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Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. »Ich mache mir wirklich Sorgen um dich, mein Kind. Es muß etwas geschehen.« »Aber warum denn, Schwester Oberin? Mir geht es gut bei Ihnen.« Die Oberin des Waisenhauses ist eine gütige alte Dame, die sich immer wieder redlich bemüht, niemanden merken zu lassen, wie innig sie ihr ältestes Findelkind ins Herz geschlossen hat. »Man muß aber doch an deine Zukunft denken. Ich möchte so gern, daß du einen richtigen Beruf ausübst, damit du deinen eigenen Weg gehen kannst, wenn du großjährig bist.« Das schmale, hochaufgeschossene Mädchen mit dem fröhlichen Gesicht lacht unbekümmert auf. »Ich mag aber nicht weg von hier. Hier fühle ich mich wohl. Sie sind meine Mutter geworden von dem Tag an, an dem Sie mich da draußen vor den Stufen gefunden haben. Bitte, bitte, Schwester Oberin, erzählen Sie doch noch einmal, wie es damals war, und auch, weshalb Sie mir diesen schrecklichen Namen gegeben haben. Wenn ich wirklich irgendwo einen Beruf lernen und meinen Namen Berta Mai nennen würde, gäbe es bestimmt Lachstürme.« Die Oberin lächelt vor sich hin. der unbeschwerten Wesensart ihres Schützlings. »Ja, mein Kind, das war so: An einem wunderschönen Maiabend gingen wir Schwestern zur Andacht in die Kapelle. Als ich gerade die Stufen vor der großen Haustür hinunterkam, hörte ich plötzlich aus dem dichten Rhododendrongebüsch dort drüben klägliches Weinen. Natürlich ging ich hinüber und fand versteckt ein kleines weißes Bündel. Mit jämmerlich aufgerissenem Mündchen schrie ein winziges Menschlein vor Hunger.« »Und weiter?«
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2023
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»Ich mache mir wirklich Sorgen um dich, mein Kind. Es muß etwas geschehen.«
»Aber warum denn, Schwester Oberin? Mir geht es gut bei Ihnen.«
Die Oberin des Waisenhauses ist eine gütige alte Dame, die sich immer wieder redlich bemüht, niemanden merken zu lassen, wie innig sie ihr ältestes Findelkind ins Herz geschlossen hat.
»Man muß aber doch an deine Zukunft denken. Ich möchte so gern, daß du einen richtigen Beruf ausübst, damit du deinen eigenen Weg gehen kannst, wenn du großjährig bist.«
Das schmale, hochaufgeschossene Mädchen mit dem fröhlichen Gesicht lacht unbekümmert auf.
»Ich mag aber nicht weg von hier. Hier fühle ich mich wohl. Sie sind meine Mutter geworden von dem Tag an, an dem Sie mich da draußen vor den Stufen gefunden haben. Bitte, bitte, Schwester Oberin, erzählen Sie doch noch einmal, wie es damals war, und auch, weshalb Sie mir diesen schrecklichen Namen gegeben haben. Wenn ich wirklich irgendwo einen Beruf lernen und meinen Namen Berta Mai nennen würde, gäbe es bestimmt Lachstürme.«
Die Oberin lächelt vor sich hin.
Immer wieder ist sie angerührt von
der unbeschwerten Wesensart ihres Schützlings.
»Ja, mein Kind, das war so: An einem wunderschönen Maiabend gingen wir Schwestern zur Andacht in die Kapelle. Als ich gerade die Stufen vor der großen Haustür hinunterkam, hörte ich plötzlich aus dem dichten Rhododendrongebüsch dort drüben klägliches Weinen. Natürlich ging ich hinüber und fand versteckt ein kleines weißes Bündel. Mit jämmerlich aufgerissenem Mündchen schrie ein winziges Menschlein vor Hunger.«
»Und weiter?« fragt das Mädchen.
