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"Das Schicksal ist ein schizophrenes Miststück! Es könnte sich doch wirklich entscheiden, ob nun Hüh oder Hott." ~Samantha Bricks, Diebin, movere, Saphi~ Die Trennung von Alan war für Sam sowohl unverhofft als auch schmerzhaft. Allmählich beginnt sie wieder zu leben, doch ein Unfall sorgt für einen langfristigen Ausfall. Zudem spielen ihre Fähigkeiten verrückt. Doch nicht nur braucht Steward ihre Qualifikationen als movere, sondern auch die Pir. Ausgerechnet mit Roman soll sie ihre Fähigkeiten trainieren. Schlimmer noch: Sie soll mit ihm zusammenarbeiten. Um Wesen aufzuhalten, die an der Grenze des Begreifbaren liegen. Wäre auch zu schön, wenn es endlich einmal einfach wäre! ~~~Das ist das vierte Buch der HSM. Die Romane sind in sich abgeschlossen, sollten jedoch trotzdem nacheinander gelesen werden, um gewisse Zusammenhänge zu verstehen.~~~
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Seitenzahl: 532
Veröffentlichungsjahr: 2014
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R. R. Alval
Homo sapiens movere ~ gebrochen
Band 4
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Es geht weiter…
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demnächst
Impressum neobooks
Es schadet nichts, wenn einem Unrecht geschieht.
Man muss es nur vergessen können.
Konfuzius (551 - 479 v. Chr.)
Hinweis:
Dies ist der vierte Band der HSM~Reihe um Samantha Bricks. Die Bücher sollten unbedingt in der entsprechenden Reihenfolge gelesen werden.
Nähere Informationen finden Sie am Ende dieses Buches.
Die Autorin ist um die Richtigkeit ihrer Darstellung bemüht.
Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die Erwähnung von real existierenden Personen/Institutionen unterliegt der künstlerischen Freiheit, soll keinen Eingriff in deren Reputation darstellen und verletzt kein bestehendes Recht. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Besitzer.
Dezember 2116 A.D.
Seit knapp drei Wochen lebte ich in der neuen Wohnung, die völlig anders war als mein Haus. Kleiner. Moderner. Hellhöriger. Fast mitten in der City. Doch vor allem war sie eins: nicht mein zuhause. Es fühlte sich nicht danach an. Möglicherweise würde die Zeit das Gefühl bringen.
Im Moment fühlte ich sowieso nichts.
Rein gar nichts.
Seit dem Tag, an dem Alan mir mitgeteilt hatte, ich solle gehen. Und dass er sich geirrt hätte.
Ich – Samantha Bricks – war, entgegen seiner anfänglichen Behauptung, doch nicht seine Gefährtin. Ein Scherz; hatte ich gedacht. Leider hatte ich sehr schnell erkennen müssen, dass er es ernst meinte. Spätestens als er mit einer anderen Frau aufgetaucht war.
Seit diesem Zeitpunkt dümpelte mein Herz wie ein zerknitterter Lumpensack in meinem Brustkorb herum.
Angefüllt mit jeder Menge Schmerz, der umso heftiger wurde, je kleiner und enger es sich zusammen schnürte. Ich verstand selbst nicht, wie das hatte passieren können. Aber ich hatte mich in Alan verliebt. Er hingegen liebte mich nicht. Er hatte mich begehrt, das schon. Zumindest so lange er glaubte, dass ich seine Gefährtin sei. Die Frau, die ihm genetisch perfekte Nachkommen gebären konnte. Und obwohl er des Öfteren auf meine Hand ejakuliert hatte, war es ihm nicht möglich gewesen, beim Sex in mir zu kommen.
Ok, gekommen war er schon. Nur eben nicht so, wie er es erwartet hatte. Der Samenerguss blieb aus. Und der war ja wohl für eine Fortpflanzung notwendig.
Wenn ich mich recht entsann.
Wie das eine möglich war, das andere hingegen nicht, blieb mir ein Rätsel. Seit diesem Moment war ich nur eine von vielen Frauen. Eine, die nicht die Frau sein konnte. Damit wurde ich ersetzbar – wie hunderte Geschlechtsgenossinnen vor mir.
Die Konsequenz hatte er viel schneller gezogen, als mir lieb war. Eine Trennung. Seiner Ansicht nach kurz und schmerzlos.
Ha, für ihn!
Wie hatte ich dermaßen blind sein können? Er hegte keine Gefühle für mich. Zumindest keine, die von Herzen kamen. Hatte ich es nicht sehen wollen? War er zu charmant, wenn er ans Ziel kommen wollte? Dennoch, ich hätte es bemerken müssen! Hatte ich aber nicht.
TFVSDS – typischer Fall von selbst dran schuld.
Sollte ich mir auf die Stirn tätowieren. Sähe genau so bekloppt aus, wie ich war.
Eigentlich hatte ich vor, Alan so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Das Vorhaben gestaltete sich dezent ... schwierig. Er lief mir nicht persönlich über den Weg. Gott bewahre! Doch er lächelte mir aus Zeitungen entgegen, von Plakaten, von sämtlichen Werbeflächen, an denen ich in der Stadt vorbei lief – wenn ich denn mal in der Stadt unterwegs war – und schien plötzlich in jeder – wirklich jeder! – gottverfluchten Werbung aufzutauchen. Beinah, als wolle er meine Gefühle verspotten. Ich hätte kotzen können.
Gleichzeitig heulen.
Und fluchen.
Ich wollte nichts lieber als mich den ganzen Tag vor lauter Herzschmerz im Bett verkriechen. Selbst in meine Träume folgte er mir. Vor allem seine Worte. Ich durchlebte ein furchtbares Wechselbad der Gefühle, die mein inneres Chaos nur allzu deutlich offenbarten. Von Wut, über Schmerz, Trostlosigkeit, dem Wunsch mich von der nächstbesten Brücke zu werfen, ihm höhnisch in seine blöde Visage zu grinsen bis hin zu der Erkenntnis, dass es besser wäre, sich nie wieder zu verlieben. Hin und wieder gestattete ich mir den Gedanken, ob ich ihm nicht lieber zeigen sollte, dass ich auch andere Männer haben könnte.
Sofern ich das wollte.
Von Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt: Ich hatte wirklich alles in meinem gefühlsmäßigen Repertoire zu bieten. Eigentlich könnte ich damit handeln. Ich würde ganz sicher stinkreich damit werden. Obwohl ich mich definitiv nicht als arm bezeichnen konnte.
Immer wieder verwünschte ich mich. Ich hätte mich schon viel eher von ihm ins Bett zerren lassen sollen. Dann hätte ich ebenfalls tollen Sex gehabt, aber ohne mich vorher derart heftig in diesen arroganten Kotzbrocken zu verlieben. Ach man! Das Leben war scheiße. Das letzte anderthalbe Jahr glich einem Sturzbach an Gefühlen. Durchzogen von Verlusten.
Ich wollte endlich ein Happy End! War das zu viel verlangt oder vom Schicksal überhaupt für mich vorgesehen? War nicht auch Alan mein Schicksal? Laura hatte mir das gesagt. Tja, wenn ich mich jedoch genau erinnerte, hatte sie gemeint, im Moment wäre Alan mein Schicksal.
Verflixt!
Daran hätte ich auch eher denken können. Aber nö – pfft – ich musste mein Herz an diesen unverschämten Volltrottel verlieren. Schöner Mist.
Das hieß also, zurück auf Anfang.
Ich war Samantha Bricks, 30, movere mit ein paar klitzekleinen Extrafunktionen und professionelle Beschaffungskünstlerin von seltenen, teuren, teilweise fast unbezahlbaren Gütern jeder Art. Gegen entsprechende Bezahlung.
Ach; und Single.
Wieder mal.
Es war Zeit, von vorn zu beginnen.
Eine neue Wohnung hatte ich bereits. Fehlte noch eine neue beste Freundin, die leider sehr dünn gesät waren. Außerdem ein neuer Lover. Vielleicht auch ein oder zwei interessante, gut bezahlte Aufträge. Alles andere würde sich von selbst regeln. Hoffte ich. Wobei mir das gar nicht schnell genug gehen konnte.
Fang wieder an zu leben, Sam! Alan ist es nicht wert, dass du ihm hinterher trauerst. Es interessiert ihn nicht die Bohne, wie es dir geht. Also schwing deinen traurigen Hintern endlich wieder in ein paar knackige Hosen und mach die Stadt unsicher! Chris‘ Worte. Es hätten ebenso gut meine sein können. Wobei ich sie selbst erst in ein paar Wochen geäußert hätte. Oder noch später. Bis dahin machte ich vermutlich einer Mumie allergrößte Konkurrenz.
Jepp; eindeutig!
Das, was mich da aus meinem Spiegelbild anstarrte, konnte nämlich unmöglich ich sein: Meine Haare glichen einer Pudelmütze, meine Augen waren geschwollen und umrandet von wunderschönen, dunklen Ringen. Meine Lippen aufgerissen und spröde.
Reizend.
Ich sollte schleunigst wieder anfangen zu leben, bevor ich als lebende Leiche endete.
Dieses Vorhaben setzte ich in die Tat um. Wenn auch nur, um mir selbst zu beweisen, dass das Leben ohne diesen eitlen Deppen ebenso lebenswert war.
