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Lenz Koppelstätter

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Beschreibung

Toblach, 1910: Alma und Gustav Mahler verbringen die Sommerfrische in den Südtiroler Dolomiten, doch die einst so leidenschaftliche Liebe des Ehepaares ist längst erkaltet. Der berühmte Komponist hat Schmerzen, Vorboten des Herzleidens, das ihn wenige Monate später dahinraffen wird, und quält sich mit seinen Partituren, in der Hoffnung, die Ruhe der Berge würde sein Schaffen beflügeln. Alma langweilt sich mit ihrem viel älteren Mann, sehnt sich nach der Wiener Boheme – und nach den Telegrammen des jungen Walter Gropius, mit dem sie eine heimliche, stürmische Affäre verbindet. Als Mahler Gropius' liebestrunkene Zeilen entdeckt, kommt es zum Streit – und wenig später zu einer Konfrontation mit dem Rivalen, der Alma in die Berge nachgereist ist ... Während sich über den Dolomitengipfeln ein Gewitter zusammenbraut, nimmt unten im Tal die Ménage-à-trois eine verhängnisvolle Wendung, untermalt von der Wucht von Mahlers Sinfonien und angetrieben von Almas unbändigem Liebesdurst.

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Seitenzahl: 259

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Lenz Koppelstätter

Almas Sommer

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

SOMMERFRISCHE IN DEN BERGEN MIT ALMA UND GUSTAV MAHLER

Toblach, 1910: Das Ehepaar Mahler verbringt den Sommer in den Südtiroler Dolomiten, doch ihre einst so leidenschaftliche Liebe ist längst erkaltet. Der berühmte Komponist hat Schmerzen, Vorboten eines tödlichen Herzleidens, und quält sich mit seinen Partituren. Alma langweilt sich an der Seite ihres viel älteren Mannes, sie sehnt sich nach Wien – und nach den Briefen des jungen Walter Gropius, mit dem sie eine heimliche Affäre pflegt. Als Mahler Gropius’ liebestrunkene Zeilen entdeckt, kommt es zum Streit – und wenig später zu einer Konfrontation mit dem Rivalen, der Alma in die Berge nachgereist ist …

Mit Sprachfreude und Witz erzählt dieser Roman vom Lieben und Entlieben des schillerndsten Künstlerpaares der Belle Époque.

Vita

Lenz Koppelstätter arbeitet als Reporter für Geo Saison. Salon sowie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und ist Autor der Spiegel-Bestseller-Kriminalreihe um den Südtiroler Polizeikommissar Johann Grauner. Er lebt mit seiner Familie in einem Weindorf südlich von Bozen, wo er auch aufgewachsen ist. Für «Almas Sommer» erhielt er ein Recherchestipendium des Landes Südtirol, das ihm ermöglichte, an Alma und Gustav Mahlers Wirkungsstätten im Pustertal, in Wien und in New York zu schreiben.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2022

Copyright © 2022 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

Covergestaltung Cordula Schmidt Design, Hamburg

Coverabbildung Shutterstock; Molly Suber Thorpe/Design Cuts

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-644-00823-6

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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Erster Teil

1

Toblach, Mitte Juli 1910

Die Düsternis packte sie, und Alma spürte, hoffte, fürchtete wieder einmal, das wäre der Anfang vom Ende. Nicht von ihrem Ende. Was für ein lächerlicher Gedanke. Von seinem natürlich. Von ihrem gemeinsamen – ihretwegen. Sie spürte seine Hand die ihre drücken. Ein bisschen zu fest, wie immer schon. Wie hatte sie dieses Bisschen zu fest geliebt, so sehr ganz am Anfang, als sie sich erstmals begegneten. Ein bisschen weniger von Jahr zu Jahr. Nun war es ihr gleichgültig, seit Längerem schon. Ein Schauder überkam sie.

Die Sonnenstrahlen stachen durch die Gewitterwolken, die sich über das Tal gelegt hatten wie eine schwarzgraue Federbettgarnitur. Die Gipfel der Pustertaler Berge, der hellen Dolomiten im Süden, des dunklen Alpenhauptkamms im Norden, waren heute nicht zu sehen. Es war ihr egal. Sie machte sich nichts aus Bergen. Aus Gipfeln schon gar nicht. Ihr wurde schnell schwindelig. Allein schon diese aufdringliche frische Bergluft war ihr unangenehm, viel zu viel Sauerstoff, der ihren Kopf zum Drehen brachte.

Ein Stadtmensch wie sie war nicht gemacht für diese Frische. Das war, als steckte man Kühe, die Almwiesen gewohnt waren, in ein Kaffeehaus. Ihre Idealluft war die Wiener Gesellschaftsluft, New York ihretwegen, Champagnerluft, Denkerluft, parfumgetränkter Schweiß. Tabakrauch auf feiner Seide. Nicht Almentau auf grober Schafswolle.

Dazu auch noch diese Höhe! Sie war sich sicher, bei mancher vergangenen hiesigen Bergtour die Dünne der Luft gespürt zu haben, auch wenn ihr der Bergführer, der kernige Löffler Franz, spöttisch versichert hatte, das sei unmöglich. Dafür, so hatte er gesagt, müsse man schon zum Kaiser nach China reisen, dort den Himalaja erklimmen. Oder zumindest in die Westalpen fahren, auf den Mont Blanc hochsteigen. Da war die Luft schon dünn.