»Ja, zunächst habe ich Milch warm gemacht und das kleine Geschöpfchen – also dich – vorsichtig gefüttert. Dann habe ich es neu gewickelt und dabei etwas gefunden: einen Zettel, auf dem stand: ›Bitte, seid gut zu meinem Mädelchen‹ – und zwei Buchstaben, ein B und ein M.«
»Und niemals haben Sie erfahren können, wer meine Eltern sind?«
»Nein, mein Kind, nie. Wir haben alles versucht und überall geforscht. Nichts war festzustellen. Nicht einmal die beiden Buchstaben konnten uns irgendeinen Aufschluß geben.«
»Hm. Aber mich haben Sie dann mit einem so merkwürdigen Namen getauft.«
»Ja, das B – daraus wurde Berta. Ich weiß, du magst diesen Namen nicht. Aber jetzt nennen wir dich ja auch alle ›Berri‹, und das ist doch ganz ordentlich, nicht wahr?«
»Hm. Aber dann noch ›Mai‹ dazu, das ist nun wirklich nicht überwältigend.«
Die Oberin lachte herzhaft auf. »Dummes Ding, stell dir mal vor, wir hätten dich im Dezember gefunden, was dann? Du hattest ein M – bist im Mai gefunden worden, was lag da näher, als dich so zu nennen? So, jetzt Schluß, Berri. Schau nach, ob die Tische gedeckt sind. Wir müssen die hungrigen Mäuler stopfen.«
Hastig läuft Berri hin und her. Vergnügt sitzt sie kurze Zeit später an ihrem Extratisch.
Berri liebt Kinder sehr, je kleiner sie sind, desto reizender findet sie sie. Deshalb hat die Oberin die sechs Kleinsten ihrer alleinigen Obhut anvertraut. Sie kümmert sich den ganzen Tag um sie und betreut sie natürlich auch bei Tisch.
Nach dem Essen müssen die Kleinen Ruhe halten, und Berri setzt sich dann in eine Ecke, um Strümpfe zu stopfen, Kleider und Wäsche zu flicken oder aus Wollresten neue Sachen zu stricken.
Heute aber hat sie sich kaum niedergelassen, als sie schon wieder aufstehen muß.
»Du sollst zur Mutter Oberin kommen, Berri.«
Natürlich folgt das junge Mädchen sofort.
»Ja, bitte, Mutter Oberin, Sie wollen mich sprechen«, sagt sie, noch ein wenig atemlos vom Laufen.
»Ja, Kind. Ich will jetzt ganz ernsthaft mit dir über deine Zukunft nachdenken.«
Die alte, gütige Nonne nimmt die Hände des jungen Mädchens in die ihren. »Schau, Kleines, es wäre nicht recht von mir, wenn ich dich ein Leben lang hier im Hause behalten würde.«
»Aber warum denn? Ich fühle mich hier wohl, dies ist mein Zuhause. Es ist doch beinahe so, als wüchse ich bei einer geliebten Mutter mit vielen Geschwistern zusammen auf.«
»Es ist brav von dir, Berri, daß du die Dinge so siehst, und für mich ist es eine große Genugtuung zu wissen, daß ein Waisenhaus nicht immer ein Ort des Schreckens sein muß. Und gerade deshalb habe ich kein Recht dazu, dir dein Leben zu verbauen. Du bist genau der Mensch, der eines Tages heiraten und Kinder haben sollte.«
Da kann Berri schon wieder lachen. »Schön wär’s! Aber woher soll so ein armes Ding wie ich einen Mann zum Heiraten hernehmen?«
»Nun, hier lernst du sicherlich keinen kennen«, sagt die Oberin trocken.
»Ach, Schwester Oberin, glauben Sie im Ernst, ein netter junger Mann heiratet ein Mädchen, das nicht mal einen eigenen Namen hat, weil niemand ihm sagen kann, wer seine Eltern sind? Nein, nein, solche Träume habe ich nicht.«
»Hör zu, Berri, ich habe vor, deinen Fall mit unserem Vorstand zu besprechen. Du weißt, daß einer unserer großmütigsten Förderer Herr Bernburg ist. Er hat bisher immer Rat gewußt, wenn ich Sorgen hatte, vielleicht hilft er auch diesmal.«
»Warum haben Sie es denn so eilig?«
»Weil er heute nachmittag hierherkommt.«
Da reißt Berri die Augen weit auf, springt hoch und macht plötzlich den Eindruck, als wolle man sie in einen Löwenkäfig sperren.
