The Village deep down - Johanna Wolfmann - E-Book

The Village deep down E-Book

Johanna Wolfmann

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Beschreibung

Kann man einer Illusion entkommen, die sich anfühlt wie Wirklichkeit? +++ Das Dorf, das so idyllisch scheint, ist der letzte Zufluchtsort nach der Apokalypse. Es liegt verborgen in einem fruchtbaren Tal, umgeben von steilen Felswänden. Die Regeln des Rates sind streng und mannigfaltig. Sie machen die einen zu Herren und die anderen zu Knechten. Dort lebt Trish, der Bella liebt. Aber Bella wurde zur rechtlosen Magd bestimmt und ist damit unerreichbar geworden. Bella, für Trish der einzige Grund, nicht ein letztes Mal die Flucht zu wagen, über die Felsen in eine vermeintlich zerstörte Welt, denn diesmal würde der Wunsch nach Freiheit Leben kosten. +++ THE VILLAGE DEEP DOWN zeigt zwei entgegengesetzte Wirklichkeiten: das Dorf und die Welt jenseits der Felsen. Zwischen ihnen liegen vermeintlich Jahrhunderte. Ein ungleicher Kampf beginnt, in dem es nur einen Gewinner geben kann – wäre da nicht eine Macht, die in der finalen Schlacht über Sieg und Niederlage entscheidet.

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Seitenzahl: 1111

Veröffentlichungsjahr: 2025

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JOHANNA WOLFMANN

The Village

DEEP DOWN

DAS BUCH

KANN MAN EINER ILLUSION ENTKOMMEN, DIE SICH ANFÜHLT WIE WIRKLICHKEIT?

Das Dorf, das so idyllisch scheint, ist der letzte Zufluchtsort nach der Apokalypse. Es liegt verborgen in einem fruchtbaren Tal, umgeben von steilen Felswänden. Die Regeln des Rates sind streng und mannigfaltig. Sie machen die einen zu Herren und die anderen zu Knechten. Dort lebt Trish, der Bella liebt. Aber Bella wurde zur rechtlosen Magd bestimmt und ist damit unerreichbar geworden. Bella, für Trish der einzige Grund, nicht ein letztes Mal die Flucht zu wagen, über die Felsen in eine vermeintlich zerstörte Welt, denn diesmal würde der Wunsch nach Freiheit Leben kosten.

THE VILLAGE DEEP DOWN

zeigt zwei entgegengesetzte Wirklichkeiten: das Dorf und die Welt jenseits der Felsen. Zwischen ihnen liegen vermeintlich Jahrhunderte. Ein ungleicher Kampf beginnt, in dem es nur einen Gewinner geben kann – wäre da nicht eine Macht, die in der finalen Schlacht über Sieg und Niederlage entscheidet.

DIE AUTORIN

Johanna Wolfmann wurde in München geboren. Sie studierte Germanistik und Sozialkunde in Frankfurt am Main, wo sie auch lebt und schreibt. In »The Village deep down« greift sie die treibende Macht aus ihrem Roman »Als wir verschwanden« wieder auf, diesmal allerdings nicht als sonniger Roadtrip, sondern als Wanderung durch die menschliche Finsternis.

September 2025

Alle Rechte vorbehalten

© 2025 Johanna Wolfmann

www.Johanna-Wolfmann.com

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig.

Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich:

Johanna Wolfmann, c/o Matthias Mücksch,

Niederurseler Landstraße 19, 60439 Frankfurt am Main

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

Korrektorat: Beate Weih

Rechtsberatung: GrünLaw® Rechtsanwälte, Marco Grünler

Umschlaggestaltung und Satz: element 79, Anke Meschede

Schriften: Lighters, Gotham, Diaria Pro, Diaria Sans Pro

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

ERSCHAFFEN OHNE GENERATIVE KI

Kein Element der belletristischen Fiktion wurde mit Hilfe einer KI erstellt. Dieser Roman, mit Prolog und Epilog, entsprang ausschließlich dem Wissen, der Erfahrung, Vorstellungskraft und Inspiration eines Menschen.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978-3-384-70359-0 | Hardcover

ISBN 978-3-384-70358-3 | Softcover

ISBN 978-3-384-70360-6 | eBook

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Für die echten Trishs da draußen

ATTUNEMENT EINSTIMMUNG

Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerspruchslos hinnehmen.

Arthur Schopenhauer zugeschrieben, unbelegt 1

Ce n’est pas seulement pour ce que nous faisons que nous sommes tenus responsables, mais aussi pour ce que nous ne faisons pas.

Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.

Molière zugeschrieben, unbelegt 2

Hereinspaziert, meine Damen und Herren, hereinspaziert!

Aber wappnen Sie sich, denn auf den folgenden Seiten werden Ihnen Grausamkeit, Gewalt und zügellose Lust begegnen. Nehmen Sie mich hierin ruhig beim Wort: Was folgt, handelt zu großen Teilen von Sex – nicht jene Art, die man »Liebesspiel« nennt, sondern jene, die Unterwerfung und Bezwingung meint.

Sie, Mesdames et Messieurs, als Bürgerin und Bürger eines westlichen Landes im 21. Jahrhundert, werden gewiss voller Unverständnis den Kopf über jene Welt schütteln, derer Sie gleich ansichtig werden. Verständlich und doch vorschnell, denn ich versichere Ihnen, der Firnis des Anstands ist dünn und allzu schnell verkratzt. Gerade eben erst haben wir Demokratien fallen sehen, keine Vierteldekade hat das gedauert, allein Deutungshoheit und Angst waren nötig. Beides, in ganz verschiedenen Ausprägungen versteht sich, gilt auch in jener Welt, die Sie vielleicht, vielleicht auch nicht, nach diesen Worten betreten werden.

Als wohlsituierter Mensch der Industrienationen hatten Sie möglicherweise weder Muse noch Zeit – das Leben ist schließlich voller Ablenkungen und wichtiger Verpflichtungen –, kurz zurückzublicken, um festzustellen, dass es Ähnliches hier bei uns praktisch gestern noch gab. Und wenn man genau hinsieht, man muss sich gar nicht sonderlich anstrengen, nur den Mut fassen, es wirklich zu tun, dann erkennt man, dass jene Zustände nicht minder in den dunklen Gassen der heutigen Zivilisation zu finden sind und den Platz nie verlassen haben.

Deshalb, meine geschätzten Damen und Herren, verurteilen Sie die archaische Welt nicht vorschnell, die sich Ihnen gleich präsentieren wird.

Lassen Sie sich für einen kurzen Augenblick durch mein Kuriositäten-Kabinett führen. Das wird Sie einstimmen auf alles Nachfolgende und Sie vielleicht ein wenig in Sorge versetzen, wie verlässlich wohlanständiges Recht in unserer Gegenwart ist – und diese Sorge würde ich mitnichten zerstreuen wollen.

Aber nun, Ladies and Gentlemen, geht es hier entlang:

»Warum haben wir dreitausend Jahre lang Frauen unterdrückt? Ganz einfach: Weil es sich bewährt hat.«

Witz, von einem Freund erzählt (2023)

»Sag mal, stellst du wirklich nur blonde Sekretärinnen ein?«

»Ja, wieso? Ist doch nett, da blondes Eye Candy sitzen zu haben.«

Partner einer internationalen Anwaltskanzlei zu einem Rechtsanwaltskollegen (2009)

»Dass ich nicht lache! Wir Männer sind längst die Benachteiligten! Ich habe zwei Jobs wegen der Quote verloren. Und Gewalt üben auch Frauen gegen Männer aus und zwar nicht zu knapp – darüber gibt es massig Statistiken.«

Kommentar eines Mannes unter einem Facebook-Post zu Emanzipation und Gleichstellung (2022)

»Wir haben längst Gleichberechtigung. Was du schilderst, habe ich noch nie erlebt. Keine Ahnung, wo man solchen Typen begegnet. Ich jedenfalls habe noch keine schlechten Erfahrungen mit Männern gemacht.«

Kommentar einer Frau unter oben genannten Post

»Und jetzt tu, wofür du geboren wurdest, und mach den Abwasch.«

Als Scherz gemeinter Spruch meines Mannes (seit 1996)

»Meine ältere Tochter hat jetzt nach zwei Mädchen einen Sohn bekommen – endlich ein richtiges Kind!«

Geschäftsführer eines deutschen Mittelstandsunternehmens zu einem Kollegen (2015)

»Eine gute Frau ist in Gesellschaft eine Dame, den Kindern eine Mutter und im Bett eine Hure.«

Spruch des Lebensgefährten meiner Mutter, der sie mehrmals fast totgeschlagen hat (1980–1993)

»Tell her to make it [the next story] short and spicy. And if the main character is a girl, make sure she is married by the end. Or dead. Either way.«

»Sagen Sie ihr, sie soll sie [die nächste Geschichte] kurz und pikant halten. Und wenn die Hauptfigur eine junge Frau ist, sicherstellen, dass sie am Ende verheiratet ist. Oder tot. Eins von beidem.«

Mr. Dashwood, Editor at the Weekly Volcano, in the Movie »Little Women« 3

Mr. Dashwood, Herausgeber des Weekly Volcano, im Film »Little Women«

»Man hörte diesen dunklen Zorn nicht in allen Witzen, aber er schwang in vielen mit, und manchmal kam er roh wie eine Schwäre zum Vorschein:

