz nachdem sie weggezogen wäre, oder erst Jahre nach ihrem Tod.
Gina war Realistin. Sie wusste, dass die nächsten Bewohner dieses Hauses höchstwahrscheinlich nicht rufen würden: O mein Gott! Ein Rehkopf mit Katzenbeinen! Was für eine unglaubliche wissenschaftliche Entdeckung! Sie fand es befriedigend genug, dass man sich fragen würde, welche gestörte Person solche Knochen vergraben würde.
Ihr gefiel der Gedanke, dass man wohl ihre geistige Gesundheit infrage stellen würde.
Ihre Schwester würde dem nichts abgewinnen können. Ihre Schwester konnte es nicht leiden, wenn sie sich verrückt aufführte. Aber Gina musste ihr ja nichts von den Knochen erzählen, oder?
Es belustigte sie, sich vorzustellen, dass jemand im Bett lag, an die Decke starrte und dachte: Hier hat eine Verrückte gelebt. Vielleicht würde man sich darüber sorgen, dass sie das Haus womöglich nie verlassen hatte. Natürlich keine rational begründete Sorge, sondern eine unterschwellig nagende, die man irgendwie einfach nicht abschütteln konnte …
Obwohl sie wusste, dass sie dadurch vermutlich ein schlechter Mensch war, entzückte es sie noch mehr, sich auszumalen, wie ein Kind von seinen Eltern getröstet werden musste.
»Ist die Frau noch da, die diese Knochen vergraben hat?«
»Natürlich nicht, Liebes.«
»Versteckt sie sich unter meinem Bett?«
»Tut sie nicht, das weißt du.«
»Was, wenn sie in meinem Schrank ist?«
»Ist sie nicht. Versprochen. Bitte schlaf jetzt. Es ist spät und du hast morgen Schule.«
»Aber ich hab Angst.«
Gina betrachtete die über den Tisch verstreuten Knochen und klatschte schadenfreudig in die Hände. So unheimlich viele Möglichkeiten.
1
»Gardner! Schwingen Sie Ihren Arsch her!«
Boyd Gardner schaute von der Tischkreissäge auf. Mr. Prace war kein Boss, der mit seinen Mitarbeitern nach der Arbeit ein Bier trinken ging, aber auch keiner, der seine Autorität missbrauchte. Wenn er von der anderen Seite der Werkstatt herüberbrüllte, musste es um etwas Ernstes gehen.
Boyd legte das Brett beiseite, das er noch nicht zugeschnitten hatte, und nahm die Schutzbrille ab. Die anderen Jungs in der Werkstatt bedachten ihn mit Blicken, aus denen Verschiedenes sprach: Mitgefühl, Verwirrung und – zumeist – Erleichterung darüber, dass nicht sie angebrüllt wurden.
Mr. Prace gestikulierte wild. »In mein verficktes Büro! Sofort!«
Es kam zwar vor, dass der Mann fluchte, allerdings ausgesprochen selten. Und mit Sicherheit hatte er noch nie das Wort »verf…« vor allen gebrüllt. Als Boyd an den anderen Arbeitsplätzen vorbeieilte, hoffte er geradezu verzweifelt, dass es sich um ein Missverständnis handeln würde.
Mr. Prace verschwand in sein Büro und Boyd folgte ihm. Ein Mann, den Boyd nicht kannte, stand neben Mr. Prace’ Schreibtisch. Er trug ein Hemd mit Krawatte und sah definitiv so aus, als könnte er von der Personalabteilung sein. Boyd wurde ein wenig mulmig im Magen.
»Handschuhe ausziehen«, befahl Mr. Prace. »Zeigen Sie gefälligst ein wenig Respekt.«
»Tut mir leid, Sir«, entschuldigte sich Boyd und zog die Arbeitshandschuhe aus. Normalerweise wurde in diesem Umfeld nicht mit »Sir« um sich geworfen, doch im Augenblick schien es ihm angebracht zu sein.
»Nehmen Sie Platz.«
Boyd setzte sich auf einen der zwei Stühle vor Mr. Prace’ kleinem, wackeligem, schäbigem Schreibtisch. Da sie im Betrieb Möbel herstellten, war Boyd nie sicher gewesen, ob der Schreibtisch eine absichtliche oder versehentliche Ironie darstellte.
Mr. Prace blieb stehen. Von dem anderen Mann im Raum nahm er keine Notiz. »Boyd, manchmal holt uns ein, was wir in der Vergangenheit getan haben. Ich möchte, dass Sie an eine Unterhaltung zurückdenken, die Sie vor drei Monaten geführt haben.«
Boyd hatte keine Ahnung, wovon der Mann redete. »Ich bin nicht sicher, was Sie meinen, Sir.«
»Sie können aufhören, mich ›Sir‹ zu nennen. Arschkriechen ändert nichts. Wo waren Sie vor drei Monaten?«
Boyd zuckte mit den Schultern. »Kann mich nicht erinnern.«
Ich darf meinen Job nicht verlieren. Ich darf meinen Job nicht verlieren. Ich bin so was von total im Arsch, wenn ich meinen Job verliere.
Er arbeitete seit vier Jahren hier. Was immer er angestellt hatte, bestimmt würde er mit einer scharfen Ermahnung davonkommen, oder? Vor allem da er keine Ahnung hatte, worum es sich handeln könnte. Er hatte keinerlei Fehlzeiten mehr, seit die Ärzte seiner Tochter Paige beste Gesundheit bescheinigt hatten, und das lag mittlerweile ein Jahr zurück. Er kam nie zu spät. Und mit Sicherheit hatte er niemanden sexuell belästigt. Was immer er vor drei Monaten vermasselt hatte, es konnte kein Vergehen sein, für das man gleich gefeuert werden konnte.
»Sie waren genau hier. Wir haben Ihre jährliche Leistungsbeurteilung gemacht.«
Boyd nickte. Das war damals ziemlich gut gelaufen. Was ihn nur noch mehr verdatterte.
»Erinnern Sie sich, was Sie gesagt haben?«
»Ich … hab Ihnen am Schluss gedankt?«
Mr. Prace verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie haben gesagt, Sie wären interessiert daran, in der Hierarchie aufzusteigen. Haben gemeint, Sie möchten eines Tages Vorgesetzter werden. Tja, Boyd: Sie werden befördert.«
Boyd glotzte ihn mit ausdrucksloser Miene an. Er konnte nicht recht verarbeiten, was er hörte.
