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Anna erwacht auf der Yacht ihres Bruders. Die drei anderen Crewmitglieder sind verschwunden, Land ist nicht in Sicht und sie hat Erinnerungslücken. Als Anna die Küste erreicht, muss sie sich dem Albtraum stellen. Was immer auf dem Boot geschehen ist, hat sich auch an Land ereignet: Die Welt ist menschenleer. Anna macht sich auf die Suche nach Überlebenden. Es findet sich eine Gruppe, die gemeinsam nach Norden zieht, dorthin, wo es fruchtbares Ackerland gibt. Ohne Motoren und ohne Strom wandern sie durch eine leise gewordene Welt. Für Anna wird der Weg nach vorne ein Weg zurück – zurück zu einer Liebe, die nie hätte sein dürfen und doch alles für sie war. Auch die Gruppe sieht sich mit elementaren Fragen konfrontiert: Hat der Mensch selbst diese Apokalypse ausgelöst oder steckt eine fremde Macht dahinter? Welches Ziel könnte eine solche Macht verfolgen? Kann es überhaupt ein Überleben für sie alle geben? Aber dann begegnet Anna dem Feind und muss sich für eine Antwort entscheiden. »Als wir verschwanden« ist ein Roadtrip durch eine verlassene Welt – eine Reise durch Licht und Finsternis des Menschseins. Indessen vergeht das Alte und das Neue entsteht: strahlend hell, perfekt konstruiert, aber zutiefst tyrannisch.
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Seitenzahl: 733
Veröffentlichungsjahr: 2021
DAS BUCH
Anna erwacht auf der Yacht ihres Bruders. Die drei anderen Crewmitglieder sind verschwunden, Land ist nicht in Sicht und sie hat Erinnerungslücken.
Als Anna die Küste erreicht, muss sie sich dem Albtraum stellen. Was immer auf dem Boot geschehen ist, hat sich auch an Land ereignet: Die Welt ist menschenleer.
Anna macht sich auf die Suche nach Überlebenden. Es findet sich eine Gruppe, die gemeinsam nach Norden zieht, dorthin, wo es fruchtbares Ackerland gibt. Ohne Motoren und ohne Strom wandern sie durch eine leise gewordene Welt.
Für Anna wird der Weg nach vorne ein Weg zurück – zurück zu einer Liebe, die nie hätte sein dürfen und doch alles für sie war. Auch die Gruppe sieht sich mit elementaren Fragen konfrontiert: Hat der Mensch selbst diese Apokalypse ausgelöst oder steckt eine fremde Macht dahinter? Welches Ziel könnte eine solche Macht verfolgen? Kann es überhaupt ein Überleben für sie alle geben?
Aber dann begegnet Anna dem Feind und muss sich für eine Antwort entscheiden.
DIE AUTORIN
Johanna Wolfmann wurde in München geboren. Sie studierte Germanistik und Sozialkunde in Frankfurt am Main und hat viele Jahre im Marketing und Business Development gearbeitet. Sie ist freie Lektorin und Texterin. Unter Pseudonym hat sie Kurzgeschichten und Sachbücher geschrieben.
»Als wir verschwanden« ist ihr erster veröffentlichter Roman.
Johanna
Wolfmann
Roman
August 2021
tredition GmbH, Hamburg
Alle Rechte vorbehalten
© 2021 Johanna Wolfmann
Lektorat: Beate Weih
Fachlektorat Segeln: Ines Balcik
Rechtsberatung: GrünLaw® Rechtsanwälte, Marco GrünlerUmschlaggestaltung und Satz: element 79, Anke Meschede unter Verwendung eines Motivs von johan63 / getty imagesSchriften: Brandon Grotesque, Diaria Pro, Diaria Sans Pro
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 HamburgPrinted in Germany
ISBN 978-3-347-36691-6 (Paperback)
ISBN 978-3-347-36692-3 (Hardcover)
ISBN 978-3-347-36693-0 (E-Book)
Für die drei auf den Zinnenund das Kleinod in der Finsternis.
Schwärze.
Schaukeln. Geräusche: Klatschen, Rauschen, Klirren.
Das Rauschen kam und ging, schwoll an und wieder ab.
Das Ich kehrte zurück, aber von so weit her, dass es noch nicht unterscheiden konnte, was im »Davor« Wirklichkeit und was Traum gewesen war. In jenem Moment des Aufwachens gab es nur eine Gewissheit: Sie war es, die diesen Gedanken dachte.
Anna öffnete die Augen.
Zwei weiße Balken ragten in eine ebenmäßige Fläche.
Was war das für eine Fläche? Der Himmel? Und die Balken, durchkreuzt von anderen Linien – waren das Bootsmasten und Leinen? War sie auf einem Boot? Der Seacloud?
Sie blinzelte. Ja, die Seacloud.
Um diese Erkenntnis sammelten sich die Erinnerungen: Sie und Markus, Frank und Sabine. In Genua. Ein Zwei-Wochen-Törn, an der Küste entlang Richtung Westen.
Über ihr schlug ein Drahtseil gegen den Großmast. Anna blinzelte erneut, fröstelte. Sie stützte sich auf, drehte sich zur Seite. Kalter Wind streifte sie. Die Luft roch nach Salz und Tang.
Sie hatte nur einen Bikini an. Unter ihr lag ein Handtuch auf den Planken. Offensichtlich war sie in der Sonne eingeschlafen. So schwindlig und benommen, wie sie sich fühlte, musste sie lange geschlafen haben.
»Frank?« Sie stand auf, schwankte, hielt sich an der Reling fest. »Markus?«
Die Planken unter ihren Füßen waren kalt. Das Meer spiegelte das Quecksilbergrau der Wolken. Nach dem Stand der Sonne zu urteilen, musste es Mittag sein, doch das Licht war schwach wie zur Dämmerung.
Sie ließ ihren Blick über den Horizont schweifen, dann über das Deck. Am Bug, auf der Backbordseite, war der Anker ausgebracht. Mitten im Nirgendwo. Wieso waren sie rausgefahren? Sie hatten doch an der Küste bleiben wollen. Sie versuchte sich zu erinnern, konnte es aber nicht.
»Markus?« Die Weite jenseits des Bootes schluckte ihre Stimme. »Frank?!«
Sie stieg unter Deck. Über dem Skippersitz im Steuerraum hingen ihre Jeans und ihr T-Shirt. Auf der Sitzecke lag Franks altes »Sail fast – live slow«-Sweatshirt, auch das zog sie an.
»Wo seid ihr?« Sie durchquerte den Raum und öffnete die Tür zur großen Kabine, aber auch dort war niemand. Ebenso wenig in den anderen beiden Kabinen. Die drei waren vermutlich schwimmen gegangen. Anna stieg wieder nach oben, trat an die Reling und umrundete das Deck, während sie die Wasseroberfläche absuchte. Nirgendwo Schwimmer.
Das ist ein Scherz, ein ganz bescheuerter Scherz.
Anna stieß sich von der Reling ab, lief zum Niedergang, sprang fast die steile Treppe hinunter und riss jede einzelne Tür auf, wobei sie mehrmals rief: »Das ist nicht witzig! Hört ihr?! Überhaupt nicht witzig!«
Als sie wieder im Steuerraum stand, sagte sie: »Okay, ich hole jetzt die Küstenwache. Ihr könnt mich mal!«
Ein leises Knarren unter ihren Füßen. Sie stand auf der Klappe zum Maschinenraum. »Oh Mann.« Sie öffnete die Klappe. Unten blieb es dunkel, trotz des automatischen Kontakts, der normalerweise das Deckenlicht angehen ließ.
»Jetzt kommt schon raus.«
Nichts. Nur das Klatschen der Wellen und das Schaukeln des Bootes. Anna stieg in den niedrigen, engen Raum. Das einfallende Licht genügte, um zu sehen, dass sie allein war.
Und wenn die drei doch irgendwo draußen im Wasser waren? Vielleicht hatte Anna sie nicht gesehen, weil sie bereits zu weit abgetrieben waren?
Sie ließ die Klappe zurückfallen – der Knall war so laut, dass sie ihn wie einen Stoß spürte –, sprang mit drei großen Schritten den Niedergang hoch, griff das Fernglas und suchte ein weiteres Mal die Wasseroberfläche ab. Tut mir das nicht an!
Sie lief zum Cockpit zurück, legte das Fernglas wieder auf die Steuerkonsole. Wieso war das GPS aus? Anna drückte die ON-Taste. Es war zwar nur das kleine Handgerät – das große war unter Deck im Regal über dem Navigationstisch, dort, wo auch der Funk und das Satellitentelefon installiert waren – dennoch: Es war dieses GPS, das ihr Bruder auf See niemals aus den Augen ließ.
Anna drückte wieder die ON-Taste, drückte sie fester – nichts. Sie hielt die Taste unten. »Komm schon.« Aber das Gerät blieb tot.
Was soll’s, ich muss sowieso runter.
Sie stieg unter Deck, öffnete dabei das Batteriefach, nahm den Akku aus dem Gerät, setzte ihn wieder ein, schloss das Fach. Wieder drückte sie die ON-Taste, aber das Display zeigte keine Regung.
Wo hat er das Lade- sie erstarrte. Vor ihr, im Regal über dem Navigationstisch, sah sie Radar, Funk und das große GPS.
Sie waren alle tot. Alle. Unmöglich. Das ist unmöglich!
Dass diese Geräte keinen Strom hatten, war ausgeschlossen, und in diesem einen Fall wusste Anna auch warum: Radar, Funkgerät und GPS waren nicht nur an die Motorbatterie angeschlossen, sondern auch an die Solarzellen und die Windturbine. Bruder und Vater hatten dieses Sicherheitsfeature oft genug erläutert.
