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+++ Zwei Frauen. Ein paar Vampire. Herzschmerz, Liebe, Humor, Spannung – ein bunter Mix. +++ Mitten unter uns leben Vampire. Das müssen auch Regina und Angela erfahren. Die eine ist entsetzt darüber, die andere nimmt es relativ gefasst auf. Nachdem Regina sich von Ryan getrennt hat, scheint der geradezu von ihr besessen zu sein und obendrein der Meinung, er sei ein Vampir. Vollkommen deppert! Findet Regina und versucht, ihm zu entkommen. Ein mühseliges und sinnloses Unternehmen. Angela ist Parys Freundin gewesen. Aber er fällt einem Wahnsinnigen in die Hände und bittet Angela im Sterben liegend um einen letzten Gefallen. Kerry, den sie daraufhin kontaktiert, behauptet, ein Vampir zu sein. Ist ihr egal. Solange er sich nicht in eine Fledermaus verwandelt, kann sie damit leben. Doch ausgerechnet Regina und Angela, die vollkommen ahnungslos in die Welt der Vampire katapultiert werden, scheinen der Schlüssel für deren Zukunft zu sein. Denn der Wahnsinnige, der bereits einige Vampire auf dem Gewissen hat, ist nur das Werkzeug von etwas viel Größerem. +++UPDATE: Gut zu wissen, dass es noch Leser gibt, die der deutschen Rechtschreibung mächtig sind. Blöd, wenn Fehler im eigenen Buch auftauchen. Noch dämlicher, wenn man - nach einigem Zweifeln - bemerkt, dass das unkorrigierte Dokument hochgeladen wurde. ICH BITTE VIELMALS UM ENTSCHULDIGUNG! Sollten sich immer noch Fehler finden, darf das gern auf meine eigene Schusseligkeit geschoben werden. Denn Yvonne, die das Korrekturat übernimmt, hat sicher alles angestrichen.+++
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Seitenzahl: 483
Veröffentlichungsjahr: 2016
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R. R. Alval
Alpha & Omega
Liebe geht durch den Fangzahn
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1
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5
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20
Epilog
Info
Impressum neobooks
Regina schluckte hörbar ihr Entsetzen hinunter und presste die Hand vor den Mund, um nicht laut zu schreien. Was sie da hörte, war nicht misszuverstehen. Grob gesagt: Es war ein Desaster. Die Tür zu Ryans Arbeitszimmer war geschlossen; dennoch konnte sie seine Stimme klar und deutlich hören. Ebenso die einer Frau, die stöhnte und keuchend Fragen über Regina stellte. Wieder schluckte sie. Doch diesmal schüttelte sie den Kopf, schloss die Augen und fasste einen Entschluss. Leise, um sich nicht bemerkbar zu machen, schlich sie von der Tür weg und stieg die Treppen zu ihrem Schlafzimmer hinauf. Das riesige Haus von Ryan hatte mehr als eines davon; ihres lag im Obergeschoss. Genau wie die anderen Räume war es geschmackvoll, elegant und vor allem teuer eingerichtet.
Angespannt ließ sie sich aufs Bett sinken. Hatte Ryan wirklich so von ihr gesprochen? Ja, es sei denn, ihre Ohren litten an akustischen Verstopfungen. Obendrein hatte er seine Sekretärin bei sich, mit der er offensichtlich keine Unterlagen durchging.
Regina lachte verächtlich. Wie hatte sie nur so dämlich sein können? Er – der dunkelhaarige, große, attraktive Mann liebte sie – die pummelige, kleine Durchschnittsfrau mit überdurchschnittlichem Konto? Über sich selbst den Kopf schüttelnd, senkte sie ihr Gesicht in die Hände und unterdrückte die Tränen. Sie liebte diesen Mann. Doch alles, was er wollte, war ihr Geld. Er schien wohl doch nicht so wohlhabend zu sein, wie das elegante Haus ihr vorgegaukelte. Und ebenso wenig charmant oder verliebt in sie, wie er sie glauben ließ. Er hatte sie im Beisein der anderen Frau Specki genannt, was ihr fast noch mehr weh tat, als die Tatsache, dass er sie betrog und nach Strich und Faden belogen hatte.
Sie selbst hatte er noch nicht einmal geküsst!
Sie kannten sich jetzt gut ein Jahr; lebten seit drei Monaten zusammen. Aber da sie in letzter Zeit ständig unter Termindruck gestanden und für ihre Arbeit gelebt hatte, war ihr nicht mal aufgefallen, dass sie sich stetig voneinander entfernten statt enger zusammen zu rücken. Liebe auf den ersten Blick? Mit Zärtlichkeiten und Sex warten bis nach der Hochzeit?
Regina schallt sich für ihre eigene Dummheit. War sie denn derart bedürftig, dass sie sich nach der letzten schmerzhaften Trennung von ihrem damaligen Freund und dem Verlust ihrer Eltern mit dem erstbesten – zugegeben sehr attraktiven und hin und wieder äußerst charmanten Mann – zufrieden gab?
Zitternd kramte sie ihr Handy aus der Hosentasche ihrer verbeulten Jeans. Im Gegensatz zu Ryan legte sie keinen großen Wert auf ihr Äußeres. Vielleicht war das auch ein Grund, weswegen er ihr gegenüber keine echten Gefühle empfand. Sie schüttelte den Kopf.Nein, das war es nicht.Er liebte sie nicht. Hatte er nie und würde er nie. Sonst würde er sie wohl kaum betrügen! Alles was er wollte, war ihr Geld. Wie hatte er zu der Frau gesagt? Ach ja, sobald sie verheiratet wären, wäre er der Erbe ihres Vermögens. Darauf hatte die Tussi schallend gelacht und gemeint, dass ein Unfall ja so schwer nicht vorzutäuschen wäre. Er plante schon ihr Ableben! Konnte er tatsächlich so schnell als Alleinerbe gelten? Mit zittrigen Fingern wählte sie die Nummer ihres besten Freundes. „Busch.“, ertönte es am anderen Ende der Leitung. „Erik, hallo. Darf ich dich kurz stören?“
„Regina, hi, klar. Du darfst immer stören, das weißt du doch.“
„Hast du Zeit? Können wir uns irgendwo treffen?“ Bloß nicht heulen, dachte sie. „Du klingst gar nicht gut. Willst du zu mir kommen? Oder lieber in ein Café?“
„Ist mir egal.“
„Gut, dann in zwanzig Minuten im All-Inn“?
Regina nickte am Telefon und bestätigte Erik ihr Erscheinen mit einem knappen Ja, bevor sie auflegte.Noch immer hing ein Kloß in ihrem Hals. Rücklings ließ sie sich aufs Bett fallen, verschränkte die Arme unter ihrem Kopf und betrachtete die mit Stuck verzierte Decke. Für ein, zwei oder fünf Minuten.Pah, kam gar nicht in Frage, dass sie Trübsal blies.Ryan würde sich wundern! Entschieden schwang sie sich aus dem Bett, schlüpfte in ein paar bessere Hosen, zupfte ihr Top zurecht und fuhr sich mit den Fingern durch ihre ewig aufgeplusterten, rotblonden, schulterlangen Haare. Wie immer verzichtete sie auf Make-up. Wem sollte sie etwas vormachen? Sie war nun mal keine todschicke Designertussi. Für ihr Gewicht war sie viel zu klein, was an einigen Stellen ihrer knapp 1,60 m für sie viel zu deutlich erkennbar war. Wie gern würde sie ein wenig abnehmen, doch ihr fehlte der Ansporn. Ihr innerer Schweinehund redete ihr immer wieder mit einem breiten Lächeln und einem imaginären Augenrollen ein, dass es lächerlich wäre, wenn sie durch die Gegend joggte. Alle Leute würden sich nach ihr umdrehen und sie auslachen. In dem Punkt stimmte sie ihm zu.
Erik tat das nicht.
Er fand ihre Proportionen genau richtig. Wo hatte der nur seine Augen? Weil sie sich zu pummelig fühlte, versteckte sie sich allzu oft hinter ihrem dicken Brillenmodell. Dabei brauchte sie die Brille eigentlich nur zum Lesen. Ausatmend öffnete sie die Tür.
Niemand zu sehen.
Weder auf der Treppe, noch in der riesigen Vorhalle. Das Parkett war auf Hochglanz poliert. Wenn man wollte, konnte man sich in dessen spiegelnder Oberfläche schminken, Pickel ausquetschen, Grimassen schneiden oder kontrollieren, ob die Unterwäsche vorzeigbar war – sofern man einen Rock trug.
Darauf bedacht, keine Geräusche zu machen, ging sie hinunter, schnappte sich eine ihrer Jacken von der Garderobe, griff nach ihrem Schlüssel sowie ihrer Handtasche und schlüpfte unauffällig zur Tür hinaus.
Kalter Wind schlug ihr entgegen.