Einige Stunden später war ich eine völlig neue Person und betrachtete mich äußerst zufrieden im Spiegel. Nach einem ausgiebigen Schönheitstag – den ich nur dank ein paar Kontakte meiner Mutter hatte überhaupt so schnell ermöglichen können – fühlte ich mich beinah wieder wie ein Mensch. Zu verdanken hatte ich das einem Schönheitssalon. Der bot einen hervorragenden Service. Ich fühlte mich wunderbar entspannt, entschlackt, gepeelt, gecremt, massiert, gerupft, gezupft und wieder in Form gebracht. Obendrein war mein stark geknicktes Selbstvertrauen aufpoliert worden. Dafür bat man jedoch auch ordentlich zur Kasse. Nun ja, Qualität hatte nun mal ihren Preis.
Ich jedenfalls fühlte mich prächtig. Oberhammeraffengeilsauprächtig!
Und sah auch dementsprechend aus. Besonders, weil ich mir im Anschluss nicht nur einen Friseurbesuch, sondern auch schicke, neue Klamotten gegönnt hatte.
Oh ja!
Diese Lady im Spiegel gefiel mir. Nicht das Häufchen Elend, was mich heute Morgen daraus angestarrt hatte. Jetzt sah ich aus wie eine selbstsichere, sympathische, junge Frau mit einem neuen Lebensziel. Zugegeben, nicht neu, nur… ein wenig generalüberholt. Ausgestattet mit diesem neuen Elan überlegte ich mir, ob ich so kurz vor Weihnachten nun doch endlich beginnen sollte, meine Wohnung etwas weihnachtlicher zu gestalten. Aber angesichts der viel zu warmen Temperaturen entschied ich mich dagegen.
17 Grad Celsius.
Wie sollte denn bei diesen frühlingshaften Temperaturen ein Weihnachtsfeeling aufkommen? Schnee – und somit weiße Weihnachten – fielen dieses Jahr wohl aus. Ich seufzte und ohrfeigte mich dafür im Stillen. Schließlich hatte ich mir vorgenommen, nur noch positiv ans Leben heranzugehen. Seufzen gehörte nicht dazu.
Es sei denn, ich konnte dazu sehr elegant und genervt die Augen rollen.
Was im Moment nicht zutraf.
Alan hatte mir – mal wieder – das schönste Fest des Jahres versaut. Doch das sollte mich nicht mehr kümmern. Ein drittes Mal würde ihm das nämlich nicht gelingen. Ab sofort hatte ich nichts mehr mit ihm zu tun. Ich war frei. Ach was, es würde ihm noch nicht mal ein zweites Mal gelingen. Nur weil wir getrennt waren, hieß das nicht, dass mein Weihnachten ausfiel. Oder von Trübsal übersät blieb.
Summend hüpfte ich durch meine Wohnung. Entschied mich schließlich, wenigstens ein paar Weihnachtslieder anzuhören, die ich sofort lautstark mitträllerte. Nebenbei begann ich die Geschenke für meine Familie zu beschriften, denn eingepackt waren sie schon. Gott sei Dank hatte ich die bereits vor dem Desaster mit Alan besorgt. Sein Geschenk hingegen landete ohne weitere Überlegung in der Mülltonne. Die Uhr war graviert; vom Umtausch somit ausgeschlossen. Es sähe sicher dämlich aus, wenn ich sie einem meiner Brüder schenkte. Oder Chris. Oder meinem Vater. Notiz an mich selbst: Beim nächsten Mann auf Gravuren bei Geschenken verzichten. Sicher ist sicher!
Nachdem ich damit fertig war, loggte ich mich ins Internet ein und überprüfte meine Aufträge, die – wow – ziemlich zahlreich vorhanden waren. Allerdings dürfte bei einem Großteil von ihnen der Handlungszeitraum bereits abgelaufen sein. Also las ich sie gar nicht erst und löschte sie sofort. Übrig blieben vier Aufträge. Die lud ich mir auf meinen Datenchip herunter. Später konnte ich sie auf dem Dl lesen. Niemand würde das nachweisen können. Die Originale löschte ich spurensicher; ohne die Möglichkeit einer Wiederherstellung. Schlussendlich entschied ich mich dann sogar doch noch dafür, wenigstens ein bisschen Deko aufzustellen.
Nicht viel.
Nur das Nötigste.
Ein paar Pyramiden – ich hatte ja nur neun. Einen Nussknacker – na ja ... fünf. Ein paar Räuchermänner – etwa 15 oder 30. Ein bisschen Fensterschmuck – Beleuchtung… und ein wenig Klebzeug… und Schneespray. Weihnachtsdeckchen. Ein paar kleine Nippsachen: Engel, Kerzen und Schneekugeln – mit und ohne Musik – und natürlich den Baum. Ohne den war es nicht perfekt. Inklusive Kugeln, Lämpchen und für das glitzernde Bling-Bling ein wenig Lametta. Na bitte, schon viel besser. Das war das richtige, echte Adventfeeling.
Sofern ich die Außentemperaturen außer Acht ließ.
Heute Morgen hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich mich am Abend von Chris überzeugen ließe, nach knapp drei Wochen wieder einmal die Wohnung zu verlassen. Um etwas zu unternehmen. Vor allem, daran Spaß zu haben.
Doch so war es.
Ich amüsierte mich köstlich!
Wir gingen essen, anschließend ins Kino und sogar tanzen. Fast hätte ich vergessen können, dass ich an Liebeskummer litt. Bis auf die vielen scheußlichen Plakate, von denen Alan mich lasziv angrinste und sich damit stetig die Gewissheit in mein Bewusstsein quetschte, dass ich nicht mehr die Frau an seiner Seite war. Vergiss ihn, Sam. Er hat dich doch gar nicht verdient.
Aber wie das nun mal in Herzensangelegenheiten ist: Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht akzeptieren will. Dennoch, mein Spaß war echt. Sogar mein Lachen. Jedoch nur, bis Chris mich wieder daheim – in der mir immer noch fremden Wohnung – absetzte. Mit einem Kloß in der Kehle, abgeschminkt und mich in meinen Schlafanzug schlängelnd, kam ich mir wieder genauso elend vor wie am Morgen. Doch ich bemühte mich stark zu sein. Jedenfalls eine Weile.
Als ich ins Bett ging, konnte ich die Tränen nicht länger zurückhalten. Wie so oft weinte ich mich in den Schlaf.
Wenigstens sah mir mein Elend am nächsten Morgen nicht in Form einer verheulten, farblosen Vogelscheuche aus dem Spiegelbild entgegen. Meine von der Bettdecke verschluckten Schluchzer offenbarten lediglich mein gebrochenes Herz auf eindrucksvolle Weise. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis es vollständig geheilt war. Oder zumindest halbwegs repariert.
Ich hatte mich in den Schlaf geheult; na und?
Dafür sah mein Spiegelbild nur nach einer Frau aus, die lediglich ein bisschen zu lang gefeiert hatte.
Neuer Tag, neues Glück, hm?
Ohne lang zu überlegen, stieg ich in die Dusche, genoss das herrlich warme Wasser, wusch mich gründlich, spülte mich ab, stieg aus der Dusche, rubbelte mich trocken, schlüpfte in die bereit gelegten Klamotten, föhnte meine Haare und legte mir sogar ein wenig Make-up auf. Zugegeben, der Pullover war ein wenig kindisch. Welche Frau im zarten Alter von drei Jahrzehnten trug schon einen roten, wuscheligen Pullover, auf dem ein glupschäugiger Elch einem Schneemann die Nase wegfutterte? Tja, ich tat es.
Ich fand ihn süß.
Der Pulli war warm und flauschig und fühlte sich für die Jahreszeit richtig an. Kurz bevor ich mich jedoch an den Frühstückstisch setzte, entschied ich mich um. Nicht, weil mir plötzlich klar wurde, wie albern ich aussah. Es war schlichtweg zu warm.
Verdammt, wusste der Wettergott nicht, dass im Dezember keine zwanzig Grad zu herrschen hatten?
Schnaubend zog ich das kurzärmelige, rote Shirt an – wenigstens die Farbe erinnerte an die Adventszeit – und machte mich anschließend über mein Frühstück her. Sehr nahrhaft war es nicht. Das lag nicht nur an den Cornflakes, die ein wenig zu intensiv nach Pappe schmeckten. Es war auch mein momentanes Unvermögen genügend Nährstoffe zu mir zu nehmen. Mein Magen reagierte zurzeit ein bisschen aggressiv auf feste Nahrung. Sollte bei gebrochenem Herzen durchaus vorkommen; hatte ich mir sagen lassen.
Seufzend goss ich mir die dritte Tasse Kaffee ein. Wobei ich mir zum mindestens hundertsten Mal vornahm, nicht zu seufzen.
Mit der Tasse lief ich in die Wohnstube, in der ich gestern Nachmittag irgendwo meinen Datenleser gesehen hatte. Ich fand ihn nach wenigen Minuten unter dem zerknautschen Sofakissen.
Vermaledeite Klabasterkacke!
Vorhin hatte ich den Chip in die Minitasche der Jeans gesteckt. Die, die ursprünglich für Taschenuhren vorgesehen war – obwohl die seit Jahrhunderten keiner mehr benutzte. Jetzt brach ich mir fast die Finger bei dem Vorhaben, den Chip aus dieser wieder herauszufischen.
Es gelang mir.
Irgendwie.
Ohne den Verlust eines Fingers.
Den Chip legte ich ein. Während ich in aller Ruhe meinen Kaffee trank, sah ich die vier Aufträge an. Einen würde ich ablehnen, da ich nie und nimmer bei einem Vampir einsteigen würde. Nicht, weil ich noch Angst haben musste, dass sie mich mit ihrem Biss vergiften konnten. Aber Vampire waren in jeglicher Hinsicht schneller als ich. Für den Fall, dass ich dennoch angemessen reagierte, wollte ich jedoch nicht als Mörderin hingestellt werden.