Anna stand noch auf den Stufen des Niedergangs. Sie sah hinter sich, nach oben, in diesen seltsam bleigrauen Himmel. Stehenbleiben und Atemholen erforderten plötzlich eine unglaubliche Anstrengung. Der Schwindel nahm zu, mit ihm die Übelkeit.
Frank, du kannst mich doch nicht alleine lassen. Was soll ich denn jetzt machen?
Das Tageslicht schwand.
Schwindel und Übelkeit hatten in der letzten Stunde die Oberhand gewonnen. Anna lag auf der Sitzbank des Steuerraums, vor sich einen Eimer, den Blick starr auf den Niedergang gerichtet, als könnte sie Bruder, Freund und auch die Möchtegern-Schwägerin herbeizwingen, die jeden Moment lachend und wohlbehalten die Stufen herunterkämen.
(»Wir wollten dich nicht wecken. Hast du den Zettel am Kühlschrank nicht gesehen?«)
Unterbrochen vom schmerzhaften Würgereiz, der längst nur noch gelbliche Flüssigkeit aus ihrem Magen heraufbeförderte, fragte sie sich wieder und wieder, ob sie Frank, Markus und Sabine gefunden hätte, wäre sie noch weiter hinausgepaddelt, hätte sie noch größere Kreise gezogen, mit dem kleinen Schlauchboot, das sie erst hatte aufpumpen müssen, weil natürlich auch die elektronische Winde, mit der das Zodiac zu Wasser gelassen wurde, nicht funktionierte.
Ihre Antwort war ein ums andere Mal: Nein, sie hätte mit den beschränkten Mitteln nicht mehr tun können, als sie getan hatte. Ihre Kreise um die Seacloud waren so weiträumig gewesen, dass sie befürchtet hatte, selbst von der Strömung abgetrieben zu werden und nicht mehr aus eigener Kraft zurückrudern zu können. Gefunden hatte sie nichts. Nichts, das darauf hätte schließen können, dass irgendjemand freiwillig oder unfreiwillig über Bord gegangen war. Aber was hätte das auch sein können? Die meisten Dinge gingen unter, selbst wenn sie aus Plastik waren – wie Taucherbrille oder Flossen. Und die Rettungsbojen und -ringe waren an ihrem Platz. Überhaupt: Dass die drei über Bord gegangen, ertrunken und dann abgetrieben oder untergegangen waren, war zwar eine naheliegende, aber keineswegs plausible Erklärung. Die Wellen waren nicht viel höher als in einem Swimmingpool und sie alle waren fit und sehr gute Schwimmer.
Also wo waren die drei? Was war passiert? Das war Problem Numero eins. Problem No. zwei war der fehlende Strom. Natürlich war selbst ihr klar gewesen, dass sie nur den Schiffsmotor starten müsste, um wieder Strom über den Generator zu haben – wenn schon Solarpanel und Windturbine versagten, aus welchem Grund auch immer. Nur, und das war die Sache, auch der Motor ließ sich nicht starten.
Strom floss nicht mehr. Und zwar überhaupt nicht mehr, was in dieser Absolutheit überaus beunruhigend war.
Für ihr totes Handy hatte sie eine Erklärung gefunden: Sie hatte vergessen, es auszumachen. Die tote Taschenlampe: alte Batterien. Wann hätte Frank die mal gebraucht? Aber die batteriebetriebene Wanduhr, deren Sekundenzeiger starr auf »17« stand, war ein Problem.
(»Du weißt, was das bedeutet.«)
Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie stützte sich auf, zog den Eimer zu sich, der hin- und herschwappende Inhalt verstärkte den Würgereiz. Als der Krampf nachließ, sank sie zurück und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
(»Denk nach! … Denk nach!«)
Was wusste sie mit Sicherheit? Was waren die Fakten?
• Weder Frank noch Markus noch Sabine waren an Bord.
• Der Schiffsmotor sprang nicht an.
• Es gab keinen Strom. (Überhaupt keinen.)
• Auf Sichtweite des Fernglases war kein Land zu sehen.
Das waren die Fakten. Aber was war die Ursache?
Möglicherweise gab es nicht eine Ursache, sondern eine Verkettung verschiedener Ereignisse, jedes für sich so absurd, dass deren Kombination unmöglich zu schlussfolgern war.
Zum Beispiel könnte eine glatte Welle das Boot in extreme Schräglage gebracht haben, aber unter dem Rumpf durchgerollt sein (weil keine Wasserspuren und kein Schaden an Deck zu sehen waren) (Ursache No. 1). Sie selbst war schon zuvor in der Sonne eingeschlafen und lag bewusstlos am Boden, weshalb sie nicht von Bord gestürzt war (Ursache No. 2). Oder sie könnten wegen des fehlenden Stroms aufgrund von Blitzeinschlag (No. 1) der Crew eines fremden Bootes signalisiert haben, beizudrehen und sie aufzunehmen, um von Land Hilfe zu holen (No. 2). Das war möglich und erklärte den ausgebrachten Anker. Aber wieso hatte das fremde Boot die Seacloud nicht geschleppt? Vielleicht weil es nur ein kleines Boot gewesen war und der Wind zu schwach, um die Segel zu setzen. Nur wieso hatten sie Anna zurückgelassen? Vielleicht hatten sie es aus irgendeinem Grund so abgesprochen und Anna konnte sich nur nicht mehr erinnern, weil sie danach einen Sonnenstich bekommen hatte (No. 3).
(»Klingt alles super plausibel.«)
Ihr war, als hörte sie Frank lachen.
Oder sie könnten Freunde auf einem anderen Boot getroffen haben. Anna erinnerte sich, dass auch Walter Bender gerade im Mittelmeer unterwegs war. Vielleicht wurden die vier zum Lunch eingeladen, irgendwo an Land. Anna hatte abgelehnt, weil sie lieber in der Sonne liegen wollte (1). Etwas später, sie selbst war inzwischen an Deck eingeschlafen und würde mit Hitzschlag und Gedächtnislücken aufwachen (2), hatte sich ein astronomisches Phänomen ereignet, das den Strom – korrigiere: den Fluss von elektrischen Ladungen – blockierte. Eine bisher unbekannte Art von EMP, hervorgerufen durch Sonnenwinde (3) oder dunkle Materie oder den Zusammenstoß von irgendwelchen Partikeln oder irgendeinem anderen Phänomen, von dem sie null Ahnung hatte.
Ihr Herz schlug schneller und die Übelkeit nahm sofort zu. In dieser Richtung lagen schlimmere Szenarien. Eine Richtung, der ihre Gedanken nicht folgen wollten – nicht folgen durften.
(»Ganz ruhig. Reiß dich zusammen und keep cool.«)
Aber vielleicht, ganz vielleicht, war es wirklich nur ein Streich. Ein dummer, dummer Streich. Wäre das Frank zuzutrauen?
Nein, weil es kein Spaß war, sondern die Sicherheit von Boot und Schwester gefährdete. Weil Frank und Markus ihr irgendetwas angedreht haben mussten, um sie auszuknocken. Und was immer das gewesen sein mochte – jedenfalls nichts Rezeptfreies. Rohypnol wäre geeignet, die Beschaffung kein Problem für Frank. Aber würde er seine Schwester wirklich mit Rops betäuben? Jener Dr.-med.-Frank, der ihr alle Beipackzettel aus der Hand riss und wegen jeder Kollegen-Verschreibung ausflippte? Unwahrscheinlich. Extrem unwahrscheinlich.
Andererseits würde diese Situation Anna dazu zwingen, sich endlich selbst mit dem Boot zu befassen. Ein Umstand, um den sich Frank stets bemüht hatte – erfolglos bisher.
War das möglich? Ja, klar. Wenn sie so darüber nachdachte: Der Trip war Franks Idee gewesen. Zur Feier, weil Anna ihre Dissertation letzte Woche – stimmte das? – der Fakultät übergeben hatte.
… »Als Einstieg, Schwesterherz. Und nächstes Jahr segeln nur wir beide über den Atlantik.« …
Jetzt kam ihr die Wendung »als Einstieg« verdächtig vor. Sie waren schließlich ihr ganzes Leben zusammen gesegelt. Frank als Papas rechte Hand, sie als unwillige Mitfahrerin.
Den »Einstieg« hatte sie auf die Seacloud bezogen, die sich Frank erst letztes Jahr als brandneue Werft-Auslieferung gekauft hatte und auf der sie bisher noch keinen längeren Törn zusammen gemacht hatten – schon gar nicht mit Markus und Sabine, dem üblen Wermutstropfen.
Aber vielleicht verwies »Einstieg« auf das Motiv hinter dem Streich.
(»Stimmt! Das wäre echt mal ’ne Maßnahme, dich an die Segel zu bringen, damit du endlich begreifst, dass du dich auskennen musst, um im Notfall handlungsfähig zu sein.«)
Es war, als stände der imaginierte Frank neben ihr. Erstaunlich, was Einsamkeit und Stress im Gehirn auslösten. Und selbst als vorgestellte Gedankenstimme wollte ihr Bruder nicht kapieren, dass Segeln eben sein Ding war und Anna dazu keinen Zugang fand.
