Verlag: Piper ebooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Als die Hoffnung uns gehörte E-Book

Michael Wallner  

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E-Book-Beschreibung Als die Hoffnung uns gehörte - Michael Wallner

New York, 1923: Gemeinsam mit seiner Verlobten Scarlett plant der junge Philipp Korff eine Europareise, um die kluge Amerikanerin seiner Familie vorzustellen. In Wirklichkeit hat die Reise einen dramatischen Grund: Scarlett ist schwer krank und hofft auf Rat bei europäischen Ärzten. Trotzdem genießt sie den Rausch von Big Apple – verbotene Flüsterkneipen, den neuen Jazz, die Broadway-Shows –, sie will dem Tod ein Schnippchen schlagen. In der alten Welt geht es nur scheinbar ruhiger zu. Katrin, langjährige Hausdame der Familie, ist inzwischen Maxim Korffs Geliebte. Sie ahnt jedoch nicht, welch dunkle Seiten der alte Patriarchat gerade auszuleben beginnt. In dieser ausufernden Zeit, die nicht erkennt, dass die Saat für den nächsten Weltkrieg bereits in ihr sprießt, kämpfen die jungen Liebenden um ihr Lebensglück, während Maxim dem Teufel, der Europa bald beherrschen soll, mit den Weg bereitet.

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E-Book-Leseprobe Als die Hoffnung uns gehörte - Michael Wallner

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Für Peter Moncka

© Piper Verlag GmbH, München 2019

Covergestaltung: U1 berlin / Patrizia Di Stefano

Covermotiv: Glasshouse Images / Alamy Stock Foto; sbayram / Getty Images; E. Bacon / Freier Fotograf / Getty Images

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

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Inhalt

Cover & Impressum

New York, 1924

1 – Flüsterkneipe

2 – Das Gegenteil von Mitleid

3 – Delfine im East River

4 – On Broadway

Sommer in der Wachau

5 – Marillenernte

6 – Die Jahre, die Stunden

7 – Das Labyrinth

Berlin im Juli 1924

8 – Die Odyssee

9 – Die Galerie der Lebenden

10 – Der Schmetterling

11 – Über das Glück

Das Licht im August

12 – Besuchszeit

13 – Der Maybach

14 – Alexandra und die ernsten Herren

15 – Die gläserne Wand

16 – Das rote Zimmer

17 – Ein Tropfen Lavendel

18 – Das alte Haus

Amerika und zurück

19 – Die Knopffabrik von Pennsylvania

20 – Grün ist die Liebe

21 – Alexandra

22 – Auf dem Konstantinhügel

23 – Kathi und Cathy

Das neue Jahr

24 – In Bayern

25 – Lieber Onkel Ludwig,

26 – Beim Wein

27 – Im Rosengarten

28 – Statue of Liberty

29 – Auf Wanderschaft

30 – Im Angesicht

Die Familie

31 – Havanna, 1928

32 – Die Juden

33 – Mussolini im Schnee

34 – Ein Mann namens Gabriele

35 – Der Flieger

36 – Das Telegramm

37 – Die Freiheit

38 – Das Wunder von Schluderbach

39 – Eine Witwe

40 – Blut

41 – Als der Fluss violett war

New York, 1924

1

Flüsterkneipe

Seit drei Jahren hatten Frauen in den USA das Wahlrecht, und was taten sie an diesem historischen Wendepunkt? Sie ließen sich von ihrem Friseur in kleine Jungs verwandeln. Sie kullerten mit den Augen und sahen niedlich unter ihrem Pony hervor. Scarlett Wilson war fest entschlossen, sich keinen Bubikopf schneiden zu lassen. Allerdings hatte sie heute Nacht eine winzige Konzession an die neueste Mode gemacht : Sie trug eine ­raffinierte Haube aus azurblauen Straußenfedern. Wie ein Helm aus blauen Träumen schloss er sich um ihren Kopf. Scarlett ­Wilson war die schöne, selbstbewusste, eigenwillige Tochter von Harry Wilson, dem New Yorker Geschäftspartner des Korff-Industriekonzerns. Scarlett hatte schweres blondes Haar, ein willensstarkes Kinn und leuchtende Augen, die von ihren Verehrern gern als veilchenfarben bezeichnet wurden.

Scarlett wollte feiern. Heute Nacht wollte sie um jeden Preis etwas erleben. Die Frage war, wie viel sie noch erleben würde. Denn nachts sah Scarlett die Dämonen an ihrem Bett sitzen; ruhig und geduldig warteten sie, bis sie sich ihnen endgültig ausliefern würde. Scarlett kannte den Dämon der Todesangst und jenen der Resignation. Aber der gefährlichste von allen war der draufgängerische Dämon der Verleugnung.

Angetrieben von der verzweifelten Hoffnung, dass alles nicht wahr sein sollte, stürzte sich Scarlett in das tosende Treiben von New York. Wer sich mit dieser Stadt verbündete, der genoss auch ihren Schutz. Man hatte in New York City einfach keine Zeit, um schwach und krank zu sein. Täglich gab es Neues zu entdecken. Ständig eröffneten neue Galerien und Theater, überall wurde himmelhochjauchzend gebaut. Manhattan war der gigantische Versuch, ein Babylon des 20. Jahrhunderts zu errich­ten. Neue Drinks kamen heraus, die Scarlett probieren musste, neue Tänze, die sie lernen wollte, neue Moden – neu, neu, neu, schrie es Tag für Tag von Yonkers bis zum Battery Park, von Washington Heights bis nach Brooklyn.

Die Nächte in den Tanzpalästen und Flüsterkneipen waren ungesund für Scarlett, aber einsperren ließ sie sich nicht. Hätte ihr Vater gewusst, wohin sie heute Nacht mit Philipp Korff ausgegangen war, dass sie trank und in wilden Verrenkungen über das Parkett sprang, ihr Daddy wäre sehr aufgebracht gewesen. Morgen würde Scarlett es büßen, da war sie sicher, morgen würde sie sich in einen erbärmlichen Schatten ihrer selbst ­verwandeln. Wen kümmerte das? An einem nicht mehr allzu fernen Morgen würde sie tot sein – ein Wort, ein Gedanke, der unmöglich gedacht werden konnte, denn er bedeutete das schwarze, unwiderrufliche Nichts.

Scarlett hob die Teetasse, um mit Philipp anzustoßen. Sie wollte leben, heute Nacht ging es um nichts anderes. Sie wollte niemals bereuen müssen, ihr bisschen Leben nicht genossen zu haben.

»Wer schreibt das?«, fragte sie über den Tisch hinweg.

»Sigmund Freud schreibt das.« Philipp Korff legte die New York Times beiseite und goss Scarlett aus der Teekanne nach.

Sie führte den Zeigefinger an die Lippe. »Ist das der Doktor, der gesagt hat : Hinter jeder starken Frau versteckt sich ein tyrannischer Vater?«

»Hat er das wirklich gesagt?« Philipp lächelte das korffsche Lächeln. Es wurde behauptet, dass er stark nach seinem Vater kam. Niemand konnte lächeln wie Maxim Korff. Seit dem vorigen Jahr, seit Sommer 1923, hatte Philipp Korff von Maxim die Geschäfte in Amerika übertragen bekommen. Nach dem Zu­­sammenbruch der Monarchie war es für die Korffs leichter ge­­worden, international zu expandieren. Österreich, dieses gigantische Kaiserreich, war zu einem Zwergstaat geschrumpft, einer bedeutungslosen Republik am Rande der Alpen.