Nur weil ich einen in Notwehr röstete. Hm, knuspriger Vampir…
Die anderen drei waren gewöhnliche Menschen. Zumindest was den Beschaffungsort betraf. Denn auch Gestaltwandler als Opfer lehnte ich kategorisch ab. Immerhin kannte ich die Rudel inzwischen persönlich und die konnten an einer Hand abzählen, wer ihnen quasi aufs Dach gestiegen war.
Oder in den Keller.
Beziehungsweise den eigentlich gut geschützten Tresorraum.
Da die drei Beungünstigten weder Vampire noch Werwesen waren, sagte ich diesen Aufträgen zu.
Somit war es den mir bis jetzt anonymen Auftraggebern überlassen, mich innerhalb der nächsten zwei Stunden zu kontaktieren. Wenn ich es mir recht überlegte, hatte ich, seit Humphrey nicht mehr da war, lediglich Aufträge angenommen. Auf eigenen Antrieb beschaffte ich seit diesem Zeitpunkt keine Objekte, die ich meistbietend zum Verkauf anbot. Hieß das, ich war im Begriff mich zu ändern? Gesitteter zu werden? Weniger risikofreundlich? Möglich. Vielleicht war es auch nur eine unbewusste Entscheidung, die meine Faulheit bezüglich der Recherche unterstützte.
Binnen nicht mal fünf Minuten meldete sich mein Pager, den ich mir vorsorglich bereit gelegt hatte. Ohne zu zögern, griff ich zum Telefon, was ich ebenfalls schon vor mir liegen hatte und wählte die erste Nummer. Im Stillen dankte ich mir für die weise Voraussicht den Kaffee abgestellt zu haben. Denn die Stimme, die sich meldete und die offenbar durchaus wusste, dass ich mich am anderen Ende befand, gehörte keinem Geringeren als Bingham Senior, äh ... Steward. Natürlich war es kein Zufall, dass ausgerechnet ich seinen Auftrag annahm. Steward hatte einfach gewartet, bis ich ihn kontaktierte. „Schön, dass du wieder im Geschäft bist, Samantha.“ Auf meine Frage, wieso er mich denn nicht direkt darum gebeten hatte, hörte ich ihn nur leise lachen. Ja, ja, schon klar. Ich rollte mit den Augen. Die letzten Wochen war ich schließlich zu nichts zu gebrauchen gewesen. Das Chaos in meiner Wohnung, was ich erst gestern beseitigt hatte, war Zeuge meiner geistigen Abwesenheit gewesen. „Ich bin gleich bei dir, wenn es dir recht ist.“, bemerkte Steward.
Auf meine Zustimmung hin, legte er auf und tauchte nur ein Augenblinzeln später in meiner – inzwischen Gott sei Dank passablen – Wohnstube auf. Sofort klärte er mich über die erwartete Dienstleistung auf. Es wunderte mich nicht, dass er sich den begehrten Gegenstand nicht selbst besorgte. Vampire waren schnell und fähig, sich an jeden beliebigen Ort zu transportieren. Sobald jedoch irgendeine Form von Magie als Sicherheitsfaktor zu berücksichtigen war, waren auch deren Hände gebunden. Sofern es sich nicht um vampirische Magie handelte. Und das tat es in Stewards Fall nicht.
Drei Stunden später hatte ich mir auch die anderen zwei Aufträge unter den Nagel gerissen. Wenn alles gut lief und die Recherche keine Schwierigkeiten bereitete, würde ich die Aufträge innerhalb einer Woche ausführen können.
Mit etwas Glück wurde es so kurz vor Jahresende ein Kinderspiel.
Mein Tatendrang war geweckt.
Die nächsten Stunden ermittelte ich; machte mir dabei Notizen. Das erste Mal seit Wochen nahm ich eine recht anspruchsvolle, kalorienreiche Mahlzeit zu mir – ohne dass mein Magen der Ansicht war, diese gleich wieder von sich zu geben. Die ganze Zeit über lächelte ich und ... wow, ich bemerkte es sogar!
Endlich fertig und mit der Recherche zufrieden, streckte ich mich ausgiebig. Immer noch ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. Was für ein Glück, dass Menschen nach wie vor die Angewohnheit hatten, Weihnachten im Kreis ihrer Familien zu verbringen und sich auf den Frieden zu besinnen. Etwas durchaus Schönes. Nur, dass ich das natürlich ausnutzen würde. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Oder der Besuch der Christmette, den der gute Mann, der Stewards Eigentum unberechtigterweise an sich hatte nehmen können, besuchen würde. Wer rechnete schon damit, am Heiligabend nicht vom Weihnachtsmann oder dem Christkind, sondern von einem gut informierten und mit den notwendigen Fähigkeiten ausgestatteten Dieb besucht zu werden?
Aah, hoffentlich fand ich eine gute Ausrede für meine Mutter!
Sie ging zwar nicht in die Kirche – wie wir alle nicht – verlangte aber dennoch von uns Kindern, dass wir uns pünktlich 15 Uhr bei ihr zum Kaffee einfanden.
Nun, ich würde mir schon etwas einfallen lassen. Schließlich war ich nicht auf den Kopf gefallen. Und wenn ich diesen verfluchten, herzlosen, herum hurenden Alan vorschieben müsste.
Alan…
Ach du heiliger Strohsack!
Fluchend schob ich die mit den notwendigen Informationen beschriebenen Zettel ineinander und packte sie zusammen mit dem Pager und meinem Datenleser in das untere Schubfach meines Sideboards. Gleichzeitig versuchte ich, meine leicht hyperventilierende Atmung unter Kontrolle zu bekommen.
Heute war der 21.
Wintersonnenwende.
Und somit das Ritual, an dem ich dank dieser dämlichen Rudelintegrierung teilnehmen musste. Das Ritual zur Versiegelung der Seelen. Vor einem Jahr wäre beinah die Apokalypse über die Welt hereingebrochen. Aber mir und Ribberts Rudel war es gelungen, einen frei umherlaufenden Wandler aufzuhalten. Zugegeben, auch Alan und Roman Bingham hatten einen Teil dazu beigetragen. Würde ich also nicht hundertprozentig wissen, dass es unumgänglich war, würde ich den Termin absichtlich vergessen. Aber mein Gewissen machte mir das unmöglich.
Ich wollte nicht, dass die Seelen der Wandler freikamen. Zerhackt und verknittert aber auch!
Ich wollte Alan nicht sehen.
Ich wollte nicht in seiner Nähe sein.
Und vor allem wollte ich nicht so tun, als machte es mir nichts aus, dass er mich mir nichts dir nichts aus seinem Leben ausgeschlossen hatte. Aber ich hatte keine Wahl… scheiß schlechtes Gewissen!
Da es immer noch warm war – die Wetterstation bestätigte mir fluffige 12 Grad und das neun Uhr abends – verdammt, ich würde zu spät kommen! – entschied ich mich gegen die schwere Bikermontur, behielt meine Jeans und das Shirt an, schlüpfte in eine leichte Lederjacke, schnappte meine Schlüssel, überprüfte kurz mein Make-up und legte ein dezentes Parfum auf. Für einen Moment genoss ich das heimelige Licht der Weihnachtsbeleuchtung an den Fenstern. Verfluchter Scheißendreck!
Ich konnte es nicht aufschieben.
Zu trödeln machte es kaum leichter. Ich schnappte mir den Helm, verließ die Wohnung und fuhr mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage. Dort stand nicht nur meine Lady, sondern auch Lauras Auto und warteten auf mich. Ich setzte den Helm auf, schwang mich auf mein heiß geliebtes Motorrad, startete den Motor und ließ ihn einmal laut aufbrüllen. Tief Luft holend legte ich den Gang ein.
Einatmen.
Ausatmen.
Dann machte mich auf den Weg zu Alans Anwesen. Würde schon schief gehen.
Gerade noch rechtzeitig kam ich am Anwesen an, um zu sehen, wie die Wachen ihre Plätze verließen. Das stählerne Tor war bereits verschlossen und gesichert. Ich konnte die Magie nicht nur riechen, sondern auch sehen. Oh man, vor lauter Eile fielen mir nicht mal die Namen der Wächter ein. Glücklicherweise war einem mein Motorrad aufgefallen. Denn er drehte sich zu meiner großen Erleichterung um. Zumindest musste ich mir nun nicht seinen Namen aus dem Gehirn saugen, auch wenn es mich wurmte, dass ich ihn vergessen hatte. Aber nicht ‚hey, du’ brüllen zu müssen, war schon mal eine gute Sache. Wie hieß der große, blonde Surferboy denn gleich nochmal. Gut, er war kein Surfer. Aber er könnte einer sein. Seinem Aussehen nach. Markus, Michael, Marek? Es ist etwas mit M… Verflixt, es fiel mir einfach nicht ein.
„Samantha, was tust du denn hier?“ Er schaute mich Stirn runzelnd an. Offensichtlich war ihm nicht ganz wohl in seiner Haut. „Ich bin ein bisschen spät, ich weiß schon. Lass mich rein.“ Surferboy schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, dir ist das Betreten des Anwesens nicht mehr gestattet.“ Gut, dass ich schlucken musste, sonst wäre meine Kinnlade auf den Tank meines Motorrads gefallen. „Ähm, aber ich muss doch zum Ritual!“ Oder nicht? „Das Ritual ist ausschließlich für Rudelangehörige.“ Jepp, genau. Gerade eben wollte ich ihm verkünden, dass ich immer noch seine Alpha sei, als er mir den Witz des Jahrhunderts verkündete. „Gestern wurde mit einer knappen Mehrheit beschlossen, dass du ohne Frist aus dem Rudel ausgeschlossen wirst. Ich dachte, das wüsstest du bereits.“ Sein mir ausweichender Blick sagte mir erneut, dass er sich dabei sehr unwohl fühlte. Die Neuigkeit hätte ich wohl von einem anderen erfahren sollen.
