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Jason Tray ist ein erfolgreicher Karikaturist, der von seinem Agenten für ein paar Tage in eine Hütte am See verbannt wurde, um Ruhe zu finden. Als er eines Nachts mit ein paar Einheimischen in einer Kneipe rumhängt, bieten sie ihm an »Blister zu sehen«. Ohne zu ahnen, wovon sie reden, nimmt Jason ihr Angebot an. Und so späht er kurz darauf durch das Fenster eines Schuppens auf das Albtraumhafteste, was er jemals gesehen hat: Blister ist eine fürchterlich entstellte junge Frau, die sich vor der Welt versteckt. Am nächsten Morgen bedauert Jason sein Verhalten. Er muss sich bei der Frau entschuldigen … Doch diese kleine Stadt hat ihre Geheimnisse und Bewohner, die vor nichts zurückschrecken, um sie zu hüten. Eine Geschichte voller menschlicher Monster.
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2020
Aus dem Amerikanischen von Michael Krug
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Blister
erschien 2016 im Verlag Sinister Grin Press.
Copyright © 2016 by Jeff Strand
Copyright © dieser Ausgabe 2020 by Festa Verlag, Leipzig
Titelbild: SaberCore23 – ArtStudio
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-875-9
www.Festa-Verlag.de
1
Ich bin zwar grundsätzlich ein Lügner, aber das hier ist die Wahrheit.
Vielleicht lasse ich diese verkorkste Geschichte nach meinem Tod veröffentlichen. Oder auch nicht. Hab mich noch nicht entschieden.
Vorerst schreibe ich sie nur für mich auf.
Falls sie je veröffentlicht wird, möchte ich festhalten, dass jedes Wort von mir geschrieben wurde. Ich erwähne das nur, weil Sie vermutlich annehmen, dass irgendein Ghostwriter dafür bezahlt wurde. Oder dass es sich um einen solchen Deal handelt, bei dem ich auf Band geplappert habe und jemand meine Gedanken zu etwas Zusammenhängendem und Vermarktbarem organisiert hat. So ist es nicht. Auf den Seiten stehen meine Worte. Auf die Tastatur tropft mein Blut.
Ich bin Jason Tray. Ja, dieser Jason Tray. Vielleicht wissen Sie ja bereits, was passiert ist. Lieber wäre mir, Sie wüssten es nicht – vorgefasste Meinungen sind ein Hund. Aber ganz gleich, was Sie gesehen, gehört oder gelesen haben, es ist nicht die vollständige Wahrheit. Das hier schon. Samt allen unschönen Warzen. Und glauben Sie mir, meine Damen und Herren, wenn Sie auf Warzen aus sind, erwarten Sie auf diesen Seiten einige reizende Hexenwarzen, die Sie bestaunen können.
Keine Sorge. Ich verspreche Ihnen, es wird keine weinerliche Abfolge von Rechtfertigungen mit dem Grundtenor »Oh, ich armes, armes Unschuldslamm«, bei denen Sie sich am liebsten den Finger in den Hals stecken würden. Ich heische nicht posthum Mitleid. Ich will lediglich aufzeichnen, was genau passiert ist und warum.
Ich schreibe das 1986, aber für die eigentlichen Ereignisse müssen wir in den September 1985 zurückspulen, wo meine kleine Geschichte mit zwei der Kids aus der Nachbarschaft beginnt. Greg und Dennis. Die Schule hatte vor ein paar Wochen angefangen, und als ich eines Nachmittags aus dem Wohnzimmerfenster schaute, sah ich sie vor meinem Hinterhof stehen und am Maschendraht des Zauns rütteln, um meinen Schnauzer zu ärgern. Keine große Sache. Als ich zehn Jahre alt war, hatte ich auch den einen oder anderen Hund gehänselt. Ich wandte mich wieder der Arbeit zu.
Am nächsten Tag taten sie es wieder. Ignatz rannte wild kläffend hin und her, während die Kids lachten und Dinge riefen, unter anderem, aber nicht nur: »Du kriegst uns nicht, dämlicher Köter!« Obwohl ich nicht bestreiten konnte, dass sie mit ihrer Einschätzung seiner Intelligenz richtiglagen – Ignatz war der süßeste Hund, den ich je hatte, allerdings nicht unbedingt der Hellste –, beschloss ich, dem Treiben ein Ende zu setzen.
Ich trat durch die Hintertür hinaus und schenkte den Jungs ein freundliches Lächeln. »He, ich muss euch auffordern, meinen Hund nicht zu ärgern. Die Leute nebenan regen sich auf, wenn er zu viel bellt.«
Greg zeigte mir den Stinkefinger. »Fick dich, Alter!« Lachend rannten die Kids davon.
Alter? Alter? Ich war 38! Noch dazu gerade erst 38 – meinen Geburtstag hatte ich vergangenen Monat gefeiert. Kleine Pissnelken. Ein paar Minuten lang spielte ich mit Ignatz Fangen, dann nahm ich ihn mit hinein und zeichnete weiter an der aktuellen Episode von Unausgeglichen, dem Comicstrip, den ich seit einem Jahrzehnt veröffentlichte. Diesmal gehörte zur Pointe, dass Zep, dem Käfer, ein Wasserspeier aus Stein die Nase hochgeschoben wurde, was sich als künstlerisch schwierigere Herausforderung entpuppte, als ich gedacht hatte.
Am dritten Tag warfen die verkommenen Rotzlöffel Steine. Ich kam gerade rechtzeitig draußen an, um ein Jaulen zu hören, als ein Geschoss Ignatz an der Seite traf. Greg und Dennis rannten davon. Ignatz schien zwar nicht verletzt zu sein – er leckte mir freudig das Gesicht, als ich ihn hochhob –, trotzdem fand ich, es wäre an der Zeit, die Eltern einzuschalten.
Wenn ich mich recht erinnerte, wohnte Greg in dem roten Haus an der Ecke, zwei Blocks entfernt. Ich brachte Ignatz hinein, trat den Weg zu der Adresse an und klopfte an die Tür. Eine müde wirkende, korpulente blonde Frau öffnete.