»Nein, nein, bitte nicht! Nicht zum steinernen Gast!«
Verständnislos schüttelt die Oberin den Kopf. »Was hast du da gesagt? Was soll das bedeuten?«
Erschreckt hat Berri die Hände vor den Mund gepreßt.
»Verzeihung, das wollte ich gar nicht sagen. Es ist mir nur so herausgerutscht.«
»Nein, mein Kind! Jetzt will ich genau wissen, wie du zu solch einer Bemerkung kommst.«
Mühsam ein Schluchzen zurückdrängend, steht Berri da wie ein gescholtenes Schulkind.
»Wenn die Herren vom Vorstand hierherkamen, haben wir sie immer heimlich beobachtet. Von allen hatten wir am meisten Angst vor Herrn Bernburg. Natürlich, er kann nichts dafür, daß er hinkt. Aber er ist so dunkel und hart im Aussehen, und noch nie hat er mit jemandem von uns ein Wort gesprochen oder auch nur ein einziges Mal gelacht. Und weil wir eben alle für ihn Luft sind, haben wir ihm einen Spitznamen gegeben.«
»So! Und da habt ihr Herrn Bernburg den ›steinernen Gast‹ genannt. Merkwürdig, daß ich selbst ihn nie so gesehen habe! Gewiß, er ist ein ernster, sehr zurückhaltender Mensch, aber ich habe ihn immer als sehr klug und charmant angesehen. Es ist nicht recht, über einen Menschen zu urteilen, den man gar nicht kennt.«
Berri hört deutlich den sanften Tadel heraus, und sie bemüht sich auch, die Dinge anders zu sehen. Aber das ist einfach unmöglich für sie.
»Und ich habe trotzdem Angst vor ihm«, sagt sie.
»Das ist bedauerlich, aber hilft dir nicht weiter. Ich werde mit ihm reden, und du mußt damit rechnen, daß ich dich ihm vorstelle. Ich lasse dich rufen, wenn es soweit ist.«
*
Michael Bernburg ist pünktlich im Waisenhaus erschienen, und die Oberin hat ihn sofort zu sich bitten lassen.
Aufmerksam sieht sie ihren Gast an, als er ihr Zimmer betritt, und es fällt ihr schwer, ein leises Schmunzeln zu unterdrücken.
Wirklich, die Kinder haben nicht ganz unrecht mit ihrem Spitznamen für ihn. Michael ist ein hochgewachsener, breitschultriger und sehr dunkel anmutender Mann. Haar und Brauen sind pechschwarz, und die Augen haben die gleiche Farbe.
Sein Gesicht ist klar und gradlinig geschnitten, aber so ernst, daß es wahrhaftig wie aus Stein gemeißelt erscheint. Das leichte Nachziehen des linken Beines verstärkt noch die kühle Zurückhaltung.
»Nun, Frau Oberin, Sie sind ja so vergnügt«, sagt er mit einer Stimme, die genauso wenig Gefühlsschwingungen verrät wie alles an Michael Bernburg.
Mit leichter Verlegenheit antwortet sie:
»Ach, ich mußte nur gerade an etwas denken, was die Kinder mir erzählt hatten. Aber das tut nichts zur Sache. Bitte, nehmen Sie doch Platz, und nennen Sie mich nicht immer Oberin. Für Sie bin ich Schwester Maria und sonst nichts.«
Mit einer leichten Verneigung nimmt er den angebotenen Stuhl und fragt dann:
»Nun, Schwester Maria, ist alles in Ordnung? Oder haben Sie Sorgen? Brauchen Sie noch Geld? Sie wissen doch, ich tue, was ich kann.«
»Ja, Herr Bernburg, das tun Sie wirklich. Ohne Ihre großzügige Hilfe ging es uns hier sehr viel schlechter. Ich habe mich schon oft gefragt, weshalb Sie so viel Gutes an uns tun. Man erlebt das sonst heutzutage nirgendwo.«
Sofort verschließt sich das Männergesicht noch mehr.
»Gründe spielen keine Rolle. Als ich vor zwei Jahren hierherzog, nahm ich mir vor, Ihnen zu helfen. Das habe ich getan und werde es weiter tun. Alles Weitere ist meine Angelegenheit.«
Die Oberin bedauert, daß er so verschlossen ist. So bespricht sie lieber mit ihm das Thema, das sie sich vorgenommen hatte.