Oder riechen.
Anscheinend wurde ich ein wenig blass um die Nase, denn Surferboys Frage, ob es mir gut ginge, folgte ein besorgter Gesichtsausdruck. „Ja, danke. Alles bestens.“, versicherte ich ihm, obwohl mein Herz wie verrückt in meinem Brustkorb herumtuckerte und ängstlich fiepend auf einen sofortigen Abmarsch plädierte.
Surferboy nickte, drehte sich um und rannte den anderen Wächtern hinterher. Ich hingegen zitterte inzwischen so sehr, dass man annehmen könnte, der Winter hätte doch noch seine eisigen Klauen ausgestreckt.
Hatte er nicht.
Alan hingegen schon.
Vor etwas mehr als einem Jahr, als er mich mehr oder weniger überrumpelt hatte einen Fetzen Papier zu unterschreiben und mich damit zur Alpha an seiner Seite machte, hatte er mir zu verstehen gegeben, dass ich als Alpha das Rudel nicht lebend verlassen konnte. Alan hatte mich zum Tode verurteilt. Ohne mir wenigstens die Möglichkeit zu geben, mich dazu zu äußern. Glaubte er, ich brächte sein hochgeschätztes Rudel in Gefahr? Solange er keine neue Alpha hatte, hätte er mir doch mein Leben gönnen können. War das zu viel verlangt? Ich hatte mich schließlich nicht freiwillig um diesen blöden Posten beworben.
Quatsch, ich hatte mich gar nicht darum beworben.
Er hatte mich überlistet und ich sollte dafür ins Gras beißen? Ohne mich!
Kein Wunder, dass mir niemand etwas mitgeteilt hatte. Andererseits, was stand ich hier dumm rum?
Eiligst sah ich zu, dass ich mich wieder notdürftig unter Kontrolle bekam, startete mein Motorrad und fuhr los. Wohin war egal. Zu viele Fragen geisterten durch meine Großhirnrinde: Warum hatte mich noch niemand seiner Leute umgebracht? Der Wächter hätte mir nichts sagen müssen. Wollten die erst mit mir spielen. Mich in Todesangst zittern lassen? Musste Alan das selbst erledigen? Durfte ich mich verteidigen? Nicht, dass ich um Erlaubnis betteln würde! Ich würde jeden flambieren, der mir nach dem Leben trachtete.
Heute bin ich doch noch in Sicherheit, oder?
Immerhin musste erst das Ritual vollzogen werden.
Ziellos fuhr ich drauflos und blieb etwa zehn Minuten später entsetzt, ratlos und den Tränen nahe am Straßenrand stehen. Es wollte mir nicht in den Kopf, dass er mein Leben einfach wegwerfen konnte. Ich hatte ihm nichts getan. Er hatte mir die Suppe eingebrockt; er sollte sie gefälligst auch auslöffeln. Aber um ehrlich zu sein, war ich viel zu aufgewühlt und verängstigt, als dass ich hätte klar denken können. Zumindest für eine ganze Weile.
Eine verflixt lange Weile!
Wie lange ich an der Straße stand und blicklos in die Ferne starrte, wusste ich nicht. Aber irgendwann hatte ich mich wieder einigermaßen gefangen. Ich nahm mir vor, Alan am nächsten Tag zur Rede zu stellen. Ich würde ganz sicher nicht freiwillig die Radieschen von unten ansehen. Das konnte er sich abschminken!
Inzwischen weit weniger verängstigt, dafür viel mehr wütend und aufgebracht, holte ich tief Luft und fuhr weiter.
Nicht nach Hause.
Ich brauchte erst noch ein wenig Ablenkung. Was konnte mich mehr ablenken als eine Fahrt über die schnurgerade Landstraße, die von kahlen Bäumen gesäumt wurde und den Blick auf dutzende verstreute, mit weihnachtlichen Lichtern geschmückte Häuschen preisgab? Ich fuhr einfach drauf los. Nur ich und mein Motorrad. Die Sterne über mir. Die Häuser weit genug weg, um sie noch als Zivilisation wahrzunehmen. Aber ohne selbst ein Teil davon zu sein.
Ich gab Gas, fühlte das Vibrieren der Maschine, das sich bis in meine Knochen fortsetzte. Mir das unendliche Gefühl von Freiheit vorgaukelte. Ich hätte Handschuhe anziehen sollen, denn der Fahrtwind war doch kühler als erwartet.
Ach was, so spüre ich wenigstens, dass ich noch am Leben bin!
Der Lichtkegel meines Scheinwerfers wurde plötzlich dunkler. Er verschwamm regelrecht vor meinen Augen. Dafür rauschte ein tiefes Grollen in meinen Ohren: Als würden sämtliche Äderchen in meinem Hirn platzen und eine Sturzflut von Geräuschen verursachen. Ich wollte die Kupplung ziehen und bremsen…
„Oh mein Gott!“
…
…
„Lebt sie noch?“
„Ruf den Notarzt!“
…
„Treten Sie doch bitte zur Seite…“
„…lassen Sie uns unsere Arb…“
…
multiple Traumata…“
…
bereiten Sie die Not-OP vor…“
…
Angehörige verständ…“
…
…
Ich spüre meine Beine nicht! Oh Scheiße, was ist denn hier los?
…
„Wir machen Ihnen keine großen Hoffnungen. Es tut mir leid, Ihnen das mitteilen zu müssen, aber rechnen Sie mit dem schlimmsten…“
Mom? Paps?
Was zum Teufel ist denn hier los?
Verdammt, warum kann ich nicht sprechen?
Wo bin ich?
…
…
„… Schädelbasisbruch
Gehirnschädigung ist nicht auszuschließen…“
…
„… Hüft- und Oberschenkelfrakturen sind das kleinste Problem…“
….
„… Lungenquetschung…“
„… gebrochene Rippen…“
„… Nieren- und Milzruptur…“
„… Blutung gestoppt…“
…
…
„…ventrikuläre Tachykardie…Defi…. 360“
„… zurück…“
„… Oh man, was war das denn? Habt ihr das gesehen?“
„…Stromstöße… movere? …“
…
„… Geräte sind tot…“
„… sowas hab ich noch nicht gesehen…“
„… können wir es riskieren…“
…
Meine Mom ist hier.
Weint sie wegen mir?
Paps?
Verflucht nochmal, redet doch lauter!
Ich höre euch nicht!
…
„… wir können den Organzerfall nicht aufhalten…“
Geht es um mich?
Wieso spricht denn keiner mit mir?
Warum kann ich mich nicht bewegen?
…
…
„… ihre Tochter ist eine zähe Kämpferin…“
„… es ist ein Wunder, dass sie noch am Leben ist…“
…
„… Schätzchen, komm schon! Kämpfe! Hörst du mich? …“
…
„… Schwesterchen, komm zurück. Das kannst du nicht machen. Verdammt nochmal, du bist doch sonst so stur!“
„… Mach endlich die Augen wieder auf! Lebe!“
…
„… Ich kann Ihnen meine Hilfe anbieten. Mein Blut wird die Heilung einleiten und beschleunigen. Vorausgesetzt, dass Sie das möchten.“
Bingham?
„Ja, um Himmels Willen, ja. Tun Sie es. Egal, wie viel wir Ihnen dafür schuldig sein werden!“
Paps?
„Nein, mein Blut bin ich ihrer Tochter sowieso schuldig.“
„Dann, in Gottes Namen, tun Sie’s!“
Mom?
…
…
„… Liebes, kannst du mich hören? Wach auf, Schatz, bitte, komm zurück!“
…
Oh Gott, was ist das für grauenhafte Musik?
Mir ist kalt.
Macht ein wenig leiser…
Ich kann nicht schlafen…
…
„Schatz, komm schon, wach auf!“
Ich hatte keine Ahnung, warum meine Mutter derart eindringlich flehte. Ich war hundemüde. „Noch fünf Minuten.“, nuschelte ich, obwohl ich mir nicht sicher war, ob sie das auch verstand. Meine Zunge tat nicht, was sie sollte. Ebenso wenig mein Mund und meine Lippen. Ich kapierte nicht, warum meine Mutter plötzlich jubelte und laut kreischend nach jemandem rief. Außerdem schien sich etwas über meinem Mund und meiner Nase zu befinden, was sich seltsam anfühlte.
Herrje, auf meiner Zunge war ein Tier gestorben.
Es fühlte sich so an. Es schmeckte auch dementsprechend.
Meine Mund-Hand-Augen-Beinkoordination hatte sich verheddert und stimmte vorn und hinten nicht. Es dauerte eine Weile, bis ich meine Augen ein paar Millimeter weit geöffnet hatte.
Oder auch nicht.
Oh, Kacke! Bin ich blind?
Entsetzt riss ich sie weiter auf, nur um den schwachen Umriss meiner Mutter zu erkennen. Anscheinend verstand sie mein Gemurmel, strich mir beruhigend über die Stirn, während sie meine rechte Hand mit ihrer fast zerquetschte und mir das Ding von Mund und Nase nahm. Eine Atemmaske? Nebenbei erklärte sie mir, dass es im Zimmer dunkel sei. „Licht, mittel.“ Oh, ich wünschte, sie hätte es ausgelassen. Viel zu grell. Mit einer Verzögerung, die nichts mit einem Reflex zu tun hatte, schloss ich die Augen und stöhnte. „Licht, aus.“, sagte meine Mutter mit ruhiger Stimme, obwohl ich ihre Aufregung dennoch deutlich hörte.