»Wenn Freud recht hat«, sagte Scarlett nachdenklich, »müsste ich eigentlich eine schwache Frau sein. Mein Daddy ist nämlich der sanftmütigste Vater, den man sich wünschen kann.«

»Wenn es ums Geschäft geht, lässt dein Vater den Tyrannen durchaus erkennen«, widersprach Philipp. Sie stießen mit den Tassen an. »Freud hat auch gesagt : Wir streben stets mehr da­­nach, Schmerz zu vermeiden, als Freude zu gewinnen.«

»Und was tue ich gerade deiner Meinung nach?« Scarlett trank einen Schluck. »Gewinne ich Freude, oder betäube ich meinen Schmerz durch Alkohol?«

»Von beidem etwas.«

Scarlett war siebenundzwanzig, ein Jahr älter als Philipp. Sie galt als neugierig, humorvoll, hart im Nehmen und gut im Austeilen. Sie war alles, was für Amerika stand, eine Frau, wie man sie im zerstörten, ausgebluteten Europa nicht für möglich halten würde. Scarlett war der lebende Beweis dafür, dass die Welt von vor dem Krieg endgültig versunken war. In England nannte man diesen Krieg Great War, denn man hatte ihn gewonnen. In den USA nannten sie ihn den War to end all wars. Zum ersten Mal hatten die Amerikaner in eine Völkerschlacht eingegriffen und dem Krieg dadurch die entscheidende Wendung gegeben. Zur Verblüffung der europäischen Kulturnationen waren die hinterwäldlerischen Amerikaner im Begriff, zur Weltmacht auf­zusteigen.

Scarlett genoss es, mit Philipp seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag in New York zu feiern. Er liebte diese Stadt seit dem Tag, an dem er angekommen war. Philipp sagte, New York habe den Geschmack eines frischen Pfefferminzbonbons, während seine Heimatstadt Wien eher wie eine ranzig gewordene Cremetorte schmeckte.

Heute Nacht schenkte Scarlett ihm noch einen anderen Geschmack : Sie tranken Whiskey. Jeder in der Flüsterkneipe tief unter der Erde genoss den Whiskey aus Teetassen, äußeres Zeichen dafür, dass man etwas Verbotenes tat. Auch Scarlett verstieß gegen den 18. Zusatzartikel der Verfassung der Ver­einigten Staaten, der die Prohibition landesweit zum Gesetz erhoben hatte.

Sie fühlte sich schwerelos, glücklich, übermütig. »Tanzen wir?« Ohne Philipps Antwort abzuwarten, zog sie ihn auf die Tanzfläche. Sie hatte ihrem europäischen Freund schon einige neue Tänze beigebracht, den Rouli Rouli, den Chichipanga und den Shimmy.

Er nahm sie in den Arm und lauschte auf den abgehackten Rhythmus der Band. »Was ist das? Das kenne ich nicht.«

Scarlett machte einen Sprung nach vorn und landete auf ­beiden Füßen. Mit den Armen vollführte sie schlangenhafte Bewegungen. »Das ist der Buffalo Rag.« Insgeheim musste sie lachen, dass sie sich von einem Österreicher, der gerade seine Walzertradition abstreifte, übers Parkett führen ließ.

Scarlett war verliebt in Philipp, und wahrscheinlich wusste er das auch. In ihrem Bekanntenkreis gab es einige junge Männer, die groß, athletisch und redegewandt waren, aber Philipp besaß etwas, das Scarlett zutiefst rührte. Es war die naive Neugier, mit der sich dieser Mann aus der Welt der Kaiser und Baronessen in New York zurechtfand, wo man davon ausging, dass alle ­Menschen gleich waren. Scarlett lebte in den Kreisen der ­Carnegies, der Morgans und Rockefellers, diese Leute waren zweifellos gleicher als die Normalsterblichen. Vielleicht liebte sie Philipp ja auch, weil er so herrlich unmodern war. Den jungen Korff prägten Traditionen und die uralte Geschichte seines Landes. Er staunte über die Amerikaner, die historisch gesehen von nirgendwo kamen, deren Bildung nicht weiter zurückreichte als zur Gründungsgeschichte ihrer Nation und denen wegen dieses Unwissens die Zukunft gehörte, davon war ­Scarlett überzeugt. Auf seine Art war Philipp ein alter Mensch, und das war das Charmanteste, was sie je bei einem jungen Mann erlebt hatte.

Sie sprang um ihn herum, lachte und spürte, wie die blauen Federn um ihren Kopf in Bewegung gerieten. Plötzlich schrie sie auf.

»Was hast du?« Philipp hielt sie fest im Arm.

Scarlett hatte für einen Augenblick das Bewusstsein verloren. Hätte Philipp sie nicht aufgefangen, wäre sie auf das Parkett gestürzt. »Es ist nichts. Alles in Ordnung.«

Er musterte sie aufmerksam, während rund um sie der Veitstanz weiterging. »Wirklich?«

»Aber ja. Ich habe eine Teekanne voll Whiskey getrunken, da ist es wohl nicht überraschend, wenn mir beim Buffalo Rag schwindelig wird.« Sanft hakte sie ihn unter. »Lass uns etwas trinken.«

»Mehr Tee vertrage ich aber nicht.«

»Kein Whiskey. Ich habe Durst.« An seinem Arm zwängte sie sich zwischen den Tanzenden zum Tisch zurück. »Hast du eigentlich einen Spitznamen?« Scarlett bestellte Club Soda.

»Nicht, dass ich wüsste.« Er zog seinen Frack gerade.

»Komm schon, irgendein Mädchen hat dir bestimmt einen verliebten Kosenamen gegeben.«

Philipp zog den linken Lackschuh aus und schüttelte ein Steinchen heraus. »Pipp«, sagte er nach einer Pause.

»Pipp?« Aus großen Augen sah sie ihn an. »Das klingt eher frech als romantisch.«

»Es war auch frech gemeint.«

»Pipp …« Sie schüttelte den Kopf, die Straußenfedern bekamen ein flatterndes Eigenleben. »Wer war dieses Mädchen?«

»Das ist schon lange her.«

Scarlett spürte, sie hatte an etwas gerührt, das nicht nach New York gehörte. Es hatte in dem alten Land stattgefunden, aus dem er stammte, und er wollte, dass es auch dort blieb.

»Happy birthday, mein Lieber«, sagte sie zärtlich.

Seine hellen Augen bekamen einen Glanz wie das Blinzeln eines Polarwolfes. »Du siehst heute Nacht zauberhaft aus.«

»Danke dir.« Scarlett hatte Lust, sich hinüberzubeugen und ihn zu küssen. »Wenn diese verdammten Federn nur nicht so schrecklich kitzeln würden.«

»Warum nimmst du sie nicht ab?«

Behutsam hob sie die Federhaube vom Kopf, blondes Haar fiel über ihre Schultern. »Ah – so ist es besser.«

Philipp schob eine Welle, die ihr in die Stirn gerutscht war, spielerisch hinter das Ohr zurück. »Scarlett«, flüsterte er.