Der Mont Blanc! Ihr reichte das hier. Während die anderen am Gipfel jauchzten, sich in die Arme fielen – der Gustav adrenalintrunken mit dem Löffler um die Wette grinste –, war ihr das Kotzen gekommen.

Sie spürte, dass Gustav ihre Hand nun noch fester drückte, sie hörte das Knirschen der Steine unter den Sohlen ihrer Stöckelschuhe, es wunderte sie eh, dass sie auf diesem vermaledeiten, von Kuhfladen gesäumten, staubigen Sandweg noch nicht umgeknickt war. Was für eine blödsinnige Idee – natürlich Gustavs! –, vom Trenkerhof in Altschluderbach zu Fuß ins Dorf nach Toblach zu spazieren.

Er hatte sie gebeten, doch die Wanderschuhe anzuziehen. Sie hatte nur verächtlich auf die seinen geschaut. Diese klobigen, braunen Ungeheuer. Nein, nein, er mochte allenthalben in seine böhmische Bäuerlichkeit zurückverfallen. Sie war Wienerin. Wiener Blut trug Stöckelschuhe, wenn es zum Abendessen ins beste Haus am Platz ging. Auch wenn das beste Haus nur der Goldene Hirsch, ein ranziges Bauernwirtshaus, war.

Wurscht!

«Diese Luft!», hörte sie ihn schwärmen, während ihr selbst die Luft wegblieb. Sie spazierten – von flanieren konnte unter diesen Umständen ja keine Rede sein! – vorbei an fleischfarbenen, bauchigen Häuserwänden mit dunklen Fensterbrettern. «C+M+B»-Inschriften prangten auf dunklen Holztürrahmen, lebensgroße, holzgeschnitzte Jesusse hingen an Kreuzen unter den Schindeldächern. Die Köpfe zu Boden geneigt, die Gesichter verzerrt, die Haut blassgelb, die Brust blutig, die Schenkel drahtig, Holznägel durch die Handflächen und Fußrücken geschlagen.

«Herrlich!», jauchzte Gustav.

«Gottesfürchtige Trottel, diese Tiroler!», flüsterte Alma in sich hinein.

«Diese Wolken, dieser Nebel, heute wird’s gewittern, stürmen, schneien womöglich», frohlockte Gustav unbeirrt weiter. «Morgen wird es aufklaren, die Sonne wird strahlen, dann werden wir die Gipfel sehen, unsere geliebten Gipfel! Schön, dass du nun endlich da bist, Alma, Almschi, Almschilein! Auch wenn ich mit dir schimpfen muss, so wenig hast du mir aus Tobelbad geschrieben, zerrissen hätt’s mich beinahe, schlimm zerrissen, Almschili, das Schlimmste befürchtete ich schon, hättest ruhig öfters schreiben können.»

Wieder der Druck seiner Hand, eindeutig zu fest jetzt. Viel zu fest.

«Bin richtig hungrig», sprach er entschlossen weiter, «ich werde eine klare Suppe schlürfen, ja, das werde ich. Vielleicht etwas weißes Fleisch dazu probieren. Zwei dünne Streifchen, drei maximal. Mir läuft’s Wasser im Munde zusammen. Fontänen. Ganze Wasserfälle. Almschidalmschibaldschilein! Ich darf nicht vergessen, der Wirtin zu sagen, die Suppe und die Pute bloß nicht zu würzen. Kein Salz! Keine Soße drüber. Keine Gewürze. Keine Butter, lieber nicht. Das bringt mich alles um.»

Gustav drückte sie an sich, drückte ihr einen Schmatzer auf den Kopf. Auf den Kopf! Warum nicht auf die Wange? Warum nicht auf den Mund? Zum Glück nicht auf den Mund, dachte sie. Suppe? Hasste sie. Aber sie liebte Butter. Außer der vom Trenkerhof, ihrem Sommerfrischedomizil, die ja wirklich ganz scheußlich schmeckte. Ja, die hasste sie wahrlich auch. Hasste sie auch ihn schon? Nein. Sie liebte ihn nur weniger.

Sie freute sich auf keine Suppe, sie bestellte sonst nur, wenn überhaupt, Mehlspeisen. Ein halbes Stückchen Apfelstrudel mit Schlagobers, dazu eine Melange, am liebsten im Café Central. Sie sehnte sich nach Wien. Und Wein, viel Wein. Wien und Wein, das half, immer! Und sie sehnte sich nach ihm. Nach den zuletzt vergangenen Tagen, die sie in Tobelbad verbracht hatte. Hätte der Kuraufenthalt doch ewig dauern können. Doch die Ewigkeit, das wusste sie ganz bestimmt, die gab es nicht. Weil alles, was ewig sein sollte, schneller als gedacht zur Last wurde. Zur öden, erdrückenden Last. Nur schweren Herzens war sie von ihm gegangen.

