Schicksalswolken über Schloss Rodenwald - Marianne Holl - E-Book

Schicksalswolken über Schloss Rodenwald E-Book

Marianne Holl

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Beschreibung

In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkrone" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Romane aus dem Hochadel, die die Herzen der Leserinnen höherschlagen lassen. Wer möchte nicht wissen, welche geheimen Wünsche die Adelswelt bewegen? Die Leserschaft ist fasziniert und genießt "diese" Wirklichkeit. "Fürstenkrone" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. »Junge, ich kann mir nicht helfen, aber ich habe das Gefühl, als würdest du in dein Unglück rennen.« »Mama, ich liebe Anja doch, und sie liebt mich!« »Das eine sehe ich, mein Sohn, aber das andere weiß ich nicht. Nun fahr' nur nicht gleich auf, wenn ich meine berechtigten Zweifel ausspreche.« Still saß Gräfin von Rodenwald in ihrem Sessel. Sie war nun schon fünf­undfünfzig Jahre alt, aber ihre Figur war noch straff und ungebeugt. Klar blickten ihre leuchtend blauen Augen in die Welt, und nur einige Strähnen schneeweißen Haares zeugten von dem Kummer, den sie durch den Tod ihres geliebten Mannes vor einigen Jahren erlitten hatte. Ihr Sohn Thomas, sechsundzwanzig Jahre alt, hatte die hohe Gestalt und die hellen Augen seiner Mutter geerbt. Unruhig ging er im Zimmer auf und ab, und eine vorwitzig blonde Locke fiel ihm immer wieder in die hohe, kluge Stirn. »Sag mir doch offen, was du gegen Anja hast, Mama. Wahrscheinlich ist es doch nur das Vorurteil, daß sie Tänzerin ist und dir eine solche Schwiegertochter nicht zusagt.« Trotzig warf Thomas die Lippen auf und sah seine Mutter eindringlich an. Gräfin Rodenwald blickte ihn zärtlich an. »Mein Junge«, sagte sie liebevoll. »Ich meine es doch nur gut. Du weißt, daß ich sehr großzügig bin und auch über Anjas Beruf hinweg­sehen würde. Erstens weiß ich, daß man unter Künstlern sehr wertvolle und empfindsame Menschen findet und zweitens habe ich nur Respekt vor einem jungen Mädchen, das, früh verwaist, sich sein Brot selbst verdient. Ich weiß eben nur nicht, ob Anjas strahlende äußere Hülle auch einen solchen Charakter birgt.« Flehend streckte Thomas ihr seine Hände entgegen.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Fürstenkrone – 254 –Schicksalswolken über Schloss Rodenwald

Unveröffentlichter Roman

Marianne Holl

»Junge, ich kann mir nicht helfen, aber ich habe das Gefühl, als würdest du in dein Unglück rennen.«

»Mama, ich liebe Anja doch, und sie liebt mich!«

»Das eine sehe ich, mein Sohn, aber das andere weiß ich nicht. Nun fahr’ nur nicht gleich auf, wenn ich meine berechtigten Zweifel ausspreche.«

Still saß Gräfin von Rodenwald in ihrem Sessel. Sie war nun schon fünf­undfünfzig Jahre alt, aber ihre Figur war noch straff und ungebeugt. Klar blickten ihre leuchtend blauen Augen in die Welt, und nur einige Strähnen schneeweißen Haares zeugten von dem Kummer, den sie durch den Tod ihres geliebten Mannes vor einigen Jahren erlitten hatte.

Ihr Sohn Thomas, sechsundzwanzig Jahre alt, hatte die hohe Gestalt und die hellen Augen seiner Mutter geerbt.

Unruhig ging er im Zimmer auf und ab, und eine vorwitzig blonde Locke fiel ihm immer wieder in die hohe, kluge Stirn.

»Sag mir doch offen, was du gegen Anja hast, Mama. Wahrscheinlich ist es doch nur das Vorurteil, daß sie Tänzerin ist und dir eine solche Schwiegertochter nicht zusagt.« Trotzig warf Thomas die Lippen auf und sah seine Mutter eindringlich an.

