Die Nacht der schwarzen Rosen - Nino Filastò - E-Book

Die Nacht der schwarzen Rosen E-Book

Nino Filastò

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Beschreibung

Der geniale Modigliani - Opfer einer skrupellosen Fälschergang? Zum dritten Mal ist Avvocato Scalzi einem finsteren Geheimnis der Toskana auf der Spur. Der Florentiner Anwalt Corrado Scalzi wird in das nahe Livorno gerufen. Im Hafenbecken der Stadt wurde die Leiche eines jungen amerikanischen Kunsthistorikers gefunden - ertrunken, so heißt es. James weilte zu Recherchen über die Echtheit einiger Modigliani-Skulpturen in der Geburtsstadt des Künstlers. Aber was hatte der Amerikaner bei seinen Studien noch herausgefunden, das ausreichte, ihn ums Leben zu bringen? Zum dritten Mal wird der bedächtige Scalzi, assistiert von seiner scharfzüngigen Olimpia und seinem abenteuerlichen Freund Guerracci, in eine dunkle Affäre hineingezogen, die sich bald zu einer geld- und drogenschweren Fälscherstory weitet.

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Über Nino Filastò

Nino Filastò, geb. 1938, lebt in Florenz als Rechtsanwalt. In der literarischen Tradition von Leonardo Sciascia schreibt er Romane um die Figur des Anwalts Corrado Scalzi, in denen eine kriminalistische Fabel immer auch zum Instrument der Gesellschaftskritik wird. Über den mit Donna Leon und Andrea Camilleri bekanntesten Autor italienischer Kriminalromane schreibt die FAZ: »Filastò führt eine leichte, zeitweise elegante Feder; er ist ein überdurchschnittlicher Erzähler mit sicherem Instinkt für die Erwartungen des Lesers.«

In der Aufbau Verlagsgruppe sind von ihm bisher erschienen: »Der Irrtum des Dottore Gambassi« (OF 1995), »Alptraum mit Signora« (OF 1990), »Die Nacht der schwarzen Rosen« (OF 1997), »Swifts Vorschlag« (OF 1991) und »Forza Maggiore« (OF 2000).

Informationen zum Buch

Der geniale Modigliani – Opfer einer skrupellosen Fälschergang? Zum dritten Mal ist Avvocato Scalzi einem finsteren Geheimnis der Toskana auf der Spur.

Der Florentiner Anwalt Corrado Scalzi wird in das nahe Livorno gerufen. Im Hafenbecken der Stadt wurde die Leiche eines jungen amerikanischen Kunsthistorikers gefunden – ertrunken, so heißt es. James weilte zu Recherchen über die Echtheit einiger Modigliani-Skulpturen in der Geburtsstadt des Künstlers. Aber was hatte der Amerikaner bei seinen Studien noch herausgefunden, das ausreichte, ihn ums Leben zu bringen? Zum dritten Mal wird der bedächtige Scalzi, assistiert von seiner scharfzüngigen Olimpia und seinem abenteuerlichen Freund Guerracci, in eine dunkle Affäre hineingezogen, die sich bald zu einer geld- und drogenschweren Fälscherstory weitet.

»Ein erstklassiger Krimi. Das auch all denen ins Stammbuch, die meinen, ausgerechnet die Amerikanerin Donna Leon schreibe die besten Italien-Krimis. Dann lesen Sie lieber mal den hier.« WDR

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Nino Filastò

Die Nacht der schwarzen Rosen

Ein Avvocato Scalzi Roman

Aus dem Italienischen von Barbara Neeb

Inhaltsübersicht

Über Nino Filastò

Informationen zum Buch

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Vorbemerkung

Erster Teil

Kapitel 1: Carrubbas Ärgernis

Kapitel 2: Die Augen von »Onkel Totò«

Kapitel 3: Carols Verlobter

Kapitel 4: Hotel »D’Annunzio«

Kapitel 5: Carrubbas Unfälle

Kapitel 6: Aufgeschürfte Hände

Kapitel 7: Der Anwalt des Schrotthändlers

Kapitel 8: Taucherschule

Kapitel 9: Weihnachtsessen

Kapitel 10: Logische Hypothesen, kabbalistische Mutmaßungen

Kapitel 11: Schmutzige Geschichten

Kapitel 12: Außerirdische Botschaften

Kapitel 13: Nähere Bekanntschaft der unsicheren Art

Kapitel 14: Roveto

Kapitel 15: Zu viele Mandate, Avvocato

Kapitel 16: Die Kreuzfahrt der »Elisa«

Zweiter Teil

Kapitel 17: Auf dem Krankenlager

Kapitel 18: Le Sughere

Kapitel 19: Guerraccis Flucht

Kapitel 20: Spitzname »Brucìno«

Kapitel 21: Eine Postkarte aus alten Zeiten

Kapitel 22: Der Schnee vom vergangenen Jahr

Kapitel 23: Afghanisches Abendmahl mit kriminellem Nachspiel

Kapitel 24: Elsässer Mittagsmahl

Kapitel 25: Das Modell des Malers

Kapitel 26: Danteske Tafelrunde

Dritter Teil

Kapitel 27: Abschied und Rückkehr

Kapitel 28: Anwalt, Anwalt und Klient

Kapitel 29: Beschattung

Kapitel 30: Crespinello

Kapitel 31: Per inquisitionem iudicis

Kapitel 32: Die Stadt Dummenfang

Kapitel 33: Vorbereitungen zum Hexensabbat

Kapitel 34: Schwarze Rosen

Kapitel 35: Garnelen in Curaçao

Anmerkungen

Impressum

Die in diesem Buch geschilderten Ereignisse und Personen sind frei erfunden.

Ich bin allerdings davon überzeugt, daß eine weltweit bekannte Persönlichkeit, die in dem Roman erwähnt wird, deren Identität zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht enthüllt werden sollte, nicht zufällig gestorben ist.

Ich danke den Menschen, die mir mit ihrer Geduld – und dem Überlassen einiger Unterlagen – geholfen haben: Donatella Maddalena, Lucio Catania, Eros Doni, Giannozzo Pandolfini, Carlo Pepi, Piero Carboni, Giovanni Cardellini, Silvia Brunelli.

Erster Teil

»Dedo ist angekommen, es geht ihm ausgezeichnet.«1

Das ist nicht wahr, denn Dedo wirkt krank, er ist klapperdürr, ein wandelndes Handtuch, nahezu kahlgeschoren, als ob er Typhus gehabt hätte. Sein Anzug ist derselbe, mit dem er schon nach Paris gefahren ist, der braune Samt an den Ellenbogen und den Knien ist abgewetzt. Er hat dunkle Ringe unter den Augen. Er bewegt sich, als fühle er sich fremd in seinem Körper.

Er spricht nicht viel, von dort drüben erzählt er kaum. Die wenigen Male, wenn er den Mund aufmacht, wirkt er wie eine sprechende Marionette. Auch die Stimme klingt, als ob sie nicht zu ihm gehöre. Er gedenkt, wieder wegzufahren. Er will in die Apuanischen Alpen, um mit Marmor zu arbeiten.

Eines Tages ist er verschwunden. Das Bett in seinem Jugendzimmer ist unberührt. Der Koffer fehlt. Eugenia schickt einen Freund los, um ihn in den Cafés der Stadt zu suchen. Im Café Bardi hat man ihn zwei Abende zuvor gesehen. Er war sturzbetrunken … auf seine ganz eigene Weise, bei der man nie so ganz weiß, ob er wirklich einen Rausch hat oder nur so tut … Er sprach von Michelangelos Plan, den Monte Altissimo in eine Skulptur von gigantischen Ausmaßen zu verwandeln … Die Künstler im Café Bardi behandelten ihn wie einen Übergeschnappten: Sie sagten, die Geschichte von Michelangelo und dem ganzen Berg, den er behauen wollte, sei nur eine Legende. Irgend jemand hat ihn dann gesehen, wie er den Zug nach Pietrasanta nahm …

1 Carrubbas Ärgernis

Das klagende Gurren einer Turteltaube, so hartnäckig wie eine Alarmanlage. Es war Montag, der 10. Dezember, zwei Uhr nachmittags an der Mündung des Arno; die Allee lag wie ausgestorben, nur ein gelbes Taxi stand zwischen zwei Platanen; fast leer auch das Restaurant, das sich zwischen der Straße und dem Deich erstreckte. Der Kellner lungerte am Bartresen, zwei Gäste saßen am letzten Tisch beim Fenster, das auf das Wasser hinausging. Breite Wellen hatten den Fluß vom Meer her gegen die Stromrichtung anschwellen lassen. Ein Schlauchboot mit zwei Männern an Bord kam den Fluß zur Mündung hinunter.

Scalzi betrachtete die schneebedeckten Apuanischen Alpen.