»Hi«, grüßte ich. »Sind Sie Gregs Mutter?«
»Ja.«
»Ich bin Jason Tray. Ich wohne in dem weißen Haus ungefähr zwei …«
»Das mit dem Friedhof davor?«
Ich lächelte. »Nur an Halloween.«
Sie erwiderte mein Lächeln nicht. »Eigentlich den ganzen Oktober.«
»Richtig. Na, jedenfalls haben Ihr Sohn und sein Freund meinen Hund mit Steinen beworfen.«
»Vielleicht in Notwehr.«
»Er ist innerhalb eines Zauns.«
»Vielleicht hatten sie Angst, er könnte es nach draußen schaffen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Wenn sie Angst gehabt hätten, er könnte es nach draußen schaffen, hätten sie nicht dort gestanden und ihn mit Steinen beworfen. Hören Sie, ich bin keiner dieser Nachbarn, die gleich brüllen: ›He, Kids, sofort runter von meinem Rasen!‹«
»Mhm.«
»Ehrlich, bin ich nicht. Es geht nur nicht, dass Ihr Sohn meinen Hund verletzt. Wenn Sie also mit ihm reden und ihm Bescheid stoßen könnten, dass es nicht cool ist, Tiere mit etwas zu bewerfen, wär ich Ihnen sehr verbunden.«
»Warum halten Sie ihn nicht drinnen?«
»Ich hab genau deshalb einen Zaun, damit Ignatz draußen sein kann. Ich verlange ja auch nicht von Ihnen, dass Sie Ihren Jungen im Haus behalten. Ich verlange nur, dass Sie ihm sagen, er soll aufhören, sich wie ein Psychopath aufzuführen.«
Meine Äußerung ließ mich selbst zusammenzucken, da Eltern tendenziell schlecht darauf reagieren, wenn man ihr Kind als Psychopathen bezeichnet. Aber diese Lady fing echt an, mich zu verärgern.
Gregs Mutter zeigte kaum eine Regung. Sie nickte bloß halbherzig und zuckte dazu genauso halbherzig mit den Schultern. Einen Moment lang stand ich da und wartete auf eine verbale Erwiderung.
»Danke«, sagte ich schließlich, als ich mir zusammenreimte, dass die Unterhaltung wohl zu Ende war.
»Okay.«
Ich ging zurück zu meinem Haus. Zuvor war ich schwer in Versuchung gewesen, der Frau zu sagen, dass ihr Zehnjähriger Erwachsenen den Stinkefinger zeigt, aber ich wollte nicht als quengelige Petze rüberkommen. Solange nichts zu Bruch ging oder Tiere litten, hatte ich kein Problem damit, dass Kinder nun mal Kinder waren. Seit fast drei Jahren wohnte ich in dieser Nachbarschaft ohne irgendwelche Schwierigkeiten.
Am nächsten Tag ging ich so in meiner Arbeit auf, dass ich die Zeit aus den Augen verlor, bis ich Ignatz vor Schmerz jaulen hörte. Ich stürmte in dem Moment zur Tür hinaus, als die kleinen Scheißer jeweils einen weiteren Stein durch den Zaun auf ihn warfen. Beide verfehlten ihn. Lachend rannten sie davon. Ich ging neben Ignatz in die Hocke und fuhr mit den Fingern durch sein Fell. Am Rücken ertastete ich einen kleinen Hubbel.
Also, mir ist schon klar, dass ich den reifen Erwachsenen verkörperte, während sie die Kinder waren, und dass ich über den Dingen hätte stehen sollen.
Nur war ich dazu so gar nicht in der Stimmung. Ich zeichnete schnell und wurde deutlich vor dem Abgabetermin für Unausgeglichen fertig. Damit blieb mir während des restlichen Tages reichlich Zeit, meine Rache zu planen.
Zuerst brauchte ich eine Kettensägenattrappe. Kein billiges Ding aus Gummi – ich wollte etwas, das total echt aussah und klang, nur eben nicht wirklich, na ja, Kinder in Stücke schneiden würde. Nach ein paar Telefonaten wurde ich bei einem Kostümverleih fündig, der anderthalb Stunden entfernt lag. Ich genoss die Fahrt.
Zu gern hätte ich noch einen falschen abgetrennten Kopf aufgespürt, der aussah, als könnte er einem Zehnjährigen gehören, ich konnte aber keinen finden, der sich bis zum nächsten Nachmittag beschaffen ließ. Also begnügte ich mich mit einem Erwachsenenkopf – auch ziemlich cool, mit aus dem Mund baumelnder Gummizunge und einem Teil der vom Hals baumelnden Wirbelsäule.
Am nächsten Tag ließ ich Ignatz hinaus in den Garten und spritzte mir etwas Kunstblut ins Gesicht und auf die Kleidung. Ich betrachtete mich im Spiegel. Nee, nicht genug. Zufrieden war ich erst, als ich vor Blut triefte. Hihi.
Pünktlich wie die Maurer tauchten die fiesen kleinen Widerlinge auf. Als Dennis mit der Faust gegen den Zaun drosch, preschte ich durch die Tür hinaus und rannte auf die Jungs zu, in der rechten Hand einen abgetrennten Kopf, in der linken eine brüllende Kettensäge.
Greg und Dennis kreischten. Sofort verdunkelte sich der Schritt von Gregs Hose. Vor Grauen schreiend ergriffen sie die Flucht.
Ja, ich weiß. Dabei hätte ich es belassen sollen. Stattdessen öffnete ich das Gartentor und hetzte den Bürgersteig entlang hinter ihnen her. Dazu stimmte ich mein irrstes Lachen an und war enttäuscht, dass sie es wegen der Kettensäge nicht hören würden, die sich als verflucht laut erwies.
Am Ende des Blocks fiel Dennis und legte eine harte Landung hin. Greg ließ seinen Freund einfach zurück und rannte weiter zu seinem Haus, schaute nicht einmal zurück.
Ich schaltete die Kettensäge aus und ging hinüber zu Dennis. Auch er hatte sich in die Hose gemacht. Und sein Arm lag in einem merkwürdigen Winkel verkrümmt.
Hoppla.