Was ist eine Frau? Ein Lebenserhaltungssystem für eine Fotze.«

Stephen King, »Das Spiel« 4

»Man habe wichtigere Sorgen, wurde den Frauen bedeutet, die während des [Zweiten Welt-]Krieges den Alltag in Gang gehalten und die Kinder alleine großgezogen hatten. Ernsthaft wurde damals diskutiert, ob Politik nicht unweiblich sei. Und berufstätigen Frauen wurde unterstellt, sie nähmen den Familienvätern die Arbeitsplätze weg. Die Politik im gerade zur provisorischen Hauptstadt gewählten Bonn war ein Spiegelbild dieser gesellschaftlichen Realität.«

Renate Faerber-Husemann, »Die Frauen, das Grundgesetz und die Gleichstellung« 5

»Ich habe mir die Protokolle aus den Sitzungen angesehen und das ist unglaublich, welche Argumente da gebracht werden: Wenn man den Frauen zu viel Macht gibt, dann gehen alle Ehen kaputt, wenn man die Frauen mit Rechten ausstattet, dann werden sie berufstätig und dann haben sie ihr eigenes Geld. Also es ging wirklich darum, die Macht zu erhalten. Es war ein reines Machtspiel.«

Lore Maria Peschel-Gutzeit, »Der zähe Kampf um Gleichberechtigung« 6

»So entschied in Fragen der Haushaltsführung und der Kindererziehung in Streitfällen der Mann. Arbeitsverträge der Frau konnte er auch gegen ihren Willen kündigen. Und hatte die verheiratete Frau eigenes Geld, so konnte allein der Mann darüber verfügen und ihm allein gehörten die Einkünfte aus dem Vermögen der Frau. So war in Paragraph 1354 formuliert:

›Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu.‹

Dieser Paragraph wird deshalb als Gehorsamsparagraph bezeichnet. (…)

Am 18. Juni 1957 wurde der ›Gehorsamsparagraph‹ ersatzlos gestrichen. Das Erste Gleichberechtigungsgesetz trat 1958 in Kraft. Im Vorwort zu diesem Gesetz stand noch zu lesen:

›Die vornehmste Aufgabe der Frau ist es, das Herz der Familie zu sein.‹

Nach wie vor wurde ihr die Verantwortung für den Haushalt übertragen. Paragraph 1356 lautet:

›Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie zu vereinbaren ist.‹«

Jennifer Tatarinov, »1957 – Aufhebung des ›Gehorsamsparagraphen‹« 7

»Am Donnerstag, den 15. Mai 1997 beschloss der Bonner Bundestag nach fast drei Jahrzehnten endlich eine Änderung der Paragraphen 175 bis 179 des Strafgesetzbuches.

Damit wurde die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt. (…)

Ein Urteil des Bundesgerichtshofes aus dem Jahr 1966 macht deutlich, wie weit der Weg war, den das bundesrepublikanische Bewusstsein zurückzulegen hatte bis zum Abend des 15. Mai 1997: ›Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, daß sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn es ihr (…) versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen.‹«

Arno Widmann, »Vergewaltigung in der Ehe – ›In ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft‹« 8

[2024] »Gewisse Delikte sollen europaweit einheitlich unter Strafe gestellt werden. Darunter auch Taten aus dem stetig wachsende[n] Bereich der digitalen Gewalt gegen Frauen, wie Cyberstalking – also das Verfolgen, Belästigen und Einschüchtern im Netz. Oder auch das ungefragte Bombardieren mit intimen Bildern – wie zum Beispiel das Umherschicken von ›Dickpics‹, also Penisfotos.

Zentrales Element der geplanten EU-Richtlinie ist wohl der Tatbestand der Vergewaltigung. Er soll EU-weit vereinheitlicht werden, nach dem Einwilligungsansatz ›Nur ja heißt ja‹. (…) Nur in 13 Staaten gibt es ein Gesetz, nach dem Vergewaltigung definiert ist als ›Sex ohne Zustimmung‹ – das schließt also auch Fälle ein, in denen Frauen durch Drogen oder Alkohol gezielt wehrlos gemacht werden oder ein Nein nicht ernst genommen wird.«

Kathrin Schmid, »Warum der Schutz von Frauen nicht vorankommt« 9

»Die EU wollte [2016] wissen, wie verbreitet die Akzeptanz sexueller Gewalt gegen Frauen in Europa ist. Die Ergebnisse sind erschreckend. Demnach seien Vergewaltigungen in mehreren Situationen gerechtfertigt. (…) Demnach sind 27 Prozent der insgesamt 27.818 Befragten der Meinung, dass ›Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung‹ in manchen Situationen gerechtfertigt ist. (…) Zwölf Prozent etwa finden eine solche Tat demnach okay, wenn die Frau unter Alkohol- oder Drogeneinfluss gestanden hat. Elf Prozent äußerten sich entsprechend, wenn die Frau freiwillig zu jemandem nach Hause mitgegangen ist, wie nach einer Party oder einem Date. Jeweils zehn Prozent rechtfertigen sexuelle Misshandlungen, wenn die Frau nicht deutlich genug ›Nein‹ gesagt hat oder sie sich zu freizügig gekleidet hätte.«

Die Welt, »Jeder vierte Deutsche findet Vergewaltigungen okay – manchmal« 10

[Libanon, 2017] »Aktivist*innen haben die libanesische Regierung aufgerufen, ein Gesetz aufzuheben, welches es Vergewaltigern erlaubt, straffrei auszugehen, wenn diese ihre Opfer heiraten. Unter dem Artikel 522 des libanesischen Strafgesetzbuches[,] können Täter ein legales Schlupfloch nutzen. Das besagt, dass von verheirateten Frauen erwartet wird, dass sie ›ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung aufgeben‹.«

Candice Chung: »Schockierende sexistische Gesetze, die heute noch gelten« 11

»Frauen in Saudi-Arabien ist es seit diesem Monat [Mai 2017] erlaubt, ohne Einverständnis eines männlichen Vormunds zu arbeiten und zu studieren. (…) Frauen dürfen ab sofort sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor arbeiten, studieren, Krankenhausbehandlungen für sich veranlassen und sich selbst vor Gericht repräsentieren. Für all diese Angelegenheiten brauchten Frauen bisher einen männlichen Vormund (…).«

Joe McCarthy, »Frauen in Saudi-Arabien dürfen jetzt ohne Vormund studieren und arbeiten« 12

»Saudi Arabiens Regierung erlaubt Frauen das Autofahren – Die entsprechende Reform soll bis Juni 2018 umgesetzt werden. (…) Das heißt: spätestens ab Sommer 2018 dürfen Frauen im Land offiziell Autofahren! (…) Bisher gibt es zum Beispiel noch keine Möglichkeit für Frauen, Fahrstunden zu nehmen. Und auch für die ausnahmslos männlichen Polizisten wird es einige Veränderungen geben müssen: so müssen neue Gesetze geschaffen werden, wie sich ein männlicher Polizist einer weibliche[n] Fahrerin auf der Straße nähern darf.«

Colleen Curry, »Saudi Arabiens Regierung erlaubt Frauen das Autofahren« 13

[2016] »Gesetze, die es Männern erlauben, Gewalt an Frauen in der Ehe auszuüben, bestärken die anhaltende Meinung, eine Frau sei ›Eigentum‹ des Ehemanns und unterliege somit dessen Willen. Insgesamt gibt es noch immer 46 Länder auf der Erde, in denen Frauen durch keinerlei Rechtsschutz vor häuslicher Gewalt bewahrt werden. In Nigeria ist es Ehemännern sogar erlaubt, ihre Frauen zum ›Zwecke der Züchtigung und Maßregelung‹ zu schlagen, solange er dadurch ›keine schwerwiegenden bleibenden Schäden verursacht‹.«

Yosola Olorunshola, »10 völlig absurde, frauenverachtende Gesetze, die auch heute noch existieren« 14

»In Bangladesch wurden von Januar 2000 bis Dezember 2005 mindestens 1.364 Mädchen und Frauen von Männern mit Batteriesäure überschüttet. Die Säure fügt den Opfern schwere Verbrennungen zu und entstellt ihre Gesichter und Körper. Die Täter sind fast immer Männer, ihre Motive sind unterschiedlich: von Abweisung oder Verweigerung[,] von Sex bis zu Streit über Mitgift oder Land.«

UNICEF-Jahresbericht 2007, »Starke Frauen – starke Kinder« 15

»Laut einem neuen UNICEF-Bericht haben über 230 Millionen heute lebende Mädchen und Frauen weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) erlitten. Die ersten globalen Schätzungen seit 2016 zeigen einen Anstieg der Gesamtzahl der Überlebenden um 15 Prozent (30 Millionen Mädchen und Frauen) im Vergleich zu den vor acht Jahren veröffentlichten Daten.«

UNICEF Pressemitteilung, März 2024 16

»Nach dem UN-Weltbevölkerungsbericht wurden allein im Jahr 2000 rund 5.000 Mädchen und Frauen in mindestens 14 Ländern im Namen der ›Ehre‹ ermordet, darunter Bangladesch, Indien, Jordanien, Pakistan, Türkei, aber auch Länder wie Schweden, Großbritannien und Italien. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, weil die wenigsten Fälle vor Gericht gebracht werden.«

UNICEF-Jahresbericht 2007, »Starke Frauen – starke Kinder«17

Betroffene der US-amerikanischen Mormonen-Sekte »Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints« (FLDS), die Polygamie (Vielehe) praktizieren, in einer Dokumentations-Serie aus dem Jahr 2022:

Elissa Wall [0:39] – »When I was 14 years old, they forced me to marry my cousin. I asked Warren [the Prophet], begged him: ›Please don’t make me get married.‹ And he said: ›Do you believe that you know better than the Prophet? That if you’re questioning me, you’re questioning God.‹«

Elissa Wall [0:39] – »Als ich 14 Jahre alt war, zwangen sie mich, meinen Cousin zu heiraten. Ich bat Warren [den Propheten], flehte ihn an: ›Bitte zwing mich nicht zu heiraten.‹ Und er sagte: ›Glaubst du, dass du es besser weißt als der Prophet? Wenn du mich in Frage stellst, stellst du Gott in Frage.‹«

Ruby Jessop [1:08] – »The more wives and children you have, the higher in heaven you’ll be. We were so scared, you know? That we’re gonna be condemned to hell if we did anything different. You have to submit yourself.«

Ruby Jessop [1:08] – »Je mehr Frauen und Kinder du hast, desto höher im Himmel wirst du sein. Wir hatten solche Angst, wissen Sie? Dass wir zur Hölle verdammt werden, wenn wir irgendetwas anders tun. Du musst dich unterwerfen.«

Charlene Jeffs [1:22] – »Because it was for our salvation. You did whatever it took, even if it was wrong. You just did it.«

Charlene Jeffs [1:22] – »Weil es für unsere Erlösung war. Du hast getan, was immer nötig war, auch wenn es falsch war. Du hast es einfach gemacht.«

Rebecca Wall [1:45] – »To stand up against a multi-million-dollar church, you’re going up against a lifetime of conditioning. A lifetime of fear.«

Rebecca Wall [1:45] – »Wer sich gegen eine Multimillionen-Dollar-Kirche wendet, der tritt gegen lebenslange Konditionierung an. Ein Leben voller Angst.«

Wallace Jeffs, Son of the Prophet [2:05] – »You don’t know any better until you get away from it. And getting away from it is the hard part.«

[11:03] »I think most of the men in the FLDS just regard women as chattel. They were property. When you’re taught something from birth from your mother and father, you believe them ’cause they’re your parents. And it’s your family. I was doing what I was taught to do.«

Wallace Jeffs, Sohn des Propheten [2:05] – »Du weißt es nicht besser, bis du davon wegkommst. Und davon wegzukommen, ist der schwere Teil.«

[11:03] »Ich glaube, die meisten Männer in der FLDS betrachten Frauen einfach als Vieh. Sie waren Eigentum. Wenn dir von Geburt an etwas beigebracht wurde, von deiner Mutter und deinem Vater, dann glaubst du das, weil sie deine Eltern sind. Und es ist deine Familie. Ich habe getan, was mir beigebracht wurde zu tun.«

»Keep Sweet: Pray and Obey«, Dokumentar-Miniserie, 2022 18

[2002] »Saudi Arabia’s religious police stopped schoolgirls from leaving a blazing building because they were not wearing correct Islamic dress, according to Saudi newspapers. In a rare criticism of the kingdom’s powerful ›mutaween‹ police, the Saudi media has accused them of hindering attempts to save 15 girls who died in the fire on Monday.«

[2002] »Laut saudischen Zeitungen hat die Religionspolizei in Saudi-Arabien Schulmädchen daran gehindert, ein brennendes Gebäude zu verlassen, weil sie keine korrekte islamische Kleidung trugen. Die saudischen Medien beschuldigten in einer seltenen Kritik an der mächtigen ›Mutaween‹-Polizei des Königreichs, die Rettung von 15 Mädchen behindert zu haben, die bei dem Brand am Montag ums Leben kamen.«

BBC News – Middle East, »Saudi police ›stopped‹ fire rescue«19

BBC News – Naher Osten, »Saudische Polizei ›stoppt‹ Feuerrettung«

»Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen in Zahlen [für das Jahr 2022]:

→ Sexueller Missbrauch von Kindern,

15.520 Fälle (+0,1 %)

→ Sexueller Missbrauch von Jugendlichen,

1.135 Fälle (-1,0 %)

→ Kinderpornografische Inhalte gem. § 184b StGB,

2.075 Fälle (+7,4 %)

→ Jugendpornografische Inhalte gem. § 184c StGB,

6.746 Fälle (+32,1 %)

→ Sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen,

459 Fälle (-18,0 %)«

[Seite 2]

Bundeskriminalamt, »Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen | Bundeslagebild 2022« 20

»Von den 17.168 Opfern [im Jahr 2022] waren 12.692 weiblich und 4.476 männlich.

Altersstruktur der weiblichen Opfer in 2022:

0 bis 5 Jahre: 1.502

6 bis 13 Jahre: 11.190

Altersstruktur der männlichen Opfer in 2022:

0 bis 5 Jahre: 775

6 bis 13 Jahre: 3.701«

[Seite 7]

Bundeskriminalamt, »Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen | Bundeslagebild 2022« 20

»Allein im Jahr 2002 wurden schätzungsweise 150 Millionen Mädchen unter 18 Jahren zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Jede dritte Frau weltweit wird statistisch gesehen mindestens ein Mal im Leben Opfer häuslicher Gewalt.«

UNICEF-Jahresbericht 2007, »Starke Frauen – starke Kinder« 21

»Im vergangenen Jahr [2022] wurden nach UN-Angaben etwa 89.000 Frauen und Mädchen weltweit ermordet – in mehr als der Hälfte der Fälle von dem Partner oder einem Familienmitglied. Die Zahl ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht. (…) 55 Prozent (48.800) aller Tötungsdelikte an Frauen werden von Familienmitgliedern oder Intimpartnern begangen, so der Bericht mit dem Titel ›Geschlechtsspezifische Tötungen von Frauen und Mädchen (Femizid)‹. Demnach seien im Schnitt jeden Tag mehr als 133 Frauen oder Mädchen im eigenen Zuhause getötet worden, bei hoher Dunkelziffer.«

tagesschau.de, »UN-Zahlen für 2022 – 89.000 Morde an Frauen und Mädchen« 22

»Es gibt heute mehr Sklaven als jemals zuvor.«

Dietmar Roller in einem Interview im Deutschlandfunk 23

»Denn es gibt heute mehr Sklaven als in irgendeinem früheren Jahrhundert.«

Thomas Schirrmacher, »Menschenhandel – Die Rückkehr der Sklaverei« 24

»Forced marriage – An estimated 22 million people were living in situations of forced marriage on any given day in 2021. This is a 6.6 million increase in the number of people living in a forced marriage between 2016 and 2021, which translates to a rise in prevalence from 2.1 to 2.8 per thousand people.

Over two-thirds of those forced to marry are female. This equates to an estimated 14.9 million women and girls.«

»Zwangsheirat – Im Jahr 2021 lebten schätzungsweise 22 Millionen Menschen in einer Zwangsehe. Die Zahl ist damit zwischen 2016 und 2021 um 6,6 Millionen gestiegen, was einen Anstieg von 2,1 auf 2,8 pro tausend Menschen entspricht.

Mehr als zwei Drittel sind Frauen, die in eine Ehe gezwungen werden. Dies entspricht schätzungsweise 14,9 Millionen Frauen und Mädchen.«

[Page 5]

ILO, Walk Free and IOM: Global Estimates of Modern Slavery, September 2022 25

»Frauenhandel ist ein weltweites Geschäft. Nach Schätzungen von UNICEF werden in Asien rund eine Million Minderjährige zur Prostitution gezwungen – die meisten von ihnen Mädchen.«

UNICEF-Jahresbericht 2007, »Starke Frauen – starke Kinder« 26

[2018] »Sex sells – und das vor allem im Internet. Die Zahlen erreichen astronomische Höhen: Die Online-Pornoindustrie setzt über fünf Milliarden Dollar pro Jahr um. Die Top-drei-Sexclip-Webseiten verzeichnen pro Monat über anderthalb Milliarden Besucher.«

Anne Röttgerkamp, »Pornografie – Ein Milliardengeschäft«27

»Was glauben Sie: Wie oft wurde Pornhub 2019 besucht? Die Zahl liegt bei krassen 42 Milliarden Aufrufen – 115 Millionen Besuche pro Tag. Insgesamt hat man 6,63 Millionen Videos mit Content für 1,36 Millionen Stunden hochgeladen. Zu kryptisch? Pornhub erklärt das so: Wenn Sie alle Videos anschauen würden, die nur 2019 veröffentlicht wurden, dann hätten Sie im Jahr 1850 anfangen müssen – und wären jetzt immer noch dabei.«

Jan Michelsen, »Pornhub-Statistik 2019« 28

Da sind Sie ja noch. Chapeau! Wohlan, Ladies and Gentlemen, dann schlagen Sie jetzt die Seite um. Dort wird es nun nicht minder ungeheuerlich. Aber nicht im Gestern, nicht im Heute, sondern an einem Tag in 300 Jahren. Man sieht es der ersten Welt nicht an. Das kommt erst später, dann ist alles technisch und fremd, und doch werden Sie vieles wiedererkennen, denn es begann im Heute, Hier und Jetzt – Sie selbst waren Augenzeuge dieser Zeitenwende, die fast unmerklich einsetzte, dann aber alles mit sich fortriss.

An dieser Stelle verlasse ich Sie nun. Weitergehen müssen Sie alleine, aber gedenken Sie meiner Worte: Wappnen Sie sich!

Und damit, Mesdames et Messieurs, bonne journée!