Eros wies auf das Panorama. »Was für ein Licht …«

»Hmm.«

»Die Berge scheinen zum Greifen nah.«

»Hm …«

Ein weiterer Versuch, ein Gespräch in Gang zu bringen. Avvocato Scalzi hatte schweigend gegessen, die Augen auf den Teller gerichtet. Eros zuckte mit den Schultern und blies die Backen auf.

»Entschuldigung«, sagte Scalzi. »Es ist nur so …«

»Ist schon in Ordnung, ich habe verstanden.«

»Hierherzukommen war ein Fehler von mir. Dieses Arschloch: erst verabredet er sich mit mir in einem Lokal, in dem man schlecht ißt, und dann kommt er nicht mal.«

Eros zeigte auf den Kellner im roten Jackett, der zu ihnen herüberblickte. Er hatte sich die Jacke zum Servieren des Hauptgangs angezogen. Die Langusten waren kümmerlich und leicht bitter und wohl absichtlich etwas angekokelt, um einen mindestens dreitägigen Aufenthalt im Kühlschrank zu kaschieren.

»Er wartet darauf, daß er uns die Rechnung bringen kann.«

»Soll er ruhig warten. Noch zehn Minuten, dann gehen wir. Dieses Arschloch …«

»Wer?«

»Mein Klient. Erst läßt er mich in dieses Kaff kommen, und dann läßt er sich nicht blicken. Es ist schließlich nicht das erste Mal, daß er solche Spielchen mit mir treibt. Ich hatte ihn vor einem Jahr zum Teufel geschickt, dann pfeift er, und ich renne los wie ein Hündchen. Ein verlorener Tag. Ganz abgesehen von den Kosten … Verfluchtes Metier.«

Scalzi setzte sich ungern hinter das Steuer eines Autos; wenn er sich an einen Ort begeben mußte, der schlecht ans öffentliche Verkehrsnetz angebunden war, ließ er sich von Eros fahren, einem befreundeten Taxifahrer. Zur Zeit herrschte Auftragsflaute; sollte diese noch länger andauern, würde er wohl auf diesen Luxus verzichten müssen.

Der Kellner trat heran. Unter dem zu engen Smokingjackett schaute ein schmuddeliges weißes Hemd hervor, der Kragen stand offen. »Wünschen Sie noch ein Dessert?«

»Kaffee und Grappa«, antwortete Eros. Er schaute zu Scalzi.

»Für mich keinen Kaffee«, sagte Scalzi.

Er hoffte, auf der Rückfahrt ein Nickerchen machen zu können.

»Also zwei Grappa und einen Kaffee«, faßte Eros zusammen.

Das Schlauchboot, das sich dem Ufer näherte, hielt auf das Fenster zu; an Bord waren zwei Männer in blauen Overalls, einer am Steuerruder, der andere balancierte stehend mit ausgebreiteten Armen. Das Boot stieß mit dem Bug gegen den Deich. Der stehende Mann machte einen Satz und landete sportlich abfedernd auf den Beinen. Er tat ein paar Schritte und stand nun unter dem Fenster. Das Gesicht an die Scheibe gepreßt, musterte er Scalzi. Dann kam er um die Ecke des Gebäudes. Er erreichte den Tisch kurz nach dem Kellner, der gerade die Rechnung überreichen wollte. Er nahm sie ihm aus der Hand.

»Das erledige ich«, sagte er.

Er warf einen Blick auf die Summe und reichte dem Kellner einen Hundertausend-Lire-Schein.

»Der Rest ist für Sie.«

Kein sonderlich üppiges Trinkgeld. Die Grillplatte mit den armseligen Langusten hatte die Rechnung in die Höhe getrieben. Der Mann verzog das Gesicht.

»Ganz schön happig. Sie sind der Anwalt?«

»Und wer sind Sie?«

»Der Commendatore erwartet Sie gleich hier in der Nähe. Allerdings nur Sie allein.«

»Commendatore?« fragte Scalzi. »Commendatore wer?«

»Der Commendatore Carrubba: er erwartet Sie gleich in der Nähe. Wir fahren mit dem Schlauchboot hin. Allerdings nur Sie allein. Und wer wäre der Herr hier?«

»Was geht Sie das an?« brummelte Scalzi halblaut vor sich hin. »Ein Scheißdreck von einem Commendatore … Eros, wartest du bitte hier? Ich werde es kurz machen.«

»Ich warte im Wagen auf dich«, sagte Eros.

Das Schlauchboot wendete in weitem Bogen und kehrte zum Ufer zurück. Der Mann am Ruder fuhr dicht an die Ufermauer heran und stützte sich mit einer Hand am Beton des Deiches ab. Dann verlor er den Halt, seine Hand rutschte ab, und das Boot schaukelte auf den Wellen, die mit steigender Flut immer höher wurden. Scalzi zögerte zunächst, den Sprung dort hinab zu wagen. Der Mann, der ins Restaurant gekommen war, machte Anstalten, ihn unter den Achseln zu packen. Mit einer brüsken Bewegung schüttelte Scalzi seine Hand ab; er ließ sich ins Boot fallen, fuchtelte dabei wild mit den Armen, um an den Bordwänden Halt zu finden. Das Schlauchboot kam ins Wanken. Der Mann am Steuer streckte seine Arme aus, um es wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Der andere landete mit einem weichen Satz. Er lachte kurz auf, als er Scalzis Körpermassen wie einen nassen Sack auf dem Boden des Bootes liegen sah. Er selbst war ein schlanker, gelenkiger junger Mann. Scalzi schleuderte ihm einen wütenden Blick zu.

Sie steuerten in die der Mündung entgegengesetzte Richtung. Dann verließen sie den Fluß und fuhren etwa einen halben Kilometer einen mit Schilfrohr zugewachsenen Kanal hinauf; die Halme bogen sich zur Seite, als das Boot vorüberfuhr. Sie gelangten an den Rand einer Lichtung, die von Strandkiefern- und Tamariskendickicht umgeben war. Mittendrin stand, im Morast auf einem Anhänger aufgebockt, ein funkelnagelneues Kabinenboot von etwa fünfzehn Metern Länge.

»Ich warte hier draußen auf Sie«, sagte der sportliche junge Kerl. »Wenn Sie fertig sind, rufen Sie mich. Der Commendatore ist dort drinnen.« Er zeigte auf eine Leiter, die an Deck führte.

»Ein Scheiß von einem Commendatore«, sagte Scalzi, diesmal mit voller Stimme, um auch wirklich gehört zu werden.

Der Name des Bootes, ELISA REPUBBLICA PANAMENSE, schimmerte in vernickelten Buchstaben in der Sonne.

Auf halber Höhe der Leiter schielte Scalzi durch ein Bullauge und sah Carrubba im Halbdunkel einer Kabine, die mit kackgelben Ledersofas möbliert war. An Deck dann drang die Stimme des »Commendatore« zu ihm: »Komm rein, Corrado. Ich bin hier unten.«

Er stieg die Innentreppe hinunter. Carrubba saß an einem Tisch mit glänzender Messingeinfassung, grünliches Licht, das durch das Bullauge verfärbt hereinfiel, beleuchtete seine verquollenen Wangen und falschen Zähne. Hinter der Theke einer kleinen Bar hingen Sektkelche und Champagnerflaschen der Marke Cristal in passenden Ringhaltern. Das einzige hier drinnen, das schon einmal das offene Meer gesehen hatte, war das Segelschiff auf einem gerahmten Foto an der Wand; alles andere roch noch frisch nach Lack und schien geradewegs von der letzten Nautikmesse eingetroffen zu sein.

»Mach es dir bequem.« Carrubba zeigte auf das Sofa auf der anderen Seite des Tisches. »Wie lange ist es her, daß wir uns das letzte Mal gesehen haben?«

»So ungefähr ein Jahr.« Scalzi musterte einen seiner schlammverdreckten Schuhe. »Hätten wir uns nicht an einem bequemeren Ort treffen können?«

Während der Überfahrt durch die Mündungswogen, als er seekrank zu werden meinte, hatte er sich vorgestellt, wie er ihm Vorwürfe machen würde wegen der hundert Kilometer Fahrt an einen naßkalten Ort, wegen der mehr als einstündigen Wartezeit, des nicht einmal mittelmäßig zu nennenden Essens, ganz zu schweigen von Eros, der wer weiß wie lange auf ihn zu warten hatte …

Doch Carrubba verbreitete eine Aura des Friedens. Sein seliges breites Medusenantlitz mit den von Weichheit verwässerten Augen besänftigte jeglichen Groll. So schaffte er es immer wieder, alle hinters Licht zu führen.

