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"Bei Gott, das ist ein böses Omen", flüstert die Grieshuberin mit blassen Lippen vor sich hin und bekreuzigt sich. Genau in dem Augenblick, in dem Hochwürden die beiden jungen Menschen, die vor ihm am Altar stehen, zu Mann und Frau erklärt, zuckt ein greller Blitz hernieder, dem Sekunden später ein krachender Donnerschlag folgt.
So ungewöhnlich, wie die Ehe des reichen Jungbauern vom Laschner-Hof mit der bildhübschen Resi Leitinger beginnt, so ungewöhnlich sind die Umstände, die zu dieser Ehe führten. Denn jeder in Hirschleiten weiß, dass der Gustl Laschner die Resi regelrecht gekauft hat. Und ein jeder weiß auch, dass die Resi in Wirklichkeit einen anderen Mann liebt. Selbst Gustl weiß das, doch er vertraut fest auf die Macht des Geldes und glaubt, dass er sich damit Resis Liebe erkaufen kann ...
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
... aber lieben wollte sie ihn nicht
Vorschau
Impressum
... aber lieben wollte sie ihn nicht
Sie gab ihr Jawort mit blutendem Herzen
Von Traudl Anrainer
»Bei Gott, das ist ein böses Omen«, flüstert die Grieshuberin mit blassen Lippen vor sich hin und bekreuzigt sich. Genau in dem Augenblick, in dem Hochwürden die beiden jungen Menschen, die vor ihm am Altar stehen, zu Mann und Frau erklärt, zuckt ein greller Blitz hernieder, dem Sekunden später ein krachender Donnerschlag folgt.
So ungewöhnlich, wie die Ehe des reichen Jungbauern vom Laschner-Hof mit der bildhübschen Resi Leitinger beginnt, so ungewöhnlich sind die Umstände, die zu dieser Ehe führten. Denn jeder in Hirschleiten weiß, dass der Gustl Laschner die Resi regelrecht gekauft hat. Und ein jeder weiß auch, dass die Resi in Wirklichkeit einen anderen Mann liebt. Selbst Gustl weiß das, doch er vertraut fest auf die Macht des Geldes und glaubt, dass er sich damit Resis Liebe erkaufen kann ...
Als die Hochzeitsglocken zum Kirchgang riefen, lag strahlender Sonnenschein über dem idyllischen Hirschental.
Die hohen Gipfel der Berge leuchteten, und die Häuser und die Wiesen sahen aus, als wären sie eigens für diesen großen Tag besonders fein herausgeputzt worden. Die Luft war leicht, und die sommerliche Wärme tat den Menschen genauso gut wie den Tieren.
Während der alte Küster die ersten Orgeltöne erschallen ließ, zogen im Westen dunkle Wolken auf, die in kürzester Zeit die Berge dort drüben einhüllten.
Als der hochwürdige Herr Pfarrer die beiden jungen Leute, die vor ihm standen, zu Mann und Frau erklärte, bis dass der Tod sie scheide, zuckte ein greller Blitz hernieder, und gleich darauf krachte ein gewaltiger Donner los.
Die Kirche erbebte in ihren Grundfesten, und alle Anwesenden fuhren erschrocken zusammen.
Der Blitz hatte die jahrhundertealte Eiche getroffen, die auf dem Galgenbichl stand. In zwei Teile war sie geborsten und krachend umgestürzt. Aber das entdeckten die Leute von Hirschental erst später.
Das Gewitter tobte weiter. Blitz folgte auf Blitz, und Donner folgte auf Donner.
So manches Gesicht wurde bleich, die Leute sahen sich erschrocken an, und die alte Wieshuberin war die Erste, die es aussprach. Nur konnte sie leider keiner hören, weil sie allein in ihrem Häuschen lebte.
»Das hat nix Gutes zu bedeuten«, flüsterte sie. »Der liebe Herrgott droben im Himmel weiß, was hier bei uns in Hirschental gerade passiert. Und dass es ein schlimmes Ende nehmen wird!«
Vergebens versuchte in der Kirche der alte Küster mit seinem Orgelspiel gegen das Toben der Elemente anzukommen.