THE SHOW DAS SCHAUSPIEL

Freedom is a hill to die on.

Freiheit ist eine Anhöhe, auf der es sich zu sterben lohnt.

Unknown

Kapitel 1

Nur noch acht Tage.

Am neunten würde Trish auch eine junge Frau in den Tod schicken, wenn er dann noch die Flucht wagen würde. Acht Tage, bis sein altes Leben enden und ein neues beginnen würde. Ein Leben als Ehemann, gegen das jede Faser seines Seins aufbegehrte. Doch darin unterschied sich dieser letzte Schritt nicht von allen anderen, denn alles fühlte sich falsch und unecht an. Alles. Schon immer.

Falsch auf eine Weise, die zwar mit Worten zu vermitteln war, die aber niemand hören wollte. Vielleicht, weil man ihm tatsächlich nicht glaubte, aber vielleicht auch, weil die Gedanken, die daraus folgten, gefährlich waren.

Trish blickte an jenem frühen Morgen von einer bewaldeten Anhöhe auf die vierundfünfzig Häuser, in denen langsam die Seelen erwachten. Erst dieses Jahr waren zwei neue Häuser dazugekommen. Eins davon wäre in neun Tagen vermutlich seins. Vielleicht sogar das größte und schönste.

Im letzten Jahr hatte der Rat fünf junge Männer und fünf junge Frauen zur Ehe berufen und dieses Jahr würden sie am Tag der Sommersonnenwende vermählt werden. Fünf Ehepaare waren sehr viel. In manchen Jahren war es nur ein einziges Paar, in den meisten wurde gar niemand vermählt, sondern alle in die Knechtschaft geschickt. So war es seit Generationen. So war es Gesetz.

Jede der fünf jungen Frauen war gesund und wohlgestaltet. Und nicht anders verhielt es sich mit den jungen Männern. Alle anderen, die letztes Jahr ins rechte Alter gekommen waren, hatte der Rat zu Knechten und Mägden berufen. Jene würden in neun Tagen, am höchsten Festtag des Dorfes, einem Dienstherrn zugewiesen werden. Sie würden nie ein Haus ihr Eigen nennen. Sie waren dazu bestimmt, Zeit ihres Lebens zu arbeiten und zu gehorchen.

Die Frauen traf es dabei besonders hart, denn Mägde hatten keine Kinder. Mägde wurden geschwängert, aber entweder verloren sie die Leibesfrucht oder der Säugling wurde nach der Niederkunft erschlagen. »Reinheit« nannte man das.

Beide, Mägde und Knechte, waren lebenslange Diener unter einem fremden Dach und waren ihrem Herrn ausgeliefert wie rechtlose Sklaven, wenn auch übermäßig harte Strafen nicht gerne gesehen wurden. »Ordnung und Gehorsamkeit« nannte man das.

In all dem Elend hatte Trish es bestens getroffen, das wusste er sehr wohl, wenn auch aus reinem Zufall und keinesfalls durch eigenes Zutun. Man würde ihn fragen, ihn allein, welcher der fünf jungen Frauen er den Vorzug gab, und vermutlich würde sich der Rat an diese Wahl halten.

Er wusste warum. Keine Belohnung für harte Arbeit, keine Bestechung – endlich das unselige Unterfangen aufzugeben und nicht mehr, wie jetzt auch, die Bergrücken nach Wegen und Pfaden abzusuchen, die doch alle nur in ewigem Schnee und Eis endeten –, kein Tribut an seinen Wissensdurst, sondern einzig und allein, weil er der vielversprechendste Zuchthengst war: groß, stark und – so sagten sie es – ein ungewöhnlich schöner Mann. Was immer »schön« meinen mochte, für ihn spielte es keine Rolle. Aber was es meinen könnte, sah er im stolzen Blick seiner Eltern, die er schon lange um einen halben Kopf überragte, sah es in den Augen der Kameraden und vor allem in den Blicken der Frauen und Mädchen.

Was nutzte diese zufällige Eigenschaft »Schönheit« hier, in dieser Hölle? Nichts. Es gab nur ein Attribut, das Wert hatte, und das wäre nicht zufällig, sondern erkämpft in jeder Hinsicht: »frei«, das einzige von Bedeutung, aber unerreichbar. Bisher.

»Junge, das ist ein irrer Wahn! Komm endlich zur Vernunft! Du bringst dich um alles! Und uns auch.« Die Worte seines Vaters, gestern Abend erst, als er seinen Sohn wieder mit dem neuesten Buch in der Stube fand. Worte, die schmerzhaft laut in Trishs Gedanken klimperten wie Münzen in einem leeren Kupferkrug. Man will sich wegducken oder zuschlagen.

Sein Vater hatte recht. Es war eine fixe Idee. Aber irre? Wenn Trish nur glauben könnte, dass er sich irrte, dann wäre es ihm möglich, sich zu beugen, sich dem Unvermeidlichen zu fügen. Dann würde er Helena zur Frau nehmen und würde alle Stufen des Lebens zum x-ten Mal wiederholen. Ein Menschenleben und was es eben ausmacht: Kinder großziehen, arbeiten, essen, schlafen, alt werden, sterben. Und dazwischen all die kleinen und großen Dramen: eine zerbrochene Schüssel, der freche Knecht, die unwillige Magd, das eingegangene Korn, das lahme Pferd, der harte Winter, der trockene Sommer, der faule Zahn und das schmerzende Kreuz.

Aber Trish spürte mit jeder Faser, dass er sich nicht irrte. Er wusste es. Woher? Waren es all die Bücher, die er gelesen hatte? Die ihm fremde Welten, fremde Zeiten und großartige Helden gezeigt hatten? Auch, aber nicht nur.

Es war vielleicht nur dieser Blick, von einer Anhöhe aus, auf das Dorf unten im Tal. Das Dorf war umgeben von Obstgärten, Feldern und Weiden, genug für reiche Ernten. Niemand hatte je Hunger gelitten oder wahren Mangel erlebt.

Vierhundert. Eine Zahl mit nur drei Ziffern, aber sie diktierte alles andere. Seit die Überlebenden dieses Dorf errichtet hatten – vor sehr langer Zeit –, war dies die erste und heiligste Regel: Niemals mehr als vierhundert erwachsene Seelen.

Hinter den Obstgärten, Weiden und Feldern lag Wald. Wald, in dem sie Hirsche und Wildschweine jagten, Reisig, Beeren und Pilze sammelten, Holz schlugen und Fallen stellten. Hinter dem Wald begann der Fels. Erst noch baumbestanden, dann Büsche und schließlich nur noch Flechten bis zur Schneegrenze. So steil der Fels, so tief der Schnee, so eisig der Wind dort oben.

Zwei Mal hatte Trish es versucht. Zwei Mal war er gescheitert.

Beim dritten Mal würde man ihn dort oben erfrieren lassen und seine Eltern erhängen. Siegfried, sein älterer Bruder, würde das Haus verlieren und sein Leben als Knecht beenden.

Und in neun Tagen wäre auch Trish ein verheirateter Mann, der dann nicht nur seine Eltern in den Tod schicken würde.

Kapitel 2

Isabella, die man nur Isa rief, weil es keine Mühe machen darf, einer Magd zu befehlen, kämmte Helenas goldenes Haar. Helena, die Schöne. Helena, die Tochter ihres Dienstherrn. Helena, die der Rat gewiss Tristan zuteilen würde. Gewiss. Wer sonst wäre würdig? Tristan, der dann der Ehemann einer anderen wäre.

Tristan, der Trish gerufen wurde. Der Grund der Verkürzung war entgegengesetzt zu ihrem Namen. Die Kurzform begriff man als vertraute Liebkosung. Jeder wollte sein Freund sein. Jeder wollte ihm nahe sein. Und er, der Tristan sein könnte, aber sich mit Trish zufriedengab, duldete es.

»Vielleicht«, hatte er einmal zu ihr gesagt, »ist dieser Name mein Verderben.«

Isa hatte gelacht, an diesem längst vergangenen Sommertag, an dem sie sich fortgeschlichen hatten. »Wie kann ein Name dein Verderben sein?«

»Tristan ist ein Held, der etwas begehrt, das er nicht haben kann. Es richtet ihn zugrunde. Und jene, die er liebt, mit ihm.«

Sie hätte Trish fragen können, was er denn begehrte, das er nicht haben könnte, aber sie tat es nicht, weil sie wusste, dass er »Freiheit« sagen würde. Freiheit. Damit meinte er: Flucht. Weg von hier. Auch damals schon.

Damals, wie lange war das her? Fast drei Jahre. Wie alt waren sie damals? Trish achtzehn und sie sechzehn. Damals. Eine andere Zeit, eine andere Welt, in der Isa noch im Haus ihrer Eltern leben durfte, als sie noch nicht wusste, wie man im Jahr darauf entscheiden würde: dass man sie am Tag ihrer Berufung für unwürdig befinden würde. Unwürdig, ein seltsames Wort, wenn man es hunderttausendmal in Gedanken dreht und wendet. Unwürdig.

In den Tagen nach ihrer Berufung wurde Trish krank. Danach weinte er sich nächtelang in den Schlaf. Berta, die alte Magd, hatte es ihr erzählt. Sich vorzustellen, wie Trish seine Hand zur Faust ballt, um nicht laut zu schreien, diese Vorstellung brach Isa das Herz und war, zumindest damals noch, schmerzhafter als das unabwendbare Schicksal, das man ihr zugedacht hatte.