»Seit wann bist du denn Commendatore?«

Carrubba machte eine vage Handbewegung, rutschte mit dem Hintern hin und her, um es sich bequemer zu machen, wobei das Leder des Sofas knarzte. Es schien fast so, als sei das Boot der Keratinpanzer eines Alien-Monsters, der um ihn herum gewachsen war.

»Du weißt doch, wie das ist: Die Jungs mögen mich und nennen mich eben so.«

In seinem Gesicht stand das Lächeln einer verfetteten Mona Lisa, voller zweideutiger Angebote. In den Augen allerdings, die gelb waren vom Suff, leuchtete die gleiche Angst auf wie seinerzeit, als er fürchtete, in den Knast zu wandern. Und diesmal loderte das Feuer der Angst noch intensiver: nackte Panik, wie es schien.

Schweigend musterten sie sich. Schließlich platzte Scalzi heraus. »Deine Luxusyacht, auch wenn sie auf dem Trockenen liegt, habe ich nun genügend bewundert. Ich habe eigens eine Kanzlei, um dort Leute zu empfangen, die in Schwierigkeiten stecken. Da ich aber jetzt schon einmal hier bin: Was ist dein Problem?«

»Möchtest du was trinken? Ein Glas Champagner …«

»Nein. Laß die blöde Katze endlich aus dem Sack, dann sind wir schneller fertig.«

»Es handelt sich nicht um eine blöde Katze. Nicht wirklich. Eher um ein Ärgernis …«

»Und du bist der Typ, der sich wegen irgendeines Ärgernisses in einen Sumpf verkriecht?«

»Es ist nicht so, wie du denkst. Also, ich meine keine Gefahr, hinter Schloß und Riegel zu wandern. Irgendsoein Individuum …«

»Was heißt das?«

»Der Kerl macht mir einen Haufen Ärger. Völlig ohne Grund. Ich habe ihm nichts getan …«

Er sprach mit entnervender Langsamkeit, Pausen lagen zwischen den einzelnen Satzteilen und isolierten sie voneinander. Er suchte nach seinen Worten wie nach Gegenständen in einem dunklen Raum, in dem jemand schlief. Und diesen Menschen durfte er auf keinen Fall wecken. Schließlich sollte der nicht mitbekommen, was er vorhatte.

»Bist du sicher, daß du ihm nichts getan hast? Nicht irgendein Beschiß?«

Carrubba zog ein beleidigtes Gesicht: »Ich? Einen Beschiß? Ich kenne ihn ja fast gar nicht! Ich habe ihn nur ein paarmal gesehen, ja und nein, flüchtig sozusagen …«

Zu Beginn eines Gesprächs mit Carrubba mußte man sich immer mächtig ins Zeug legen, bis man ihn davon überzeugt hatte, die Karten auf den Tisch zu legen. Aber Scalzi würde ihm diese Genugtuung nicht gönnen und sich mit einem Haufen Fragen abmühen, um ihm die lästige Angelegenheit, die ihn quälte, Stück für Stück aus der Nase zu ziehen. Er sollte sich nur schön selber auskotzen.

Schweigen. Scalzi zündete sich eine Zigarette an. Durch das Bullauge betrachtete Carrubba mit melancholischem Gesichtsausdruck eine Möwe mit von Teer verdrecktem Gefieder, die, auf einem Pfahl hockend, seinen Blick schräg erwiderte. Das Licht des klaren Dezembertages, das bis vor kurzem noch sehr intensiv war, begann zu verlöschen. Vom Fluß stieg Feuchtigkeit auf. Bald würde Eros gezwungen sein, den Motor anzulassen, um die Heizung einzuschalten.

»Ein Typ macht dir Ärger. Das kommt in deinem Leben doch öfter vor …«

Carrubba nahm einen vorwurfsvollen Gesichtsausdruck an, so als steckte Scalzi mit dem Störenfried irgendwie unter einer Decke.

»Du mußt ihn dazu bringen, daß er mich in Ruhe läßt. Ich weiß ja auch nicht. Du bist doch der Anwalt …«

»Und was für Ärger macht er dir, dieser Typ? Jetzt sprich schon, verdammt noch mal!«

»Er bedroht mich.«

»Das heißt?«

»Er sagt, daß ich sterben werde. Daß ich gezeichnet sei.«

»Und wie sagt er dir das?«

»Er ruft mich an. Er schreibt mir. Er faxt mir ständig so einen Scheiß, daß mir bloß noch wenige Stunden bleiben, und so weiter …«

»Warum?«

»Warum … was?«

»Der Grund! Der Grund für diese Drohungen! Was ist es?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wie, du weißt es nicht? Erpreßt er dich?«

»Nein. Jetzt ganz im Ernst: ich weiß wirklich nicht, was der Kerl von mir will …«

Schweigen. Die Möwe stieß einen Schrei aus und flog flügelschlagend davon.

Auch Carrubba bewegte sich nun, sehr langsam. Er lehnte sich zur Seite und zog bedächtig einen Fuß unter dem Tisch hervor, den linken, der eingegipst war und in einem schwarzen Pantoffel steckte. Er legte den Kopf schief, um seinen Klumpfuß zu betrachten, und sah noch wehmütiger drein: »Siehst du?«

»Seh ich was?«

»Den Fuß. Bruch der Mittelfußknochen. Er muß für mindestens einen Monat im Gips bleiben.«

»Das tut mir leid. Hat besagter Jemand etwas damit zu tun?«

Carrubba wackelte mit dem Kopf. »Und genauso der Mercedes. Ich bin noch nicht mal zehntausend Kilometer damit gefahren. Erledigt, praktisch reif für den Schrottplatz.«

»Hat dieser Typ dich gerammt?«

»Nein. Ich habe Bekanntschaft mit einem Baum gemacht.«

»Also ist es nicht seine Schuld …«

»Aber ja doch.«

»Du hast gerade gesagt, daß du gegen einen Baum geknallt bist …«

»In gewissem Sinne schon …«

»Werd ein bißchen deutlicher.«

»Wenn du mich nicht ausreden läßt …«

Scalzi suchte einen Aschenbecher, aber da war keiner, Carrubba rauchte nicht. Die Zigarettenkippe verbrannte ihm schon die Finger. Er drückte den Stummel auf dem Tisch aus und wischte ihn mit dem Handrücken weg.

»Ich denke, er hat recht«, meinte er.

»Wer?«

»Der Kerl, der sagt, daß du nur noch wenige Stunden zu leben hast. Irgend jemand wird dich früher oder später umbringen.«

»Wer?«

»Ich zum Beispiel. Ich könnte dich erwürgen.«

Carrubba lachte, zufrieden darüber, daß er Scalzi auf die Palme getrieben hatte. Er gluckste noch weiter vor sich hin, während er sich einen Stock mit Silberknauf griff, aufstand, einen Schrank öffnete, einen Aschenbecher hervorholte und diesen auf den Tisch stellte.

Scalzi fand sich damit ab, das übliche Geduldsspiel zu spielen.

»Gehen wir der Reihe nach vor. Fang mit dem Unfall an. Erzähl mir, was passiert ist.«

»Nichts Besonderes … Ich kam gerade aus einer Nachtbar: Der Wolfsbau … Der Molchsbau … Irgendein Tier auf jeden Fall … Du weißt schon, der auf dem Viale dei Tigli, wo immer die Nigerianerinnen stehen, in der Nähe von Viareggio … Ich biege also in die Allee ein, kann gerade mal ein wenig beschleunigen, und mit einemmal steht er da. Ich schaue in den Rückspiegel, um zu sehen, was er vorhat, und dann … nichts: ein Blitz, und ich finde mich im Krankenhaus wieder.«

»Hat er dich gezwungen, auszuweichen?«

»Wer?«

»Dieses berühmte Individuum, der Typ, der dich bedroht. Stand er mitten auf der Straße?«

»Ach, woher denn. Er stand an der Seite, unter den Bäumen, und sprach mit einer Nigerianerin. Er verhandelte wohl über den Preis, denke ich. Tatsache ist, daß ich, um ihn im Rückspiegel zu sehen …«

»Es soll also seine Schuld sein, daß du dir den Fuß gebrochen hast?«

»In gewisser Weise …«

»Hör mal, Carrubba«, sagte Scalzi mit zusammengebissenen Zähnen, »du willst mich nicht zufällig auf den Arm nehmen?«

»Ich? Wieso? Aber nein.«

»Aber ja doch! Ich ruf mal schnell den Scalzi an, hast du dir gedacht, ich laß ihn an einen Ort kommen, wo einen die Arthritis nur so anspringt, und erzähl ihm einen Haufen blödes Zeug, das muntert mich ein wenig auf.« Scalzi hob die Stimme an. »Schließlich hat er ja nichts zu tun. Der hat ja Zeit zu verschenken.«

»Warum mußt du nur immer so gereizt sein?« Carrubba betrachtete wieder betrübt seinen Fuß. »Du bekommst immer gleich alles in den falschen Hals. Entspann dich. Es geht ja nicht nur um den Unfall. Da sind auch noch andere Dinge.«

»Legen wir also den Unfall ad acta. Erzähl mir von den Drohungen. Kostenlose Drohungen, hast du gesagt, keine Erpressung. Zu welchem Zweck also dann?«

»Das ist etwas kompliziert …«

»Also, gleich bin ich weg.«

Carrubba holte tief Luft und dehnte dabei jeden Teil seines Körpers. Pfeifend atmete er wieder aus.