Mich beschlich das Gefühl, dass mir der Zwischenfall noch einige Probleme im Leben bereiten würde.
»Warum?«, fragte Chuck Rhodes, mein Agent und Pressesprecher, der mir in dem gehobenen Meeresfrüchterestaurant gegenübersaß, in dem er immer Rippchen vom Grill bestellte. »Warum hast du gedacht, es wäre in Ordnung, am helllichten Tag mit einer Kettensäge hinter kleinen Kindern herzurennen?«
»Es war eine unechte Kettensäge.«
»Spar dir die Klugscheißerei. Das ist nicht witzig.«
»Da würden dir viele Leute widersprechen. Ich sollte einen Comicstrip darüber machen.«
»Jason, ich mein’s ernst. Dass die Eltern keine Anzeige erstattet haben, heißt nicht, dass sie nicht klagen werden. Das könnte ein absoluter Albtraum werden.«
»Eigentlich solltest du dich über so was freuen.«
»Nein. Nein, tu ich nicht.« Chuck trank einen großen Schluck Eiswasser. Der arme Kerl war Mitte 40, sah aber zehn Jahre älter aus. Er versuchte oft, die zusätzlichen zehn Jahre mir in die Schuhe zu schieben, obwohl er sechs Teenager hatte, drei davon adoptiert. Deshalb weigerte ich mich, die Verantwortung für sein durchgehend graues Haar und seine Vielzahl an Runzeln zu übernehmen.
»Ich hab doch schon zugesagt, dass ich für seine Arztrechnungen aufkomme. Ich zeichne ihm sogar ein paar Cartoons auf den Gips.«
»Ja, genau, das macht es wieder gut. Herrgott noch mal, diese Kinder könnten für ihr Leben traumatisiert sein.«
»Dann gehen sie eben voller Angst vor Irren durchs Leben, die abgetrennte Köpfe und Kettensägen in den Händen haben. Und wenn schon. Davor sollte man sich fürchten. Meine Kettensäge war nicht echt. Die nächste, der sie begegnen, ist es vielleicht.«
»Auch das ist nicht witzig. Überhaupt nicht. Die Altersgruppe von 15 bis 19 findet deine kleine Einlage vielleicht unterhaltsam, aber die meisten anderen Altersgruppen halten nichts von Leuten, die Kindern den Arm brechen. Du könntest dadurch Zeitungen verlieren.«
»Das kommt alles wieder in Ordnung«, beteuerte ich. »Wir spielen den Medien einfach ein richtig putziges Foto von Ignatz zu, dann schlagen sich alle auf meine Seite.«
Chuck seufzte. »Weißt du, mit ›Festering Pus‹ hab ich keine Probleme. Wieso macht mir nicht die Heavy-Metal-Band das Leben schwer, sondern der Cartoon-Zeichner? Hast du gewusst, dass die ihre Hotelzimmer in besserem Zustand zurücklassen, als sie’s bei ihrer Ankunft waren? Ist wirklich wahr. Sie stellen Blumen für die Zimmermädchen hin. Aber du – du treibst mich in den Wahnsinn, bringst mich um den Verstand.«
»Tut mir leid.«
Chuck hatte immensen Anteil an meiner erfolgreichen Karriere. Obwohl ich ihn wahrscheinlich nie engagiert hätte, wenn ich gewusst hätte, was ich tue, als ich mir ursprünglich als Cartoonist einen Namen machen wollte.
So wie ich, lebte und arbeitete er in Jacksonville in Florida statt in New York City, und er vertrat alle möglichen Klienten auf verschiedenste Weise, hatte sich praktisch überhaupt nicht spezialisiert. Aber er arbeitete unglaublich hart und war ein guter Freund. Ich hatte nie wirklich daran gedacht, zu einem »richtigen« Agenten zu wechseln, obwohl inzwischen die großen Namen der Branche bei mir vorstellig geworden waren. Umgekehrt war ich mir ziemlich sicher, dass ihm schon viele Male danach zumute gewesen war, mich abzuservieren.
Unausgeglichen hob schneller ab, als irgendjemand erwartet hätte, und der Zaster strömte nur so herein. Da fand ich heraus, dass ich unter Geldschuldgefühlen litt. Ich dachte erst, ich hätte Chrematophobie, aber wie sich herausstellte, handelt es sich dabei um waschechte Angst vor Geld, was noch schräger als mein Problem ist. Als ich meinen ersten richtig großen Scheck bekam, wurde mir schlecht. Warum sollte ich so viel Kohle dafür bekommen, dass ich zu Hause saß und lustige Bildchen zeichnete? Also fing ich an, Schecks für verschiedene wohltätige Einrichtungen auszustellen. Das tat ich still und leise. Ich wollte kein Aufhebens wie manche Mega-Promis – »He, seht her! Seht her! Ich spende 0,0007 % meines Jahreseinkommens für diesen guten Zweck!«
Merkwürdigerweise stellte das Finanzamt dazu Fragen, warum ich beinahe mein gesamtes Einkommen für wohltätige Einrichtungen spendete. Das führte zu einigen Problemen, weil ich beweisen musste, dass ich mein Geld nicht über verschlungene Kanäle der Finanzierung von Terrorismus zuführte oder so ähnlich. Zum Glück habe ich vielleicht finanzielle Schuldgefühle, bin aber nicht – völlig – verblödet und habe alle Quittungen aufgehoben. Danach landete ich doch in den untergeordneten Schlagzeilen – als der bekloppte Cartoonist, der seine Kohle verschenkt.
Natürlich wurde ich als Spinner hingestellt, der hinter einem Müllcontainer lebt und sich von getrocknetem Nugat aus den Verpackungen von Süßigkeiten ernährt.
Chuck gefiel das nicht. Ebenso wenig gefiel es ihm, als er aufgrund der Publicity von buchstäblich Tausenden »Spendenanfragen« geflutet wurde. Und so wurde ich vom Spinner, der sich für sein Einkommen schämte, zum knausrigen Mistkerl, der kein Geld für die Umgestaltung von irgendjemandes Haus herausrücken wollte. Ich bemühte mich, unauffällig zu bleiben und mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.