Mr. Prace grinste. »Wir versetzen Sie zu unserem Betrieb in Kirkland. Mehr Stunden, mehr Kummer – und mehr Geld. Glückwunsch.«
»O mein Gott.« Erleichtert seufzend stieß Boyd den Atem aus. »Sie hätten mir fast ’nen Herzinfarkt verpasst.«
»Ach, hören Sie doch auf. Sie wissen selbst, dass Sie hier großartige Arbeit leisten. Widerstrebt mir, jemanden wie Sie zu verlieren. Aber das ist ’ne großartige Gelegenheit, und ich bin sicher, Sie werden sie zu nutzen wissen. Sie haben damals gesagt, Sie wären bereit umzuziehen. Das gilt doch noch, oder?«
Boyd nickte. »Jaja. Adeline kann ihren Job ohnehin nicht leiden. Meine Arbeit ist das Einzige, was uns hier hält.«
Mr. Prace zeigte auf den Schlipsträger. »Er wird die Einzelheiten mit Ihnen durchgehen. Wir schicken Sie zu einer Ausbildung, aber ich bin überzeugt, die wird ein Klacks für Sie. Ich hab ja gesehen, wie Sie mit den anderen in der Werkstatt umgehen.«
»Danke. Das bedeutet mir viel.«
»Wenn Sie hier fertig sind, können Sie entweder mit hängendem Kopf rausgehen und den Streich weiterführen oder den anderen einfach die Wahrheit sagen. Ihre Entscheidung.«
»Wahrscheinlich werd ich’s Ihnen sagen.«
»In Ordnung.«
Boyd war an sich nicht der Typ dafür, die Musik laut aufzudrehen und mit den Händen auf dem Lenkrad zu trommeln, doch er erlebte keinen gewöhnlichen Tag. Eine Ausnahme schien somit gerechtfertigt zu sein. Er brauchte eine Minute, um einen Sender zu finden, der etwas ausreichend Hardrockiges spielte. Dann regelte er die Lautstärke so hoch, wie es ging, ohne dass die alten Lautsprecher übersteuerten.
Auf dem Beifahrersitz lagen zwei Pizzaschachteln. Pizza gab es sonst nur als Leckerbissen an Samstagabenden. Diesmal jedoch brach Boyd nicht nur mit der Tradition des Wochentages, er hatte die Pizza zudem bei einem der richtig guten Läden besorgt. Vorgesetzte mussten ihre Pizza nicht von Restaurants holen, die dermaßen mit Salami knauserten, dass zwei Scheiben auf einem Stück schon Grund zum Feiern boten. An diesem Abend würde Boyd Gardners Familie Pizza mit doppelt Salami genießen. Mit extra Käse. Und Knoblauchbutter zum Dippen. Allerdings keine Zimtstangen – die würden warten müssen, bis er seinen neuen Posten angetreten hätte.
Eigentlich hatte er gehofft, dass er seine Familie mit 32 Jahren besser versorgen könnte. Nicht dass er sich lausig dabei anstellte. Immerhin hatten sie ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch, und sie mussten nicht fürchten, dass Ratten über sie krabbelten, während sie schliefen. Allerdings lebten sie in einer beengten Wohnung, in der sich seine zwei Töchter ein Zimmer teilen mussten, während Adeline und er durch die dünne Wand mit anhören mussten, wie ihre Nachbarn jeden Donnerstagabend schmerzhaft klingenden Sex vollzogen.
Damit würde es bald vorbei sein.
Wenngleich die Gardners nicht auf einen Schlag zu unverschämt reichen, Monokel tragenden Gesellschaftslöwen mutierten, würde ihr Leben doch viel besser werden.
»Daddy!«, rief Boyds achtjährige Tochter Naomi, als er die Wohnung betrat. Sie ließ ihm gerade genug Zeit, um die Pizzaschachteln auf dem Esszimmertisch abzulegen, dann zog sie ihn in eine ihrer legendären, rippenbrecherischen Umarmungen.
Adeline klappte den Laptop zu und erhob sich von der Couch. »Was ist das?«, fragte sie.
»Pizza«, klärte Boyd sie auf.
»Schon klar, Mr. Offensichtlich. Aber was ist der Anlass? Hast du ’nen Pizzaladen ausgeraubt?«
»Nein.«
Adeline bedachte ihn mit einem argwöhnischen Blick. »Du kommst mir verdächtig ausgelassen vor.«
»Wird alles noch erklärt.«
»Ich hol schon mal die Pappteller.« Als Adeline in die Küche ging, betrachtete Boyd ihren Hintern. In letzter Zeit hatte er ihren Hintern nicht annähernd oft genug bewundert. Auch das würde sich ändern.
Immerhin handelte es sich um einen Allerwertesten, der eigentlich weit außerhalb seiner Liga spielte. Im Gegensatz zu Boyd war Adeline groß, schlank und ein Augenschmaus. Boyd hielt sich zwar einigermaßen in Form, hatte allerdings ein Gesicht wie eine leicht geschmolzene Actionfigur. Man musste ihn zwar nicht als Kinderschreck bezeichnen, trotzdem hatte Adeline in Sachen Attraktivität mit ihm nicht das große Los in der Ehemannlotterie gezogen. »Gut, dass du mehr Wert auf Charme als auf Aussehen legst«, meinte er oft zu ihr. Sie rügte ihn dann immer, dass er sich nicht über sein Erscheinungsbild lustig machen sollte, und warnte ihn zugleich verspielt davor, seinen Charme zu überschätzen. Boyd ergraute vorzeitig, wenngleich er fand, dass es ihm nicht übel stand. Außerdem hatte er bereits deutlich mehr Linien im Gesicht als ein Durchschnittsmann, der noch mehrere Jahre bis zur Midlife-Crisis hatte.
»Familienzusammenkunft!«, verkündete er.
Seine Tochter Paige, die trotz ihrer 13 Jahre nicht jedes Mal die Augen verdrehte, wenn ihre Eltern etwas sagten, kam aus ihrem Zimmer. »Hast du Pizza geholt?«, fragte sie und schob die Brille die Nase hoch.
»Ja, hab ich.«
»Ist Ma schwanger?«
»Was? Nein!« Boyd schaute zu Adeline, die zur Bestätigung den Kopf schüttelte.