»Vor einem knappen Monat stand ich in Verhandlungen, um von einer bestimmten Person gewisse Objekte zu kaufen.«

»Ist das die Person, die dich bedroht?«

»Nein. Der Verkäufer ist jemand anderes.«

»Um was handelte es sich dabei?«

»Wobei?«

»Bei diesen Objekten!«

»Um Statuen.«

»Du wolltest Statuen kaufen?«

»Aber am Ende stellte sich heraus, daß sie viel mehr wert sind als der vereinbarte Preis. Es sieht so aus, als stammen sie von einem berühmten Künstler …«

»Von wem?«

»Von einem gewissen …«

Carrubba schloß die Augen. Er schien eingeschlafen zu sein. Das war nicht auszuschließen. Er litt am Pickwicksyndrom.

»Einem gewissen …«

»Ja? …« fragte Carrubba und hob ein wenig die Augenlider.

»Der berühmte Künstler, wer soll das sein?« schrie Scalzi.

»Ein gewisser Modigliani«, hauchte Carrubba wie im Traum. »Die Skulpturen hat mir ein Schrotthändler aus Livorno verkauft.«

»Alles klar«, sagte Scalzi, »der Schrotthändler verkauft Kunstschrott, das paßt. Wo will er denn diese authentischen Skulpturen von Modigliani gefunden haben, im Kofferraum einer Schrottkarre?«

»Er hat drei.«

»Drei was?«

»Skulpturen von diesem Modigliani. Der Schrotthändler hat drei davon.«

»Don Lollò Zifara«, sagte Scalzi. »Du weißt, wer das ist?«

Sie hatten die Flußmündung hinter sich gelassen, als es schon dunkel war, und nun fuhr Eros, über das Lenkrad gebeugt, etwas steif von der Kälte nach drei Stunden Wartezeit.

Er kratzte sich den Bart und ordnete die Anspielung ein.

»Der Held aus dem Krug von Pirandello, der, der wegen jeder Kleinigkeit zum Anwalt rennt.«

Unter der Krempe seiner Fischermütze strahlten seine Augen vor Zufriedenheit. Eros war Schauspieler bei Kantor gewesen; er war mit der Theatertruppe des polnischen Regisseurs in der ganzen Welt herumgereist. Seit dem Tod des Meisters fuhr er Taxi. Er kannte sich in der Theaterwelt aus.

»Sehr gut«, sagte Scalzi, »Carrubba hat verstanden, daß das Gesetz ein Instrument in den Händen desjenigen ist, der es am besten beherrscht. Scharfsichtiger als viele Anwälte. Er strahlt ein hypnotisches Flair aus, bei jeder Auseinandersetzung schafft er es, daß sich die Gemüter bis zur Lauheit abkühlen. Ich habe niemals erlebt, daß er je die Stimme erhoben hätte. Er versteckt sich hinter der Maske eines dicken, gutmütigen Hundes, der sich nicht wehrt, auch wenn er einen Fußtritt abbekommt; aber wenn sich die Gelegenheit bietet, beißt er zu, und zwar gewaltig.«

»Kennst du ihn schon lange?«

»Seit über zwanzig Jahren. Er war zunächst im Baugeschäft, nun scheint er sich mit Überseespeditionen zu beschäftigen, er vermietet Schiffe. Als er zum erstenmal in meiner Kanzlei aufkreuzte, hatte er den Auftrag übernommen, einen Wohnkomplex für gut hundert Milliarden Lire hochzuziehen. Eine Arbeit, für die seine »Mannschaft«, wie er sie nannte, nicht im mindesten geeignet war, denn die bestand nur aus einem Dutzend Burschen aus Campania, die reichlich nach Camorra rochen, ein paar Baggern, einem Kran und einer schiefen Fertigbaracke, die als Schlafsaal und Büro diente. Die Erstfirma, die den Auftrag an ihn weitergegeben hatte, rechnete damit, daß sich seine kleine Firma in dem Bemühen, die Übergabefristen einzuhalten, zu hoch verschulden und dann Bankrott gehen würde. Vom Konkursverwalter hätten sie dann die teuersten Arbeiten zu einem Drittel des Wertes kaufen können. Carrubba allerdings ist einer, der nicht auf den Kopf gefallen ist. Das Grundstück, auf dem er das Fundament hätte legen sollen, war einst die Mülldeponie einer Chemiefabrik. Die Säurerückstände, die sich im Erdreich angesammelt hatten, zerfraßen den Stahlbeton. Den eigentlichen Bau begann er erst gar nicht. Eine Weile lang ließ er sich sogenannte Erschließungsarbeiten bezahlen, während seine zwölf Apostel das Gelände rund um das zukünftige Gebäude einebneten. In ihren freien Stunden, und das waren nicht wenige, schleppten sie die Prostituierten der Umgebung ab, wenn die Sonne schien, veranstalteten sie Hinterhoffußballturniere, und bei Regen gab es verschärfte Skatmeisterschaften in ihrer Baracke. Die Backsteinmagnaten bezahlten fast eine Milliarde für eine Art Bocciafeld, dazu unzählige aufgebuddelte und wieder zugeschüttete Löcher. Als sie schließlich mitbekamen, was los war, zeigten sie Carrubba wegen Betruges an und ließen die Baustelle sperren. Das war der Zeitpunkt, als er zu mir kam. Wir spielten unsere Trumpfkarte von den Säuren aus, die das für das Fundament vorgesehene Gelände durchsetzt hätten, und kamen damit durch. Die Sperrung der Baustelle wurde aufgehoben, und die Erstfirma mußte sogar Entschädigung zahlen. Seit damals hat er verschiedene Dinger dieser Art gedreht, auch größere, und ein paarmal ist er dafür sogar im Knast gelandet. Er schafft es allerdings stets, am Ende mit fast sauberer Weste davonzukommen, weil er mit Leuten Geschäfte macht, die ihn betrügen wollen, und er sich praktisch nur revanchiert, wenn er sie seinerseits übers Ohr haut. Jetzt hat er sich der Reederei verschrieben. Ich denke, den Bausektor hat er abgegrast.«

Der Ex-Schauspieler schlug einen kritischen Ton an: »Hast du ihn häufig verteidigt?«

»Strafrecht ist nun einmal mein Beruf«, erwiderte Scalzi ein wenig gereizt. »Carrubba ist ein guter Kunde meiner Kanzlei. Im Sinne des Timings. Er taucht immer in Krisenzeiten auf. Wie seinerzeit mit dem Bocciafeld. Das war 1981. Damals reiste ich landauf, landab, um linke Terroristen zu verteidigen. Ich habe in dieser Zeit alle Gefängnisse Italiens kennengelernt. Und alles für einen Apfel und ein Ei, wie du dir vielleicht vorstellen kannst. Carrubbas Erscheinen war wie eine Sauerstoffdusche. Und so hätte es auch heute sein sollen. Es ist ja nicht so, daß es keine Arbeit gäbe, eher genug, noch dazu einträgliche. Aber die Leute, die in Schmiergeldaffären verwickelt sind, kommen nicht zu mir. Für einen gewissen Personenkreis habe ich nun mal eine nicht gerade vertrauenerweckende Vergangenheit. Und heutzutage kümmern sich die Gerichte ja um nichts anderes mehr – nur Drogenhandel und Schmiergelder.

Diesmal allerdings habe ich das Mandat abgelehnt … Denn dieses Mal versucht sich Carrubba an einem ziemlich dicken Ding. Noch steckt er in den Anfängen – aber ich würde ebenfalls Kopf und Kragen dabei riskieren.«

Scalzi zündete sich eine Zigarette an. Diskret öffnete Eros einen Spaltbreit das Fenster.

