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Die Dichter, die wir kennen, sind von der Zahl her wohl ein Bruchteil derjenigen, die überhaupt Gedichte schreiben oder geschrieben haben, aber sie wären nicht die, die wir kennen, wenn es die unbekannt gebliebenen nicht gäbe. Denn hohe Bäume wachsen dort, wo die andern Bäume schon relativ hoch sind, und genauso, wie bekannte Dichter vereinzelt auch schlechte Gedichte geschrieben haben, haben Unbekannte auch einzelne Gedichte hervorgebracht, die es wert sein mögen, bekannt zu sein. Die Würdigung eines fiktiven unbekannten Dichters zu seinem 25. Todestag durch Beiträge genauso fiktiver Weggefährten, Schüler und Freunde zu einer Anthologie von Gedichten und Prosatexten gerät zur Reminiszenz an die Dichtung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem die der 50er, 60er und 70er Jahre, und wird zur Gelegenheit, verschiedene literarische Formen in Szene zu setzen. Den zwischen Spaß und tieferer Bedeutung, zwischen Kritik und Satire, Parodie und Imitation wechselnden Gedichten, Interpretationen, Essays und andern Prosatexten wird ein Anschein von Wirklichkeit gegeben und auch das Gewohnte und Vertraute erscheint in einem andern Licht. Wo es möglich scheint, dass die hier versammelten Werke genauso wie ihre Autoren selbst bisher unbekannt geblieben, aber real sind, könnte das Spiel mit erdichteter Fiktion und der Wirklichkeit des Erdichteten ein etwas anderes Verhältnis des Lesers zur Wirklichkeit von Dichtung bewirken. Klaus-Peter Uffold, Der Main-Kompass
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Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Zur Einleitung
Leberecht O. Lamm: Werke
Peter Waffel: Leberecht O. Lamm (1917-1993) - Leben und Werk
Pauline Mattern: 3 Gedichte
Max Gehlendorn: 3 Gedichte
Fridolin Lorenz: 4 Gedichte
Friedhelm Fest: 2 Gedichte
Gustav Wehrlich: 2 Gedichte
Günther Nöthi: Der tote Schwan
Reno Schladerer: Der Tod ist das Nichts
Wulf Dieterich: A und B
Thorsten Heger: Der Ursprung der Dinge
Wilma Maushofer: Over-Söder
Martinus Kunzel: Oaßthma
Hinnerk Jäger: Wer parodiert hier wen?
Heiner Bedahl: Märchen für Mädchen
Bettina Tiefenbröck-Spitter: Als das Wünschen noch geholfen hat
Paul Mattela: Straßburger Münster
Hannes Wiedemann: Vergangene Welt
Marianne Pendelein: Fernsehtagebuch IV (Gehirnwäsche)
Britta Kronawitter: Angewandte Lerntheorie
Franz Runkelberg: das wort
Thorsten Dobrich: Anfänge
Friedrich Fersch: Nachts
Johann Wohlgelegen: Ein Zug in der Nacht
Dorothea Zingler: Schuld
Klaus Mühlfelder: 3 Gedichte
Brigitte Zamp: Die Kunst der Selbstrasur III
Wilhelm Becker: Das Veilchen
Friedrich Ferchoff: Die kleinen Dinge
Martin Werner: Die Verdinglichung des Zweckfreien
Anton Rekus: Litanei
Thomas Hartbrohl: Herbstmorgen
Freder Guck: So nett, od'r net?
Udo Marten: Zwei Sonette
Herbert Dautzenried: Meine Beerdigung
Ansgar Hellmann: Dörte Hempel, Zwischenraum
Karl Kochan: Der Lamm-Test
Paul Zurbrügge: Kindergedichte
Anton Blatterer: Hausschlachtung
Heiner F. Siegrist: Gedankensprünge
Bodo M. Cernatzke: Pareidolien
Halon Wittiger: Hä?
Eine Schrift wie die vorliegende hat die Aufgabe, an Leben und Werk des Geehrten zu erinnern, indem biografisches Gedenken mit Arbeiten seiner Weggefährten und Schüler verbunden wird, die Bezug nehmen auf seine Arbeitsgebiete und Arbeiten, damit zu zeigen versuchen, was sie an seiner Seite oder – sozusagen auf seinen Schultern stehend – geleistet haben, damit seine Begleitung und Vorgängerschaft würdigend. Dass dabei nicht auf alle Aspekte des Wirkens und der Hinterlassenschaft einer Person eingegangen werden kann, dass nicht jedes Detail seines Wirkens aus seinem Lebenslauf erklärt und mit biografischen Erfahrungen verbunden werden kann, versteht sich umso mehr, je vielfältiger und aspektreicher, je bedeutsamer und wichtiger das hinterlassene Werk ist, aber auch, je mehr es die Achtung, die Bewahrung des Respekts vor einem Menschen gebietet, der vieles geleistet, aber auch durchlitten hat.