»Und worum geht’s bei der Familienzusammenkunft?«, fragte Adeline.
»Genießen wir zuerst das Essen.«
»Ich könnt’s mehr genießen, wenn ich wüsste, warum du dich so merkwürdig verhältst.«
»Uns stehen eine Menge Veränderungen ins Haus«, verriet Boyd. »Eine davon ist, dass es nicht als ›merkwürdiges Verhalten‹ gedeutet werden sollte, wenn ich in richtig guter Stimmung mit Pizza nach Haus komme. Das sollte normal sein.«
»Können wir von jetzt an jeden Abend Pizza haben?«, fragte Naomi.
»Nee«, antwortete Boyd.
»Kriegen wir einen Hund?«
»Nein. Oder vielleicht. Darüber reden wir später.«
»Zieht Oma zu uns?«
»Gott, nein.«
»Ich hab die gute Oma gemeint.«
»Ich weiß, wen du gemeint hast. Trotzdem nein.«
Naomi verzog konzentriert das Gesicht, als sie über ihre nächste Frage nachdachte. »Kommen wir ins Fernsehen?«
»Lass es ihn einfach sagen«, warf Paige ein.
»Ich kriege bei der Arbeit ’ne Beförderung«, verkündete Boyd. »Eine richtig gute.«
»Das ist ja spitze!«, befand Adeline und umarmte ihn innig. »O Schatz, ich bin so was von stolz auf dich!«
»Die Arbeit selbst wird zwar stressiger, aber ich werd keine Wochenendschichten mehr haben.«
»Hurra!«, jubelte Naomi.
»Wirst du weiterhin im selben Gebäude arbeiten?«, erkundigte sich Adeline.
Boyd schüttelte den Kopf. »Kirkland.«
»Das ist viel zu weit zum Pendeln.«
»Ja. Weiß ich. Wir ziehen weg von hier. Geredet haben wir ja schon länger davon, und jetzt passiert es endlich. Wir bekommen ein Haus, Kinder! Ihr werdet eure eigenen Zimmer haben!«
Paiges Züge leuchteten auf. »O mein Gott! Wirklich?«
»Wirklich. Also, keine Villa oder so. Wahrscheinlich nicht mal ein besonders großes Haus. Aber ja, jede von euch bekommt ein eigenes Zimmer, das versprech ich.«
Paige und Naomi schlossen sich der Umarmung an. Danach machten sich alle über die Pizza her.
»Kann ich die Schule dann online besuchen?«, fragte Naomi.
»Sprich nicht mit vollem Mund«, rügte Adeline.
Naomi schluckte den Bissen hinunter. »Kann ich?«
»Nein.«
»Mama wird trotzdem arbeiten«, erklärte Boyd. »Sie kann aber den bösen Tagesjob kündigen, der ihr die Seele aussaugt. Und ich bin sicher, deine neue Lehrerin wird besser.«
»Miss Taylor ist … das Wort mit M.«
»Ich weiß, Schatz. Sie ist eine grässliche, grässliche Frau.« Boyd und Adeline achteten an sich sehr darauf, ihren Töchtern ein Gefühl für Respekt zu vermitteln … Allerdings ließ sich nicht bestreiten, dass Miss Taylor nach jeder Definition ein Miststück war.
»Kann ich Gordon mitnehmen?«
»Gordon wär bestimmt glücklicher, wenn du ihn freilässt, meinst du nicht?«
»Nein!«
»Dann ja, du kannst Gordon mitnehmen.«
Gordon war Naomis zahme Tarantel. Müsste Boyd eine Liste möglicher Haustiere erstellen, mit denen er gut leben könnte, stünde eine Tarantel an letzter Stelle.
Aber er wollte damals nicht wie ein Feigling erscheinen, deshalb durfte sie Gordon unter der Voraussetzung behalten, dass er niemals, unter keinen wie auch immer gearteten Umständen, sein Terrarium verlassen würde.
»Auf den Neubeginn«, toastete Adeline und erhob ihre Dose Rootbeer.
»Auf den Neubeginn«, stimmten alle ein und stießen mit ihren Dosen an.
2
Während sich Naomi die Zähne putzte – oder zumindest so tat –, ging Boyd ins Zimmer der Mädchen und setzte sich auf Paiges Bettkante.
»Das ist doch in Ordnung für dich, oder?«, fragte er.
Paige schob die Brille die Nase hoch und nickte. Im Gegensatz zu Naomi, die beinahe ein Ebenbild ihrer Mutter war, wies Paige fast ausschließlich rezessive Merkmale auf. Sie hatte lockiges blondes Haar, das sie kurz trug, ein völliger Kontrast zu Adelines und Naomis schulterlangem, glattem schwarzem Haar. Zudem verkörperte sie das einzige Mitglied ihrer beider erweiterten Familien mit Sommersprossen. Kein Kind sollte wie Boyd aussehen müssen. Sie konnte sich glücklich schätzen, dass die Ähnlichkeit so schwach ausgefallen war – gerade ausgeprägt genug, dass er keinen Vaterschaftstest brauchte. Sie hatte seine Grübchen.
»Ich weiß, wir haben darüber schon früher geredet. Wollte mich nur vergewissern, dass du’s dir nicht anders überlegt hast.«
Paige zuckte mit den Schultern.
»Hast du?«
»Nicht wirklich. Ich mein, ich hab inzwischen schon Freunde gefunden.«
»Ich weiß«, sagte Boyd. »Die kannst du auch weiterhin sehen. Wir werden ja immer wieder mal herkommen.«
»Müssen wir nicht. Sie sind zwar als Freunde ganz okay, aber jetzt nicht so was wie beste Freunde auf Lebenszeit. Mit Chrissy kann ich auch online in Verbindung bleiben. Das passt schon.«
»Und du wirst ’ne Menge neuer Freunde finden, das versprech ich dir.«
»Das kannst du mir nicht wirklich versprechen«, entgegnete Paige, »aber ja, das Gefühl hab ich auch. Alles gut. Ich freu mich auf den Umzug.«
Boyd war ein aufmerksamer Vater, aber wie der Verstand eines Teenager-Mädchens funktionierte, gab ihm mittlerweile mehr Rätsel auf als damals, als er selbst noch ein Teenager war. Er glaubte zwar, der Umzug würde für Paige in Ordnung sein. Sicher konnte er sich jedoch nicht sein.