»Ich brauche Ihren Rat, lieber Herr Bernburg, vielleicht sogar Ihre Hilfe. Meinen liebsten Schützling möchte ich ins praktische Leben schicken. Aber die Kleine ist ein so bezauberndes Geschöpf, daß ich ihm mehr Wege eröffnen möchte als nur die zu einem handwerklichen Beruf.«
Dann berichtet sie ihm alles über Berri, was sie weiß.
»Ja, Schwester Maria«, sagt er nachdenklich, »was soll ich denn tun? Möchten Sie Geld haben, damit die Kleine die Schule besuchen und vielleicht studieren kann?«
Die Oberin schüttelt den Kopf.
»Das Kind ist inzwischen neunzehn Jahre alt. Gewiß, Berri hat viel an sich gearbeitet. Aber ich habe eigentlich mehr daran gedacht, daß sie zunächst einmal unter Menschen käme, in einem kultivierten Haus vielleicht zur Gesellschafterin erzogen würde, sich sicher bewegen lernt und überhaupt zuerst einmal so frei wird, daß sie weiß, welche Begabungen und Neigungen sie hat.«
»Liebe Schwester Maria, es ist reizend, wie Sie sich um Ihren Schützling bemühen. Aber was soll ich dazu tun? Wenn Sie etwa gedacht haben sollten, ich könnte das Mädchen in mein Haus nehmen, dann muß ich Sie enttäuschen. Bei mir könnte Berri keinen Menschen kennenlernen, ich lebe völlig abgeschieden und einsam.«
»Ursprünglich hatte ich nur gedacht, ob Sie vielleicht eine Familie wüßten, in der ich Berri unterbringen kann. Ihr Haus war mir in diesem Zusammenhang nie in den Sinn gekommen.«
»Brechen wir das Thema für heute ab, Schwester Maria. Es ist bedauerlich, daß ich keinen Rat weiß. Vielleicht fällt mir aber doch noch eine Lösung ein. Wenn ja, gebe ich Ihnen sofort Nachricht.«
»Danke, Herr Bernburg, das wäre sehr nett. Aber ehe Sie gehen, möchte ich Ihnen auf jeden Fall meine kleine Berri vorstellen, damit Sie sich ein Bild von ihr machen können.«
Michael Bernburg ist viel zu höflich, um zu widersprechen, obwohl er überhaupt nicht daran interessiert ist, wie dieses Mädchen aussieht.
Schweigend warten sie beide ab, bis die Tür sich öffnet und Berri eintritt. Sie sagt »Guten Tag« und macht einen Kleinmädchen-Knicks dazu.
Ohne besondere Freundlichkeit beantwortet Michael den Gruß und schaut sie an. Er kann absolut nichts Besonderes an ihr entdecken und wundert sich, wieso die Oberin dieses Geschöpf bezaubernd finden kann.
Verschüchtert steht sie da und sagt kein weiteres Wort. Auch die Oberin schweigt.
Da räuspert Michael Bernburg sich und beginnt: »Frau Oberin hat mir gesagt, daß du gern das Waisenhaus verlassen möchtest und von mir Hilfe erwartest.« Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, daß er sie wie ein Kind behandelt.
Die Oberin mahnt ihn leise: »Berri ist neunzehn Jahre alt, wie ich Ihnen sagte.«
»Oh, Verzeihung.« Er macht eine leichte Verbeugung, die auf Berri wie Spott wirkt. »Fräulein Mai, was also wünschen Sie von mir?«
Da platzt Berri einfach heraus: »Nichts, absolut nichts.«
»Wie bitte? Habe ich Sie richtig verstanden?« Michael zieht die Augenbrauen fragend hoch.