Obwohl es erst früher Nachmittag war, war es auffallend dunkel. Fast hatte es den Anschein, als hätte das Wetter vor, sie aufzuhalten. Schnaubend schüttelte sie den Kopf. Ihre Haare wehten in ihr Gesicht und ihren Mund, was sie noch mehr verärgerte. Scheiß Wind. Scheiß Ryan! Zielstrebig lief sie zur Garage. Kurzerhand entschied sie sich dagegen. Sollten doch alle denken, sie wäre noch daheim. Wahrscheinlich würde es Ryan gar nicht auffallen, dass sie unterwegs war. Würde das Auto fehlen – nun, das stach ihm gewiss ins Auge.
Stolz erhobenen Hauptes schritt sie die kreisrunde Einfahrt hinab zum Ausgang des Anwesens. Die hohen Bäume, die die Straße säumten, schwankten bedrohlich. Die Zweige ächzten und knackten. Regina klappte den Kragen ihrer Jacke hoch und vergrub ihre Hände in den Jackentaschen. Schon lange hatte es keinen so kalten September mehr gegeben.
Wo war nur der Altweibersommer mit seinen goldenen Spinnfäden? Die lauen Abende, die den Sommer ausklingen ließen?
Fröstelnd bog Regina um die nächste Ecke, überquerte die Straße und erreichte gerade noch die vor ihr auftauchende Haltestelle, ehe ein feucht-fröhlicher Wolkenbruch über sie hereinbrach. „Toll.“ Sofort wünschte sie sich, doch das Auto genommen zu haben. Sie hatte zwar einen Schirm in ihrer Tasche, doch der würde bei diesem Wind keine Minute standhalten. Wenigstens hatte sie ein Haargummi dabei, mit dem sie ihre zerzauste Mähne bändigte. Augenrollend sah sie an den Fahrplan, was sich jedoch im selben Moment erübrigte. Der Bus bog soeben um die Ecke.
Sie beeilte sich einzusteigen, ohne nass zu werden, kaufte sich einen Fahrschein und setzte sich. Der Fahrer fuhr langsam. Konnte daran liegen, dass die Sichtweite bei einem geschätzten halben Meter lag. Innerhalb weniger Minuten stand die Straße fast fünf Zentimeter unter Wasser; eine dicke Nebelwand behinderte die Sicht. Regina wischte über die Fensterscheibe, doch das nützte nicht viel. Ihre Brille war ebenso nass und beschlagen. Hoffentlich stieg sie an der richtigen Haltestelle aus.Ihre Sorge war unbegründet. Die Ansage im Bus verkündete kurze Zeit später ihr Ziel. Hastig zog sie die Kapuze über den Kopf und beeilte sich, in das mäßig gefüllte All-Inn zu gelangen. Erik, der bereits wartete, begrüßte sie mit einer herzlichen Umarmung.
„Na Kleines, was ist los?“, fragte er, nachdem er für sie beide einen Irish Coffee bestellt hatte, der nun herrlich warm und dampfend vor ihnen stand. An ihrem Getränk nippend, erzählte sie ihm ohne Umschweife, was sie vorhin im Haus gehört hatte. Erik reagierte genauso, wie sie erwartet hatte. „Mein Gott, dieses arrogante Arschloch!“ Theatralisch winkte er mit beiden Händen ab. „Ich hoffe doch, dass du dich von ihm trennst.“, stellte er mit Nachdruck fest. „Und ob. Darauf kannst du Gift nehmen.“
„Kleines, ich sage dir, Männer, die so ausschauen wie er, mit denen kann man nichts anfangen. Gut zur Deko, aber zu sonst nichts nütze. Nicht, dass ich dir dein Glück nicht gegönnt hätte, aber irgendwie passt ihr nicht zusammen.“
„Glaub mir, ich weiß das, Erik.“
„Schatzilein, sei nicht so geknickt. Ich meine nicht das Optische. An ihm ist irgendetwas, dass ich mit etwas Düsterem, Unergründlichen verbinde, wohingegen du die reinste und pure Lebensfreude bist.“
„Ach so? Ich dachte, du magst ihn!“ Erik zog eine Augenbraue in die Höhe und funkelte Regina herausfordernd an. „Ja, ich mag ihn. Er ist ein – hach – toller Hecht. Nur einmal… du verstehst schon, was ich meine. Dieser Kerl weiß einfach noch nicht, wie gut es mit einem Mann ist.“
„Woher willst du das wissen?“
„Schatzi, wenn das so wäre, wäre er längst bei mir.“, zwinkerte er ihr gewitzt zu. „Gott Erik, du bist unverbesserlich! Warst du letzte Woche nicht noch mit Antonie glücklich?“
„Adrian.“
„Oder so. Ich wusste, es war etwas mit A.“
„Ja, das war vorige Woche. Aber er ist kaum das, was ich meinen Traumprinzen nenne.“
„Wie sollte der denn sein?“ Erik ließ gekonnt seine zurecht gezupften Augenbrauen hüpfen. „So wie du, Schatzilein. Nur eben mit dem nötigen Extra zwischen den Beinen. Witzig, charmant, intelligent, sinnliche Lippen, lange Finger, gepflegte Fingernägel, eine angenehme Stimme… eben wie du.“ Also auch pummelig, klein und langweilig. „Du hast echt einen beschissenen Geschmack.“ Regina musste lachen. Erik begann ebenfalls zu kichern. „Kleines, ich habe nichts dagegen, wenn mein Lover ein paar Pfund zu viel hat. Weißt du, das ist bei manchen Dingen ganz angenehm. Pikende Hüftknochen gibt es da unter Garantie keine. Sehr unangenehmes Gefühl. Ich kenne dich. Du hast dir eben sicher auch eingeredet, du wärst langweilig. Dabei schaffst du es immer, mich zum Lachen zu bringen.“ Hmhm… und er kann meine Gedanken lesen. Ganz bestimmt!
Regina genoss die Unterhaltungen mit Erik. Er war fast so groß wie Ryan, hatte ebenfalls dunkle, allerdings kurze Haare. Seine klugen blauen Augen strahlten sie verschmitzt durch seine Designerbrille an. Er war ein Bild von einem Mann, in den sich keine Frau verlieben sollte. Doch viele taten es. Schon allein wegen seines Aussehens. Allerdings war Erik vom Kopf bis zur großen Fußzehe auf Männer eingestellt, was man erst auf den zweiten Blick erkannte.
Oder den zehnten.
Wer die beiden so sitzen sah, konnte sie durchaus für ein Paar halten. Selbst Ryan hatte keine Ahnung von Eriks Neigung. Regina musste sich allerdings eingestehen, dass er ihre Freunde sowieso kaum kannte. Es interessierte ihn nicht. Zugegeben: Erik war ihr einziger Freund. Sie hatte noch ein paar Bekannte. Doch es war schon eine Ewigkeit her, dass sie sich mit jemanden aus ihrem früheren Freundeskreis getroffen hatte. „Und? Wann willst du es ihm sagen?“, fragte Erik drängend. „Was denn?“
„Na das mit uns, Dummerchen.“, grinste er und ergriff ihre Hand.
„Charmebolzen.“ Regina lächelte und ließ sich von ihm zärtlich mit dem Daumen über ihren Handrücken streicheln. Es war eine Geste unter Freunden, die manche falsch verstehen könnten. „Ich hatte mir überlegt, noch eine Weile gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Aber ich denke, es ist besser, wenn ich es sofort hinter mich bringe. Oder?“ Erik nickte zustimmend. „Ich bin ganz deiner Meinung. Und vergiss nicht, ihm den Ring wieder zu geben. Es ist ein Familienerbstück, nicht wahr?“
„Hm, ist er. Aber er ist so schön. Als ob er für meine Hand entworfen wäre.“
„Das ist wahr.“, stimmte Erik ihr mit ehrfürchtiger Stimme zu. Ein grüner Smaragd funkelte in einer goldenen Fassung, in der Ryans Familienname eingraviert war. Hatte er behauptet. Die Schriftzeichen konnte sie nicht lesen. „Beinahe hätte ich ihn geheiratet, Erik.“
„Hey, Kopf hoch Kleines! Du kannst noch aussteigen. Freu dich darüber. Es ist schade um dieses einmalige Schmuckstück. Aber du hast so viel Geld, du könntest dir einen machen lassen. Mit deinem Namen.“ Prustend verschluckte sich Regina an ihrem Irish Coffee und lief prompt rot an. „Wo wir schon dabei sind. Du kannst sein Anwesen kaufen. Dann hat er wenigstens wieder ein bisschen Kohle.“, grinste Erik, fügte aber bedenkend hinzu, dass Ryan dann wohl obdachlos wäre. „Das würde ihm ganz recht geschehen.“, zerstreute sie seine Bedenken.
