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Der Titel gehört zu einer Reihe "Alltagsgeschichten aus Rheinhessen". Unter dem Motto "das Leben schreibt die besten Geschichten" sind lebendige und heitere Geschichten entstanden, die vom Alltag vor 40 bis 50 Jahren berichten.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
Rheinhessen
Familie
Die Großfamilie
Eine Heimat für Viele
Das Geburtstagsgeschenk
Mittagessen mit Überraschungen
In Haus und Hof
Der Fridolin
Hühner und Eier
Schulzeit
Mein erster Schultag
Schulerinnerungen
Das Diktat
Koch- und Handarbeitsunterricht
Im Turnverein
Rassandara, das Riesenweib
Von Dingen, die es einmal gab
Das Milchkännchen
Respektpersonen
Sommerfreuden
Von Dingen, die es einmal gab
Giselas erste Handtasche
Gabriele, darf ich mich vorstellen
Traubenlese
Weinlese
Weihnachtszeit
Weihnachtsdüfte
Weihnachtsplätzchen
Winterzeit
Jahreswechsel
Aufbruchstimmung
R4, ein Auto, ein Lebensgefühl
Zeiten im Umbruch
„Das Leben schreibt die besten Geschichten.“ Unter diesem Motto findet seit dem Frühjahr 2015 an der Volkshochschule in Alsheim ein biografischer Erzähl- und Schreibkurs statt. Entstanden ist dabei eine Vielzahl heiterer und lebendiger Geschichten, die vom Alltag in Rheinhessen vor etwa 50 Jahren berichten, vom Leben in der Großfamilie, Anekdoten aus dem Dorfleben und von Dingen, die es einmal gab. Es sind wahre Geschichten aus dem Alltagsleben, die uns in amüsanter Form verdeutlichen, wie vieles sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat.
„Das müsstest Du eigentlich mal aufschreiben!“ Wie oft fällt dieser Satz, wenn Menschen aus ihrem Leben erzählen. Die vorliegenden Texte wollen Sie dazu ermutigen!
Maria Schmitz
Geboren bin ich in einem kleinen Dorf am Rhein
der Wonnegau mit seiner herrlichen Landschaft
Rheinhessen - jetzt gerade 200 Jahre alt
Weinberge, Felder und kleine Wäldchen
der Wonnegau mit seiner herrlichen Landschaft
mit Wasser, Bäumen und mildem Klima
Weinberge, Felder und kleine Wäldchen
artenreiche Vielfalt ringsum
mit Wasser, Bäumen und mildem Klima
hier gedeihen gute Weine
artenreiche Vielfalt ringsum
Obst und feines Gemüse wächst reichlich
hier gedeihen gute Weine
Weine, die man gerne gemeinsam trinkt
Obst und feines Gemüse wächst reichlich
für Essen und Trinken ist immer gesorgt
Weine die man gerne gemeinsam trinkt
dazu hört man Neues aus der Umgebung
für Essen und Trinken ist immer gesorgt
Gäste sind herzlich willkommen
dazu hört man Neues aus der Umgebung
Geboren bin ich in einem kleinen Dorf am Rhein
Gäste sind herzlich willkommen
Rheinhessen - jetzt gerade 200 Jahre alt.
Marlies Uhrig
In alten rheinhessischen Bauernhöfen lebten meist mehrere Generationen unter einem Dach, häufig mit einer gemeinsamen Küche, in der sich alles abspielte. Auch bei uns war das so. Auf unserem Hof lebten meine Urgroßeltern, Großeltern, Eltern und wir Kinder. Alle Arbeiten wurden gemeinsam erledigt. Jeder musste etwas leisten.