»Weißt du, Schatz, du kannst dich völlig neu erfinden«, meinte er. »Kannst einen Neubeginn hinlegen. Deine Vergangenheit kann alles sein, was du willst. Ich meine, du solltest jetzt nichts erfinden oder so, das will ich damit nicht sagen. Aber die Teile, die dir nicht gefallen, musst du niemandem sagen.«
Paige grinste. »Die Vorstellung gefällt mir.«
»Das ist ’ne seltene Gelegenheit. Teenager kriegen nicht oft die Chance, von vorn anzufangen.«
»Teenager ziehen andauernd um, aber ich weiß zu schätzen, was du für mich versuchst, Dad.«
»Du hast dabei ein Mitspracherecht. Und ich will sicherstellen, dass dir das klar ist.«
»Also würdest du den neuen Job nicht annehmen, wenn ich einen Schreikrampf kriege und gegen die Wände trete?«
»Ich würde versuchen, vernünftig mit dir zu reden. Aber wenn du wirklich das Gefühl hättest, es wäre so schlimm, dass du gegen die Wände treten musst, würde ich denen sagen, dass sie sich ihre dumme Beförderung sonst wohin stecken können.«
»Was ist, wenn ich dich mit einem Dackelblick anschaue und sage: ›Bitte, liebster Papa, bitte zwing uns nicht umzuziehen, weil ich so einsam sein werd, wenn wir hier weggehen.‹?«
»Oh, mit dem Dackelblick würdest du deinen Willen auf jeden Fall kriegen.«
»Was, wenn ich damit drohe, mir die Pulsadern aufzuschneiden?«
»Das ist zu finster«, befand Boyd. »Sag so was nicht.«
»Ich mach bloß Spaß.«
»Weiß ich doch, Liebes, aber bleiben wir mit dem Spaß lieber beim Dackelblick. Ist nämlich nicht mehr lustig, wenn du davon redest, dich zu verletzen.«
»Okay. War aber wirklich nur Spaß.«
»Ich weiß, ich weiß. Dein Papa ist ein Weichei. Wie auch immer, ich geh davon aus, dass der Umzug für dich voll und ganz in Ordnung ist, bis ich was anderes von dir höre.«
»Er ist voll und ganz in Ordnung für mich. Zu 100 Prozent. Weil die Jungs in Kirkland super sind. Mmm-mmm-mmm. Viel Glück dabei, den Überblick über alle meine Freunde zu behalten.«
Boyd stand auf. »Ich würde sagen, das war genug Vater-Tochter-Zeit für einen Abend.«
»Wärst du wütend, wenn ich mit ’ner gepiercten Zunge nach Hause komme?«
»Gute Nacht, Paige.«
»Nein, besser noch, mit ’ner gespaltenen Zunge.«
»Gute Nacht, Paige.«
»Mit ’ner gespaltenen Zunge könnte ich mit zwei Jungs gleichzeitig schmusen. Das spart Zeit.«
»Warum bist du mir gegenüber so hemmungslos?«
»Solltest erst mal hören, was ich zu Ma so sage.«
»Putz dir die Zähne, Naomi«, rief Boyd.
»Bin dabei!«, antwortete Naomi aus dem Badezimmer. »Ich putz sie schon die ganze Zeit! Hörst du’s nicht?«
»Du hast die elektrische Zahnbürste eingeschaltet, hältst sie aber bloß in der Luft. Es klingt anders, wenn du die Zähne damit putzt.«
Das Surren der Zahnbürste veränderte sich.
»Danke.«
Einen Moment später verstummte die Zahnbürste, und Naomi betrat das Zimmer in ihrem hellgrünen Nachthemd.
»Das waren grade mal fünf Sekunden«, sagte Boyd.
Naomi zog die Lippen mit den Fingern zurück und zeigte ihre Zähne. Auch wenn es sich als ziemlich unheimlicher Anblick erwies, musste Boyd zugeben, dass zwischen ihren perlweißen Beißern keine Salamireste hingen.
»Na schön, ab in die Heia.«
Naomi kletterte ins Bett. Boyd deckte sie zu und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie bat längst nicht mehr um Gutenachtgeschichten, und ihm fehlte es irgendwie, so zu tun, als würde er mit ihr darüber feilschen.
»Gute Nacht«, sagte er.
»Gute Nacht, Daddy«, kam von Naomi.
»Gute Nacht, Dad«, sagte Paige.
Boyd schaltete das Licht aus und verließ den Raum, wobei er die Tür fast, aber nicht ganz hinter sich schloss. Er ging ins Badezimmer, putzte sich selbst die Zähne und spülte sich den Mund mit Mundwasser. Normalerweise gehörte Mundwasser nur zur morgendlichen Routine, aber er hoffte, die gute Stimmung des Abends würde bis nach dem Schlafengehen anhalten.
Adeline saß im Bett und las Die Brüder Karamasow von Dostojewski. Davor hatte sie einen Roman gelesen, in dem der Satan Besitz von ungeborenen Drillingen ergriff. Sie legte Wert darauf, zwischen Schund und hochwertiger Lektüre abzuwechseln. Auch Boyd war begeisterter Leser, allerdings begnügte er sich mit schlichter literarischer Kost.
Er betrat ihr Schlafzimmer, schloss die Tür und sperrte hinter sich ab. Obwohl es fünf Jahre zurücklag, dass Naomi sie beim Liebesspiel ertappt hatte, war das Erlebnis dermaßen erschütternd gewesen, dass Boyd seither jedes Mal die Tür abschloss.
»Paige hat gesagt, sie will sich die Zunge spalten lassen, damit sie mit zwei Jungs gleichzeitig schmusen kann«, teilte Boyd seiner Ehefrau mit.
»In welchem Kontext?«
»Spielt das eine Rolle?«
»Schätze, nicht.«
»Was ich damit sagen will, ist, dass wir schräge Kinder haben.«
»Besser als langweilige Kinder«, konterte Adeline.