Sie hätte ihn so gern geküsst und gesagt, dass sie mit niemandem lieber Geburtstag feierte als mit ihm. Doch Geburtstage waren etwas, das Scarlett Angst machte. Geburtstage erzählten vom Wesen der Vergänglichkeit und der gnadenlosen Macht der Zeit.

»Lies mir noch etwas von dem österreichischen Doktor vor«, sagte sie salopp. »Der Mann scheint Frauen nicht zu mögen.«

Philipp schlug die Times noch einmal auf.

2

Das Gegenteil von Mitleid

Das Haus der Wilsons auf der Upper Eastside war festlich ge­­schmückt. Blumen quollen aus vielen Schalen neben den raumhohen Fenstern, livrierte Kellner achteten darauf, dass die ­Gläser der Gäste nie leer wurden. Harry Wilson, Scarletts Vater, saß im Lehnstuhl neben dem Kamin und versuchte vor seinen Freunden zu verbergen, dass er einen Gichtanfall hatte. Scarlett und ihr Bräutigam schlenderten zwischen den annähernd zweihundert Gästen umher, unterhielten sich und nahmen Glückwünsche entgegen.

»Wer hat denn die Zeskas eingeladen?« Philipp hielt Scarlett am Oberarm fest.

Ihr Kleid war das pure Gegenteil einer Verlobungsrobe, schwarze Seide, kurz geschnitten bis knapp unters Knie, be­­stickt mit silbernen Ornamenten, schulterfrei mit einem tiefen Rü­­ckenausschnitt. Einen ritterlichen Knappen vermutete man eher in diesem Dress als eine Braut, aber wer hätte bei Scarlett Wilson auch etwas Gewöhnliches erwartet?

»Wer ist das?« Sie berührte seine Hand.

Der Mann, auf den Philipp sie aufmerksam machte, hatte die Erscheinung eines Bären. Er sprengte den Frack beinahe, den er trug. Mit geschmeidigen Bewegungen führte er seine Gattin auf die Brautleute zu.

»Theodor Zeska«, murmelte Philipp, ohne das verbindliche Lächeln zu verlieren, mit dem er den beiden entgegensah. »Lass dich von seinem Äußeren nicht täuschen, er ist eine Viper.«

»Der Kompagnon deines Vaters?«

»Früher war er das. Inzwischen hat Papa mir den Dicken sozusagen vererbt.Wir brauchen Zeska wegen seiner guten Verbindungen in die früheren Kronländer der Monarchie.«

Scarlett fragte sich, wieso die Frau dieses wohlhabenden Mannes so geschmacklos gekleidet war. Camilla Zeska trug ein bordeauxrotes Fransenkleid, das an einen Troddelvorhang erinnerte, und war mit zu viel Schmuck behangen.

»Mein lieber Junge, Philipp!«, rief Zeska beim Näherkommen, beugte sich über Scarletts Hand und küsste sie. »Miss ­Wilson, meinen herzlichen Glückwunsch.«

»Danke, Mr Zeska. Willkommen in unserem Haus.«

»Wie schön, dass ihr die Reise machen konntet, Theo«, sagte Philipp.

Zeska richtete sich auf. »Darf ich Ihnen meine Frau Camilla vorstellen?«

Scarlett schüttelte die Hand einer Frau, die in ihrer Jugend wohl eine Schönheit gewesen war, doch heute überlagerte das Ordinäre jeglichen Charme und Liebreiz.

»Wie schnell das gekommen ist«, zwitscherte Camilla. »Eine Verlobung im Expresstempo.«

»In dieser Stadt regiert das Tempo«, antwortete Philipp gut gelaunt. »New York hat unsere Liebe sozusagen beflügelt.«

»Ob es nur an New York gelegen hat?« Zeska legte den Kopf schief. »Die enge Beziehung zwischen den Familien Korff und Wilson dürfte dabei wohl auch eine Rolle gespielt haben.«

Scarlett begriff, dass der dicke Mann Philipp provozierte. »Wenn Philipp nicht der Sohn des mächtigen Maxim Korff wäre, würde ich ihn trotzdem heiraten«, konterte sie salopp.

»Eine Liebesheirat also?« Zeskas Mund bekam einen vulgären Zug. »Bis dass der Tod euch scheidet – heißt es nicht so?« Er musterte die Braut aus eiskalten Augen. »Auf diese Weise ist es also doch eine Vernunftheirat geworden.«

Scarlett verstand augenblicklich, was er meinte, und warf einen Blick zu Philipp, der noch nicht zu begreifen schien. Woher kannte Zeska die Wahrheit über Scarlett? Er war der Financier der Korffs und ebnete auch die Handelswege zwischen Wien und New York. Hatte Zeska etwa mit Daddy gesprochen? Scarlett wandte sich ihrem Vater zu. Der saß vor dem Kamin und hielt das schmerzende linke Bein von sich gestreckt. Wenn man genau hinsah, bemerkte man, dass er die Stiefelette über dem gichtgeplagten Fuß nicht zugeschnürt hatte. Hatte Daddy dem Geldgeber der Korffs den wahren Grund der Verlobung verraten? Oder war das Geheimnis längst kein Geheimnis mehr? Redete man in New York bereits über die bedauernswerte Tochter von Harry Wilson?

Dass ihrem Vater die Ungewissheit über Scarletts Schicksal auf der Seele lag, bekümmerte sie. Der Tag, an dem Philipp um ihre Hand angehalten hatte, war ein glücklicher, zugleich ein illusionsloser Tag gewesen. Mit klopfendem Herzen war Scarlett im Vorraum geblieben, während Philipp in Daddys Büro seinen Antrag machte. Sie rechnete damit, in Kürze hineinge­beten zu werden, und wunderte sich, was die beiden so lange zu besprechen hatten. Schließlich öffnete sie die kleine Tür, durch die sonst die Stenotypistin ins Büro des Chefs schlüpfte, und lauschte.

Sie hörte, wie Daddy Ausflüchte gebrauchte, um zu erklären, dass der Zeitpunkt für eine Verlobung schlecht gewählt sei. ­Philipp sei noch zu jung zum Heiraten, er habe sich noch nicht die Hörner abgestoßen. Scarletts Vater versuchte alles Mögliche, um die erwartete Zustimmung zu umgehen.

Scarlett schämte sich, weil sie ihrem Daddy etwas aufgehalst hatte, das sie selbst hätte klären müssen. Als Philipp sie gefragt hatte, ob sie ihr künftiges Leben mit ihm teilen wolle, hatte sie ihm die Wahrheit vorenthalten. Damals hätte sie ihm sagen müssen, dass dieses Leben möglicherweise von kurzer Dauer sein würde. Doch sie liebte Philipp, sie begehrte ihn und wollte darum nicht allzu weit in die Zukunft blicken. Jetzt aber durfte sie nicht länger feige sein. Scarlett trat in das Büro ihres Vaters und eröffnete Philipp die ganze Wahrheit.