Diese Art des Zusammenlebens war für Kinder wunderbar. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Elternhaus allein gewesen zu sein. Für die Erwachsenen war das manchmal schwierig - Meinungsverschiedenheiten waren vorhersehbar und wurden oft lautstark ausgetragen. Mein Urgroßvater war der Hofbesitzer, ein großer stattlicher Mann mit stechenden blauen Augen. Uns Kinder brauchte er nur anzusehen und wir parierten sofort. Er hatte das letzte Wort bei wichtigen Entscheidungen und saß am Kopfende des Tisches, rechts neben ihm meine Urgroßmutter. Am anderen Kopfende saß meine Großmutter, mein Großvater rechts daneben, er war ein kleiner bescheidener Mann, der gut mit Tieren umgehen konnte und alle Arbeiten sehr geschickt erledigte. Meine Eltern und ich saßen an der gegenüberliegenden Längsseite des Tisches nebeneinander.
Als mein Urgroßvater starb, war ich sieben Jahre alt. Meine Schwester war gerade geboren worden. Meine Großmutter nahm am Tisch seinen Platz ein – und mein Vater – obwohl nur eingeheiratet - setzte sich ganz selbstbewusst ans andere Kopfende auf den Platz meiner Oma. Von nun an war es ein ständiger Kampf um die Entscheidungsmacht zwischen den beiden, denn es waren sehr starke, ja charismatische Persönlichkeiten.
Meine Oma war sehr gescheit, lebenstüchtig und bodenständig. Alle in der Familie fragten sie um Rat bei wichtigen Entscheidungen, aber sie war auch sehr traditionell, ja konservativ in ihrer Einstellung zu Obrigkeit und Kirche. Es gab Dinge, die tat man einfach nicht. Uns Kindern sagte sie immer: „Ihr dürft alles mache, awer seid ohstännisch,“ was immer das heißen mochte.
Mein Vater dagegen war ein Mann, der alles wagte, stets das Neue ausprobierte und damit oft Erfolg hatte. Die Meinung „der Leute“ war ihm völlig egal. Uns Kinder hat er gelehrt immer mutig an alles heranzugehen. „Es werd proviert - wanns net geht - seh mers minanner ein, awer proviert werds!“ Und heute kann ich sagen: Meistens ging's.
Marlies Uhrig
Mein Vater war vor einigen Tagen nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Ich war unendlich traurig und kein Wort des Trostes konnte mich erreichen. Mit meiner Mutter saß ich am Küchentisch und sichtete die Kondolenzschreiben, die uns in diesen Tagen in einer überwältigen Fülle erreichten. Still und geduldig wartete sie, bis ich die Karten geöffnet hatte, damit ich ihr den Text und den jeweiligen Absender vorlesen konnte.
Ein Schreiben fesselte sofort meine Aufmerksamkeit. „Es tut mir unendlich leid, dass Ihr Mann und Euer Vater verstorben ist. Mit Ihrem Mann, Eurem Vater ist auch ein großes Stück meiner Kindheit, meiner Jugend gestorben. Man kann auch sagen, ich habe meine zweite Heimat verloren. Mit ihm verbinde ich immer ein wunderbares Gefühl der Geborgenheit, das ich hatte, wenn wir alle hungrig bei Euch nachmittags pünktlich um 16:00 Uhr in die Küche eingefallen sind und dort so liebevoll mit Kakao und Marmeladenbrot versorgt wurden…“
Ich hielt inne, um den Absender der Karte zu erforschen. Sie war von einem Kinder- und Jugendfreund meines Bruders. Meine Mutter lächelte wehmütig. „Ja, ich erinnere mich sehr gut an ihn. Auch einer von den Kandidaten, die fast jeden Nachmittag unsere Küche bevölkert haben.“ Wir sollten bald feststellen, dass wir noch sehr viele Karten mit fast identischem Inhalt erhalten hatten.
Gemeinsam gönnten wir uns den Luxus, zurückzugehen in eine Zeit, als meine Eltern noch jung waren und meine Brüder und ich eine fast sorgenfreie und glückliche Kindheit verlebten. Wir wohnten damals in einem kleinen, einfachen Haus, zu dem ein großer Garten und ein Hof gehörten. Viel Platz zum Anbau für Obst und Gemüse und ausreichend Platz für einen Hühner- und Hasenstall. Beides war in der damaligen Zeit unverzichtbar, weil die Haltung des Viehs und der Obst- und Gemüseanbau einen nicht unerheblichen Anteil an unserer Nahrungsversorgung darstellte.