Unerbittlich schiebt uns die Zeit vor sich her. Und verändert alles. Wir können nicht zurückkehren, nicht zu Menschen, die es nicht mehr gibt, und auch nicht an Orte, an denen wir früher einmal gewesen sind, nicht zu Zuständen, die früher einmal waren, denn es sind nicht mehr dieselben. Zwar mögen wir das eine oder andere wiedererkennen, aber die Veränderung ist genauso erkennbar, und auch die Menschen werden andere, es sind nicht mehr dieselben, und das wichtigste ist: Auch wir sind nicht mehr die, die wir einmal waren.
Aber Erinnerung ist möglich, möglich mit all den sich ergebenden Täuschungen der Wahrnehmung, den aus Wünschen und Bedürfnissen geborenen Verzerrungen, den Selektionen, Ergänzungen und Verformungen, die wir mit dem vornehmen, was wir in uns aufbewahren.
So erinnern wir uns an Leberecht Otto Lamm, den Schriftsteller und Dichter, dessen Oeuvre, so schmal es auch geblieben sein mag, sich sehen lassen kann. Er war als Dichter und Literat geachtet von denen, die ihn als kannten, aber es waren wenige.
Einige dieser wenigen haben sich hier zusammengefunden, um ihm mit dieser Publikation zu gedenken. Sie versammelt Beiträge zu Ehren Lamms, und wenn Form und Inhalt oft stärker an die 50-er, 60-er oder 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts gebunden scheinen, so erscheint dies bis zu einem gewissen Grad notwendig, ändert jedoch nichts an ihrer Bedeutung und Relevanz. Die in den Beiträgen besprochenen und wiedergegebenen Gedichte wurden von den Dichtern selbst oder ihren Erben für die hier vorliegende Publikation zur Verfügung gestellt und es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, dass die Dichter genauso wie die Interpreten alle in irgendeiner Form in Beziehung zu Lamm standen. Ausnahmen stellen allein das Gedicht von Martinus Kunzel, das in dem betreffenden Beitrag von Hinnerk Jäger ebenfalls zitierte Gedicht von Ronald Hinzle, ferner der in Auszügen verwendete Text "Zwischenraum" von Dörte Hempel dar.
Ernst und Spaß vermischen sich, aber wir erinnern uns: Mit jedem Witz ist mir todernst, aber man darf nicht allem, das ernst aussieht, trauen, soll Lamm einmal gesagt haben.
Für den unbekannten Dichter ist es egal, ob er lebt oder tot ist, ob es ihn gibt oder nicht, denn die Bedingungen seiner Existenz sind dieselben wie die seiner Nichtexistenz: Niemand kennt ihn, soll er ebenfalls einmal bemerkt haben. Es erscheint zwar paradox, aber ein unbekannter Dichter ist so gut wie tot, ein Dichter, der nicht gelesen wird, ist wie einer, den es nicht gibt. Man könnte es fast umdrehen: Er könnte fast genauso gut erfunden sein. Wenn ihr schon Dichter habt, die ihr nicht kennt, könnt ihr auch solche haben, die mitsamt ihren Gedichten nicht existieren, und indem sich die realen Verhältnisse verkehren, wird denkbar, dass die realen Verhältnisse verkehrt sind.
Literatur ist Erfindung. Die Dichter lügen uns an, um die Wahrheit zu sagen, sagt man manchmal des aphoristischen Paradoxons willen, aber natürlich lügen sie nicht, sie gestalten Sprache, sie erfinden, und das Ergebnis ihres Tuns legitimiert sie. Und wir sollten nicht immer davon ausgehen, dass sie ausgerechnet uns was sagen wollen. In einer Zeit aber, in der den Menschen die Wirklichkeit mehr und mehr verloren geht und durch mediale Surrogate ersetzt wird, hinter denen fremde Interessen stehen und nicht mehr die Absicht, zu Wahrheiten zu gelangen, kann Literatur, Dichtung versuchen, sich selbst in diesen Zusammenhängen zu sehen und sie aufzuklären, in dem sie das reflektiert, was sprachliche, bildliche, mediale Mitteilungen grundsätzlich bedeuten und anrichten können. Denn dann ist nicht nur der unbekannte Dichter nicht existent, es droht, dass der nichtexistente berühmt wird.