„Wie weit bist du eigentlich mit deinem Buch?“, lenkte Erik sie vom Thema ab. „Och, noch nicht soweit. Ich hab zwar schon etwas im Hinterkopf, doch das muss erst zu Papier gebracht und ausformuliert werden. Ein wenig Zeit hab ich ja noch, bevor mein Agent rot sieht.“
„Stimmt. Außerdem ist es für dich mehr ein Hobby, oder? Ich meine, es ist schließlich nicht so, als ob du tatsächlich auf den Job angewiesen wärst.“ Erik zwinkerte ihr amüsiert zu. „Wie wahr. Aber allemal besser, als wenn ich gar nichts tue. Ich verblöde, wenn ich nichts zu tun habe.“
„Das glaube ich dir. Weißt du noch, als ich fünf Monate daheim war? Ich hätte die Wände hochgehen können; und keine Arbeit in Sicht. Wenn ich dich nicht gehabt hätte, wäre ich immer noch daheim. Ohne dein Geld hätte ich mich nie selbstständig machen können.“
„Und nun bist du ein eingetragener Zahlenfreak, der für andere die Steuererklärung und die Buchhaltung macht. Hätte nicht eins davon gereicht?“
„Wieso? Ich beherrsche beides. Es wäre, als dürftest du zwar schreiben, aber nie lesen.“ Regina schluckte. Das wäre eine Strafe für sie. „Irgendwer hat da oben sämtliche Schleusen geöffnet.“ Beide verzogen – mit einem besorgten Blick aus dem Fenster – das Gesicht. „Ja… und alle vorhandenen Duschköpfe und Wasserhähne.“, fügte Erik hinzu. „Und da wir beide Irish trinken, nehme ich an, du bist ebenfalls ohne Auto da?“
„Gut erkannt, mein Hübscher. Aber der Irish ist es wert.“ Genüsslich nahm sie einen großen Schluck von ihrer bereits dritten Tasse. „Selbst wenn ich mit dem Auto hier wäre, könnte ich jetzt nicht mehr fahren. Ich hab einen Schwips.“ Erik lachte. „Dabei habe ich keine Absicht, dich betrunken zu machen.“
„Wozu auch?“ Erik zuckte mit den Schultern. Auch er hatte schon fast den dritten Kaffee mit Schuss geleert. „Nicht, dass wir in betrunkenem Zustand auf dumme Ideen kommen? Außerdem bist du noch lustiger und richtig tollpatschig, wenn du betrunken bist.“, murmelte er grinsend in seine Tasse. „Ich wüsste nicht, auf welche Ideen ich kommen sollte… Und ich bin kein bisschen tollpatschig! Ich könnte höchstens auf die Idee kommen meinen Namen zu ändern. Warum mussten mich meine Eltern ausgerechnet Regina nennen? Ich bin 25. Ich hasse diesen Namen.“
„Sei stolz auf deinen Namen! Er bedeutet Königin. Um wie viel besser sollte dein Name werden?“
„Ach, das ist mir doch wurscht, was er bedeutet. Frauen, die um die 50 sind, haben so einen, aber niemand in meinem Alter – abgesehen von mir. Woher weißt du das überhaupt?“
„Was, die Bedeutung?“ Regina nickte stumm und sah ihn streng an. „Meine Mutter heißt Regina. Schon vergessen?“
„Siehst du!“ Missmutig schob sie ihre Unterlippe vor und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich will einen schönen, anmutig klingenden Namen. Wie Celeste. Oder Michelle.“
„Ach komm schon. Regina ist doch gar nicht so übel. Schlimmer wäre, wenn deine Eltern dich Martha oder Agnes genannt hätten.“
„Du hast gut reden. Dein Name ist auch normal.“
„Und das ist gut so. Stell dir vor, du brauchst irgendetwas und musst deinen Namen immer erst buchstabieren. Das kann auf die Dauer ganz schön nerven.“ Regina lachte. „Auch wieder wahr. Ich werde wohl mit diesem Vornamen leben müssen. Schon allein, wenn ich daran denke, wie viel Papierkram ich wegen eines neuen Namens erledigen müsste.“
„Braves Mädchen.“ Erik bestellte gleich darauf einen weiteren Kaffee. Sie unterhielten sich angeregt, bevor sie kurz vor Schließung des Lokals noch einmal über das leidige Thema sprachen. Regina hatte eigentlich vorgehabt, in ihre eigene Wohnung zu gehen. Vielleicht war es ein Wink des Schicksals, dass sie es bis jetzt nicht geschafft hatte, diese aufzulösen. Gleich nachdem sie ihre Klamotten von Ryan abgeholt, den Ring zurückgegeben und sich somit offiziell von ihm getrennt hätte, wäre sie dementsprechend nicht ohne Bleibe gewesen. Doch Erik machte ihr einen Vorschlag, den sie nicht abschlagen konnte.
Oder wollte.
Die gesamte Woche blieb sie tapfer und ließ sich nicht bei Ryan blicken. Auch die darauf folgende setzte sie keinen Fuß in sein Haus. Falls er sich Sorgen machte… Sie besaß ein Handy. Wie fast jeder Normalsterbliche auf diesem Planeten, der älter war als fünf. Na gut, sieben. Doch es klingelte kein einziges Mal. Allein diese Tatsache brach ihr fast das Herz. Fast! Denn nachdem, was sie nur durch diesen blöden Zufall gehört hatte, war es schon ein einziger Scherbenhaufen. Mehr konnte da nicht kaputt gehen.
Abends – nach ihrem Gespräch mit Erik – war sie endlich in Tränen ausgebrochen. Sie hatte Rotz und Wasser geheult. In Etappen.
Mehrere Tage lang.
Erik, bei dem sie untergekommen war, tröstete sie; er sprach ihr Mut zu. Es war tatsächlich besser gewesen, vorübergehend bei ihm zu wohnen, als allein in ihren eigenen vier Wänden zu hocken. Oder noch schlimmer: wieder zu Ryan zurückzugehen. Ein Freund tat ihr gut. Erik war ein verdammt guter Freund. Wenn er nicht ebenso wie sie das männliche Geschlecht bevorzugen würde, hätte sie ihn für sich allein beansprucht. „Wir wären ein fantastisches Team.“, murmelte sie, während sie in der Wohnstube gedankenverloren durch eins der Magazine blätterte.
„Schatzilein?“, rief Erik aus dem Schlafzimmer, „Kannst du mal eben kurz herkommen?“ Regina stand von der Couch auf und folgte seiner Bitte. Als sie ins Schlafzimmer trat, fielen ihr fast die Augen aus dem Kopf. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“ Mit zitternden Lippen versuchte sie, ihr Lachen zu unterdrücken. „Doch, das ist mein Ernst. Ich habe beschlossen, dass wir heute Abend ausgehen. Und solltest du dich nicht von mir überreden lassen dich aufzubrezeln, gehe – ich – genau – so.“
„Du würdest dich lächerlich machen? Für mich? Lasse ich mich wirklich derartig gehen?“ Erik nickte. Er sah ernsthaft verrückt aus. Verrückt mit vier R und mindestens drei Ü. Seine Haare hatte er streng nach hinten gegelt, seine schicke Brille gegen ein etwas älteres Modell der Marke Panzerglas ausgetauscht. Er trug enganliegende, quietsch-gelbe Jeans, dazu eine pinkfarbene Rüschenbluse, die wohl irgendwann zu Halloween einmal weiß gewesen war. Um das Ganze noch zu toppen, trug er mehrere Ketten mit bunten Glasperlen, ein Magnetarmband aus den 80-ern und weiße Slipper, aus denen grüne Socken hervorlugten. „Ah, ich gebe auf. Was immer du vorhast, ich bin zu allen Schandtaten bereit. Nur bitte, zieh dich an wie ein Mensch; nicht wie ein Papagei.“ Erik lachte schallend und riss Regina in seine Arme. „Ich liebe dich, weißt du das?“
„Klar weiß ich das, du verrückte Nudel.“, Regina schmiegte ihr Gesicht in die pinkfarbenen Rüschen. „Sobald ich umgezogen bin, gehen wir zum Friseur. Einen Termin hab ich schon ausgemacht. Anschließend kaufen wir neue Klamotten für dich und schauen beim Optiker, ob sich was Besseres findet als dieses seltsam anmutende Brillengestell.“
„Warum, das ist doch schön?“
„Weil es rot ist?“ Regina nickte. Sie hatte einen Rottick, der sich absolut nicht abstreiten ließ. Nur leider passte Rot von allen Farben am wenigsten zu ihr.