Wie konnte es sein, dass Liebe verschwand und wieder entstand? Wie konnte es ihr passieren, dass sie liebend aufs Leben hereinfiel? Sie wollte ihn spüren. Ihn lieben. Sie blinzelte zu Gustav hinüber, musterte ihn. Der spitze Schädel, die hohe Stirn. Die immerfort blinzelnden Äuglein hinter den runden Brillengläsern. Die knochige Nase, die eingefallenen Wangen, der zarte Mund. Sie bemerkte, dass seine Hand nicht mehr drückte, die Wärme seiner Handfläche wärmte ihre Hand nicht mehr, kurz zog er an ihr, dann ließ er sie los. Im Nu war er ihr ein paar Schritte voraus. Wie sie es geliebt hatte, dieses Drängen, diese Eile, diese Energie, mit der er sie durchs Leben trieb. Einer wie Gustav, der flanierte nicht, der rannte, zerrte, zog. Er trieb sie an. Hatte sie angetrieben. Nun war alles anders.

Er war ihr schnell zehn Meter voraus. Je schneller er lief, desto langsamer ging sie. Er stampfte mehr, als er schritt, den Hut nicht auf dem langen Kopf, sondern zwischen den Fingern gekrallt. Wie ein alter, vom Winter ausgemergelter Hirsch wirkte er, von Jägern aus dem dunklen, grünen Wald herausgejagt, im Labyrinth des Dorfes verloren, von den Häusern umzingelt. Ohne Ausweg.

2

Mahler fragte sich, mit wie vielen Gedanken so ein Gehirn, sein Gehirn, wohl zeitgleich jonglieren konnte. Wie viele Eindrücke zeitgleich verarbeiten. Diese Sinne! Sind’s nicht doch ein paar zu viele? Wäre der moderne Mensch nicht erst komplett, wenn er es schaffte, sie einzeln einzusetzen? Wie bei einem Orchester, da tost mal alles zusammen, volles Programm, dann ist da aber das Blech ja auch mal still, wenn das Holz rumort, so wie zu Beginn des finalen Adagios der Neunten. So ein Part, das befahl Mahler seinem Gehirn eindringlich, musste unbedingt auch in der Zehnten wieder vorkommen. Nur halt noch genialer, noch ungehörter, noch finaler!

In der dicken, schweißschwangeren Gasthausluft japste er nach Sauerstoff, überlegte sich, wie er sein Gehirn nur dazu zwingen könnte, diesen immens wichtigen Gedanken bis später zu behalten, dann überlegte er es sich anders, nein, zu wichtig war dieser Einfall, um ihn den Launen des Erinnerungsvermögens zu überlassen. Wie viele geniale Gedanken von genialen Menschenkindern waren der Welt wohl schon abhandengekommen, weil diese Genies sie nicht notiert hatten. Da hatte der alte Schopenhauer schon recht, viel zu viele geniale Gedanken waren durch Peitschenknalle vernichtet worden. Weg. Für immer.

Wir würden wohl längst in Maschinen durch die Luft schweben, den Mond besiedeln, Melodien nicht nur hören, sondern auch riechen und schmecken können, dessen war Mahler sich gewiss, wenn ein jeder geniale Gedanke eines jeden genialen Denkers der Menschheitsgeschichte vor dem Vergessen bewahrt worden wäre. Ja, ja, sein jüngster Gedankenstreich musste schriftlich festgehalten werden. Schnell!

Mahler fasste in die Seitentasche seines Jankers, zog einen Bleistift hervor, betrachtete die Tischplatte: Sie war verklebt, verschütteter Wein hatte kleine, rote Flecken hinterlassen, halb leere und leere Gläser standen herum, zwei Krüge. Sein Teekännchen, seine Teetasse vor ihm. Nicht ins Bild passend. Wie aus einer anderen Welt. Vom Mond. Mahler beobachtete die Hände der Menschen, die um ihn saßen, er sah Bubenhände, Männerhände, Bauernhände, braun gebrannt, mit krausem Haar auf den Fingerrücken und Dreck unter den Fingernägeln.

Er musterte seine eigenen Hände, seine Finger waren keinesfalls besonders lang, auch nicht fein, mitnichten käsig. Aber sie waren länger, feiner, käsiger als diese Bauernfinger, die Haare auf den Rücken zarter, ebenfalls länger, die Fingernägel wirkten poliert, im Vergleich beinahe wie Mädchennägel. Das erfüllte ihn mit Freude. Um die Schönheit dieser Nägel hatte er, der einst notorische Nagelbeißer, lange mit sich gerungen. Damals. Ihr zuliebe. Mit ihrer Liebe. Mit ihrer Hilfe. Alles an ihm alterte, nur die Nägel nicht, sinnierte sein Hirn, während der Blick weiterwanderte. Er entdeckte die Zeitung, den Pustertaler Boten, auf der Holzbank, er nahm sie zur Hand, überflog die Schlagzeilen der Titelseite.