Im Herbst 2018 Der Herausgeber
Nach vorne sehen? Das hättet ihr wohl gerne!, in: Burgwächter, Heidenheim a. d. Brenz, 3. Jg. (1951), S. 256-269
Das entspiegelte Du u. dergl., Gedichte, Mautzenbach:Heidelberg 1953
Schreiben und Drucken, in: Printus, Zeitschrift des deutschen Berufsverbands der Drucker, Hannover, 145. Jg. (1953), S. 4457
Schriftsteller und Schriftsetzer, in: P. Beilhardt (Hg.), Literatur im Umbruch, Oderbach:Heimberg 1953
Im Grenzland. Lyrik auf neuen Wegen, Puppel-Verlag:Mühlberg 1956
Keine Ecken, aber am Leben. Der Nierentisch und wir, in: D. Bär (Hg.): Die Gegenwart der Vergangenheit, Puppel-Verlag:Mühlberg 1957, S. 233-279
Zwanzig Politiker, Schrecklein:Stuttgart 1959
Lyrik für Mittelschüler. Gedichte und ihre Interpretation, Lamm-Verlag:Oberaudorf 1960
Daniel McFleet, Gedichte (Übertragung aus dem Englischen von L. O. Lamm), Puppel-Verlag:Mühlberg 1966
Der Spinnenjäger, Oppermann:München 1969
Über Übersetzen, in: Der Nasentrompeter, Freiburg/Br., 1. Jg. (1971), Nr. 2, S. 12-37
Verlorene Gedanken – Aphorismen I, Laubenstein:Freiburg/Br. 1972
Vergessene Dichter, vergessene Gedichte, Süd-Ost-Verlag: Passau 1975
Spuren, Garten, Sand, mimeo (Bad Eibling) 1977
Flüchtige Gedanken – Aphorismen II, Hegenberg & Schütterle:Stuttgart 1979
Gefasste Gedanken – Aphorismen III, Hegenberg & Schütterle:Stuttgart 1980
Doch wahr, genug des Weinens. Eine Kritik an Übersetzungen P. Celans, in: Les fleuves gelées, Straßburg, 12. Jg. (1980), H. 5, S. 472-497
Was ist Bildung?, Eine Rede vor Abiturienten des Kleist-Gymnasiums in Bergminden, in: Die Furche, Ottmarsdorf, 24. Jg. (1982), H. 2, S. 12 -27
Aber die Handelsschüler schrieben schon Aufsätze über Benelux und die EWG/Für H. D. Hüsch, in: Wort und Schrift, 38. Jg. (1982), S. 46-74
Fernsehen und Sendungsbewusstsein: Much Ado About Nothing – Fernsehsendung und Bewusstsein: Love's Labour's Lost. Kritische Anmerkungen zum als Fernsehen Medium, in: W. Ballstädt (Hg.), Medien und Bewusstsein, Burgbacher:Freidenheim a. N. 1983, S. 216 - 324
Wer ich war, wer ich nicht bin – ein Versuch, Teleman:St. Ludwig 1983
Halbe Wahrheiten, ganze Übertreibungen – Zur Theorie des Aphorismus, in: Furche und Pflug, Weimadingen, 134. Jg. (1983), H. 1, S. 27-135
Früher war mehr Zukunft, in: P. M. Elmendinger (Hg.), Horizonte, Perspektiven, Katastrophen, Tegelbergerhoff:Bramstedt 1983
(Hg.), Kritik, Satire, Parodie: Lesebuch für Ungläubige, Wehringer Verlags-Union:Stuttgart 1984
Der Mann, der hinter Schränke onanierte. Eine Groteske, unvollendet, posthum herausg. von P. Weltmann, Weltmann: Obergottdorf 1997
1 Nicht aufgeführt sind Reportagen, Berichte und Artikel, die Lamm als Journalist geschrieben hat, ebenfalls Veröffentlichungen einzelner weniger Gedichte oder Aphorismen in verschiedenen Publikationsorganen. Ein Werkverzeichnis, das auch diese Arbeiten Lamms aufnimmt, ist in Vorbereitung.
Er war erstarrt, endgültig, hatte die Brücken abgebrochen, jeglichen Kontakt, jegliche Anerkennung von Mitmensch, Umwelt verweigernd. Er war am Leben, aber er regte sich nicht an jenem Spätnachmittag im Herbst 1993. Es hatte schon etwas länger genieselt und es war ziemlich kalt geworden. Spaziergänger, die ihn auf einer Bank sitzend fanden und angesprochen hatten ("Sie sind ja ganz nass!"), erhielten keine Reaktion und meldeten sich beim Notruf der Polizei. Die ließ ihn in die Klinik in W. bringen, wo er einige Tage später starb. Als Todesursache wurden Lungenentzündung und körperliche Schwäche angegeben, als eigentlicher Grund wurde eine dissoziative Störung vermutet, wegen der er sich bereits 1978 in psychiatrische Behandlung begeben hatte.
Dissoziative Störungen sind komplexe Phänomene, meist Reaktionen auf unerträgliche Erlebnisse oder gravierende Konflikte, treten oft in Zusammenhang mit andern psychischen Störungen wie Despressionen oder Schizophrenie auf. Die Betroffenen ziehen sich von der Welt zurück, stellen sich tot, blenden Erinnerungen aus – bis hin zur Auslöschung der eigenen Identität.
*
Leberecht Otto Lamm wurde am 3. September 1917 als einziges Kind des Ehepaares Wilhelmine und Eugen Lamm in S* geboren. Es ist wenig über seine Eltern bekannt, aber sie sollen bei seiner Geburt bereits betagter gewesen sein, der Vater, ein Berufssoldat, war als nicht kriegsverwendungsfähig 1916 aus dem Militärdienst entlassen worden.