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Gute vier Stunden später betrachtete sich Regina mit offenem Mund im Spiegel. „Das bin wirklich ich? Keine Halluzination?“ Erik schmunzelte Reginas Spiegelbild an, wobei er seine Hände und seinen Kopf auf ihren Schultern legte. „Das bist du.“ Sie konnte kaum glauben, was sie sah. Zugegeben: Sie war immer noch klein und – wie sie fand – pummelig. Doch zum ersten Mal kam sie sich umwerfend schön vor. Dabei trug sie so gut wie kein Make-up. Ihre Haare waren ein wenig kürzer als vorher; etwas anders geschnitten. Sie fielen nun locker in ihr Gesicht. Außerdem waren sie aufgehellt worden, so dass sie durchaus als Blondine durchgehen konnte. Die Brille trug sie nicht. Die Jeans waren ersetzt durch gerade geschnittene dunkelgrüne Stoffhosen. Dazu eine cremefarbene, legere Bluse mit einem großzügigen Ausschnitt. Sie kaschierte ihre klitzekleinen Problemzonen und machte ihr Dekolleté zu einem Hingucker. Regina hatte außerdem ein anderes Ensemble anprobiert, das ebenfalls ihre – wer weiß wie vielen – vermeintlichen Problemzonen verbarg und ihre ungewöhnliche Augenfarbe betonte. Der Friseur, den Erik offensichtlich näher kannte und mit dem er ungeniert flirtete, verriet ihr ein paar Tricks, wie sie mit wenigen Handgriffen ihre Frisur veränderte. Ob wild, romantisch oder ladylike… es schien so einfach, sich zu verändern. „So! Und jetzt noch ein paar Klamotten für den Alltag. So gestylt gehst du zu Ryan, trennst dich von ihm – falls er das bis jetzt noch nicht geschnallt hat – und dann bist du frei für einen Abend mit mir.“
„Du hast mich doch schon zwei Wochen am Hals.“ Ihr schwacher Protest stieß bei Erik auf taube Ohren. „Na und? In den zwei Wochen waren wir kein einziges Mal aus. Ich möchte mit dir Tanzen gehen, ein wenig Spaß haben, dich unter Leute bringen. Wer weiß, vielleicht triffst du deinen Traummann?“
„Genau.“, gluckerte Regina mit leichtem Sarkasmus, „Und der ist zufällig ein Prinz und ich seine lang gesuchte Königin.“ Erik überhörte ihre Ironie geflissentlich und nickte begeistert. Mit sicherer Hand wählte er drei weitere Outfits aus dem riesigen Angebot, die sie anprobieren musste. „Du hättest Stylist oder so was werden sollen. Du bist einfach…“ Ihr fehlte das richtige Wort. „Ich bin der Beste, sag es einfach.“
„Ja, bist du.“ Erik schlug vor, eine Variante gleich anzulassen, damit sie gar nicht erst auf die Idee käme, den Besuch bei Ryan zu verschieben. „Wenn du willst, fahr ich dich sogar hin.“
„Lass mal. Ich bin schon erwachsen, weißt du?“
Schulterzuckend schnappte er sich den Berg an Klamotten und begleitete Regina zur Kasse. Nachdem alles bezahlt und in Tüten gepackt war, verließen sie das Geschäft. „Ich nehm das alles mit, ok? Du kommst doch sicher mit deinem Auto, wenn du deine Sachen holst. Vergiss den Ring nicht!“ Regina schmollte. „Warum musstest du mich erinnern? Wo ich ihn so schön finde.“
„Regina!“, ermahnte er sie, woraufhin sie schnell abwinkte. „Ich mag den Ring, aber ich bin nicht blöd.“
„Gutes Mädchen.“ Er küsste sie auf die Stirn, stellte die Tüten auf den Beifahrersitz und stieg ein. „Wir treffen uns später bei mir?“ Regina nickte und winkte ihm kurz nach.
Einen kleinen Moment blieb sie stehen, schloss die Augen und atmete tief ein, bevor sie sich endlich auf den Weg zu ihrem Verlobten machte. Ex-Verlobten, korrigierte sie sich selbst, als sie in den Bus stieg und die Fahrkarte löste.
---
Nur kurze Zeit später lief sie zum Eingang des Hauses. Sie hoffte inständig, dass Ryan ihr nicht über den Weg lief. Würde er ihr nur einmal in die Augen schauen, wäre sie wahrscheinlich nicht in der Lage, die Verlobung zu lösen. Tief einatmend und fest entschlossen, sich nicht von seinen grünen Augen ablenken zu lassen, betrat sie das Haus.Es war ruhig.Anscheinend war niemand zu Hause. Puh, Schwein gehabt! Erleichtert atmete sie aus, ehe sie eilig die Treppe hinaufging und oben ihr Schlafzimmer betrat. Eigentlich hatte sie es stets als Gästezimmer empfunden. Denn obwohl sie mit Ryan verlobt war und er darauf bestanden hatte, dass sie bei ihm einzog, waren sie sich nie näher gekommen. Den wahren Grund kannte sie nun.
Am liebsten würde sie sich für ihre eigene Blödheit ohrfeigen. Das wäre noch dämlicher.
Sie schnaubte, klappte das Bett auf und angelte sich ihre zwei darin verstauten Koffer. Ohne große Sorgfalt stopfte sie sämtliche Klamotten hinein, ebenso ihre Schuhe. Nachdem sie alles irgendwie in die Koffer gequetscht und diese endlich verschlossen hatte, hievte sie die unhandlichen Teile mit großer Mühe die Treppe hinunter. Unten angekommen stellte sie diese ab und lockerte ihre tauben Finger. Kurz entschlossen klopfte sie an Ryans Arbeitszimmer. Keine Antwort – auch gut. Sie wusste, dass es in seinem Zimmer Briefumschläge gab. In der Absicht, einen zu holen, drückte sie die Türklinke. Zu ihrem Erstaunen war sie verschlossen.
Leise fluchend begab sich in den Salon. Irgendwo in einem der vielen Schubläden würde sie sicher einen Umschlag finden. Eine halbe Stunde später fand sie endlich, wonach sie suchte und schrieb mit ihrer üblichen, harmonieträchtigen Schrift eine klitzekleine, unmissverständliche Notiz dazu. Diese faltete sie zweimal, steckte sie in den Umschlag; ebenso den Haustürschlüssel. Zum Schluss noch den Ring, der laut zu schreien schien, dass sie ihn behalten sollte.
Behalten musste!
Mit zittrigen Fingern verschloss sie den Brief und überlegte, wo sie ihn am besten hinlegte. Nach einiger Überlegung kam sie zu dem Entschluss, dass er im Briefkasten am besten aufgehoben war.
Sie nahm ihre Koffer, schnappte sich ihren Autoschlüssel von der Ablage und ging nach draußen. In die Tür legte sie ihre Handtasche, damit diese nicht zufiel. Nachdem sie das Auto aus der Garage geholt und die Koffer darin verstaut hatte, musste sie nur noch den Türstopper… die Handtasche holen. Ein letztes Mal schaute sie sich um. Gerade noch rechtzeitig erinnerte sie sich an ihren Laptop – ihr wichtigstes Utensil. Der stand in einem anderen Zimmer, was sie als Arbeitsbereich genutzt hatte. Sie ließ die Tür zufallen, holte ihn rasch und verstaute ihn in der dafür vorgesehenen Tasche. Noch einmal ging sie in Gedanken die Zimmer durch, um sich zu vergewissern, dass sie nichts übersehen hatte.
Hatte sie nicht.
Sie hängte sich die Handtasche um, klemmte sich die mit dem Laptop unter den Arm, tastete in ihrer Jacke nach dem Briefumschlag und öffnete die Tür. Beinah hätte sie alles fallen lassen. Jegliche Farbe schwand aus ihrem Gesicht. „Leroy.“, stammelte sie mit klopfendem Herzen. „Hey Kleines! Wow, du siehst gut aus. Hab ich dich erschreckt?“
„Ähm, danke. Nein, nicht wirklich. Ich hatte bloß nicht erwartet, dass du jetzt vor der Tür stehst.“, log sie. Na ja, eigentlich war es nicht gelogen. Sie hatte gehofft, keinem über den Weg zu laufen. Hoffentlich bemerkte er nicht, dass sie keinen Ring trug. Damit wollte sie jetzt nicht konfrontiert werden. Gleich gar nicht von Ryans Bruder. „Ach so.“, lachte Leroy, „Hast du ein Date, weil du so… anders ausschaust?“
„So was ähnliches.“
„Dann will ich dich nicht aufhalten.“ Leroy machte ihr den Weg frei. „Kannst du das bitte Ryan geben?“ Freundlich lächelnd hielt sie ihm den Brief hin. „Was ist da drin?“, fragte er stirnrunzelnd. „Eine Überraschung.“, hauchte sie mit einem flirtenden Wimpernschlag und ließ Leroy völlig verdattert stehen. Man Kleines, anscheinend bist du ihm doch auf die Schliche gekommen. Gut gemacht., dachte Leroy und schaute ihrem Auto hinterher, das eben die Ausfahrt verließ.
---
„Wie? Regina war hier? Wann? Wo ist sie?“, fragte Ryan hastig. „So gegen fünf. Wieso?“
„Wieso? Meine Verlobte taucht nach 14 Tagen hier auf und du fragst nicht mal, wo sie war?“ Er brauchte einen Moment, um sich zu beruhigen. „Entschuldige bitte.“, antwortete Leroy gereizt. „Wenn deine Verlobte zwei Wochen nicht heimkommt, dann könnte es daran liegen, dass sie sich nicht wie deine Verlobte fühlt. Und woher soll ich das überhaupt wissen? Ich dachte, sie tippt in ihrem Zimmer an einem ihrer Bücher.“ Ryan knurrte frustriert. Genau das hatte er auch angenommen.
Anfangs.
Doch irgendwie erschien es ihm seltsam, dass er ihre Anwesenheit nicht spüren konnte. Schließlich hatte er nachgeschaut. Erst in ihrem Arbeitszimmer. Dann in ihrem Schlafzimmer. Er hatte in jedes gottverfluchte Zimmer des Hauses geschaut. Sogar im Keller! Nirgends eine Regina. Erst wollte er sie anrufen, rief sich aber in Erinnerung, dass er gar nichts für sie empfand. Es gab keinen Grund, sich ihretwegen zu sorgen. Am vierten Tag hatte er sich schrecklich verlassen gefühlt und trotz aller Vorbehalte war er kurz davor gewesen, ihre Handynummer zu wählen. Wiederholt hatte er sich eingeredet, dass sie ihm nichts bedeutete. Nach einer Woche, in der er sie nicht gesehen und ihre Gegenwart nicht gefühlt hatte, war sein Verlangen nach anderen Frauen heftiger denn je.