»Krank?«, fragte er arglos. »Wie krank? Wie kann man diese Krankheit heilen?«

Sie offenbarte ihm, was sie wusste, und das war wenig. Sie sagte, dass die Ärzte im Dunkeln tappten, weil das Gehirn für die Medizin immer noch ein Ort voller Geheimnisse sei. Sie bekannte Philipp, dass es ihr Angst mache, wie sehr sie sich in den letzten Monaten verändert hätte, ihre Schreckhaftigkeit, ihre Sehstörungen, auch die Schwindelzustände. Sie erzählte von der Odyssee zu allen möglichen Ärzten. Einer von ihnen hätte angedeutet, dass nicht die Augen, nicht die Gliedmaßen und auch nicht die Nerven für Scarletts Zustand verantwortlich seien, sondern das Gehirn selbst.

»Ich weiß, dass du Scarlett aufrichtig liebst«, sagte ihr Vater. »Unter diesen Umständen wirst du aber sicher verstehen …«

In diesem Moment tat Philipp etwas, das Scarlett stets unvergesslich bleiben würde. Wortlos zog er einen Ring mit sieben Diamanten hervor und steckte ihn ihr an den Finger. »Hier und heute«, sagte er bewegt. »Hier und jetzt. Keine andere als du. Du sollst meine Frau sein.«

Während sie dastand und ihr die Tränen über die Wangen liefen, ließ sich Daddy nicht so schnell erweichen. »Überlege es dir. Schlaf erst einmal darüber. Lass uns ein andermal darüber sprechen.«

Philipp zögerte keinen Augenblick. »Das wäre das Feigste, was ich in meinem Leben je getan hätte. Ich heirate Scarlett. Ich heirate sie auch ohne deine Zustimmung, Harry, wenn nötig.« Im schwarzen Gehrock stand er inmitten des Büros, das dunkle Haar mit Öl gebändigt.

Bis dass der Tod uns scheidet, dachte Scarlett und musterte den dicken Zeska mit seinen schamlos neugierigen Augen. Was brachte den Mann dazu, das Brautpaar am Tag der Verlobung zu beleidigen?

»Ich hoffe, Sie amüsieren sich.« Sie fasste Philipps Arm und wollte sich einer Gruppe von Freunden zuwenden, als sich plötzlich das Rot von Camilla Zeskas Kleid in düsteres Violett verwandelte. In der nächsten Sekunde wurde es leuchtend weiß. Wie eine Lichtsäule stand Zeskas Frau vor ihr. Geblendet schloss Scarlett die Augen und suchte Halt bei Philipp.

»Was ist mit Ihnen, Miss Wilson?«, hörte sie den Bären sagen, oder war es die Viper, die züngelte?

Als Scarlett die Augen wieder öffnete, war Zeska verschwunden. Sie konnte auch die übrigen Gäste nicht mehr erkennen, spürte nur, dass Philipp sie über die geschwungene Treppe in den ersten Stock brachte. Quälend langsam bewegten sie sich, es kam ihr vor, als ob sie den Aufstieg immer wieder von Neuem beginnen würden. Die Wände der Halle krümmten sich, die Seidentapeten fielen davon ab. Die Stufen schienen ihr endlos, Schritt für Schritt ging es voran, bis Scarlett endlich weinend auf dem Bett in ihrem Zimmer saß.

Der Anfall war vorüber. Sie war wieder sie selbst. Und gerade das war das größte Elend von allem.

Philipp lief vor den Fenstern auf und ab. »Ich bringe Theo um. Ich bringe den verfluchten Giftspritzer um!«

»Warum hat er das nur getan?«, fragte sie tonlos. »Was be­­zweckt er damit?«

»Ich werde ihn stellen. Morgen knöpfe ich mir Zeska vor.«

»Er spricht nur aus, was alle denken«, entgegnete Scarlett kleinlaut.

Philipp stürzte auf sie zu und kniete vor ihr nieder. »Keiner denkt das. Niemand! Sie denken genau das Gegenteil.«

»Das Gegenteil von Mitleid?« Ein trauriges Lächeln. »Gibt es das? Mitleid ist das Gefühl, das alle für mich hegen.«

»Kein Mitleid. Höchstens Neid.«

Sie liebte Philipp für seine zur Schau getragene Zuversicht, durchschaute ihn aber. »Worauf sollten sie denn neidisch sein?«

»Auf uns«, rief er laut, als ob er es sich selbst beweisen wollte. »Durch uns finden sie den Traum bestätigt, dass die Liebe alles überwindet, alles, verstehst du?«

»Ach, Philipp.« Sie streichelte seine Wange. »Du bist der Geschäftspartner meines Vaters. Alle wissen, dass unsere Heirat vor allem wirtschaftlich sinnvoll ist. Und nicht einmal du kannst leugnen, dass unsere Verlobung durch meine Krankheit einen bitteren Beigeschmack erhält.«

Er legte beide Hände auf ihre Knie. »Das ist mir egal. Es zählt nicht für mich. Von nun an sind wir zu zweit. Du bist nicht mehr allein, nicht mit deiner Krankheit, nicht mit deiner Zu­­kunft. Zusammen werden wir den richtigen Arzt finden, der dir helfen kann. Weil die Liebe uns zusammenschweißt, Scarlett, weil uns das größte Glück zuteilwird, das es gibt, nämlich zu wissen, wen wir wollen, von heute an und für immer. All die Leute da unten wünschen sich unser Glück, unsere unverbrüchliche Liebe. Wir bekommen das Ganze, Darling, das ganze Le­­ben, die ganze Liebe.«

Sie versuchte nicht, ihre Tränen zu unterdrücken. Scarlett küsste ihn, sie umarmten einander wie die ersten Menschen am ersten Tag. Die Gewissheit des Alles oder Nichts gab Scarlett Kraft und erfüllte sie mit tiefer Rührung.

Sie beugte sich zurück. »Wie sehe ich aus?«

»Die schönste Verlobte der Welt.«

»Wie sieht meine Wimperntusche aus?«

»Da sollte man vielleicht …« Mit seinem Taschentuch be­­tupfte Philipp ihre Augen. »Wollen wir wieder hinuntergehen?«

Sie holte tief Luft. »Einverstanden.«

»Ich weiß noch nicht, ob ich mich beherrschen kann, wenn ich Zeska sehe. Ich würde ihm gern in sein fettes Gesicht ­schlagen.«

»Er ist es nicht wert.« An seiner Seite stand sie auf. »Eines wollte ich dich noch fragen. Kränkt es dich, dass niemand von deiner Familie gekommen ist?«

Philipp war vorausgegangen, an der Tür blieb er stehen. »Papa konnte nicht reisen, das hat er mir geschrieben. Es war ein wunderschöner Brief, selten hat er so offene Worte gefunden.«

»Und deine Mutter?«

»Mama wäre gern gekommen«, antwortete Philipp mit veränderter Stimme. »Aber es ist besser so.«

»Ich verstehe deine Haltung nicht.«

»Obwohl ich sie dir oft erklärt habe.«

»Keine Erklärung reicht dafür aus«, entgegnete sie sanft. »Du verbietest deiner Mutter, zur Verlobung ihres einzigen Sohnes zu kommen?«

»Mama weiß, warum.«

»Vielleicht weiß sie es, vielleicht akzeptiert sie es sogar, aber man kann einer Mutter kein größeres Unglück antun.«

Philipp wollte weiter, zärtlich hielt sie ihn zurück. »Ich mag dich nicht, wenn du so bist. Dann kommst du mir vor, wie ich mir die Menschen in eurem Kaiserreich vorstelle. Ausgehöhlt durch Tradition, unfähig zu tiefen Gefühlen, und selbst wenn ihr Gefühle habt, ordnet ihr sie der Etikette unter.«

Ein wenig distanziert betrachtete er sie. »Du weißt nicht, was es heißt, Österreicher zu sein, nicht wahr? Wie solltest du auch?«

»In wenigen Minuten verlobe ich mich mit einem Öster­reicher. Es wäre gut, ihn vorher kennenzulernen.«

Philipp ließ sich gegen den Türrahmen sinken. »Österreicher zu sein ist ein Fluch und eine Gnade zugleich. Tief in unseren Herzen sind wir uralt, wir sind auch ein bisschen böse und ­morbide und kokettieren gern mit dem Tod.«

Scarlett legte ihre Hände auf seine Schultern und sah ihren Geliebten nur an.