Bis ich eine Briefkampagne gegen einige Zeitungen organisierte, die meine wochenlange Reihe von Comicstrips zensiert hatten, in der Zep dachte, er hätte Gott in seinem Goldfischaquarium gefunden. Auch das gefiel Chuck nicht. Meinen Verlegern auch nicht. Aber ich fand, die Comics waren lustig und harmlos.
Im Nachhinein betrachtet hätte ich die – nebenbei bemerkt ziemlich erfolgreiche – Kampagne vielleicht nicht starten sollen. Aber hey, ich war wütend.
Außerdem habe ich einen Reporter, der mich gefragt hat, ob Charles M. Schultz’ Einfluss auf die Welt der Cartoons überbewertet sei, mit einem Slurpee beworfen. Schätze, das war nicht so cool.
Und es hat wohl auch andere Zwischenfälle gegeben. Aber darüber schreibe ich hier nicht.
Ich finde, insgesamt lief die vergangenen Jahre alles ziemlich glatt – bis ich beschloss, mich mit Kunstblut vollzuschmieren und Kinder mit einer Kettensäge zu verfolgen.
»Du brauchst Urlaub«, teilte mir Chuck mit. »Einfach mal ’ne Weile weg von allem. Der Stress macht dir zu schaffen.«
»Eigentlich steh ich nicht wirklich unter Stress«, widersprach ich.
»Tja, ich steh unter Stress. Und noch mehr stresst mich die Vorstellung, dass du Vollkoffer mit Journalisten reden könntest. Ich schick dich in meine Hütte.«
»Die in Georgia?«
»Nein, die im Iran. Was glaubst du wohl, wie viele Hütten ich besitze? Ich will, dass du hinfährst und ein paar Wochen dort bleibst, bis Gras über die Sache gewachsen ist oder du deine gottverdammte Vorladung kriegst.«
»Ich mag keine Hütten.«
»Weißt du, was mir das ist? Scheißegal. Bleib einfach dort und geh angeln. Bleib mir einfach von der Pelle, während ich versuche, deinen Mist aufzuräumen.«
»Schon gut, schon gut, ich fahre ja.« Eine Weile an einem See abzuhängen klang eigentlich sogar nach Vergnügen. Würde mich vielleicht zu Comicstrips mit einem Hüttenmotiv inspirieren. »Aber nur unter uns gesagt – irgendwie war die Sache mit dem gebrochenen Arm des Jungen schon lustig, oder?«
Chuck starrte mich bloß finster an.
2
Es dauerte nur ungefähr zwei Tage, bis ich einen Lagerkoller bekam. Was mich überraschte, weil Chucks Hütte nicht mal eine richtige Hütte im rustikalen Sinn war. Sie bot einen Breitbildfernseher mit Satellitenschüssel, eine hervorragend bevorratete Bar und sogar einen Flipperautomaten. Unpraktisch fand ich nur, dass in der Dusche das warme Wasser nach ungefähr fünf Minuten ausging. Hätte ich das im Voraus gewusst, ich hätte mich entsprechend dafür gewappnet.
Am ersten Tag ging ich ein wenig angeln, während Ignatz vergnügt in Ufernähe im Wasser planschte. Da ich nicht wusste, welche Köder sich für diesen See am besten eigneten, sah ich einfach Chucks Angelkasten durch und entschied mich für den größten Köder.
Als nach einer Stunde immer noch nichts angebissen hatte, wechselte ich zu einem knallig orangefarbenen Köder, der aus mindestens zwölf beweglichen Teilen zu bestehen schien. Die Hoffnung, die ich darin setzte, gab ich nach dem zweiten Auswerfen der Angel auf. Den dritten Köder klaute mir dichtes Unterwasserunkraut, in dem er sich verfing. An der Stelle entschied ich, dass mir Angeln nicht die gewünschte beruhigende Wirkung bescherte.
Aber Kajakfahren funktionierte.
Ich trieb bestimmt fast drei Stunden über die ruhige Oberfläche des Sees und genoss die Ruhe und den Frieden. Dabei blickte ich ins klare Wasser und beobachtete Hunderte Fische, die sich meinen Versuchen entzogen hatten, sie zu fangen. Klar, ich musste immer noch schmunzeln, wenn ich an den Ausdruck in den Gesichtern dieser teuflischen Racker zurückdachte, als ich durch die Hintertür hinausgestürmt war. Aber durch die Beschaulichkeit des Sees fragte ich mich, ob ich vielleicht wirklich gestresst und kurz vor dem Überschnappen gewesen war und es bloß nicht bemerkt hatte.
In der Hütte gab es einen Mikrowellenherd und einen Heißluftofen, aber ich entschied, auf urig zu machen und ein Lagerfeuer anzuzünden. Das Abendessen bestand aus verbrannten Hotdogs, genauso verbrannten Marshmallows und entschieden zu vielen Kartoffelchips mit Sauerrahm-Zwiebel-Geschmack.
Aber gegen Abend des zweiten Tages wurde ich allmählich hibbelig. Was ironisch war, denn als Cartoonist sitzt man recht viel allein zu Hause rum. Ziemlich asozial eigentlich. Kaum zwischenmenschlicher Kontakt. Trotzdem verspürte ich das unglaubliche Verlangen, auszugehen und mich unters Volk zu mischen. Also brachte ich Ignatz in die Hütte und fuhr anschließend zu einer kleinen Kneipe ungefähr acht Kilometer von der Hütte entfernt. Sie war mir aufgefallen, weil das eigentliche Schild mit dem Namen von einem handgeschriebenen Schriftzug überdeckt wurde, der besagte: Dougs Alk-Einöde.
In der Kneipe befanden sich sechs Personen, alles Männer. Kein besonders ordentliches Lokal.
»Jemand hat sich an Ihrem Schild zu schaffen gemacht«, sagte ich zum Barkeeper, als ich mich auf einem Hocker niederließ.
