Alptraum mit Signora - Nino Filastò - E-Book
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Alptraum mit Signora E-Book

Nino Filastò

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Beschreibung

Ein Bild von Paolo Uccello wird zur dramatischen Person: Der zweite Fall für Avvocato Scalzi, Jurist mit Liebe zur Literatur und guter toskanischer Küche. In der Anwaltskanzlei von Corrado Scalzi, im Borgo Santa Croce mitten in Florenz, laufen die Fäden einer düsteren Geschichte zusammen. Untersuchungsrichter Fileno Lembi hat einen ziemlich unappetitlichen Mord an einem schönen Transvestiten aufzuklären. Sein einfallsloser Kontrahent, Staatsanwalt Orlandi, hat bereits einen Schuldigen zur Hand und will den Fall so schnell wie möglich hinter sich bringen: Florenz liegt unter bleierner Hitze, die Ferien sind nah. Aber Lembi glaubt nicht an den Mord aus Eifersucht; in seiner gutsortierten Kunstbibliothek hat er ein Renaissanceporträt entdeckt, das dem Ermordeten aufs Haar ähnelt. Und als wenig später ein bekannter Florentiner Kunsthändler umgebracht wird, ahnt Lembi, daß er einem genialen Fälscher auf der Spur ist. Wer ist dieser Fälscher, der malt wie die Maler des Quattrocento, der das antike Geheimnis ihrer Farben kennt, der ein lebendes Modell braucht - und der dieses Modell am Ende umbringt? Die verdächtige Angelica, verarmte Enkelin einer Sammlerin, gerät in höchste Lebensgefahr. In ihrer Not wendet sie sich an Anwalt Corrado Scalzi, ihren melancholischen Freund aus gemeinsamen Jugendtagen.

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Über Nino Filastò

Nino Filastò, geb. 1938, lebt in Florenz als Rechtsanwalt. In der literarischen Tradition von Leonardo Sciascia schreibt er Romane um die Figur des Anwalts Corrado Scalzi, in denen eine kriminalistische Fabel immer auch zum Instrument der Gesellschaftskritik wird. Über den mit Donna Leon und Andrea Camilleri bekanntesten Autor italienischer Kriminalromane schreibt die FAZ: "Filastò führt eine leichte, zeitweise elegante Feder; er ist ein überdurchschnittlicher Erzähler mit sicherem Instinkt für die Erwartungen des Lesers."

In der Aufbau Verlagsgruppe sind von ihm bisher erschienen: "Der Irrtum des Dottore Gambassi"(OF 1995), "Alptraum mit Signora"(OF 1990), "Die Nacht der schwarzen Rosen"(OF 1997), "Swifts Vorschlag"(OF 1991) und "Forza Maggiore"(OF 2000).

Informationen zum Buch

Ein Bild von Paolo Uccello wird zur dramatischen Person: Der zweite Fall für Avvocato Scalzi, Jurist mit Liebe zur Literatur und guter toskanischer Küche.

In der Anwaltskanzlei von Corrado Scalzi, im Borgo Santa Croce mitten in Florenz, laufen die Fäden einer düsteren Geschichte zusammen. Untersuchungsrichter Fileno Lembi hat einen ziemlich unappetitlichen Mord an einem schönen Transvestiten aufzuklären. Sein einfallsloser Kontrahent, Staatsanwalt Orlandi, hat bereits einen Schuldigen zur Hand und will den Fall so schnell wie möglich hinter sich bringen: Florenz liegt unter bleierner Hitze, die Ferien sind nah. Aber Lembi glaubt nicht an den Mord aus Eifersucht; in seiner gutsortierten Kunstbibliothek hat er ein Renaissanceporträt entdeckt, das dem Ermordeten aufs Haar ähnelt. Und als wenig später ein bekannter Florentiner Kunsthändler umgebracht wird, ahnt Lembi, daß er einem genialen Fälscher auf der Spur ist.

Wer ist dieser Fälscher, der malt wie die Maler des Quattrocento, der das antike Geheimnis ihrer Farben kennt, der ein lebendes Modell braucht - und der dieses Modell am Ende umbringt? Die verdächtige Angelica, verarmte Enkelin einer Sammlerin, gerät in höchste Lebensgefahr.

In ihrer Not wendet sie sich an Anwalt Corrado Scalzi, ihren melancholischen Freund aus gemeinsamen Jugendtagen.

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Nino Filastò

Alptraum mit Signora

Ein Avvocato Scalzi Roman

Aus dem Italienischenvon Bianca Röhle

Inhaltsübersicht

Über Nino Filastò

Informationen zum Buch

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Vorbemerkung des Autors

Erster Teil

1 Blut unter der Tür

2 Engel links

3 Engel rechts

4 Stadtmauern

5 Roter Hut

6 Schloss auf dem Hügel

7 Ritter auf grauem Pferd

8 Schacher

9 Ritter auf rotem Pferd

10 Teufel

11 Schwarzer Hut

12 Gendarmen vor der Tür

13 Arme Frau

14 Schmied

15 Alchimist

16 Säuleneinfassung

17 Pfanne auf dem Feuer

18 Mondsichel

Zweiter Teil

19 Beschuldigte

20 Selbstgespräch

21 Verteidiger

22 Anhörung

23 Kreuzung

24 Museum

25 Campagna in der Nacht

26 Unter vier Augen

27 Theatervorstellung

28 Modell in Pose

Dritter Teil

29 Neumond

30 Vorverfahren

31 Abhörprotokoll

Anmerkungen

Impressum

Vorbemerkung des Autors

Die Überschriften der Kapitel 1 bis 18 sind inspiriert von einigen Details der Predella mit dem sogenannten Hostienwunder von Paolo Uccello, die sich heute im Palazzo Ducale in Urbino befindet. Die Umsetzung dieser Idee hat mich eine gewisse Anstrengung gekostet, doch ist sie leider niemandem aufgefallen, nicht einmal meinen treuesten Lesern, und auch nicht meinen besten Freunden. Daher liegt mir einiges daran, in dieser neuen Ausgabe des Romans ausdrücklich darauf hinzuweisen. Es ist nicht besonders elegant, auf diese Art einen Schlüssel zur Lektüre der Erzählung vorwegzunehmen, der eigentlich der Phantasie und dem Scharfsinn des Lesers überlassen bleiben sollte. Doch da wirklich niemand etwas bemerkt hat, musste ich darauf schließen, dass meine Idee vielleicht ein wenig zu ausgefallen war.

Fakten, Situationen, Vorkommnisse und Personen sind frei erfunden. Aber es ist in diesem Roman von zwei Gemälden die Rede. Das erste davon wird Filippino Lippi, das zweite Biagio di Antonio zugeschrieben, und sie hängen tatsächlich in einer bedeutenden Gemäldegalerie Europas. Ich halte sie für Fälschungen. Andere Bilder, die in dem Roman beschrieben werden, sind frei erfunden.

Einige Episoden aus dem Justizmilieu nehmen eine erdachte Anwendung der neuen Strafprozessordnung vorweg, die 1989 in Italien in Kraft getreten ist. Wie ich geahnt hatte, wurde diese Gesetzesnovelle in den darauffolgenden Jahren auf unendlich verschiedene Weisen interpretiert, modifiziert und wiederholt geflickt, bis aus ihr eine Art Harlekinskostüm geworden war. Der eine oder andere wird darum sagen, dass es in diesem Roman von Verfahrensfehlern nur so wimmelt. Doch das Oberste Gericht annulliert Urteile, keine Romane.

N.F.

Erster Teil

Wer eine Sache will ergründen,

Muss, mein ich, Phantasie entbinden,

Muss ahnen, spielen, muss erfinden.

Und führt kein gerader Weg zum Ziel,

Der andern Wege sind so viel.

Galileo Galilei

Kapitel gegen das Tragen der Robe

1. Blut unter der Tür

Das Gesicht von Signorina Domenici glühte. Sie legte sich die Handrücken an die Wangen.

»Ich wusste nicht, dass sie auf den Strich geht«, sagte sie. »Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich ihr die Wohnung niemals vermietet. Ich habe sie in der Piccolo Bar kennen gelernt, wissen Sie, in dem kleinen Lokal hier unten.«

Rechtsanwalt Corrado Scalzi kannte es nur zu gut, das kleine Lokal da unten. Sein Eingang lag direkt neben seiner Kanzlei. Gelegentlich, wenn er mal nachts arbeiten musste, war er schon drauf und dran gewesen, die Polizei zu rufen. Diese Bar war ein enges, langgestrecktes Loch. Das Licht kam nur vom Eingang, und im Innern erstickte man. Viele Kunden versammelten sich darum auf der Straße zu einer freundschaftlich verbundenen Gruppe, sie reichten einander die Getränke weiter, riefen dem Kellner ihre Bestellungen zu und unterhielten sich lauthals. Die Piccolo Bar war von fünf Uhr nachmittags bis zwei Uhr nachts geöffnet und hatte einen besonderen Kundenstamm: sie war, kurz gesagt, ein Treffpunkt von Homosexuellen, völlig ungehemmten, über ihr Anderssein glücklichen und ziemlich lauten Schwulen. Scalzi hatte es vermieden, sich an die Streife zu wenden, weil ihm nichts daran lag, als Schwulenhasser eingestuft zu werden.

Signorina Paola Domenici war eine alte Kundin seiner Kanzlei. Sie hatte ihren Namen von Paolo in Paola geändert, nachdem Scalzi für sie die Möglichkeit einer Geschlechtsumwandlung erwirkt hatte. Sie arbeitete bei der Post; eine vorbildliche Angestellte, klein, ohne den geringsten Charme, ein schmales Gesicht mit farblosen Augen, und leicht erregbar.