Harte Arbeit hatte ihr noch nie etwas ausgemacht. Auch eine strenge Hand fürchtete sie nicht, weil sie noch keine Vorstellung von Strenge hatte, die verschieden von jener des Vaters war.

Ein Jahr später wurde sie achtzehn und in jenem Sommer als Magd zugeteilt.

Inzwischen arbeitete sie seit fast einem Jahr in Odins Haus. Odin, Vater ihrer einst besten Freundin. Odin, nach Hektor der einflussreichste Ratsherr, besaß die fruchtbarsten Felder im Westen. Sieben Mägde und zwölf Knechte arbeiteten für ihn.

»Pass doch auf«, sagte Helena. »Du träumst wieder.«

»Entschuldige.« Isa strich nun vorsichtiger durch das glatte Gold. Ihre Blicke begegneten sich im Spiegel. »Entschuldige.«

Helena senkte den Blick und nickte. Helena war gut zu ihr. Sie waren beste Freundinnen gewesen, ihr Leben lang. Nichts von all dem, was man Isa seitdem angetan hatte, war Helenas Schuld.

Niemand konnte etwas dafür. Es war einfach der Lauf der Dinge. Und was Isa durch Odins Hand widerfuhr, war sein gutes Recht.

»Ordnung und Gehorsamkeit«, wie es sich eben gehörte.

Helena beanspruchte Isa für sich, weil das die leichtesten und angenehmsten Arbeiten waren.

»Vielleicht geben sie ihm Salla«, sagte Helena. »Oder Gretchen.«

Isa schluckte, weil da ein Klumpen in ihrer Kehle war, der sie von innen würgte. Sie schüttelte den Kopf.

»Du und ich«, sagte Helena, »wir können es nicht wissen.«

»Ich hoffe von ganzem Herzen, dass du es bist.«

»Und wenn es so ist, dann werde ich alles tun, damit du zu uns kommst.«

Helena meinte es ernst, das wusste Isa. Aber Mägde und Knechte wechselten nur auf Befehl des Rates den Hausstand. Und warum – nach allem – sollte der Rat gerade in dieser Frage gnädig sein? Und wäre das überhaupt Gnade? Jenes Leben von Helena und Tristan als Dienerin mitanzusehen? Eine Tafel, an der sie nie sitzen würde. Ein Bett, in dem sie nie liegen würde. Was würde das mit ihnen machen? Was würde das mit Trish machen?

Sie würden vermutlich zusammen zugrunde gehen. Weil Helena Tristan liebte. Immer geliebt hatte. Und genau wusste, dass Tristan Isa liebte. Immer geliebt hatte. Genau deswegen war Helena stets gut zu Isa gewesen, seit sie den Dienst in Odins Haus angetreten hatte, aus alter Freundschaft, aber ganz besonders seinetwegen. Weil Helena wusste, dass sie über das Wichtigste in Trishs Leben wachte: über die »unwürdige« Magd Isa.

All das war so verstrickt und verfahren, dass der Glaube an wohlmeinende Götter schlicht absurd und lächerlich erschien. Falls es Götter gab, dann hatten sie dieses Tal längst verlassen und vergessen. Oder es waren Götter, die es schlicht nicht gut mit den Seelen meinten und seit drei Jahren ein Spiel des Elends und der Qual mit ihnen allen spielten, so übel wie nie zuvor. Wenn es die Götter gab, dann waren ihnen Mitgefühl und Liebe fremd, dann waren sie so mitleidslos wie Odin, wenn er sich nachts auf Isa legte.

Damals, als Berufung und Vollstreckung noch weit entfernt schienen, als Trish das erste Mal nach ihrer Hand gegriffen hatte, damals war sie glücklich gewesen. Sie war so verliebt in ihn – war es im Grunde immer noch. Damals machte ihr Herz einen Sprung, wenn sie ihn sah, stockte ihr der Atem, wenn er sie berührte.

Heute war es wie ein Stich ins Herz, wenn sie ihm begegnete. Ein Ringen nach Luft, wenn er an ihr vorbeiging. Meistens schloss er für einen Schritt oder zwei die Augen, als könnte er nur so verhindern, sie anzusehen. Die Magd eines anderen. Die er nicht ansprechen durfte. Und berühren schon gar nicht.

In dem einen Jahr unbeschwerter Verliebtheit hatte er niemals versucht, den Akt mit ihr zu vollziehen. Und auch als sie ihn später fast bedrängte, weil alles in ihr diese Vereinigung ersehnte, blieb er standhaft. Wieder und wieder.

»Das tue ich dir nicht an. Auf keinen Fall.« Er meinte, das Ungeborene zu verlieren oder das Kind entrissen zu bekommen. Er war davon überzeugt, dass sie füreinander bestimmt waren. Daran hatte er keinen Zweifel. Für ihn war es nur ein Aufschieben bis zum rechten Moment. Wie sehr er sich getäuscht hatte!

Mit ihm in der geheimen Höhle aus Laub zu liegen – tief in den Brombeersträuchern, nur durch einen fast unsichtbaren Pfad im Unterholz zu erreichen – das war im Grunde genug. Umschlungen bei ihm zu liegen, ihn zu küssen, von ihm geküsst zu werden, das war bereits mehr Glück, als es den meisten vergönnt war. Aber diese Begegnungen waren nicht häufig gewesen und die Gelegenheiten selten, sich unbemerkt und unbeobachtet davonzustehlen.

Jetzt, als Magd, war es so gut wie unmöglich, ihm allein zu begegnen. Und wenn es in Gegenwart anderer geschah, durfte er sie nicht ansprechen, nicht ansehen. Ein Mann hat mit der Magd eines anderen nichts zu schaffen.

»Ordnung und Gehorsamkeit«, wie es sich eben gehörte.

Drei Wochen nachdem Isa den Dienst in Odins Haus angetreten hatte, starb Isas Mutter. Nach dem Begräbnis gewährte man Isa einen freien Nachmittag. Ohne darüber nachzudenken, ging sie in den Wald. Ging weiter und weiter, bis sie vor dem Unterholz stand. Sie wäre gerne dem Pfad gefolgt und hineingekrochen in die Brombeerhecke, um sich in die Höhle aus Ranken zu legen – aber sie wagte es nicht, weil sie den Schmerz der Erinnerung fürchtete. Ein Schmerz, der sie womöglich zerreißen würde.

War es ein Astknacken, ein Blätterrascheln? Oder ahnte sie es? Sie drehte sich um. Trish und sie standen wie erstarrt voreinander.

»Ist es wahr?«, fragte er fast unhörbar.

Ob was wahr ist? Dass er mich noch in der ersten Woche einritt, wie es sein gutes Recht ist? Ja, das ist wahr. Hast du auch nur einen Augenblick geglaubt, er würde mich verschonen? Wie käme er dazu? Du und ich, wir wussten beide, was das Urteil bedeutete. Auch du besteigst eure Mägde, das ist kein Geheimnis.

Isa nickte nur; kein Wort wäre über ihre Lippen gekommen.

Er wurde bleich und stützte sich an einen Baum. Vielleicht musste er alle Kraft aufbieten, nicht umzukehren und seine Axt aus dem Holz zu reißen, um sie Odin in den Kopf zu schlagen. Und nach ihm Hektor, Walter, Berthold und Kurt, bis der Rat Geschichte wäre. Und danach auch jedem anderen, der sich Trish und ihr in den Weg gestellt hätte. Aber das war natürlich unmöglich. Man würde Trish erschießen wie einen tollwütigen Hund und seine ganze Familie aufhängen.

Wer könnte mit dieser Schuld leben?

***

Das erste Mal, als Odin sie nahm, war im Stall. Sie war damals seit vier Tagen in seinem Dienst.

Isa und drei andere melkten die Kühe, als Odin in den Stall kam. Er inspizierte den großen Bottich, dann die Eimer der Mägde und blieb vor Isa stehen.

»Komm, hoch mit dir«, sagte er und zog sie vom Melkschemel, hob den Eimer und leerte ihn in den Bottich. Dabei hielt er sie am Arm gepackt und zog sie mit sich, wie ein Zicklein, dessen Gegenwehr man gar nicht merkt.

»Habe ich etwas falsch gemacht, Herr?«

Er antwortete nicht, zog sie nach hinten zu den Tischen, auf denen die leeren Bottiche standen, und drückte sie nach unten. Dies war der Moment, in dem sie begriff, was gleich geschehen würde: Odin, ihr Dienstherr, ein Mann so alt wie ihr Vater, Odin, nach Hektor der zweitmächtigste Ratsherr, Odin, ein Hüne mit breitem Kreuz und Händen wie Bärentatzen, würde die neuste Magd in den Dienst dieses Hauses einführen.

Während er sie mit einer Hand auf den Tisch niederdrückte, raffte er mit der anderen ihren Rock, bis sie mit blankem Hintern vor ihm lag. Mit dem Fuß schob er ihre Beine auseinander und öffnete seinen Hosenstall. Dann drückte etwas an ihr Geschlecht. Drückte fester, drang ein, zog sich zurück. Drückte wieder. Langsam, fast behutsam arbeitete es sich weiter in sie hinein. Es fühlte sich fremd an und bald falsch. Schließlich schmerzhaft. So arg, dass sie bettelte: »Nicht Herr, bitte … Es tut weh.«

»Halt nur hin. Ist gleich vorbei.«

Sie ahnte nicht, dass er den Schmerz meinte und nicht den Akt.