Er nickte. »Ist schon seit zwei Jahren so. War ein Streich, aber der Laden lief danach besser, deshalb hab ich’s so gelassen.«
»Verständlich.« Ich bestellte ein Bier und sah mich um. Zwei Männer saßen an einem Tisch und führten eine angeregte Unterhaltung, während zwei junge Burschen Anfang 20 Poolbillard spielten. Ein alter Kerl hockte allein an einem Tisch, zog sich harten Fusel rein und wirkte deprimiert. Kurz lauschte ich der Unterhaltung am Tisch, bis ich erkannte, dass sie sich um Ronald Reagan drehte. Da griff ich mir mein Bier und ging zum Billardtisch.
»Kann ich gegen den Gewinner antreten?«, fragte ich.
»Klar«, antwortete einer der Jungs, der eine Baseballmütze und ein schlichtes blaues T-Shirt trug. Er verkackte einen lächerlich einfachen Stoß und stieß einen leisen Fluch aus.
»Ich bin Jason Tray«, stellte ich mich vor und schüttelte beiden die Hand.
»Jason Tray … Jason Tray …« Der andere junge Bursche runzelte nachdenklich die Stirn. »Wieso kommt mir der Name bekannt vor?«
»Lesen Sie die täglichen Comics in der Zeitung?«
»Nee, der einzige gute ist Garfield. Jason Tray … Jason Tray … Oh, jetzt weiß ich’s: Du bist Susans neuer Lover. Der Zoowärter.«
»Tut mir leid, nein.«
Durch eine kurze gegenseitige Vorstellungsrunde und etwas Small Talk erfuhr ich, dass ich es mit Louie und Erik zu tun hatte, die beide in einer Autowerkstatt arbeiteten, und da sie mich duzten, beschloss ich, es ebenso zu halten.
Erik war auf der Jagd nach heißen Bräuten, während Louie unglücklich verlobt war. Ich erklärte meinen eigenen Liebesverlauf, der aus einer Hochzeit mit 21 und einer Scheidung mit 29 bestand, gefolgt von mehreren Jahren gelegentlicher, aber niemals ernster Beziehungen. Die letzte lag sechs Monate zurück. Penny. Von ihr hatte ich mich getrennt, weil sie nie Zeit für mich zu haben schien, und sie nahm die Trennung freudig an, weil sie sich während der gesamten Zeit, die wir zusammen waren, regelmäßig mit mindestens drei anderen Kerlen getroffen hatte.
»Ich brauch noch ’n Bier«, verkündete Louie, als er einen weiteren einfachen Stoß vergeigte.
»Die Runde geht auf mich.« Ich bestellte noch ein paar Biere, teilte sie aus und hatte spontan neue Freunde gefunden. Louie und Erik spielten weiterhin lausig Billard, während sie mich bei der Trinkgeschwindigkeit mit ungefähr drei zu eins schlugen. Eine Stunde später waren sie sternhagelvoll und ich angeheitert. Ich versuchte vergeblich, ihnen einige meiner lustigeren Comicstrips näherzubringen, die allerdings nie wirklich witzig sind, wenn man sie nur beschreibt.
Ein Beispiel: Es gibt da einen, in dem Zep der Käfer beim Zahnarzt ist, der ihm die Phasen der Zahnfäule mithilfe eines aufziehbaren Klappergebisses erklärt. Wer den Comic gesehen hat, weiß, dass er saukomisch ist. Was aber überwiegend daran liegt, wie ich die Zähne gezeichnet habe, vor allem den Zahn mit dem Wurm drin.
»Wir sollten gehen und was anderes machen«, schlug Erik vor. »Wir müssen ’n paar Bräute auftreiben.«
»Das würde Holly nicht gutheißen«, meinte Louie.
»Und wenn schon. Ich werd’s ihr nicht erzählen.« Erik sah mich an oder zumindest in meine ungefähre Richtung. »Wirst du’s ihr erzählen?«
»Ich kenn sie ja nicht mal.«
»Siehste? Ziehen wir los und suchen uns irgendwelche Schlampen.«
Louie schüttelte den Kopf. »Holly mag’s gar nicht, wenn ich mich mit Schlampen herumtreib. Da rastet sie total aus. Und wenn sie ausrastet, macht’s so gar keinen Spaß mit ihr. Wir sollten lieber bowlen gehen.«
»Ich bin nicht besoffen genug zum Bowlen«, entgegnete Erik. »Wir könnten Darts spielen.«
Louies Züge hellten sich auf. »Oh! Oh! Weißt du, was wir tun sollten? Ich weiß, was wir tun sollten!«
»Was?«
»Wir sollten ihm Blister zeigen!«
Erik grinste. »Ja! Das wär spitze! Viel besser als Bowling.«
»Was ist ein Blister?«, fragte ich. Klang nicht besonders ansprechend.
Louie setzte zu einer Antwort an, aber Erik schwenkte eine Hand vor seinem Gesicht. »Nein, nein, nein, sag’s ihm nicht. Soll ’ne Überraschung werden.«
»Ich hab’s nicht so mit Überraschungen von ziemlich betrunkenen Kerlen«, gestand ich.
»Ist cool«, versicherte mir Erik. »Du wirst voll drauf stehen. Ich fahre.«
»Von wegen. Du fährst nirgendwohin«, widersprach ich.
»Aber so was von.« Er rief zum Barkeeper hinüber: »He, Doug. Kann ich meine Schlüssel kriegen?«
»Scheiße, nein.«
»Willst du fahren?«, fragte mich Erik.
»Kommt nicht infrage, ihr kotzt mir nicht ins Auto.«
Erik zuckte mit den Schultern. »Ich schätze, wir könnten auch laufen. Ist nicht so weit.«
Und so marschierte ich im Mondschein mit zwei berauschten Krawallbrüdern, beide 15 Jahre jünger als ich, einen Trampelpfad entlang. Ich war selbst nicht betrunken genug, um das für eine gute Idee zu halten, aber ich hatte gerade genug Alkohol intus, um mitzumachen und nur zurückhaltend zu protestieren. Louie und Erik wankten voraus und sangen dabei einige populäre Hits, die sie mir durch ihre Darbietung für immer ruinierten.
»Wie weit noch?«, erkundigte ich mich, als wir etwa eine halbe Stunde unterwegs waren.
»Nicht mehr weit«, gab Louie zurück.