»Es kann kein Zufall sein, dass Sigmund Freud ein Öster­reicher ist, der den Zustand unserer Seele als Krankheit bezeichnet. Wir leiden unter unserem dunklen Gemüt, zugleich verschleiern wir es mit Fröhlichkeit. Wir singen Lieder beim Wein, nicht, weil wir betrunken sind, sondern weil die Seligkeit uns hilft, die Traurigkeit zu überwinden. Nirgends wirst du lustigere Menschen finden als bei uns, nirgends schwermütigere. Der Österreicher singt sich in seine Todestrauer hinein. Zugleich bleibt er sein Leben lang ein Jüngling, wird niemals alt, niemals vernünftig. Er ist lebensuntauglich und zugleich ein Lebenskünstler.«

»Du liebst dein Land ja von ganzem Herzen«, rief Scarlett überrascht. »Dabei hast du gesagt, du verehrst die Amerikaner und unsere Art, das Leben anzupacken.«

»Hier zu sein ist wie eine Erholung von meinem bisherigen Leben.« Er schloss sie in die Arme. »Aber niemals werde ich verleugnen können, wer ich in tiefster Seele bin.«

»Ich liebe dich.« Scarlett küsste ihn.

Hand in Hand traten sie auf die Galerie und näherten sich der Treppe. Im Erdgeschoss hoben die Gäste die Köpfe.

Weiter hinten im Foyer entdeckte Philipp einen schmäch­tigen Mann, der gerade eintrat. Als er seinen Mantel auszog, bemerkte Philipp, dass dieser Mann nur einen Arm hatte.

»Onkel Ludwig!«, rief er und stürzte die Treppe hinunter, dem Ankömmling entgegen.

3

Delfine im East River

»Dieser Idiot von Kapitän ist den ganzen Tag vor dem Hafen von New York im Kreis gefahren«, sagte Ludwig Korff. »Angeblich weil der Sturm ein Anlegen unmöglich machte. Zwanzig Stunden haben wir Schleifen gezogen und hatten dabei ständig die Freiheitsstatue vor Augen. Um ein Haar wäre ich von Bord gesprungen und an Land geschwommen.«

»Ich bin froh, dass du es nicht getan hast.«

»Mein lieber, lieber Philipp.« Ludwig fasste seinen Neffen an beiden Unterarmen. »Wie schön das ist. Wie sehr ich mich für dich freue.«

Eine Bö fuhr in Ludwigs Haar. Er trug es lang und hielt es mit einer Silberspange zusammen. Heutzutage mutete das altmodisch an, aber bei Ludwig bekam es etwas Verwegenes. Onkel und Neffe hatten das Haus der Wilsons verlassen und sich zu einem Spaziergang entlang des East River aufgemacht. Kein Frachter, keine Jolle waren auf dem Wasser zu sehen, der hohe Wellengang schien den Verkehr auf dem Fluss lahmzu­legen.

»Er ist gar kein Fluss.« Philipp zog den Mantelkragen hoch. »Der East River ist eine Meerenge, die den Hudson River mit dem Long Island Sound verbindet.« Sie schlenderten über das schlecht befestigte Ufer. Manche Stellen waren weiß vom Möwenkot.

»Sei froh, dass euer Kapitän den Dampfer nicht hier drin manövrieren musste. Im East River sind schon eine Menge Schiffe gestrandet. Weißt du, wie die Mündung dort vorn heißt? Hell Gate.«

Ludwig schaute das Ufer hinauf und hinunter. »Ich verstehe nicht, was die Leute mit New York haben. Wo man hinsieht, bloß Baracken. Und diese Piers haben auch schon bessere Tage gesehen.«

»Dir gefällt New York nicht?«, erwiderte Philipp überrascht.

»Bis jetzt habe ich nur Hafengebäude gesehen und umherhastende Menschen, die mein Englisch nicht verstehen.«

Philipp schmunzelte. Ludwigs Englisch hörte sich tatsächlich wie eine unverständliche Abart des Wiener Dialekts an. »Zur Ehrenrettung von New York werde ich dich heute ausführen, Onkel. Ich zeige dir die schicksten Lokale der City.«

»Wozu soll das gut sein?« Ludwig wischte sich übers Gesicht, das nass von Gischt war. »Man kriegt in dieser Stadt ja keinen Tropfen Alkohol.«

»Wenn du dich da mal nicht täuschst.«

Sie liefen einige Schritte schweigend nebeneinander.

»Wie schlimm ist es, Philipp?« Mit ernster Miene drehte Ludwig sich zu seinem Neffen.

Die Verlobung war vorüber. Philipp hatte Scarlett im Kreis ihrer Familie zurückgelassen. Er war glücklich, dass nun doch ein Korff die Feier besucht hatte. Der zierliche Ludwig galt als Überlebenskünstler. Mit der Firma hatte er nichts zu tun, Geld interessierte ihn nicht; er war Schriftsteller, Komponist und Philosoph. Als Einziger der Korffs war er freiwillig in den Krieg gezogen und hatte während der zweiten Karpatenschlacht seinen linken Arm verloren. Seitdem schien Ludwig ein neuer Mensch geworden zu sein. Nicht mehr Melancholie dominierte ihn, wie früher oft, sondern Freude und Tatendrang. Er hatte ein Klavierkonzert komponiert, das im Wiener Konzerthaus aufgeführt worden war, mit ihm selbst als Pianisten. Seit Längerem arbeitete er an einem Roman über die Zeit vor dem Zerfall der Mo­­narchie. Ludwig war der hoffnungsvolle Beweis dafür, dass es für Menschen, die dem Gestern angehörten, auch eine Zukunft gab.

»Wie schlimm? Das kann leider niemand sagen«, antwortete Philipp nüchtern.

»Wenn es etwas mit den Nerven ist, kann ich euch einen ­Spezialisten in Wien empfehlen, der mir geholfen hat.«

»Wir wissen es nicht. Vielleicht ist es das Rückenmark, vielleicht sitzt es im Gehirn. Die hiesigen Ärzte tappen im Dunkeln.« Philipp sog die kalte Luft ein, es roch nach Meer. »Darum brechen wir in einer Woche nach Hamburg auf.«

»Was gibt es denn in Hamburg so Besonderes?«

»Einen Arzt, der sich der Erforschung des Gehirns verschrieben hat. Er hat eine Krankheit entdeckt, deren Symptome denen von Scarlett ähneln.« Philipp zeigte aufs Wasser, wo ein grauer Fischleib auftauchte und wieder verschwand. »Delfine, schau! Sie kommen nur selten bis nach Manhattan hoch.«

Eine Zeit lang standen sie am Pier und warteten, ob die Delfine noch einmal auftauchen würden.