»Stimmt. Ja, das stimmt wirklich.« Boyd schlüpfte aus dem Hemd. Es bestand keine Notwendigkeit, dabei verführerisch vorzugehen. Adeline kannte seinen unter dem Stoff verborgenen, bestenfalls akzeptablen Körperbau. »Jedenfalls scheinen beide mit dem Umzug einverstanden zu sein.«
»Das haben wir ja schon gewusst. Du suchst nach Problemen, wo keine sind.«
»Schon möglich. Vielleicht überkompensiere ich ja, weil meinen Eltern immer scheißegal war, was ich dachte.«
»Dein Vater war beim Militär.«
»Ich will damit nicht sagen, dass sie nicht hätten umziehen sollen. Ich weise nur darauf hin, dass ihnen egal war, ob es mir was ausgemacht hat oder nicht.«
»Die Mädels kriegen eigene Zimmer. Wir könnten in die Sahara ziehen, und sie würden sich trotzdem freuen. Entspann dich.«
»Ich bin entspannt.« Boyd zog sich zu Ende aus und stieg ins Bett. Er küsste Adeline zart auf die Schulter.
»Ja, wir können Sex haben«, sagte Adeline. »Lass mich nur eben das Kapitel zu Ende lesen.«
»Ich kann warten.«
Da ein russischer Roman vom Beginn des 19. Jahrhunderts vermutlich recht lange Kapitel hatte, griff Boyd zu dem Krimi, den er gerade las. Aber er war so aufgeregt wegen des neuen Jobs und des bevorstehenden Umzugs, dass er sich nicht auf die Worte konzentrieren konnte. Offen gestanden fühlte er sich vor lauter Aufregung ein wenig schuldig, weil er nicht schon früher aktiv versucht hatte, sie von hier wegzubekommen.
Tja. Spielte keine Rolle mehr.
Wenige Minuten später legte Adeline ihr Buch beiseite, und sie liebten sich still, aber leidenschaftlich.
Sie hatten keine großen Kreditkartenschulden, aber die spärlichen Ersparnisse, die sie besaßen, waren für die College-Ausbildung der Mädchen bestimmt. Derzeit reichte es nicht einmal für Lehrbücher. Eine Anzahlung auf ein Haus zu leisten, wäre also praktisch unmöglich. In einem Jahr mit etwas mehr auf dem Konto könnten sie sich dem Thema erneut widmen. Vorerst entschieden sie, sich eine Bleibe zu mieten.
Den Online-Teil der Haussuche bestritten Boyd und Adeline gemeinsam, den persönlichen Teil hingegen absolvierte er allein, da die Fahrt nach Kirkland vier Stunden dauerte und er ohnehin für seine Fortbildung eine Woche dort verbringen musste. Sie waren nicht besonders wählerisch, aber das neue Zuhause musste in der Nähe guter Schulen und weit entfernt von Crack-Buden liegen.
Der Markt für Häuser mit drei Schlafzimmern zur Miete in Kirkland erwies sich als nicht so groß, wie er gehofft hatte. Bei der Suche stieß er auf zahlreiche unüberwindliche Stolpersteine. Oft musste er nur an einem Haus vorbeifahren und konnte es schon von der Liste streichen. Beispielsweise bestand zwar durchaus die Möglichkeit, dass der Mann, der auf die Veranda urinierte, nie wieder auf diese bestimmte Veranda urinieren würde, dennoch erwies es sich als unmöglich, diesen ersten Eindruck abzuschütteln. Bei einem anderen Haus stand im Garten das Wasser, obwohl es in den drei Tagen, die Boyd in der Stadt war, nicht geregnet hatte.
Andere Eigenheime schieden nach einer Innenbesichtigung aus. Obwohl Boyd nichts dagegen einzuwenden hatte, letztlich ein reparaturbedürftiges Anwesen zu kaufen, wollte er keines mieten. Und das Versprechen des Vermieters, der Eigentümer werde »die Steckdosen demnächst reparieren«, überzeugte ihn nicht. Auch ein allmähliches Senken der Mindesterwartungen im Verlauf der Woche half nicht.
Wieder andere Häuser sahen perfekt aus, waren aber bereits vom Markt genommen, bis es Boyd gelang, jemanden ans Telefon zu bekommen.
Am Donnerstagabend verließ ihn allmählich der Mut, wenngleich er es Adeline gegenüber nicht zugab. Wenigstens lief es bei der Fortbildung gut. Der Unterricht konzentrierte sich zwar auf ein unternehmerischeres Umfeld als das, in dem Boyd tätig sein würde, aber er schnappte einige hilfreiche Tipps auf und wurde selbstsicherer mit seiner Fähigkeit, Menschen effektiv herumzukommandieren.
Die Fortbildung endete früh am Freitag. Zum Abschluss erhielt er ein Zeugnis, das sich zum Rahmen eignete. Wenn sich die Wohnungssuche über diesen Tag hinaus erstreckte, würde er für die Hotelkosten selbst aufkommen müssen, außerdem konnte er es kaum erwarten, zu Adeline und den Mädchen zurückzukehren. Hoffentlich würde er also etwas finden.
Als er sich das erste Eigenheim ansah, das für den Tag auf seiner Liste stand, hatte er ein gutes Gefühl.
3
Perfekt war es definitiv nicht. Ein Großteil der hellblauen Farbe an der Fassade blätterte ab. Ameisenhaufen übersäten den Garten. Aber immerhin war es ein Garten. Boyd hätte auch nichts gegen ein Haus gehabt, bei dem man das Fenster öffnen und dem Nachbarn eine Tasse Kaffee hinüberreichen konnte. Aber dieses Anwesen besaß einen umzäunten Garten der Größe des Swimmingpools im Fitnesscenter. Er konnte sich gut vorstellen, hier Dutzende Freunde zum Grillen einzuladen. Naomi würde begeistert davon sein, und auch Paige würde es beeindrucken.
Die Häuser zu beiden Seiten standen nahe genug, dass es zum Problem werden konnte, wenn die Nachbarn spätnachts laut Musik hörten. Und Boyd könnte nicht bedenkenlos nackt im Garten herumlaufen – was er allerdings ohnehin nicht vorhatte. Trotzdem bot dieses Anwesen erstaunlich viel Privatsphäre.
Und es besaß einen Koiteich. Einen verflixten Koiteich! Im Moment befanden sich keine Fische darin, aber Boyd hätte nie gedacht, dass etwas mit einem Koiteich im Garten hinter dem Haus in ihrer Preisklasse liegen könnte. Am oberen Ende des Budgets zwar, aber dennoch …
Er wurde richtig aufgeregt. Dabei hatte er das Haus innen noch gar nicht gesehen. Vielleicht würden sich Schlangen durch Löcher in den Wänden krümmen.