»Lügst du mich grade an?«
Louie blieb stehen und dachte über die Frage nach. »Glaub, nicht.«
»Wir sollten umkehren.«
»Hast du Schiss?«
»Schiss vor unserer Dummheit«, gestand ich. »Wo ihr mich hinführt, würd ich mit Sicherheit nicht sein wollen, wenn ich nichts getrunken hätte.«
»Wird sich lohnen. Versprochen.«
Wir setzten den Marsch fort. Ich hoffte inständig, dass mich Louie und Erik in nichts Illegales verstrickten. Irgendwie konnte ich mir so gar nicht vorstellen, dass Chuck erbaut darüber wäre, wenn man mich verhaftete.
Wir brauchten eine weitere Stunde, um unser Ziel zu erreichen. Allerdings enthielt das einen 15-minütigen Umweg, bei dem Erik erfolglos beweisen wollte, dass er einen Baum hinaufklettern konnte, ohne die Arme zu benutzen.
Schließlich hielten wir am Ende der Zufahrt eines kleinen braunen Hauses, das größtenteils verborgen hinter einem Wald lag. Von anderen Häusern fehlte in der Umgebung jede Spur.
Das Anwesen wirkte etwas heruntergekommen und besaß keinen Rasen. Ein alter, silberner Pick-up parkte davor. An einem Schaukelstuhl auf der Veranda fehlte die linke Kufe. Die Fenster waren dunkel.
Hinter dem Haus, vielleicht 15 Meter entfernt, zeichnete sich ein Holzschuppen in der ungefähren Größe einer Garage für ein Auto ab.
»Komm mit«, flüsterte Louie und zupfte an meinem Arm.
Ich rührte mich nicht. »Wessen Haus ist das?«
»Ist doch egal. Gehen wir uns Blister anschauen.«
»Alles klar, anscheinend muss ich hier den verantwortungsbewussten Erwachsenen raushängen lassen. Mir ist heute Nacht nicht nach widerrechtlichem Betreten eines Grundstücks, tut mir leid.«
»Wie du willst.« Louie steuerte auf das Haus zu. Erik folgte ihm.
Ich stand da und beobachtete die beiden. Die Sache war auf jeder vorstellbaren Ebene eine überaus schlechte Idee.
Deshalb trank ich selten – es brachte mich dazu, mich auf bescheuerten Mist wie diesen einzulassen.
Meine besoffenen Kumpane marschierten am Haus vorbei auf den Schuppen zu. Louie drehte sich zurück und bedeutete mir, mich ihnen anzuschließen. An der Stelle entschied mein nach wie vor beschwipstes Hirn, dass ich trotz meiner beträchtlichen Vorbehalte berechtigterweise neugierig auf die Blister-Sache geworden war. Ich eilte die Zufahrt entlang und verfluchte mich innerlich bei jedem Schritt.
Der Schuppen besaß ein kleines Fenster. Drinnen brannte ein Licht.
»Wohnt dadrin wirklich jemand?«, fragte ich.
Louie und Erik gaben mir zischend zu verstehen, dass ich still sein sollte. Wir schlichen näher zum Schuppen und bewegten uns dabei übertrieben – und unbeholfen – verstohlen. Erik bekam vorübergehend einen Lachkrampf, also warteten wir, bis er ihn überwunden hatte, bevor wir den Weg fortsetzten.
»Guck durchs Fenster rein«, forderte mich Louie im Flüsterton auf.
»Mhm.«
»Jetzt mach schon.«
Langsam und vorsichtig ging ich zum Schuppen. Tatsächlich wies er einen wesentlich besseren Zustand auf als das Haus. Es ließ sich in der Dunkelheit schwer abschätzen, aber ich hatte den Eindruck, er könnte unlängst frisch gestrichen worden sein. Aus irgendeinem Grund fand ich das unheimlich. Vielleicht war der Schuppen deshalb in besserer Verfassung, weil der Hausbesitzer seine kostbaren Folterinstrumente und Opfer dort verwahrte. Vielleicht verbrachte er dort gern gelegentliche Abende mit einer gefesselten Frau und einer Knochensäge. Vielleicht befand er sich in diesem Augenblick dadrin, lachte gackernd in sich hinein und küsste zart ihre Stirn, während er die Säge sehr, sehr langsam vor und zurück bewegte.
Ich hoffte inständig, dass es nicht so war. Unterhaltsam fand ich nämlich nur gefakte Enthauptungen.
Mein Magen krampfte sich zusammen, und mein Verstand forderte mich weiter vehement auf: Hau schleunigst ab! Allerdings befand ich mich nur noch wenige Schritte entfernt, und ein schneller Blick hinein würde schon nicht schaden. Damit hätte ich meine Neugier befriedigt und Louie und Erik von der Backe. Danach könnte ich zur Hütte zurückfahren, um morgen wieder in Ruhe zu angeln. Vielleicht würde ich es mit Lebendködern statt mit jenen aus Metall versuchen. Ja, das würde vermutlich besser funktionieren.
Ich hatte Angst.
Was ich mir nicht erklären konnte. Offensichtlich hatte ich die rationale Befürchtung, erwischt zu werden – die ergab auch durchaus Sinn. Aber mich erfüllte Angst auf einer anderen Ebene – die Angst vor dem, was sich im Schuppen befinden könnte. Vielleicht würde es sich nicht bloß als unterhaltsamer Anblick für Trunkenbolde entpuppen, sondern als etwas Grauenhaftes.
Meine Hände schwitzten. Ich wischte sie mir am Shirt ab.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, aus dem umliegenden Wald von tausend Augen beobachtet zu werden. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und wäre von dem Schuppen und dem Haus weggerannt, so weit ich konnte.
Aber nein, da ich schon mal hier war, musste ich es sehen. Ich benahm mich albern. Dadrin würden weder Mörder noch Leichen sein.
Ich ging zur Seite des Schuppens, dann näherte ich mich vorsichtig dem Fenster und spähte hinein.
Jemand wohnte tatsächlich darin. In der Ecke sichtete ich ein ordentlich gemachtes Bett, außerdem einen Fernseher und ein überquellendes Bücherregal. Bilder von Eulen übersäten die Wand, alles Mögliche von primitiven Zeichnungen bis hin zu fotorealistischen Gemälden. Das Licht stammte von einer nackten, von der Decke baumelnden Glühbirne.
