Als ich unsterblich war - Friedrich Ani - E-Book

Als ich unsterblich war E-Book

Friedrich Ani

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Beschreibung

So könnte es gewesen sein: Jesus begegnet seiner ersten Liebe

Was geschah eigentlich, als Jesus im Alter von zwölf Jahren zwei Tage in Jerusalem verschwunden war? Friedrich Ani erzählt davon, was passiert sein könnte, als Jesus seinen Eltern verloren ging. Er erzählt von Jesus und Rut. Wie beide in ein nahes Wäldchen fliehen. Wie sie zögernd reden und sich dabei besser kennen lernen. Und plötzlich gerät alles, was Jesus bisher als richtig und gut angenommen hat, ins Wanken. Ist seine Aufgabe wirklich so klar? Und wie ist es möglich, den Menschen befreien zu wollen, wenn man ihn nicht versteht? Wenn man nicht weiß, was für ihn Glück, Freude, Trauer und Schmerz bedeuten – wie es sich anfühlt, Mensch zu sein.

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Seitenzahl: 102

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DER AUTOR

© Isabelle Grubert

Friedrich Ani wurde 1959 geboren und lebt in München. Er schreibt Romane, Gedichte, Jugendbücher, Hörspiele und Drehbücher. Seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach prämiert, u. a. mit dem Deutschen Krimipreis, dem Adolf-Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis. Friedrich Ani ist Mitglied des Internationalen PEN-Clubs.

Friedrich Ani

Als ich unsterblich war

Eine Jesus-Geschichte

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Editorische Notiz

»Als ich unsterblich war« erschien erstmals 2003 in der Reihe Hanser im Deutschen Taschenbuch Verlag

Unveränderte Neuausgabe

1. Auflage 2015

© 2015 cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: basic-book-design, Karl Müller-Bussdorf,

unter Verwendung einer Illustration von © Quint Buchholz

TP · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-14225-4

www.cbt-buecher.de

die menschen nehmen einander wegen der stille

man hört sie nur zu zweit anders nicht

und anders erdrückt sie anders bricht

der mensch zusammen unter der stille

Jan Skácel

Prolog

Du musst mir zuhören, du musst! Ich weiß, deine Zeit ist begrenzt, viele Menschen warten, dass du dich um sie kümmerst und, glaube mir, ich will dich nicht aufhalten, ich verlange nicht mehr als alle anderen. Aber vorher musst du mich sprechen lassen, sonst war der weite Weg, den ich von zu Hause bis zu dir zurückgelegt habe, vergebens. Du schüttelst den Kopf, täusche dich nicht, ich kenne mich, ich hatte in den vergangenen zwanzig Jahren genügend Zeit, über mich nachzudenken, auch wenn wir in unserer Werkstatt viel zu tun hatten, an Aufträgen mangelte es nie, und mein Vater war oft krank, sodass ich seine Arbeiten mit übernehmen musste.

Trotzdem verging kein Tag, an dem ich mich nicht zurückzog, um zu lesen und beim Lesen mein Leben zu betrachten. Und immer wieder stiegen aus meiner Erinnerung die Bilder jener Tage empor, als ich zwölf Jahre alt war und etwas Ungeheuerliches erlebte. Nachts träumte ich davon, und manchmal sagte mein Bruder am nächsten Morgen zu mir, ich hätte im Schlaf seltsame Dinge geredet, hätte einen Namen genannt und merkwürdig gelächelt. Welchen Namen?, fragte ich ihn, aber er behauptete, er hätte ihn nicht verstanden. Ich bin mir nicht sicher. Ich vermute, er wollte mir den Namen nur deshalb nicht nennen, weil ich dann vielleicht wehmütig geworden wäre. Mein Bruder ist ein kluger Mann und war schon als Kind ein guter Beobachter und Zuhörer. Ihm jedoch konnte ich die Geschichte, die damals geschah, nicht erzählen, niemandem konnte ich sie erzählen, bis heute. Heute darf ich nicht länger schweigen, und du bist derjenige, für den sie ausschließlich bestimmt ist. Hinterher wirst du verstehen. Schenk mir Geduld, ich bitte dich, schick mich nicht fort. Ich setze mich vor dich hin, damit du mein Gesicht sehen und erkennen kannst, dass ich die Wahrheit sage. Nein, essen möchte ich jetzt nicht, auch nicht trinken, lass mich einfach hier sitzen, zu deinen Füßen. Nein, nein, so wie es ist, ist es richtig, ich auf dem Boden, du auf dem Stuhl, das ist gerecht. Dein Zelt hier, in der Nähe des Flusses, ist der beste Ort für meine Geschichte, die niemand hören darf, außer dir.