… »Langweilig. So langweilig.«
»Weil du keine Ahnung hast. Würdest du dich endlich mal damit befassen, wüsstest du, was ständig alles zu beobachten, zu checken und zu korrigieren ist.«
»Genau. Langweilig!«
»Scheiß Einstellung. Insbesondere, wenn du nächstes Jahr mit mir über den Atlantik willst.« …
Es war nicht so, dass sie gar keine Ahnung hatte. Sie war schon immer mit Vater und Bruder gesegelt. Wenn Frank »Winsch« sagte, dann wusste sie, dass er eine Winde meinte und meist auch welche. Backbord, Steuerbord, Lee, Luv – alles Standardvokabeln. Aber jenseits davon, die Fachbegriffe der verschiedenen Leinen oder Kurse zum Wind (von Funk- und Hafenregeln ganz zu schweigen) aktiv zu behalten und anzuwenden, war echte Pein, weil es Anna einfach nicht interessierte.
Zudem hatte sie als »Mit-Seglerin« bereits Situationen erlebt, die wirklich anders hätten ausgehen können. Einmal missachtete sie Franks Warnung und der Besanbaum hätte sie beinahe umgehauen. Ein anderes Mal wäre um ein Haar jemand ihretwegen über Bord gegangen, weil sie die Großschot nicht festgemacht hatte.
Ein Segelboot war an sich ein hochkomplexes System, das sich in einem noch viel komplexeren System (Wind und Wellen) bewegte. Wenn man nicht genau wusste, was man tat, dann konnte dies Material, Boot und Leben kosten. Auch aus diesem Grund hatte sich Anna immer darauf beschränkt, Anweisungen auszuführen, statt selbstständig den nautischen Herausforderungen zu begegnen.
… »Weil du Schiss hast.«
»Und wenn schon.«
»Befass dich damit. Lerne, übe! Dann brauchst du auch keine Angst davor zu haben.«
»Du bist der einzige Grund, warum ich auf diesem Boot bin oder auf irgendeinem anderen davor je war. Und das weißt du ganz genau. Und überhaupt: Was ist Segeln für eine seltsame Art, sich fortzubewegen? Du lieferst dich Gegebenheiten aus, die zu Problemen werden, die man mit einem anderen Fortbewegungsmittel überhaupt nicht hätte.«
»Genau darum geht es. Die Umstände meistern. Hürden überwinden. Das Beste aus den Verhältnissen machen.«
»Hah! Beim Segeln ist das plötzlich was Gutes?«
»Anna, bitte.« …
Ihretwegen hatte sich Frank für die Ketsch entschieden. Ein Zweimaster mit automatischer Rollreffanlage. Eine Yacht, die er alleine handeln konnte, ohne Anna bei jedem Manöver einweisen zu müssen. Ein Kompromiss, wenn auch ein fauler für Frank.
Ihr Vater war über diese Wahl sehr verwundert und nannte die Ketsch gerne das »Altherren-Boot«.
… »Ich versteh dich nicht. Eine Ketsch? Und dann auch noch mit Rollanlagen? Die sind störanfällig, leistungsmindernd und überhaupt total seniorenmäßig. Das wär was für mich – in zehn Jahren.«
»Wenn du mit Rollanlagen sorgfältig umgehst und sie regelmäßig warten lässt, sind sie eine enorme Arbeitserleichterung für eine kleine Crew. Das macht mich unabhängig und das ist mir im Moment wichtiger. Außerdem: Wenn ich’s sportlich will, fahr ich mit dir, Papa.« …
Die Dämmerung wurde zur Nacht.
Dunkelheit breitete sich unter und über Deck aus. Anna sah zum Umriss der Wasserflasche. Ihr Mund war trocken und pelzig, aber alle Versuche, etwas zu trinken, endeten über dem Eimer. Die Erschöpfung war inzwischen so tief, dass Anna reglos auf der Sitzbank lag, nur ihr Verstand war hellwach und unruhig.
Sie brauchte einen Plan für den kommenden Tag – vorausgesetzt, sie würde aufstehen können.
Im besten Fall wären Frank, Markus und Sabine zu Mittag wieder an Bord. Heute heftig gefeiert, Rausch ausgeschlafen, morgen zurückgebracht werden. Oder sie würden mit einem fremden Boot, möglicherweise der Küstenwache die Seacloud anfahren, Ersatzteile bringen oder die Yacht schleppen lassen.
Aber wenn niemand käme, was dann? Allein der Gedanke, eigenverantwortlich die Segel setzen zu müssen, ließ ihren Magen zusammenkrampfen.
Hätte ich mich intensiver mit der Elektronik befassen müssen? Wäre der Motor angesprungen, hätte ich es nur länger versucht? Habe ich irgendetwas Wichtiges unterlassen?
Sie dachte an das Wasserfärbemittel, die Leuchtraketen und die Handfackeln. Aber eine leise und doch vertrauensvolle Stimme sagte ihr, dass die drei nur zum Feiern ans Festland gefahren waren. Die Gedankenbilder, die zu dieser Stimme gehörten, die zeigten eine Anna, die Signalfarbe ins Wasser schüttete und Raketen in den Himmel schoss, um gleich darauf Walters Motorboot zu entdecken, das alle drei wohlbehalten zurückbrachte.
(»Was ist denn hier los?! … Du dachtest was?! … Aber du hast doch hier gestanden und uns gewunken! … Wie, kein Strom? Anna! Dann ist die Sicherung draußen. Gott, wie oft hab ich dir das schon erklärt? Die Sonne hat dir ja mördermäßig zugesetzt.«)
Anna schlug die Augen auf, drehte behutsam den Kopf. Als das schmerzhafte Pochen nicht einsetzte, stützte sie sich auf und griff zur Wasserflasche. Sie zwang sich, in kleinen Schlucken zu trinken, wartete auf den ersten Magenkrampf, aber auch der blieb aus.
Besser, eindeutig besser.
Sie setzte sich auf und dehnte den steifen Nacken. Als sie aufstand, spürte sie einen leichten Schwindel, der jedoch, wie die schwarzen Flecken vor den Augen, gleich wieder verschwand. Sie überquerte den Gang zum Steuerstand. Sämtliche Geräte hatten unverändert keinen Strom.
Okay, wo ist die Sicherung?
Es fiel ihr mit schlechtem Gewissen ein. Die Sicherung war in das Elektroschaltpaneel unterhalb der Steuerkonsole eingebaut. Anna ging in die Hocke und öffnete den zweitürigen Schrank. Die schwarzen Sicherungshebel zeigten alle nach oben.
»Wäre ja auch zu schön gewesen.«
Unter der Annahme, dass sie vielleicht alle unten liegen sollten, legte Anna einen Hebel nach dem anderen um, sah zur Kontrolle über die Bildschirme von Funk, Radar und GPS. Aber keiner zeigte irgendeine Regung. Sie drückte alle Hebel wieder nach oben und schloss die Schranktür. Schlecht, sehr schlecht, aber dann würde sie erst nach der Küste sehen und anschließend noch mal versuchen, den Motor zu starten.
Anna trug den Eimer nach oben und spülte ihn mit Meerwasser aus. Der Himmel war nicht nur vollständig bedeckt, so dicht, dass sie die Sonne nicht mal ahnen konnte, sondern dem Licht fehlte auch Intensität. Wahrscheinlich war es noch sehr früh am Morgen.
Sie hob das Fernglas und suchte konzentriert den Horizont ab. Luvseitig, backbord, lag fern am Horizont eine Wolkenfront. Dunkle Quellwolken türmten sich bis zu einer geschlossenen Stratusschicht. Anna ging zum Heck und sah steuerbord einen dunklen Strich oberhalb der Wasserlinie. War das Land? Sie würde gleich mal einen Blick auf den guten, alten Kompass werfen. Wenn dort Norden lag, dann war das ganz sicher Land.
Sie umrundete noch einmal das gesamte Deck, suchte diesmal nach einem Boot oder etwas, das vielleicht auf dem Wasser trieb. Aber soweit die Sicht reichte, nichts und niemand.
In diesem Moment fiel ihr ein, dass sie etwas sehr Wichtiges einfach vergessen hatte: die Positionslichter. Sie hatte über Nacht in einem völlig unbeleuchteten Boot geschlafen. In ihrem gestrigen Zustand hätte sie ein anderes Schiff erst gehört, wenn es mit der Seacloud bereits kollidiert wäre. Allein bei der Vorstellung wurde ihr heiß und kalt, aus Angst, aber insbesondere aus schlechtem Gewissen.
Moment! Die Positionslichter hätten ja ohnehin nicht funktioniert.
(»Der Punkt ist, du hast nicht dran gedacht. Darum geht’s.«)
Mit einem Kopfschütteln scheuchte sie die Gedanken fort, konzentrierte sich auf die dunkle Linie. Anna ließ das Fernglas sinken, ging zum Cockpit und sah auf den Kompass in der Steuersäule. Tatsächlich, die dunkle Linie lag grob in Richtung Nord. Das genügte als Information.
Ja, ich weiß, Bruderherz, Missweisung und Fehlwinkel, aber es bleibt dabei: Das dort ist irgendwas zwischen Westnordwest und Ostnordost – folglich Küste. Mehr muss ich nicht wissen, denn wie du bereits bemerkt hast, will ich nur an Land, ganz egal wo.
Die dunkle Linie, vermutlich die italienische oder möglicherweise auch französische Küste, lag leeseitig. Anna würde also locker und entspannt mit einem Raumschots-Kurs starten und sich vielleicht sogar am Vormwind-Kurs versuchen können.
(»Vorm Wind zu segeln ist nicht ohne, das weißt du. Und der Wind nimmt zu.«)
Die Fahne am Heck und der Verklicker im Masttop bestätigten ihren Eindruck: Der Wind frischte auf. Was nicht verwunderlich war mit den dunklen Wolken in Südost.
Ich weiß, dass das eine Gewitterfront ist. Ich bin ja nicht blind.
Womit sich die Frage stellte, wie lange sie warten sollte – warten konnte.