Obwohl wir nicht mit Reichtümern gesegnet waren, führten unsere Eltern ein sehr gastliches Haus. Gäste zum Essen waren jederzeit herzlich willkommen und ich kann mich nicht erinnern, dass ein Gast oder zufälliger Besucher hungrig unsere bescheidene Behausung verlassen hätte.
Mein Vater arbeitete in einer großen Fabrik außerhalb des Ortes. Von Montag bis Freitag kündigte die Werkssirene pünktlich um 15.45 Uhr das Ende der Arbeitszeit an. Das Geräusch, das die Sirene dabei verursachte, war so laut und durchdringend, dass man es in der ganzen Gemarkung hören konnte. Für uns Kinder war es das Signal zum Aufbruch zum Kaffeetrinken. Natürlich gab es für uns Kinder keinen Kaffee. Es war einfach die allgemeine Bezeichnung zum täglichen Stelldichein in unserer Küche. Egal, mit wem wir gerade spielten oder unterwegs waren, alle liefen mit uns schnellstens nach Hause.
Mit der Zeit hatte sich eine Routine entwickelt: Die hungrige Meute kam fast zeitgleich mit unserem Vater Zuhause an. Geduldig wartete jeder am Waschbecken, bis er an der Reihe zum Händewaschen war. Schubsen oder vordrängeln wurde von meinem Vater mit einem kurzen Heben der Augenbraue geahndet. Der reuige Sünder senkte dann den Kopf und war anschließend sehr bemüht, nicht noch einmal unangenehm aufzufallen.
Anschließend ging es in die Küche. Vom Küchenschrank nahm sich jeder ein einfaches Holzbrettchen, eine Tasse, aus der Schublade ein Messer und einen Löffel und setzte sich auf einen freien Stuhl am Küchentisch. Manchmal saßen wir auch zu zweit auf einem Stuhl.
Wenn alle saßen, nahm meine Mutter den Brotlaib und zeichnete mit dem beeindruckend großen und scharfen Brotmesser ein Kreuz auf die Rückseite des Brotes. Danach säbelte sie mit einer bewundernswerten Präzision fast gleichgroße Brotscheiben ab und verteilte sie an die hungrige Schar. Butter und selbstgemachte Marmelade standen immer für alle ausreichend verfügbar auf dem Tisch, so dass niemand mit knurrenden Magen unser gastliches Haus verlassen musste. Auch der alte schwarze Topf, vollgefüllt mit leckerem Kakao, war ein unentbehrliches Utensil unserer sorglosen Kinderzeit. Der köstliche Inhalt sorgte fast immer für einen Lacher. Zauberte doch der Kakao oftmals einen richtigen Schnurrbart an die Münder der glücklichen Kinder.
Ich sehe noch heute meinen Vater am Kopfende des Tisches „thronen“. Ich höre ihn noch heute, wie er sagt: „Ich freue mich, euch alle hier gesund und glücklich zu sehen. Bedient Euch, es ist für alle genug da.“ Es war immer eine lustige Runde, kauend, mit vollem Mund, redeten alle munter drauf los, erzählten von den täglichen Erlebnissen, von ihren Kümmernissen und ihren Träumen. Wurde das Durcheinander zu groß, schritt meine Mutter mit den Worten: „Wir können zusammen singen, aber nicht zusammen reden“ ein und der Lärmpegel senkte sich für einen kurzen Zeitraum erheblich nach unten. Waren alle satt, wurde gemeinsam der Normalzustand der Küche wiederhergestellt. Danach verließen wir die gastliche Stätte, um noch die restliche Zeit des Tages im Freien zu verbringen.