Wenig später waren auch mein Vater sowie ein paar weitere Leute im Raum, die ich nicht kannte. Ich wünschte, sie würden leiser reden. Ihre Stimmen hallten durcheinander, die Worte ergaben in meinem Kopf, der sich wie ein riesiges, fluffiges Kissen anfühlte, überhaupt keinen Sinn.
Warum bin ich nicht zuhause?
Die Erkenntnis, dass ich einen Unfall gehabt haben musste, traf mich weniger unvorbereitet, als man meinen sollte. Zu blöd, dass ich mich an den Unfall selbst gar nicht erinnerte. Vielleicht war das besser. Meine Mutter, die ich nur kurz hatte sehen können, sah auf jeden Fall aus, als hätte sie ein paar schlaflose Nächte hinter sich. Das tat mir leid. Ließ meine Schuldgefühle anspringen. Trotzdem verstand ich nicht, warum mein Körper nicht richtig funktionierte.
Was zum Kuckuck haben die mir gegeben?
Irgendwelche Beruhigungsmittel? Schmerzmittel, ganz sicher. Mir tat nämlich überhaupt nichts weh.
Sehr schön.
Ich war nicht scharf auf Schmerzen.
Dann lieber wartete ich ab, bis ich meinen Körper wieder richtig spürte. Auch wenn ich nicht sonderlich geduldig war.
Wie viele Stunden könnte das schon anhalten?
Ich hatte Tränen in den Augen. Dabei hatte ich keine Schmerzen. Weiß Gott nicht. Ich fühlte nämlich so gut wie gar nichts!
Ich heulte, weil ich in einem Körper gefangen war, der nicht das machte, was ich wollte. Zumindest nicht in den Wochen, seitdem ich in diesem blöden Zimmer aufgewacht war. Inzwischen war ich in ein anderes verlegt worden. Hatte zig Therapien zu bewältigen, die meine Wut nur umso mehr anfachten. Meine Unfähigkeit, mich zu bewegen wie ich es gewöhnt war, machte mich wahnsinnig. Hinzu kamen die quietschvergnügt in meinem Hirn herum hüpfenden Gedanken, dass Alan und sein beschissenes Rudel versucht hatten mich umzubringen.
Anders konnte ich mir den Unfall auf einer schnurgeraden Straße nicht erklären.
Besonders, weil ich mich nicht erinnerte.
Wie hatten die mich bloß dort finden können? Dumm nur, dass sie geglaubt hatten, ich wäre tot. War ich nicht.
Ätsch-bätsch.
Auch wenn ich mich ab und fragte, ob totsein wirklich das schlimmere Übel wäre. Tja, Herr Kotzbrocken Garu, es hat nicht funktioniert. Ich lebe noch!
Irgendwie.
Verdammt, hatte ich ihm wirklich derartig wenig bedeutet, dass er nicht nur unsere Beziehung, sondern auch gleich noch mein Leben beenden konnte? War in seinem Herzen nicht das kleinste Plätzchen Platz für mich? Er mochte mich nicht lieben, aber…
Egal, es war passiert. Alan hatte mich auf die Abschussliste gesetzt.
Wortwörtlich.
Trotzdem gestattete ich es mir nicht, ängstlich zu sein. Angst würde meine momentane Hilflosigkeit schüren. Was unweigerlich darauf hinaus liefe, dass ich mich nicht nur von ihr und meiner Wut, sondern auch noch einer nahenden Depression beherrschen ließe. Darauf konnte ich gut und gerne verzichten. Dennoch war es beunruhigend, dass bisher niemand versucht hatte, mir erneut nach dem Leben zu trachten. Entweder war ich durch meine Nahtoderfahrung bereits vollkommen aus dem Rudel entfernt oder die Gestaltwandler fanden es witzig, mich im Unwissenden zu lassen.
So durfte ich wild spekulieren, wann und ob ein weiterer Anschlag geplant war.
Ich schob diese Überlegungen in die dunkelste Ecke meines Kopfes und konzentrierte mich wieder auf Dominiks Anweisungen. Ich war nicht gelähmt, aber meine Muskeln waren derart verkümmert, dass ich erst wieder lernen musste sie zu gebrauchen. Kein Wunder. Nach dem ersten Schock, wie lange ich im Koma gelegen hatte, fand ich mich allmählich damit ab, dass mir mehr als sieben Monate fehlten.
32 Wochen!
Und jetzt musste ich die Quintessenz dieser anhaltenden Bewegungslosigkeit ausbaden. Schöne Scheiße!
Ich hatte nicht nur mehr als ein halbes Jahr meines Lebens, sondern sogar meinen Geburtstag verpasst! Heiliger Bimbam, ich bin 31!
„Weinen Sie, Samantha?“ Mürrisch schüttelte ich den Kopf und biss die Zähne zusammen. Meine Hände hatten sich um die Stange des starren Laufbandes verkrampft, auf dem ich mich bemühte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. „Gut, dann machen Sie weiter. Konzentrieren Sie sich. Erinnern Sie sich, wie es funktioniert.“ Wäre Dominik kein Sklaventreiber, der sich als Therapeut verkleidet hatte, hätte ich ihn möglicherweise als gut aussehend bezeichnet. Ich schätzte ihn etwas jünger als mich, vielleicht Mitte zwanzig. Sein Haar lag in kleinen, braunen Wellen um sein schmales Gesicht, das dennoch sehr maskulin wirkte. Sein kantiges Kinn war angespannt, seine vollen Lippen zusammengepresst und seine Mundwinkel kräuselten sich in gezierter Zurückhaltung. Fast, als hielte er mit aller Macht einen entnervten Schrei zurück. Dominik war ein wenig größer als ich und recht muskulös.
Nicht wie ein Gestaltwandler. Seine Figur erinnerte mehr an einen Vampir. Aber ihm fehlte das gewisse Etwas. Die legere Gleichgültigkeit vielleicht. Daraus schloss ich, dass er ein Mensch sein musste. Freilich hätte ich seine Energiepunkte checken können. Doch solange ich meinen Körper nicht vollständig beherrschte, hatte ich Angst davor.
Ganz ehrlich.
Wer sagte mir denn, dass ich nicht aus Versehen meine Eigenschaften als Saphi freisetzte? Mich wunderte eh, dass das während meines Komas nichts passiert war. Hatten auch diese Fähigkeiten geschlummert?
„Wo sind Sie nur mit ihren Gedanken?“ Dominiks Stimme war so dicht neben meinem Ohr, dass ich beinah einen Sprung nach hinten gemacht hätte. Allerdings wäre es nur der Versuch gewesen. In Wahrheit wäre ich umgefallen. Ziemlich elegant … jaaha … wie ein Mehlsack. Ein großer. Von daher konnte ich wirklich von Glück reden, dass ich nicht mehr allzu schreckhaft war.
Oder meine Reaktionen selbst von einer Schnecke im Winterschlaf noch überholt werden konnte.
Mein Herz allerdings trommelte heftig gegen meinen Brustkorb. „Jetzt geben Sie sich ein bisschen mehr Mühe. Sie schaffen das, Samantha. Sie müssen es nur wollen!“
Geee-nau. Und wenn ich dich lang genug anstiere, siehst du aus wie meine Mutter.
Zischend atmete ich die Luft zwischen den Zähnen aus. Gleichzeitig brüllte ich mein Bein gedanklich an sich endlich von dem scheiß verfickten, blöden Boden zu lösen. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte ich es, mein Knie zu beugen und meinen Fuß einen – oder vielleicht auch zwei – Zentimeter anzuheben. So konnte ich mein Bein, ähnlich einem Schlurfen, nach vorn schieben. Von Gehen konnte keine Rede sein.
Aber hey!
Noch vor drei Tagen hatte ich nicht mal stehen können.
Danach war ich unendlich froh, als ich wieder im Bett lag. Noch besser, es war Essenszeit. Schöner wäre es natürlich gewesen, wenn mich jemand gefüttert hätte. Aber ich musste allein dafür sorgen, dass sich meine Hand mit der Gabel an meinen Mund bewegte. Ohne die Gabel fallen zu lassen. Oder das Essen, was sich darauf befand.
Und ohne meinen Mund zu verfehlen!
Pah, wie war Dominik nur auf diese Idee gekommen? Sollte er mich nicht unterstützen? Es kam mir eher so vor, als würde er mich absichtlich quälen. Natürlich wusste ich, dass es nur zu meinem Besten war. Trotzdem – verdammter Bockmist – es war furchtbar. Verdammt schwer.
Einfach zum Kotzen!
Nie im Leben hätte ich mir ausgemalt, alles von vorn lernen zu müssen. Nicht zum ersten Mal wünschte ich mir, aus meiner Haut fahren zu können. Hätten die scheiß Gestaltwandler das auch richtig machen können? Dann wäre ich jetzt zwar tot, würde aber auch nicht in diesem unnützen Gestell aus Haut, Knochen und unbrauchbaren Muskeln feststecken. Abermals füllten sich meine Augen mit Tränen, die ich schnell fort blinzelte. Alan würde es nicht schaffen, mich zu brechen. Selbst wenn das bedeutete, dass ich dafür mit Dominik, dem Sklaventreiber, jeden Tag eine mehrstündige Verabredung hatte.
Alan würde ich es zeigen!
Ich, Samantha Bricks, war nicht totzukriegen. Ich wollte verflucht nochmal leben.