»Entschuldigung«, sagte Scalzi, »ich hatte vergessen, daß du damit aufgehört hast.«

»Bei all dem Smog, den wir schlucken müssen«, seufzte Eros, »schaden deine Zigaretten nun auch nichts mehr. Wenn irgend jemand ihn bedroht, wieso könnte das dann für dich riskant werden?«

»Der Typ, der ihn bedroht, hat damit gar nichts zu tun.«

»Du hast gesagt, daß Carrubba Schiß hat.«

»Er hat sein Haus und das Büro verlassen. Seit einer Woche lebt er auf diesem Boot. Er bezahlt ein paar Bodyguards. Aber nicht, weil er sich vor dieser Person fürchtet. Und dann die Geschichte mit dem gebrochenen Fuß: eine Nebelkerze, damit ich ja nicht versuche, herauszufinden, was ihm wirklich Angst einjagt. Der Kerl, der ihn bedroht – er heißt Sarcì –, der ist, soweit ich verstanden habe, ein Spinner. Carrubba hat mir einen seiner Briefe gezeigt. Es ist zu bezweifeln, ob es sich wirklich um Drohungen handelt. Das Blatt war voller Hieroglyphen und esoterischem Blödsinn.«

»Vor wem hat er also Angst?«

»Ich weiß es nicht. Bis heute habe ich ihn noch nie so reserviert gesehen. Immerhin habe ich kapiert, daß der Hund woanders begraben liegt. Carrubba hat Kontakt mit einem amerikanischen Museum aufgenommen und dem für einige Milliarden gewisse Skulpturen aus dem Besitz eines Livorneser Schrotthändlers angeboten, die seinen Angaben zufolge authentisch sein sollen. Niemand, der noch bei klarem Verstand ist, würde allen Ernstes annehmen, daß es in Livorno tatsächlich irgendein echtes Werk von Modigliani gibt, nach dem Schwindel mit den Köpfen, die sie damals aus dem Fosso Reale gefischt haben. Dennoch hat er versucht, mich zu überzeugen. Er hat mir erzählt, daß ein Experte des Museums sie begutachtet habe und daß der von ihrer Echtheit überzeugt sei. Dann scheint dieser Experte, so habe ich ihm gesagt, von Kunst soviel zu verstehen wie ich von Kernphysik; ich habe ihm deutlich gemacht, daß die Amerikaner ziemlich empfindlich werden können, wenn jemand versucht, sie hereinzulegen, und daß auch die italienischen Richter äußerst streng mit Kunstfälschern umspringen, die versuchen, Ausländer übers Ohr zu hauen, denn damit schädigen sie den Tourismus. Ich bin stinksauer geworden: schließlich wendet man sich nicht an einen Profi, um sich über die beste Art und Weise beraten zu lassen, wie man einen Betrug begeht. Mit mir nicht. Da war er beleidigt. Und wir haben uns gestritten.«

Seitlich vom Wagen tauchten die Lichter des Airports von Florenz auf. Ein Flugzeug, glitzernd wie ein Weihnachtsbaum, senkte sich langsam herab und schien die Fahrzeuge fast zu berühren, die von der Autobahn herunterfuhren.

»Also ein Ausflug für nichts und wieder nichts«, sagte Eros.

»Genau.«

»Zum Glück war es ein schöner Tag.«

»Dafür haben wir ziemlich schlecht gegessen …«

Eros schlug einen freundlichen Ton an, um ihn etwas zu beschwichtigen: »Die Spaghetti mit Meeresfrüchten waren doch ganz in Ordnung …«

»Ich hatte Reis. Der war zerkocht.«

2 Die Augen von »Onkel Totò«

Im Gerichtsbunker von Santa Verdiana lief der Prozeß zu dem Mafiaanschlag in der Via dei Georgofili, und ein Zeuge machte seine Aussage. Er erzählte, daß der Junge, dessen Eltern Scalzi als Nebenkläger vertrat, inmitten der Flammen am Fenster des zweiten Stockwerks eines Hauses vor der Torre dei Pulci erschienen war. Anscheinend hatte er den Sprung wagen wollen, doch dann hatte ihn die Feuersbrunst wieder ins Innere gesogen. Der Junge war umgekommen, bei lebendigem Leib verbrannt.

Scalzi gelang es nicht, die Augen offenzuhalten. Das Licht blendete ihn, es kam direkt von vorn, aus einem Scheinwerfer, der den Bereich für die Aufnahmen der Fernsehkamera ausleuchtete. Dabei gab es eigentlich nichts Interessantes festzuhalten. Der Saal war halb leer. Nach der ersten Anhörung, als der »Käfig« hinter der Panzerglasscheibe noch komplett gefüllt und der Saal voller Anwälte und Journalisten war, zog sich der Prozeß um den Anschlag in der Via dei Georgofili nun mühsam dahin wie ein Routinefall. Sogar die angeklagten Mafiosi, die noch in Dutzenden anderer Prozesse vor Gericht standen, sahen zu, daß sie diesem hier fernbleiben konnten.

Scalzi wandte sich von dem Zeugen ab, um den Käfig zu betrachten. Nur zwei Abteile waren belegt.

Ein gewisser Pizzuto lag auf einer Tragbahre, eingewickelt in eine braune Decke und mit dem Rücken den Richtern zugewandt. Unter der Decke lugte ein wirrer weißer Haarschopf hervor. Sein Anwalt behauptete, er befinde sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium von Altersschwachsinn. Pizzuto bewegte keinen Muskel, zumindest nicht vor Gericht. Zwei leere Abteile weiter saß unbeweglich, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, das Oberhaupt der Cupola des Corleoneser Clans, »Onkel Totò«, der angeklagt war, Auftraggeber des Anschlages gewesen zu sein. Er wirkte abwesend, allenfalls ein wenig gelangweilt.

Scalzi hatte sich einen Tisch neben dem Käfig gewählt, um Totò aus der Nähe beobachten zu können. Er hoffte irgendein faßbares Zeichen dafür ausmachen zu können, daß dieser Totò fähig gewesen war, und mitunter mit seinen bloßen Händen, so viele Menschen in seiner vierzigjährigen Karriere umzubringen, wie man ihm nachsagte. Das Foto, das in allen Zeitungen abgedruckt worden war, als »Onkel Totò« noch die meistgesuchte flüchtige Person des Landes war, war eine Porträtaufnahme fürs Familienalbum von einem hübschen, ernsten jungen Mann mit schmalem Gesicht, schwarzem Schnurrbart und eindringlichen Augen. Auch jetzt schien er sich auf dem Podest des Käfigs, das dem Publikum am nächsten lag, in Pose gesetzt zu haben. Der Scheinwerfer einer Fernsehkamera strahlte ihn voll an. Er sah aus wie einer jener alten Männer, die sich auf einem Mäuerchen an der Dorfstraße sonnen. Müde schien er. Er fixierte jemanden hinten im Saal, mit unbeweglichen Augen wie ein Toter, in denen keine Furcht vor dem Abgrund stand und die wie von einem dunklen Licht erleuchtet waren.

Scalzi drehte sich um. Olimpia wechselte mit dem »Onkel« einen Blick und nahm am hintersten Tisch Platz: sie zog es vor, immer einen gewissen Abstand zur Richterbank zu wahren. Vor ein paar Jahren war sie Mitarbeiterin in seiner Anwaltskanzlei geworden, nachdem die FATES, die Fabrik für elektrische Transformatoren, in der sie Chefsekretärin gewesen war, aufgrund der Wirtschaftskrise ihre Tore hatte schließen müssen. Die neue Arbeit gefiel ihr, doch bei Gerichtsverhandlungen fühlte sie sich immer etwas unwohl. Scalzi ging zu ihr.

»Kauf dir endlich ein Handy«, flüsterte Olimpia, »dann wäre ich nicht gezwungen, dir bis zu einem so scheußlichen Ort wie dem hier hinterherzurennen …«

»Es gehört nun einmal zu meiner Arbeit, an scheußlichen Orten zu verkehren«, meinte Scalzi.

»Aber nicht zu meiner.«

»Gehst du denn nicht gern zu Gerichtsverhandlungen?« Das sagte er, um sie aufzuziehen, schließlich wußte er es ganz genau.

»Was für einen Job macht ihr denn hier? Ihr schickt Menschen in den Knast. Menschen hinter Mauern einzusperren ist pervers.«

»Auch bei diesen Menschen?«

Olimpia betrachtete erneut den »Onkel« und wiegte unentschlossen den Kopf.

»In deinem Büro sitzt eine neue Klientin. Sie wartet schon seit einer Stunde.«

»Hatte sie einen Termin?«

»Sie ist einfach so gekommen. Du solltest mit ihr sprechen. Ein interessanter Fall.«

»Das heißt?«

»Sie ist davon überzeugt, daß man ihren Verlobten ermordet hat, obwohl die Carabinieri sicher sind, daß es ein Unfall war. Sie ist Amerikanerin. Auch der Verlobte war Amerikaner.«

Der Zeuge beschrieb gerade, wie schwierig es war, im Dunkeln das Treppenhaus zu finden und sich so in Sicherheit zu bringen. Er war Gast in einem Hotel des Viertels gewesen, er schilderte die Panik und wie die Leute halbnackt durch die Gänge geirrt seien. Der Strom war ausgefallen, ehe das Dröhnen der Explosion zu hören war.