Boyd ging außen um das Haus herum und hielt Ausschau nach Mängeln, bis er ein Auto in die Einfahrt biegen hörte. 15 Uhr. Der Makler traf pünktlich auf die Minute zu ihrem Rundgang ein. Boyd eilte in den vorderen Garten, um den Mann zu begrüßen.
Der Makler erwies sich als kleiner Bursche mit einem schmalen Schnurrbart und hinten hochstehendem Haar. Er trug eine Hose und ein weißes Hemd mit ausgeprägten Schweißflecken an den Achseln.
Bevor er Boyd die rechte Hand entgegenstreckte, wischte er sie an der Hose ab.
»Mr. Gardner?«
»Ja.« Boyd schüttelte dem Mann die Hand.
»Jack Ponter. Entschuldigen Sie die Verspätung.«
»Sie sind nicht zu spät.«
Jack zog sein Handy aus der Tasche, blickte auf das Display und steckte das Gerät zurück. »Oh, gut. Hatten Sie schon Gelegenheit, sich außen umzusehen?«
Boyd nickte. »Ein Koiteich. Gefällt mir.«
Jack grinste. »O ja. In meinem derzeitigen Zuhause hab ich keinen, aber in dem davor hatte ich einen. Ist sehr entspannend. Fast hypnotisch. Ich könnte stundenlang draußen sitzen und die Fische beobachten. Nur sollten Sie nicht denselben Fehler wie die vorherigen Mieter hier machen. Das sind echte Fische. Man muss sie füttern.«
»Sie haben die Fische nicht gefüttert?«
»Nein. War jammerschade. So eine Verschwendung.«
»Ich kann Ihnen versichern, sollten wir hier einziehen, würden wir uns gut um die Fische kümmern.« Tatsächlich hatte Boyd keine Ahnung, wie viel Koi-Fische kosteten. Waren sie unverschämt teuer? Er konnte sich zwar nicht vorstellen, dass ein paar bessere Goldfische sein Budget sprengen würden, allerdings hatte er sich nie mit dem Thema beschäftigt.
Jack fasste in die Tasche und holte einen Schlüsselbund heraus. Nach mehreren Anläufen fand er den richtigen Schlüssel und schloss die Haustür auf. »Nach Ihnen«, sagte er, als er die Tür aufschob.
Boyd betrat das Haus.
Im Gegensatz zu draußen schien es innen frisch gestrichen zu sein. Zwar in einem ästhetisch nicht gerade ansprechenden Gelbton, aber damit könnten sie mit Sicherheit ein Jahr lang leben.
Hartholzböden – das würde Adeline gefallen.
»Was dagegen, wenn ich Fotos für meine Frau schieße?«, fragte Boyd.
»O nein, nur zu. Machen Sie so viele Fotos, wie Sie wollen. Gibt’s nur Sie beide oder haben Sie Kinder?«
»Zwei Töchter.«
»Wie alt?«
»Acht und 13.«
Jack schmunzelte. »Ich hab ’ne 15-Jährige zu Hause. Ihnen stehen noch interessante Zeiten bevor, mein Freund.«
»Die hab ich jetzt schon.«
»Also, wahrscheinlich haben Sie’s im Inserat schon gesehen, das Haus hat drei Schlaf- und zwei Badezimmer, bietet also reichlich Platz.« Jack zeigte mit ausladender Geste auf den Raum, in dem sie sich gerade befanden. »Das ist das Wohnzimmer. Kabelfertig. Viel natürliches Licht.« Er zog mit der Kordel am Fenster die Jalousien hoch und ließ das Sonnenlicht herein, das all den Staub in der Luft offenbarte.
»Wunderschön«, befand Boyd. Er war in vielerlei Hinsicht ein fantasiebegabter Mensch, trotzdem fiel es ihm schwer, sich vorzustellen, wie das leere Zimmer voll möbliert aussehen würde. Das fiel unter Adelines Aufgaben. Boyd schoss mehrere Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln.
»Hat ’nen angenehm offenen Grundriss«, erklärte Jack, als er Boyd durch den Rest des Hauses führte. »Keine schmalen Gänge, bei denen man Platzangst bekommt. Sie und Ihre Frau können das große Schlafzimmer mit angeschlossenem Bad nehmen, für die Kinder gibt’s noch zwei kleinere Zimmer.«
Jedes der »kleineren« Schlafzimmer war größer als der Raum, den sich Paige und Naomi derzeit teilten. Die Mädchen würden sich im Paradies wähnen.
Boyd betrat einen Raum, der vielleicht Paiges Zimmer werden würde, und öffnete die Schranktür.
»Die begehbaren Schränke sind alle nicht sehr groß«, räumte Jack ein. »Das Haus ist wohl in einer Zeit gebaut worden, als die Leute noch weniger Zeug hatten.«
»Wann wurde es denn gebaut?«
»In den 1920ern, glaub ich. Hat noch den ursprünglichen Kühlschrank. Nee, ich mach nur Spaß. Sehen wir uns die Küche an.«
Die Küche erwies sich als geräumig. Sogar als luxuriös. Mindestens dreimal so viel Arbeitsfläche wie in ihrer Wohnung, zudem jede Menge Stauraum in Schränken. Geschirrspüler, Mikrowelle und eine dieser Herdplatten mit den Brennern unter der Oberfläche. Ausgesprochen schön. Boyd knipste weitere Bilder.
»Viel Platz, um sich beim Kochen auszubreiten«, merkte Jack an. »Wer kocht denn in Ihrer Familie?«
»Meine Frau, wenn’s was Gutes gibt. Ich bin der Mann für Makkaroni mit Käse. Wir essen oft Makkaroni mit Käse.«
»Ja, wenn Sie Ihre Makkaroni mit Käse aufpeppen wollen wie bei diesen Kochwettbewerben im Fernsehen, haben Sie hier jede Menge Platz dafür. Sehen Sie sich so was an?«
»Nee.«
»Man wird danach unerklärlich süchtig. Schon erstaunlich, wie viel Spannung die aus ’nem Preisrichter rausquetschen, der ein Steak aufschneidet, um zu sehen, ob’s auch medium rare ist. Man fiebert richtig mit. Ist es verkocht? Ist es zu roh? Und dann kommt immer unweigerlich die Werbepause. Na, jedenfalls ist das hier eine geräumige Küche.«
»So viel ist sicher«, pflichtete Boyd dem Mann bei.