Richtig leben.
Ohne Einschränkungen.
Mein Herz war nach wie vor nicht geheilt. Doch mit genügend Abstand – hey, ich hatte immerhin schon ein paar Monate ohne ihn ausgestanden – käme ich über diesen eingebildeten Lackaffen hinweg. Von jetzt an musste ich nicht mehr fürchten, dass ich halbjährlich mit ihm konfrontiert wäre. Wegen des Rituals. Abgesehen von der immer noch bestehenden Möglichkeit, dass das Rudel erst aufgab, wenn ich tatsächlich zwei Meter tief unter der Erde lag. Oder waren es drei Meter? Egal. Ich musste schnellstmöglich wieder auf die Beine kommen. Dann konnte ich mir immer noch Gedanken darüber machen, wie ich den Gestaltwandlern entkäme. Notfalls mussten eben sie dran glauben.
Eine zweite Chance bekamen sie nicht.
Ich war vorgewarnt.
Die nächsten Wochen kämpfte ich.
Jeden Tag gab ich mein Bestes. Versuchte, so schnell wie möglich meine alte Form zurückzuerlangen. Fehlschläge einzustecken und mir diese auch einzugestehen, gehörte ebenso dazu wie die winzig kleinen Fortschritte. Dominik holte mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Glücklicherweise ließ er auch ein Lob niemals aus. Verwirrend waren jedoch die Momente, in denen ich Besuch bekam. Von meiner Familie fast täglich. Doch immer öfter kam auch Steward Bingham in mein Zimmer, fragte mir Löcher in den Bauch und informierte sich über meine Fortschritte.
Nickend nahm er sie hin.
Ob das gut oder schlecht war? Keine Ahnung.
Nebenher erfuhr ich etwas Wichtiges: Ich hatte es ihm zu verdanken, dass ich überhaupt noch unter den Lebenden weilte. Ohne sein Blut wäre ich meinen Verletzungen erlegen. Allerdings schaffte es kein noch so starkes Vampirblut oder irgendwelche Magie, egal welcher Spezies, eine Heilung vollkommen zu machen. Steward hatte mir quasi die Möglichkeit gegeben. Einen Strohhalm. Aber nutzen musste ich ihn selbst. Nun, das war besser als in einem Sarg zu liegen. Die Tatsache, dass Vampirblut sich mit jedem Blut vermischen ließ, war interessant. Menschen konnten untereinander nicht wahllos Blut spenden. Vampire schon. Zugegeben, rein menschlich war ich nicht. Abgesehen von meinen movere-Genen wohnte in mir schließlich auch ein winziges Teilchen eines Ker-Lon. Mächtige Dämonen, deren Blut giftig für Vampire war. Ein Grund, weshalb ich mich nicht mehr vor einem Biss fürchtete.
Denn nur die Beimischung der Enzyme während eines Bisses waren für movere gefährlich. Das Blut eines Vampirs an sich nicht. Allerdings war das mit dem Ker-Lon-Anteil in mir eine Sache, die ich liebend gern vor meiner Familie und der normalen Welt verheimlicht hätte. Mir blieb jedoch nicht erspart, dass ich unzähligen Tests unterzogen wurde. Ich hatte jedoch so eine Ahnung, dass Steward die ein wenig… nun ja… frisierte. Nebenbei erfuhr ich auch, dass ich während meines Komas einige Technik zerstört und mich mit Hilfe meiner eigenen Energie hatte reanimieren können.
Wow.
Ich war sozusagen mein eigener Defibrillator!
Ein Glück, dass ich die medizinischen Geräte nicht zu erstatten hatte. Ich litt zwar nicht an akutem Geldmangel, aber das Krankenhaus war gegen jedwede Eventualitäten abgesichert. Der Tatsache, dass mein Konto stets gedeckt war – ähm, ich hatte eigentlich mehr als eins – war es auch zu verdanken, dass ich nach wie vor eine Wohnung besaß.
Oh, mir fiel ein, dass ich drei Aufträge in den Sand gesetzt hatte. Nicht wortwörtlich. Aber sie nicht auszuführen, kam dem ziemlich nah. Bingham war nur einer meiner Kunden, dem meine Dienstleistung nicht zur Verfügung gestanden hatte. Ich war dementsprechend ziemlich froh zu hören, dass sein Auftrag immer noch existierte. Er wollte niemand anderen. Nur mich.
Ha, ich fühlte mich gleich viel besser.
Ehrlich!
Ob ich Steward sagen sollte, dass ich auf der Abschussliste der Gestaltwandler stand? Ich entschied mich, dieses unwichtige Detail für mich zu behalten. Wenn es so weit war – und ich würde mich weiß Gott nicht auf einen Präsentierteller vor Alans Rudel legen – würde Bingham das schon bemerken.
Weitere Wochen vergingen, bis ich in der Lage war, kurze Spaziergänge zu machen. Selbst wenn die auf mich die Wirkung eines Marschs quer durch Europa hatten; ich mich mit dem atemberaubenden Tempo eines Faultiers und der Grazie eines Nilpferds bewegte. Dennoch genoss ich es, mich an der frischen Luft zu verausgaben. Solange es nicht regnete. Das tat es ziemlich oft Ende September. Wenn Dominik mich nicht begleitete, tat es meine Mutter. Oder Steward Bingham. In seiner Gegenwart kam ich mir allerdings vor wie ein schwaches Kind.
War ich in seinen Augen bestimmt auch.
Sogar Chris und zwei Freundinnen besuchten mich regelmäßig, obwohl ich die beiden in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt hatte. Meine unbeholfenen, uneleganten Bewegungen ließen mich neben ihnen – oder eigentlich neben jedem – aussehen wie eine altersschwache, gebrechliche Frau.
Ich hasste es, nicht richtig zu funktionieren.
Hinzu kam die Sorge, dass Alans Rudel nur darauf wartete, erneut zuzuschlagen. Obendrein die Befürchtung, dass ich meine Fähigkeiten als Saphi nicht unter Kontrolle haben könnte. Deswegen kam ich gar nicht erst in Versuchung diese zu testen.
Natürlich spürte ich den Energieabfall in meinem Körper. Aber da die Energie auf diesem niedrigen Level im Moment konstant blieb, hatte ich zumindest das Bedürfnis, mich zu nähren, im Griff. Sogar bei Gewitter. Bloß gut, dass ich herausgefunden hatte, dass es mir leichter fiel dessen Elektrizität zu ignorieren, sobald sich jemand in meiner unmittelbaren Nähe befand. Egal wer. Nun ja, sagen wir so: Steward war zufällig da gewesen. Während meines Komas war ebenfalls ständig jemand an meiner Seite gewesen, so dass niemandem etwas aufgefallen sein dürfte. Falls es in der Zeit ein Gewitter gegeben hatte. Ansonsten hätte man mich sicher schon längst in einen faradayschen Käfig gesperrt und mich darin – zu Untersuchungszwecken – verrotten lassen.
Wochen vergingen.
In denen lernte ich meinen Körper neu kennen. Ich war zwar noch immer nicht die Alte, aber ich konnte mich zumindest wieder wie ein Mensch bewegen.
Ein normaler Mensch – kein movere.
Meine Fähigkeiten waren nach wie vor vorhanden. Doch ich hatte Angst, mich diesen gegenüber zu öffnen. Auch nicht nach der anschließenden Reha. Solange dieses Problem bestand, würde ich allerdings arbeitslos sein.
Auch für Bingham.
Doch der schien außerordentlich geduldig zu sein – was den Gegenstand betraf, den ich für ihn zurückholen sollte. „Lass dir so viel Zeit, wie du brauchst. Überstürze nichts.“ Nein, das hatte ich auch nicht vor. Ganz bestimmt nicht!
In all der Zeit hatte ich Unterstützung von meiner Familie, von Steward und von Freunden, die ich geglaubt hatte, seit langer Zeit aus den Augen verloren zu haben.
Doch zu keinem Zeitpunkt von einem aus Alans Rudel. Das erhärtete meine Theorie, dass sie hinter dem Unfall steckten und machte es zur gnadenlosen Gewissheit. Sie warteten ab, bis ich wieder hergestellt war. Das ergab in meinen Augen keinen Sinn. Ich wollte ihnen jedoch auf keinen Fall unterstellen, plötzlich fair spielen zu wollen.
Ende Januar 2118 war ich endlich wieder daheim – obwohl man mich noch eine Weile hatte beobachten wollen. Denn aus ungeklärter Ursache trat ich hin und wieder weg. Licht aus; Augen zu; aus die Maus. Fiel einfach um. Mein Blutdruck war normal. Auch alle anderen Körperfunktionen zeigten keinerlei Abweichungen. Selbst meine Gehirnaktivitäten wichen nicht von der Norm ab. Doch da ich das letzte Mal kurz vor Weihnachten umgekippt war, sah man keine Notwendigkeit, mich weiterhin beobachten zu müssen. Mein Arzt meinte, damit müsse ich wohl leben. Vielleicht sei es einfach nur der Stress. Oder die Vorfreude, endlich wieder heimzukommen.
Tja, drei Weihnachten hintereinander in den Sand gesetzt… schlimmer konnte es kaum kommen, oder?
Ich hatte Claudia und Trudi, die eigentlich Tamara hieß, schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Wenn ich es mir recht überlegte, waren es locker zwei Jahre, bevor sie mich im Krankenhaus besucht hatten. Irgendwie hatte mir nicht der Sinn danach gestanden, mich mit ihnen zu treffen. Wieso, wusste ich auch nicht genau.