Er wollte nicht ihre Körper, sondern ihr Blut.
Sein Durst wurde immer schlimmer.
Teilweise konnte er nicht mehr denken.
Doch je mehr er trank, umso hungriger fühlte er sich.
Er hatte angenommen, dass es purer Zufall war, dass er mit Regina in seiner Nähe ausgeglichener war.
Anscheinend hatte er sich geirrt.
„Hat sie gesagt, wann sie wieder kommt?“ Leroy schüttelte den Kopf. „Nein, aber den hier soll ich dir geben.“ Überrascht griff Ryan nach dem Brief und tastete ihn ab. Was mochte wohl darin sein? Ein Ring? Vorsichtig öffnete er ihn und ließ den Inhalt in seine Handfläche gleiten. Schwer schluckend öffnete er den beigefügten Zettel, auf dem nur ein einziges Wort stand: Bye. „Sie hat…“ Ryan war nicht imstande den Satz zu beenden. „Sich von dir getrennt.“, meinte Leroy mit ernstem Gesicht. „Was hast du erwartet? Du behandelst sie wie Luft, amüsierst dich mit anderen Frauen. Wie lange hast du gedacht, macht sie das mit?“
„Unmöglich. Sie hat mich nie mit einer anderen gesehen. Kein einziges Mal!“
„Vielleicht hat sie jemand anderen kennengelernt? Einen, der sich um sie kümmert?“ Leroys Schadenfreude war nicht zu überhören. „Ich muss sie zurückhaben.“ Ryans Aussage klang todernst. „Wozu? Du willst nur ihr Geld. Meinst du nicht, dass es noch andere Frauen mit genug finanziellen Mitteln gibt, die du – wenn ich dich erinnern darf – gar nicht nötig hast? Frauen, die nach etwas ausschauen? Nicht so ein kleines, pummeliges, unscheinbares Weibchen.“
„Diese Worte aus deinem Mund, Leroy?“ Ryan schaute seinen großen Bruder entsetzt an. „Ich zitiere dich.“, entgegnete dieser gelassen und zuckte mit den Schultern. „Sie hat heute übrigens richtig süß ausgesehen.“, setzte er zu einem weiteren Seitenhieb an. „Die Haare anders, keine Brille, schicke Klamotten. Wirklich sexy.“
Süffisant lächelnd betrachtete er Ryan, der dasaß wie ein Häufchen Elend. „Sonst verlässt immer du die Frauen. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine, die dich ihrer Meinung nach am wenigsten verdient hat und der du dir sicher sein konntest, dich verlässt? Sonst wirst du die Frauen doch gar nicht los.“
„Ja, mach nur. Nur zu, Bruderherz, bohr weiter in meiner Wunde. Ich habe es verdient.“ Leroy riss die Augenbrauen hoch. „Du willst mir doch nicht sagen, dass du ernsthaft leidest?!“
„Doch, genau das tue ich!“
„Du armer, armer Mann. Jetzt ist dein zukünftiges Geld weg.“, pfiff er durch die Zähne und verschränkte die Arme vor der Brust. „Scheiß auf das bisschen Geld, Leroy. Wenn sie nicht in meiner Nähe ist, kann ich mich kaum beherrschen. Mein Hunger wird größer. Ich weiß nicht, ob ich mich das nächste Mal noch rechtzeitig stoppen kann.“ Ryan schlug die Hand vors Gesicht und schloss die Augen. „Willst du mir sagen, dass sie möglicherweise deine Auserwählte ist? Die Eine?“ Ryan verzog gequält den Mund zu einem falschen Grinsen. „Schaut ganz so aus Leroy.“ Na prima!, dachte dieser augenverdrehend, das hast du ja ganz toll hinbekommen. „Ich kann dich hören.“, schnaubte Ryan. „Das ist mir durchaus bewusst, Kleiner.“, sagte Leroy und leistete seinem Trübsal blasenden Bruder schweigend Gesellschaft.
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Regina kam lachend und erleichtert bei Erik an, nachdem sie ihr Hab und Gut in ihrer eigenen Wohnung abgeladen hatte. Sie fühlte sich gute zehn Kilo leichter. Um genau zu sein: 87 Kilo – sofern Ryan bei seinem Gewicht nicht geschummelt hatte.
Leroys anerkennender Blick geisterte in ihrem Kopf herum. Das erste Mal seit langem fühlte sie sich begehrenswert.Und sexy.Und frei.
Ohne Umschweife lud sie Erik zum Essen ein. Als kleines Dankeschön, wie sie ihm versicherte. Das Restaurant war etwas gehobener, aber dennoch gemütlich. Wie schon so oft gingen sie als Paar durch – störte keinen der beiden. Nachdem sie geplaudert, gegessen und gezahlt hatten, fuhren sie noch einmal zu Eriks Wohnung, um sich für den Abend ausgehfertig zu machen. Lobend pfiff Erik durch die Zähne und raunte ihr zu, dass er sich seine Neigung zu Männern vielleicht noch einmal überdenken müsse. Prompt lief Regina knallrot an.
Durch diese Bemerkung war sie aufgekratzter und aufgeregter denn je, als sie endlich das Tanzlokal betraten. Nicht, dass sich Regina irgendwelche Hoffnung in Bezug auf ihren besten Freund machte. Das ganz sicher nicht. Aber wenn selbst er mit solchen Komplimenten um sich warf, dann musste daran etwas Wahres sein. Er sagte ihr immer die Wahrheit ins Gesicht. Ob die ihr passte, war was anderes. Besonders, wenn sie sich in Kleidungsstücken vertan hatte oder auf die falschen Männer hereinfiel. Genauso, wie es bei Ryan der Fall gewesen war. Jetzt stand sie mit Erik im „Le Nuit“ und ließ ihren Blick über die Anwesenden schweifen. Noch war es recht übersichtlich. Das würde sich bald ändern.
Erik nahm ihre Hand und lief mit ihr bis zu einer kleinen Nische, in der eine runde Couch und ein gekachelter Tisch standen. Von da aus konnten sie den gesamten Raum gut überschauen. „Was trinkst du zur Feier des Tages? Rotwein?“ Erik legte den Kopf schief und lächelte sie fragend an. „Uh, Rotwein? Lieber noch nicht.“, grinste Regina, „Ich nehme ein Bier.“ Erik nickte und winkte eine Bedienung an den Tisch, die sofort die Bestellung entgegennahm. Später würden sie sich ihre Getränke wohl selbst holen müssen. Dann wäre kein Durchkommen mehr. Entspannt lehnte er sich zurück, schlug die Beine übereinander und legte seinen Arm um Reginas Schulter. „Die werden uns alle für ein Paar halten.“
„Sollen sie doch. Damit steigen deine Chancen. Es ist viel aufregender einem anderen die Freundin auszuspannen. Du weißt schon, das Jagdfieber.“ Amüsiert zuckten seine Augenbrauen nach oben. „Und deine Chancen schwinden…“
„Och Liebes, du kennst das doch. Wo ein Wille ist…“ Sie nickte zustimmend. Um anwesende Frauen musste sie sich keine Gedanken machen. Die ließen ihn sowieso kalt. Wenn ihm jedoch ein Mann gefiel, würde Erik schon irgendwie die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken wissen.
Im Gegensatz zu ihr war Erik diplomierter Flirtkönig.
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Der Abend war ausgelassen; Regina fühlte sich pudel… ach was – sauwohl. Sie wurde mehrmals vom Erik zum Tanzen aufgefordert, und immer wieder gelang es ein paar anwesenden Männern, sie ihm auszuspannen. Das steigerte ihr Selbstwertgefühl erheblich. Nach einem aufregenden Mambo mit einem muskelbepackten Latino, kehrte sie ausgepowert an den Tisch zurück. Schluckend musste sie feststellen, dass Leroy sich zu ihnen gesellt hatte. Er unterhielt sich angeregt mit Erik.
In ihrem Kopf versuchte sie, sich zu erinnern, ob die zwei sich kannten. Doch sie konnte sich beim besten Willen nicht entsinnen, sie einander vorgestellt zu haben. Was für ein makabrer Zufall. „Schatzilein!“, rief Erik aufgeregt und winkte sie zu sich. „Das ist Leroy. Wir haben uns gerade kennengelernt. Er ist sehr nett… und genau mein Typ.“ Kopfnickend strahlte er in dessen Richtung. Regina schluckte. Erstens, weil sie Durst hatte und zweitens, weil ihr kurz die Sprache abhandenkam.