Anna trat an die Steuersäule und bewegte ihre Hand zum Anlasser. Würde der Motor anspringen, dann wären eine Menge Probleme gelöst: Es gäbe Strom, Verbindung zum Festland, und sie könnte einfach der Küstenwache entgegentuckern oder die Seacloud zur Not schleppen lassen, denn allein und ohne Anweisungen die Segel zu setzen, würde Anna – wenn irgendwie möglich – gerne vermeiden.
Falsch gesetzte Segel konnten reißen, den Mast beschädigen oder das Boot in eine gefährliche Krängung bringen. Ein falsch gelenktes Boot unter Segeln konnte kentern. Und je stärker der Wind, desto heftiger reagierten Segel und Boot auf Fehler.
Sie ließ ihre Hand über den Anlasser schweben, blickte zu den dunklen Wolken am Horizont und spürte den kalten Wind im Gesicht. Fakt war, sie hatte keine Ahnung von Motoren. Sie wusste, wo der Dieselmotor der Seacloud stand, damit hatte es sich. Sollte er nicht (doch er wird!) anspringen, dann war’s das. Dann musste sie die Segel setzen und zusehen, dass sie schleunigst an Land kam. Denn was da hinten anrückte, würde unangenehm werden. Sie sah zurück zum Anlasser.
Spring an. Bitte, spring einfach an. Bitte!
Sie hielt den Atem an und drückte den roten Knopf nach unten. Vergeblich. Nichts rührte sich. Sie drückte noch mal, hielt ihn unten.
Shit-shit-shit!! Okay. Ganz ruhig. Eins nach dem anderen.
Sie würde sich eine Kanne Tee machen und versuchen, etwas zu essen. Und dann würde sie sich bereit machen müssen, die Segel zu setzen, ob ihr das gefiel oder nicht. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass Frank, Markus und Sabine durch etwas aufgehalten wurden, das Anna bisher noch gar nicht in Betracht gezogen hatte. Vielleicht hatte Walter einen Herzinfarkt gehabt und jetzt saßen die drei bei ihm im Krankenhaus. Unter normalen Umständen hätten sie Anna informiert, aber die war ja wegen des Stromausfalls nicht zu erreichen.
Schlimmstenfalls würden die drei zu diesen Koordinaten zurückkehren – das andere Boot hatte ja GPS – und die Seacloud nicht finden.
(»Was ist denn hier los?!«)
Unwetter, kein Außenkontakt, keine Ahnung, wo ihr seid. Gott! Was hätte ich denn machen sollen? Auf den Sturm warten?
Sie würde diesen elenden Bikini loswerden und sich vernünftige Unterwäsche und etwas Warmes anziehen und das Ölzeug rauslegen – sollte die Gewitterfront die Seacloud einholen, dann war an einen Klamottenwechsel nicht mehr zu denken. Und mit nassen Klamotten im Wind (korrigiere: Sturm) konnte es empfindlich kalt werden.
Anna füllte den Wasserkessel aus einem Fünf-Liter-Trinkwasserkanister, stellte den Kessel auf den Herd, drehte das Gas auf und drückte den Handanzünder. Sie drehte das Gas weiter auf, da sie die Flamme nicht sah. Aber da war keine Flamme, nur das deutlich hörbare Gasfauchen. Wieder drückte sie den Anzünder, der sein übliches Knacken von sich gab, aber keine Flamme entfachte. Anna drehte das Gas wieder ab und betrachtete den weißen Anzünder, auf dessen Unterseite eingeprägt war: »Fackelmann – Piezo Gasanzünder«.
(»Fun Fact: Piezo Gasanzünder funktionieren per elektrischen Funken.«)
Das ist unmöglich.
(»Ich hab’s dir gesagt.«)
Das ist nur ein Anzünder. Das bedeutet gar nichts.
(»Oh doch. Das bedeutet eine Menge, wenn schon der Anzünder nicht funktioniert. Das heißt –«)
Dass der Blitz in die ganze Welt eingeschlagen hat.
(»Exaktamundo.«)
Das ist das Unwetter. Oder vielleicht bündelt der Rumpf die statische Ladung und hält sie an Bord.
Anna legte den Anzünder neben den Topf. Sie ging den Flur entlang zu ihrer Kabine, wobei sie sich zwingen musste, nicht zu rennen. Sie öffnete die Tür, hinter der sie das übliche Durcheinander empfing, was nicht allein Markus’ Schuld war, da die Forward Cabin, die Kabine im Bug, in ihrer jetzigen Konfiguration eher einem Bettenlager als einem Schlafzimmer glich.
Anna krabbelte über das Bett und suchte in den Hängeschränken nach ihrer Uhr. Die Uhrzeiger standen auf 11:13 Uhr. Oder 23:13 Uhr, denn der Sekundenzeiger rührte sich nicht. Anna hielt sich die Uhr ans Ohr, aber da war kein Ticken, kein Tacken, nur die Stille von toter, unbewegter Materie.
Die Taschenlampe. Wo ist die Taschenlampe?
Es war ein kleines Gerät, nicht größer als ein Golfball, mit einer Handkurbel. Anna schleuderte alles aus den Schränken, bis sie die Taschenlampe gefunden hatte. Sie kletterte zurück an den Bettrand und drückte auf den An-Schalter. Nichts.
Okay. Kurbeln. Sie klappte die Kurbel zur Seite und fing an zu drehen. Aber die Lampe flackerte nicht, wie sie es sonst getan hatte. Anna kurbelte und kurbelte, dann drückte sie wieder den An-Schalter. Nichts. Das kann sonst was bedeuten. Die Umkehrung des Faradayschen Käfigs oder was weiß ich.
(»Unsinn.«)
Deswegen kommen die drei nicht zurück, weil sie an Land festsitzen.
(»Vergiss endlich die Taschenlampe und mach, dass du hier wegkommst.«)
Anna wollte gerade aufstehen, als ihre Hand etwas auf dem Leintuch berührte. Als sie ihre Hand ansah, glitzerte sie. Das war feiner Sand, fast Staub. Anna rieb ihn zwischen ihren Fingern. Leicht grau, wie Asche. Es war nicht nur auf dem Bett und dem Bettrahmen, sondern auch auf dem Boden, verteilt in einem Radius von fünfzig, sechzig Zentimetern. Hätte sie es nicht zufällig berührt, hätte sie es übersehen. Woher kam dieses Glitzerzeug?
(»Sand?! Du meinst, das ist jetzt wichtig?«)
Offensichtlich wusste das Frank-Hologramm in ihrem Kopf, dass sie weit lieber den Staubsauger rausgeholt hätte, um anschließend alle Betten neu zu beziehen und das gewaschene Bettzeug (das erste Mal in ihrem Leben) zu bügeln – wenn sie dafür nur nicht nach oben müsste, um Entscheidungen zu treffen, die im schlimmsten Fall mit dem Verlust des Bootes oder ihrem Leben enden konnten.
Frank liebte die Seacloud. Und nicht nur, weil sie ein wirklich gutes Boot war, sondern vor allem weil ihr Vater die sechzehn Meter lange Ketsch Frank zur Promotion geschenkt hatte. Würde die Yacht ihretwegen zu Schaden kommen, könnte sich Anna das nie verzeihen. Und vielleicht würde Frank es ihr auch nie verzeihen, weil Anna nicht aufmerksam genug zugehört, weil sie immer auf seine Anweisungen gewartet hatte, statt wirklich zu lernen.
(»Schieb endlich deinen Hintern nach oben und sieh zu, dass du Land gewinnst.«)
Nachdem sie sich die Thermoskanne Kamillentee gemacht hatte – es lag noch ein altes Heftchen Streichhölzer beim Besteck –, hatte sie zwei kalte Toastscheiben mit einer der Streichpasten gegessen. Anschließend hatte sie die Pantry aufgeräumt und die Seeventile und Rumpffenster überprüft. Dann hatte sie ihre Funktionshose angezogen und sich das restliche Ölzeug plus Rettungsweste und Lifebelt oben ins Cockpit gelegt. Bei einem letzten Rundgang checkte sie die Leinen, wickelte einige neu auf und zog, wo nötig, Gurte fest.
Ein weiteres Mal nahm sie das Fernglas und suchte nach einem Boot, aber unverändert nichts und niemand. Inzwischen war die Wolkendecke noch undurchdringlicher geworden, die dunkelgrauen Wolken luvseitig waren erwartungsgemäß näher gerückt und der Wind hatte weiter zugenommen. Die Wellen trugen schmale Schaumkronen und ließen die Seacloud spürbar schaukeln – vielleicht fünfzehn Knoten. Leeseitig, steuerbord, sah Anna nach wie vor deutlich die dunkle Linie am Horizont.
Entfernungen konnten auf See täuschen, aber so, wie es aussah, würde sie die Küste bis zum Abend problemlos erreichen – ganz egal ob es dann »Buonasera« oder »Bonsoir« hieß.
In Gedanken spielte Anna ein letztes Mal die Umstände durch, versuchte abzuwägen, ob ihr Plan, die Seacloud an Land zu steuern, ein kluger, ein vernünftiger Plan war und ob Frank das auch so sehen würde. Anna wusste es nicht. Das Frank-Hologramm vertrat dazu plötzlich zwei unterschiedliche Standpunkte: Eine hysterische Überreaktion und völlige Fehleinschätzung der tatsächlichen Bedrohung (nämlich gar keine) versus sträfliches Zögern, endlich Kurs Richtung Land zu nehmen und Abstand zur Gewitterfront zu schaffen.