Wiener Politikgeschacher, lästiges Zeug. Mahler machte mit dem Bleistift einen Strich auf den Zeitungsrand, nur zur Kontrolle, ob er denn auch schrieb, dann setzte er an und merkte sogleich, dass er vergessen hatte, was er sich notieren wollte. Er malte zwei Blumen an den Rand des Papiers. Das mit den Sinnen, das mit den vielen Gedanken, die so ein Schädel gleichzeitig zu denken hatte, darüber hatte er doch nachgedacht und dass er doch wohl ein noch viel besserer Komponist werden konnte, wenn er die Möglichkeit besäße, fünf der sechs Sinne herabzudimmen, volle Konzentration auf das Gehör.

Er lehnte sich zurück, kurz wurde ihm schwindelig, dann passte der Gemütszustand wieder, fast war ihm, als spürte er die klare Suppe durch die Venen krabbeln, er schloss die Augen, ja, er wollte das nun ausprobieren. Die Sinne regulieren. Los.

Nur noch helles Flackern unterm Dunkel der Augenlider, er drückte die Nasenflügel zusammen, tatsächlich, ihm war, als ob der Gasthausgeruch weniger wurde, weniger Weingeruch, weniger Kalbskopf – Gott, wie der stank! –, weniger Schweiß. Er versuchte, an nichts zu denken, keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur das Jetzt, und ja, da schau her, der Gasthauslärm, wie magisch verwandelte er sich in – Musik! Es klappte also, ja, wie neulich schon einmal. Dies Gasthaus, welch Inspiration! Das Brummeln, das Scheppern, das alles musste er unterbringen, eine vertonte Gasthausszene, ja, das wär’s! Gasthausszene, kritzelte er immer noch geschlossenen Auges auf das Zeitungspapier, riss blind das Stück Papier vom Rest der Zeitung ab, steckte es in die Innentasche des Jankers, überlegte, welche Grundtonart das wohl war, was er da hörte, irgendwas in Moll auf jeden Fall.

Dann hörte er ein gackerndes Lachen, ein verstimmtes Cis-Dur ins Moll hineinprusten. Alma! Er öffnete die Augen. Ja, er hatte sich vorgenommen, nicht zu ihr hinüberzuschauen, nun tat er es doch. Er hatte sich längst eingestanden, dass er nie von ihr loskommen würde. Nie! Alma, seine Liebe, seine Lust, sein Leben, seine Sehnsucht, sein Schicksal.

Seine Liebe, seine Lust, sein Leben, seine Sehnsucht, sein Schicksal hatte sich eng an einen Bauernbuben geschmiegt. Mahler spürte den Liebeshasszorn in sich. Plötzlich taten ihm all seine alten Knochen noch mehr weh, als sie ihm eh schon wehtaten seit ein paar Wochen. Jeder einzelne, so schien ihm, schmerzte. Wie jung und schön der Bub war! Milchige Haut. Mahler stellte sich dessen nach frischer Kuhmilch duftenden Atem vor, den sie in diesem Moment wohl in sich aufsog. Was würde er geben, noch ein kleines bisschen von dieser jugendlichen Kraft und Zartheit in sich zu tragen? Er könnte noch zehn Symphonien schreiben, noch zwanzig Lieder, vielleicht tatsächlich einmal noch eine Oper, er konnte Wagner übertrumpfen, den Allergrößten, er könnte in tausend Jahren noch gehört werden, doch so jung sein, so begehrenswert, so zart, so stark, konnte er nicht mehr. Nie mehr.

Er schaute nun doch zu ihr. Sah ihren begierigen Blick. Ihre hohen, rosafarbenen Wangenknochen, ihre feinen Augenbrauen, ihre dicken Ohrläppchen, ihr zartes Haar, ihr üppiges Kinn, den vollen Mund, die weiche Haut. Ja, er liebte das alles. Auch, allem voran und doch auch überhaupt nicht: ihre krankhafte, hysterische Lustigkeit.

Alma hielt den Kopf ihm abgewandt, aber er war sicher, sie kämpfte damit, sich nicht umzudrehen, er war sicher, sie wünschte sich, im Hinterkopf Augen zu haben, um seine eifersüchtigen Blicke zu sehen. Eifersucht, verdammte! Geht nicht ohne. Die Eifersucht nicht zeigen, das hatte er sich selbst geschworen, wie oft schon? Er wusste, dass er dies alles auf Dauer nicht durchhalten würde, er wusste, dass sie den längeren Atem hatte, keine Eifersucht zu kennen schien, er hatte das alles schon zu oft erlebt, er fürchtete sich davor, es darauf ankommen zu lassen. Das einzig Gute: Diese verdammte Eifersucht, sie half beim Komponieren.

Er schloss die Augen erneut, alle Sinne möglichst ruhen lassen! Alle bis auf die Ohren. Doch es klappte nicht mehr. Das Gasthausgeklimper folgte keiner Melodie mehr, da war nur noch anarchischer Lärm, auch Almas Gackern war weg, die Stimmen am Tisch nebenan legten sich über das Grundrauschen. Es wunderte Mahler, wie klar er jedes Wort der krächzenden Bauernkehlen vernahm. «Ein Genie», sagte einer. «Ein Besessener», sagte ein Zweiter. «Ein Kaliber», pflichtete ein Dritter bei. «Ein Schöpfer von Meisterwerken …», er beendete den Satz nicht. Ließ sich vom Ersten erneut unterbrechen: «Der tut Toblach gut, der bringt uns wieder in aller Munde.»