»Wir müssen irgendetwas unternehmen, dazu dient die Reise«, fuhr Philipp leise fort. »Außerdem will ich Scarlett mein Europa zeigen oder das, was davon übrig ist. Nachdem ich sie Papa vorgestellt habe, wollen wir weiter nach Paris und Amsterdam.«

»Nicht nach Berlin?«, fragte Ludwig. »Berlin werdet ihr hoffentlich auch besuchen.«

»Ich weiß, was du meinst«, antwortete Philipp knapp. »Aber ich will Mama nicht sehen.«

»Und Scarlett? Ich bin sicher, dass sie die Mutter ihres Mannes kennenlernen möchte.«

Plötzlich war es vorbei mit Philipps Beherrschung. Sein Kopf sank auf die Schulter des kleineren Onkels. »Ich weiß nicht, was ich tun soll, Ludwig, weil Scarlett so krank ist. Ich habe geglaubt, Paris und London, das wäre schön für sie. Doch dann wurde mir klar, ich schleppe sie nur an diese Orte, weil es vielleicht das letzte Mal sein könnte.«

Der Onkel streichelte Philipps Kopf. »Weißt du, wie oft ich schon geglaubt habe, dass es keinen Ausweg gibt? Ich neige von Natur aus dazu, alles schwarzzusehen. Du bist anders, Philipp, du kommst nach deinem Vater. Maxim liebt das Helle, das Wilde, die Farben, und so lebt er auch sein Leben.«

Philipp richtete sich auf. »Entschuldige bitte. Lass uns weitergehen.« Sie wandten sich nach Norden.

»Erinnerst du dich noch an mein unseliges Duell?«, fragte Ludwig nach einer Weile.

»Du gegen diesen Leutnant, wie hieß der noch?« Philipp schmeckte die Gischt auf seinen Lippen.

»Ferry von Pankau. Dieser verdammte Leutnant Pankau«, murmelte Ludwig. »Damals glaubte ich, die Ehre deiner Mutter zu verteidigen, und forderte Pankau zum Pistolenduell. Tod­sicher wäre ich dabei draufgegangen, Pankau schoss wie der Teufel. Aber das Duell fand gar nicht statt, weil der Leutnant in der Nacht davor ermordet wurde. Damals ist mir klar geworden, ich wollte mich nicht mit Pankau schießen, sondern mich bloß ehrenhaft aus dem Leben davonstehlen. Aber das kann man nicht, Philipp. Man entgeht dem Tod genauso wenig wie dem Leben.«

Vor einem verfallenen Gebäude blieben sie stehen. »Scarlett ist zauberhaft«, sagte Ludwig eindringlich. »Sie ist stark und voller Lebensmut, du wirst mit ihr glücklich werden. Und alles andere, mein lieber Philipp, alles andere werdet ihr zusammen überwinden.« Er drehte sich einmal im Kreis. »Schau mich an. Ich renne wie eine einarmige Vogelscheuche durch mein Leben, seit diese Granate geflogen kam. Macht es mir etwas aus? Nicht das Geringste macht es mir aus. Spaß macht es mir, verrückt ist es, ein großes Spiel.« Ludwig stellte sich gegen den Wind und schloss die Augen. »Genau wie dieser lächerliche Dampfer, der vor dem Hafen von New York im Kreis gefahren ist, so ist das Leben. Wenn man Glück hat, kommt man nie ganz an.«

Philipp lächelte über seinen geliebten, verrückten Onkel. Es war ein Geschenk, dass er hier war.

Ludwig machte ein paar Schritte auf die Baracke zu. »Das ist also New York?«, stichelte er. »Eingeschlagene Fenster und verwitterter Backstein. Da hätte ich auch in Wien bleiben können, dort, wo es am hässlichsten ist.«

»Heute Nacht sollst du deine Meinung ändern, das verspreche ich dir.« Philipp lief ihm nach. »Ich führe dich auf den Broadway. Wir gehen ins Theater. Die spielen hier ausgezeichnetes Theater.«

»Diese Hinterwäldler?«, konterte Ludwig abschätzig. »Das kann ich mir kaum vorstellen. Wenn man einmal im Hofburgtheater war, wenn man Moissi und Devrient und die Sandrock gesehen hat, dann ist es schwer, sich von etwas anderem begeistern zu lassen.« Er zuckte die Schultern. »Aber nun bin ich ­einmal hier, da kann ich mir das Tingeltangel genauso gut an­sehen.«

Gemeinsam stemmten sie sich gegen den Wind, der ihnen vom Stadtteil Queens entgegenschlug.

4

On Broadway

Scarlett beobachtete Philipps Onkel, den Künstler aus der alten Welt, der wie ein verrückter Derwisch den Broadway hinunterhüpfte und dabei sang.

»I love to go swimming with women!

And women love swimming with me!

I pretend that I’m a crab and their pretty ankles grab!«, sang Ludwig mit starkem Wiener Akzent und sprang dabei übers Pflaster.

»Onkel, bleib stehen!« Philipp versuchte, den hüpfenden Ein­­armigen einzuholen, der vom Shubert Theatre den Broadway in südliche Richtung lief.

»Ich mag deinen Onkel«, lachte Scarlett.

»Ich mag ihn auch«, rief Philipp. »Aber wir sind auf der vierundvierzigsten Straße verabredet. Er läuft also in die falsche Richtung.«

Scarlett sah dem tanzenden Onkel nach. Mit ausgestrecktem Arm drehte er sich im Kreis. Passanten mussten überrascht ausweichen. Plötzlich machte Ludwig kehrt, rannte an seinem erstaunten Neffen vorbei und näherte sich Scarlett. »I love to go swimming with women«, begann er von Neuem.

Sie legte ihren Zeigefinger an den Mund. »Bitte, Ludwig, wir sind hier im prüden Amerika.«

»Prüde? Was heißt das?«

»Das bedeutet, dass hier eine doppelte Moral herrscht. Man darf frivole Texte auf der Bühne singen, dann ist es Kunst. Man darf sie auch in einem Nachtclub singen, da drückt die Polizei ein Auge zu. Aber wenn man sie auf offener Straße singt, wird man verhaftet.«

»Tatsächlich? In Wien darfst du alles singen«, keuchte Ludwig erhitzt. »Überall wird bei uns gesungen, und keiner stößt sich daran.«

»Glückliches Wien.« Trotz des angenehmen Frühlingsabends trug Scarlett eine hochgeschlossene Jacke, sie zog den Schal enger. »In New York sind wir eben noch nicht so weit wie in Wien.«

»Aber nein, weiter seid ihr hier, viel weiter!«, widersprach Ludwig. »Eine herrliche Musik, beschwingt und wunderbar.«

Philipp trat zu den beiden. »Hast du nicht gesagt, in deinen Ohren sei das Tingeltangel?«

»Das ist es auch, mein Junge, Tingeltangel vom Feinsten. Die hiesigen Komponisten haben den Dreh raus, Tingeltangel in Gold zu verwandeln.«

»Es hat dir also gefallen?«

»So viel Spaß hatte ich seit Jahrhunderten nicht«, lachte der Onkel. »In eurem verrückten New York kriegt man auf wunderbare Weise das Gehirn durchgeblasen.«

Scarlett zeigte den Broadway hinauf. »Dann wird es Sie freuen zu hören, dass wir mit dem Komponisten des heutigen Abends verabredet sind.«

Ludwig zog das Programmheft der Broadway-Show aus der Tasche. »Sigmund Romberg«, las er. »Romberg … Romberg? Ich habe den Namen schon gehört.«

»Er stammt aus eurer alten Monarchie«, sagte Scarlett. »Romberg ist aus Ungarn eingewandert.«

»Und wurde der erfolgreichste Komponist auf dem Broadway«, pflichtete Philipp bei.