Die eigene Unentschiedenheit und zunehmende Angst hielten Anna mit dem Fernglas an der Reling, statt den Anker an Bord zu hieven. Aber es war nicht nur Angst, sondern noch etwas anderes, das so verwoben in unterschiedlichen Gedanken und Sorgen war, dass sie sich dessen erst bewusst werden musste: Die Segel zu setzen bedeutete, das Unglück einzugestehen und die Hoffnung aufzugeben, alles könnte sich in Wohlgefallen auflösen.
Anna dachte das erste Mal seit langer Zeit an Jennifer Maier.
Jen war ihre beste Freundin gewesen bis zu einem Vorfall in der Neunten: Anna hatte herausgefunden, aus welchem Übungsbuch ihr Lateinlehrer die Klausuraufgaben hatte. Sie kaufte das Lösungsheft und kopierte es für Jen. Sie mussten also nur den richtigen Spicker aus dem Ärmel ziehen und die klein gedruckte Auflösung abschreiben. Bei der letzten Klausur vor den Sommerferien fiel Jen der Spicker zu Boden, genau in dem Moment, als die zweite Aufsicht durch die Reihen schlenderte. Die Aufsicht hob den Zettel auf und sagte: »Na, das ist ja mal mächtig in die Hose gegangen, Fräulein Maier.«
Jen versuchte gar nicht erst zu diskutieren. Sie nahm ihre Tasche, packte Mäppchen und Flasche ein, dann sah sie zu Anna. In ihrem Blick lag ein Vorwurf, den Anna so deutlich verstand, als hätte Jen die Worte ausgesprochen. Und es stimmte: Es war Annas Schuld. Sie hatte Jen dazu überredet, obwohl Jen ohne Spicker besser geschrieben hätte, denn anders als Anna war Jen tatsächlich sehr gut in Latein. Aber Anna hatte sie als Mit-Verschwörerin benutzt, als Rückendeckung.
Eine Sekunde lang hatte Anna darüber nachgedacht, die Arbeit aus Solidarität abzugeben, aber dann senkte sie den Kopf und schrieb weiter.
Auf dem Weg zur Tür wurde Jen mit zusammengeknülltem Papier beworfen und ein paar Jungs riefen: »Voll in die Hose, Fräulein Maier! Voll in die Hose!«
Als wären Hohn und Betrugssechs nicht Strafe genug, hielt ihr Lateinlehrer in der nächsten Stunde eine Ansprache, die er mit den Worten schloss: »Jennifer, ich bin enorm enttäuscht von dir.«
In der Pause fand Anna Jen alleine im Treppenhaus. Sie wiederholte ihre Entschuldigung vom Klausurtag noch inständiger.
Aber Jen sagte nur: »Du hättest was sagen können.«
»Hab ich doch.«
»Niemand hat dein ›ziemlich übertrieben‹ gehört – und selbst wenn, es hätte nicht gereicht. Nein, du hättest sagen können, dass es auf deinem Mist gewachsen ist. Das hättest du sagen können, aber hast du nicht.«
»Tut mir leid. Ehrlich, ich –«
»Nein, schon klar. Ich bin nur wichtig, wenn ich dir nütze.« Jen stand auf und ging drei Stufen die Treppe hinunter. »Aber weißt du was? Irgendwann geht dir dein Glück aus. Dann wandert Anna Berger nicht mehr im Sonnenschein. Und glaub mir, auf diesen Tag freue ich mich.«
Jetzt, zwölf Jahre später, fragte sich Anna, ob dieser Tag gekommen war. Der Tag, an dem ihr das Glück ausgehen würde, an dem die »Sonnenschein-Reise« vorbei wäre. Aber »Sonnenschein« war relativ zum Standpunkt des Betrachters. Von hier aus war ihr Leben meist schattig gewesen und es hatte oft geregnet.
(»Mein Beileid, für Papas fettes Bankkonto. Mein Beileid für eure Villa. Mein Beileid für all die Reisen, all die Klamotten – so schattig, so verregnet.«)
Jen Maier hatte nie verstanden, wie tief der Abgrund war. Wie auch? Sie wusste es ja nicht. Niemand wusste es. Niemand durfte wissen, was den Abgrund so tief machte.
Das Jen-Hologramm flackerte und wurde zu Frank. Er sagte nichts, weil alle Worte in seinem Blick lagen.
Ein Blick, der seit 13 Jahren immer dasselbe sagte: »So oder gar nicht.« Frank, der Umsichtige. Frank, der Vernünftige. Frank, der Kompromissbereite.
… »Wie lau und verlogen das ist.«
»Es würde niemand begreifen. Zudem das auch überhaupt keine Frage persönlicher Auslegung ist.«
»Die Welt ist so groß!«
»Aber dafür zu klein. So oder gar nicht.« …
Anna hatte das »So« gewählt. Das »So« war der Abgrund, der Schatten und der Regen.
… »Nur wir beide über den Atlantik.« …
Anna ließ das Fernglas sinken – ich werde dieses Scheißboot an Land segeln, und dann mache ich diesen gottverdammten Segelschein –, schob es in den Ausschnitt ihrer Jacke und zog den Reißverschluss höher. Sie nahm die Handkurbel, steckte sie in die Winde und begann den Anker zu einzuholen.
Der Anker hatte keinen Grund, das merkte sie sofort. Vermutlich hätte sie ihn andernfalls gar nicht bergen können, da Wind und Strömung das Boot vom Anker wegtrieben – was in diesem Fall ein Vorteil war, weil das Boot schon zum Wind stand und Anna deshalb das Groß problemlos setzen konnte.
(»Was hättest du gemacht, wenn der Anker im Grund verkeilt gewesen wäre?«)
Ich hätte die Ankerleine vom Beschlag gelöst und »ciao, Anker« gesagt.
(»Yep. Womit sich ein Siebenhundert-Euro-Anker auf den Meeresgrund verabschiedet hätte.«)
Sorry, Bruderherz.
Als sie endlich den Anker in der Bugrolle hatte, war ihr nicht nur heiß, sondern sie war erschöpft. Die vergangene Nacht steckte ihr tiefer in den Knochen als vermutet. Anna sah zum Verklicker, die Richtung stimmte noch, dann zu den Wellen, deren Schaumkronen vielleicht einen Deut breiter geworden waren.
(»Gib Stoff, Schwesterherz. Besser wird der Wind nicht.«)
Anna ging zum Großmast, legte den Unterliekstrecker um die Backbordwinsch und setzte das Großsegel so weit es ging, dann drehte sie das Ruder nach Backbord, fierte die Großschot etwas mehr und ließ das Boot abfallen. Nach einem Augenblick knallte das Segel, knallte noch mal, dann stand es glatt im Wind. Die Seacloud nahm langsam Fahrt auf und ihr Bug wandte sich von den dunklen Wolken ab.
(»Fock setzen, hopp-hopp, Matrose.«)
Da der Autopilot nicht funktionierte, band Anna das Ruder provisorisch mit ihrem Lifebelt fest, dann zog sie das Focksegel über die Backbord-Fockschot aus und fierte die Reffleine. Als sie einen ordentlichen Ruck spürte, schlang sie die Reffleine hastig um die Winsch.
(»Wie oft hab ich dir das schon gesagt, hhm? Reffleine langsam und nie ohne Winsch fieren, außer sie soll sich dir mal so richtig ins Fleisch brennen.«)
Anna zog weiter an der Fockschot, fierte weiter die Reffleine und bald stand auch die Fock prall am Wind. Die Seacloud wurde deutlich schneller und ließ auf Backbordbug und Raumschotskurs die dunklen Wolken in einem Bogen hinter sich, die nun den Eindruck erweckten, das kleine, weiße Segelboot auf der endlosen, unwettergrauen See zu verfolgen.
Anna, nun wieder mit beiden Händen am Ruder, den Blick an Groß und Fock vorbei zum Horizont gerichtet, lächelte.
Die Zeit dehnte sich und zog sich gleichermaßen zusammen. Anna hätte unmöglich sagen können, wie lange sie bereits am Ruder stand und die Schoten fierte oder dichtholte.
Der Wind hatte zugenommen, war zu einer frischen Brise geworden, um die zwanzig Knoten. Noch pflügte die Seacloud durch die Wellen, aber die Gewitterfront peitschte zunehmend größere Wellen voran, deren Gischt über die Reling sprühte.
Wie auf der Flucht sah Anna immer wieder zurück, versuchte abzuschätzen, ob sie den Abstand halten konnte, ob es gelingen würde, außerhalb des Unwetters zu bleiben.
Die dunkle Linie, auf die Anna zuhielt, hatte erst mehr Konturen gewonnen, dann aber wieder verloren und löste sich nun mehr und mehr in einem allgemeinen Dunkelgrau auf. Anna sah zum ersten Mal, seitdem sie die Segel gesetzt hatte, auf den Kompass. Es dauerte einen Augenblick, bis sie begriff, was sie sah: Nord zeigte noch immer Richtung Heck, noch immer genau auf den Besanmast – allerdings hatte die Seacloud inzwischen eine 180-Grad-Wende gemacht. Für einen Augenblick war es still in ihrem Kopf, nur ein allumfassendes Rauschen, während ihr Herz mühsam seinen Rhythmus wiederfand.
Um Gottes willen! Das ist gar kein Land. Ich halte auf Regenwolken zu!
Das Kompassnord war auf dem Besanmast festgefroren – warum hatte sie das nicht schon lange vorher gesehen?! Weil sie nicht darauf geachtet, weil sie nur auf den Horizont gesehen hatte und davon überzeugt gewesen war, weil sie inständig gehofft hatte, dass die dunkle Linie Land war, das sich nun als großes, graues Nichts entpuppte.