Der Donner übertönte die schöne, feierliche Musik, und es gewitterte immer noch, als die Trauung zu Ende war und die Gäste sich im Turmraum der alten Kirche drängten, weil sie nicht wussten, wie sie bei dem strömenden Gewitterregen auf den Laschner-Hof kommen sollten.
Gewiss, ein paar Autos standen vor der Kirche, aber die Besitzer hätten etliche Male hin und her fahren müssen, bis sie alle Hochzeitsgäste transportiert hatten, denn alle hatten es eilig.
Auf dem Laschner-Hof wartete nicht nur ein üppiger Festschmaus, sondern auch eine ganze Batterie von Flaschen und einige Fässer Bier, damit das große Ereignis auch gebührend gefeiert werden konnte.
Aber noch während die Hirschentaler ratlos beisammenstanden, wurde es drüben im Westen wieder hell.
Unglaublich schnell klarte der Himmel auf, und während im Osten noch der Donner grollte, brach über das Hirschental wieder das Sonnenlicht herein. Es war fast wie ein Wunder.
»Na also, wer sagt's denn?«, rief der Laschner-Gustl, der frischgebackene Ehemann. »Auf meinen Hof, Leute, so schnell ihr könnt! Jetzt wird gefeiert, dass sich die Balken biegen!«
Aber ganz so schnell ging es nun auch wieder nicht, denn erst einmal mussten sich die Wassermassen verlaufen, die über die Straße und die Wege flossen.
Der Laschner-Gustl legte seinen Arm um die Resi, seine soeben angetraute Frau. Er neigte seinen Kopf zu ihr hinunter, denn sie war fast einen Kopf kleiner als er.
»Ist's jetzt wieder gut, Resi?«, fragte er. »Oder glaubst du immer noch, dass die Kirche uns über dem Kopf zusammenkrachen könnte?«
Resi schüttelte den Kopf. Ihr Blick blieb auf dem Boden haften, auf den alten, ausgetretenen steinernen Platten, die den Fußboden der Kirche bedeckten.
»Nein, jetzt habe ich keine Angst mehr«, antwortete Resi, aber ihre Stimme klang sehr schwach und sehr leise, sodass Gustl sie nur mit Mühe und Not verstehen konnte.
Gustl drückte sie noch ein wenig fester an sich.
»Als meine Frau brauchst du nie mehr Angst zu haben, Resi«, sagte er. »Vor nix und vor niemandem. Uns zweien kann keiner was anhaben, und wenn's einer doch versucht, wird er sich sehr schnell eines anderen besinnen, wenn ich ihm auf die Finger klopfe.«
Resi gab keine Antwort. Ihre sonst so blühenden Lippen waren auf einmal ganz schmal geworden.
»Du bist jetzt net allein nur die Laschnerin, Resi«, raunte der Gustl ihr weiter ins Ohr. »Du bist außerdem noch die Königin vom Hirschental. Ist dir das bisher noch net aufgegangen?«
Resi rührte sich nicht. Ihr Kopf blieb gesenkt, und ihr Gesicht war bleich und ernst. Wie eine glückstrahlende Braut sah sie ganz und gar nicht aus.
Gustl verstärkte den Druck seines Armes so sehr, dass er seiner jungen Frau wehtat, aber das schien er nicht zu merken.
»Du wirst dich noch dran gewöhnen, da bin ich ganz sicher«, sagte er leise. »Auch das Herrschen will gelernt sein, und man muss sich erst einmal daran gewöhnen, dass die Leute vor einem katzbuckeln. Aber du wirst das bald können, Resi, dafür werde ich sorgen.«
»Bitte, du tust mir weh«, sagte sie. Sofort ließ er sie los.
»Ist das das Einzige, was du in dieser Stunde zu sagen hast?«, fragte er, und seine Stimme hatte sich verändert. Härter war sie geworden und auch irgendwie lauernd.
Resi hob nun doch den Kopf zu ihm, und Gustl sah, wie blass sie war. Ihre Lippen bebten, und er sah auch, dass ihre Augen feucht geworden waren.
»Mir ist kalt, Gustl«, sagte sie mit schwacher Stimme. »Nimm's mir net übel.«
Er nickte, und als er nun den Arm erneut um sie legte, sah es aus, als ergreife er von ihr Besitz wie von einem Gegenstand, den man in die Hand nimmt, um ihn nie wieder herzugeben.