»Mir kamen sie alle beide wie anständige Leute vor … Eben ganz normal. Sie war sehr schön … Oder doch auffällig …«

Signorina Domenici beschrieb mit ihren Händen einen imaginären Oberkörper. Hätte sie nicht diese sehr großen Hände gehabt, wäre niemand auf die Idee gekommen, dass bei ihrer Geburt die männlichen Chromosomen überwogen hatten. Sie trug ein weißes Kostüm mit schwarzen Punkten.

»Ich las die Zeitung, und mich traf der Schlag. Sie hatten meine kleine Wohnung in der Via Faenza gemietet. Schlafzimmer, Küche und … O Gott! … Bad …« Beim letzten Wort musste sie sich schütteln, sie führte ihre Hände erneut an die Wangen, um sie zu kühlen. »Haben Sie die Zeitung gestern gesehen?«

»Nein.«

»Was? Sie haben nichts über die in Stücke geschnittene Leiche gelesen?« Signorina Domenici sah den Anwalt vorwurfsvoll an: ein Strafverteidiger, der die Verbrechenschronik nicht las! Sie zog die Seite einer Tageszeitung aus der Tasche, die auf der Höhe eines Fotos gefaltet war. Darauf konnte man, mitten im Dreck einer Abfallhalde, etwas erkennen, das einem menschlichen Kopf ähnlich sah.

»Auf einer Schutthalde hat man sie gefunden! Sie ist es, es ist Bice, Euro Bencivenga, genannt Bice. Sie wohnte mit Beppino Signore, ihrem Verlobten, in meiner Wohnung in der Via Faenza. In meinen Augen waren sie ein reguläres Paar, auch wenn sie eine Transsexuelle war.«

Scalzi betrachtete das Foto in der Zeitung und überflog den Artikel.

»Warum sollte es sich um Ihre Mieterin handeln? In der Zeitung steht doch, dass man die Leiche noch gar nicht identifiziert hat.«

»Sie ist es aber! Da bin ich mir sicher!«

»Auf dem Foto erkennt man fast nichts. Es könnte sich um einen Kopf mit langen Haaren handeln, aber es ist der Nacken abgebildet, nach diesem Foto ist es unmöglich, eine Person zu identifizieren.«

Signorina Domenici erschauerte.

»Also, dann hören Sie mal zu, Avvocato. Seit zwei Monaten haben sie sich nicht mehr gemeldet. Keiner von beiden. Früher brachten sie mir die Miete ins Haus, immer überpünktlich. Sie kamen vorbei, wir tranken eine Tasse Tee und schwatzten ein bisschen. Wir waren zwar nicht direkt befreundet, aber sie waren mir beide sympathisch. Auch noch, nachdem ich erfahren habe, dass sie sich prostituierte und er arbeitslos war, dass er also auf ihre Kosten lebte … Er mag zwar ein Zuhälter sein, doch auf jeden Fall ist er ein sanfter, distinguierter Mensch, vorausgesetzt, er lebt noch und man hat nicht auch ihn umgebracht. Hin und wieder rief Bice mich an. Manchmal haben wir uns auch in dem Lokal hier unten getroffen … Seit zwei Monaten: verschwunden! Also bin ich zu ihnen gegangen. Ich drücke auf die Klingel, keine Reaktion. Ich gehe wieder. Ich kehre einmal, zweimal zurück. Die Fenster verrammelt, der Briefkasten voller Post, vor allem Reklame, die kein Mensch rausnimmt. Ich nehme also meine Schlüssel und gehe rein. Die Wohnung ist ziemlich aufgeräumt. Ich öffne den Schrank im Schlafzimmer, ihre Kleider sind alle da …. Kleider, Schuhe, alles in Ordnung. Aber seine Sachen fehlen. Ich gehe ins Bad. Auch da ist alles in Ordnung. Doch … Oh, mein Gott!« Signorina Domenici hielt sich die Hand vor den Mund.

Scalzi wartete geduldig. Signorina Domenici schluchzte auf und atmete dann tief durch.

»Ein … ein Geruch … Ekelerregend … Durchdringend … Vielleicht die Toilette. Ich ziehe also an der Wasserspülung. Ich sehe um das Abflussrohr herum etwas Schwarzes … O Gott. Ich nehme die Brause aus der Wanne und drehe das Wasser auf. Ich lasse es laufen. Dann gehe ich, denn ich halte diesen Gestank nicht mehr aus. Ich mache die Tür zu und gehe ins Schlafzimmer zurück. Ich sehe mich hier und da ein bisschen um, ziehe die Schubladen der Kommode auf, auch hier sind die Sachen von Bice alle an ihrem Platz. Die Unterwäsche von Beppino fehlt. Ich blättere angeregt in einem Fotoalbum, das auf einem Tischchen zu Füßen des Bettes liegt. Es waren Fotos aus der Zeit, als Bice die Hauptattraktion in einem Nachtclub in Hamburg war. Ein wenig … gewagte Fotos, genau. Plötzlich sehe ich, wie Wasser unter der Tür hervorquillt. Schmutziges, schlieriges Wasser. Ich gehe ins Bad zurück, die Wanne läuft über, es ist eine ziemlich kleine Wanne, der Abfluss scheint verstopft. Ich nehme den Saugnapf und versuche, das Rohr wieder frei zu machen. Da kommt ein Zeug raus … Herrgott, muss ich Ihnen denn wirklich alles erzählen, Avvocato? Dunkles, glitschiges Zeug. Es kommt in Blasen hoch … Es spritzt und bleibt an meinen Händen, an den Armen kleben … Und dann dieser Gestank! An dem Punkt konnte ich nicht mehr. Als ich begriffen hatte, um was es sich da handelte, bin ich fast in Ohnmacht gefallen … O Gott!«

»Und was war es?« fragte Scalzi.

»Haben Sie das denn nicht verstanden?«

»Nein.«

»Blut! Was glauben Sie denn, was es war?«

»Ich weiß nicht … Es gibt viele Dinge, die den Abfluss einer Badewanne verstopfen können. Ist Ihnen nicht vielleicht die Idee gekommen, dass Ihre Freundin möglicherweise ein dunkles Kleid darin gewaschen hat?«

»Avvocato! Wollen Sie mich für dumm verkaufen? Ich werde wohl wissen, wie Blut aussieht! Und dann der Gestank! Haben Sie schon mal Nasenbluten gehabt? Als kleines Mädchen war ich dafür sehr anfällig. Ich spürte es im Mund, ein Geruch wie der Tod! Und dann ist der Anhänger hochgekommen … Sehen Sie, hier ist er.« Signorina Domenici ließ ihn auf den Tisch gleiten und schob den kleinen Gegenstand mit dem Zeigefinger von sich. »Er ist aus Gold. Da ist der Name eingraviert, sehen Sie? ›Don Diego‹ …«

»Und wer ist ›Don Diego‹?«

»Das Hündchen von Bice. Ein witziger kleiner Hund. Sie hatte ihn sehr gern. Sehen Sie? Da ist auch der Name und die Telefonnummer von Bice eingraviert. Falls er mal verlorenginge, verstehen Sie? Auch der Anhänger ist im Abfall gelandet … Übrigens, der Hund ist natürlich auch verschwunden.«

»Nun, Signora«, Scalzi warf einen diskreten Blick auf die Uhr, »gehen Sie zur Polizei, erzählen Sie von Ihrem Verdacht. Ich glaube aber kaum, dass man Sie ernst nehmen wird.«

»Und aus welchem Grund wäre ich dann zu Ihnen gekommen?«

»Ja, genau das habe ich mich auch schon gefragt.«

»Ich kann nicht zur Polizei gehen!«

»Warum nicht?«

»Sie werden mir nicht glauben, wenn ich sage, ich hätte nichts davon gewusst, dass sie auf den Strich ging, als ich ihr die Wohnung vermietet habe! Mindestens werden sie mir Beihilfe zur Prostitution anhängen. Einer Freundin von mir werden sie den Prozess machen! Wegen eines brasilianischen Transsexuellen, der in einer Einzimmerwohnung lebte, die ihr gehörte: auch Mietwucher werden sie ihr noch vorwerfen. Es stimmt schon, diese Freundin von mir ließ sich anderthalb Millionen Lire im Monat für das Zimmer geben … Aber ich, ich hatte einen ganz korrekten Vertrag, eine halbe Million Lire Miete im Monat, unter dem Durchschnitt in dieser Stadt. Angenommen, meine Vermutung erweist sich als falsch, so habe ich doch auf jeden Fall einen Prozess wegen Begünstigung am Hals!«

»Und wenn sie stimmt?«

»Dann werden die etwas Besseres zu tun haben, als mir auf die Nerven zu gehen. Sie würden mir vielleicht sogar ein bisschen dankbar sein, meinen Sie nicht? Ich hätte ihnen das Problem abgenommen, die zerstückelte Leiche zu identifizieren, glauben Sie nicht?«

»Ich verstehe«, sagte Scalzi, »doch was erwarten Sie von mir?«

»Sprechen Sie mit ihnen. Ziehen Sie sich auf Ihr Berufsgeheimnis zurück. Sehen Sie, hier habe ich die Daten von Bice zusammengestellt, natürlich ohne Adresse. Sie setzen sie auf die Fährte: Eine Klientin von Ihnen sei der Meinung, dass die Leiche, die auf der Halde gefunden wurde, Bice ist, ohne die Gründe zu erwähnen … Also, Avvocato, Sie wissen doch besser, wie man mit diesen Leuten zu reden hat… Das ist doch Ihr Beruf, nicht?«