Lamm selbst hat wenig über sie gesprochen, aber es kann kein Zweifel bestehen, dass er für beide, vor allem aber für die Mutter, tiefe Gefühle hegte. Ich kann mich erinnern, dass wir – ich muss 9 oder so gewesen sein – einen Ausflug zu einer Automobilausstellung, es kann auch ein Autorennen gewesen sein, ich weiß es nicht mehr, machten und dass das ein sehr glücklicher Tag für mich war. Es war im Frühjahr oder im Sommer. Ich sehe meine Eltern vor mir, beide schlank, beide wirkten fast jugendlich, meine Mutter in einem einfachen geblümten Kleid, mein Vater in Gabardine-Hose, beigem kurzärmligem Bleyle-Polohemd mit Reisverschluss und so einer kleinen Metallkugel am Zipper, und ich stelle mir vor, dass ich sie so wiedersehe in meiner Sterbestunde, ich sehe sie vor mir, wie sie mir zulachen und winken, und ich gehe zu ihnen, schreibt er in seinem biografischen Versuch.
Er fand sie jedoch auch nicht immer einfach, war oft nicht einverstanden mit ihnen, und nachträglich charakterisierte er das mit gutmütigem Spott. So sagte er einmal: Die Lebenserwartung eines Lammes dürfte in der Massentierhaltung bei einem viertel bis maximal einem dreiviertel Jahr liegen. Der Name, den sie mir gaben, ist also ein Widerspruch in sich. Und er übertrieb diesen Spott, indem er – einer amerikanischen Mode der Zeit folgend – in seinem Namen das Initial seines zweiten Vornamens verwandte.
Der Vater war 1929 auf der Intensivstation des Krankenhauses in B. an einer Sepsis gestorben, die er sich nach einer Operation zugezogen hatte. Es war ein langsames Sterben gewesen, immer wieder zwischen Hoffen und Bangen, und der Vater, gegen Ende im Delir, meinte, wieder im Krieg zu sein. Leberecht und seine Mutter besuchten ihn fast jeden Tag und der Junge litt unter dem Zustand, in dem sich sein Vater befand. Einmal, es war ein schöner Mai-Tag, berichtete er, hatte der Vater durch ein Fenster über einem Fabrikschornstein in der Ferne eine fast senkrechte, unbewegt stehende Rauchsäule bemerkt. Beide schauten hin und der Vater sagte: Der macht mir Spaß, der Rauch!, er selber aber sei in Tränen ausgebrochen.
Es gab wohl keine Möglichkeit, den Vater aus seiner Lage zu befreien oder diese zu lindern, denn er war nicht transportfähig, und so schied selbst die Möglichkeit aus, ihn in ein anderes Krankenhaus verlegen zu lassen, und aus Gründen der medizinischen Versorgung war es ohnehin unmöglich, ihn nach Hause zu nehmen, was er sehr gerne wollte. Leberecht hatte nach dem Tod des Vaters noch Schuldgefühle, weil er ihm nicht helfen konnte, und an eine Situation, in der er ihn, wie er sagte, regelrecht im Stich gelassen hatte, musste er sein ganzes Leben lang denken: Er war alleine gekommen, seine Mutter musste einen Termin bei ihrem Arzt wahrnehmen, und sein Vater klagte über starken Schmerz und eine wunde Stelle an der Hüfte. Da die Schwester nicht kam, bat er Leberecht, ihn mit Penaten-Creme, die er in der Schublade seines Nachttisches hatte, einzureiben. Leberecht hob die Bettdecke etwas an, der Vater drehte sich mühsam ein wenig zur Seite und Leberecht sah, dass er in einer Art Windel in seinen Exkrementen lag, und in diesem Augenblick setzte sich ein paar Betten weiter ein Patient auf und übergab sich lautlos. Leberecht flüchtete würgend und hustend aus dem Krankenzimmer, auch mit dem Impuls, eine Schwester herbeizuschaffen, aber vor allem, um sich nicht selbst übergeben zu müssen. Ich konnte auch später nicht an die Situation denken, ohne mich fast zu übergeben; jedenfalls brauchte ich länger, um den Brechreiz zu überwinden, eine Schwester anzusprechen und von der Station herbeizuholen, und die brauchte dann nochmal mindestens 20 Minuten zum Saubermachen. Vorher getraute ich mich nicht ins Zimmer, und diese halbe Stunde lang habe ich meinen Vater im Stich gelassen. Ich war ein 12-jähriger Junge, ein Kind noch, wenn man so will, aber ich wurde nie erwachsen genug, es mir zu verzeihen.
In der Volksschule muss Leberecht ein guter Schüler gewesen sein, wegen der Vermögensverhältnisse seiner Eltern aber war an einen Besuch des Gymnasiums in der Kreisstadt nicht zu denken. Der örtliche Pfarrer, der auch den Religionsunterricht erteilte, wollte ihn mit einem Stipendium in ein Internat bringen; da dieses aber als Einrichtung bekannt war, die Jungen mit Latein und Griechisch auf das Priesteramt vorbereitete, wollten seine Eltern – der Vater war überzeugter Kommunist und Leberecht hatte auf seine stille und unauffällige Weise vieles von ihm übernommen – dem nicht zustimmen.