»Gleich wirst du net mehr frieren, Resi. Wenn du erst einmal ein paar Gläser Champagner getrunken hast, wirst du dieses narrische Gewitter längst vergessen haben. Wir zwei werden tanzen, bis unsere Sohlen glühen.«
Gleich darauf rief jemand vom Kirchenausgang her, dass man es nun wagen könnte, zum Laschner-Hof zu gehen.
***
In dieser Stunde saß der Vorhofer-Toni am Sterbebett seines Vaters.
Seit ein paar Wochen kränkelte der Vater schon, und der Herr Doktor hatte gar nicht so genau sagen können, was eigentlich mit ihm los war. Er hatte ein bisschen an dem alten Vorhofer herumkuriert, aber es war mit dem Patienten immer weiter bergab gegangen, und jetzt zeigten sich schon die Spuren des Todes in seinem gelblichen, eingefallenen Gesicht.
Schwach war er halt, der alte Vorhofer, und das Herz mochte nicht mehr so recht. Aber immer noch war der Alte geistig auf der Höhe, und er wusste genau, was er sagte, wenngleich man sehr genau hinhören musste, um seine letzten Worte noch verstehen zu können.
Toni war allein mit ihm im Sterbezimmer, und es gab wohl auch kaum jemanden, der in dieser Stunde an den alten Vorhofer dachte. Alle Hirschentaler waren ja in der Kirche versammelt, wo der Laschner-Gustl, der reichste Jungbauer weit und breit, die schöne Leitinger-Resi heiratete.
Eine ganze Weile hatten sie geschwiegen, der Sterbende und sein Sohn, weil die Donnerschläge ihre Worte zerfetzt und unverständlich gemacht hatten. Aber jetzt begannen die alten Lippen wieder zu sprechen.
»Sie sind jetzt wohl schon Mann und Frau, der Gustl und die Resi«, flüsterte der Alte.
»Ja, Vater, es schaut so aus.« Tonis Stimme klang dumpf, von tiefer Trauer erfüllt.
»Nimm's net so tragisch, Bub«, sprach der alte Mann leise weiter. »Die Resi ist net das einzige Madl auf dieser Welt. Du wirst gewiss eine andere finden, die dir genauso gut gefällt wie sie.«
»Da bin ich ganz sicher, Vater. Mach dir deswegen nur keine Sorgen. Wegen der Resi lass ich net gleich für mein ganzes Leben den Kopf hängen.«
Wenn der Vater ihm jedoch noch richtig in die Augen hätte blicken können, hätte er gewiss erkannt, dass es im Herzen seines Einzigen anders aussah – ganz anders!
Der alte Vorhofer schwieg. Die Augen waren ihm zugefallen, und er atmete nur noch sehr schwach. Nach einer halben Minute aber regte er sich wieder, und er öffnete nochmals seine Augen.
»Toni?«
»Ja, Vater?«
»Ich hab dir noch was zu sagen«, flüsterte der Alte, und seine schwache Hand tastete nach der Hand des Sohnes.
»Sprich nur, Vater, ich verstehe dich sehr gut.« Toni drückte die Hand des Vaters. Sie war schon ganz kalt.
»Mit unserem Hof steht's net gut, Bub«, brachte der Alte stockend hervor. »Ich hab's dir net sagen wollen, weil du ein unbeschwertes Leben hast führen sollen, aber jetzt ... Du wirst es ja sowieso bald herausfinden. Ich bin ein paarmal in Bad Wiessee gewesen in der Spielbank, und dort ...«
»Beruhige dich, Vater, ganz so arg wird's wohl auch net sein«, meinte Toni, und die Kehle war ihm noch enger geworden als zuvor.
»Beim ersten Mal hab ich ja gewonnen, aber dann hab ich immer tiefer in die Tasche greifen müssen, und ich ... Du wirst hart arbeiten müssen, Bub, damit die Bank ihre Zinsen bekommen kann.«
Toni zwang sich zu einem Lächeln.