»Ja, ja«, stimmte Scalzi zu, »das ist schon mein Beruf. Nur, sollten Sie recht haben, was ich stark bezweifle, aber nehmen wir es einmal an, dann ist genau das mir verboten, eben weil ich diesen Beruf habe: nämlich der Polizei die Beweise für ein Verbrechen vorzuenthalten, von dem ich erfahren habe, ohne der Verteidiger des Angeklagten zu sein. Was Sie mir erzählt haben, hat nach der von Ihnen aufgestellten Hypothese, die meiner Meinung nach nur auf einem Eindruck beruht, nicht nur mit der Identifizierung des Opfers zu tun, sondern noch mit einem Haufen anderer Dinge: mit der Art und Weise, zum Beispiel, wie der Körper versteckt wurde. Ihrer Meinung nach hat man die Leiche in der Badewanne in Stücke geschnitten, stimmt’s?«

»Ja sicher. Und das Blut…«

»Und was soll ich denen erzählen? Eine meiner Klientinnen sei der Meinung, dass die Zerstückelung in einem Badezimmer vorgenommen wurde, das ihr Eigentum ist? Wo? Welches Badezimmer? Und wer ist Ihre Klientin? Das verrate ich nicht! Wir machen wohl Witze, Signorina. Also, entweder Sie autorisieren mich, alles zu sagen, was Sie mir erzählt haben, oder wir gehen davon aus, dass Sie vorbeigekommen sind, um mir guten Tag zu sagen.«

Paola Domenici seufzte, stand auf und reichte ihm die Hand. »Ich werde darüber nachdenken. Auf Wiedersehen, Avvocato, lassen Sie es sich gut gehen. Ich rufe Sie an, wenn ich mich entschieden habe.«

2. Engel links

Fileno Lembi betrat sein Büro.

Die Sekretärin hatte sich hinter ihrem Computer verschanzt und war gerade dabei, die Bänder einer Telefonabhöraktion abzutippen. Der Widerschein des Bildschirms warf einen himmelblauen Lichtreflex auf ihr Ohr, das zur Hälfte vom Kopfhörer und einer blonden Haarsträhne verdeckt war. Ihre Füße lagen seitlich vom Drucker auf dem Tisch. Sie trug rosafarbene Espadrilles.

Jeden Morgen schnippte Signorina Monica Sartoni anmutig mit den Fingern und ließ dabei all die Arbeit Revue passieren, die unbedingt als erste erledigt werden musste. Niemand zwang sie dazu. Kein Mensch erlegte ihr diesen so unnatürlich entspannten Ton auf – sie sprach wie eine Fernsehansagerin. Ihr Tonfall erinnerte den Richter an einen Anästhesisten, der seinen Patienten auf die Operation vorbereitet.

Die wenigen Meter, die ihn von seinem Schreibtisch trennten, legte Lembi auf Zehenspitzen zurück.

Der Raum hatte dem Konvent, der dann zum Sitz des Gerichts werden sollte, früher einmal als Speicher gedient; nun war er, bei anfallenden Reparaturarbeiten, der Zugang zum Dach. Eine Glastür rechts vom Schreibtisch des Richters führte auf einen durch ein Geländer geschützten Umgang aus Beton. Er flankierte die Fassadenskulpturen und endete hinter einem Trompete blasenden Engel, vom Eingang des Tribunals aus gesehen links des Giebels. Die Trompete des Engels war auf den Glockenturm der Badia gerichtet. Daneben erschienen, greifbar nahe, weil perspektivisch verschoben, die Turmzinnen des Bargello und ein Ausschnitt der Domkuppel von Brunelleschi, deren helles Karminrot in der Morgensonne geradezu sinnlich wirkte, vor dem malachitgrünen Hintergrund des Hügels von Fiesole. Fileno Lembi fühlte sich an seinem Arbeitsplatz wie eine Taube in der Dachtraufe.

In diesem Raum unter dem Dach erstickte man vor Hitze. Der Ventilator surrte, die eisfarbenen Reflexe seines Propellers funkelten wie die Wirbel in einem Wildwasser, doch ein eigensinniger Neigungswinkel veranlasste ihn dazu, immer in Richtung Zimmerdecke zu schwingen. Es gelang Lembi nur dann, eine leichte Brise auf dem Hinterkopf zu spüren, wo wenige Haare gerade noch seine Tonsur bedeckten, wenn er sich ganz aufrecht hinsetzte, mit den Schultern fest an der Rückenlehne seines Stuhls. Er warf einen Blick auf die dünne Akte auf seinem Schreibtisch, die er jedoch nicht öffnete. Er rückte keinen Zentimeter von seiner kerzengeraden Position ab.

Die Pausentaste des Aufnahmegeräts machte klick. Signorina Sartoni nahm den Kopfhörer ab und streckte die Hand aus, um auf die Lautsprechertaste zu drücken. Lembi hoffte, dass sie ihn, so versunken wie sie in die kryptische Sprache der Rauschgifthändler war, erst so spät wie möglich bemerken würde. Er schloss halb die Augen, wie um sich unsichtbar zu mache. Die Sekretärin legte die Stirn auf die Schreibtischplatte. Laute Stimmen erfüllten den Raum.

»Nein, hör zu, schick mir keine Tauben, klar?«

»Was denn sonst? Die andern? Soll ich dir die andern schicken?«

»Genau.«

»Wachteln?«

»Genau. Wachteln, ja. Schick mir Wachteln.«

»Geht in Ordnung.«

»Nein, warte. Ich will so welche, die fliegen, verstanden? Ich will welche, die hoch fliegen, kapierst du? Nicht solche wie die vom letzten Mal, die auf der Erde geblieben sind. Die waren wirklich eine Qual. Die ließen einen … sie blieben einfach auf der Erde sitzen, verstehst du?«

Klick. Signorina Sartoni hob den Kopf.

»Was sagt der Idiot? Wachteln? Redet der von Wachteln?«

»Ja, er sagt Wachteln.« Lembi, ganz vereinnahmt von seiner beruflichen Seriosität, machte sich bemerkbar.

»Oh, Sie sind hier, Dottore!« Signorina Sartoni nahm die Füße vom Tisch. »Und ich schreibe Wachteln. Was soll das denn heißen, dass sie fliegen müssen?«

»Dass das Heroin oder Kokain, das kommt auf den Zusammenhang an, eine gute Wirkung entfaltet.«

Die Sekretärin schaltete das Gerät wieder ein.

»Die vom letzten Mal«, so ertönte wieder die Stimme des Mannes am Telefon, »habe ich ein paar Freunden zum Probieren gegeben. Sie wollten eigentlich eine kleine Orgie veranstalten. Doch dann sind sie alle eingeschlafen.«

»Hahahahaha …«

»Du lachst, aber die waren echt sauer. Denen war so richtig der Abend verdorben. Diesmal schick mir welche, die fliegen, klar?«

»Jetzt ist es klar.« Signorina Sartoni hieb in die Tastatur ihres Computers. »Fliegende Wachteln zur Verwendung bei kleinen Orgien!« Sie hob erneut den Kopf und deutete auf die dünne Akte. »Das hat der Bote von der Staatsanwaltschaft gebracht. Es sieht so aus, als wäre die Sache dringend.«

»Ich weiß.« Lembi nickte. Wieder blickte er auf das Aktenbündel vor sich, und wieder ließ er es unberührt.

Bevor er in sein Büro gegangen war, hatte er vor dem Schild WEGEN FERIEN gESCHLOSSEN, das am Zeitungskiosk an der Ecke angebracht war, Staatsanwalt Daniele Orlandi getroffen.

»Da hofft man auf eine Ruhepause«, hatte der Staatsanwalt gesagt, »schließlich sind die Dealer am Meer, wo sie im Sommer ja viel mehr Kundschaft haben. Man rechnet mit einem doppelten Urlaub: erst in der Stadt, mit wenig oder sogar ganz ohne Arbeit, dann noch einmal richtig im September am Meer. Und statt dessen kriegt man einen Mordfall auf den Tisch. Du musst die Vorbeugehaft des Verdächtigen bestätigen. Ich habe dir den Bericht in dein Büro bringen lassen. Wenn du noch weitere Informationen brauchst, ruf mich an.«

»Es ist die Sache mit dem zerstückten Transvestiten.« Signorina Sartoni befleißigte sich eines angenehm betrübten Tons, die Nachrichtensprecherin berichtete von einem Waldbrand auf Sardinien. »Ich habe ein bisschen darin geblättert: hätte ich das bloß gelassen! Da sind Fotos dabei! Mir ist ganz schlecht geworden. Ich hab sie Ihnen dahin gelegt, sehen Sie, dort rechts.«

»Zerstückt? Was ist denn zerstückt?«

»Der Transvestit wurde zerstückt.«

»Das heißt doch zerstückelt.«

»Im Bericht steht es so. Um ihn in den Koffer hineinzukriegen … O Gott, ersparen Sie mir die Einzelheiten …«

Fileno Lembi seufzte auf. Warum haben sie eine Person die so furchtbar sensibel ist, nicht in der Kanzlei für Zivilangelegenheiten behalten, anstatt sie in die Hölle der Voruntersuchungen zu schicken? Er atmete erneut tief durch und beschloss endlich, die dünne Akte zu öffnen. Hinter dem grauen Umschlag lauerten die Fotos.