Gräfin Rodenwald blickte ihn zärtlich an. »Mein Junge«, sagte sie liebevoll. »Ich meine es doch nur gut. Du weißt, daß ich sehr großzügig bin und auch über Anjas Beruf hinweg­sehen würde. Erstens weiß ich, daß man unter Künstlern sehr wertvolle und empfindsame Menschen findet und zweitens habe ich nur Respekt vor einem jungen Mädchen, das, früh verwaist, sich sein Brot selbst verdient. Ich weiß eben nur nicht, ob Anjas strahlende äußere Hülle auch einen solchen Charakter birgt.«

Flehend streckte Thomas ihr seine Hände entgegen. »Mama, du hast sie ja gesehen. Du bist doch extra in eine Vorstellung ihres Theaters gefahren, um dich zu überzeugen, verstehst du mich denn nicht?«

»Doch, ich verstehe dich sogar sehr gut, deshalb will ich auch meinen klaren Kopf gegen deine Befangenheit setzen. Ich habe Anja nicht nur im Theater gesehen, sondern ich habe mich genauestens nach ihr erkundigt. Ich weiß, daß sie aus einer guten Familie stammt, daß sie als Tänzerin einen Künstlernamen führt und ihr wirklicher ›von Mondor‹ lautet. Ich hörte aber auch, daß ihr die gesamte Männerwelt zu Füßen liegt, und ich hörte vor allem, daß sie am meisten das Geld liebt – viel Geld! Und das eben macht mich ängstlich. Sie ist ein buntes, abwechlungsreiches Leben gewohnt, was sie auf unserem stillen Besitztum niemals haben wird. Weißt du denn genau, ob sie nicht unser Geld und unsere Besitzungen mehr liebt als dich?«

»Niemals, Mama, sie liebt mich, nur mich allein. Oft genug hat sie es mir beteuert. Und ich habe ihr nie gesagt, wie reich wir sind. Sie sehnt sich nach einem Leben in Ruhe und Frieden. Sie hat ihr Bühnenleben satt. Mama, liebe, gute Mama, du willst doch deinen Einzigen glücklich sehen, das weiß ich doch.«

»Das ist es ja gerade, Thomas. Wenn ich wüßte, daß du dein Leben lang so glücklich würdest, wie ich es mit Papa war, wäre mir alles andere gleichgültig.«

Versonnen sah sie vor sich hin, und über ihren Augen lag ein feuchter Schleier. Der Tod ihres Mannes hatte ihr viel von der Lebenskraft genommen, die ihr immer zu eigen gewesen, und nur der Wille, daß sie auch weiterhin für ihren einzigen Sohn dasein müsse, der behütet aufgewachsen und daher ein wenig lebensfremd war, hatte ihr einen Teil ihrer alten ­Energie zurückgegeben. Forschend sah sie nach einer kleinen Weile ihren Thomas an.

»Kennst du eigentlich auch Anjas Schwester?«

»Elke?« Erstaunt blickte Thomas auf seine Mutter. »Wie kommst du denn darauf?«

»Ich sagte dir ja, ich habe mich erkundigt. Elke von Mondor hat einen untadeligen Ruf. Allerdings lebt sie nur ganz still und zurückgezogen. Tatsächlich ein ›Veilchen, das im Verborgenen blüht‹, aber sie gefällt mir sehr. Wenn du sie gewählt hättest, hätte ich nicht die geringsten Bedenken.«

Bei den Worten seiner Mutter lächelte Thomas fast ein wenig verächtlich. »Lieber Gott, Mama, sicher ist Elke ein nettes Mädel, aber neben Anja verblaßt sie doch. Sie ist doch so unscheinbar neben ihrer strahlenden Schwester.«

»Ja, eben. Und Anja tut auch nichts dazu, ihre Schwester ein wenig mehr in den Vordergrund zu schieben. Sie braucht allen Glanz für sich allein. Aber ich sehe schon, daß es wenig Zweck hat, dir in deine Pläne hineinreden zu wollen. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich und du bist ja alt genug, um dich allein zu entscheiden. Heirate also Anja und sieh zu, wie du mit ihr fertig wirst.«

»Ach, du liebe goldige Mama, du bist der beste Mensch der Welt! Weißt du, am besten fahre ich gleich schon in die Stadt, ich muß doch auch ein paar kleine Delikatessen bestellen und Blumen und so weiter.«