I

Ja, ja! Ja, ja.« Ich war ziemlich ungeduldig. »Psst!«, machte jemand hinter mir.

Ich drehte mich um. Und stieß gegen einen gewaltigen Bauch, der sich unter einem grauen zerschlissenen Mantel wölbte. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um diesem Hünen ins Gesicht sehen zu können, dessen Mund und Nase fast vollständig von einem schwarzen Bart überwuchert wurden und dessen Augen winzig und farblos waren. So viele Haare der Mann im Gesicht hatte, so wenige hatte er auf dem Kopf, und ich sah eine Schweißschicht, die im hellen Licht glänzte.

Der Mann stand reglos da und schien den Stoß nicht bemerkt zu haben.

»Verzeih«, sagte ich.

Plötzlich hörte ich ein bedrohliches Knurren. Ich schaute mich um. Überall standen Männer, einzeln und in Gruppen, und lauschten aufmerksam den Worten des Priesters.

Das Knurren kam aus dem Bauch des Hünen.

Ich lächelte.

»Psst«, machte der Mann wieder.

»Was denn?«, sagte ich. »Dies ist ein Ort, an dem man sprechen darf.«

»Wer bist du, dass du …!«, rief der Mann und verstummte mitten im Satz. Seine Stimme dröhnte durch den Raum, was ihm peinlich war, das sah ich ihm an. Wahrscheinlich vergaß er einfach manchmal, was für ein lautes Organ er hatte. Schuldbewusst senkte er den Kopf.

Einige Männer sahen her.

»Was schaut ihr?«, sagte ich.

Die Männer schüttelten den Kopf und wandten sich wieder dem Priester zu, der fortfuhr:

»… Und wenn du dann isst und satt wirst, nimm dich in Acht, dass du nicht den Herrn vergisst, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, geführt hat. Den Herrn, deinen Gott, sollst du fürchten; ihm sollst du dienen, bei seinem Namen sollst du schwören. Ihr sollt nicht anderen Göttern nachfolgen, keinem Gott eines Volkes, das in eurer Nachbarschaft wohnt. Denn der Herr, dein Gott, ist als eifersüchtiger Gott in deiner Mitte …«

»Was bedeutet das?«, fragte ich den Hünen. Und weil dieser nichts erwiderte, fragte ich noch einmal: »Was bedeutet das? Wieso ist Gott eifersüchtig? Auf wen? Und wozu?«

»Hast du nicht gehört?«, krächzte der Mann, denn normal zu flüstern gelang ihm nicht. »Hörst du nicht zu? Es geht um die Götter der anderen …«

»Welche anderen?«, fragte ich und versuchte dem Hünen in die Augen zu sehen. Eine komplizierte Angelegenheit, denn der Riese starrte wie gebannt nach vorn zum Altar.

»Wir sind alle ein Volk, oder nicht?« Ich wartete auf eine Antwort.

Endlich ließ sich der Mann herab, den Kopf einen Zentimeter zu senken. Ich sah, wie sich der Bart auftat und eine rote Höhle freigab.

»Verschwinde!« Das Wort kam wie ein Donner aus der Hölle.

»Ich hab ein Recht, hier zu sein«, sagte ich ungerührt.

»Hast du nicht«, sagte der Mann und machte einen Schritt auf mich zu.

Vorsichtshalber wich ich zurück.

»Was soll das?«, fragte ein alter barfüßiger Mann.