Vielleicht, weil das Jahr vor meinem Unfall recht turbulent gewesen war.
Vielleicht, weil ich viel zu viel mit Alan herum gehangen hatte.
Außerdem hatten Freunde in meiner Gegenwart in letzter Zeit die Tendenz zu sterben. Und um die ganze Sache noch ein wenig zu toppen, war ich die vergangenen Monate nicht … äh … abkömmlich gewesen.
Und jetzt ein gemeinsamer Frauenabend.
Im Cluchant.
Ein Club, in dem man viel nackte Haut zu sehen bekam. Sowohl von Männern als auch von Frauen. Wow! So aufgeregt war ich wahrscheinlich das letzte Mal bei meiner allerersten Verabredung gewesen. Nein, halt: Bei meiner Entjungferung. Mein Herz flatterte unruhig und mein Magen veranstaltete eigenartige Kapriolen. Meine Hände waren feucht. Egal wie oft ich sie auch an meinen Jeans abwischte. Noch ein wenig mehr von dieser hibbeligen Nervosität und ich würde den ganzen Abend auf der Toilette verbringen. Während ich die Tür hypnotisierte und auf das erlösende Klingeln wartete, rasten mir unzählige Gedanken durch den Kopf. Die lösten sich alle in Luft auf, als endlich die Türglocke schellte. Über die Gegensprechanlage vergewisserte ich mich, dass es die beiden waren, überprüfte ein letztes Mal mein Aussehen im Spiegel, schnappte mir Schlüssel und Bargeld, schloss hinter mir die Tür, stopfte alles in meine Jeans und stieg in den Aufzug.
Die Begrüßung der beiden war herzlich. Beinah so, als hätten wir uns nie aus den Augen verloren. Dass Claudia sich angeboten hatte zu fahren, obwohl wir uns auch ein Taxi hätten bestellen können, zeigte mir, dass sie nach wie vor kein Anhänger des Alkohols war. Gut, dann blieb mehr für mich und Trudi.
Keine halbe Stunde später saßen wir im Cluchant. Relaxt. Angeregt plaudernd. Mit frischen, farblich sehr interessanten, leckeren Getränken vor uns und einem Dauergrinsen im Gesicht. Einem echten. Keinem erzwungenen. Sich Geschichten von früher zu erzählen war durchaus amüsant. Meine Mutter hatte mal behauptet, sobald man anfing, von früher zu reden, würde man alt.
Na ja, jeder wurde das irgendwann.
Claudia hatte sich in der Zeit, in der ich sie nicht gesehen hatte, kaum verändert. Sie war ein wenig fülliger geworden, aber es stand ihr hervorragend. Trudi hingegen hätte ich auf der Straße vermutlich nicht erkannt. Sie hatte mehr als 20 Kilo abgenommen. Ihre einst kurzen schwarzen Haare reichten ihr inzwischen bis zu den Schultern und waren nun blond. Genau wie ich trugen die beiden Jeans und Top; jeweils in einer anderen Farbe. Meins war pink, das von Claudia blau und Trudis knallrot. Claudia war seit Jahren verheiratet und hatte zwei Kinder. Trudi war Single.
Wie ich…
Beide übten einen normalen Beruf aus. Ich glaubte nicht, dass sie ahnten, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiente. Früher hatten wir zusammen die Schule unsicher gemacht. Jetzt waren wir alle drei in dem Alter, in dem wir über unsere Eskapaden von früher entweder lachten oder dunkelrot vor Scham anliefen. Dass sowohl Trudi als auch Claudia keine movere waren, hatte mich nie gestört. Umgekehrt war es dasselbe. Natürlich fragte Trudi mich über Alan aus und ob die Möglichkeit bestünde, trotzdem noch ein Autogramm von ihm zu bekommen. Ich versuchte wirklich, wirklich nett zu sein. Nur das Beste von ihm zu erzählen, aber das erwies sich als schwierig.
Nach einer Weile stellte ich allerdings fest, dass ich auch erzählen könnte, dass Alan schnarchte, seine Unterhosen nur einmal im Monat wechselte und keinerlei Tischmanieren besäße. Trudi würde trotzdem niemals, nie, nicht aufhören ihn als Gott anzuhimmeln. Meinetwegen. Ich konnte es ihr schlecht verübeln. Als sie jedoch fragte, wie er im Bett sei, hätte ich mich fast an meinem exotischen Mixgetränk verschluckt.
„Man Trudi, nun lass Sam doch mal in Ruhe. Immerhin hat er sich von ihr getrennt. Wir fragen dich auch nicht danach aus, wie dein Ex im Bett war. Obwohl ich mir das lebhaft vorstellen kann.“, kicherte Claudia und rettete mich damit vor einer Offenbarung Alans gottähnlicher Fähigkeiten auf diesem Gebiet. Trudi würde sonst tatsächlich anfangen einen Altar für ihn einzurichten, für ihn zu beten und Opfergaben zu entrichten.
Falls sie das nicht ohnehin schon machte.
Sie entschuldigte sich leicht errötend, und ich war froh, dass Claudia das Gesprächsthema auf etwas anderes richtete. Natürlich auf einen Mann. Aber auf einen, der eben halbnackt vor unserem Tisch tanzte. Ein leckerer Kerl, aber nicht meine Kragenweite. Claudias schon. „Ähm, Süße? Du bist glücklich verheiratet!“, wurde sie von Trudi erinnert, was der einen bösen Blick einbrachte. „Und? Schauen wird ja wohl erlaubt sein.“
„So wie du guckst, willst du nicht nur schauen. Ich kann ganz deutlich sehen, wie du dich aus deinen Jeans pellst, ihm das Stückchen Stoff vom Leib reißt, deinen Slip auf den Boden wirfst und ihn anspringst.“ Claudia seufzte ausatmend. „Ja, da könnte was dran sein. Zu schade, dass ich viel zu feige bin. Aber du hast Recht, ich bin glücklich verheiratet. Das wird mein neuer Slogan. Ich sollte mir die Augen verbinden, wenn solche Sahnestückchen vor meinen Augen mit dem Hintern wackeln. Und ich sollte meinem Mann dazu animieren, für mich genauso aufreizend zu tanzen.“ Claudia seufzte. „Nein, eher nicht. Zumindest nicht so! Jean hat absolut kein Rhythmusgefühl. Beim Tanzen.“ Trudi zwinkerte mir amüsiert zu, als wir sahen, wie Claudia dezent errötete. „Uh…, na das ist aber auch eine Sahneschnitte!“, schnalzte Trudi eben neben mir, als ich just in dem Moment Roman unter den Anwesenden erblickte.
Ernüchtert sackte ich tiefer in meinen Sitz; in der Hoffnung, dass er mich übersah.
Dumm, dass Trudi ausgerechnet ihn ins Auge fasste und wie eine Geisteskranke auf sich aufmerksam machte. „Geht es noch auffälliger?“, zischte ich erschüttert, als sie wie eine professionelle Verführerin ihre Oberweite umfasste und quer durch den Club brüllte, ob er die nicht mal auf ihre Echtheit testen wolle. Ich erwartete schon, dass sie sich das Top vom Leib riss.
Das blieb Gott sei Dank aus.
„Trudi live. In Farbe. Und Ton.“, erläuterte Claudia die Szene, die ich ehrlich gesagt von Trudi nie und nimmer erwartet hatte. „Wann ist das denn passiert?“ Trudi war doch immer die Zurückhaltende von uns gewesen. „Nach Mark. Der hat ihr wegen eines zwanzigjährigen Betthäschens den Laufpass gegeben und ihr erklärt, sie sei zu verklemmt. Tja, irgendwie hat das wohl … na, du siehst ja, was es angestellt hat.“ Ja, das sah ich. Gerade eben hatte sich Trudi aufgemacht, um sich Roman an den Hals zu werfen. „Weiß sie, was er ist?“ Claudia zuckte mit den Schultern. „Möglicherweise. Aber er heißt nicht Alan. Willst du sie aufklären?“ Ich war mir nicht sicher, ob ich mich einmischen sollte. Aber verdammt, der Typ war Roman! Nur zu deutlich konnte ich mich an Alans Worte erinnern, dass der ein ziemlicher Sadist war, was sexuelle Begierde anging und manchmal auch über sein Ziel hinausschoss.
Leider endete das unweigerlich mit dem Tod seiner Bettgefährtin.
Sofern er dafür überhaupt ein Bett brauchte. Die meisten Vampire trennten Blut und Sex gern voneinander. Aber ich war mir nicht sicher, ob Roman zu dieser Sorte gehörte.
Das war nicht der einzige Grund, aus dem mein Herz aufgeregt wummerte. Schließlich hatte er einmal Jagd auf mich gemacht. Darum wollte ich ihn auch ungern auf mich aufmerksam machen. Ich fluchte stöhnend, was Claudia argwöhnisch kommentierte, indem sie mich darauf hinwies, dass er auch nur ein Mann sei. „Er ist verdammt nochmal ein Vampir! Weiß Trudi wenigstens, worauf sie sich einlässt?“ Claudia rollte mit den Augen und erklärte mir, dass Trudi alt genug sei allein ihre Entscheidungen zu treffen. „Ja, das ist sie. Es ist nur so, ich kenne diesen Typen, und er ist alles andere als ein sanfter Liebhaber.“ Das musste anders rüber gekommen sein, als ich es meinte.
Prompt verschluckte sie sich an ihrem Eistee.
„Du hattest mit ihm Sex?“ Oh Gott, ging es noch lauter? „Nein, um Himmels Willen! Aber er ist Alans Kumpel und na ja… ich habe das ein oder andere über ihn gehört. Das ist nicht sonderlich Vertrauen erweckend.“ Sie hustete noch ein paar Mal, nahm ihr Glas erneut in die Hand und trank einen winzigen Schluck. „Du meinst, er beißt?“
Nein.