Mahlers Herz pochte hitzig. Genie! Schöpfer von Meisterwerken. Zufrieden sank er in sich zusammen. Er bemerkte, wie sich seine Mundwinkel nach oben zogen. Sie hatten wohl gar nicht gesehen, dass der, über den sie sprachen, am Nachbarstisch saß. Zumal ihnen den Rücken zugedreht. Er und Alma waren ja schon früh ins Gasthaus gekommen, er hatte seine Suppe und die zweieinhalb Fleischstreifen – ohne Würze, ohne Salz, ohne Soße, ohne Butter! – ja schon verspeist. Er hatte sich mit Alma ja schon gestritten, während der Goldene Hirsch sich gefüllt hatte, noch bevor die Männer, denen er nun lauschte, sich an den Nachbarstisch gesetzt hatten. Noch bevor sie ihre Kalbsköpfe bestellt hatten, da war Alma schon längst wütend aufgestanden, weil er nicht mit ihr tanzen wollte.

Alma hatte alleine auf einem Stuhl eine Pirouette gedreht, zur Belustigung des Gasthauspöbels um sie herum, dann hatte sie sich an die Theke gestellt, sich einladen lassen. Mal von dem, mal von dem. Zu ihm an den Tisch hatten sich ungefragt Bauern und Hirtenbuben gesetzt. Diese Flegel. Das machte man doch nicht, sich einfach hinsetzen. In New York vielleicht, aber in Wien ganz bestimmt nicht. Ja, Nein. Die am Tisch nebenan, die ihn lobpreisten, sie hatten ihn wohl einfach nicht gesehen. So musste es sein.

Nun schwiegen die Männer. Er überlegte, was er tun sollte, wenn sie wieder anfingen, ihm zu huldigen. Aufstehen, sich umdrehen, an ihren Tisch gehen. Würden sie ihn sofort erkennen? Oder wussten sie vielleicht überhaupt nicht, wie er aussah? Kannten ihn nur vom Namen, aus der Zeitung – er schielte kurz zum Boten – oder von seinen Melodien her?

Konnte sein. War wohl so. Er war ja so selten im Dorf gewesen, noch seltener hier im Gasthaus, in den vergangenen Tagen, in den vergangenen Sommern. Nein. Sie konnten ihn nur vom Hörensagen kennen. Er schloss die Augen wieder. Wartete. Ja er würde sich wohl umdrehen, das Glück in ihm wallte, er musste …

«Musst du mir erst mal erklären, was das sein soll, ein Psychologe», sagte ein Vierter, «ein Ins-Hirn-Hineinschauer! Mein Großvater ist mit hundertdrei Jahren gestorben, mein Vater ist dreiundneunzig und wohlauf, die sind so alt geworden, ohne sich auf eine Couch von so einem Hirndoktor zu legen. Die Ofenbank hat’s auch getan.» Grölendes Gelächter. Mahler stand das Herz kurz still. Schweiß auf der Stirn. Er biss sich auf die Lippen. Erneuter Schwindel. Wie so oft in den vergangenen Tagen. Augen auf. «Ofenbank, Depp! Da geht’s um ganz etwas ganz anderes», sagte wieder der Dritte. Gustav kämpfte mit dem Zorn, blinzelte, lugte rüber. Da saßen zwei in abgewetzten Anzügen, die anderen waren wohl Bauern.

«Der soll ruhig kommen, der Herr Psychologe, dieser Schöpfer! Meister! Dieses Genie! Wie heißt der?», sagte immer noch der Vierte.

«Freud heißt der. Dr. Sigmund Freud aus Wien», antwortete der Dritte.

«Wie, was ist er denn jetzt, der Herr Freud? Psycho… dings… loge oder Doktor …», konterte der Vierte.

Wieder Gelächter. Wieder blinzelte Mahler, er sah, dass die Herrschaften an der Theke – ein paar Bauern in verschwitzten Hemden und ein paar Toblacher, die versuchten, wie Wiener auszusehen – wie mit Geisterschritten näher kamen und sich um den Tisch scharten. Er sah, dass auch Alma und der Almbub sich zu ihnen drehten. Augen wieder zu.

«Unterlechner, du dummer Bauer, der Dr. Freud, das ist eine Bekanntheit. Den kennen sie überall. In Berlin. Auch drüben in Amerika. In New York und in Chicago. Der ist kein Dorfdoktor wie unser Hinteregger, der mindert nicht das Fieber, der hilft nicht deinen dummen Kühen beim Kalben, der lindert das Seelenheil. Das ist eine Welt, die kennst du nicht. So einen hatten wir noch nie hier in Toblach. Wenn jetzt so eine Berühmtheit kommt, eine echte, nicht nur immer diese leidigen versprengten Wiener Spinner, diese Künstler und Taugenichtse, dann sind wir wieder wer.»

«Ja, wer denn?» Ein Fünfter beugte sich nun zum Tisch hinab.

«Wie, wer denn?», fragte der Dritte verwirrt zurück.

«Wer wir dann wieder sind?», der Fünfte wieder.

«Wir? Wir sind wir – wer denn sonst?», schrie einer aus der zweiten Reihe.