»Pst«, machte Scalzi, »das interessiert mich.«

»Was?«

»Das, was der Zeuge sagt: Der Stromausfall war vor, nicht nach der Explosion.«

»Der Schall«, warf Olimpia flüsternd ein, »der Schall braucht immer eine kleine Zeit …«

»Das Hotel ist fünfzig Meter vom Bombenkrater entfernt. Die Verzögerung wäre kaum wahrnehmbar gewesen.«

»Und warum interessiert dich das so?«

»Ein Störfall ausgerechnet in dieser Gegend verändert das Bild. Die Mafiosi müssen in der Stadt Komplizen gehabt haben.«

Der Zeuge hatte seine Aussage beendet.

»Der Nächste bitte«, sagte der Vorsitzende.

»Die Amerikanerin wollte noch eine halbe Stunde warten«, beharrte Olimpia, »dann geht sie.«

Der neue Zeuge war ein Feuerwehrmann. Er sprach die Eidesformel, daß er nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen würde.

»Der Feuerwehrmann ist wichtig«, hielt Scalzi dagegen.

Falsch: der Feuerwehrmann interessierte ihn überhaupt nicht. Vielmehr gönnte er sich gerade einen ruhigen Nachmittag in einem halbleeren Gerichtssaal. Er wollte in Ruhe seine Überlegungen zum kollektiven Wahnsinn der Mafiosi zum Abschluß bringen. Ausgehend von den Augen »Onkel Totòs« hatten seine Gedanken den Weg zur Selbstkritik gefunden. Ihm war die abwegige Idee gekommen, wenn schon den Kriminellen die Anlage zum Verbrechen auf der Stirn geschrieben stünde, wie aufdringlich müßten dann erst gewisse lombrosianische Platitüden bei ihm und seinen Berufskollegen aufleuchten. Nein er hatte keine Lust, sich der von Telefongeklingel erfüllten Atmosphäre seines Büros auszusetzen. Er hatte vorgehabt, die Stunden verstreichen zu lassen und mit halbem Ohr den Zeugenaussagen zu lauschen, bis es dann Zeit war, den Arbeitstag zu beschließen.

»Du kannst es dir nicht leisten, auf einen neuen Fall zu verzichten. Wir sind blank …«

Scalzi zuckte mit den Schultern. »Es wird eine von den üblichen Verrückten sein, die kommt auch morgen noch einmal.«

»Nein«, sagte Olimpia«, »sie ist eine ernsthafte und ausgeglichene Person. Und ziemlich betucht, wie es aussieht.«

Scalzi seufzte und zog sich die Robe aus. Er blieb kurz am Tisch des Verteidigers eines weiteren Nebenklägers stehen, der sich eifrig Notizen machte. »Ich gehe ins Büro zurück, Danilo. Kannst du bitte für mich übernehmen?«

Der Kollege nickte, ohne den Stift vom Blatt zu nehmen.

Sie durchquerten die Markthalle von Sant’Ambrogio. Die Kanzlei lag nur wenige hundert Meter entfernt.

»Es ist nur so eine Idee«, sagte Olimpia, »aber hier könnte ein Zusammenhang zu dem bestehen, was dir Carrubba erzählt hat.«

Die Festtage standen vor der Tür. Die Obstverkäufer hatten an ihren Auslagen bunte Lichter angebracht. Der Duft von Orangen ließ schon an Weihnachten denken.

Erstaunt wandte sich Scalzi ihr zu. »Was für ein Zusammenhang?«

»Da haben wir zum Beispiel den Ort des sogenannten Unfalls, der zufällig Livorno ist; dann wäre da noch der Beruf des Verlobten der Amerikanerin: er unterrichtete Kunstgeschichte an der Columbia University von New York. Und Amerikaner war schließlich auch der Experte, von dem dir Carrubba erzählt hat …«

»Kannst du dir diesen Experten von Carrubba vorstellen? Es gibt nichts, was auf eine zuverlässige Verbindung schließen läßt. Und überhaupt, woher weißt du all diese Dinge?«

»Sie hat sie mir erzählt, Carol Ellroy, so heißt sie. Sie spricht ausgezeichnet Italienisch. Der Verlobte hieß Wayne James. Sie hat mir erzählt, daß er eins neunzig groß war. Der klassische sportliche Typ wie aus der Serie Beautiful, auch wenn er schon ein wenig angejahrt gewesen sein muß. Champion im College-Footballteam. Carol hat ihn am MIT von Boston kennengelernt, dieser berühmten Schule in Massachusetts. Sie besuchten sie beide. Sie waren sich sehr zugetan. Einmal hat sie sogar angefangen zu weinen. Weil sie ihn nach Italien begleiten wollte, hat sie eine angesehene Stelle in New York aufgegeben, wo sie Literaturagentin war. Sie ist eine wasp und stammt aus Virginia. In Italien, wo nur wenige Leute Bücher kaufen und es daher auf ihrem Gebiet nicht allzuviel zu tun gibt, beschäftigt sie sich zum Zeitvertreib mit Gastronomie. Sie besucht einen Kurs in toskanischer Küche, den dein Freund Fabio veranstaltet. Er war es auch, der sie zu dir geschickt hat. Man hat den Verlobten vorgestern ertrunken aufgefunden. Er soll von der Mole in das Hafenbecken von Livorno gefallen sein, nach Meinung der Carabinieri betrunken. Sie ziehen wahlweise aber auch einen Selbstmord in Betracht. Doch Carol glaubt weder an Unfall noch an Selbstmord.«

»Ich kann nichts für die amerikanische Signora tun. Mein Beruf ist Anwalt, nicht Ermittler.«

»Ihr würde es schon genügen, wenn du die Ergebnisse der offiziellen Untersuchung zusammentragen könntest. Wenn du dann noch irgendein neues Indiz finden könntest, das die Hypothese eines Mordes entweder stützen oder ausschließen würde, dann wäre das das Höchste … Dann würde sie sich selbst weiter darum kümmern und einen Privatdetektiv aus ihrem Land einschalten.«

»Und mir genügt es schon, mit dir gesprochen zu haben«, sagte Scalzi. »Was soll ich denn überhaupt noch in der Kanzlei?«

»Dir die Anzahlung geben lassen.«

3 Carols Verlobter

Olimpia schrieb mit. Scalzi erklärte, daß die italienischen Rechtsanwälte ganz groß darin seien, Vorgekochtes zu konsumieren: Sie kämen erst später hinzu, die Anwälte Italicas, wenn die Untersuchungen bereits angestellt wären und erste Theorien sich bestätigt hätten. Und er sei da durchaus keine Ausnahme. Ganz sicher könnte er Gefallen daran finden, den Schritt über die Rampe zu wagen und in den Film einzusteigen, sich selbst in den Sattel zu schwingen und für die Ermittlungen die Lande zu durchstreifen und nicht in seinem Sessel auf die Zuschauerrolle beschränkt zu bleiben. Auf dem Papier stünden ihm nach der neuen Prozeßordnung tatsächlich einige bescheidene Möglichkeiten zur Verfügung. Allerdings habe er nicht die Mittel, sie in die Tat umzusetzen. Nicht finanzielle Mittel, sondern das nötige Instrumentarium. Hier sei das nun einmal nicht wie in Amerika, wo an fast jeder Straßenecke ein private eye herumstünde. Hier seien die wenigen ehrenhaften und seriösen Privatdetektive vornehmlich damit beschäftigt, das Gärtlein der ehelichen und außerehelichen Ermittlungen umzugraben, und die besser ausgestatteten Büros stünden Unternehmen in Fällen von unlauterem Wettbewerb, Markenfälschung und Industriespionage zur Seite.

»Alles klar«, sagte die Signora.

»Für den Augenblick nehme ich daher noch kein Mandat an. Ich behalte mir vor, dies eventuell nach unserem Gespräch zu tun. Es tut mir leid, daß Ihr Verlobter umgekommen ist. Aus welchem Grund soll es denn kein Unfall gewesen sein?«

Carol stand an der undankbaren Schwelle der Fünfziger. Der etwas verblühte Körper und die kleinen Fältchen rund um den Mund verrieten ihr Alter. Ihre klaren Augen dagegen, aus denen keinerlei Langeweile sprach, ließen sie jünger erscheinen, Augen einer vielgereisten Frau, die daran gewöhnt war, öfter einmal die Tapeten zu wechseln. Sie war hochgewachsen, die Haare platinblond. Um die Lider war blauer Kajal verschmiert, eine Folge der Tränen, die während der Unterhaltung mit Olimpia geflossen waren. Sie bewegte sich unbehaglich auf ihrem Sessel, einem Nachtstuhl aus dem achtzehnten Jahrhundert. Wenn sie gewußt hätte, zu welchem Zweck dieses Möbel in der Vergangenheit gedient hatte, wäre ihr bestimmt noch unbehaglicher zumute gewesen. Der Sitz war erst vor kurzem neu gepolstert und mit grünem Stoff bespannt worden; darunter befand sich noch das Loch zu dem Hohlraum, in den einst das Nachtgeschirr gestellt wurde.