… »Irgendwann geht dir dein Glück aus.« …
Okay. Ganz ruhig. Ja, vielleicht hatte sie sich noch weiter von der Küste entfernt. Aber in Anbetracht des Unwetters, das ihr auf den Fersen folgte, war dieser Kurs vermutlich nicht die dümmste Entscheidung gewesen. Und letztendlich befand sie sich nur auf dem Mittelmeer, nicht auf dem Pazifik. Irgendwann würde sie einem anderen Boot begegnen oder auf Land stoßen. Oder einfach nur die Sonne sehen, das allein würde reichen, um Kurs auf Nord zu nehmen – dann könnte ihr der Kompass egal sein. Und wenn sie es genauer durchdachte, dann war die Entscheidung, in einem Sturm ohne Motor Land anzusteuern – Klippen, Untiefen, Kaimauern, andere Boote –, vielleicht wirklich nicht die beste aller Entscheidungen gewesen.
Nicht lange und der Wind wurde stärker. Wellen bäumten sich auf, fielen wieder ab, schlugen donnernd gegen den Rumpf. Gischt sprühte Anna ins Gesicht. Längst hatte sie Ölzeug und Handschuhe angezogen, aber Kälte und Feuchtigkeit sickerten dennoch durch, versiegelte Nähte hin oder her. Anna hielt das Ruder fest, steuerte von Welle zu Welle. Eine Ketsch, das wusste sie, fuhr man bei einer 6er-Windstärke unter Motor mit Besansegel und Sturmfock. Die Sturmfock war nicht angeschlagen, der Motor nicht zu starten und das Groß zu bergen und dafür das Besan zu setzen, traute sich Anna nicht mehr, aus zwei Gründen: Zum einen müsste sie dafür das Ruder viel zu lange loslassen und zum anderen brauchte sie den Antrieb des ohnehin schon gerefften Großsegels, um gegen die Wellen anzukommen. Einen Teil dieses Antriebs zu verlieren, nur weil sie Groß und Mast schonen wollte, erschien ihr zu riskant.
Ich fürchte, wir müssen da so durch … Big Mama.
»Big Mama«, so nannte Frank die Yacht, wenn er sie ansprach: »Na, Big Mama, gefallen dir deine neuen Klampen?«
Und die 16-Meter-Yacht wippte im Hafenbecken auf und ab, wie ein Hund, der sich auf einen Keks freut.
… »Du spinnst ja.«
»Mitnichten, Schwesterherz. Boote haben zehnmal mehr Charakter als irgendein Auto. Wenn du erst mal mit einem Boot allein auf See warst, dann wirst du verstehen, was ich meine.«
»Ich wiederhole: Du spinnst ja.«
»Nein, wirklich, es gibt Seemänner, die schwören Stein und Bein, dass ihr Boot sie nachts weckt, wenn irgendwas Ungewöhnliches passiert. Ich behaupte sogar, dass sie uns auch tagsüber aufmerksam machen, wir es dann aber überhören.«
»Seemannsgarn, sag ich. Kilometerlang!« …
War es Mittag? Abend? Anna hatte keine Ahnung. Die Zeitspanne, wie lang oder kurz sie auch sein mochte, erschien ihr als höllenfahrtgleiche Ewigkeit.
Sie hatte längst aufgegeben, auf irgendetwas zuzuhalten, achtete nur auf sicheren Kurs zu den Wellen und darauf, die Schoten zu fieren oder beizuholen, damit die Segel so gut wie möglich zum Wind standen. Mehrmals glaubte sie, der Sturm würde nachlassen, ein wenig nur, aber selbst wenn das stimmte, holte er nur Atem, um noch ärger als zuvor Boot und Wellen voranzupeitschen.
In dieser Höllenewigkeit waren die Wellen der einzige Beweis verrinnender Zeit. Eine Welle nach der anderen, manche gut zu nehmen, andere furchteinflößend hoch. Eine Welle nach der anderen schwappte über das Deck, rollte über das Boot, um es wider Erwarten noch einmal zu verschonen. Und mit jeder Welle, die den Rumpf hob und wieder absinken ließ, schwand Annas Kraft, gewann der Gedanke an den möglichen Tod mehr Gewicht. Erst schrie sie gegen den Wind, dann weinte sie aus Verzweiflung, während ihr die Gischt ins Gesicht schlug.
Zu Anfang hatte sie mehrmals zur Rettungsinsel gesehen – ein weißer Container vor dem Großmast, festgezurrt mit vier sich kreuzenden, blauen Gurten. Die Blicke allein kamen ihr wie Verrat an Frank und Big Mama vor.
Noch nicht. Noch nicht, hatte Anna gedacht.
… »Die beste Rettungsinsel ist immer das Boot. Solange das noch schwimmt, werd’ ich den Teufel tun und mich in einen Haufen Plastik setzen. ’ne Menge Segler würden heute noch leben, wenn sie ihr Boot nicht zu früh aufgegeben hätten.« …
Nein, noch nicht. So schnell geb’ ich nicht auf.
Aber dann, als die Wellen höher und höher wurden, der Wind in die inzwischen stark gerefften Segel donnerte und die Masten, das ganze Schiff knarrte und ächzte, die Stahlseile sangen, die Ketten schlugen, dann war es zu spät. Würde ein Monster von Welle das Boot niederdrücken oder kentern lassen, dann würde es zweihundert Jahre dauern, ehe Anna den Lifebelt losgemacht hätte, ehe sie zum Mast getorkelt wäre, ehe sie die Gurte gelöst, den Container geöffnet, die Rettungsinsel herausgezogen hätte – nein, keine Chance in diesem Sturm.
… »Wir wünschen dir stets einen sicheren Kurs voraus. Bei Tag stets eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und bei Nacht einen sicheren Ankerplatz. Wir wünschen dir eine starke Hand, die dich sicher führt. Wir wünschen dir große Abenteuer und stets eine sichere Heimkehr. Wir taufen dich auf den Namen Seacloud.« …
Eine starke Hand, die dich sicher führt – tut mir leid, wenn ich diesen Teil nicht einhalte, aber wir müssen da so durch. Wir müssen, Big Mama, wir müssen.
Eine Ewigkeit später legte sich der Sturm, peitschte den stärker werdenden Regen nicht mehr gegen Mensch und Boot, sondern ließ ihn fallen in dicken, kalten Tropfen. Irgendwann beruhigte sich auch die See, war noch hoch und aufgewühlt, aber nicht mehr bedrohlich.
Anna konnte sich nicht länger auf den Füßen halten, sank gegen das Ruder, noch immer durch den Lifebelt mit der Steuersäule verbunden. Anna fiel in einen Halbschlaf, gewahrte noch das Auf und Ab des Bootes, den Wind, der an ihrer Kapuze zog und rüttelte, die Bewegungen des Ruders, in dessen Speichen ihr Arm hing. Der Regen prasselte auf ihr Ölzeug, sie fühlte die Tropfen wie Fingertippen. Und Harndrang. Alles klebte ihr auf der Haut, durchnässt von Salzwasser, Regen und Schweiß, und sie ließ es laufen, einfach laufen und warme Flüssigkeit rann an ihren Oberschenkeln entlang.
Als sie aufwachte, war es so gut wie windstill. Das Meer war eine bleigraue Wellenfläche, auf der sich hunderttausend Tropfenkreise überlagerten. Bis zum Horizont war alles in Nebelgrau gehüllt, auf das die grafitschwarzen Regenwolken niederdrückten. Und es war deutlich wärmer geworden. Sie streifte die Kapuze vom Kopf, zog den Arm aus der Ruderspeiche und machte den Lifebelt los.
Seit ihrem kargen Frühstück, wie lange das auch immer her sein mochte, hatte sie nichts getrunken. Ihre Zunge fühlte sich geschwollen an, die Kehle wund. Anna sah zur Thermoskanne, aber die stand nicht mehr neben dem Ruder, sondern war auf die andere Seite gerollt. Anna öffnete den Reißverschluss der Jacke, streifte sie ab und kroch auf allen vieren zur Thermoskanne. Gegen die rechte Plichtbank gelehnt, saß Anna auf dem Boden, hielt den Becher mit noch immer heißem Kamillentee in der Hand und betrachtete das helle Grau des Nebels. Die Sonne musste tief stehen, wahrscheinlich später Nachmittag. Also war eine Zeitspanne von vier bis acht Stunden vergangen.
Captain, vermelde Mann und Boot wohlauf! Ich habe diesen scheiß verfickten Sturm lahm geritten!
Aus dem Nebel, der über das Wasser wallte, sagte Jen:
Nachdem sie den Becher leer getrunken hatte, holte sie Groß und Fock ein, die bei oberflächlicher Betrachtung intakt aussahen. Dann zog sie sich aus, drehte Ölzeug und Funktionshose nach links und wusch alles mit Shampoo und Meerwasser aus, das sie mit dem Eimer an Bord zog. Obwohl es noch immer regnete, hängte sie die Kleider über die Reling und befestigte sie mit Klammern.
Sie nahm ein 30-Meter-Seil aus der Materialkiste. Beide Enden legte sie um eine Klampe und band sie sorgsam fest. Die lange Seilschlaufe warf sie über die Reling, klappte die Aluleiter aus und sprang ins Wasser.
Gegen die schwüle Wärme der Luft war das Wasser kalt, aber das machte ihr nichts – es war belebend und wusch nicht nur den Schweiß ab, sondern auch die Angst.