So wurde er nach Abschluss der Volksschule durch Vermittlung eines entfernten Verwandten zur Lehre als Schriftsetzer in einer kleinen Druckerei, die auch eine Art Regionalzeitung herausgab, untergebracht. Als Schriftsetzer lernt man, auf die äußere formale Gestalt von Sprache zu achten, auf die Schreibung der Worte und wie man die Satzzeichen richtig im Text verteilt. Es ist für mich immer fast eine Art charakterlicher Mangel, wenn jemand die Rechtschreibung nicht beherrscht, so wie wir es etwa auch fast als persönlichen Mangel empfinden, wenn ein Handwerker sein Metier nicht beherrscht oder ein Fußballspieler schlechten Fußball spielt. Aber noch wichtiger ist, dass man die Dinge von hinten nach vorne, sozusagen gegen den Strich betrachten lernt. Ich habe gelernt, dass das, was man gemeinhin als Ursache-Wirkung betrachtet hat, oft anders betrachtet werden muss, dass man zumindest vorsichtig sein muss, wenn man Gründe annimmt oder Verantwortung und Schuld zuweist, bekennt er in seinem Aufsatz über den Schriftsetzer.
Er mag in dieser Druckerei mit seinen wenigen älteren Kollegen nicht immer gut zurechtgekommen sein, vor allem, wenn diese von ihren Kriegserlebnissen berichteten, aber der Umgang mit geschriebener Sprache prägte ihn für sein ganzes Leben, entfaltete eine Faszination, die ihn nicht mehr losließ.
Und es war ein bitteres Leben vorerst. 1938 wurde er eingezogen, nahm als Soldat an der Besetzung Polens teil, wurde dort stationiert. Bei einem Urlaub hatte er Franziska U. kennengelernt und nach einem kurzen, nicht erhaltenen Briefwechsel auf einem nächsten Urlaub geheiratet. 1943 war die gemeinsame Tochter geboren worden und auf einem Kurzurlaub auf dem Weg nach Sizilien, wohin er mit seiner Kompanie verlegt worden war, sah er sein Kind zum ersten und letzten Mal. Auch seine Frau hat er danach nicht wiedergesehen, beide kamen 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben.
Dabei hatte er sich zunächst noch große Hoffnungen gemacht. Trotz der politischen Verhältnisse hatte er anfänglich noch geglaubt, diesen entkommen zu können. Er hatte das Soldatenabitur gemacht, das war 1943, und er wollte die Zukunft seiner Familie auf andere Weise als durch die Schriftsetzerei sichern, sogar in ein anderes Land gehen. Es war für ihn immer deutlicher geworden, was in Deutschland vorging; er konnte sich nicht vorstellen, gerade nach einem damals noch für möglich gehaltenen "Endsieg" zu bleiben, und noch 1943 glaubte er, mit seiner Familie auswandern zu können. Im Lauf des Jahres mehrten sich jedoch die Zweifel an der militärischen Überlegenheit Deutschlands und sein Wunsch, irgendwohin zu gehen, nach Australien oder Neuseeland, wurde drängender, auch wenn er keine Möglichkeit sah, ihn zu verwirklichen. Verantwortlich für das, was im deutschen Namen geschah, fühlte er sich damals nicht, es waren die Nazis, nicht er, aber er musste zunehmend begreifen, wie auch er verwoben war in dieses Geflecht aus Pflicht und Zwang und Schuld und Verbrechen; er hat sich im Nachhinein seiner anfänglichen Naivität wegen geschämt.