Foto Nummer eins: eine Kurve, glänzender Asphalt, winterliche Stimmung, ein dunkles Bild. Es regnet. Der Polizist hat sich unter seinem Regenschirm in Pose gestellt und deutet mit dem Finger auf ein klaffendes Loch in einer Umzäunung. Lembi sah auf das Datum: 3. März. Seitdem waren viereinhalb Monate vergangen. Und erst jetzt lag die Sache bei ihm auf dem Tisch? Und wieso grinste der Polizist eigentlich so blöde?

Foto Nummer zwei: Auch das war dunkel (der Fotograf hatte nicht die richtige Blende genommen), es zeigte ein steil in eine Schlucht abfallendes Gelände voller Dornengestrüpp, unter dem hell Kreidefelsen zu erkennen waren.

Auf dem Foto Nummer drei sah man die Abfallhalde am Ende der Böschung: Stofffetzen, Papier und Pappe, Dosen und etwas Bizarres, das die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zog. Lembi musste daran denken, dass in manchen eindrucksvollen Filmen zu große Detailgenauigkeit nur schadet. In diesem Fall wurde der Ekel durch die Anstrengung erregt, die man aufwenden musste, um zu bemerken, dass das, was man auf den ersten Blick für ein Grasbüschel hielt, ein feuchter und mit Erde bedeckter Haarschopf war.

Der Bericht präzisierte, dass der Kopf von einem Spargelsucher gefunden worden war. Dem Mann, der Spargelkraut sehr wohl von Unkraut zu unterscheiden verstand, musste der große weißliche, von Zotten gekrönte Pilz unter den Banalitäten der Müllhalde exzentrisch vorgekommen sein. Der Alte hatte auf der Stelle jeden Geschmack an seinem Ausflug aufs Land verloren. Von Abscheu ergriffen, war er mit zugekniffenem Mund am Friedhof von Trespiano in den nächsten Bus gestiegen – es ist häufig ein Friedhof in der Nähe, wenn solche Funde gemacht werden – und unverzüglich in die Stadt zurückgekehrt. Dort hatte er sich drei Stunden lang in seiner Wohnung eingeschlossen, bevor er sich dazu durchringen konnte, die nächstgelegene Polizeiwache aufzusuchen.

»… Am Hang unterhalb der Via Bolognese wurde zwischen Ginstersträuchern, wildem Spargel, Dornengestrüpp und verschiedenen Abfällen der Kopf des zerstückten Transvestiten gefunden, bereits in fortgeschrittenem Zustand der Verwesung. Siehe Anlage Nummer drei.«

Fileno Lembi hob die Augen von der Akte und richtete sich auf, um in den Genuss der kühlen Brise zu kommen.

»Nicht das geringste Gespür für die Lächerlichkeit der Wortwahl«, sagte er zu sich selbst. »Zerstückte Transvestiten und Anlagen mit verwesenden Köpfen. Muss ich mir das in diesem heißen Sommer antun?«

In diesem Sommer hatte Lembi, in der Absicht, sich dem Studium der neuen Strafprozessordnung zu widmen, die vor knapp einem Jahr in Kraft getreten war, auf seine Ferien verzichtet. Bedeutende Fälle, die nach der neuen Ordnung hätten verhandelt werden müssen, waren ihm bisher noch nicht untergekommen. Die kleinen Prozesse, die ihn bis zu diesem Tag beschäftigt hatten, glichen eher dem Feilschen auf einem Wochenmarkt. Zum größten Teil hatten sie Vergleiche ergeben, abgekürzte Verfahren, die vor der eigentlichen Verhandlung schon abgeschlossen waren. Lembi hatte seit einigen Monaten gar nicht mehr das Gefühl, noch Richter zu sein: Es schien ihm, als habe man ihm seinen Beruf entzogen. Er hatte den Eindruck, in einen Notar verwandelt worden zu sein, dessen einzige Aufgabe darin bestand, die richtige Anwendung einer Tariftabelle zu überwachen.

Dieser neue Fall, ein Mord mit einer in Stücke geschnittenen Leiche, bot ihm die ersehnte Gelegenheit, die neue Prozessordnung zu praktizieren, indem er hier nun endlich einen richtigen Prozess zu führen hatte. Er hätte also allen Grund gehabt, zufrieden zu sein, doch mit jeder Seite der Akte wuchs in ihm das Gefühl der Langeweile. Das Studium der neuen Ordnung in der ruhigen Sommerzeit, ohne die Hektik des Gerichtsalltags, war im Übrigen nur der vorgebliche Grund für den Verzicht auf seine Ferien gewesen. Der wahre Grund war ein anderer.

Seit Jahren begann Lembis Urlaub in dem Dörfchen Collelongo in den Abruzzen, in einer kleinen Villa, die er von seinen Großeltern geerbt hatte. Zwanzig Tage bleiernen Schlafes in einem Bett aus Gusseisen, unter dem Vierfarbendruck der Madonnina von Ferruzzi, oder im Schatten der verwilderten Apfelbäume im Garten. Dort pflegte er über Science-fiction-Romanen einzuschlafen, die er in den Monaten, in denen er arbeitete, nie Zeit hatte zu lesen. In dem alten Landhaus weit außerhalb des Dorfes rührte ihn der Modergeruch des verschimmelten Putzes und löste in ihm eine unerklärliche Wehmut aus. Dieses Haus, das für einen Junggesellen viel zu groß war – seine Eltern und Großeltern waren tot –, barg eine Unmenge Erinnerungen. In den wurmstichigen Schubladen und Backtrögen lagen alte Familienfotos, Briefe und Postkarten. Fileno Lembi nutzte sie als Vorwand, um im verschlafenen, dumpfen Leben der kleinen Landeigentümer im Süden zu stöbern. Die Schriften des Großvaters, der auch Richter gewesen war, Entwürfe zu Urteilen, die er in schöner, schnörkeliger Handschrift niedergeschrieben hatte, machten auf ihn den Eindruck, als habe er sein Amt ruhig und ohne dramatische Auseinandersetzungen erfüllt, mit aller nötigen Zeit auch, um der Wahrheit in den Dingen auf den Grund zu gehen.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis er all dessen überdrüssig wurde. Der Anblick des schiefstehenden Geräteschuppens mit seinem eingefallenen Dach am Rand des verwahrlosten Feldes, das er sich jedes Jahr erneut vornahm zu bestellen, der Anblick des verrosteten Pfluges und der Egge riefen in ihm ein verwirrendes Schuldgefühl hervor. Das Knistern der mit Maisblättern gefüllten Matratze kam ihm nun schon nicht mehr so poetisch vor, wurde im Gegenteil zum Anlass für seine Schlaflosigkeit. Dann zog er in die Pension Bei Mare in der Umgebung von Vasto. Hier zahlte er 70000 Lire pro Nacht, inklusive Umkleidekabine, Liegestuhl und Sonnenschirm auf dem angrenzenden Strand. Doch hatte ihn die Zeit der Langeweile in Collelongo, so sagte er sich, auf jeden Fall »gestärkt«.

In diesem Jahr hatte es während der Ostertage eine Woche lang ununterbrochen geregnet. Dadurch hatten sich die Schieferfelsen oberhalb des großelterlichen Hauses gelöst. Eines Nachts waren die Felsen dann direkt auf das Dach gestürzt. Opfer hatte es keine gegeben, das Haus war ja unbewohnt, und in Collelongo hatten sich auch keine weiteren Katastrophen ereignet. Schließlich lag die kleine Villa außerhalb des Dorfes. Nicht mal die örtliche Presse hatte von dem Ereignis berichtet. Lembi war vom Pfarrer durch einen Brief informiert worden, dem dieser mit sadistischer Pedanterie ein Polaroidfoto beigelegt hatte. Nichts, kein Ziegel, kein Balken, nicht mal der Wipfel eines Apfelbaums ließen darauf schließen, dass sich unter diesem Erdwall, so braun wie ein riesiger Kothaufen, einmal sein Haus, die Science-ficition-Taschenbücher, das gusseiserne Bett und die Madonnina des Ferruzzi befunden hatten.

Der Brief des guten Pfarrers schloss mit der frommen Mahnung, der Vorsehung dafür zu danken, dass Ostern in diesem Jahr dermaßen verregnet gewesen sei, dass Lembi auf seinen gewohnten Kurzurlaub in Collelongo verzichtet habe. In Wahrheit aber hatte Lembi sich dagegen aufgelehnt, dass die Vorsehung ihm sein Ferienhaus unter Geröllmassen begraben hatte. Anstatt den göttlichen Willen hinzunehmen, hatte er das Ganze als eine persönliche Angelegenheit betrachtet, als den hinterhältigen Streich eines Feindes. Und aus diesem Grund hatte er auf seinen Urlaub verzichtet und sich bereit erklärt, die für Voruntersuchungen zuständigen Kollegen den Sommer über zu vertreten. Das bereute er nun zutiefst.

Die Fotos Nummer vier bis Nummer dreizehn waren farbig und schärfer. Sie kamen aus dem gerichtsmedizinischen Institut und zeigten auf einem Tisch ausgebreitete Fundstücke.