Mit einem festen Stoß, tief hinein, der einen Schrei aus ihr herauspresste, war auch der Schmerz ausgetrieben und kam nicht wieder. Nun musste er sie nicht weiter niederdrücken, er konnte sie um die Hüfte packen, sie anheben, um sie deutlicher zu stoßen. Dann behutsamer. Während seine Hände ihre Hinterbacken auseinanderzogen, schob er sich gemächlich ganz in sie hinein und spießte sie auf seinen harten Stab.

Da gewahrte sie, dass sie laut, klagend stöhnte und genau das tat, was er befohlen hatte: Sie hielt hin, drückte zurück, damit er tiefer und fester in sie eindringen konnte.

Als er mit lautem Stöhnen auf ihr zusammensackte, wusste sie, dass er sich in ihr ergossen hatte, seinen Samen in sie abgeschlagen hatte, der keine Frucht tragen würde, weil sie auf die eine oder andere Weise zunichte gemacht werden würde.

Er richtete sich schwerfällig auf und gab ihr einen festen Schlag auf den Hintern, der laut klatschte. Dann ordnete er sich die Hose und verließ wortlos den Stall.

Wie lange lag sie da über dem Tisch, entblößt und preisgegeben, während sein Erguss an ihren Beinen entlanglief?

Ein Atemzug? Oder eine Ewigkeit?

So würde es also fortan sein. Das war es also. Vom Herrn bestiegen werden. Seit der Berufung vor einem Jahr, dass sie zur Magd bestimmt sei und damit unwürdig, hatte sie genau gewusst, was auf sie zukommen würde. Jeder wusste, wie es in den Häusern zuging und was zu den Pflichten einer Magd gehörte.

Isa stemmte sich mühsam auf. Der hochgeraffte Rock rutschte herab und bedeckte sie wieder. Sie ging mit unsicheren Schritten zurück, nahm den Eimer und setzte sich abermals auf den Melkschemel. Die anderen drei wichen ihrem Blick aus; nur Lotte grinste verstohlen.

Gusta, die erste und älteste Magd, sagte: »Siehste wohl, er is nich brutal. Da gibt’s ganz andere.«

Hanne, die erst seit letztem Jahr in seinem Dienst stand, sagte: »Kann dir nur raten, wehr dich nich. Er legt dich sonst übers Knie und prügelt dich windelweich.«

Isa umfasste die Zitzen und melkte, während ihr Tränen über die Wangen liefen. Wie man eine junge Stute dem Hengst zuführt, eine Färse dem Stier, so war sie gerade bestiegen und eingeritten worden. Er war der Herr. Es war sein gutes Recht. Und sie hatte zu gehorchen und hinzuhalten.

In jener Nacht, nach diesem ersten Ritt im Stall, hatte Isa in ihrem Bett gelegen und sich gefragt, warum der aufgezwungene Akt sie derart überrascht und erschüttert hatte. Dienstherren bestiegen nun mal ihre Mägde. So war es in jedem Haus. Die Berufung zur Magd umfasste dieses Los ja ausdrücklich. So waren nun mal Recht und Ordnung im Tal. So gehörte es sich.

Dass Odin ihr nicht wehgetan hatte – jenseits des Unvermeidlichen –, machte es nicht besser, sondern schlimmer, weil dort im Stall, während sie in ihre neuen Pflichten als Magd einführt wurde, eine Welle unglaublicher Lust über sie hinweggeschwappt war. Lust, die völlig unerklärlich war. Lust, die Isa in der Tat »unwürdig« werden ließ.

Wie könnte sie – nach all dem – Trish je wieder in die Augen sehen?

Unwürdig. Ich bin unwürdig. Tausendmal wiederholte sie es in Gedanken, bis schwere Schritte zu hören waren und die Tür zur Kammer geöffnet wurde. Eine Kammer, die Isa mit Trude, Ike und Hanne teilte.

Odin, im Nachthemd, ging zu ihrem Bett, schlug die Bettdecke zurück und nickte ihr zu. Ein Nicken, mehr nicht. Das war sein Befehl und sie gehorchte. Sie zog ihr Nachthemd hoch und spreizte die Beine. Er stieg aufs Bett, zwischen ihre Beine, zog sein Hemd hoch, bis sie mit Entsetzen seinen riesigen, geschwollenen Stab sah. Er stützte sich mit einer Hand ab, griff mit der anderen das Ding und richtete es aus. »Keine Sorge«, sagte er, während er sich auf sie legte, »diesmal wird’s nicht wehtun.«

Gleich darauf schob er sich so direkt und vollständig in sie hinein, dass sie aufschrie. Und dann nahm er sie, mit solcher Kraft, dass das Kopfteil des Bettes bei jedem Stoß laut gegen die Wand schlug. Als er seine Hand unter ihren Hintern schob, sie anhob, sein Geschlecht bis zum Schaft in sie versenkte und sie mit kurzen, pumpenden Bewegungen nahm, da kam sie. So wild, heftig und unbändig, dass sie beinahe bewusstlos geworden wäre.

Unwürdig. Unwürdig. Unwürdig. Furchtbar unwürdig. Schrecklich unwürdig. Das unwürdigste aller Geschöpfe.

Und dann, an jenem Tag, als man ihre Mutter zu Grabe getragen hatte, stand sie vor Trish und sah den Schmerz in seinem Blick. Warum war sie hierhergekommen? Weil sie allein sein wollte. Lügnerin! Weil sie gehofft hatte, Trish würde es vorwegnehmen. Und er hatte es vorweggenommen, war im Gleichklang mit ihr, wie er es immer gewesen war.

Den Kopf gesenkt, den Blick starr zu Boden gerichtet, fragte er: »Schlägt er dich? … Quält er dich?«

Isa schüttelte den Kopf, brach in Tränen aus. Trish machte einen Schritt auf sie zu und wollte sie in den Arm nehmen, aber sie wehrte ihn ab, wich zurück, stürzte, kroch weg von ihm. »Nicht! … Nicht!«

Sie erkannte das Missverständnis in seinem erschrockenen Blick, aber sie schluchzte so wild, dass es ihr schier in der Brust riss und sie es mit Worten nicht auszuräumen vermochte. Er musste glauben, die Angst vor ihrem Herrn gälte nun auch ihm – oder schlimmer noch: Die Magd wollte ihrem Herrn treu bleiben.

Und so griff Isa nach Trishs Arm und drückte Küsse in seine Hand, um ihm begreiflich zu machen, dass sie ihn allein aus Scham abgewehrt hatte.

Kapitel 3

Trish lag schlaflos auf seinem Bett und beobachtete die Schatten an der Wand. Nur noch sechs Tage. Sechs Tage, um etwas zu entscheiden, was unmöglich zu entscheiden war. Er würde auf jeden Fall etwas verlieren, die Frage war nur, was.

Wie konnte es sein, dass niemand sonst jenes Gefühl von Falschheit und Täuschung hatte? War er der einzig Gesunde unter lauter Kranken? Oder verhielt es sich genau andersherum? War er der Geisteskranke, der Schatten sah? Nicht nur jene an der Wand, sondern auch all die anderen: die Seltsamkeiten, die befremdlichen Zufälle, die komischen Wendungen, die absurden Entscheidungen des Rates. All diese Schatten, die niemandem sonst aufzufallen schienen, fast als wären die anderen blind.

Das Mondlicht warf die Schatten von Laub und Ästen an die Wand. Aber was war die Quelle hinter den Zufällen, den Wendungen und den Richtsprüchen des Rates?

Entscheidungen, die nicht mit gesundem Menschenverstand zu begreifen waren, sondern oft einer Art Dramaturgie folgten. Als wollten sie jemanden prüfen. Sehen, wie er oder sie mit diesem Richtspruch zurechtkäme, ob weiteres Aufbegehren, weitere Verwicklungen daraus zu provozieren wären. Aber wozu? In der Regel gewann niemand etwas aus dem Leid, das verursacht wurde. Isabella war das eine Beispiel, gegen das nicht mal sein Vater eine Entgegnung fand.

Isabella, die zu Isa geworden war. Durch den Willen des Rates. Eine Entscheidung, die niemand begriff, bis heute nicht. Zumindest darin war Trish nicht allein.

»Du und ich«, hatte er damals zu ihr gesagt, »wir tragen beide das Schicksal unserer Namen.«

»Ja? Was bedeutet meiner denn?«

»Isabella bedeutet ›die Gott Verehrende‹, Bella bedeutet ›die Schöne‹.«

Und das war sie. Bella. Seine Bella. Die schönste aller Mädchen, mit ihrem pechschwarzen Haar, dem durch harte Arbeit kraftvollen und sehnigen Körper, ihren leichten, anmutigen Schritten und dem Schwung der Hüfte, der ihn jedes Mal aufs Neue verzauberte, mit ihrer sonnendunklen Haut und dem engelsgleichen Gesicht. Aber das Erstaunlichste an Bella waren ihre verschiedenfarbigen Augen. Das linke milchig-grün wie Wasser in Absinth, das rechte ultramarinblau. Ein Blau, das keinen Vergleich in der Welt hatte. Das herrlichste Blau, das ihm je begegnet war. Dass sie, die großherzigste und schönste aller jungen Frauen, niemals »unwürdig« sein könnte, das war jedem klar. Und dennoch hatte der Rat so entschieden. Warum?

Niemand wusste es. Niemand bekam eine Antwort. Der Rat war keiner Seele Rechenschaft schuldig.