Mit dem Seil in der Hand schwamm sie in kräftigen Zügen, dann hob sie es sich über den Kopf, nun war sie in der Schlaufe und konnte nicht vom Boot getrennt werden. Dennoch wagte sie nicht, das Seil loszulassen, hielt es immer in der einen oder anderen Hand. Selbst als sie sich mit geschlossenen Augen auf dem Wasser treiben ließ, lag ihre Hand um das Seil und zog ab und an prüfend daran, ob das Boot noch am anderen Ende war.
Während des Sturms hatte sie nur von einer Welle zur nächsten gedacht, vom Beiholen zum Fieren. Jetzt, in der Stille danach, setzten die Gedanken wieder ein: War es klug gewesen, die ursprüngliche Position aufzugeben? Sollte die Küstenwache inzwischen nach der Seacloud suchen, dann würde man sie jetzt ganz sicher nicht mehr finden, würde vielleicht sogar annehmen, dass sie im Sturm gesunken war. Aber es blieb dabei: Das hier war nur das Mittelmeer, sobald die Sonne zu sehen wäre, könnte sie Nord bestimmen. Sobald Wind in den Segeln wäre, könnte sie Land erreichen – wie elegant oder verheerend dann auch immer ihr Anlegemanöver ausfallen würde. Wie lange mochte so eine Flaute anhalten? So lange, wie ein Hoch stabil blieb? Tage? Sie würde alle Vorräte zusammenräumen und sich einen Überblick verschaffen, das Verderbliche zuerst essen, sich das Wasser einteilen. Regenwasser einfangen. Am besten jetzt gleich.
Anna öffnete die Augen und schwamm zurück.
Barfuß, in Jogginghose und T-Shirt, ein Handtuch um die nassen Haare, inspizierte Anna die Vorräte: Zwei Tüten Trocken-Tortellini, Knäckebrot, Kekse, Erdnüsse, Haferflocken, jeweils ungeöffnete Packungen. Im Hängeschrank: Essig, Öl, Gewürze, brauner Zucker, Kaffee, Tee und angebrochene Gläser Erdnussbutter und Himbeergelee. Zwölf Toastscheiben, drei steinharte Brötchen, acht Dosensuppen. Im Kühlschrank, der nicht kühlte: sauer gewordene Milch, einwandfreie Hafermilch, ein inzwischen ranziger Scheibenkäse (weg damit), tadellose Streichpasten, eine offene Packung leicht gräulicher Salami (sofort weg damit), eine geschlossene Packung Weizenprotein-Scheiben, ein halbleeres Glas Oliven, eine angebrochene Weinflasche, sechs Bierdosen und drei offene PET-Flaschen Softdrinks. Aber das Wichtigste war unter der Spüle festgezurrt: vier volle 5-Liter-Kanister Trinkwasser, plus der angebrochene von heute Morgen. Der Tank für die Sanitäranlagen zeigte 1.200 Liter an – auch wenn Anna nicht duschen konnte, weil die elektrische Pumpe nicht funktionierte, würde sie das Wasser über die Handpumpe in der Pantry oder im Master-Bad aus dem Tank bekommen. Das Problem an diesem Wasser war nur, dass es einen widerwärtigen Geschmack hatte. Wenn die Seacloud also nicht zufällig im Nebel durch die Straße von Gibraltar auf den Atlantik hinaustrieb, dann würde Trinkwasser zu keinem Zeitpunkt knapp werden, und Essen erst in gut fünf Tagen – bei entsprechender Rationierung deutlich später. Folglich alles im grünen Bereich, selbst wenn die Flaute mehrere Tage anhalten sollte.
Nachdem sie getrunken, sechs Toastscheiben mit Paste und die Oliven aufgegessen hatte, räumte sie in der Kabine wieder alles an seinen Platz, ordentlicher als zuvor, was offenbarte, dass Markus’ linker Segelschuh fehlte. Der rechte hatte vor dem Bett gelegen, der linke war nirgends zu finden. Zuletzt ging sie an Deck, um den Sandstaub aus dem Bettzeug zu schütteln. Inzwischen fielen nur noch einzelne Regentropfen. Unverändert kein Windhauch, dunkle Wolken, Nebel und darunter eine bleigraue See, die bis auf die Tropfenkreise nach wie vor unbewegt dalag. Auch das Seil trieb reglos auf der Wasseroberfläche.
Über die Reling gebeugt, die Bettdecke in der Hand, dachte sie: Markus hat den seltsamen Sand in die Schuhe bekommen und dann hat er genau das gemacht, was ich jetzt mache, und dabei ist ihm der Schuh ins Wasser gefallen.
Nur, warum war er nicht hinterhergesprungen? Und woher war dieser Sandstaub überhaupt gekommen? Ein sandgefülltes Gewicht? Sand für Teelichter, den Sabine mitgebracht hatte? Wäre ihr durchaus zuzutrauen, irgendeinen Kitsch hierherzuschleppen. Irgendein Nippes, wie dieses absurde Salz- und Pfeffer-Set, das sie Frank geschenkt hatte.
Die zwei Keramik-Gänse mit blauer Schleife um den Hals standen seit einem Jahr auf seinem Esstisch. Damals hatte Anna mit ausgestrecktem Finger erst auf die Gänse, dann auf Frank gezeigt und schallend gelacht. Frank, der Puritaner, hatte jetzt Kitsch-Gänse auf seinem Tisch. Typisch Sabine. Nicht das geringste Gespür für Stil und für Franks schon gar nicht – obwohl der in seiner Wohnung unübersehbar war: schwarzbraunes Parkett, Paschen-Kirschholz-Bibliothekskombi, silberne Alu-Jalousien, die Wände blanker Beton, an denen nur drei Gerhard-Mantz-Großformate hingen: »Die Macht des Schicksals«, »Unsichtbare Gegenwart« und »Persönliches Wagnis«. Davon abgesehen absolut null Schnickschnack – und jetzt zwei Gänse.
… »Sie bekommt viel mehr mit, als du denkst.«
»Wie was zum Beispiel? Dass du dringenden Bedarf an Gänsen hast?«
»Hör endlich auf mit diesen bescheuerten Gänsen! Es war ein Witz, ein Scherz, kapier’s doch!«
»Ist ja gut … Also, was bekommt Mademoiselle Physiotherapeutin denn mit?«
»Genau genommen bist du diejenige, die nichts mitbekommt, zum Beispiel, dass du mir gerade tierisch auf den Sack gehst.«
»Oh, entschuldige.«
»Sie hat mich letzte Woche gefragt.«
»Was gefragt?«
»Was eigentlich zwischen uns beiden läuft.«
»Und was hast du gesagt?«
»Nichts, das du jetzt gerne hören würdest.« …
Nachdem sie die Matratze wieder bezogen und die Bettdecke ordentlich zusammengelegt hatte, ging sie Richtung Heck zur großen Kabine – oder wie es im Schiffshandbuch hieß: »Master Stateroom« –, die neben einem Schreibtisch auch eine Couchecke hatte und tatsächlich als geräumiges Zimmer bezeichnet werden konnte, im Gegensatz zum Bettenlager der Front Cabin.
Halb auf Franks Kopfkissen lag Sabines Nachthemd mit dem Aufdruck »Schäfchenträume« und einem kitschigen Schafsbild. Anna warf es auf die Couch und legte sich auf Franks Seite. Sein Geruch war so schwach, dass sie ihre Nase ins Kissen drücken musste.
Wie lange waren sie unterwegs gewesen? Eine Woche oder nur ein paar Tage? Beunruhigend, dass sie sich nicht erinnern konnte. Nicht die Spur einer Ahnung, was nach dem Beladen in Genua passiert war. Ihr fehlte der gesamte Törn, wie lange oder kurz der gewesen sein mochte.
In den vergangenen Stunden hatte sie sich an Szenen erinnert, die seltsame Kombinationen von früheren Urlauben vor der räumlichen Kulisse der Yacht waren. Aber nichts davon hatte hier auf der Seacloud stattgefunden – insbesondere nicht die Szene im Bad. Denn dieses Bad, in dem Frank und Anna sich gegenübergestanden hatten, war das enge, dunkle Bad einer Berghütte in den Dolomiten gewesen, wo sie vor fünf Monaten zu viert Skiurlaub gemacht hatten – oder wie Sabine es nannte: »Pärchenurlaub.«
Jedes Mal, wenn Sabine mit strahlendem Lächeln »Pärchenurlaub« von sich gab, kommentierte es Anna mit einem »Urg«.
Pärchenurlaub (urg) war für Anna nur eine neue Spielart der Fassade, die ihr von Frank als Strafe auferlegt worden war und deren »Warum« sich ihrem Verständnis entzog.
Frank und Sabine in einem Schlafzimmer, Anna und Markus im anderen – eine Maskerade, die Normalität vortäuschte. Aber über kurz oder lang rebellierte Anna immer gegen die Fassade und war deshalb jedes Mal die Spielverderberin – oder, wie Sabine es so unglaublich eloquent ausgedrückt hatte: »Deine Schwester kann schon eine echte Zicke sein.«
Und Sabine hatte recht. Anna war eine Zicke zu Sabine, eine echt üble Bitch. Manchmal war sie so harsch zu »Bine«, dass es ihr später leidtat und sie sich schwor, das nächste Mal umgänglicher zu sein. Aber dann traf sie wieder auf »Bienchen« (womit Sabine E-Mails schloss – Urgh!), die Frank mit ihren großen, braunen Augen anhimmelte, die ständig nach seiner Hand griff, die jeden seiner Sätze mit einer Erwiderung unbegrenzter Zustimmung kommentierte, die ihm hinterherlief wie ein Hund, der nicht alleine im Zimmer bleibt, während sie ein T-Shirt trug, auf dem »Starlet 82«, »Soul Chica« oder sonst ein hirnloser Blödsinn stand – und jeder gute Vorsatz war dahin. Wenn Sabine etwas sagte, dann verdrehte Anna die Augen, erschlug sie mit Fakten oder ignorierte sie gleich ganz. Wenn Anna etwas zu Sabine sagte, dann steckte garantiert irgendwo Geringschätzung im Satz.