Tief seufzend kam ich wieder in die Gegenwart zurück und wischte mir verstohlen die Tränen der Rührung aus den Augen. Eben noch untröstlich, hatten die geschriebenen Worte unserer damaligen Freunde das Dunkel der Traurigkeit für einen kurzen Zeitraum unterbrochen. Wie unendlich heilsam war die Aussage„Ich habe meine zweite Heimat verloren!“
Wie wunderschön ist es zu erfahren, dass Heimat auch eine Küche, ein einfacher Küchentisch sein kann. Wie wohltuend ist es zu wissen, dass die Küche unserer Kindheit für viele ein Stück Heimat war.
Anne Michel
Ich erinnere mich an meinen sechsten Geburtstag, Mitte der 50er-Jahre, als ob es gestern gewesen wäre. Die Geschenke fielen damals nicht allzu üppig aus.
Trotzdem war es für mich ein aufregender Tag. Meine Mutter hatte Kuchen gebacken und für den Nachmittag hatte ich einige Kinder einladen dürfen.
Völlig unerwartet kam kurz vor Mittag die Schwester meines Großvaters zu Besuch. Sie war etwa 50 Jahre alt und die Patin meiner Mutter. Meist war sie etwas altmodisch angezogen. Sie hatte keine eigenen Kinder, gab aber oft gutgemeinte Erziehungsratschläge von sich.
Heute hatte sie einen großen, geflochtenen Henkelkorb am Arm, der mit einem rot-weiß karierten Geschirrtuch zugedeckt war. Neugierig ging ich auf sie zu. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Kind, und jetzt mach die Augen zu“, sagte sie verschmitzt “ich hab dir was mitgebracht.“ Erwartungsvoll schloss ich die Augen und hörte das Knistern von Papier, dann fühlte ich, wie sie etwas Schweres, Kaltes um meinen Hals hängte, etwas das unheimlich gut duftete. Ich riss die Augen auf und sah, dass es eine lange Kette aus wunderbaren, frischen Schweinewürstchen war, die Tante Marie mir umgehängt hatte. Ich konnte mein Glück kaum fassen, denn Fleischwurst liebte ich über alles. Sofort habe ich in eines der Würstchen gebissen, das unheimlich gut geschmeckt hat. Noch heute esse ich Fleischwurst sehr gerne und kein anderes Geburtstaggeschenk aus meiner Kinderzeit ist mir so in Erinnerung geblieben wie diese Würstchenkette.
Marlies Uhrig
Es ist Sommer. So steht es zumindest im Kalender. Aber bisher merkt man nicht viel davon. Es ist kalt, regnerisch und die Sonne zeigt sich höchst selten. Schon vor drei Wochen haben die großen Ferien begonnen und alle Kinder und deren Eltern sehnen sich nach Sonnenschein und Wärme. Da es für einen Schwimmbadbesuch und auch für Spiele draußen zu kalt ist, machen Anna und ihre Brüder Haus, Hof und die nähere Umgebung mit ihren Aktivitäten unsicher. Sie haben tausend dumme Ideen im Kopf und die entnervte Mutter betet jeden Abend zum lieben Gott, dass bitte doch bald die Schule wiederbeginnen möge oder dass wenigstens am nächsten Tag die Sonne wieder scheint. Aber wie es aussieht, hat der liebe Gott auch Sommerferien oder viele andere Mütter bitten ihn um das Gleiche, so er anscheinend hoffnungslos überlastet ist und deshalb die Bitte von Annas Mutter nicht erfüllen kann.
Auf jeden Fall hat die Schule am nächsten Tag noch immer nicht begonnen und die Sonne scheint auch nicht. Annas Mutter ist Hausfrau, kümmert sich um die Kinder, versorgt alte und kranke Familienangehörige und hält Haus, Hof und Garten in bester Ordnung. Obwohl Annas Eltern nicht viel Geld haben, ist der Tisch immer reichlich gedeckt. Gäste sind jederzeit herzlich willkommen. Die Familie hat einen großen Garten, in dem sie alles Obst und Gemüse, das gebraucht wird, selbst anbaut. Sie halten ein paar Hühner und Stallhasen und schlachten jedes Jahr im Herbst zwei Schweine. Was sie selbst nicht haben, tauschen sie bei den Nachbarn ein.