Da strafft Berri sich und schaut ihm furchtlos in die Augen. »Ja, Herr Bernburg. Sie haben mich richtig verstanden. Ich habe nicht vor, dieses Haus zu verlassen. Hier bin ich aufgewachsen, hier werde ich geliebt und fühle mich wohl. Warum sollte ich Sehnsucht nach einer Welt haben, die ich nicht kenne? Ich bin ein Findelkind, über dessen Herkunft niemand etwas weiß. Hier kümmert es keinen Menschen. Fremde aber würden mich deshalb verachten, also möchte ich hierbleiben.«
Michael Bernburg ist völlig verblüfft. So viel Temperament hätte er der Kleinen nicht zugetraut. Plötzlich interessiert sie ihn. Das Mädel hat ja tatsächlich Rasse, und jetzt kann er die Oberin sehr viel besser verstehen.
Die ist ein wenig entsetzt.
»Berri, was fällt dir ein? Ich gebe mir Mühe, dir weiterzuhelfen, und du fällst mir so in den Rücken! Das war sehr ungehörig von dir. Bitte, entschuldige dich sofort bei Herrn Bernburg.«
Gespannt beobachtet Michael, was sie jetzt wohl tun wird.
Berri hat die Hände fest ineinander verkrampft. Jetzt senkt sie den Kopf, macht zwei, drei langsame Schritte auf Michael zu. Aber ehe sie die Lippen öffnen kann, kommt er ihr zuvor:
»Schon gut, Berri, ich bin Ihnen nicht böse. Jeder Mensch soll das Recht haben, seine Meinung frei zu äußern. Ich habe Ihren Ton nicht als ungezogen empfunden.«
Michael wundert sich selbst, daß er auf einmal für einen unbekannten Menschen Mitleid empfindet.
Berri aber schaut ihn an, als hätte er chinesisch gesprochen. Nie hätte sie erwartet, daß der »steinerne Gast« so menschlich sein könnte, und sie schenkt ihm einen dankbaren Blick, den Michael mit einem winzigen Lächeln beantwortet.
Die Oberin hat die ganze Zeit geschwiegen und nur scharf die beiden Menschen beobachtet. Jetzt atmet sie ein wenig auf. Ihre Menschenkenntnis hat sie also doch nicht im Stich gelassen! Berris Charme, den man erst beim zweiten Hinsehen bemerkt, wird auch hier siegen.
»Ich muß mich jetzt verabschieden«, unterbricht Michael ihren Gedankengang, »da ich noch dringend zu arbeiten habe. Aber ich werde mir die Angelegenheit durch den Kopf gehen lassen, und wenn mir etwas einfällt, sage ich sofort Bescheid.«
Wieder macht er eine leichte Verbeugung, und dann verläßt er mit seinem leicht schleppenden Gang das Zimmer.
Berri starrt wie gebannt auf sein Bein, das er nachzieht, und sie begreift mit einemmal, daß es nicht leicht sein muß für einen Mann, wenn er so behindert ist.
»Nun, Kindchen«, fragt die Oberin. »ist er nun wirklich so schlimm, wie du ihn bisher gesehen hast?«
Berri zuckt die Schultern. »Ich weiß nicht…«
Schwester Maria aber muß weiterhin daran denken, wie sehr sie Berri ein anderes, besseres Leben wünscht. Und sie muß nun auch noch dauernd darüber grübeln, wie gut es für Michael Bernburg wäre, wenn er freundlicher, aufgeschlossener sein und einmal herzhaft lachen könnte.
*
Der aber sitzt jetzt an einem wuchtigen Schreibtisch und konzentriert sich auf die Arbeit, die heute noch fertig werden muß.
Müde stützt er den Kopf in die Hände. Wie schwer es ihm heute doch wird, sich zu konzentrieren!
Seit Jahren lebt er nun schon so einsam zurückgezogen, und er ist fest entschlossen, dies niemals zu ändern.
Zu viel hat er erleben müssen. Das Schicksal hat ihm Wunden geschlagen, die nie verheilen werden. Womit hat er das verdient? Er ist sich keiner Schuld bewußt.
Nur die Pflicht hat ihn am Leben erhalten, die Pflicht Kati gegenüber. Für sie arbeitet und sorgt er.
Kati soll eines Tages wenigstens ein wenig für all das entschädigt werden, was sie im Gegensatz zu anderen vermissen muß.
Michael beißt die Zähne zusammen, daß die Kiefernmuskeln schmerzen. Scherben, Kummer und Lebensunlust – das ist alles, was ihm mit seinen dreißig Jahren geblieben ist.