»Und hier ist das zweite Badezimmer, das zugleich die Waschküche ist. Die Waschmaschine und der Trockner sind ziemlich alt. Sie können sie entweder behalten oder eigene Geräte mitbringen.«
»Wir würden sie behalten«, sagte Boyd. Adeline hatte es nie gestört, die Gemeinschaftswaschküche ihrer Wohnanlage zu benutzen. Dadurch hatte sie Zeit zum Lesen, während sie darauf wartete, dass die Maschinen fertig wurden. Trotzdem würde es so viel bequemer sein.
»Bisher irgendwelche Fragen?«
»Wie sind die Schulen in der Gegend?«
»Ausgezeichnet. Persönlich kann ich mich nur für die Schule meiner Tochter verbürgen, aber alle Schulen hier in der Umgebung haben erstklassige Bewertungen. Ist ’ne tolle Gegend, um Kinder großzuziehen. Und mit den Nachbarn werden Sie keine Probleme haben. Die bleiben ziemlich für sich.« Jack wischte sich Schweiß von der Stirn. »Schätze, das könnte man auch negativ sehen. Falls Sie auf Stadtviertelfeste oder Nachbarn hoffen, die mit frisch gebackenem Apfelkuchen vorbeikommen, werden Sie enttäuscht sein.«
»Solange meine Töchter Freundinnen finden, bin ich zufrieden.«
»Ich bin sicher, das werden sie. Ich würde ja auch Sarah herbringen, aber in dem Alter könnten zwei Jahre Unterschied genauso gut 20 sein.«
»Meine Mädchen machen das schon. Naomi kann Freundschaften sogar in der Warteschlange im Supermarkt schließen.«
Wieder wischte sich Jack über die Stirn. »Es gibt hier natürlich ’ne funktionierende Klimaanlage. Hat bloß keinen Sinn, sie eingeschaltet zu lassen, solange niemand hier wohnt.«
»Verstehe ich vollkommen. Kann ich mir den Dachboden ansehen? Dort hab ich immer gern gespielt, wenn wir meine Großmutter besucht haben.«
»Das wird hier nicht möglich sein, fürchte ich. Zeigen kann ich Ihnen den Dachboden gern, aber man kann dort oben nicht richtig herumgehen oder viel verstauen. Man geht eigentlich nur nach oben, um den Luftfilter zu wechseln, das war’s dann auch schon.«
»Sie müssen ihn mir nicht zeigen. Ich glaub Ihnen auch so.«
»Jetzt hab ich erst recht das Gefühl, Sie sollten ihn sich ansehen. Nicht dass Sie denken, er wäre voll mit Fledermauskacke oder so.« Sie gingen zurück ins Wohnzimmer. In der Nische zwischen Wohn- und Badezimmer befand sich eine Falltür in der Decke. Jack fasste nach oben und zog an der daran befestigten Schnur. Nachdem er die Falltür nach unten gezogen hatte, klappte er eine Leiter aus Aluminium aus.
Boyd spähte hinauf in die Dunkelheit. Es kamen keine Fledermäuse herausgeflogen. »Ich vertraue Ihnen wegen der Kacke.«
Jack klappte die Leiter wieder ein und schwang die Falltür zurück nach oben. »Der Keller ist ’ne andere Geschichte. Soll nicht heißen, dass dort unten Fledermäuse sind. Ich meine damit, dass man da unten tatsächlich Zeit verbringen kann.«
Sie kehrten in die Küche zurück. Jack öffnete die Tür zum Keller und betätigte einen Lichtschalter. Boyd folgte ihm die Holztreppe hinunter. Im Keller herrschte ein angenehmer … nun ja, Kellergeruch. Muffig. Wahrscheinlich nicht jedermanns Sache. Im Gegensatz zum Hauptgeschoss des Hauses erwies sich das Untergeschoss als möbliert. Ein paar leere Bücherregale, eine längst aus der Mode geratene Couch, ein leerer Fernsehständer, ein Lehnsessel und ein Tischtennistisch.
»Hier finden Sie den Warmwasserboiler und eine recht große Speisekammer.« Jack zog eine Holztür auf. Dahinter kam eine leere Speisekammer zum Vorschein, in der tatsächlich mehr Lebensmittel Platz hätten, als sich Boyd je vorstellen konnte, im Haus einzulagern. »Vielleicht fangen Sie ja an, in großen Mengen einzukaufen. Die Vormieter haben die Möbel hier unten gelassen, weil sie sich die Mühe sparen wollten, sie die Treppe raufzuschleppen. Wir können sie auch entfernen lassen, wenn Sie wollen. Ein Tischtennistisch hier unten könnte Spaß machen, obwohl die Vormieter die Schläger und Bälle mitgenommen haben.«
»Die Couch würde Adeline nicht gefallen, aber sie würde ohnehin nicht viel hier unten sein.«
»Eignet sich bestens für Teenager, um Unsinn anzustellen.«
»Kein gutes Verkaufsargument.«
»Lassen Sie mich das umformulieren: Eignet sich bestens für Teenager, um Unsinn anzustellen, aber nicht zu viel Unsinn, weil sie ja wissen, dass Sie jederzeit die Treppe runterkommen könnten. Und falls sie Gras rauchen, kriegen Sie das mit.«
Boyd schoss ein paar Fotos.