»Thomas, Thomas.« Die Gräfin schüttelte lächelnd den Kopf. »Das erledige ich lieber telefonisch, dann weiß ich auch wenigstens, was ich bekomme. Aber du kannst trotzdem abfahren, ich richte schon alles her, du weißt, wieviel Freude mir ein solches kleines Fest bringt. Und um den Verlobungsring brauchst du dich ebenfalls nicht zu kümmern. Du weißt, daß alle jungen Frauen den Erbring der Rodenwalds getragen haben, und so will ich es selbstverständlich auch mit deiner Anja halten.«

Wie ein ausgelassener Bub tanzte Graf Thomas mit seiner Mutter in deren Salon herum. »Ich bin ja heut’ so glücklich, so glücklich wie noch nie!«

Willig teilte die Mutter seine Freude, wenn auch ihr Herz ein wenig angstvoll schlug. Sie wollte ja so gern an das Glück ihres Einzigen glauben.«

*

Klein und bescheiden waren die drei Mansardenräume, die Anja und Elke bewohnten. Aber jedes Möbelstück zeugte von ausgesuchtem Geschmack, und viele persönliche Kleinigkeiten bestätigten diesen Eindruck. Außerdem blitzte und blinkte alles vor Sauberkeit, und auf den Fensterbänken grünten und blühten prachtvolle kleine Blumentöpfe. –

Elke stand am offenen Fenster und atmete tief die Mailuft ein, die heute so herrlich weich und lind war.

Wer sie so sah, bekam gleich den Eindruck, daß es ihre sorgende Hand war, die die kleine Wohnung so in Ordnung hielt. Das junge Mädchen war von schmalem, aber doch kräftigem Wuchs. Ihr Gesicht war schlicht und klar. Die hohe Stirn wurde von einem aschblonden Flechtenkranz umgeben, einer Frisur, die völlig unmodern war, aber doch so gut wie keine andere mit den ausdrucksvollen und sauberen Zügen ihres Antlitzes harmonierte.

»Anja, komm doch her und atme ein wenig diese schöne Luft. Es riecht beinahe wie früher daheim auf unserem Gut. Das täte dir viel besser als die ewige Zigarettenraucherei.«

Anja lag faul auf der Couch und feilte an ihren Fingernägeln herum, die brennende Zigarette lag neben ihr im Aschenbecher.

»Ach, laß mich doch in Ruhe mit deiner ewigen Bevormunderei! Schließlich bin ich älter als du und verdiene auch mehr. Also halt’ gefälligst deinen Mund.«

Ruhig sagte Elke jetzt:

»Ach, Anja, hast schlechte Laune, gelt? Ist dir wieder mal einsam zumute? Welcher Verehrer kommt denn heute nicht?«

»Red nicht so dumm daher! Du weißt genau, daß ich mir aus all den Schlawinern nichts mache. Entweder will ich als Tänzerin endlich weiterkommen oder so einen Mann erwischen, der Geld genug hat, mir ein sorgloses Leben zu bieten.«

»Auch ein Standpunkt, liebes Schwesterherz. Hoffentlich hast du dir nicht gerade dafür den Grafen Rodenwald ausgesucht?«

»Was geht’s dich an? Und was hättest du dagegen, hm?«

»Anja, sei vernünftig. Diesen Mann muß man entweder lieben oder ihm aus dem Wege gehen. Der ist zu schade für eine Spielerei.«

»Ich will ja gar nicht mit ihm spielen. Er gefällt mir am besten von allen, die ich kenne.«

»Kunststück…«, murmelte Elke und blickte wieder zum Fenster hinaus. Sie brauchte nur die Augen zu schließen, um das kluge und männliche Gesicht Thomas’ vor sich zu sehen. Schon beim ersten Blick hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt, aber sie war viel zu wenig eitel, um nicht genau zu wissen, daß sie neben der Schönheit ihrer Schwester immer ein Mauerblümchen bleiben würde. Wer Anja einmal ansah, der hatte keinen zweiten Blick mehr für das so gar nicht ins Auge fallende Wesen Elkes übrig.

Elke wandte sich wieder ins Zimmer zurück, und ihr Gesicht zeigte einen überraschten Ausdruck.