Und dann schrie bald alles durcheinander. Lauteres Gelächter, das Quietschen von Stuhlbeinen über dem Holzboden, das Klappern eines umfallenden Stuhls.

Sigmund Freud kam auch nach Toblach? Mahler wusste nichts davon. Freud! Er kannte ihn natürlich, doch waren sie sich noch nie begegnet. Es hieß in Wiener Kreisen, dem Doktor Freud würde das blasonierte Salonieren nicht zusagen, ebenso wenig wie ihm selbst, dachte Mahler, es war Alma, die ihn von einer Gesellschaft voller narzisstischer Selbstinszenierer, neureicher Plapperer, notorischem Gesindel und blasierter Parvenüs in die nächste schleppte. Vielleicht, so dachte er, müsse er diesen Freud tatsächlich einmal kennenlernen. So von Misanthrop zu Misanthrop. Vielleicht sogar hier in Toblach, sollte er tatsächlich diesen Sommer noch anreisen. Obgleich es selten glückte, überlegte er weiter, dass zwei Menschenmeider sich verstanden.

«Dass der tatsächlich anreist, der Herr Doktor, das halte ich freilich für ein Gerücht, sonst nichts», sagte wieder der eine Bauer. «Was hat der Bote Sommer für Sommer nicht schon alles geschrieben, wer angeblich kommen wollte? Sogar der Johann Strauss habe zu Lebzeiten hier sein gewesen sollen, wenn es nach dem Boten gegangen sein hätte», schrie er in gebirgiger Vergangenheitsform, «wenn der Strauss gekommen gewesen wäre, dann wäre das Licht unseres Dorfes heute noch hell erleuchtet. Denn wo der Strauss war, da ist das Licht. Für immer. Alles Walzer!» Er sprang auf, schrie noch lauter. «Rumm-ta-ta! Rumm-ta-ta.» Er zuckte tanzartig.

Mahler sackte in sich zusammen. Presste die Augen zusammen, die Hände in den Hosentaschen zu Fäusten. Fester, noch fester! Strauss, ausgerechnet Strauss. Diese Ausgeburt der Dreivierteltakttrivialität. Was verstanden diese dummen Bauern schon. Ja, sagte er sich, ja, er müsse diesen Herrn Dr. Freud wohl doch mal treffen, mal fragen, ob das denn gehe, irgendwie, das mit den Sinnen. In Toblach, sonst in Wien. Vielleicht konnte er das Thema dort bei einem gemeinsamen Kaffeehausbesuch ansprechen, am Opernplatz, bestenfalls im Sacher, da saß er am wenigsten ungern, auch wenn er wusste, dass die allermeisten seiner Bekanntschaften lieber ins Theatercafé gingen, warum wohl? Die Melange schmeckt scheußlich da, der Kirschkuchen fad.

Er fasste nach seiner Teekanne, schenkte sich nach, nahm die verächtlichen Blicke der Weintrinker um sich herum wahr. Vielleicht sollte er mit Freud zunächst brieflich korrespondieren, nicht vergessend, die Briefe sorgsam aufzubewahren. Für die Nachwelt! Freud  – Mahler – Die Briefe! Nein, Mahler – Freud – Die gesammelten Korrespondenzen! Ja! Tee, noch mehr Tee!

Mahler trank den Becher leer. Gierig. Schenkte sich noch einmal ein. Tee half. Meistens zumindest. Warum eigentlich nicht eine Oper schreiben, dachte er sich plötzlich. Eine Oper mit einer zünftigen Gasthausrauferei mittendrin. So wie es sich gehörte. Und die Chronisten würden für die Nachwelt aufschreiben, wo ihm Idee und Inspiration dazu gekommen waren. Im Dorfgasthaus von Toblach, im Hirschen, und keiner würde sich daran erinnern, dass ein in zwei Jahrzehnten vergessener Psychologe aus Wien jemals überlegt hatte, nach Toblach, in Gustav Mahlers Toblach, zur Sommerfrische zu kommen. Wenn er denn überhaupt kam. Wäre auch wurscht, wenn nicht.

Freud! Strauss! Warum redeten die über Freud und Strauss, überhaupt über irgendwen, wenn ein Gustav Mahler am Nebentisch saß. Das hatte ihn nun doch sehr getroffen. Seine schönen Fingernägel fraßen sich ins Tischholz. Er fasste erneut nach dem Becher Tee, schaute beim Trinken auf, ihre Blicke kreuzten sich. In Almas Blick: Verachtung.

«Steh auf, Brandstätter, wenn du ein Mann bist. Oder traust du dich nicht, dich einem Bauer zu stellen», schrie die Bauernstimme von vorhin.

«Geh, Unterlechner, setz dich hin. Trottel», antwortete einer spöttisch.

«Nenn mich gern Trottel, aber meine Viecher nennt keiner nicht dumm, du dummer Mensch», wieder der Bauer. Ruhiger jetzt. Beleidigt.