»Erkläre mir, warum Gott eifersüchtig ist«, sagte ich.

»Dieser Junge stört mich beim Gebet«, sagte der Hüne. Seine Stimme wurde immer lauter, was er nicht bemerkte. »Geh raus auf den Basar und kauf dir ein paar Oliven und lass uns hier in Frieden beten. Du hast doch noch nicht einmal deine Bar Mizwa gehabt! Was suchst du also hier?«

»Woher willst du das wissen?«

»Woher ich das weiß? Das seh ich. Du bist höchstens zehn. Wahrscheinlich sogar erst acht oder neun. Du bist noch nicht einmal reif für die Mischna. Nicht einmal das!«

»Ich lese die Mischna«, sagte ich.

»Unerlaubt!«, stieß der Hüne hervor.

»Ich bin zwölf«, sagte ich.

»Lügner.«

»Hören Sie auf, den jungen Mann zu beschimpfen«, sagte der Alte. Er verströmte einen eigentümlichen Geruch nach Minze. Ich mochte den Geruch.

»Ich beschimpfe ihn nicht, ich möchte, dass er verschwindet.«

»Warum ist Gott eifersüchtig?«, fragte ich.

Da holte der Hüne aus, und seine behaarte Pranke raste auf meine Wange zu. Doch etwas Ungewöhnliches geschah. Kurz bevor die Hand meinen Kopf erreichte, erstarrte sie in der Bewegung, und der Arm sackte nach unten. Als wäre die Hand gegen eine unsichtbare Wand gestoßen. Oder als hätte eine unsichtbare Schnur sie zurückgezogen.

Der große Mann ächzte, als habe er gerade mit bloßen Händen einen Baum entwurzelt. Seine Lider flackerten und sein Bauch bebte. Nicht nur ich, auch der Alte schaute verwundert zu. Aus dem bartumwucherten Mund kam ein tiefes Keuchen, die Nasenflügel blähten sich wie Nüstern, und der Schweiß lief in Strömen vom fast kahlen Schädel über Hals und Gesicht.

»Du musst an die frische Luft«, sagte der Alte.

Der Riese stöhnte. Wenn er ein- und ausatmete, hörte es sich an, als habe er Ketten verschluckt.

»Komm«, sagte ich und griff nach der mächtigen Hand. Willenlos ließ der Mann sich ins Freie führen.

Draußen schien die Sonne. Auf dem Platz, wo die Buden des Basars aufgebaut waren, drängten sich Tausende von Menschen.

Das Fest hatte begonnen, und der Strom der Pilger aus dem ganzen Land riss noch immer nicht ab.

»Setz dich und ruh dich aus«, sagte ich.

Langsam glitt der Riese zu Boden und lehnte sich an einen Baumstamm. Er war total erschöpft.

»Wie heißt du?«, fragte ich. Auch ich war froh, ein wenig im Schatten verweilen zu können.

Schwerfällig hob der Mann den Kopf.

»Simon«, krächzte er.

»Wie mein Bruder!«, rief ich und lachte.

»Warum lachst du mich aus?«, fragte Simon, der sich mit den Händen Luft zufächelte.

»Gegen dich ist mein Bruder ein Zwerg«, sagte ich.

»Wenn du wüsstest, wie oft ich mir selbst eine Last bin«, sagte Simon mit schwacher Stimme. »Ich faste oft, manchmal eine Woche lang, ohne etwas zu essen, nichts …« Er holte Luft, stöhnte und blickte zu mir hinauf. »Aber es hilft nichts, ich bleibe so dick, wie ich bin. Ich schwöre dir, ich trinke nur Wasser, ich gehe zu Fuß in die Schmiede, in der ich arbeite, und lass mich nicht von meinem Esel tragen. Du siehst: Ich bemühe mich. Doch es reicht nicht. Sieh mich an …«

Er zeigte auf seinen Bauch wie auf einen Berg, den er sich vergeblich bemühte zu erklimmen. »Ich bin ein Gefangener meines Gewichts. Und glaube mir, ich gebe mich nicht der Völlerei hin, ich trinke selten Wein, ich arbeite viel und ruhe selten. Was soll ich tun? Wie werde ich meine Last los? Ich möchte so dünn sein wie du«, fügte er weinerlich hinzu.