Der klapprige alte Schuppen war also zu einem Gästehaus umgebaut worden.
Aber was genau sollte ich dadrin sehen? Ich war mir ziemlich sicher, dass nicht die Eulen die Attraktion darstellten.
Dann wurde mir mit einem Übelkeit erregenden Gefühl klar, worum es hier gehen musste. Zweifellos würde die Bewohnerin der Hütte splitternackt darin herumlaufen. Ich wurde gerade zum verflixten Spanner.
Oh, darauf würde Chuck voll abfahren. Ich konnte ihn jetzt schon brüllen hören: Man glotzt nicht nach Einbruch der Dunkelheit durch anderer Leute Fenster, du bescheuerter Schwachkopf! Ist mir egal, wie hübsch der Busen war!
Ein Gesicht erschien.
Ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll als … grauenhaft. Verbrannt, zernarbt und abgesehen vom langen blonden Haar kaum als menschlich erkennbar. Ein gotterbärmliches Chaos. Ein Monster.
Erschrocken sprang ich zurück. »Was zum Teufel ist das?«
Die Kreatur im Schuppen ließ ein leises Schluchzen vernehmen und verschwand vom Fenster.
Ich hastete davon, als Louie und Erik auf die Knie fielen und vor Gelächter johlten. Als ich es zurück zur Straße schaffte, stolperten sie nach wie vor lachend hinter mir her. Ich eilte den Weg zurück, den wir gekommen waren, wollte möglichst schnell weit genug vom Haus weg, um nicht gesichtet zu werden, falls jemand herauskäme, um nach dem Rechten zu sehen. Louie und Erik beschleunigten die Schritte, um zu mir aufzuschließen.
»Was war das für ein Ding?«, verlangte ich zu erfahren.
»Welches Ding?« Erik legte die Hand über den Mund, um ein Kichern zu verbergen.
»Im Ernst, verarscht mich nicht. Was war das? War das Blister?«
»Na und ob«, bestätigte Louie.
»Das war beschissen. Macht so was bloß nie wieder.« Fuchsteufelswild stürmte ich zurück in Richtung der Kneipe und wünschte inständig, ich könnte vergessen, dass ich diesen grotesken Anblick je gesehen hatte.
3
Obwohl ich nicht so betrunken gewesen war, erwachte ich mit hirnquetschenden Kopfschmerzen. Wenigstens lag ich im richtigen Bett, und das allein. Ich stand auf, nahm eine vier Minuten und 50 Sekunden dauernde Dusche, zog mich an und schenkte mir ein Glas Orangensaft ein.
Gott, was für ein abscheuliches Gesicht.
Das Beste, was mir Louie und Erik als Erklärung bieten konnten, war, dass Blister als »der örtliche Freak« galt. Dann wurden sie abgelenkt und verunglimpften weitere tadellose Songs. Bei Dougs Alk-Einöde trennten sich unsere Wege. Für die beiden Saufköpfe rief Doug ein Taxi. Ich hingegen bestand den Test des Promillemessers, den Doug unter dem Tresen verwahrte. Ich war zurück zur Hütte gefahren und hatte mich ins Bett gelegt.
Meine Kopfschmerzen ließen ein wenig nach, während ich auf dem See Kajak fuhr, obwohl ich das Erlebnis diesmal nicht so entspannend fand. Vielleicht war ich einfach kein Naturbursche. Oder vielleicht sollte ich mir eine Dose Regenwürmer kaufen und mich erneut am Angeln versuchen. Ich hatte Chuck versprochen, dass ich mindestens eine Woche abtauchen würde. Und da ich nicht wollte, dass in seinem Kopf Blutgefäße platzten und herumpeitschten wie aufgescheuchte Kobras, beschloss ich, durchzuhalten und die Würmer zu besorgen.
Ich fuhr in die »Stadt«, die aus gerade mal sechs Geschäften bestand, und ging in den Lebensmittelmarkt, der gleichzeitig als Köderladen herhielt. Aus einem Kühlschrank, der außerdem verschiedene kohlensäurehaltige Getränke enthielt, nahm ich einen kleinen Plastikbecher mit Würmern und ging damit zur Kasse.
»Zum Angeln?«, erkundigte sich der Kassierer. Er besaß einen weißen Vollbart und sah wie ungefähr 70 aus.
»Ja.«
»Wollte mich bloß vergewissern. Sie sehen mir ’n bisschen wie ’n Wurmfresser aus.«
Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass er scherzte. Ich schmunzelte – normalerweise war ich derjenige, der Witze riss, die andere nicht kapierten. »Damit hab ich dieses Jahr aufgehört. Seither hab ich sechs Kilo abgenommen.«
»Ah, verstehe. Dann ist ja alles klar.«
Ich bezahlte für die Köder und wollte schon gehen, zögerte aber. »He, ich hätte da ’ne merkwürdige Frage an Sie. Was wissen Sie über Blister?«
Sein Lächeln wurde breiter, wodurch auf der linken Seite ein fauliger Zahn zum Vorschein kam. »Ich wette, Sie reden nicht von Verpackungen für Tabletten, richtig?«
»Stimmt.«
»Jede Ortschaft braucht ’ne schaurige Legende, finden Sie nicht auch? Tja, Blister ist unsere. Ihr Vater hält sie draußen hinterm Haus eingesperrt, lässt sie nie raus. Hab sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Vielleicht ist sie inzwischen sogar tot. Wäre ein Gnadenakt für sie.«
»Was ist mit ihr passiert?«
»Na ja, manch einer munkelt, ihre Mutter wär ’ne Hexe gewesen und Blister hätt sich bei ihrer Geburt – um Schlag Mitternacht – aus ihrem Bauch herausgefressen. Die Haut des Kindes war völlig entstellt, als wär die Kleine erfüllt vom reinen Bösen, das dicht unter der Oberfläche blubbert und durch die Haut ausbrechen will.«
Ich starrte ihn nur an.