Vampire sangen Chansons, während sie einem die Kopfhaut massierten.
Natürlich biss er! Was für eine bekloppte Frage.
Aber das wäre das kleinste Übel, was ich ihr auch erklärte. „Ach du Scheiße. Wir sollten ihr das sagen. Was ist denn, wenn sie mit ihm…“ Claudia sah aus, als hätte sie ein Kaninchen überfahren, während sie mir ins Gewissen redete, dass ich Trudi informieren sollte. „Wieso ich? Geh du doch!“ Schnell schüttelte sie den Kopf. „Du kennst ihn, ich nicht. Tu es für Trudi, bitte!“
Oh man, warum nur ließ mich ihr Dackelblick kapitulieren? „Ok.“, stimmte ich zu, „Aber erst, wenn es kritisch wird und sie den Club verlassen.“ Das besänftigte sowohl sie, als auch mich. Solange die beiden hierblieben, musste ich mich nicht auf Konfrontationskurs mit Roman begeben. Nach wie vor jagte der mir nämlich höllische Angst ein. Nun ja, es war weniger Angst als vielmehr… hm… Respekt? Immerhin war er ein Vampir. Kein geistesgestörter Wahnsinniger mehr, aber nichtsdestotrotz harmlos.
Leider schienen meine Gebete beim lieben Gott kein Gehör zu finden. Denn nur eine halbe Stunde steuerten die beiden eng umschlungen eine Tür an, die – wenn ich es mir recht bedachte – nicht zu den Toiletten führte.
Oder zum Notausgang.
Im Cluchant, so wusste ich, gab es privatere Räume, in die man sich bei Bedarf zurückziehen konnte. Super. Ich sollte diese zwei willigen Turteltauben aufhalten? Was hatte ich mir da nur eingebrockt?
Achtung, Vampir, der Sammynator rupft dir deine Beißerchen.
Yea-ha!
Gedanklich schwang ich eine große Keule, aber mein viel zu schnelles Herzklopfen und meine zitternden Hände zeugten von meiner Angst. Wie reagierten Vampire, denen man die willige Beute abschwatzen wollte? Was, wenn er mich angriff? Ich hatte nicht das Verlangen und auch nicht das Vertrauen meine Fähigkeiten einzusetzen. Zu groß war die Möglichkeit, dass deren Einsatz nach hinten losging. Ich könnte aus Versehen die ganze Bude abfackeln.
Roman könnte durch das Nennen seiner Chakren auch tot umfallen. Sofern sie überhaupt sichtbar wären.
Eine weitere Version von Gerichtsbarkeit à la Pir konnte ich echt nicht gebrauchen. „Vielleicht ist er gar nicht so schlimm, wie du denkst. Gott, wäre ich nicht verheiratet, würde ich sogar behaupten, er ist wahnsinnig attraktiv. Und sexy!“, seufzte Claudia. Wenn Blicke einem den Mund verbieten könnten, wäre meiner wie geschaffen dafür. Nicht, dass er meine Freundin beeindruckte. Denn außer einer hochgezogenen Augenbraue hatte sie nur ein spitzes ‚Was denn?‘ für mich übrig. „Verdammt, Claudia, er ist ein Vampir! Ein Raubtier. Natürlich sehen die toll aus. Wäre auch noch schöner, wenn man vor ihnen wegrennt. Stell dir nur all den Aufwand vor, wenn sie ihren Opfern erst jedes Mal hinterher rasen müssten.“ Zugegeben, es wäre für sie kein allzu großer Aufwand. Vampire waren in der Hinsicht tatsächlich perfekt ausgestattet. Prädestiniert für die Jagd, die allzu oft gar keine war. Vielmehr warf sich die Beute freiwillig an deren Hals.
Auch an Romans.
„Dann beeil dich. Ich passe derweil auf unseren Tisch auf.“ Als ob der wegrennt… Meine Bitte, sie möge mich begleiten, lehnte sie lächelnd ab. Ihre Begründung, dass ich eine movere sei, war für sie ausreichend. Ich hielt ihr allerdings zugute, dass sie nicht wusste, wie gefährlich – im Normalfall – ein Vampir für einen Menschen wie mich sein konnte. Verflucht, er war auch so immer noch gefährlich! Als ob mich nur sein Gift töten könnte: Ein gebrochener Hals oder eine aufgerissene Kehle hatten denselben Effekt. Außerdem fühlte ich mich noch lange nicht wieder wie ein movere. Dafür brauchte ich sicher noch ein paar Monate. Bitte, gebt mir eine Urkunde. Einen hübschen Preis, eine Auszeichnung. Idiotin des Jahres war noch eine untertriebene Bezeichnung für mein Vorhaben. Dafür hatte ich doch irgendeine Art der Anerkennung verdient. Wenn möglich etwas mehr als eine kreisförmige Bewegung mit dem Zeigefinger neben dem Kopf, obwohl die sehr passend erschien.
Tief einatmend stand ich auf, zupfte mein Shirt zurecht und schlängelte mich an den vielen Clubbesuchern vorbei zu der Tür, die die beiden benutzt hatten. Die war schwerer, als sie aussah. Aber indem ich mich dagegen lehnte, bekam ich sie mit einem Ächzen auf. Jetzt wäre es wirklich gigantisch gewesen, wenn mir eine Spur aus Krümeln oder ein blinkender Pfeil gezeigt hätten, welchen Weg die beiden eingeschlagen hatten.
Links oder rechts. Das war hier die Frage aller Fragen.
So wie die Tür hinter mir mit einem lauten Scheppern zufiel, war die Musik nur noch gedämpft zu hören. Ich spitzte die Ohren, ob ich irgendwelche Schreie – vorzugsweise die von Trudi – vernahm. Leider Fehlanzeige. Auf der einen Seite war es gut, dass ich nichts hörte. Auf der anderen fachte das meine Fantasie nur umso mehr an. Meine Sinne zu nutzen wäre eine gute Idee gewesen. Auch entgegen meiner Skepsis. Wäre Roman der einzige Mann, der sich zu seinem Amüsement oder seiner Nahrungsaufnahme in diesen Bereich verzog.
War er aber nicht.
Selbst wenn der Flur, auf dem ich gerade stand, gähnend leer war. Verflixt, ich hätte ihnen schneller folgen sollen. An jeder Tür lauschend lief ich über den Gang, dessen weiße Wände mit den Neonröhren und dessen Boden mit den hellen Fliesen ebenso steril wirkten wie ein Krankenhaus. Nur dass es hier angenehmer roch.
Verfluchter Bockmist!
Wie sollte ich die zwei denn hier finden?
Die Türen sahen alle gleich aus und schienen hermetisch abgeriegelt zu sein. Kein einziger Laut drang nach draußen. Mich in einem Labyrinth zu verirren, war mit Sicherheit angenehmer. Dort lief ich nicht Gefahr, einem Monster über den Weg zu laufen. Mein Herz wummerte im Rhythmus eines Rock ’n’ Roll, während ich unbewusst zitterte. Meine Hände nahmen die Temperatur eines Eisblocks an. Ich konnte unmöglich alle Türen öffnen und irgendwelche Fremden in flagranti erwischen.
Auch nicht für Trudi?
Oh man, was für eine Zwickmühle! Natürlich war meine Freundin erwachsen. Doch Roman war und blieb trotzdem ein sadistischer Mistkerl, der mir eine Heidenangst einjagte. Trotz allem hielt mich das nicht davon ab, lauthals nach meiner Freundin zu rufen. „Trudi, du blöde Kuh! Heute war verdammt nochmal ein Frauenabend geplant und kein Buffet für einen Vampir. Schwing deinen Hintern wieder nach vorn und zwar pronto, bevor ich über meinen eigenen Schatten springe und jede dieser verfluchten Türen aufreiße!“ Ich holte tief Luft und setzte noch eins obendrauf. „Und Roman, wenn du meiner Freundin auch nur ein Härchen krümmst, werde ich dich eigenhändig kastrieren, dir jedes Beißerchen einzeln ziehen und dich scheibchenweise grillen.“ So wie ich durch den Flur gebrüllt hatte, hätte ich mich für meine eigene Dummheit ohrfeigen können.
Spätestens jetzt wusste Roman, dass ich hier war.
Zu blöd aber auch. Was tut man nicht alles für seine Freunde?
Augen rollend schüttelte ich den Kopf und begann, langsam bis zehn zu zählen. Ich lauschte, ob sich eine Tür öffnete. Doch abgesehen davon, dass sich ein weiteres Pärchen nach hinten verirrte, passierte nichts.
Absolut gar nichts.
Keine Trudi.
Kein Roman.
Ganz ruhig, ermahnte ich mich. Ich holte tief Luft und zählte abermals bis zehn. Vermutlich hätte ich bis eintausendneunhundertdreiundzwanzig zählen können. Nichts passierte. Tief ein- und ausatmend lief ich mutig zur ersten Tür, legte meine Hand auf den Knauf und drehte diesen vorsichtig um. Theoretisch hatte ich vorgehabt, jede Tür einzeln, sehr leise und nur minimal zu öffnen. Praktisch war es aber so, dass jede dieser beschissenen Türen von innen abgeschlossen werden konnte. Diejenigen, die sich öffnen ließen, gaben nichts weiter preis als einen leeren Raum.
Aha, darum also rote beziehungsweise grüne Lämpchen oberhalb der Türen. Gut zu wissen.