Nummer vier: ein schäbiger alter Koffer mit seinem gesamten Inhalt, halb geöffnet, der Verschluss durch ein Seil verstärkt. Der Inhalt war mit der Zeit gequollen und hatte die Verschlüsse aufplatzen lassen, sodass man die schwarzen Müllsäcke erkennen konnte, die dann auf den Fotos fünf und sechs aus dem Koffer herausgenommen worden waren. Sie waren mit hellem Klebeband zugeklebt, das hier und da ebenfalls aufgeplatzt war. An diesen Stellen trat schmutzig-weißes Material aus. Nummer sieben und Acht zeigten den Inhalt der geöffneten Säcke: einen Rumpfund einen Fuß. In der Nähe des Koffers hatte man zwei Plastiktaschen gefunden (Fotos neun und zehn), die mit dem gleichen Klebeband verschlossen worden waren. Eine war aufgerissen, und durch den Riss konnte man eine Ferse erkennen. Auf dem elften Foto wurde der Inhalt gezeigt: die Arme, die Hände, die Beine und ein Fuß. Foto zwölf fasste alles noch einmal zusammen: hier wurden die Stücke in der Reihenfolge ihres Auffindens gezeigt. Sie waren durch eine Beschriftung gekennzeichnet, die sie je nach ihrer Umhüllung in verschiedene Einheiten aufteilte. A (der Koffer), und daneben in schöner Ordnung sein Inhalt (A eins und A zwei), B und C (die beiden Plastiktaschen) mit dem dazugehörigen Inhalt (B eins, B zwei, B drei, B vier und C eins, C zwei und C drei). Der andere Fuß, wer weiß, welch bizarrer Sinn für Asymmetrie den Verbrecher dazu bewogen haben mochte – befand sich im Koffer. Foto Nummer dreizehn zeigte den Kopf ohne irgendeinen Bezug zu seiner Verpackung, denn wie im Bericht zu lesen stand, war er vermutlich, wenn auch nicht absolut sicher, aus dem Koffer gerollt, als dieser den Abhang hinunterstürzte.

Auf Foto Nummer vierzehn erkannte man eine kleine Materialanhäufung, in deren Mitte sich ein rundliches Objekt mit einem seltsamen haarigen Büschel abhob. Es sah den makabren Trophäen gewisser Stämme des Amazonas nicht unähnlich. Dieses Fundstück war ein wenig dunkler als der Rest, und auf dem zusammenfassenden Foto (wo es mit dem Buchstaben E versehen war) erkannte man, dass es kleiner war als der Kopf (mit dem Buchstaben D). Die Bildunterschrift bezeichnete es als »nicht menschliches, aber biologisches Material, das in allen Behältnissen gefunden wurde und noch zu identifizieren bleibt«.

»Und was soll es sein?« fragte sich Lembi und nahm den Telefonhörer auf. Er fand die pedantische Art der Klassifizierung und die Stereotypen des Berichts weitaus ekelerregender als die Fotos. Er wählte die interne Nummer von Staatsanwalt Orlandi. Auch das verstimmte ihn: mit Orlandi zusammenarbeiten zu müssen, der ihm sehr unsympathisch war.

»Es geht um diese Metzelei, die du mir da geschickt hast…«, begann Lembi.

»Metzelei? Welche Metzelei?«

Orlandi missfiel Lembis gesuchte Ausdrucksweise. Man hatte genug zu tun mit den Urteilen des Obersten Gerichts, als das man auch noch Zeit dafür aufbringen konnte, sich der Literatur zu widmen. Er war nicht als einziger der Meinung, dass Lembi seine humanistische Bildung ein wenig zu penetrant zur Schau stellte. Auch in seinen Akten griff der Richter immer im Stil daneben, darin waren sich alle Kollegen am Gericht einig.

»Ich meine den Mordfall…«

»Ach so, das ist schon besser. Den zerstückten Transvestiten.«

»Jetzt drück du dich nicht auch noch so aus, ich bitte dich«, brummte Lembi.

»In Stücke geschnitten oder zerstückt. Wo liegt da der Fehler?«

»Es heißt zerstückelt. Man hat die Leiche am 3. März aufgefunden. Es regnete und war kalt. Genau die richtige Zeit, um sich mit einem solchen Fall zu befassen. Warum kriegen wir ihn erst jetzt, wo einem schon beim Umblättern einer Seite der Schweiß ausbricht? Und dann wüsste ich gerne noch etwas anderes. Dem Bericht liegt ein Foto bei…«

»Ich bin gerade auf dem Weg in die Bar«, unterbrach ihn Orlandi. »Treffen wir uns da auf einen Kaffee? In der Bar gegenüber vom Gericht.«

Der Trompete blasende Engel schwankte leicht hinter der Glastür. Lembi hatte das Gefühl, ihm sei schwindelig, und er rieb sich die Augen. Dann sah er genauer hin. Auf dem Umgang aus Beton stand ein Arbeiter in bedenklicher Position und umarmte den Engel, um ihn von seinem Sockel gleiten zu lassen. Die Statue, die von Stoffgurten gehalten wurde, machte plötzlich eine entschiedenere Bewegung. Auf dem Dach war ein kleiner Kran befestigt. Der Engel begann, in die Luft hinaufzuschweben.

Als Lembi aus dem Gerichtsgebäude trat, senkte sich der Trompetenbläser vor dem klaren Himmel langsam schwankend auf den Platz herab.

Es schmerzte Lembi, dass sie ihn der schweigenden Anwesenheit des Engels beraubten. Er erkundigte sich bei einem Arbeiter der Baufirma, der auf der Treppe des Gerichtsgebäudes wartete, nach seinem Schicksal. Alle Giebelskulpturen sollten durch Kopien aus Glasfiber ersetzt werden, erklärte der Mann, um die Originale vor dem Smog zu bewahren, der ihnen bereits Schaden zugefügt hatte.

Der Kaffee hatte ein eigenartiges Aroma, das ihn an die selbstgemachte Seife in Kriegszeiten erinnerte. Damals wurden in dem Haus in Collelongo die Abfälle, die beim Schlachten übriggeblieben waren, in einem großen Topf gekocht, wobei sich Knochen und Fett zu einer gräulichen Masse verbanden. Lembi wollte nicht zugeben, dass er nach so vielen Berufsjahren noch immer nicht die notwendige Kaltblütigkeit besaß, um Fotos von einem Ermordeten unbeeindruckt betrachten zu können. Es musste die schlecht gespülte Tasse sein. Aus den Augenwinkeln beobachtete er den Kellner mit seiner schief geknoteten Krawatte und der zu weiten roten Jacke. Ein neues Gesicht. Ein Immigrant aus dem Maghreb, der in der Urlaubszeit hier schwarz arbeitete.

»Sie haben durchaus nicht vier Monate lang die Hände in den Schoss gelegt«, sagte Orlandi. »Die Leute von der Mordkommission haben richtig gearbeitet. Es ist ihnen gelungen, das Opfer zu identifizieren. Und ein echter Schurke, schwer verdächtig, ist schon in Vorbeugehaft. Sie haben die Leiche vor einer Woche identifiziert, deshalb ist der Fall erst jetzt bei uns.«

Lembi hörte Orlandi zerstreut zu.

»Du hast bis Samstag Zeit, um die Haft des Verdächtigen zu bestätigen«, fügte der Staatsanwalt hinzu. »Das ist alles, an der Sache ist überhaupt nichts Übersinnliches. Der Fall liegt klar. Die Identifizierung des Opfers war das einzige Problem. Nachdem das gelungen war, lief der Rest völlig glatt.«

»Was ich gesehen habe, scheint mir keineswegs auszureichen, um jemanden festzuhalten.« Lembi hielt Orlandis Optimismus für übertrieben. Sein Instinkt sagte ihm, dass dieser Fall alles andere als einfach lag. »In deiner Akte befinden sich noch nicht mal Autopsiebefunde. Die Todesursache ist unbekannt. Und dann ist da ein Foto …«

»Komm, Lembi! Fang jetzt nicht wieder mit deinen üblichen Komplikationen an!«

Sie verließen die Bar. In der Fensterscheibe spiegelte sich eine Gruppe, die gerade den Platz überquerte. Sonnenhüte und helle Hemden glitten über die Pralinen und die bunten kandierten Früchte. Die Touristen, betagt und übergewichtig, mit Fotoapparaten und Videokameras bewaffnet, bewegten sich wie ein Stoßtrupp vorwärts. Sie schienen auf dem Weg zu einem feindlichen Ziel zu sein und sich in ihr widriges Geschick ergeben zu haben. Der Giebel des Gerichtsgebäudes erschien ohne den Engel mit der Trompete nackt und unsagbar öde, er verschmolz fast mit dem vor Hitze weißen Himmel.

»Um die Haft zu bestätigen, reicht das, was sich in meiner Akte befindet, absolut aus. Über die Fluchtgefahr brauchen wir uns gar nicht zu unterhalten: der Kerl war bereits verschwunden, sie haben ihn vor drei Tagen festgenommen.«

Orlandi blieb in der prallen Sonne stehen, eine Hand in die Hüfte gestützt, und blickte zerstreut in die Luft. Lembi tauchte neben ihm aus dem Schatten der Markise.

»Fünf knappe Seiten eines Berichts und einige Fotos, von denen die, die vor Ort geschossen wurden, auch noch missraten sind, das soll ausreichen, um über die Freiheit eines Bürgers zu entscheiden?«

»Der ist ein Blutsauger, dein Bürger«, kicherte Orlandi. Seine weiße Tropenjacke, das grüne Seidenhemd, der Borsalino aus feinem Stroh und das Mundstück aus Bernstein, durch das er nach dem Kaffee den Rauch seiner Zigarette zog, verliehen ihm ein Flair von vergangenen Zeiten. Lembi fand die gesuchte Art, wie er sich kleidete, lächerlich, seine Sucht nach Marken provinziell. Er war in allem von der Mode der dreißiger Jahre inspiriert.