«Ist gut, schenkt ihm noch einer etwas ein, Wein beruhigt, nicht?», wieder der andere, dieser Brandstätter wohl, dann plötzlich leiser. Der Mann beherrschte die seltene Kunst, so zu flüstern, dass ihn doch jeder hören konnte: «Ich verrat euch mal was, wer ganz sicher kommt, dieses Jahr. Der Thronfolger! Franz Ferdinand, der Erzherzog! Da schaut’s ihr, gell? Mit seinem Automobil will der Halt bei uns machen. Auf seinem Weg nach Venedig und Triest.» Der Lärmpegel senkte sich ehrfürchtig. Nur noch Grummeln und leises Zischen: «Der Thronfolger, Franz, Franz Ferdinand!»

Mahlers Herz pochte nun wieder wie verrückt. Es war ihm, als pochte es in seinem gesamten Körper. Im Hals, hinter der Stirn, im linken Ohr, in der Brust, im Bauch, in den Fingern, in den Unterschenkeln. Freud, meinetwegen! Aber Strauss, nein! Und Franz Ferdinand, nein, nein, nein! Er rief sich ihre flüchtige Begegnung vor ein paar Jahren in der Hofburg in Erinnerung. Ein Empfang, den Anlass hatte er vergessen. Mit Graus erinnerte er sich an den feuchten Händedruck des Erzherzogs, an den schleimigen Blick, an das Glotzen, der hätte Alma am liebsten vor der versammelten Gesellschaft mit den Augen ausgezogen. Wie er sich hatte beherrschen müssen, zu gerne hätte er dem seine Erzherzogsfresse poliert. «Was für ein Ekel!», so hatte er ihn zurück in der Wohnung in der Auenbruggergasse noch beschimpft. «Ein Wüstling!», hatte Alma ihm beigepflichtet.

Mahler beobachtete die Bauern an den anderen Tischen, sie aßen, tranken, rülpsten, warfen Salzburger Spielkarten in die jeweilige Tischmitte, sie bestellten schreiend, was faszinierte die an so einem Erzherzogsgroßmaul? Warum interessierte es sie nicht zumindest gleichermaßen, dass er, Gustav Mahler aus Wien, Komponist von Symphonien, von Liedern und Chorwerken, Vertoner ihrer Welt, Vertoner der Berge, der Wiesen, der Kühe, der Natur, unter ihnen weilte, warum merkten die nicht, dass er am Nebentisch saß? Gab’s doch nicht! Schwafelten vom fernen Freud, vom toten Strauss und bemerkten den lebendigen, nahen Mahler nicht. Verstanden halt nichts von Musik, diese Bauern. Diese Tölpel. Hinterwäldler. Die dachten wohl, jeder Dorfkapellmeister sei ein begnadeter Dirigent. Ja, nein, sie verstanden es einfach nicht. Er versuchte, Mitleid zu entwickeln, Mitleid mit diesen zurückgebliebenen Kreaturen, um nicht erneut dem soeben kurz abgeschwollenen Zorn anheimzufallen. Diese armseligen, geistlosen, dummen, bildungsfernen, gotteshörigen Geschöpfe. Es gelang ihm nicht. Der Zorn brannte erneut auf, loderte hoch.

Am liebsten wäre er nun aufgesprungen, hätte Alma gepackt, sie über die Gasthausschwelle nach draußen getragen. Am liebsten wäre er mit ihr aus diesem Kaff hinausgelaufen, hätte sich mit ihr im Wald verloren, sie zum Schreien, zum Glücksweinen gebracht, sie erschöpft ins Bett gelegt, ihr verliebt beim Schlafen zugesehen, dann, sobald sich ihre Brust sanft hob und senkte, wäre er im Dunkeln rüber ins Komponierhäusl geschlichen, hätte sich da in einen Rausch hineinkomponiert. Das Lied von der Erde! Die Neunte! Die Zehnte! So viel war zu tun! Ja, auch ein schmerzvolles Geigenstück wollte komponiert werden, ein Stück mit Gasthauswucht – endend in einer opernhaften Paukenschlägerei.

Er nahm seinen Hut in die Hand, nickte den Bauern um ihn herum zu, stand auf, alles schaute noch auf den Nachbarstisch, die Blicke: gierig. Doch sie gierten nicht nach den Kalbsköpfen, geschwenkt serviert, mit roten Zwiebelstücken und Speckknödelscheiben, mit Pfifferlingen und Petersilie, sie gierten danach, dass der Disput nun doch endlich weitergehen mochte. Das konnte es doch nicht gewesen sein! Alles war doch serviert für eine zünftige Gasthausrauferei!

Mahler trat zu Alma, die gelangweilt Fussel von ihrer Bluse zupfte. Geschah ihr recht, dass dieser Bauernlump, an den sie sich im Zorn des Streits rangeworfen hatte, sich nun mehr für eine Gasthausposse interessierte als für sie. «So, wir gehen jetzt!» Er packte sie am Oberarm.

«Pfff, geh du, ich bleib!» Sie hob das Kinn. Dieser vermaledeite Stolz!

«Du …» Er drückte fest.

«Ich schrei gleich.» Sie hob die eine Hand, formte die Finger zu Krallen.

Er wich zurück. «Alma, ich bitte dich …»

Sie formte ihre Augen zu Schlitzen.