Fest packte sie die Armlehnen und erhob sich ein wenig; der kurze Rock gab den Blick auf die langen Beine bis hinauf zu den Schenkeln frei.

»Er war ein guter Schwimmer und trank niemals übermäßig. Und allein der Gedanke an Selbstmord ist absurd: Ihm fehlte es an nichts – weder an Geld noch an Intelligenz, noch an Bildung. Er hatte eine eiserne Gesundheit und war nicht depressiv.«

»Kannten Sie ihn schon lange?«

»Seit über zwanzig Jahren. Seit zehn Jahren waren wir zusammen.«

»Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?«

»Vor einem Monat. An einem Sonntag, als er nach Uzzano zurückkam.«

»Lebten Sie nicht zusammen?«

»Doch. Im Chianti, in einem Bauernhaus in der Nähe der Ortschaft Uzzano. Aber vor fünf Monaten ist er nach Livorno gezogen.«

»Warum? Hatten Sie sich gestritten?«

»In all den zehn Jahren habe ich nie mit Wayne gestritten. Er war ein sehr sanftmütiger Mensch.«

»Aus welchem Grund haben Sie sich dann getrennt?«

»Wir haben uns nicht getrennt. Er wohnte nur vorübergehend in Livorno, im Hotel D’Annunzio.«

»Sie werden ihn dort besucht haben, nehme ich an.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

Carol schaute Olimpia an, wie um sie um Rat zu bitten, ob sie wohl auf diese Frage eingehen müsse, der Avvocato stellte reichlich taktlose Fragen. Olimpia hob den Stift vom Notizheft in Erwartung einer Antwort.

»Ich meine«, insistierte Scalzi, »gab es einen Grund dafür, warum Sie in den gesamten fünf Monaten Ihren Verlobten kein einziges Mal in Livorno besucht haben?«

»Er wollte es so. Wir telefonierten fast jeden Tag miteinander. Ich begriff, daß es ihm nicht recht gewesen wäre, wenn ich zu ihm gefahren wäre. Und so … bin ich eben nicht hingefahren, das ist alles.« Beim letzten Satz reckte Carol das Kinn vor und hob die Augenbrauen. Scalzi verstand die Andeutung sehr wohl: Ich bin schließlich keine lästig-anhängliche italienische Ehefrau.

»Sie werden sich doch aber Gedanken darüber gemacht haben, warum er in Livorno lieber allein bleiben wollte. Sagen Sie jetzt nicht nein, Signora, denn das nehme ich Ihnen nicht ab.«

»Ich habe mir Gedanken gemacht, ja. Vor allem nach seinem Tod.«

»Und zu welchem Schluß sind Sie gekommen?«

»Es hatte wohl mit Waynes Arbeit zu tun. Er wollte mich nicht mit hineinziehen. Er hatte das Gefühl, in Gefahr zu sein. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mir sicher bin, daß es kein Unfall war.«

»Worin bestand diese Arbeit?«

»Ich glaube nicht, daß ich Ihnen das sagen kann.« Erneut das erhobene Kinn und der hochmütige Tonfall. »Es tut mir leid, das ist ein vertrauliches Angelegenheit.«

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie keinen einzigen sprachlichen Fehler gemacht. Der Versprecher hing wahrscheinlich mit der Erregung zusammen, die das Thema in ihr auslöste.

»Alles, was Sie hier in diesem Büro sagen, bleibt zwischen Ihnen und mir, bis ins Grab.« Das klang ziemlich emphatisch, wie in einem Fernsehdrama. »Auch Olimpia wird Verschwiegenheit wahren, vorausgesetzt, Sie wünschen, daß sie weiter bei uns bleibt. Ich kann sie auch bitten, uns allein zu lassen.«

Carol ließ drei Finger zu Olimpia kreisen, die sich bereits erhoben und das Notizheft auf dem Schreibtisch abgelegt hatte. »Olimpia kann bleiben. Ich habe Wayne versprochen, das Geheimnis zu wahren. Er hat mich gebeten, niemandem zu erzählen, womit er sich in Livorno beschäftigte. Es ist nicht allein mein Geheimnis. Und es war nicht nur Waynes Geheimnis, fürchte ich. Da sind größere Interessen im Spiel.«

»Dann ist unser Gespräch hiermit beendet«, sagte Scalzi. »Das Gebiet liegt außerhalb meines Tätigkeitsfeldes, und ich kann mich auch nicht um einen Fall kümmern, ohne Einzelheiten zu kennen. Es tut mir leid.«

»Sei doch nicht so impulsiv«, sagte Olimpia. Sie legte eine Hand auf die Lehne des Nachtstuhls und wandte sich an die Amerikanerin:

»Carol, du hast Wayne zwar versprochen, nicht darüber zu reden. Aber du weißt ja nicht einmal, wer die anderen Leute sind, deren Interessen von der Angelegenheit betroffen sein könnten.«

»Das ist teilweise richtig …«, gab Carol zu.

»Wayne ist tot. Was du ihm zu seinen Lebzeiten versprochen hast, zählt nicht mehr viel, meinst du nicht auch?«

»Also gut: Mein Verlobter war auf der Suche nach Kunstwerken, um sie im Auftrag einer Stiftung zu erwerben. Diese Stiftung hat in den Staaten ein privates Museum. Der Name tut nichts zur Sache.« Carol beäugte Scalzi mißtrauisch: »Reicht das?«

Scalzi nickte. »Was das Tätigkeitsfeld des Signor James betrifft, schon … Aber ich muß noch wissen, weshalb er sich in Livorno aufhielt.«

»Was wissen Sie über die Skulpturen, die Modigliani 1909 in Livorno geschaffen haben soll?«

Scalzi nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen. »Eine war von ein paar jugendlichen Witzbolden mit einer Black & Decker aus dem Stein gehauen worden. Es handelte sich um grobe Fälschungen, das ist alles, was ich weiß.«

»Ich meine nicht die, die aus dem Wasser des Festungsgrabens gefischt wurden, ich spreche von den echten Skulpturen, die wirklich von Modigliani gemacht worden sind. Wayne hatte sie gefunden.«

Scalzi tauschte einen Blick mit Olimpia, die ihren Stift auf das Notizheft niederlegte und sich andeutungsweise die Nägel am Kragen ihrer Kostümjacke polierte.

Olimpia riß das Fenster auf, um den Rauch hinauszulassen. Die schwarzen Äste der graugrünen Steineiche hoben sich hart ab vor dem leuchtenden Gelb der gegenüberliegenden Hauswand und vor dem weißen Himmel darüber: Himmel, der Schnee ankündigte. Der Geruch der frischen Luft verdrängte das Parfüm der Amerikanerin. Das Gegenlicht milderte Olimpias triumphierendes Grinsen.

»Wie war das nun mit der nicht vorhandenen zuverlässigen Verbindung, hey, Avvocato?«

Scalzi legte den Scheck in seine Brieftasche, den Carol ausgestellt hatte, bevor sie ging: äußerst großzügig, zuviel sogar für das, was er zu tun gedachte.

»Hm … Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang …«

»Was heißt möglicherweise! Es gibt eine Verbindung zu dem, was dir Carrubba erzählt hat, und es gibt ein hübsches Verbrechen. Kein Unfall und kein Selbstmord: Wayne wurde ermordet.«

»Eine reine Vermutung.«

»Wenn du hier jetzt anfängst zu räsonieren, dann verlierst du deinen Vorsprung …«

»Welchen Vorsprung?«

»Den vor den Carabinieri, die nicht über deine Informationen verfügen, nämlich daß Carrubbas Experte und dieser James identisch sind und daß alle beide Angst hatten – der Amerikaner wie Carrubba. Das mit der Angst ist äußerst wichtig. Angst vor wem? Dein alter Schlaumeier hat dir verraten, vor wem … Ich wage es, dir einen Rat zu geben: Ruf Carrubba an. Sag ihm, daß du seinen Auftrag annimmst; ein doppeltes Honorar hat noch nie geschadet … Erstatte die Anzeige, um die er dich gebeten hat. Dann kannst du Däumchen drehen und abwarten, daß die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufnimmt. Die werden schließlich dafür bezahlt, oder nicht? Wollen wir wetten, daß der Typ, der Carrubba bedroht, in den Mord an James verwickelt ist?«