Nach der Landung der Amerikaner auf Sizilien geriet er in Gefangenschaft. Er wurde in ein POW-Camp in Kentucky und dann nach Fort Dix im Staat New York verbracht. Man hatte ihn dort nach einiger Zeit zur Arbeit in einer Ketchup-Fabrik eingeteilt. Die Amis sahen im Grunde alle Deutschen zunächst als Verbrecher und Nazis an. Aber sie waren in der Lage, Verhalten und Charakter ihrer Gefangenen zu beurteilen, auch wenn darunter die üblichen Wendehälse, Schleimer und Raffzähne waren, die aus allem Kapital schlagen konnten. Lamm erlebte die Gefangenschaft nach eigenen Aussagen als kaum real, wie einen Traum, einen Albtraum dann, als ihn die Nachricht vom Tod von Frau und Kind erreicht hatte. Es ist jedoch davon auszugehen, dass bereits seine Erlebnisse als Soldat nicht leicht für ihn zu verkraften waren. Jetzt wurde er lethargisch, teilnahmslos, und als man ihn aus der Gefangenschaft entließ, er 1946 im Alter von 29 Jahren zu seiner schwerkranken Mutter zurückkehrt, schreibt er: Ich lebe, aber es fühlt sich nicht so an, und zu Günther Nöthi, der ihm in den 60-er Jahren ein treuer Freund geworden war, sagte er einmal: Das schlimmste war, dass ich meiner Mutter nichts geben, nichts zurückgeben konnte, ich war wie aus Stein oder Lehm, ein Golem, aber ohne dessen Stärke. Sie sah mich immer so seltsam an, und ich wusste irgendwie, sie wartet auf etwas, irgendein Wort oder ein kleines freundliches Zeichen; und ich wusste auch, sie wartet nicht so sehr um ihret- als um meinetwillen darauf. Äußerlich ging ich verschiedenen Tätigkeiten nach, an die ich mich kaum noch erinnere, ich habe gefuggert mit Bauern, auf dem Schwarzmarkt gehandelt, geklaut, betrogen und gelogen. Einmal – daran erinnere ich mich deutlich – stand ich mutterseelenallein auf einem öden Acker, einen leeren Rucksack umgeschnallt, und ich dachte nur: der Rucksack ist von dem Nachbarn und meine Mutter liegt todkrank im Bett. Das war alles, ich wusste weder, wo ich eigentlich bin noch wie ich dorthin gekommen war, noch, was ich dort wollte oder wohin ich gehen sollte. Es ging auch nicht um Sinn und Unsinn des Lebens oder irgendetwas anderes, ich dachte immer nur, der Rucksack ist von dem Nachbarn und meine Mutter liegt todkrank im Bett. Irgendwann, als es Dunkel wurde, bin ich einfach andern Leuten nachgelaufen, kam zu einem Bahnhof, und da ich eine Fahrkarte hatte, hat man mich in den richtigen Zug gesetzt, rechtzeitig rausgeschmissen und am Heimatbahnhof habe ich mich schließlich erinnert, wohin ich gehen musste.
Die Mutter starb im späten Januar 1947 an Unterernährung und an der Kälte. Pneumokokken waren ins Bauchfell gewandert, erzählte er später, es lag an der miesen Ernährung, auch daran, dass wir fast nichts zu heizen hatten. Der Bewohner des Zimmers neben ihnen, derselbe, der den Rucksack verliehen hatte, konnte sich manchmal Kohlen von seinem Chef "besorgen" und wenn es ihm warm genug war, öffnete er die Zwischentür. Sie hatten nicht viel, was man gegen Lebensnotwendiges eintauschen konnte; ein entfernter Verwandter der Mutter, der in einem Steinbruch arbeitete, brachte ihnen manchmal Kalk und den konnte man tauschen, aber sonst waren er und seine Mutter auf sich allein gestellt. Ihm selbst blieb alles eher unwirklich, wie im Nebel, aber ein Bild von seiner Mutter beim Weihnachtsfest 1946 hat sich ihm tief eingeprägt: Sie hielt den Weihnachtsbaumersatz, einen Tannenzweig, den der Nachbar mit etwas Silberpapier geschmückt und ihr ans Bett gestellt hatte, in beiden Händen und sang ein Weihnachtslied. So etwas Ergreifendes und zugleich Schreckliches habe ich nie mehr erlebt, sagt Lamm in seinem biografischen Versuch, es hat mich ganz stark an meinen Vater und den Rauch erinnert und da wusste ich, dass auch sie bald sterben würde.
Später einmal sagte er: Wenn die Metapher nicht so abgegriffen wäre, könnte man sagen, ich hätte wegen der Literatur überlebt. Im Lesen, im Versinken, im Verschwinden in andere Welten muss er seinen Trost gefunden haben. Seine Mutter hatte noch einige Bücher aus seiner Jugendzeit gerettet - sie wurden irgendwann auch eingetauscht, weil man mit ihnen nur schlecht heizen konnte (Karl May qualmt am schlimmsten, soll er später mal gesagt haben) – aber das schien so etwas wie eine Rettung gewesen zu sein. Er las im Bett, meist frühmorgens, wenn es schon hell war, er aber noch nicht rausmusste, im Winter angetan mit Schal, Handschuhen, Mütze, später konnte er sich andere Bücher leihen; auch die Bibliothek des Schwesternhauses in seinem Heimatort hatte 1947 wieder geöffnet – die Schwestern hatten auch den Betrieb einer Wäscherei und dann den einer Badeanstalt wiederaufgenommen, wo man sich samstags für einen geringen Betrag eine Badewanne mit heißem Wasser mieten konnte, Seife und Handtuch musste man selbst mitbringen – und dann, als er nach und nach wieder zum Leben erwachte, begann er, Gedichte auswendig zu lernen. Ich brauchte das, um sie abends im Dunkeln, wenn ich nicht einschlafen konnte, vor mich hin zu sagen. Ich musste mich irgendwie ablenken. Ich konnte sogar mal The Waste Land auswendig auf Englisch, aber im Laufe von der Feuerpredigt bin ich meist eingeschlafen.