»Du bist stattlich«, sagte ich, »du hast keinen Grund, dich zu schämen und zu grämen. Du bist gesund, was willst du? Schau dich um: Da, der Einbeinige, er verkauft Oliven, glaubst du, der hat Zeit, sich zu beklagen? Und da, die beiden Blinden, sie führen sich gegenseitig, sie jammern nicht, sie tanzen sogar, siehst du, sie vertrauen einander. Hast du Geschwister?«

Simon schüttelte den Kopf. »Meine Schwester starb, bevor sie drei Jahre alt wurde, sie hat verschmutztes Wasser getrunken, niemand konnte ihr helfen.«

»Du aber lebst«, sagte ich. »Viele Kinder sterben, bevor sie drei Jahre alt werden. Du aber nicht. Du bist kräftig und stark wie ein Baum.«

»Ja«, sagte Simon. »Und ich bin ein guter Schmied. Ich beherrsche mein Handwerk.«

Zum ersten Mal, seit ich ihn getroffen hatte, lächelte Simon. Es war ein kurioses Lächeln. Es muss sich erst durch den Bart hindurchfressen, dachte ich.

Plötzlich hörte ich eine Stimme. Sie klang bedrohlich.

Eine Frauenstimme rief meinen Namen. »Was fällt dir ein wegzugehen?«

Ich brauchte mich gar nicht erst umzudrehen, um zu wissen, wer mich vor allen Leuten ausschimpfte wie ein Kind.

»Wir haben den ganzen Platz nach dir abgesucht!«, rief meine Mutter außer Atem. Sie trug ein langes weißes Kleid und war barfuß. Ich fand, sie sah wunderschön aus.

»Was soll das?«

Sie stand direkt vor mir, und ihr finsterer Blick schüchterte mich nicht im Geringsten ein.

»Ich hab was zu erledigen gehabt«, sagte ich.

»Was hast du zu erledigen mit deinen zwölf Jahren? Verkaufst du auf dem Basar deinen Schatten oder was genau hast du zu erledigen?«

»Seinen Schatten kann man nicht verkaufen, Mutter.«

Sie starrte mich an. Sie war erbost. Und ratlos.

»Danke«, sagte jemand, und sie zuckte zusammen.

Simon war aufgestanden und verbeugte sich ungelenk vor mir.

»Es war schön, dich getroffen zu haben. Ich geh jetzt ein wenig spazieren, wenn du erlaubst.«

»Geh, Simon«, sagte ich. »Und iss, wenn du Hunger hast.«

»Ja«, sagte Simon. Aus seinen kleinen Augen warf er meiner Mutter einen kleinen Blick zu, dann trollte er sich in Richtung der Massen auf dem Marktplatz.

»Wer war das?«, fragte meine Mutter.

»Ein talentierter Schmied«, sagte ich.

»Ach ja? Warum hast du nicht zu Ende gebetet? Ich habe mich geängstigt.«

Ich küsste meine Mutter auf beide Wangen, wozu ich mich nicht auf die Zehenspitzen stellen musste, denn sie war genauso groß wie ich.

»Ich bin hier«, sagte ich. Jetzt sah ich meinen Vater, der sich einen Weg durch die Reihen der Leute bahnte und dabei eine Hand in die Höhe hielt.

»Hab ich für uns gekauft«, rief er, als er näher kam. »Etwas zu essen und zu trinken gleichzeitig.«

Er schwenkte eine Traube vor unseren Augen, an den Stängeln hingen dicke schwarze Früchte.

»Wisst ihr, wen ich getroffen habe?«, fragte mein Vater und verzog beim Kauen das Gesicht. Wir verzogen alle drei das Gesicht, so sauer schmeckten die Trauben.

»Emanuel! Meinen Kollegen Emanuel.«

Ich kannte ihn gut. Er war der vielleicht härteste Konkurrent meines Vaters.