Erik war viel zu sehr im Trallalaland mit den rosaroten Herzen oder gedanklich bereits in der Horizontalen, als das zu bemerken. Schmunzelnd reichte Leroy Regina die Hand. „Hallo Regina. Wir sehen uns gleich zweimal an einem Tag. Das muss etwas bedeuten, meinst du nicht?“ Sie ergriff seine Hand. „Das bedeutet, die Stadt ist zu klein.“ Erik sah seine Freundin verwundert an. „Ihr kennt euch?“ Verächtlich schnaubend nahm Regina Platz. „Oh ja, wir kennen uns. Das ist der Bruder des geldgierigen Idioten, der mich um die Ecke bringen wollte.“ Entgeistert starrten die beiden Männer sie an. Erik, weil er ausgerechnet mit Leroy angebandelt hatte und Leroy, weil er glaubte, sich verhört zu haben. Dieser fand als erster seine Stimme wieder. „Ryan wollte was?“
Ungläubig schnellte seine Stimme ebenso nach oben wie seine Augenbrauen. „Jetzt tu doch bitte nicht so!“ Regina lehnte sich zurück und versuchte seinen fragenden Blick zu ignorieren. Ein sinnloses Unterfangen. „Regina, das war eine ernst gemeinte Frage.“ Er lehnte sich über den Tisch, als wolle er sie hypnotisieren. „Ich meinte das ebenso ernst. Er hat schon zusammen mit einer seiner Geliebten geplant, mich durch einen Unfall ins Jenseits zu befördern.“
„Woher…“
„Ich das weiß?“, vollendete Regina mit rollenden Augen seinen Satz. „Die Tür zu seinem Arbeitszimmer ist nicht halb so schalldicht, wie er vermutlich glaubt.“ Leroy schluckte und schüttelte den Kopf. Erik ebenfalls. Beide aus unterschiedlichen Gründen. „Hey, keine Panik. Nur weil ich mit deinem Bruder mehr oder weniger fertig bin, heißt das nicht, dass ich was dagegen habe, wenn ihr zwei… na, ihr wisst schon.“ Abwehrend hob sie die Hände. Erik entspannte sich und sah Leroy mit einem verklärten Blick an. Dass Leroy ebenfalls Männer bevorzugte, hatte Regina vermutet. Jetzt bekam sie es bestätigt. „Da bin ich aber froh.“, sagte Leroy sehr leise. Er hatte seinen Arm besitzergreifend um Eriks Schulter gelegt und verschlang ihren Freund mit gierigen Augen. Regina konnte schon fast die Funken sehen, die zwischen den beiden flogen. Obwohl ihr dieser seltsame Zufall nicht geheuer war, wollte sie Erik keinesfalls im Weg stehen. Sie würde die Sache beobachten; ihm notfalls einen Wink mit dem Zaunpfahl geben.
Oder mit dem gesamten verflixten Zaun, wenn es nötig sein sollte.
Schmunzelnd – aber auch nachdenklich – stand sie auf, entschuldigte sich bei den beiden und drängte sich an die Bar. Dort bestellte sie sich etwas Hartes. Mit irgendetwas musste sie ihren Schreck runterspülen. Das klare Getränk rann brennend ihre Kehle hinunter; ein leichtes Taubheitsgefühl prickelte über ihre Zunge. Sie bestellte ein zweites Glas und kippte auch dieses hinunter. Der Schreck schien sich aufzulösen. Aber war es eine gute Idee, Erik mit Leroy allein zu lassen?
Sie wischte ihre Sorge mit der Begründung, dass er alt genug war, beiseite, bevor sie vom Barhocker rutschte und sich zum Ausgang drängte. Sie musste unbedingt ein wenig frische Luft schnappen. Und eine rauchen. Obwohl sich das ein klitzekleinwenig ironisch anhörte.
Lange blieb sie allerdings nicht draußen – es war arschkalt. Ohne ihre Jacke zitterte sie so sehr, dass sie sich mit ihren klappernden Zähnen auf die Zunge biss. Hoch erhobenen Hauptes ging sie wieder hinein.
Sie hatte sich fest vorgenommen, sich, auch ohne Eriks Beistand, zu amüsieren. Hätte sie sich umgedreht, wäre ihr der Mann aufgefallen, der ihr folgte. Sie hätte sich vermutlich ihre Jacke geschnappt und wäre gegangen.
Doch sie drehte sich nicht um.
Tapfer kämpfte sie sich durch die Massen und blieb kurz vor der Tanzfläche stehen. Zwei attraktive junge Männer mühten sich alsbald um ihre Aufmerksamkeit. Ganz heimlich kam ihr der Gedanke, ob vielleicht ihr Kontostand auf ihrer Stirn tätowiert war. Warum sonst sollten die zwei sich aufführen wie Rivalen? Selbst wenn sie sich heute sexy vorkam – was nicht nur ihre neuen Klamotten und ihre Frisur, sondern auch ihr gewachsenes Selbstbewusstsein bewirkten – war sie noch immer nicht größer und auch nicht schlanker. Und um sie herum standen Frauen, die einer Werbung entsprungen sein könnten. Trotzdem bemühten die zwei sich ausgerechnet um sie. Dabei waren die Männer selbst mehr als nur eine Augenweide. Beinahe konnten sie mit Ryan konkurrieren.
Herrisch rief sie sich in Erinnerung, dass der aus ihren Gedanken verschwinden musste. „Du siehst wirklich verführerisch aus.“, gurrte ihr der größere der beiden ins Ohr. Selbstsicher legte er einen Arm um ihre Taille und zog sie auf die Tanzfläche. Eng umschlungen bewegte er sich mit ihr zu der sehr langsamen Musik. Immer wieder streiften seine Lippen ihre Halsbeuge, was einen köstlichen Schauer durch ihren Körper jagte. „Dich würde ich zu gern …“ Noch bevor er seinen Satz beenden konnte, wurde er von dem anderen Mann abgelöst. „Du gestattest?“, fragte er Regina und schlang nun ebenso vereinnahmend wie schon der andere seine Arme um sie. Doch im Gegensatz zu dem größeren Kerl, der sich als Blake vorgestellt hatte, beließ er es nicht bei den Lippen. Fordernd huschte seine Zunge über ihren Hals und bescherte Regina eine Gänsehaut, die ihre Erregung nur allzu sehr verdeutlichte. Sie bedauerte, dass die Sache irgendwo einen Haken haben musste. In ihrem Leben gab es das nicht.
Nicht, dass an einem Abend zwei Versace-Models an ihrem Hals hingen. Auch nicht, dass sie ihr zuflüsterten, wie sexy sie war und wie gut sie roch. Immerhin musste ihr Parfum längst verflogen sein. Nachdem Carran, wie er sich vorgestellt hatte, auch noch fragte, ob sie mit ihm in eine etwas ruhigere Ecke gehen wollte, hielt sie gar nichts mehr davon ab, sich einzugestehen, dass sie in ihrem Bett lag und einen wunderbaren Traum hatte. Sogar die Namen der beiden waren unwirklich.
„Nimm deine Finger von ihr!“, zischte es hinter ihr. Seltsamerweise kam ihr die Stimme nur allzu bekannt vor. Auf keinen Fall würde sie sich umdrehen. In ihr sträubte sich alles. So schnell wird ein Traum zu einem Alptraum. Sie drückte sich noch enger an Carran, verzweifelt, weil sie darauf gefasst war, dass er sich jeden Moment in Luft auflösen könnte. „Wie du siehst, hat sie keinerlei Interesse an dir.“, entgegnete Carran selbstsicher und schloss seine Finger enger um ihre Schulter. So fest, dass es weh tat.
Regina zuckte kurz zusammen und sog die Luft scharf zwischen ihren Zähnen ein.
„Falsch!“, bestand sein Gegenpart, „Sie ist meine Verlobte.“ Ok, er hatte es geschafft. Sie kochte vor Wut, wagte es aber nicht, ihn anzusehen. Sie wusste, dass sie schwach werden würde, sobald sie in seine grünen Augen sah. Noch ehe sie etwas äußern konnte, hörte sie ein tiefes Knurren aus den Kehlen von Carran und Ryan. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Ein Frösteln zog über ihre Arme. Ihren Nacken. Ihren Rücken. Hey, sogar über ihre Beine!
Das alles ging jedoch so schnell, dass sie kaum realisierte, wie Ryan sie an seine Brust zog, während der andere mit eingezogenem Kopf das Weite suchte.
„Lass mich sofort los!“ Ihr Zischen erinnerte an eine todesmutige Viper; interessierte Ryan nicht die Bohne. „Nein!“, sagte er wütend und drängte sie zum Ausgang. Aus einem ihr unerklärlichen Grund konnte sie sich nicht aus seinem Griff befreien. Das lag nicht daran, dass sie ihm gerade mal bis zur Brust reichte. Sie hätte ihm am liebsten ins Schienbein getreten, aber ihr Körper schien einer anderen Person zu gehören. Als wäre sie nur eine Marionette. Sie hoffte inständig, dass sie bald aufwachte. Sein Arm hielt sie wie in einem Schraubstock schmerzhaft an ihn gepresst. Sie war zwar nicht die Zerbrechlichste, aber sie konnte fast ihre Knochen knacken hören. Anhand der Schmerzen bezweifelte sie jedoch inzwischen, dass sie träumte.