»Doch wenn du noch irgendwas wissen willst, brauchst du nur zu fragen.« Orlandi schien es zu genießen, unter der bleiernen Sonne zu stehen. »Es gibt nicht viel zu erfahren, das sage ich dir gleich. Es ist ein ganz banaler Fall. Damit haben wir wirklich Glück. Wir können das Ganze in zwanzig Tagen hinter uns bringen, falls uns keiner mit Haarspaltereien dazwischenkommt. Anhörung im Vorverfahren und Verfahrenseröffnung. Im September will ich meinen Urlaub am Meer genießen, ohne hier einen ungeklärten Fall zurückzulassen.«

»Zwanzig Tage reichen für ein Gutachten nicht aus.«

»Ein Gutachten ist nicht nötig. Ich lasse gerade auf dem Eilweg eine technische Ermittlung durchführen. Bei der neuen Prozessordnung gibt es keine unnötigen Längen mehr. Sollen wir sie vielleicht gleich von Anfang an ignorieren?«

Lembi gefielen die neuen Normen nicht, sie kamen ihm vor wie eine vertraute Landschaft voller Nebelschwaden, durch die jedes Ding zweideutig erschien.

Sie überquerten den Platz, schritten die Freitreppe hinauf und betraten das Gerichtsgebäude durch das große Portal. Ein blinder Portier kam die Treppe herunter, die zu den Räumen der Gerichtspräsidenten führte; er streckte seine Arme wie ein Nachtwandler aus. Da er wusste, dass er auf kein Hindernis stoßen würde, lief er die Stufen eilig hinunter. Die sommerliche Stille tauchte das Gericht in eine noch provisorischere Stimmung als gewöhnlich; die Vorhalle erinnerte an ein heruntergekommenes Hotel.

»Woraus geht eigentlich hervor, dass das Opfer ein Transvestit war?« fragte Lembi.

»Seine Brust war mit zwei Blasen von jeweils 250 Gramm ausgestattet.« Orlandi ignorierte den Aufzug und stieg elastischen Schrittes die Treppe hoch. Auf dem ersten Absatz hielt er inne und blinzelte Lembi zu, der einige Stufen hinter ihm zurückgeblieben war. »Ein hübscher, appetitlicher Vorbau.«

»Aber, entschuldige bitte …« Lembi schloss zu ihm auf und berührte seinen Arm, um sich die Zeit zum Luftholen zu gönnen, »Kleidungsstücke hat man nicht bei ihm gefunden …«

»Ja, was denkst du denn, wie der rumgelaufen ist, so wie der mit Silikon ausgestattet war? Besser als eine Soubrette aus dem Crazy Horse.«

»Einige verkleiden sich heimlich«, warf Lembi ein. »In ihren normalen Beziehungen verbergen sie ihre weiblichen Instinkte. Die werden ›verschleiert‹ genannt. Die Transvestiten sind was anderes. Sie zeigen sich … viele prostituieren sich auch …«

»Genau: das Opfer war die Attraktion eines Nightclubs in Hamburg. Dort hat er – hat sie – gestrippt und war auch für gewagtere Sachen zu haben. Das war damals, als der Mann noch sehr viel jünger war. In der letzten Zeit wurde er von vielen betuchten Herren dieser Stadt hier angerufen. Er war sehr gefragt, trotz seiner männlichen Geschlechtsorgane. Oder vielleicht gerade deswegen. Ich würde nicht behaupten, dass wir es mit einem ›Verschleierten‹ zu tun haben. Bice nicht. Euro Bencivenga ist sein richtiger Name, aber alle nannten ihn Bice. Der Mordkommission ist es gelungen, ihn zu identifizieren, indem sie der Werbung nachging, die sich auf der Tasche mit den oberen Gliedmaßen fand. Sie haben alle Geschäfte abgeklappert, die diese Art von Waren verkaufen, und sind auf einen sehr exklusiven Laden für Frauendessous gestoßen. Dein ›Verschleierter‹ hatte eine Passion für Unterwäsche aus schwarzer Spitze. Echte Spitze, Klöppelspitze. Und wenn es kalt war, trug er zum Einkaufen einen Nerz. Jetzt weißt du auch was über seine Kleidung. In dem Geschäft hat man sich an ihn erinnert. Und auch daran, dass man ihn seit Januar nicht mehr gesehen hatte. Sie haben sich sogar an seinen Freund erinnert, der ihn oft begleitete. Auch der ist von der Bildfläche verschwunden, mehr oder weniger zur gleichen Zeit. Und wie du dir denken kannst, ist genau dieser Freund der Verdächtige. Jetzt weißt du alles. Reicht das?«

»Nein«, erwiderte Lembi gereizt. »Da ist dieses Foto einer kleinen Menge biologischen, nicht menschlichen Materials‹. Was ist das?«

Orlandi ließ seine flackernden Augen eine ganze Sekunde lang auf ihm ruhen. Dann nahm er seinen Hut ab und schnippte mit dem Zeigefinger ein unsichtbares Staubkorn weg.

»Weißt du, dass ich es geschworen hätte? Dass du ein unbedeutendes Detail finden würdest, auf das du dich fixieren kannst.«

»Wenn es in dem Bericht heißt, dass man nicht weiß, was für ein Zeug das ist, wie kannst du dann behaupten, es sei unbedeutend?«

»Weil es unbedeutend ist. Abgesehen davon wissen wir, was es ist. Ein Hund. Ein winziger Hund.«

»Auch der Hund in Stücke geschnitten …«

»Ja, genau. Auch der Hund zerstückt«, entgegnete Orlandi mit herausfordernder Miene.

»Die Stücke mit den Resten des Opfers vermischt, sagt der Bericht.«

»Vermischt, genau. Ja und? Der Mörder hat die Überreste des Hundes auf alle Behälter verteilt, auf den Koffer und die Plastiktaschen. Und was willst du damit sagen?«

»Ich halte das für eine ziemlich ungewöhnliche Vorgehensweise.«

Sie waren in der Vorhalle angekommen, von der aus ein Flur zu den Büros der Staatsanwälte führte. Lembi dachte laut. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, wenn ein Fall einen anscheinend abstrusen Umstand aufwies, war es ein Fehler, diesen zu vernachlässigen oder als bizarr abzutun.

»Es sieht fast so aus, als habe der Mörder das Tier mit dem gleichen Maß gemessen wie das menschliche Opfer. Ich meine, dass der Hund für ihn die gleiche Bedeutung besaß wie der Mann. Gehörte Bice dieses Hündchen?«

»Das weiß ich nicht. Vielleicht ja. Aber was ändert das?«

»Nun, es könnte ja sein, dass es eine ausgefallene Rasse war. Das wiederum könnte bedeuten, der Hund sei in Stücke geschnitten worden, damit man durch ihn nicht den Besitzer identifizieren kann. Doch bliebe noch zu erklären, aus welchem Grund er die Überreste mit denen des menschlichen Körpers vermischt hat: das nämlich sieht nach Absicht aus. Die Stücke von dem Hund waren im Koffer und in den beiden Taschen, nicht wahr? Das ist wirklich seltsam. Zu welchem Zweck sollte einer so etwas tun?«

»Hmm!« Orlandi betrachtete weiterhin lächelnd seinen Hut.

»Wenn der Mörder den Hund getötet hätte, weil er ihn bei seinem Verbrechen störte, durch sein Bellen oder sonst irgendwie, bliebe es trotzdem unbegreiflich, warum er ihn danach so zugerichtet und auf den Koffer und die Taschen verteilt hat. Nehmen wir mal an, der Hund gehörte dem Opfer. Er fängt an zu bellen. Der Mörder tötet ihn. Du hast gesagt, es sei ein winziges Tier gewesen. Man erkennt ja auch auf dem Foto schon, dass dieses Tierchen nicht viel Platz brauchte. Es hätte eigentlich kein Problem sein dürfen, sich des Hundes zu entledigen. Die Leute von der Müllabfuhr finden täglich tote Haustiere in den Containern. Wenn der Mörder das Ziel hatte, die Identifizierung des Opfers zu erschweren, hätte er ihn nicht zusammen mit dem Körper des Getöteten verstauen dürfen, findest du nicht? An diesem Punkt frage ich mich: Sind wir wirklich sicher, dass der Transvestit in Stücke geschnitten wurde, um seine Identifizierung zu erschweren? War das tatsächlich das Motiv?«

»Ja, genau, genau …« Orlandi setzte seinen Hut wieder auf und hob die Augen. Er sah zerknirscht aus. »Man könnte auch eine andere These aufstellen. Der Verbrecher wollte den Hund töten. Das war seine Absicht. Da hat der Transvestit angefangen zu bellen …«

Lembi spürte, wie Hass in ihm aufstieg. ›Blutiges Drama im Justizpalast. Staatsanwalt von Richter erstochen. Gab es Rivalitäten zwischen den beiden?‹ Er konnte dieses blasierte Stimmchen nicht ertragen, diese elegant geschliffenen »c«, diese so typisch toskanische Ironie, grinsend und aristokratisch. In Orlandis Büro stand kein glänzender Schreibtisch aus Holzimitation, kein kackgelbes Kunstledersofa, rein gar nichts, was irgendwie nach Bürokratie ausgesehen hätte. In seinem Raum herrschte eine Atmosphäre wie im Büro eines berühmten Profis. Aus dem Fenster sah man Forte Belvedere auf dem Hügel liegen, es stand da ein echter Klostertisch aus massivem Nussbaum, die anderen Möbel waren Jugendstil, ein bisschen geziert, aber auch sie echt, es gab alte Bilder und eine Vase im Stil der Wiener Secession auf dem Telefontischchen. Seine Sekretärin war die hübscheste im gesamten Justizgebäude, schlank und elegant, und er tauchte überall mit ihr auf, er nahm sie sogar mit ins Restaurant. Dieser Orlandi schämte sich außerdem nicht, eine Menge unanständiger Vorzüge zur Schau zu stellen: den Körper eines Models, eine eiserne Gesundheit, eine brillante Karriere – denn er war noch ausgesprochen jung, gerade mal dreißig- und eine Menge nichtverdientes Geld, das ihm aus seiner Familie zufloss. Gleichwohl trug er diese dämlichen Hüte, wie in einem amerikanischen Kriminalfilm der vierziger Jahre, die seinen etwas banalen Charakter verrieten. Und zum Rauchen benutzte er dieses verzierte Bernsteinmundstück – wie ein echter Beau.