Scarlett fröstelte. Sie trat zwischen die Männer und hakte sich unter. »Lasst uns gehen. Zum Delmonico’s ist es nicht weit.«

Bronzefarbene Tapeten, bordeauxrote Vorhänge, Blumenge­decke auf jedem Tisch und die geraffte US-Flagge an der Wand. Das Delmonico’s war eine der erlesensten Adressen auf der 5th Avenue. Hier verkehrte eine Gesellschaft, die sich ihrer gehobenen Stellung bewusst war. Im Delmonico’s lieh sich das mondäne New York etwas vom Prunk des alten Europas. Zwischen dem feudalen Restaurant und den Flüsterkneipen, die Scarlett sonst bevorzugte, lagen Welten. Ihr Daddy gehörte zu den Geldgebern eines großen Broadwaytheaters, seine Tochter war in Theater­kreisen gern gesehen. Neben dem Komponisten Romberg war Scarlett mit zwei Theaterproduzenten verabredet, einer ehrgeizigen Schauspielerin und der Textdichterin Dorothy Donnelly.

Während des Hauptganges, Lachs an Wacholdersauce, saßen alle noch um den großen Tisch, aber spätestens beim Lemon Pie kristallierten sich die wahren Paarungen des Abends heraus. Scarlett hatte keine Lust, bei den Geldleuten zu bleiben, und manövrierte Philipp zu einer Nische, in die der Komponist und Miss Donnelly Ludwig gebeten hatten. Die beiden waren be­­gierig, mit einem Repräsentanten der Wiener Kunstszene zu sprechen.

»Ludwig blüht förmlich auf«, raunte Philipp, während sie sich setzten. »So euphorisch kenne ich ihn gar nicht.«

Scarlett nahm Philipps Hands. »Ich freue mich so für dich. Du kamst mir hier manchmal ein wenig verloren vor ohne deine Familie. Jetzt hast du immerhin deinen Onkel.«

Ihre Hände umspielten einander. »Wie fühlst du dich?«

»Es ist ein guter Abend.« Sie lächelte. »Einer von den guten.«

»Bald sind wir unterwegs. Ich habe das Gefühl, sobald wir auf dem Meer sind, wird alles besser.«

Scarlett versuchte mitzubekommen, was die Künstler diskutierten. Es war nicht einfach, dem Gespräch zu folgen, weil sich die drei in einem deutsch-englisch-ungarischen Kauderwelsch unterhielten. Sigmund Romberg, der gefeierte Komponist amerikanisierter Operetten, interessierte sich lebhaft für die Kunst des unbekannten Ludwig Korff.

»Ihr Klavierkonzert für die rechte Hand hat ziemliches Aufsehen erregt.«

»Sie haben davon gehört?« Ludwigs Staunen war echt.

»Gelesen habe ich davon.« Romberg war ein junger Mann in seinen Dreißigern mit pechschwarzem Haar, das sich lichtete, und einem lachenden Gesicht, dessen Nase ungewöhnlich hervorstach.

»Mein Klavierstück hat vielleicht Aufmerksamkeit innerhalb eines kleinen Kreises erregt«, stellte Ludwig richtig. »Wahrscheinlich wollte sich das Publikum das Panoptikum gönnen, einen Kriegsversehrten mit einer Hand auf das Klavier einhämmern zu sehen.«

Romberg winkte dem Oberkellner. »Nicht so bescheiden. In der Zeitung stand, dass Ihr Konzert die Wucht des Krieges einzufangen imstande ist, das Grauen, die Hoffnung und sogar den Patriotismus.«

Der würdig ergraute Kellner trat zu ihnen.

»Haben Sie Tokajer?« Auf den verblüfften Blick des Pinguins setzte Romberg nach : »Einen Tokaji Eszencia werden Sie doch wenigstens haben?«

»Ich werde nachsehen lassen, Sir.« Indigniert drehte der Oberkellner ab.

»Die machen hier auf noble Adresse«, knurrte Romberg. »Aber was die Weine betrifft, versuchen sie, einem das kalifornische Abwaschwasser unterzujubeln.«

»Wenn ich das gewusst hätte!« Ludwig schlug auf den Tisch. »In Wien haben wir die ältesten Tokajer im Keller. Ich hätte Ihnen gern eine Kiste mitgebracht.«

»Ja, das gute alte Wien«, seufzte Romberg.

Für einen Moment wurde es still.

»Jetzt ist ein Engerl durch den Raum gegangen.« Ludwig schmunzelte. »Fehlt Ihnen die Heimat?«

»Gott, ja.« Romberg sah dem Kollegen aus Österreich in die Augen. »Ich möchte wieder einmal durch die alten Gassen gehen. Ich möchte vom Schwarzenbergplatz mit der Elektrischen zur Staatsoper fahren und Richard Strauss dirigieren hören.«

»Bei uns ist Strauss der Größte«, nickte Ludwig. »Aber hier sind Sie der Star, Herr Romberg.«

»Sigmund.« Der Komponist hob sein Glas. »Es ist kein Tokajer, aber ich möchte, dass du Sigmund zu mir sagst.«

»Sehr gern.« Sie stießen an. »Ich bin Ludwig.«

»Dann komm einmal her, Ludwig.« Romberg stand auf, um­­armte den zarten Einarmigen und küsste ihn auf beide Wangen. »Servus, du.«

»Servus, Sigmund.«

Auch Miss Donnelly erhob ihr Glas. »Und was ist mit mir? Ich heiße Dorothy.«

»Servus, Dorothy.« Eine seltene Röte überzog Ludwigs Wangen. Ehe er sich’s versah, wurde er von der Schriftstellerin geküsst.

»Servus, Ludwig.« Bei der gebürtigen New Yorkerin klang das ungewohnt, die Österreicher lachten.

Der Tokajer kam und fand Gnade bei Romberg. Es wurde getrunken, gelacht und von Wien geschwärmt.

»Was habt ihr alle nur mit dem verflixten Wien?«, mischte sich Scarlett ein. »Das scheint ja eine Märchenstadt zu sein, ein regelrechtes Wunder.«

»Ja, Wien ist ein Wunder«, nickte Romberg, und da traten ihm tatsächlich die Tränen in die Augen. »Keine Stadt könnte je schöner sein.«

Scarlett staunte, dass es einen Platz auf der Welt gab, der gestandenen Männern derartige Gefühle entlockte.