Später meinte er, dass er so zum Dichten und eigentlich auch zum Übersetzen gekommen sei, denn die Rhythmen, die Klänge und Klangfolgen hätten sich ihm so eingeprägt, dass er sie nach und nach mit eigenen Worten füllen konnte, und bei Eliot habe er sich immer gefragt, wie der englische Text sinnvoll und unter Beachtung der rhythmischen Strukturen und vereinzelten Endreime ins Deutsche übertragen werden könne, ansatzweise auch Versuche einer Übersetzung unternommen, bis dann 1951 die von Curtius erschien.
Er wird freier, unabhängiger von seinen Vorbildern, aber seinen Gedichten in dem 1953 veröffentlichten Erstlingsband merkt man immer noch an, aus welcher Kälte und Not sein Verfasser kam.
Sommerabend am See
Es atmet das Land die Kühle des Abends.
Äste schwanken leicht und es sind
Schemen in den Wald gebannt;
die Blätter fächeln im Wind.
Silbergewellt ragt die Fläche des Sees
zum jenseits liegenden Ufer hin,
vom dämmernden Himmel erhellt,
pulsierendes Flirren darin.
Im Wasser wehen träge fasrige Algen,
spiegelt sich schwankend ein Baum.
Zwischen den Schilfhalmen stehen
Moder und grünlicher Schaum.
Die Ufer verdüstern hinüber zum Wald,
der zuvor noch im Sonnenlicht lag;
durchs Ried streicht ein Flüstern.
Es schwindet der Tag.
Glitzernd zittern kleine runde Wellen
endlos von der Mitte an den Rand,
nässen Ziegelbrocken, die verwittern,
Kieselsteine, weißen Sand,
Plätschern an Kähnen, halb gesunken,
zwischen den glitschigen Zweigen
von Büschen, die am Ufer lehnen,
sich zum Wasser neigen.
Dann verblassen die azurenen Schatten
ins Grau, Farben schwinden, dunkeln,
von Licht und Sonne verlassen,
zwischen fiebrigem Funkeln.
Allmählich fallen die Ufer in Schwarz.
Das Silber glänzt härter und weiß.
Die Stimmen der Dinge verhallen.
Die Nacht kommt leis.
Es erscheint uns heute als Beispiel für die typische "Innere Emigrations-Lyrik", die von Benn verachtete Naturlyrik der Zeit. Wir pflichten Benn darin bei, weil wir sehen, dass sie für viele Gelegenheit war, statt weiter von Blut und Boden nun von Empfindung und Wiesen und Wäldern zu reden, aber Benn ist weniger Demokrat und weniger auf Distanz zum Nationalsozialismus, als man annehmen sollte, hatte Lamm gesagt. Sie war jedenfalls das Feld, in dem auch andere und bekanntere als Lamm, Bergengruen, Langässer, Carossa etwa, ihre Verletzungen und Verwundungen aufzuarbeiten suchten, nur begrenzt fähig, das Erlebte konkret zu benennen, das aber unzweifelhaft immer noch gegenwärtig war; man denke etwa ebenfalls an Lamms 50-er-Jahre Frühling, wo die alten Männer in der Fühlingssonne im Freien auf Bänken sitzen, sacht von Freunden reden, die sie hatten, und noch Kälte durch die Gehwegplatten nach oben dringt – es gibt kaum eine Metapher, die die Gegenwart des Vergangenen so leicht und doch so eindringlich festhält.
Lamms See-Gedicht lebt genauso wie seine andern von der genauen und präzisen Beobachtung, aber es wirkt irgendwie erstarrt, man hat den Eindruck, würde man die Ziegelbrocken am Seeufer ein wenig beiseite scharren, käme eisige Kälte darunter zum Vorschein. Dennoch aber deutet sich im Verdämmern, in der Erwartung und im Kommen der Nacht so etwas wie Erlösung, wie Vergessen an, und auch wenn das Silber des Wassers jetzt härter und weiß glänzt, so verhallen doch die Stimmen der Dinge. Lamms Traumata drücken sich in diesem Gedicht aus, sind da, ohne benannt zu werden, aber allein dadurch, dass er dichtet, zeigt er, dass er trotz allem zu sich zurückzufinden beginnt.
Seine äußeren Verhältnisse stabilisierten sich nach und nach. Den Wunsch zu studieren hatte er aufgegeben, zu drückend war die materielle Not, aber 1949 – das sogenannte Wirtschaftswunder kommt in Fahrt – nahm er bei seinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb eine Tätigkeit als Schriftsetzer und Drucker auf, nachdem er zuvor dort schon des Öfteren zur Aushilfe gearbeitet hatte. Er wird ausgeglichener, ruhiger, aber er braucht für den Alltag und den Beruf nahezu seine ganze Kraft. Ab und an gelingen ihm dennoch Gedichte.