Orlandi stand vor der Tür zu seinem Büro, die er anstandshalber offen gelassen hatte, als wolle er Lembi zum Eintreten einladen; doch gleichzeitig verstellte er ihm mit seinem Körper den Weg.

»Na gut, ich werde denen von der Mordkommission sagen, sie sollen den Hund identifizieren. Ich werde herausfinden, ob er Perla oder Dick hieß … Vielleicht war der Hund ja auch ein Transvestit oder, wie heißt das noch mal, ein Verschleierter.«

»Wir sehen uns.« Lembi wandte sich brüsk zum Gehen.

»Einen Augenblick noch.« Orlandi ergriff ihn am Ärmel und lächelte ihn versöhnlich an. »Der Fall ist banal, Lembi. Der klassische Zuhälter, der die klassische Hure aus dem Weg räumt, die Chromosomen spielen gar keine Rolle. Es ist heiß, Lembi. Wir sollten uns das Leben nicht unnötig schwer machen, hörst du?«

Fileno Lembi stieg ins Obergeschoss hinauf. In der schwülen Luft brannte der Toner des Fotokopiergeräts unangenehm in den Augen. Ein Schild wies zu seinem Büro: UNTERSUCHUNGSRICHTER.

Die Glocke vom Dom schlug Mittag. Der Vormittag war also schon vergangen, kurz und unangenehm. Lembi würde die Haftprüfung morgen, am Samstag, durchführen. Punkt neun, um Orlandi, der nicht gern früh aufstand, eins auszuwischen. Er würde ins Gefängnis gehen, denn dort wurden die Anhörungen durchgeführt: ein richtig schöner Ort, um über die Freiheit eines Menschen zu entscheiden. Danach aber würde er nicht ins Büro zurückkehren, sondern einige abgelegene Kirchen besichtigen, auf der Suche nach Meisterwerken, unberührt von den Touristenströmen, die in diesen Tagen die von den Einheimischen verlassene Stadt beherrschten – wie die Truppen einer Besatzungsmacht.

So war sein Plan, wenn es nicht allzu heiß sein würde. Womit allerdings kaum zu rechnen war, denn seit zwei Wochen schon war das Klima kaum noch zu ertragen. Von den ersten Morgenstunden an strahlte unerbittlich die Sonne. Gegen sechs Uhr Nachmittag ging dann ein lächerlicher Regenguss nieder, und die Sonne, die gleich darauf wieder auftauchte, sog die Feuchtigkeit aus der Luft, bevor sie noch Zeit hatte, wenigstens leicht abzukühlen. In der Dämmerung dann stiegen klebrige Geister aus dem Bett des Arno. Das alles geschah seit zwei Wochen pünktlich auf die Sekunde, als habe jemand am Computer es programmiert. Der Traum von der Stadt der Kunst zu seinen Füßen, die ihm ihre sorgfältig gehüteten Geheimnisse preisgeben würde, verging schnell in dieser drückenden Atmosphäre. Lembi befand, es sei besser für ihn, sich mit einem weiteren Samstag in Klausur abzufinden und sich im Erdgeschoss des Hauses in der Via San Niccolò zu verschanzen, das genau wie das Haus der Großeltern für eine Person eigentlich viel zu groß war. Die Zeit würde ihm unendlich lang werden, er würde gegen die Versuchung ankämpfen müssen, den verdammten Fernseher einzuschalten, und sich ihr schließlich doch ergeben, aus tödlicher Langeweile und weil ihm die frische Brise von Collelongo fehlte.

Als Rechtsanwalt Scalzi das Tor zum Gerichtsgebäude durchschritt, waren die Arbeiter gerade damit beschäftigt, den Trompete blasenden Engel auf einen kleinen Lastwagen zu legen. Während er am Sekretariat der Staatsanwälte vorüberging, fiel ihm der Verdacht der Signorina Domenici wieder ein. Seit dem Tag, an dem er sie empfangen hatte, und das lag einige Monate zurück, hatte er nicht mehr daran gedacht, aber gerade heute hatte das Lokalblatt eine Nachricht über den Stand der Ermittlungen veröffentlicht und in der üblichen Spannung verheißenden Art berichtet, dass die Polizei inzwischen die entscheidende Spur verfolge. Er betrat das Büro und erkundigte sich nach dem Staatsanwalt, der die Untersuchungen durchführte. Dann machte er sich widerwillig auf den Weg zu Orlandis Büro. Er stellte sich auf eine längere Wartezeit ein, vielleicht würde er nicht mal empfangen werden. Orlandi war ein Mann, der sich Anwälten gegenüber gern aufspielte. Er legte Wert darauf, die Überlegenheit seiner Rolle zu betonen. So empfing er nur auf Anmeldung, die einige Tage zuvor bei seiner Sekretärin erfolgt sein musste. Doch an diesem Morgen war Dottor Orlandi gut gelaunt, er ließ ihn fast umgehend eintreten und begrüßte ihn mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen. Er hörte ihn an und lächelte dabei immer weiter.

»Sie brauchen hier nicht den Geheimniskrämer zu spielen, lieber Avvocato«, sagte er. Wir kennen doch alle den Namen Ihrer Mandantin. Sie heißt Domenici, nicht wahr? Wir haben das Opfer identifiziert, den Mörder und auch den Ort, an dem beide wohnten, er wie sie. Scharfsinnig, Ihre Signorina Domenici. Euro Bencivenga wurde in der Tat in dieser Badewanne in Stücke geschnitten. Sagen Sie Ihrer Mandantin, sie soll sich keine Sorgen machen. Wir haben Wichtigeres zu tun, als uns mit ihr und ihren kleinen Mietgeschäftchen aufzuhalten.«

3. Engel rechts

Am letzten Samstag im Juli stand Angelica Degli Alberetti um sieben Uhr auf. Die Hitze hatte sie geweckt.

In glücklicheren Tagen wäre sie schon seit mindestens einem Monat in Urlaub gewesen, weit weg von der stickigen Stadtluft. Doch jetzt wusste sie nicht wohin, und vor allem nicht mit welchem Geld. Eine ihrer Freundinnen hatte ihr angeboten, sie in ihrem Haus in Forte dei Marmi zu beherbergen, aber sie hatte abgelehnt. Dann doch lieber in der Stadt als im Hochsommer in der Versilia.

Das Zimmer, das gleichzeitig als Küche und Wohnzimmer diente, lag noch im Dunkel. Seit langer Zeit schon hatte Angelica es nicht mehr eilig, ihrem Gesicht morgens überraschend in einem Spiegel oder in einer Fensterscheibe zu begegnen. Beim Erwachen war sie sich ihres Körpers nur allzu bewusst. Ihre Beine waren schwer, und der Rücken tat ihr weh. Es reichte schon eine leichte Berührung mit der Hand, und sie spürte, wie rau ihre Gesichtshaut war, als sei sie mit Staub überzogen.

Zwei gelbe Strahler standen mitten im Raum. Der Kater, der auf der Rückenlehne des Sofas kauerte, miaute klagend.

Angelica war der Meinung, das Zimmer sei leer, und machte einen erschreckten Satz, als sie die Silhouette eines ausgestreckten Körpers bemerkte, den der Kater schon die ganze Zeit anstarrte. Sie stolperte über einen Aschenbecher, der neben dem Sofa auf dem Boden stand; er war bis obenhin voll von Zigarettenkippen. Die Luft war rauchgeschwängert.

»Wann bist du gekommen?«

»Entschuldige dieses nächtliche Eindringen. Heute Nacht um zwei. Es ist im Moment so schwer, einen vernünftigen Zug zu kriegen.«

»Ist… Guido auch da?«

»Ja, er schläft da drüben.« Giovancarlo deutete auf das Gästezimmer.

»Horaz, komm her.« Der Kater rührte sich nicht und miaute protestierend weiter. Das Sofa war sein Platz, und er beanspruchte ihn mit Nachdruck.

»Schläfst du hier, weil ihr euch gestritten habt?«

»Nein, weil er schnarcht.«

»Seid ihr auf der Durchreise?« Das wagte Angelica allerdings kaum zu hoffen.

»Wir bleiben ein Weilchen, wenn es dich nicht allzu sehr stört. Ich habe am Teatro Romano in Fiesole eine Rolle. Der Sturm von Shakespeare. Ich bin Ariel. Es ist die übliche Sommerveranstaltung, aber meine Rolle ist großartig.«

»Ariel ist ein Kobold. Bist du für diesen Part nicht ein bisschen zu …«

»… fett?« Giovancarlo musterte seinen gewölbten Bauch unter dem T-Shirt. Er hatte sich zum Schlafen nicht mal die Schuhe ausgezogen. »Der Regisseur will es so. Grotesk. Das ganze Stück wird mit einer Tendenz zur Komik inszeniert.«

»Und wirst du diesmal bezahlt?« Angelica ergriff Horaz und setzte ihn auf den Boden: in seiner lauernden Stellung kam ihr der Kater unheilkündend vor.