Philipp hauchte einen Kuss auf ihre Wange. »Du wirst Wien bald kennenlernen.«

Plötzlich begann Ludwig mit leiser, hoher Stimme zu singen. »Ach, es ist eine schwere Buß’, wenn ich von Wien scheiden muss.« Auch Romberg setzte ein, und sie sangen das ganze alte Lied Schulter an Schulter zu Ende. Ihr Blick war sehnsuchtsvoll in die Ferne gerichtet und zugleich an einen inneren Ort der Seele. Scarlett kam aus dem Staunen nicht heraus. Nachdem die Melodie verklungen war, kehrten die beiden übergangslos zu ihrem früheren Gespräch zurück.

»Ich bin überrascht, dass du von meinem kleinen Beitrag zum Wiener Musikleben gehört hast, Sigmund.« Ludwig trank vom Tokajer. »Du bist der Schöpfer der größten amerikanischen Erfolge.«

»Jeder tut, was er kann.« Romberg zuckte die Schultern. »Ich kann eben Gassenhauer komponieren.«

»I love to go swimming with women«,lachte Ludwig. »Ich habe deine Show sehr genossen.« Entschuldigend wandte er sich an Miss Donnelly. »Eure Show natürlich.« Sein Blick blieb an der temperamentvollen Frau mit dem dichten schwarzen Haar hängen.

Romberg hielt sein halb volles Glas vor die Augen. »Ich wäre völlig überfordert, wenn ich mich an ein Jahrhundertthema wie das deine machen sollte – der Krieg, das Sterben, die Apokalypse in Europa. Ich selbst bin rechtzeitig nach New York gekommen und habe das große Schlachten nicht mehr miterlebt. Anfangs ging es hier nur mühsam voran. Ich habe in einer Bleistiftfabrik gearbeitet, später als Barpianist, für zwölf Dollar die Woche. Erst als ich die Shubert-Brüder kennenlernte, konnte ich das tun, was mir wirklich liegt.«

»Erzähl mir, wie ist der Broadway?«, fragte Ludwig aufgekratzt. »Wie entsteht ein Theaterstück bei euch? Mir kommt das alles so … so anders vor … so viel …« Er suchte nach Worten.

»So viel kommerzieller?«, half Dorothy weiter. Sie mochte Anfang vierzig sein und hatte Augen, die man als schalkhaft bezeichnen musste. »Auf dem Broadway geht es nur um Geld. Die Shuberts haben das beste Konzept für diese geldverrückte Nation gefunden. Sie probieren neue Stücke zuerst auf Tournee aus. Die Shows tingeln kreuz und quer durch das Land und ­werden ständig verändert.«

»Verändert, wieso?«

»Weil es das Publikum so will.«

»Das Publikum?«, wiederholte Ludwig verblüfft. »Das Publikum darf mitreden, wenn es um ein Produkt der Kunst geht?«

»Unser Theater ist nicht mit den Wiener Musentempeln zu vergleichen«, antwortete Romberg. »Theater ist eine Geldmaschine. So wird bei uns produziert.«

Ludwig stützte das Kinn in die Hand und sagte nach kurzer Überlegung : »Ich wäre gern bei so einer Tingeltangel-Tournee dabei.«

»Überleg dir gut, was du dir wünschst«, lächelte Dorothy. »Wir haben die Ochsentour bald wieder vor uns. Unser neues Stück startet in der Provinz.«

Sofort war Ludwigs Neugier geweckt. »Wie soll es heißen?«

»Darüber streiten Dorothy und ich noch.«

»Wir streiten nicht, wir sind uns einig, dass mein Titel besser ist«, widersprach sie. »Die Show heißt The Student Prince.«

»Ich bin für den ursprünglichen Titel«, schüttelte Romberg den Kopf.»Die Story kommt aus Deutschland, ich habe die Rechte daran gekauft.«

»Wie heißt es?«

»Alt Heidelberg.«

Ludwig berührte Dorothys Hand. »Ich finde The Student Prince auch besser.«

Scarlett nahm eine Zigarette aus dem Etui und ließ sich von Philipp Feuer geben. Was für ein genussreicher Abend! Warum konnte man nicht ständig mit inspirierten Menschen zusammen sein, Menschen, die originelle Ideen hatten und fantasievolle Ziele? Sie lehnte sich zurück und beobachtete die hübsche Schriftstellerin und Philipps Onkel. Seine Silberspange hatte sich aus dem Haar gelöst, wie ein zerzauster Vogel sah er aus. Ein balzender Vogel, setzte Scarlett im Geist hinzu, Miss ­Donnelly machte Eindruck auf ihn. Die Frau war ein Chamäleon an Mehrfachbegabungen. Sie hatte als Schauspielerin begonnen, führte inzwischen auf dem Broadway Regie und galt als Muse von Sigmund Romberg. Mutmaßlich hatten sie etwas miteinander, doch heute Abend galt Dorothys Interesse dem Neuankömmling aus Wien.

»Warum begleitest du uns nicht, Ludwig?«, fragte sie.

»Eigentlich bin ich nur zu Philipps Verlobung angereist.«

»Wann musst du wieder zurück?«, erkundigte sich Dorothy charmant. »Erwartet dich in Wien jemand?«

»Auf mich wartet niemand«, antwortete er mit rührender Offenheit. »Ich stehe ja allein.«

»Ein freier Mann, das hört man gern.« Dorothy schenkte ihm einen reizenden Blick.

New York, dachte Scarlett, New York besitzt vielleicht nicht den Charme von Wien, aber New York hat einen anderen Zauber. Wir verstehen es, das Wunder des Amalgams zu beschwören. Nichts passt hier eigentlich so recht zusammen. Alles ist fremd und zusammengewürfelt, genau das macht New York aus. Von überall kommen die Leute und bringen ihre Kultur, ihre Gewohnheiten, manchmal nur ihre Kochkünste mit. In New York verwandeln sie das Alte in etwas Neues und Eigenständiges. Manche stranden in der Neuen Welt, manche gehen unter, oder sie kehren nach traurigen Jahren wieder in die ­Heimat zurück. Aber es gibt auch Leute wie Romberg, die sich nicht zu gut dafür sind, ihr Können zu transformieren, ihre Kunst zu amerikanisieren; sie bereichern das junge Amerika und erwirtschaften Wohlstand.

Scarlett nahm einen Zug und sah zu, wie sich der Rauch langsam verlor. Wir New Yorker machen uns nicht die Mühe, Alt und Neu zu vergleichen. Es interessiert uns nicht, was geklaut sein mag und was originär. Wir sind nicht geschlagen mit der Bürde des Abendlandes. Die Vereinigten Staaten sind ein Land mit wenigen Eingeborenen und überwältigend vielen Gästen. Eine irritierende Welt, eine verrückte Zeit, doch wie es aussah, fand Philipps neugieriger Onkel Gefallen daran. Er wollte nicht sofort zurück, sondern erschnuppern, was Amerika zu bieten hatte. Und ohne Zweifel war er daran interessiert, länger in der Nähe von Dorothy Donnelly zu bleiben.

»Wann geht dein Schiff?«, fragte Philipp.

Ludwig sah aus, als ob er aus einem Traum gerissen würde. »Mein Schiff? Ich habe eine Passage für den fünften Juni ge­­bucht.«

»Das lassen wir aber doch nicht zu, dass du uns schon am fünften Juni wieder verlässt«, lächelte Dorothy. »Sigmund, ­wollen wir Ludwig einladen, uns zu begleiten? Was hältst du davon?«