Sein Gedichtband war nach den hochfliegenden Erwartungen des Autors eine Enttäuschung. Niemand interessierte sich dafür, die Reaktionen der Kollegen in der Arbeit, der Nachbarn und Bekannten schwankten zwischen Bedauern und Spott. Dennoch veröffentlicht er drei Jahre später sein nächstes Buch. Mit Im Grenzland. Lyrik auf neuen Wegen verlässt er traditionelle lyrische Formen und versucht, in Bereiche zwischen Lyrik und Prosa vorzudringen, dem Gedicht neue Formen und Möglichkeiten zu eröffnen. Als charakteristisch dafür können etwa das in der Adaption durch Segebrecht2 bekannt gewordene Capriccio furioso (capriccio furioso/tarantella/grim fandango/final tango/last waltz/apocalypso…), das aus Zeitungsschlagzeilen zusammengesetzte Bastelgedicht (…Mitwisser decken Mord/Minister hält Wort/Bald Flug ins Weltall?/München als Modellfall/Steigendes Rentenalter/Tipps für Vermögensverwalter/ABC-Schützen lernen schreiben/Sauna für Frauen soll bleiben/Kinderspielplatz am Ort/Vorkultur im Gewächshaus/Stadtwerken geht Geld aus….) gesehen werden, Formen, die sich später dann in Gedichten wie C’est si beau3 (Motto: Jede Woche eine neue Welt, weil keine eine Woche hält) mit den Anfangszeilen
High-Performance-Ski-und Snowboardbrille thermoregulierende Damen-Funktionsunterwäsche Doubleflexwebboxershorts Antifrost-Innensohle zweischichtgestrickt und feuchtigkeitstransportierend durch innovative Mikrokapseltechnologie bidirektionale 2-Wege-Ventilationsreisverschlüsse …
wiederfinden. Das Lehrgedicht für Fundamentalisten mit dem pädagogischen Imperativ Lese (statt "Lies"! P.W.) aufmerksam! kann in diese Zusammenhänge eingeordnet werden, aber noch charakteristischer für seine Absicht sind jene fast als Prosa erscheinenden, an Jazz erinnernden Texte, in denen immer wieder Klangfolgen auftauchen, verschwinden, um dann variiert wieder zu kehren.
Der Band enthält aber auch das ergreifende Gedicht, das Lamm im Gedenken an das Sterben des Vaters geschrieben hat:
Intensivstation/Delir
Das Lager hebt sich
und alles ist da
die Wolke am Fenster
aufsteigender Rauch
der Stein
die Sonne
auf der weißen Wand
das Laken
der zerstochene Bauch
der Fisch am Haken
im hellheißen Sand
der eingefallene Mund
der wehe, vertrocknete Schlund
der enge Verband
der weich gebettet auftauchende Schmerz
das Treiben im Strudel
hinabgestiegen hinaufgezogen
zu den brausenden Wogen
Der Arzt der ihm sagt dass er lebt
mit seinem nadelspitzem Verstand
die Mutter die lächelnd über ihm schwebt
das versehrte Herz in der Hand
der verstörte Blick
die irrenden Augen die alles sehen
die wirren Gedanken die nicht verstehen
die vielen Stunden die nicht vergehen
die glühende Wand
das fiebrige Lallen
das Fallen
Der in Glas geritzte Schrei
das vergebliche Wort
Und alles ist da
und alles ist fort
die Sonne
der Stein
und der weiße Strand
das Laken so rein
Wieder
das Schreien
hinter der weißglühenden Wand
Er ist allein
Er geht in ein anderes Land
treibt in ein anderes Meer
wo er versinkt
wo ihn anderes quält
Zahnlos beißen
die Kiefer auf Eisen
Jeden Tag
den er bestand
hat er bezahlt
mit seiner Kraft
die ihm nun fehlt
Dann fällt
der Stein
Nichts wird mehr sein
wie es war
Nur Rauch steigt auf
immerdar
Um 1954 oder 55 herum beginnt er, Volkshochschulkurse über Literaturgeschichte und Philosophie zu besuchen. Er kennt natürlich die Literaturgeschichte, die Schriftsteller und Dichter, aber er möchte mehr verstehen, möchte größeren Überblick, mehr analytische Schärfe gewinnen, und er beschäftigt sich mit den Existenzphilosophen; Sartre sagt ihm weniger zu, auch weil er angesichts des realen Kommunismus längst die vom Vater übernommenen Vorstellungen über Bord geworfen hat, aber Camus fasziniert ihn. Er glaubt an die existenzielle "Geworfenheit" des Menschen, der die Absurdität seines Lebens aushalten, ihr mit Würde gegenübertreten muss, wenn er sein Menschsein nicht verraten will, aber er weiß auch, wie schwach der Mensch ist; später einmal soll er zu Emilie Mayen sagen: Manchmal kann Selbstmord die einzige Möglichkeit sein, seine Würde zu bewahren. Dabei meine ich keineswegs jene römischen oder japanischen Generale, die sich nach der verlorenen Schlacht in ihr Schwert zu stürzen oder Harakiri zu begehen hatten; Verlust, Misserfolg, Schmach zu ertragen, das ist es oft gerade, worin sich Würde zeigt. Ich meine mehr Situationen, in denen Menschen ihre Würde abhanden zu kommen droht, durch die Apparatemedizin zum Beispiel oder durch Altenheime, wie A. Mayen in ihrem Buch über das Leben ihrer Mutter berichtet.