… »Nettes T-Shirt.«
»Danke!« Blick zu Frank. »Oder habe ich jetzt wieder was falsch verstanden?« …
Ja, hast du, Kleine. Du hast diese ganze Nummer falsch verstanden. Frank gehört mir. So wie er dir nie gehören wird. Du hast nur einen klitzekleinen Riss gefunden, in dem du dich parasitenmäßig eingenistet hast. Ich war vor dir da und ich werde noch da sein, wenn’s dich schon lange nicht mehr gibt.
Es hatte einige Zeit gedauert, aber irgendwann hatte selbst Sabine die »Unsichtbare Gegenwart« geahnt. Das, was hinter der Fassade lag. Eine Fassade, die normalerweise auch gegen Annas Aufbegehren standhielt, weil sie so fein gesponnen, so konsistent gearbeitet war, dass selbst jene beiden, die sie errichtet hatten, sie nicht immer gleich überwinden konnten, in jenen seltenen Augenblicken, wenn die verschlossene Wohnungstür die Wirklichkeit aussperrte. Die Fassade hielt stand und täuschte jeden, vorausgesetzt, sie kamen den Erbauern nicht zu nah. Sabine war zu nah gekommen und auch Markus blieb die Wahrheit nicht erspart.
Markus, der sie und Frank in eben jenem Winterurlaub in eben jenem Bad der Berghütte überrascht hatte. Markus, der im Türrahmen stand, während sich Bruder und Schwester das erste Mal seit einer ganzen Dekade küssten, ohne die Tür verschlossen zu haben. Anna hatte Franks Hände auf ihre Brüste gelegt, ihre Hüfte gegen seine gedrückt. Sie spürte sein Nachgeben, wie sie es immer spürte, dieses innere Kapitulieren, wenn das Fassaden-Schutzschild in sich zusammenfiel. Und sie hatte ihn geküsst, leicht nur, aber er hatte den Kuss erwidert, hart und fest, als wollte er ihr wehtun. Dann bemerkten sie Markus in der Tür. Frank ließ Anna los und sah zum Fenster. Markus setzte an, etwas zu sagen, aber vielleicht war es auch nur ein schwerer Atemzug. Er drehte sich um und ging.
Möglicherweise war die offen gelassene Tür eine unbewusste Sabotage, das konnte Anna nicht ausschließen. Sicher war sie sich allerdings, dass Markus nicht der beabsichtigte Empfänger war. Der Pfeil hatte den Falschen getroffen.
»Es tut mir leid«, sagte sie zu Markus, der im Zimmer seine Sachen packte.
»Was genau tut dir leid? Dass ich es zufällig gesehen habe? Oder tut dir leid, dass alles zwischen uns offensichtlich nur mein Wunschdenken war?«
»War’s nicht.«
»War’s nicht?«
»Nein, du bist die längste und beste Beziehung, die ich je hatte.«
»Abgesehen natürlich von Frank«, er zögerte, schloss den Koffer, »deinem Bruder.«
»Können wir reden, in ein paar Tagen?«
»Ich weiß es nicht. Keine Ahnung.« Er hob den Koffer auf und stellte ihn auf den Boden. »Irgendwie hab ich’s mir gedacht. Es ist, wie du ihn ansiehst und er dich.«
»Es hat nichts mit dir zu tun.«
»Von hier aus hat es eine Menge mit mir zu tun. Weißt du, ich dachte, die Distanz zwischen uns würde irgendwann schwinden und wir würden zusammenziehen, und jetzt stehe ich dumm da.«
Dass Markus genau begriff, welche Schlüsse er ziehen musste, dafür liebte sie ihn, fühlte es in diesem Moment stärker als je zuvor. Und als er fragte: »Du kannst mit Frank und Sabine zurückfahren, oder? Sag einfach, ich müsste in die Firma, dringender Geschäftstermin, das Übliche eben«, da nickte Anna, umarmte ihn und wiederholte ein halbes Dutzend Mal »es tut mir leid«, bis er die Umarmung erwiderte und sie in Tränen ausbrach, nicht nur seinetwegen, sondern wegen allem.
Zwei Wochen später hatte Markus vor ihrer Wohnungstür gestanden: »Können wir reden?« Aber aus dem Reden wurde nichts, weil sie im nächsten Augenblick im Bett landeten.
»Bist du jetzt bei mir?«, war das Einzige, was Markus in dieser Nacht fragte. Und ihre Antwort war aufrichtig: »Ich bin immer bei dir – solange er nicht da ist.«
Anna dachte an die hauchzarte Rotgoldkette, die ihr Markus auf dem Flug nach Genua geschenkt hatte. Die Kette hatte einen ebenso hauchzarten Anker als Anhänger. Jetzt, im Dämmerlicht der Koje, tastete sie danach, strich erschrocken an ihrem Hals entlang, als sie die Kette nicht gleich fand. Aber sie war noch da.
»Schön«, hatte Frank mit einem Lächeln zur vorgezeigten Kette gesagt – das Lächeln war an Markus gegangen. »Gleich mehrere passende Assoziationen.«
»Ich hoffe«, hatte Markus gesagt, »das ist okay für dich.« – Einen Anker in das Leben deiner Schwester zu werfen.
Frank hatte, noch immer lächelnd, genickt.
Der Anker aus Rotgold wurde hinter ihren Augenlidern größer und größer, wurde zu einem muschelbesetzten Titan, der langsam in die Tiefe sank. Irgendwas war mit dem Anker – aber was? Er war nicht ausgebracht. War das gut? Was das schlecht? Was brachte ein Anker ohne Grund? Anker hin oder her – sie durfte nicht in der Koje liegen, während das Boot unbewacht und unbeleuchtet auf dem Wasser trieb. Nicht einschlafen, nicht einschlafen. Ich muss aufstehen und nach oben gehen. Gleich stehe ich auf.
»Gleich«, murrte sie, aber sank schon tiefer in den Schlaf. Und mit ihr sank der Ankertitan an seiner schweren Kette in die Tiefe. Tiefer und tiefer, bis kein Blau mehr übrig blieb, nur Schwarz. Und dort unten in der Schwärze, da bewegte sich etwas. Etwas, das da nicht hingehörte. Eine riesige Masse von etwas, das da nicht hingehörte, mehr und mehr wurde, und versuchte, die Ankerkette hinaufzuklettern. Und Anna, die mit dem Anker hinuntergesunken war, kletterte vor diesem Etwas immer schneller hinauf. Dem Licht der Oberfläche entgegen. Aber das Licht schwand. Je höher sie stieg, desto dunkler wurde es.
»Scheiße!«
Es war hell, sie hatte die ganze Nacht geschlafen. Sie hätte oben an Deck sein müssen, nicht in Franks Bett, wo sie garantiert nichts mitbekommen würde. Beispielsweise ein sich näherndes Containerschiff, dessen Fahrt nicht mal stockt, wenn es eine 16-Meter-Ketsch zerschmettert. Oder das Gluckern und Platschen von Wellen auf Stein.
Anna stand auf und legte die Bettdecke über Franks Kopfkissen. Oben an Deck hatte sich die Wetterlage verändert: Der Regen fehlte und der Nebel hatte sich verzogen. Das Meer war noch immer bleigrau und spiegelglatt, die Wolken hingen tief und undurchdringlich, aber es war nicht mehr kalt. Im Gegenteil, es war drückend schwül. Es fühlte sich fast so an, als könnte unweit im Süden – in welcher Richtung das auch immer gerade war – Algerien liegen. Wie viele Seemeilen konnte man in so einem Sturm zurücklegen? Sie hatte doch unmöglich das Mittelmeer durchquert? Unten würde sie sich später mal die Seekarten vornehmen, um einen Eindruck der Distanzen zu bekommen.
Sie griff sich das Fernglas und umrundete das Deck. Anders als gestern waren diesmal weder Gewitterwolken zu sehen noch eine vermeintliche Küste. Auch kein Boot. Einfach nichts.
Vielleicht war sie ja tatsächlich in irgendeine seltsame Parallelwelt geraten, weil sie vorgestern ohnmächtig an Deck gelegen hatte, während das Boot durch ein Loch in der Wirklichkeit ins Schattenreich driftete – zumindest fühlte sich das im Moment nicht besonders unwahrscheinlich an.
Das Seil am Heck lag nach wie vor unbewegt und locker auf der Wasseroberfläche. Es gab also, zumindest jetzt gerade, keine Strömung, die das Boot irgendwohin treiben würde – in der Nacht konnte das natürlich anders gewesen sein.
Anna legte das Fernglas wieder auf den Steuerstand, als ihr Blick auf den Motoranlasser fiel. Ja, möglicherweise hatte sich nach dem Sturm etwas verändert und der Motor würde jetzt anspringen. Sie musste es zumindest versuchen. Allerdings war es gerade die aufkeimende Hoffnung, die Anna abhielt, den Knopf zu drücken. Wohin würde sie fahren, ohne Kompass (der noch immer exakt auf den Besanmast zeigte) und ohne Sonne? Im Kreis, bis der Sprit alle wäre? Aber mit Motor hätte sie Strom und damit ein Satellitentelefon. Sie musste es versuchen. Und sie drückte den Knopf. Drückte ihn wieder. Hielt ihn unten. Nichts. Nur Stille. Und wie sie vermutet hatte, schmeckte die Enttäuschung bitterer als gestern.