«Alma, sei doch …»

Er machte alles nur noch schlimmer. Er konnte nicht gewinnen. Er würde nie gewinnen. Er blickte sie an, viel zu traurig, dann viel zu zornig. Sie schaute herablassend. Trotzig. Er ließ sie los, drehte sich um, schob und zwängte sich durch die Bauern hindurch. Nicht umdrehen, sich an der Tür bloß nicht noch einmal umdrehen. Bewahre deine Würde, Gustav. Er öffnete die Tür, trat hinaus, sog die frische Bergluft ein.

3

Freud! Pah! War ihr noch nie begegnet. Wer einer Alma Mahler geborene Schindler noch nie begegnet war, zumal in Wien, der konnte nichts sein. Alma schaute dem Almburschen in die gletscherblauen Augen, dann auf ihr fast leeres Weinglas. Sie hatte sich noch nicht so recht entschieden, ob sie dieses Toblach nach wie vor so schrecklich finden sollte, wie sie es Gustav gegenüber in den vergangenen zwei Jahren stets behauptet hatte. Oder doch recht annehmbar? Sollte Franz Ferdinand tatsächlich kommen, der Kronprinz und dessen Bagage, das wär’s natürlich.

In Gedanken übte sie schon mal den Erzherzogs-Smalltalk, trank zugleich: Zumindest servierten diese Toblacher den Wein mittlerweile nicht mehr in Tonkrügen, wie vor zwei Jahren noch. Ton! Krüge! Ja sind wir denn bei den alten Römern?

Nein, wir sind die, die allen voran schön und laut ins 20. Jahrhundert schreiten. Wiener Avantgarde! Bitte. Jetzt haben’s diese schrecklichen Krüge endlich entsorgt, Champagner aber haben’s immer noch keinen, aber nach Kuhmist tut’s nicht mehr so stinken, oder doch? Der Wein schmeckt immer noch grauselig, da werden’s wohl noch hundert Jahre brauchen, diese Bergtiroler, bis sie an gescheiten Wein derpantschen, aber was soll’s. Diese Berge! Oder, Erzherzog, lieber Franz Ferdinand? Und die Geschäftsläden sind auch besser g’worden, grad gestern erst hab ich für meinem Gustl so eine ganz fesche Schnürlsamthose gefunden und für mich dieses Blumenkleid.

So, ja genau so, würde sie den Franz Ferdinand bezirzen, und zurück in Wien würde sie schon dafür sorgen, dass die ganze Stadt erfuhr, was für eine Sommerfrischsause sie und Gustav und der Erzherzog in diesem bezaubernden Toblach gefeiert hatten, ihr Gemahl habe zwischen den Partyräuschen seine Zehnte geschrieben, eine Symphonie wie aus einer neuen Zeit, inspiriert von ihr natürlich, Alma Mahler! Ganz Wien würde davon reden. Ach was, Wien. Ganz Europa und New York noch mit dazu. Nur von Walter würden sie nie erfahren, den behielt sie lieber für sich. Walter, ach Walter.

Sie spürte den Atem des Almjungen. Er roch nach dem billigen Wein, den er in sich hineinschüttete. Sie konnte nicht verstehen, wie so ein zarter Milchbub so viel Wein trinken konnte. Sie war selbst ordentlich beschwipst, doch sie konnte einiges aushalten. Der Junge war betrunken, aber nicht zu sehr, das war schön so, jetzt traute er sich was, zitterte nicht mehr, stotterte und flüsterte nicht mehr, sagte selbstbewusst einfach nix, gute Entscheidung.

«Wüstling!», hauchte sie ihm entgegen und kicherte, als er errötete. Sie spürte seinen Schenkel an ihrem, sie ließ ihn näher kommen, noch ein bisschen, sie neigte ihren Kopf zu ihm rüber, sie spürte seinen Wangenflaum, sein Hals roch nach Jugendschweiß, ihrer nach Vanille, wie immer, schlicht, aber betörend, darauf konnte sie sich verlassen.

Angewidert und fasziniert zugleich war sie vom Gasthausgeschehen, das um sie herum wogte. Die Mannsbilder in schweren Jankern, Hemden mit Hirschgeweihknöpfen, rauen Stutzen, ledrigen Schuhen, mit roten Nasen. Die ungeschminkten Frauen in zu weiten Kleidern. Um die Tische und die Theke herum drängten sich die Männer, dazwischen hatte sie immer wieder einen Blick auf den Tisch geworfen, an dem über Freud diskutiert worden war. An dem es vorhin beinahe zu einer Rauferei gekommen war.

Angewidert und fasziniert zugleich hatte sie beobachtet, wie die Männer die Kalbsköpfe in sich hineinschaufelten und dabei schmatzten, grunzten und rülpsten. Die Kragen ihrer groben Hemden waren mit Soßenspritzern bekleckert, wenn sie mit vollem Mund sprachen, in einem derben Deutsch, das sie kaum verstand. Dieser Tisch, das hatte sie sofort verstanden, war der Tisch der Wichtigen, hier in diesem Dorf. Wenn sich schon die Wichtigen aufführten wie die Tiere, wie musste es dann wohl bei den anderen zugehen. Diese Tiroler, so hieß es ja in Wien, die sollen es sogar auf den Almen mit den Schafen und Ziegen treiben.