Fassungslos starrte sie ihn an, als er sie endlich losließ und zwischen seinen Händen und der Wand in ihrem Rücken einkeilte. „Was denkst du dir eigentlich?“, fauchte er sie an und stand ihr bedrohlich nah. Trotzig streckte sie ihr Kinn vor und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“ Sollte sie einfach unter seinen Armen hindurch schlüpfen? Im Stillen schüttelte sie den Kopf. Er war sicher schneller als sie. Momentan obendrein auch ziemlich Angst einflößend. „Jetzt stell dich doch nicht dümmer als du bist!“ Erbost funkelte er sie an. Beim grünkarierten Steinbeißer, sie hasste seine Augen. Sie waren so… eindringlich. Jedes Mal wurde sie von ihnen gefangen genommen. „Der Einzige, der sich hier dumm stellt, bist du. Es geht dich verdammt noch mal nichts an, was ich wann mit wem mache.“, zischte sie ebenso aufgebracht wie er, „Und wenn ich da drin nackt tanze, geht dich das auch nichts an.“, setzte sie dem i ein Tüpfelchen auf. „So?“, fauchte er, „Das geht mich verdammt noch mal sehr viel an. Du bist meine Verlobte!“ Er kam ihr noch näher, was sie gar nicht von ihm kannte. Ein Lachen quetschte sich aus ihrer Kehle. Das war das Absurdeste, was ihr in den Sinn kommen konnte. Ryan, der sie sonst immer auf Abstand hielt – von wegen warten bis zur Ehe… sie kannte den Grund inzwischen – sollte auf einmal eifersüchtig sein?
Sie war sich sicher, dass er ein guter Schauspieler war. Sein fest eingerechnetes Geld, ihr Geld, ging ihm durch die Lappen. „Oh Gott! Was für eine Show, Ryan. Aber du hast da einen wichtigen Punkt übersehen. Ich habe die Verlobung aufgelöst. Wir sind fertig miteinander. Und bevor du jetzt auf die Idee kommen solltest, mich sofort um die Ecke zu bringen – spar dir die Mühe. Mein Testament ist geändert. Notariell. Du siehst keinen Cent davon.“ Sie log wie gedruckt, aber das konnte er schließlich nicht wissen. Ryans Mund klappte nach unten und genau so schnell wieder zu. Diesmal begann er zu lachen. „Das, meine Liebe, ist nicht mehr annähernd der Grund, warum wir zusammen bleiben.“, schnurrte er in ihr Ohr, was ihr eine erneute Gänsehaut verschaffte. „Dein Grund ist mir vollkommen egal. Ich möchte wieder rein, mir ist kalt.“ Starrköpfig schaute sie ihn an, während sie mit den Händen über ihre kalten Arme rubbelte. „Ich lass dich wieder rein gehen, wenn du mir versprichst, die Trennung zu überdenken. Und aufhörst, mit allen möglichen Männern zu flirten.“ Genervt rollte Regina mit den Augen. „Ja, ja, was auch immer.“, gab sie schnippisch zurück und war erstaunt, dass er sie tatsächlich hinein gehen ließ.
Allerdings folgte er ihr in sehr geringem Abstand.
Es war zum aus der Haut fahren.
Die gesamte Zeit, in der sie verlobt waren, hatte er sich kein einziges Mal so benommen. Und jetzt, da sie sich von ihm getrennt hatte, erhob er Besitzansprüche?
Das war einfach nur verrückt.
Die nächste halbe Stunde verbrachte Regina umsonst damit, den Raum zwischen ihnen so groß wie möglich zu halten. Schließlich gab sie auf. Missgelaunt trottete sie zu der Nische, in der sie Erik vermutete. Dort verabschiedete sie sich von ihm und Leroy. An der Garderobe ließ sie sich ihre Jacke sowie die Handtasche geben und verließ das Lokal. Zähneknirschend stellte sie fest, dass Ryan ihr immer noch folgte. Angespannt mit dem Fuß wippend, wartete Regina darauf, dass endlich ein Taxi in Sichtweite kam. „Ich kann dich mitnehmen.“ Männer, die derart gurren, führen etwas im Schilde. Todsicher! „Danke, kein Bedarf.“
„Oho, wenn Blicke töten könnten, Regina, dann wäre ich jetzt nur noch ein Häufchen Asche.“ Er zwinkerte amüsiert. Was – bitteschön – war daran amüsant? Wenn du wüsstest, wie sehnlichst ich mir gerade wünsche, dass ich Blitze schleudern könnte! Ihre Wangenmuskeln arbeiteten angestrengt, während sie sich darum bemühte, ihm das Gedachte nicht entgegen zu spucken.
Ryan trat dicht hinter sie. So nah, dass sie seinen Atem auf ihren Haaren spüren konnte. „Ich kann dich wirklich mitnehmen. Wir haben den gleichen Weg.“ Wieder überkam Regina eine Gänsehaut. Was war nur mit seiner Stimme los? Sie vibrierte in ihrem Inneren und löste die verrücktesten Vorstellungen in ihr aus. Es war kaum verwunderlich, dass sie einen Moment brauchte, um sich zu fassen. „Hör mal, Ryan. Machen wir uns nichts vor: Du wolltest mein Geld, nicht mich. Ich war so blöd und bin darauf reingefallen. Also hör auf, dich wie ein verlassener Liebhaber zu benehmen. Wir fahren in völlig unterschiedliche Richtungen, und das weißt du auch.“
„Ich dachte, du willst es dir nochmal überlegen?“ Sein Raunen klang verheißungsvoll. „Du hast mir vorgeschlagen, dass ich das tun soll. Habe ich getan. Fakt ist, ich ändere meine Entscheidung nicht.“
„Wann hast du darüber nachgedacht? Da drinnen?“ Verächtlich schwenkte er mit dem Kopf zum Eingang des Le Nuit. „Ich brauche dich, Regina. Es fällt mir ziemlich schwer, dass zuzugeben.“
Regina konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Hältst du mich für so blöd, dass ich dir ernsthaft abnehme, dass du dich ganz plötzlich in mich verliebt hast?“ Wütend, ungläubig und frustriert lachend, schüttelte sie ihren Kopf. „Ich habe nicht gesagt, dass ich dich liebe. Ich sagte, ich brauche dich.“ Regina ballte ihre Hände zu Fäusten und schluckte schwer. „Ok Ryan, wie viel muss ich dir zahlen, damit du mich in Ruhe lässt?“ Er hatte ihr Herz bereits zu einem einzigen Scherbenhaufen zerfallen lassen. Weshalb konnte er es nicht darauf beruhen lassen? Es war schwer genug für sie gewesen, die Trennung durchzuziehen. Immerhin hatte sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Nie im Leben wäre sie durch ihre rosarote Brille auf die Idee gekommen, dass er nur ihr Konto wollte.
Er stand so dicht bei ihr, dass er ihr Herz laut klopfen hören musste. Du bist stark. Du bist stark. Du bist stark, redete sie sich ein. Sie versuchte mit zusammengebissenen Zähnen seinen Geruch, seinen warmen Atem, seine Nähe und seine Stimme zu ignorieren. Solange sie nicht in seine smaragdfarbenen Augen sah, würde ihr das vielleicht auch gelingen.
Er umfasste von hinten ihre Schulter und zog sie an sich. Beinah hätte ihr Herz vergessen zu schlagen. Erschrocken schnappte sie nach Luft. „Ich fahre dich heim.“, beteuerte er mit seiner samtweichen Stimme, die es Regina unmöglich machte, sich von ihm loszureißen. Energisch schüttelte sie den Kopf. „Ich brauche dich nicht.“, sagte sie mit der eisigsten Stimme, die sie selbst zu bieten hatte. Leider machte das Taxi, was eben an ihr vorbeifuhr, keinerlei Anstalten anzuhalten. Ebenso wie die nächsten drei, obwohl sie wie eine Irre mit der Hand wedelte. „Mein Angebot steht immer noch.“, hauchte er ihr ins Ohr. Sie entschied sich zähneknirschend, anzunehmen, bevor sie sich weiterhin zum Deppen machte. Beinah hatte sie den Eindruck, dass er die Taxifahrer… nun ja, irgendwie… bestochen hatte.
Wie nah ihre Annahme der Wahrheit kam, ahnte sie nicht.
Sobald sie in Ryans Auto saß, überkam sie eine bleierne Müdigkeit. Sie war kaum noch imstande ihre Augen offen zu halten. Schläfrig unterdrückte sie ein Gähnen und erhaschte einen letzten Blick auf ihren Ex-Verlobten. Mit einem siegessicheren Lächeln, aber einer ansonsten undeutbaren Mimik, steuerte er das Auto in die für sie offensichtlich falsche Richtung.Doch bevor sie ihre Bedenken äußern konnte, schlief sie ein.
Als Regina erwachte und erkannte, dass es weit nach Mittag sein musste, wäre sie vor Schreck fast lauthals quiekend aus dem Bett gesprungen. Aber eben nur fast. Viel schockierender war es festzustellen, dass sie in einem fremden Bett lag, in einem fremden Zimmer und sie keine Ahnung hatte, wie sie hierhergekommen war. Jetzt fehlt nur noch, dass ich nichts anhabe. Auf das Schlimmste gefasst tastete sie mit ihren Händen unter das rote Satin, das ihren Körper bedeckte. Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass lediglich ihre Hosen und ihre Schuhe fehlten. Suchend schaute sie sich um. Das Zimmer war riesig. Fast so groß wie Ryans Salon.