»Vielleicht ist es ganz einfach«, hatte Gunnar irgendwann später gesagt. Gunnar, sein bester Freund, der in dieser Mittsommerzeremonie ebenfalls zu den glücklichen fünf gehören würde. »Vielleicht ist es keine Intrige, sondern einfach nur Odin, der sie für sich haben wollte.«

»Und wie kann das rechtens sein? Warum nehmen wir das hin?«

»Lass gut sein, ich bitte dich. Denn ich hänge an meinem Leben und werde es gewiss nicht wegwerfen, weil alte Männer seltsame Entscheidungen treffen.«

»Seltsam« war die lässlichste Eigenart dieser Entscheidungen, die meist vor allem grausam und ungerecht waren, die über Wohl und Wehe, über Herren und Knechte, über Kinderzahl und Feldergröße bestimmten.

Und ja, seit drei Jahren schien es, als legten es die Ratsherren geradewegs aufs Unglück der Seelen an. Dabei könnte man meinen, dass der Rat Augen und Ohren überall hatte, von den kleinsten und größten Geheimnissen wusste und sie in seinem Sinne nutzte, um die Seelen zu unterwerfen und zu strafen und ihnen zu verweigern, was ihnen am liebsten war, oder sie mit dem zu quälen, was sie am meisten fürchteten. Der Rat schien dabei stets über mehr Wissen zu verfügen, als ihm mit rechten Dingen zustand.

Flüsternde Geisterstimmen. Allsehende Schatten. Nur woher kam das Licht, das sie an die Wand warf? Das ihnen Bewegung und Leben gab? Damit sie umherhuschen konnten, lautlos und ungesehen, wie es ihre Art war?

Sechs Tage und sieben Nächte noch und dann wäre er ein Ehemann.

Kapitel 4

Alle beneideten sie.

Manchmal war es angenehm. Manchmal konnte sie sich in diesem Neid sonnen. Der Neid war zwar schwarz wie Pech, aber an guten Tagen traf er warm wie Sonnenschein auf ihr Gemüt.

Sie, Helena, die Schöne, würde Trish zur Frau gegeben werden. Gewiss. Ganz sicher. Nichts anderes ergab irgendeinen Sinn.

Sechs Tage noch, sieben Nächte. Und dann hätte sie ihr eigenes Haus. Ihre eigene Küche.

Trish. Mein Ein und Alles. Ich kann kaum abwarten, bis du mich in deine Arme ziehst, bis ich bei dir liegen darf und ich dein erstes Kind unter dem Herzen trage. Sie werden uns drei oder mehr zugestehen, ganz sicher. Ein jedes wird schön und gesund sein. Keine Magd wird ihre Beine um deine Hüfte schlingen …

Ein falscher Pfad. Die Lust flaute ab, da half auch der Finger nicht, obwohl oben schon wieder das Kopfteil gegen die Wand schlug.

Das war eine schreckliche Idee, ein entsetzlicher Entschluss, aber sie würde Wort halten. Wort halten für Isa, aber insbesondere für Trish. Sie würde um Isa als Magd bitten. Erst ihren Vater und dann den Rat. Das Gute daran war, dass sie sich sicher sein konnte, dass ihr Vater sie auslachen würde. »Geh mir aus den Augen, Kind«, würde er sagen, wie immer, wenn sie etwas Törichtes von sich gab.

Alle, die sie beneideten, für ihr goldenes Haar, ihr schönes Gesicht, ihre schlanke Figur, ihre grazilen Fesseln, die nicht zur harten Arbeit auf dem Feld taugten, für ihre ebenmäßige, blasse Haut, die sich allein Odins Tochter erlauben konnte, für die herrlichen Kleider, mit denen allein Odins Tochter über den Ratsplatz spazieren konnte – all diese Neider hatten keine Ahnung, wie es wirklich war, Odins Tochter zu sein. Wie es war, der eigenen Mutter beim Verschwinden zuzusehen. Eine einst schöne Frau, von der inzwischen nur noch eine bittere, eingefallene Hülle übrig war.

Odin war ein stattlicher Mann. Ein starker, aufrechter Mann. Inzwischen war sein Haar mehr grau als schwarz, aber Brust, Rücken und Schultern strotzten noch immer vor Kraft, waren nach wie vor die eines Mannes im besten Alter. Ein Bär von einem Mann. Klug und streng, aber gerecht. Er trank nicht, er schlug nie ohne Grund, er war bis zu einem gewissen Maß sogar geduldig. Wenn Odin einen Fehler hatte, dann war es seine Potenz, sein unersättlicher Hunger nach geschlechtlicher Lust.

Niemand hatte eine Ahnung, wie es war, Odins Tochter zu sein, mitanzusehen, wie er nun bereits die siebte Magd einritt. Und wie er sie einritt! Isa, ihre einst beste Freundin, wurde von ihrem Vater aufgespießt und durchgepflügt, dass man ihr Schreien bis zur Straße hinaus hören konnte, während das Kopfteil im Takt der Schreie gegen die Wand schlug. Genau wie jetzt. Ein Schreien, so innig, so voller Lust, dass Helena jedes Mal, jedes einzelne Mal, zusammen mit Isa kam. Keine andere Magd hatte je so geschrien. Manche hatten erstickt gestöhnt, auch das hatte gereicht, aber Isa schrie. Vor Lust. Und das war schwindelerregend wild, ließ Helena seufzen, sich schweißnass in den Laken winden.

»Ist es schön, von ihm geritten zu werden?«, hatte sie Isa vor einiger Zeit gefragt. Helena hatte nicht mit der Härte dieser Ohrfeige gerechnet. Ihr flog der Kopf zur Seite. Sie war Isa deswegen nicht böse. Die Ohrfeige war mehr als verdient, aber dafür wollte sie die Antwort haben. »Ist es schön, wenn er dich nimmt?«, wiederholte sie. Diesmal packte sie Isas Arm. »Antworte!«

Isa biss die Zähne zusammen, aber nickte.

Helena ließ Isas Arm los. Natürlich war es schön. Man hörte es ja. Manchmal dauerte der Ritt so lange, dass Helena es sich gleich zwei Mal machen konnte. Machen musste. Es war unvermeidlich, da half kein Kissen auf den Ohren.

Isa sagte tonlos: »Ich hasse mich dafür. Es ekelt mich vor mir selbst.«

»Sei nicht dumm, dafür kannst du nichts. Besser so als anders. Denk nur an Erika.«

Erika, die Schankmagd des Wirtes, der er im Suff ein Auge ausschlug, weil sie sich geweigert hatte, sich in der vollen Wirtsstube über den Tisch zu legen.

Derlei kam vor. Es war nicht schön, aber so war nun mal das Leben. Eine Magd hatte sich zu fügen. Ganz einfach. Und wenn es ein voller Schankraum war, dann hatte sie trotzdem zu gehorchen, den Rock zu heben und sich reiten zu lassen, auch wenn dreißig Männer dabei zusahen und sich die Stäbe polierten.

Odin war kein gewalttätiger Mann. Er hatte noch keine Magd mehr als einmal in die Unterwerfung prügeln müssen. Einmal war immer genug. Auch bei Isa waren diese Prügel nötig gewesen, wenn auch erst verspätet. Eine denkwürdige Nacht.

Odin verlangte absoluten Gehorsam von seinen Mägden. Sie hatten zu gehorchen. Immer und in jedem Augenblick. Auch am Abendtisch vor Frau und Tochter. Das war Hanne gewesen, einen Tag oder vielleicht zwei nach ihren Prügeln.

Hanne hatte die Kartoffeln auf den Tisch gestellt, als er sie auf seinen Schoß zog. Sie hatte die Lektion gelernt. Sie sagte kein Wort und wehrte sich nicht, als er sie zurechtrückte, ihr zwischen die Beine griff und sie fest an sich zog. Ihr wunder Hintern drückte gegen seinen Schoß, deshalb stöhnte sie. Und das war genug.

Als Mareike, Helenas Mutter, aufstehen wollte, sagte Odin nur: »Sitzenbleiben.« Vor den Augen seiner Frau und seiner Tochter ritt er Hanne bis zum Erguss. Hanne, die Magd, der Frau und Tochter bei diesem Ritt in die Augen sehen konnten. So war es, Odins Tochter zu sein.

Und all das war Odins Recht. Nichts daran war ungewöhnlich, hätte Widerspruch oder Verwunderung ausgelöst. Eine Magd hatte zu gehorchen. Ganz gleich, wann und wo.

Isa hasste sich, weil Odin es fertigbrachte, ihr Lust zu bereiten. Aber damit war Isa nicht allein. Jede Magd kam, wenn Odin in ihr steckte, rieb und stieß. Jede. Warum sollte Isa darin eine Ausnahme sein?

Was sich allerdings nicht gehörte und was man durchaus als befremdlich bezeichnen konnte, war, was es mit Helena machte, heimlich durch die Balken der Scheune zu beobachten, wie ihr Vater sein Geschlecht zwischen den weißen Hinterbacken einer Magd versenkte und jene Magd mit offenem Mund die Augen schloss, vor Lust und Wonne, von diesem dicken Hobel gepflügt zu werden. Was sagt man zu einer Tochter, die der Anblick des Vaters, der seine Hüfte gegen den Hintern irgendeiner Magd klatscht, so sehr erregt, dass sie auf die Knie sinkt und sich ihre Hand zwischen die Beine schiebt? Was sagt man wohl zu der?