Jäh schrickt er zusammen. Das Telefon klingelt und ruft ihn in die Wirklichkeit zurück.
Ruhig meldet er sich, und nachdem die Damenstimme am anderen Ende ihn mit einem Wortschwall überrieselt hat, fragt er stirnrunzelnd:
»Wer ist da? Ich habe das Gefühl, Sie sind falsch verbunden. Hier spricht Michael Bernburg.«
»Oh, Mike, alter Träumer! Ich bin es, Chantal Wales. Sie waren so nett, als wir uns im Herbst bei unserem gemeinsamen Verleger trafen, mich einzuladen. Jetzt habe ich Zeit. Morgen reise ich hier ab und werde gegen Abend bei Ihnen sein. Tschüs, bis dahin. Ich freue mich schon sehr.«
Michael schnappt nach Luft, will etwas sagen, aber es hat keinen Sinn mehr.
Der Hörer auf der anderen Seite ist aufgelegt worden.
Wütend wirft er auch seinen auf die Gabel. So eine Frechheit! Hat er diese Chantal wirklich eingeladen? So etwas tut er doch nie.
Mühsam sucht er seine Erinnerung zusammen: Chantal Wales ist die Tochter einer Französin und eines englischen Vaters. Da die Eltern sich bald wieder scheiden ließen, wuchs die Tochter, schwarzhaarig, grünäugig, zierlich, graziös und voll ungebärdigen Temperaments, in Internaten auf, um nun völlig frei und ungebunden zu leben, wo und wie es ihr gefällt.
Er hatte sie bei einer Verlagsbesprechung kennengelernt, weil Chantal sich als Schriftstellerin versucht hatte.
Was soll er mit diesem Luxusgeschöpf hier anfangen? Gewiß wird es nichts als Unruhe geben.
Ehe Michael versucht, sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren, klingelt er seiner Haushälterin, um sie über den bevorstehenden Besuch zu informieren.
Anscheinend ist der Ärger für diesen Tag noch nicht zu Ende, denn als er seine Anordnungen gegeben hat, macht die Haushälterin ein so betroffenes Gesicht, daß es sogar ihm auffällt.
»Was ist los, Frau Happel? Paßt Ihnen was nicht?«
»Heute morgen hat unsere Liesel dringend zu ihrer Mutter gemußt. Sie bekam ein Telegramm, daß die alte Frau sehr krank ist. Natürlich habe ich es ihr erlaubt, denn ich kann mich gut in der Zwischenzeit noch mit um Kati kümmern. Allerdings konnte ich nicht ahnen, daß Besuch kommt, weil Sie ja noch niemals welchen hatten. Nun brauche ich doch eine Hilfe und weiß nicht, woher ich sie so schnell nehmen soll.«
Ärgerlich starrt Michael zum Fenster hinaus.
»Ich kann den Besuch nicht absagen«, murmelt er vor sich hin, »mir ist weder die Anschrift noch die Telefonnummer der Dame bekannt. Haben Sie denn keine Ahnung, woher wir eine Hilfe für Kati nehmen könnten?«
»Tut mit leid, Herr Bernburg. Man könnte ja versuchen, ob bei der Stellenvermittlung noch jemand zu erreichen ist. Wäre es nicht wenigstens möglich, daß Sie sich die nächsten zwei Stunden um Kati kümmern könnten, damit ich meine Vorbereitungen für Ihren Besuch treffen kann?«
»Ich kann nicht! Meine Arbeit muß spätestens morgen früh durchgesehen sein, dafür wird sowieso die ganze Zeit notwendig sein.«
Ratlos steht Frau Happel da und schrickt zusammen, als Michael plötzlich laut ruft:
»Ich hab’s! Ja, das ist eine Möglichkeit! Ich fahre schnell weg, in einer halben Stunde bin ich vielleicht schon zurück und bringe jemanden mit.«
Michael fährt, so schnell es im Stadtverkehr nur möglich ist. Beinahe atemlos kommt er im Waisenhaus an und verlangt, sofort die Frau Oberin und auch Berri Mai sprechen zu können.
Die beiden starren ihn verblüfft an, aber er läßt sie gar nicht zu Wort kommen.