»Nun«, Giovancarlo lächelte, »die Proben nicht. Es ist eine Produktion von Freunden. Wir werden uns die Einnahmen teilen. Aber das Ganze ist eine seriöse, professionelle Angelegenheit.«

»Arbeitet Guido auch an dieser professionellen Angelegenheit mit?«

»Ich weiß nicht, vielleicht. Wenn er sich mit dem Regisseur verstehen sollte, könnte er sich um das Bühnenbild kümmern. Aber weißt du … Guidos Charakter …«

»Ja richtig.« Angelica tastete den Kaminsims nach der Kaffeedose ab. Als sie sie endlich gefunden hatte, musste sie feststellen, dass sie viel zu leicht war. Sie vermochte nur noch eine winzige Menge Kaffeemehl auf dem Boden der Dose zusammenzukratzen, das reichte nicht mal für eine Person. Sie starrte auf das Stück Papier über den Klingelknöpfen, die einst zum Herbeirufen des Personals gedient hatten. Sie wusste, dass sie »Plätzchen, Spülmittel, Kaffee« daraufgeschrieben hatte. An das Spülmittel und die Plätzchen hatte sie gedacht, an den Kaffee nicht.

»Tut mir leid.« Sie drehte die Kaffeedose auf den Kopf und wandte sich Giovancarlo zu. »Es ist kein Kaffee mehr da.« Allein die Vorstellung, sich anziehen und welchen einkaufen zu müssen, nahm ihr jegliche Energie. Sie stellte die Dose auf den Kamin zurück.

Die schiefhängende Klingelanlage mit ihren herausragenden Drähten erinnerte an das Kommen und Gehen schwarz gekleideter Dienstmädchen mit weißen Schürzen und Häubchen. Doch jetzt hatte sie jeden Sinn verloren. Die freiliegende Vorrichtung, so beunruhigend wie anatomische Abbildungen, zeigte in widersprüchlicher Gleichzeitigkeit Schildchen mit der Aufschrift »Zimmer der Signora«, »Salon«, »Wohnzimmer«, »Esszimmer« als auch leere schwarze Rechtecke. Angelica hatte sie aus Nachlässigkeit nicht entfernen lassen, vielleicht auch, um sich selbst zu verhöhnen.

Als die Großmutter noch lebte, war dies die Küche der Dienerschaft gewesen. Die Nonna hatte soviel Geld besessen, dass sie sich in der Tradition der großen europäischen Familien eine Küche für das Personal leisten konnte. Damals hatte der ganze Palast der Familie Degli Alberetti gehört. Nach dem Tod der Großmutter hatten an erster Stelle Angelica, aber nach ihr auch all die Geier, die plötzlich vom Himmel fielen, das Vermögen samt Palast durchgebracht. Jetzt waren die unteren Räume von Horden von Amerikanern, Deutschen und Japanern belegt, den Gästen des Hotels Giuditta. Die Bronzeskulptur des Donatello in der Eingangshalle erschien wie eine Warnung an alle, die die Absicht haben sollten, sich ohne die Zeche zu zahlen davonzustehlen. Die große Dienstbotenküche, zwei Schlafzimmer und zwei Bäder waren alles, was Angelica als Wohnung geblieben war.

»Ich gehe Kaffee kaufen.«

Giovancarlo stand schon an der Tür und strich sich über seine wenigen Haare. Angelica dachte, das sei das mindeste, was er tun könnte. Schließlich sah es so aus, als habe er die Absicht, sich in ihrer Wohnung schon wieder häuslich niederzulassen, zusammen mit diesem anderen und wer weiß für wie lange, zumindest aber wohl für die Zeit der Proben und der Aufführungen im Theater von Fiesole. Ariel – das musste sich einer mal vorstellen. Mit diesem Bauch sah sie ihn eher als Kaliban, wenn er nicht diese etwas lispelnde Aussprache und das Falsettstimmchen hätte.

Angelica öffnete die Schlagläden und lehnte sich auf das Fensterbrett, um auf die Piazza San Firenze hinunterzuschauen. Am Giebel des Gerichtsgebäudes beleuchtete die Sonne die Hinterseite des Engels mit der Trompete, den, der von der Fassade aus gesehen rechts stand. Er war mit Stangen am Dach befestigt, die verhindern sollten, dass der Wind ihn auf die Köpfe der Passanten wehte. Wenn man ihn schamlos von hinter den Kulissen betrachtete, bemerkte man die verborgene Fälschung. Man konnte sehen, dass der Engel nicht aus Stein, sondern aus Glasfiber war, oder aus irgendeinem anderen Material, das normalerweise zur Herstellung von Bühnenbildern benutzt wird. Der echte Engel und sein Zwilling von der gegenüberliegenden Giebelseite waren in einer nahegelegenen Straße in einer Loggia untergebracht worden, wo sie vor dem Smog geschützt waren. Doch der hatte den Stein bereits angegriffen und der barocken Freundlichkeit ihrer Gesichtszüge den strengen Ausdruck archaischer Götzenbilder verliehen. Der Engel von der rechten Seite hatte statt Augen ein Loch in der Stirn, aus dem er wie ein Zyklop in Angelicas Fenster starrte. Finster, die Trompete wie eine Armbrust haltend, war er eigentlich immer noch zu harmonisch für das, was sich unter seinen Füßen befand, nämlich die heruntergekommenen Räume des Justizgebäudes, die sich nach der Sommerpause bald wieder mit Richtern, Anwälten und Angeklagten in Handschellen füllen würden.

Angelica verspürte eine Leere im Magen. Ihr fehlte der morgendliche Kaffee. Hinter einer Kutsche, die auf dem Weg zum Lungarno war – das Pferd trabte, und das Geräusch seiner Hufe auf den Pflastersteinen machte die außerordentliche Stille, die auf dem Platz herrschte, nur noch deutlicher –, tauchte Giovancarlo auf. Er überquerte vorsichtig, leicht gebeugt und mit kleinen Schritten die Straße vor dem Lebensmittelladen. Seine Glatze strahlte würdevoll in der Sonne.

Der Arme, er war ja fast ein anständiger Mensch. Er kleidete sich besser, als er es sich eigentlich leisten konnte, bemühte sich, wohlerzogen und freundlich zu sein. Nicht wie dieser andere, der ihn durch sein Schnarchen aus dem Schlafzimmer jagte. Der war so unhöflich, plump und schlecht erzogen, dass Angelica ihn liebend gern aus dem Bett und anschließend gleich aus ihrer Wohnung geworfen hätte. Doch leider war der, der schlief, ihr Blutsverwandter, Guido, ihr chaotischer Neffe. Im vergangenen Winter war es Guido gewesen, der sie an einem regnerischen Abend um Unterkunft gebeten hatte. Er kam gerade aus dem »Institut«, wie er es nannte und was nichts anderes als das Gefängnis war. Er hatte soeben eine Strafe wegen Betruges abgesessen, die letzte Etappe einer Reihe von Fälschungen, Betrügereien gegenüber Antiquitätensammlern, von Prozessen und Haftstrafen. In solchen Sachen war Guido Spezialist. Ein Taugenichts und Stümper. Die Fälschungen, die er naiven Käufern andrehte, waren ziemlich plumpe Arbeiten. Er war noch nicht mal in der Lage, mit dem bisschen Geld, das er immerhin zusammenkratzte, etwas Vernünftiges zu organisieren, was ein Betrüger mit Stil getan hätte – für Fälschungen auf einem gewissen Niveau brauchte man ein Startkapital –, vielmehr verprasste er alles mit seinen Lastern: Alkohol, Glücksspielen und romantischen Reisen mit dem gerade aktuellen Partner.

Angelica hatte ihn damals im Portal des Hauses im Borgo de’ Greci auftauchen sehen. Er schleppte ein paar schwarze Müllsäcke, voll von seinen Klamotten, die nach dem im Gefängnis verwendeten Desinfektionsmittel stanken. Am Tag darauf war auch Giovancarlo erschienen, atemlos und mit geröteten Augen. Einen Tag lang hatten sie sich im Gästezimmer eingeschlossen und ununterbrochen geredet und sich gegenseitig ihre Untreue vorgeworfen. Angelica war gezwungen gewesen, durch die abgeschlossene Tür hindurch die vulgären Beschimpfungen mit anzuhören, die Guido brüllend von sich gab, und Giovancarlos Gewinsel. Als sie schließlich versöhnt und mit verklärten Gesichtern wieder auftauchten, hatte Angelica bereits beschlossen, sie sich schleunigst vom Halse zu schaffen. Doch gingen sie seitdem, seit Dezember, in ihrem Haus ein und aus, und mehr ein als aus. Der Zeitpunkt ihres Erscheinens hing ganz von Giovancarlos Verpflichtungen ab, der Schauspieler war; aber sie blieben immer recht lange.

Wie oft hatte sie die Rolle des Rettungsbootes für die ruinierte Familie Degli Alberetti übernehmen müssen. Wie bei einem gekenterten Schiff trieben deren Überreste in der Strömung, um dann bei ihr anzulanden. Angelica hatte es nicht vermocht, sich Guido oder auch anderen vom Unglück verfolgten Familienmitgliedern zu verweigern, weil sie sich schuldig fühlte.