»Sag mal, Anja, hat meine Frage nach dem Grafen eben zu laut geklungen?«

»Was soll denn der Blödsinn?« murrte Anja zurück.

»Ja, Schwesterlein, scheinbar hat man das in Rodenwald gehört, denn wenn mich nicht alles täuscht, ist das sein Wagen, der da eben vorfährt. Tatsächlich, er steigt aus!«

»Um Gottes willen, Elke, halt ihn fest, unterhalte dich mit ihm, ich bin ja noch nicht angezogen. Ausgerechnet, wenn ich im Hausanzug hier herumliege. Er hätte sich ja auch anmelden können.«

»Nun red’ nicht lange, zieh dich an, schnell! Er kommt die Treppe rauf.« Elke lachte hellauf, als Anja auf ihren hohen Absätzen in übertriebener Hast durchs Zimmer eilte. Kaum hatte sie die Schlafzimmertür hinter sich zugezogen, als es auch schon klingelte.

Hochaufgerichtet, wie sie immer ging, schritt Elke zur Tür. Sie wollte es sich nicht eingestehen, daß ihr Herz schneller schlug, wenn sie Thomas in der Nähe wußte, und die Freude, mit ihm allein – wenn vielleicht auch nur für wenige Minuten – zusammenzusitzen und sprechen zu können, ließ ein zartes Rot in ihre Wangen strömen.

Freundlichst begrüßte sie Thomas. »Kommen Sie nur herein, Graf, ich habe Sie schon kommen sehen.«

»Guten Tag, gnädiges Fräulein, ist Anja daheim?«

»Natürlich, kommen Sie nur. Sie zieht sich gerade um, da sie auf Ihren überraschenden Besuch natürlich nicht vorbereitet war.«

Mit großen Augen sah Elke Thomas an, nachdem er den Mantel abgelegt hatte.

»Sie sehen ja so feierlich aus! Heute ist doch gar keine Premiere.« Nie war er ihr so strahlend und so männlich erschienen wie gerade jetzt.

»Im Theater zwar nicht, aber sonst – ja, sonst ist es die schönste Premiere, die es gibt«, lachte Thomas sie fröhlich an.

»Ich verstehe Ihre Worte nicht«, sagte Elke und führte ihren Gast in das Wohnzimmerchen, das den ganzen Maisonnenschein eingefangen zu haben schien.

Unruhig rutschte Thomas auf seinem Stuhl hin und her und warf immer wieder sehnsüchtige Blicke zur Tür.

Elke wunderte sich. Sie hatte ja schon lange bemerkt, wie verliebt er in ihre Schwester war, aber so aufgeregt hatte sie ihn noch nie gesehen. Nur langsam und stockend schleppte sich ihr höfliches Gespräch dahin, und sogar Elke war froh, als sich endlich die Tür öffnete.

Sie wußte tatsächlich nicht mehr, was sie mit ihrem Gast eigentlich reden sollte, der nicht einmal mehr Zeit zu haben schien, sie richtig anzusehen.

Wie ein Wirbelwind fegte Anja ins Zimmer, und Thomas fing das zierliche Persönchen in seinen Armen auf.

»Mein süßer Liebling, du«, flüsterte er, und Elke von Mondor verzog sich diskret in den Hintergrund.

Anja setzte einen backfischhaften Schmollmund auf.

»Du Böser, du, erst läßt du mich ein paar Tage ganz ohne Nachricht, und dann kommst du einfach ohne Anmeldung hier hereingeschneit. Wenn ich nun nicht zu Hause gewesen wäre?«

»Ich hätte dich schon gefunden, egal, wo ich dich hätte herausholen müssen.« Zärtlich küßte er ihre Augen.

Anja faßte ihn bei beiden Händen. »So und jetzt setze dich. Elke ist sicherlich so lieb und kocht uns einen guten Kaffee.«

»Aber gern.« Lächelnd ging Elke in die Küche.

Derweil hatte sich Anja auf Thomas’ Schoß gekuschelt und schnurrte wie ein verspieltes Kätzchen.

Thomas Rodenwald atmete tief, und dann sprach er: »Liebste, heute ist ein ganz besonderer Tag. Ich habe mit meiner Mutter gesprochen, sie ist ein wundervoller Mensch!«

Ruckartig war Anjas Kopf hochgeschnellt, ihr Atem ging rasch. Sollte sie am Ziel ihrer Wünsche sein?