»Nein.«

»Und warum nicht?«

»Mit Carrubba bin ich fertig. Ich ertrage Carrubba einfach nicht mehr. Er behandelt seinen Anwalt wie ein Stück Dreck. Ganz abgesehen davon, wäre kein Staatsanwalt bereit, eine derartige Hypothese zur Kenntnis zu nehmen. Der Experte von Carrubba und Wayne James sind identisch, okay. Und beide hatten Angst. Aber können wir das mit Sicherheit wissen? Bei Carrubba besteht kein Zweifel, er versteckt sich, das ist eine Tatsache. Aber Wayne? Es ist noch lange nicht gesagt, daß er Carol nur deswegen davon abgehalten hat, ihn in Livorno zu besuchen, weil er es für gefährlich hielt. Er kann gelogen haben, als er ihr weismachte, vor etwas Angst zu haben.«

»Warum sollte er gelogen haben?«

»Ein Verhältnis, beispielsweise, ein Techtelmechtel in Livorno …«

»Die üblichen Vorurteile: Cherchez la femme … Der Mann, der Jäger, etcetera pp. Sie haben sich geliebt, hast du nicht zugehört? Und außerdem war er ein braver Kerl, der sich ausschließlich seinem Studium der Kunst und dem Jogging auf den Feldwegen des Chianti widmete.«

Scalzi lächelte. »Das mit dem Jogging auf den Feldwegen erfindest du jetzt …«

»Ich erfinde es nicht, ich stelle es mir vor. Das ist was anderes.«

»Auch alles übrige, das Verbrechen eingeschlossen, stellst du dir vor. Du verläßt dich zu sehr auf eine Peircianische Abduktion.«

Eine gute englische Aussprache war noch nie Scalzis Stärke gewesen.

»Über Katzen weiß ich alles. Aber von einer ›persianischen Abduktion‹ habe ich noch nie etwas gehört.« Olimpia prustete: »Los, laß mich an deiner Weisheit teilhaben.«

»Nicht persianisch. Peircianisch, nach dem amerikanischen pragmatischen Philosophen Charles Peirce. Es ist eine Vorgehensweise, bei der man zu einer logischen Hypothese ohne objektive Fakten gelangt, allein durch Vorstellungskraft und Intuition.«

»Und was ist schlecht daran?«

»Gar nichts. Nur daß man dann hinterher auch die Fakten finden muß. Wenn ich nun ernsthaft eine Anzeige erstatten will, muß ich aber vorher welche haben. Staatsanwälte arbeiten nur dann abduktiv, wenn sie von sich aus tätig werden. Wenn ihnen ein Rechtsanwalt die Marschrichtung vorgibt, werden sie päpstlicher als der Papst. Sie wollen den unschlagbaren Beweis. Etwas, was nur wahrscheinlich ist, betrachten sie quasi als falsch. Eine Hypothese ohne objektive Fakten ziehen sie nicht einmal in Betracht.«

Sie verließen die Kanzlei, als es schon dunkel war, und steuerten auf Olimpias Auto zu, um zu ihr nach Hause zu fahren. Sie diskutierten weiter. Das Wetter verschlechterte sich. Eine graublaue Wolke, die über der Piazza Santa Croce hing, ließ das Weiß der Basilika aufleuchten.

4 Hotel »D’Annunzio«

Spätabends kamen sie in Livorno an.

Bahnhöfe und Züge machten Olimpia immer etwas nervös. Als junges Mädchen hatte sie einmal versucht, aus dem Internat davonzulaufen, und auch eine Mitschülerin zur Flucht überredet. Am Bahnhof der kleinen Ortschaft des Apennin hatte man sie beide wieder eingesammelt, nachdem sie den letzten Zug in die Stadt verpaßt hatten. Jeden Augenblick war sie zur Tür von Scalzis Büro gerannt: »Du wirst sehen, wir verpassen den Zug …«

Als sie dann beim Einparken in der Tiefgarage von Santa Maria Novella ihren Fiat hektisch herummanövrierte, hatte sie den Kotflügel eines anderen Wagens gestreift und eine kaum wahrnehmbare Beule verursacht. Der Parkhauswächter, ein pingeliger und unangenehmer Typ, hatte die Vorlage von Führerschein und Versicherungspolice verlangt, als ob er einen Unfall mit Todesfolge aufzunehmen hätte. Scalzi wollte die Sache kurz machen, doch Olimpia pochte auf ihr vermeintliches Recht und fing an zu diskutieren: die Schuld läge allein bei dem unbekannten Eigentümer des beschädigten Autos, der dieses schief eingeparkt habe. Und so verpaßten sie den Zug tatsächlich.

Viel später als geplant waren sie in einen halb leeren Regionalzug gestiegen, der sich mit Fahrradtempo fortbewegte und an Orten mit nie gehörten Namen hielt.

Als sie in Livorno ankamen, war der Bahnhofsvorplatz leer; es regnete. Der Taxifahrer chauffierte sie unter dröhnender Rockmusikbeschallung aus dem Kassettendeck zum Hotel »D’Annunzio«. Sie fuhren durch die ausgestorbene Stadt. Auf der Strandpromenade kam der Regen in Strömen herunter und prasselte mit Gewalt gegen die Windschutzscheibe. Als die Musik mit dem entschwindenden Taxi verklang, überschüttete sie eine regengesättigte Windbö mit dem Lärm der Brandung. Jenseits der Straße schlug das Meer gegen das Pfahlwerk der Bagni Pancaldi.

Das Hotel wirkte verlassen; das Foyer war nur schummrig beleuchtet, die Rezeption nicht besetzt. In diesem Hotel, dem ältesten der Stadt, hatte Wayne James in den fünf Monaten vor seinem Tod gewohnt. Scalzi hämmerte lange auf die altertümliche Tischglocke ein.

Dann erschien der Nachtportier, noch an den vergoldeten Knöpfen seiner Uniform herumfummelnd, die Haare ungeordnet, die Augen schlafverklebt.

Er hielt sie für ein Pärchen, das ein Nümmerchen schieben wollte. Er kritzelte Scalzis Namen in das Register, zeigte in Richtung Aufzug, und noch während er sich wieder in das angrenzende Zimmer zurückzog, begann er schon, sich die Jacke aufzuknöpfen.

Ihr Zimmer lag im obersten Stockwerk. Als der Aufzug mit einem Satz anfuhr, schrak Olimpia zusammen. Auf ihren Schultern glitzerten Regentropfen, ihr Parfüm, das auf der feuchten Haut stärker duftete, ließ Scalzi auf die dummen Gedanken kommen, die ihnen der Portier unterstellt hatte.

Sie durchquerten einen im Halbdunkel liegenden Salon, der mit düsteren Möbeln vollgestellt war. Auf einem Bild an der Wand im Hintergrund hielt ein Mädchen in langem Kleid in ihrem Schoß einen Strauß dunkelblauer Blumen.

Scalzi hatte es eilig, die Zimmertür zu öffnen, doch das alte Schloß sperrte sich zunächst gegen den Schlüssel, den ein schwerer Messingknauf nach unten zog.

Er zog sich im Badezimmer aus, aber während er sich die Zähne putzte, hörte er Olimpias Stimme: »Willst du etwa schon ins Bett gehen?«

»Was sollten wir wohl sonst tun?«

»Als wir angekommen sind, war niemand in der Hotelhalle …«

»Und weiter?«

»Der Portier ist schon wieder schlafen gegangen. Warum gehen wir nicht runter und schauen uns das Register an?«

»Welches Register?« fragte Scalzi, der aus dem Bad kam.

Olimpia war noch angezogen. »Das gehört doch mit dazu, wenn man eine Ermittlung durchführt, oder? Man schaut sich das Register des Hotels an, in dem das Opfer übernachtet hat. Wayne ist am 20. Dezember gestorben. Ich steh’ auch Schmiere und paß auf, daß niemand kommt.«

Olimpia befand sich ganz offensichtlich in ihrem eigenen Film. Die Ankunft im Regen, das alte, dämmrige Hotel, die staubigen Vorhänge, die dunklen Möbel, das präraffaelitische Mädchen auf dem Bild … Die perfekte Atmosphäre eines englischen Krimis.

»Ich stelle keine Ermittlungen an, und wir sind auch nicht in einem Thriller«, brummte Scalzi.

Sie machte eine ausladende Handbewegung. »Dann erklär mir mal, warum wir im einzigen Hotel von Livorno abgestiegen sind, in dem es spukt. Wayne hat hier gewohnt, oder nicht? Du hoffst, etwas zu entdecken, nehme ich mal an. Im Register könntest du herausfinden … ob irgend jemand hier übernachtet hat. Der merkwürdige Kerl, der Carrubba bedroht … Wie hieß er noch?«

»Ich bitte dich.«

»Wie hieß er?«

»Sarcì. Aber meinst du wirklich …«