»Das ist natürlich bloß Bullshit«, stellte er mit einem Lachen klar. »Wenn Sie sich lang genug hier rumtreiben, kriegen Sie noch ’n Dutzend weiterer Versionen von Blisters Geschichte zu hören. In Wirklichkeit hatte sie ’nen Streit mit ihrem Freund. Niemand weiß, was ihn wirklich ausgelöst hat, aber ich glaub, sie war ’n bisschen zu sittsam für ihn, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er hat sie gefesselt und ihr Gesicht mit ’nem Rasiermesser und ’nem Schweißbrenner bearbeitet. Ist das zu fassen? Mit ’nem Schweißbrenner.«
»Großer Gott.«
»Ja. Hat ihr Gesicht völlig ruiniert. Hab’s einmal gesehen, und mir ist speiübel davon geworden. Lieber würd ich den Becher mit Würmern essen, den Sie grade gekauft haben, als den Anblick noch mal über mich ergehen zu lassen.«
Die Klingel über der Tür bimmelte, als ein anderer Kunde eintrat. Der Kassierer senkte den Blick auf die Ladentheke, als wäre er vom Lehrer im Unterricht beim Tratschen erwischt worden. Ich dankte dem Mann und ging.
Ich urlaubte also in einer Ortschaft, in der irgendein Irrer seine entstellte Tochter in einem Schuppen einsperrte. Und Chuck war sauer über mein Verhalten.
Aber als ich zurück zur Hütte fuhr, wurde mir klar, dass ich mir wie … na ja, wie ein totaler Arsch vorkam. Nicht nur verlegen, weil ich mich wie ein besoffener High-School-Schüler aufgeführt hatte. Nein, ich schämte mich wegen meines grausamen Verhaltens in Grund und Boden.
Wenn die Geschichte des Kassierers stimmte – obwohl ich zugegebenermaßen Zweifel hatte –, dann führte Blister ein ziemlich elendes Leben. Und das Letzte, was sie brauchte, waren Schwachköpfe wie ich, die durch ihr Fenster linsten und riefen: Was zum Teufel ist das?
Sicher, im Großen und Ganzen war es Louies und Eriks Schuld. Und dennoch …
Ich musste immerzu an das Schluchzen denken, das sie ausgestoßen hatte, als ich durchs Fenster spähte. Was war das gewesen? Ein Ausdruck der Demütigung?
Ich musste mich entschuldigen.
Jawohl. Genau wie damals, als ich zwölf war und Mr. Scotts Autoscheibe mit einer Luftdruckpistole zerschossen hatte. Damals musste ich über meinen Schatten springen, hinübergehen, an die Eingangstür klopfen und sagen, dass es mir leidtat.
Und nun musste ich es sofort tun, bevor ich mir einreden konnte, es wäre nicht wichtig. Denn sonst würde daraus eine kleine, aber hartnäckige Ballung von Schuldgefühlen, die noch lange nach meiner Rückkehr nach Hause an mir nagen würden.
Allerdings musste ich zuerst etwas in der Hütte erledigen. Aber unmittelbar danach würde ich zurück zu dem braunen Haus im Wald fahren, zu dem Schuppen gehen und mich bei Blister entschuldigen.
Auf der Veranda befand sich ein Mann, als ich in die Einfahrt rollte. Er saß auf dem kaputten Schaukelstuhl und rauchte eine Zigarette. Argwöhnisch starrte er zu mir herüber, als ich den Motor abschaltete und aus dem Wagen stieg. Unter dem Arm trug ich ein eingerolltes Blatt Papier.
»Hallöchen«, grüßte ich.
Er nickte, wirkte dabei aber nicht besonders freundlich. »Hi.«
Ich ging zur Veranda. Der Knoten in meinem Magen von vergangener Nacht war mit voller Wucht zurück. Ich vermutete, dass ich Blisters Vater vor mir hatte, und dabei hatte ich aufrichtig gehofft, ihm aus dem Weg gehen zu können. Die Situation war so schon unangenehm genug.
Der Mann war vermutlich ungefähr Mitte 50 und hatte kurzes, ungekämmtes schwarzes Haar. Schmiere und Dreck überzogen seine Jeans und sein weißes T-Shirt – vermutlich hatte er gerade erst die Arbeit beendet. Unter seinen Augen prangten dunkle Ringe, sein Gesicht wies harte, kantige Züge auf.
»Ich bin Jason«, stellte ich mich vor.
Er bedachte mich mit einem finsteren Blick. »Ich hab schon ’ne Glaubensgemeinschaft.«
»Nein, das ist nicht der Grund, warum ich hergekommen bin. Hören Sie, ich komm mir wie ein Volltrottel vor, weil ich überhaupt hier bin, aber es hat letzte Nacht einen Zwischenfall gegeben. Ein paar Freunde und ich hatten zu viel getrunken, und ich hab mich von ihnen überreden lassen, in den Schuppen zu schauen.«
Der Mann richtete sich im Schaukelstuhl auf. »Sie haben meine Tochter begafft?« Sein zorniger Ton beunruhigte mich ein wenig, als könnte er jeden Moment ein Taschenmesser zücken und es mir ins Gesicht rammen.
»Nein, nichts dergleichen. Ich meine, schon irgendwie, aber wir haben ihr nicht nachspioniert und sie beobachtet. Es war nur ’n ganz kurzer Blick. Ich wusste ja nicht mal, dass dadrin jemand war.«
»Tja, jetzt wissen Sie’s. Und können sich um Ihren eigenen gottverdammten Scheiß kümmern.«
»Genau das hab ich vor«, gab ich zurück. »Ich bin nur gekommen, um mich zu entschuldigen. Ich fühl mich echt schrecklich deswegen. Eigentlich ist es unverzeihlich.«
Der Mann nahm einen Zug von seiner Zigarette. »Dann entschuldigen Sie sich eben.«
»Es tut mir leid.«
»Gut. Jetzt können Sie abzischen.«
Einen Moment lang stand ich verlegen da. »Eigentlich wollt ich mich bei Ihrer Tochter entschuldigen, wenn das in Ordnung ist.«
»Ist es nicht.«
»Sie verdient eine Entschuldigung.«
»Ich werd’s ihr ausrichten.«