»Was heißt das, Liebster? Du machst mich ängstlich.«

»Aber warum denn, mein Herz? Alles ist in bester Ordnung, wenn ich nur weiß, daß du mich liebhast.«

»Das weißt du doch, Thom, dich, nur dich allein!«

Stürmisch küßte sie ihn, und Thomas nahm ihr bezauberndes Gesichtchen in beide Hände und sah ihr tief in die glitzernden Augen.

»Dann ist ja alles gut, mein Lieb. Ich halte hiermit feierlich um deine Hand an, und heute abend nach deiner Vorstellung fährst du mit zu meiner Mutter, und dann gibt es auf Rodenwald eine nette kleine Verlobungsfeier.«

Einen Augenblick noch sah Anja ihn fassungslos an, dann sprang sie von seinem Schoß auf und tanzte im Zimmer herum. Wie ein Kind klatschte sie dabei in die Hände und jubelte: »Hurra, hurra, ich bin verlobt! Verlobt mit dem Grafen von Rodenwald, hurra! Hurra.«

Thomas sah ihr eine Weile zu. Er fand diese naive Freude einfach köstlich, wie alles an seiner Auserwählten.

Dann aber sprang auch er auf und versuchte sie zu fangen.

Ausgelassen tollten sie im Zimmer herum, und beide überhörten Elkes Anklopfen. Beinahe wären sie ihr sogar mitten in das Kaffeetablett hineingerannt.

Kopfschüttelnd blieb Elke stehen. »Was ist hier los?«

Thomas lief auf sie zu und wollte ihr das Tablett abnehmen.

»Bitte, bitte, nicht böse sein, wir sind so glücklich, liebe Schwägerin.«

Schnell setzte Elke das Geschirr ab, denn nur sie hatte gemerkt, daß es anfing, in ihrer Hand zu klirren.

»Ich verstehe nicht recht – Schwägerin?«

»Ja! Soeben hab’ ich mich für immer mit Anja verbunden, und heute abend wird daheim Verlobung gefeiert!«

Still sah Elke von einem zum anderen. Wieder zuckte ihr Herz schmerzhaft auf. Wenn das nur gutgeht, dachte sie für einen Augenblick, dann aber hatte sie alles von sich abgewälzt, und mit feuchten Augen nahm sie die Schwester in die Arme. »Schwesterlein, liebes, ich wünsche dir alles, alles Glück der Welt.«

»Danke, Elke«, sagte Anja, und ihre Augen blitzten, als ob sie noch dazu hätte sagen wollen: siehst du, ich hab’ ihn doch gekriegt!

Dann nahm Elke Thomas’ Hände. Groß sah sie ihn an. »Ihnen das gleiche, Graf. Mögen Sie so glücklich werden, wie Sie es verdienen – für immer und alle Zeit.«

Als Thomas in diese reinen hellen Augen sah, war mit einem Schlag aller Übermut von ihm abgefallen, und voller Ernst erwiderte er den Blick. Ein feierlicher Schauer überzitterte sein Herz, wie er ihn noch nie erlebt hatte, und wie er ihn sich nicht zu deuten wußte.

Fest erwiderte er auch den Händedruck. »Ich danke Ihnen, Elke. Bei dem Mann liegt es, sich sein Glück zu erhalten, und das werde ich immer beherzigen; denn ich bin sehr, sehr glücklich.«

»Dann ist ja alles gut.«

Anja aber dauerte das alles zu lange.

»Ihr steht da mit einer so feierlichen Miene, als wenn ihr zu einer Beerdigung wolltet, aber nicht zu einer Verlobung. Lacht und seid nett. Und außerdem habe ich Kaffeedurst.«

Sofort wandte Elke sich ab und machte sich am Tisch zu schaffen und Thomas war für einen ganz kurzen Moment beinahe verlegen. Er fühlte sich so aufgewühlt wie noch nie und verstand sich nicht.

Aber Anjas Lebhaftigkeit ließ ja nie lange Besinnungszeiten aufkommen, und so war er schnell wieder in ihren Wirbel hineingezogen.