»Oder«, schlug Jack vor, »Sie könnten eine schnieke Männerhöhle für sich selbst einrichten.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich’s nicht durchsetzen könnte, den gesamten Keller für mich allein in Beschlag zu nehmen. Sagen Sie, haben Sie noch einen anderen Termin? Müssen Sie los?«
Jack schüttelte den Kopf. »Hier im Keller ist’s angenehm kühl. Hab’s nicht eilig, ihn zu verlassen.«
»Wenn Sie’s wirklich nicht eilig haben, würd ich meiner Frau gern die Bilder schicken und mich vergewissern, dass sie keine Fragen hat, die ich Ihnen für sie stellen soll.«
»Nur zu.«
Erfreut stellte Boyd fest, dass sein Handy im Keller Empfang hatte. Er tippte auf dem Display. »Hat das Haus irgendeine geheime Geschichte, von der ich wissen sollte?«
»Keine Axt-Morde, falls Sie darauf anspielen. Zumindest keine, von denen ich weiß.«
»Freut mich zu hören. Mir ist aufgefallen, dass es seit Monaten nicht vermietet ist.«
»Oh, das. Die Leute, die vorher hier gewohnt haben … waren keine so tollen Mieter. Ich meine damit nicht, dass sie die Dielenbretter oder irgendwas anderes rausgerissen haben. Sie haben sich einfach nicht um das Haus gekümmert. Hat die Eigentümerin ’ne Menge Zeit und Geld gekostet, es wieder in Form zu bringen. Und es ist noch immer alles andere als perfekt – ich für meinen Teil hätte es außen streichen lassen.«
»Ist keine große Sache.«
»War also eine schlechte Erfahrung für sie, und offen gestanden hat sie eine Zeit lang eine unvermittelbar hohe Miete verlangt. Die Leute sind hergekommen, haben sich umgesehen, aber Koiteich hin, Koiteich her, so viel wollten sie einfach nicht bezahlen. Schien die Eigentümerin nicht weiter zu stören. Ich vermute, zuletzt hat sie … Also, es steht mir eigentlich nicht zu, über ihre persönlichen Angelegenheiten zu reden, aber sie hatte wohl einen kleinen finanziellen Engpass und braucht jetzt jemanden, der hier sofort Miete zahlt. Deshalb ist sie in die andere Richtung geschwenkt – etwas zu weit, wenn Sie mich fragen.«
»Mich überrascht, dass niemand sonst interessiert an dem Haus ist«, sagte Boyd.
»Tut mir leid, hab ich den Eindruck erweckt? Nein, nein, ich habe heut schon ein paar Besichtigungen gemacht. Ein fixer Antrag liegt auch schon vor. Allerdings will die Besitzerin nicht, dass ihr Katzen hier alles zerkratzen, und die Antragsteller haben gleich zwei davon. Wenn Sie die Bonitätsprüfung bestanden haben, würde Ihre Familie wohl den Vorzug kriegen, schätze ich. Aber ich würde nicht zu lange warten.«
»Oh. Tja, dann – die Fotos hab ich geschickt. Ich ruf dann mal gleich …« Das Telefon klingelte.
»Meine Frau. Was dagegen, wenn ich rangehe?«
»Natürlich nicht.«
»Hi, Schatz«, meldete sich Boyd.
»Das ist ja mal ein toller Garten«, meinte Adeline.
»Ja. Das gesamte Haus ist definitiv geeignet. Es erfüllt alle unsere Kriterien, außerdem hat es einen Keller mit ’ner Tischtennisplatte. Ich sage, wir nehmen es.«
»Die Mädels sind begeistert von den Fotos. Sie streiten sich schon drum, wer welches Zimmer kriegt.«
»Sag ihnen, dass sie keinen Einfluss auf die Entscheidung haben. Wenn du einverstanden bist, leiere ich hier die Formalitäten an.« Boyd hätte sie gern gebeten, die Schulen in der Gegend zu recherchieren, damit sie ihre Bewerbung zurückziehen könnten, falls Adeline damit nicht zufrieden wäre. Allerdings wollte er das nicht laut aussprechen, während Jack unmittelbar neben ihm stand.
Er würde ihr eine SMS schicken.
»Ich bin damit einverstanden«, sagte Adeline. »Aber ich würd gern noch online die Schulen überprüfen, bevor wir offiziell zusagen.«
»Klingt großartig. Gib den Mädels ’nen Kuss von mir.«
Boyd beendete den Anruf. »Wir sind dabei«, teilte er Jack mit. »Wie sieht der nächste Schritt aus?«
Sie bekamen das Haus.
4
Davor
»Hast du ’n Problem mit meinem Kolostomiebeutel?«
Der junge Bursche wandte den Blick nicht davon ab. »Nee. Sieht man bloß nicht allzu oft. Ist das ein dauerhaftes Ding?«
Larry Maddox schüttelte den Kopf. »Erhol mich gerade nach ’ner Operation.«
»Ach ja? Was für ’ne Operation?«
»Eine, nach der man ’ne Zeit lang in ’nen Plastikbeutel scheißt.«
Der Junge grinste und trank einen ausgiebigen Schluck von seinem Bier, leerte den Krug. Maddox widerstrebte es zutiefst, dass er alt genug war, um von einem 22-Jährigen als »Junge« zu denken. Leider jedoch gab es nichts, das er tun konnte, um den Lauf der Zeit aufzuhalten. Und hey, er hätte nie damit gerechnet, die 30 zu erleben, geschweige denn die 40. Also mochte er sich vielleicht alt fühlen, aber er war noch nicht tot und begraben.
Der Junge wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab und rülpste. »Ist ein heftiger Job. Du kannst doch noch arbeiten, oder?«
»Wenn ich’s nicht könnte, wär ich nicht hier, Eddie.«
»Edwin.«
»Wirklich?«
»Überrascht dich das?«
»Ja. Ich dachte, du würdest mich glatt abknallen, wenn ich dich Edwin nenne. Die meisten Burschen wie du würden drauf bestehen, Eddie zu sein.«
»Ja, ich bin eben nicht wie die meisten.«
Maddox hatte nicht wirklich gedacht, der Junge würde ihn abknallen, wenn er ihn Edwin nannte. Oh, vielleicht hätte er etwas versucht. Aber 20 Jahre jünger als Maddox zu sein, würde ihn nicht retten, wenn sie gegenseitig beschlössen, dass der andere sterben müsste.
»Also, was hast du für mich, Edwin?«
Der Junge sah sich in der Kneipe um, vergewisserte sich, dass niemand sie belauschte, bevor er einen Aktenkoffer ergriff und auf den Tisch legte. Der Schwachkopf von einem Hinterwäldler sah aus, als hätte er noch nie zuvor im Leben einen Aktenkoffer getragen.
Er entriegelte das Schloss, klappte den Deckel auf und reichte Maddox ein Foto. Das Ding hätte er auch einfach in einem Umschlag mitbringen können. Wahrscheinlich kam er sich vor, als wäre er in einem Spionage-Thriller oder so.
Maddox nahm das Bild entgegen. Es zeigte eine Blondine, vermutlich Anfang 50. Das schlechte Facelifting fügte mehr Jahre hinzu, als es verschleierte.
»Klar können wir sie umlegen, kein Problem.«
»Dufte.«
»Ist das Wort ›dufte‹ wieder in Mode?«
»Bei mir schon.«
»Hat dein Boss keine eigenen Leute, die’s tun könnten?«