»Vor der Arbeit hab ich mich noch nie gefürchtet, Vater, das weißt du«, sagte er ein wenig zu laut. »Gewiss wird's net lange dauern, bis die Herren von der Bank mich in Ruhe lassen. Schließlich versteh ich ja was von der Landwirtschaft, und das hab ich einzig und allein dir zu verdanken. Es wird also keine Schwierigkeiten geben, und es lohnt sich auch net, dass du dir deswegen in dieser Stunde den Kopf schwer machst, Vater. Ich schaffe es gewiss, daran gibt's gar keinen Zweifel.«
Der Vater regte sich nicht. Seine Augen waren wieder geschlossen, und seine Lippen zitterten nicht mehr.
Es dauerte noch ein paar Augenblicke, bis der Vorhofer-Toni begriff, dass der Vater in diesem Moment für immer von ihm gegangen war.
***
Auf dem Laschner-Hof ging es inzwischen hoch her.
Alle Gäste waren dort eingetroffen, eine stattliche Zahl, die den großen Hof füllte. Bei Weitem waren es nicht nur die Hirschentaler, sondern auch noch viele Bauern aus der Umgebung – die reichsten selbstverständlich, wie es sich für einen Laschner gehörte.
Champagner wurde von ein paar Lohnkellnern angeboten. Es war kein deutscher Sekt, sondern echter französischer Champagner. Die Bachnerin, die noch nie zuvor so ein Getränk probiert hatte, der es aber ausgezeichnet schmeckte und die daher gleich drei Gläser hintereinander trank, begann schon zu kichern.
Im riesigen Wohnzimmer, das der junge Laschner an das alte Bauernhaus hatte anbauen lassen, weil es ihm sonst nicht groß genug gewesen wäre, war das kalte Büfett aufgebaut. Es gab Kaviar und Hummer, Aal und Schinken, geräucherte Forellen und vieles andere mehr. Nur keine deftige bayerische Kost, wie man es in Hirschental eigentlich gewohnt war. Aber die heimische Küche war dem Laschner nicht gut und nicht aufwendig genug gewesen.
Die vielen Gäste saßen auch nicht an langen Tischen beisammen, wie es bei den Bauernhochzeiten seit Jahrhunderten der Brauch war, sondern sie standen beisammen, hielten ihre Champagnergläser in den Händen und redeten miteinander. Und wenn jemand sich was vom Büfett holte, setzte er sich dort nieder, wo gerade Platz war. In einem ledernen Sessel vielleicht oder auf einem Kamelschemel aus dem fernen Afrika.
Ja, auf dem Laschner-Hof war alles anders geworden, seit der Gustl den Besitz übernommen hatte. Hoch ging's her, Geld spielte keine Rolle, und eigentlich hatte ein jeder, der ihn kannte, erwartet, dass der Gustl eine ganz andere Frau nehmen würde als die Leitinger-Resi. Eine Städtische vielleicht oder gar Anja von Baldern, dem der Gustl so lange den Hof gemacht hatte.
In der Halle, auch neu eingebaut, am Fuß der breiten, mit einem echten persischen Läufer ausgelegten Treppe, standen Gustl und seine Resi und nahmen die Glückwünsche der Hochzeitsgäste entgegen.
Gustl genoss es, im Mittelpunkt zu stehen, und er machte in seinem Smoking eine sehr gute Figur.
Richtig wie ein feiner Herr aus der Stadt sah er aus oder gar wie einer, der sich schon überall auskannte auf der Welt – in Afrika genauso wie in Amerika, im fernen Indien oder bei den Japanern.
Gustl strahlte, aber Resi neben ihm wirkte ganz anders. Verängstigt, sehr klein, sehr zart und sehr zerbrechlich, blass nach wie vor, obwohl Gustl ihr schon das zweite Glas Sekt in die Hand gedrückt hatte.
War es die Aufregung, die die Resi so beklommen und verstört machte, oder war es etwas anderes? War es vielleicht die Tatsache, dass es jemanden in Hirschental gab, dem die Resi viel lieber ihre Hand für ein gemeinsames, langes und glückliches Leben gereicht hätte?
Aber wer dachte an einem solchen Tag schon über so etwas nach?
Die Gläser klangen, die Stimmen wurden immer lauter, aus etlichen riesigen Lautsprechern dröhnte moderne, stampfende Musik, und am Büfett fand die große Schlacht statt, weil ein jeder sich die besten Brocken sichern wollte. Kaviar und Hummer und Aal – so etwas bekam man in Hirschental nicht alle Tage!