Sechs Tage noch. Sieben Nächte. Dann hätte das ein Ende. Ganz gleich ob mit Trish oder Hagen oder irgendeinem anderen der fünf. Das jedenfalls hätte schließlich ein Ende.

Kapitel 5

Als Trish am Morgen die Augen aufschlug, fiel sein Blick auf das Buch neben ihm. Er hatte es in der Hand gehalten, auf seiner Brust, während er die Schatten beobachtet hatte, in der Dunkelheit seines Zimmers.

In diesem Buch hatte ein loses Blatt gesteckt. So schmutzig weiß wie die Buchseiten selbst, aber es gehörte nicht zum Buch und auch nicht in das Buch hinein. Irgendjemand hatte das Blatt aus einem anderen Band herausgeschnitten und zwischen die Seiten dieses Buches gelegt. Wer und warum?

Blatt und Buch gehörten nicht zusammen und doch passten sie zusammen. Das Buch hatte den Titel »Reisen zu verschiedenen, entlegenen Völkern der Erde« von einem Mann namens Lemuel Gulliver. Bastian hatte es Trish bei seinem letzten Besuch für einen halben Scheffel weißer Bohnen und ein Pfund getrockneter Steinpilze überlassen. Ein überaus stattlicher Preis, für etwas, dessen Wert Trish in jenem Moment des Austauschs noch nicht ermessen konnte.

Inzwischen hatte er das Buch zwei Mal gelesen. Eine Geschichte, die ihm sehr zu denken gab. Eine Geschichte, die mit ihm und nur mit ihm, Tristan, Sohn von Lars und Britta, Bruder von Siegfried, zu sprechen schien. Eine Geschichte, die ihn in seinen Vermutungen, in seinem Misstrauen bestärkte, die ihn geradezu ermahnte, noch aufmerksamer und skeptischer gegen alles zu sein.

In welchem Verhältnis stand Gullivers Lebenszeit zu seiner eigenen? Auf der Seite des Innenteils, auf dem Titel und Verfasser standen, war eine Zeichenfolge abgedruckt: »M, DCC, XXVI.« Man nannte sie »römische Zahlen«. Trish konnte sie entziffern, seit er als Junge das Buch »Die Geschichte des römischen Imperiums« gelesen hatte. Darin waren sie erklärt worden.

Rom – auch eine jener fremden Kulturen, wie Liliput und Brobdingnag. All das hatte es jenseits der Felswände gegeben – gab es vielleicht immer noch. Bastian wusste es nicht. Bastian kannte nur seine Stadt und den geheimen Weg durch die Klamm. Bastian war entweder ein Tölpel oder ein Lügner. Schwer zu sagen. Die Zeichen jedenfalls standen für die Zahl 1726.

Woher kam dieses Buch? Warum dieses und kein anderes? Hatte das Bastian entschieden? Dann war er ein Lügner. Hatte das jemand anderes entschieden und es Bastian für Trish mitgegeben? Wenn ja, wer und warum? Und wie kam das Blatt zwischen die Seiten? Das Blatt, das wegen der Abbildung darauf noch befremdlicher war als die Geschichte des Buches selbst: Ein Mann, innerhalb einer hohlen Halbkugel, reckt seinen Kopf aus dieser Kuppel heraus und blickt in eine Welt von Wolken, leuchtenden Objekten und seltsamen Radwerken. Eine Kuppel, die Sonne, Mond und Sterne trägt. Unter der Abbildung stand: »Wanderer am Weltenrand, Holzstich, 1888.«

Wenn Trish davon ausging, dass beide Zahlen Jahre meinten, dann lagen 162 Jahre zwischen Buch und Bild. Eine unglaublich lange Zeit.

Ungefähr tausend Jahre hatte das römische Imperium überdauert, bis ungefähr 500 n. Chr. Auch das eine Seltsamkeit: Erst werden die Zahlen kleiner und tragen den Zusatz »v. Chr.«, dann werden sie wieder größer und der Zusatz lautet »n. Chr.«, so war eine Zeitlinie in jenem Buch über das römische Reich abgebildet gewesen – was auch immer der Sinn dahinter sein oder für was auch immer jenes Jahr »null« stehen mochte, das eine so tiefe Zäsur bewirkt hatte, dass Zeit nun nicht mehr ablief, sondern zunahm.

Einmal, da hatte Trish alle Bücher in seinem Besitz – dreizehn Stück, dreizehn Fenster in die Welt jenseits der Felsen – aufgeschlagen und von jedem diese Zahl herausgeschrieben.

Keine war kleiner als 1726 und keine größer als 1897.

Was bedeutete das? Dass man das Jahr 1898 schrieb oder vielleicht 1914? Oder bedeutete es, dass man einfach keine neuen Bücher mehr erschuf? Vielleicht bezog sich diese Zeitspanne wieder nur auf ein weiteres, längst vergangenes Reich, nach dessen Untergang einfach keine neuen Geschichten mehr geschrieben wurden.

Auch das wusste Bastian nicht. »Keinen Schimmer, Mann«, sagte er stets und trank sein Bier schneller.

»Wie kannst du das nicht wissen?! Du bist doch da draußen.«

»Alles ist kaputt, sag ich dir. Alles. Einfach alles. Sei froh, heilfroh, dass du hier leben kannst.«

»Und warum bleibst du dann nicht?«

»Lustig.«

»Was daran ist lustig?«

»Dann frag mal Hektor, ob ich bleiben darf. Verseucht bin ich, das sagt er. Zum Teufel soll ich mich scheren, das sagt er. Und überhaupt: Wer bringt dir dann neue Bücher?«

»Vor dir gab es Franz. Und davor war es Günther. Irgendeiner kommt immer.« Einer kam immer. Das war schon zu Zeiten von Trishs Großvater nicht anders. Drei Mal im Jahr, aber nur zwischen April und Oktober. In den kalten Monaten war es unmöglich, das Tal zu erreichen.

»Checker« nannten sie jene Männer, die durch den Wasserfall in der Klamm stiegen und Dinge ins Tal brachten – eine befremdliche Lautfolge, die aus der Welt jenseits der Felsen stammte.

Seit Trish acht Jahre alt war, hing er den Checkern an den Lippen und fragte ihnen Löcher in den Bauch. Ein mühsames und unersprießliches Unterfangen. Sie waren allesamt entweder Lügner oder Tölpel gewesen. Bastian war keine Ausnahme.

Wie oft hatte Trish versucht, ihnen zu folgen? Zehnmal? Beim letzten Mal, das war nun fast genau zwei Jahre her, da wäre Trish beinahe ertrunken. Seitdem hatte er das Vorhaben, Bastian durch die Klamm, hinter den Wasserfall, zu folgen, aufgegeben. Wie es ausgerechnet der schmächtige, aber zugegebenermaßen sehnige Bastian zuwege brachte, dem enormen Druck des Wassers standzuhalten, überstieg Trishs Vorstellungsvermögen. Er jedenfalls hatte es nicht geschafft, war einfach vom Felsen gespült worden und der Fluss hatte ihn gut eine Meile weit mitgerissen. Wie er das überlebt hatte, war ihm ein Rätsel.

Durch die Klamm war ein Weg, aber nicht seiner.

Danach hatte er versucht, über die Felsen zu kommen. Zwei Mal. Zwei Mal war er von den Männern des Dorfes heimgeschleift worden, weil man ihn dort oben, eiskalt und bewusstlos, gefunden hatte. Beim ersten Mal glaubten sie ihm, dass er einer Gams gefolgt war. Beim zweiten Mal nicht mehr.

Morgen oder übermorgen würde Bastian kommen, um Dinge für das große Fest zu bringen, wie es die Checker jedes Jahr taten. Diesmal hatte sich Trish jede einzelne Frage genau zurechtgelegt und wollte jede ausweichende Antwort vorwegnehmen. Diesmal würde er Bastian nicht davonkommen lassen. Diesmal nicht! Denn wenn es solche Bücher und solche Bilder gab, dann war das Wissen dort draußen, und selbst der größte Tölpel würde notgedrungen irgendwann eine nützliche Antwort geben und ein Lügner würde sich verraten, an irgendeiner Stelle.

Danach blieben Trish immer noch mindestens drei Tage. Drei Tage, um zu entscheiden, was es lohnte zu verlieren und was zu behalten.

Kapitel 6

Trish war sein bester Freund. War es immer gewesen und würde es immer sein, bis zu Gunnars letztem Atemzug.

Und genau deshalb musste Gunnar unaufrichtig sein, in jeder Hinsicht. Niemals könnte er Trish eingestehen, dass er, Gunnar, weit mehr als Freundschaft für Trish empfand, dass er, Gunnar, nicht anders als all die Weiber von Trishs Lippen träumte.

Wie das wohl wäre? Einmal nur einen Kuss auf den Mund des Freundes zu drücken? Alles Weitere hatte Gunnar nie bedacht und würde es sich auch nie gestatten. Er wusste, wie es ging, theoretisch. Er wusste, dass mancher Herr seinen Knecht dazu zwang. Aber Trish würde ihm wohl allein für dieses Eingeständnis den Kiefer brechen. Und deshalb folgte Gunnar dieser Möglichkeit nicht mal in Gedanken. Es ging ihm auch nicht um den Akt, sondern nur um Berührung und Nähe. Es mit einem Mann zu treiben, interessierte Gunnar gar nicht. Es war Trish allein, der ihn in seinen Bann gezogen hatte. Das war ein alter Hut.