Ryan! War sie nicht in sein Auto gestiegen?
Eine böse Vorahnung wuchs in ihr, doch die schob sie Kopf schüttelnd beiseite und ließ ihre Augen weiter durch den Raum gleiten, der auffallend exquisit eingerichtet war. Eine wundervoll geschwungene Chaiselongue befand sich direkt am Fußende des Bettes. Farblich passend zu den in Beige- und Brauntönen gehaltenen Barockmöbeln, die mit feinstem Gold verziert waren. An den Fenstern hingen lange weiße Schals, die an den Seiten gerafft waren und einen Blick auf einen strahlend blauen Oktoberhimmel gestatteten. Das Bett selbst war sicher doppelt so groß wie ihr eigenes. Umrahmt von hölzernen Säulen und einem weiß-goldenen Himmel. Die Wände waren hell, mit wunderschönen Mustern in einem warmen Braunton verziert. Regina war überwältigt.
Seltsam gerührt, als wäre sie das Aschenputtel, das in den Palast des Prinzen gebracht worden war, setzte sie ihre Füße auf den weichen Teppich. Der erstreckte sich über den gesamten Boden. Wenigstens brauchte sie sich keine Sorgen darüber machen, dass sie irgendwelche Geräusche verursachte. Trotzdem bewegte sie sich langsam und bedacht auf die hohe Mahagonitür zu. Erleichtert atmete Regina aus, als ihre Finger über das kühle Metall der Klinke glitten. Sie hielt den Atem an, als sie diese herunter drückte. Hoffentlich knarrte die Tür nicht!
Nun, sie konnte beruhigt sein: Sie knarrte nicht.
Allerdings öffnete sie sich auch nicht.
Irritiert versuchte sie es erneut. Vielleicht klemmt sie nur? Nach mehreren sinnlosen Versuchen musste Regina freilich feststellen, dass sie schlicht und einfach abgeschlossen war. Sie war eine Gefangene in einem Schlafzimmer. Wenn auch in einem sehr luxuriösen.
Niedergeschlagen sank sie an der Wand nach unten auf den Boden und starrte nach oben. Die Decke kam ihr verdächtig bekannt vor. Sie war ebenso wunderschön mit Stuck verziert wie die in ihrem bisherigen Zimmer. Ihrem Zimmer in Ryans Haus. Sie kniff ihre Augen fest zusammen und öffnete sie wieder. Doch die Decke veränderte sich nicht. Ein Gefühl begann sich in ihren Fußzehen zu bilden, was durch eines in ihrer Bauchgegend noch verstärkt wurde. Kriechend, wie ein bösartiger, stacheliger Wurm, vereinnahmte es ihren gesamten Körper.
Wut!
Verärgert ballte sie ihre Hände zusammen und bemerkte erst jetzt, dass an ihrem Finger ein Ring prangte. Der Ring. Der, den sie ihm zurückgegeben hatte. Der, mit dem sie die Verlobung gelöst hatte. „Ryaaaaaan!“, schrie sie mit zorniger Stimme. So laut, dass sie beinah befürchtete, die Wände würden einstürzen. Keine Antwort. Aufgebracht rappelte sie sich auf und hämmerte mit ihren Fäusten gegen die riesige Tür. Allerdings hätte sie auch genauso gut eine Rumba tanzen können. Es hätte den gleichen Erfolg gehabt. Hinter der Tür regte sich absolut nichts. Entmutigt schritt sie durch das Zimmer und sah sich weiter um. Kein Staubkrümelchen war auf den Möbeln zu finden.
Neugierig öffnete sie einen der Schränke. Darin hing Ryans Kleidung, die er oft bei Geschäftstreffen trug. Oder wenn er sich mit seiner Sekretärin traf. Ok, sie war also tatsächlich in seinem Haus. Aber war sie auch in seinem Schlafzimmer? Falls ja, warum? Und wo war Ryan? Hoffend, dass sie auf den Rest ihrer Kleidung und ihre Handtasche stieß, schaute sie in den anderen Schränken und Kommoden nach. Leider erfolglos. Grübelnd ging sie ans Fenster und starrte hinaus. Irgendetwas war nicht so, wie sie es erwartet hatte. Sie konnte nur nicht sagen, was es war. Abgesehen davon, dass sie nicht hier sein wollte.
Mürrisch und mit zusammengeballten Händen lief sie zurück zum Bett, legte den Ring auf den Nachttisch und setzte sich. Vielleicht sollte sie sich einfach wieder hinlegen, die Decke über den Kopf ziehen und hoffen, dass sie aus diesem Alptraum wieder aufwachte. Resigniert schaute sie nach oben und runzelte fasziniert die Stirn. In dem dunklen Holz des Betthimmels, der nur von außen mit Stoff verkleidet war, funkelten winzige Kristalle wie Sterne. Vor Staunen klappte Regina ihren Mund weit auf und ließ sich für einen Moment verzaubern. War das hier wirklich Ryans Haus? Er hatte sich in ihrer Gegenwart nie sehr romantisch gezeigt, aber in diesem Zimmer deutete alles darauf hin. Nein, irgendetwas lief hier grundlegend falsch. „Nicht irgendetwas!“, korrigierte sie sich murmelnd, „Ich bin hier falsch. Ich habe hier nichts verloren. Ich müsste bei mir daheim sein und mein Buch weiter schreiben. Glücklicher Single und definitiv ohne diesen – wenn auch sehr schönen – Ring.“ Fluchend ließ sie sich nach hinten fallen, zog den Bettbezug über ihren Kopf und kniff die Augen zusammen. Nochmals einzuschlafen war unmöglich. Vorsichtig lugte sie unter der Decke mit einem Auge hervor. Nichts. Es hatte sich absolut nichts geändert. „Wach endlich auf!“, schrie sie sich selbst an, setzte sich auf und gab sich eine Ohrfeige. „Autsch.“. Jammernd hielt sie sich die Hand vor den Mund. Sie war wach. Definitiv. Das hier war kein Traum, sondern Realität. Wenn auch eine abartig verdrehte, die eigentlich einer Fantasie entsprungen sein musste. Wie verrückt war Ryan, dass er sie gegen ihren Willen zurückgebracht und ihr sogar den Ring wieder an den Finger gesteckt hatte?
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Draußen wurde es bereits wieder dunkel, als sie endlich Schritte von draußen hörte. Kamen die Schritte näher oder entfernten sie sich? Zitternd saß sie auf dem Bett und atmete angestrengt. Ihre Beine hatte sie bis unters Kinn gezogen und mit den Armen umschlungen. In ihren Augen loderte eine Kampflust, die sie nur selten befiel.
Ein Schlüssel wurde umgedreht.
Wie in Zeitlupe sah sie, dass die Klinke heruntergedrückt wurde und die Tür geöffnet. Herein trat Ryan; schön und andächtig wie ein zeitloses Gemälde. Seine Haare lagen offen über den breiten Schultern. Sein weißes Shirt steckte in schwarzen Hosen, was seinen muskulösen, flachen Bauch zum Anbeißen erscheinen ließ. Über sein Gesicht glitt ein unmerkliches Lächeln. „Na, gut geschlafen?“, fragte er mit samtweicher Stimme und kam auf sie zu. „Du Blödmann!“, fauchte sie ihn an. „Kannst du mir mal erklären, was das soll?“ Sie traute sich keinen Millimeter zu rühren, da sonst ihre Bettdecke verrutschen und den Blick auf ihre nackten Schenkel freigeben würde. Sein Blick fiel auf den Nachttisch, auf dem ihr Ring lag. Seine grünen Augen verdunkelten sich. „Warum trägst du ihn nicht?“, fragte er in einem seltsam warnenden Ton. „Weil er mir nicht gehört.“, zischte sie. „Doch, das tut er. Wir sind verlobt oder hast du das vergessen, meine Liebe?“ Ohne die Augen von ihr abzuwenden, setzte er sich auf den Rand des Bettes, was Regina dazu veranlasste, von ihm wegzurutschen. Immer noch darauf bedacht, dass ihre Beine nicht zu sehen waren. „Du scheinst etwas durcheinanderzubringen. Wir waren verlobt. Wir sind es nicht mehr. Gib mir meine Sachen, damit ich nach Hause kann.“ Sie sagte es ruhig, ohne ein Zittern in der Stimme, worüber sie selbst sehr erstaunt war. „Du gehörst mir!“ Regina meinte, ein Knurren zu hören. „Du spinnst doch! In welchem Jahrhundert lebst du eigentlich? Du hast kein Besitzrecht an mir. Das, was du hier tust, ist Kidnapping.“ Ihre Augen funkelten zornig. Ryan schien das zu amüsieren. „Regina, Regina.“, tadelte er sie kopfschüttelnd, „Wir sind verlobt und daran kannst du nichts ändern.“