»Bleibt Anja heute nacht auf Rodenwald, Thomas? Sicher wird es doch zu spät, daß Sie sie wieder hierher zurückfahren? Heute habe ich nämlich meinen freien Tag und würde dann sehr früh schlafen gehen und nicht extra auf Anja warten, wie ich es sonst immer tue.«

»Verzeihung, Elke, daß ich noch nichts sagte, aber ich nahm es als Selbstverständlichkeit an, daß Sie wußten, daß Sie, als einzige Angehörige von Anja, doch zu uns gehören und heute abend bei uns sind.«

Elkes Gesicht leuchtete auf.

»Wie liebenswürdig von Ihnen. Ich bin sehr dankbar.«

»Meine Mutter hat es mir extra aufgetragen, Sie ganz besonders herzlich einzuladen.«

»Oh, wie lieb. Ich freue mich sehr.«

*

Gräfin Rodenwald steckte gerade die ersten Lichter an. Zwar dämmerte es erst und ihre Gäste würden noch lange nicht kommen, aber sie wollte die so wunderbar vorbereitete Tafel auch im Lichterglanz noch einmal begutachten.

Zufrieden nickte sie dann, ja, so war alles herrlich. Sie liebte keinen auffälligen Pomp, aber das, was da war, mußte von auserlesener Kostbarkeit und Eleganz sein.

Gerade wollte die Gräfin sich zurückziehen, um sich auch selbst etwas festlicher zu kleiden, als sie ans Telefon gerufen wurde.

»Mama, hier ist Thomas. Ich wollte dir nur schnell noch einmal guten Abend und meinen Dank für alles sagen, ehe ich gleich ins Theater fahre. Anja ist sehr glücklich und ich natürlich auch.«

»Wo steckst du denn jetzt, Junge?«

»In einer netten, kleinen Weinstube, wo ich gerade mit meiner Schwägerin ein Glas Wein getrunken habe.«

»Verstehst du dich gut mit ihr?«

»Aber natürlich, Mama! Gerade gibt sie mir einen Rippenstoß, sie möchte unbedingt selbst einmal mit dir reden. Darf sie?«

»Aber herzlich gern.«

Und dann nahm Elke klopfenden Herzens den Hörer. Sie wunderte sich eigentlich selbst über ihren Mut, aber diese nette halbe Stunde mit Thomas hatte sie so beschwingt gemacht, wie sie es gar nicht von sich kannte.

»Verehrte Gräfin, darf ich Ihnen meinen tiefempfundenen Dank sagen, daß Sie mich Anhängsel heute abend als Gast gebeten haben? Ich bin so glücklich darüber.«

»Da gibt’s nichts zu danken, liebes Kind. Das ist doch wohl eine Selbstverständlichkeit.«

»Ich hätte noch etwas auf dem Herzen, Gräfin. Sie haben nun so überraschend viel Arbeit für heute. Wäre es sehr unbescheiden, wenn ich mich anböte, etwas früher zu Ihnen zu kommen und noch ein wenig helfe, damit Sie diesen Tag für Ihren einzigen Sohn auch ausgeruht und frisch erleben können?«

Gräfin Rodenwald war außerordentlich überrascht von diesem Angebot und dachte unwillkürlich, daß es doch sehr nett gewesen wäre, wenn sich Anja ebenfalls diesem gemeinsamen Anruf angeschlossen hätte. Dann sagte sie:

»Das ist sehr, sehr lieb von Ihnen. Zu helfen ist eigentlich nichts, da ich ja genügend dienstbare Geister zur Verfügung habe und soweit schon alles fertig ist. Aber vielleicht wäre es nett, wenn Sie trotzdem kämen, dann könnten Sie mir ein wenig Gesellschaft leisten. Geben Sie mir doch bitte meinen Sohn noch einmal.«

»Gern, ich bin sehr froh, und vielen Dank, Gräfin«, stammelte Elke, und dann gab sie den Hörer wieder an Thomas zurück.

»Ja, bitte, Mama?«

»Thomas, ich sehe, daß es erst sieben Uhr ist. Wenn du nun deine Schwägerin in den Wagen packtest und hierher brächtest, dann wärest du immer noch zeitig genug im Theater.«

»Aber warum denn, Mama? Sie kann doch nachher mit uns gemeinsam mitkommen.«