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GÜNSTIGER EINFÜHRUNGSPREIS. NUR FÜR KURZE ZEIT! Düsterer Kriminalroman aus der Hansestadt Eine Mordserie, ein mafiöser Racheplan – Kommissar van der Kolk taucht tief in Hamburgs Unterwelt und ihre Geheimnisse Ein ermordeter Immobilienmakler. Ein toter Spielhallenbetreiber. Zwei brutale Morde mitten in Hamburg. Schnell stößt das Ermittlerteam um Erik van der Kolk auf Verbindungen zu einem mächtigen Ableger der 'Ndrangheta in der Hansestadt. Unvermittelt tritt eine neue Frau in van der Kolks Leben, die ein falsches Spiel mit ihm treibt. Und während sich die Hinweise auf einen eskalierenden Mafiakrieg verdichten, führt eine überraschende Spur zu einem Cold Case, der van der Kolk seit Jahren beschäftigt: der Mord an Najuma Haita. Packend, vielschichtig und hochspannend – ein Hamburg-Krimi um Macht, Moral und die dunklen Tiefen organisierter Gewalt – atmosphärisch und komplex
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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© Piper Verlag GmbH, München 2026
Redaktion: Michaela Retetzki
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Cover & Impressum
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Epilog
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Die Außenalster glitzerte und funkelte in der Nachmittagssonne, und ein leichter Wind aus Nordost kräuselte die Wasseroberfläche. Franz Nietsnam rückte den Elbsegler auf seinem Kopf zurecht, an dessen Vorderseite eine Anstecknadel in Form einer wehenden Flagge befestigt war. Sie trug die Farben und das Logo der Reederei, bei der er viele Jahre im Vorstand gesessen hatte, wie bereits zuvor sein Vater.
Einige Seemeilen elbabwärts, draußen auf der Nordsee, sah es vermutlich ähnlich aus, nur dass es dort mit Sicherheit deutlich kabbeliger sein würde. Alles jedoch nichts im Vergleich zu jenem Sturm, der seiner Frau und ihm kurz vor der Jahrtausendwende das Liebste genommen hatte. Seitdem war jeder Gang an diesen Ort, den sein Sohn so geliebt hatte, eng mit der Erinnerung an Volker verbunden.
Franz blickte zu der kleinen, mit einigen Bäumen bewachsenen Rasenfläche, die von dem Fuß- und Radweg umschlossen wurde, der sich an dieser Stelle, in Höhe der Auguststraße, gabelte. Hier hatte er, als Volker ein Kind gewesen war, unzählige Male mit ihm Fußball gespielt. Nach Spielende hatten sie sich im Schatten der Bäume und mit Blick auf den Segelklub Alstermole ausgeruht. Mit strahlenden Augen hatte Volker die Segelboote und kleinen Segeljachten beobachtet, die an den Stegen gelegen und sanft in den Wellen geschaukelt hatten. Dazu das Rauschen des Windes, der durch die Wanten gefahren war, und das Klappern der gegen den Mast schlagenden Fallen, die zum Setzen und Bergen der Segel dienten.
An den Segelklub erinnerte nur noch das Café Alstermole. Früher hatte Franz dort nahezu jeden Nachmittag ein Kännchen Tee getrunken und seine Gedanken zu seinem Sohn schweifen lassen, der weit draußen auf See seine letzte Ruhe gefunden hatte.
Volker war zuletzt Erster Offizier auf der Nordstern gewesen. Er hatte kurz davorgestanden, als Kapitän ein eigenes Schiff zu führen, doch das Schicksal hatte andere Pläne gehabt. Mitten auf dem Atlantik war das Containerschiff in einem schweren Orkan gesunken. Erst Tage nach dem letzten Funkkontakt hatten die Suchmannschaften ein zerschlagenes Rettungsboot gefunden, das kieloben im Wasser trieb. Von dem Rest des zweihundertfünfzig Meter langen Schiffs und seiner achtundzwanzigköpfigen Besatzung fehlte bis heute jede Spur. In ihrem Untersuchungsbericht hatte das Havariekommando später erklärt, dass die Nordstern sehr schnell gesunken sein musste, da keine Notsignale gefunkt worden waren. Hieraus hatte man geschlossen, dass ein Kaventsmann, eine jener mörderischen Monsterwellen, die lange Zeit als Seemannsgarn abgetan worden waren, das tragische Unglück verursacht haben musste.
Franz Nietsnam hatte heute auf den Tee im Café Alstermole verzichtet. Überhaupt folgte er dieser alten Gewohnheit kaum noch, seit die Stege des Segelklubs, trotz vehementer Proteste der Anwohner, Liegeplätzen für Hausboote gewichen waren. An der Unterschriftenaktion gegen die Ausweisung des vorgesehenen Uferbereichs als Eignungsfläche für Hausboote hatte er ebenfalls teilgenommen. Nach seiner Auffassung gab es in Hamburg genug solcherlei Flächen: auf der Bille, in den Alsterkanälen sowie in Wilhelmsburg und Harburg. Und wenn es unbedingt auch noch die Außenalster sein musste, dann bitte schön nicht an Volkers ehemaligem Lieblingsplatz.
Er blickte zu den fünf Kästen aus Glas und Holz, deren Aussehen in seinen Augen einem ambitionierten Designwettbewerb entsprungen sein musste. Warum durfte man solche Klötze überhaupt als Boot bezeichnen? Für ihn handelte es sich um unansehnliche Buden, die auf dem Wasser schwammen. Kein erkennbarer Bug, kein Heck und keine Masten, durch deren Takelage der Wind wehen konnte.
Ein heftiger Ruck an seinem linken Arm holte ihn aus seinen Gedanken. Er sah zu dem schwarzen Riesenschnauzer an der automatischen Gurtleine zurück, der abrupt stehen geblieben war.
»Paul, komm weiter.« Franz zerrte an der Leine, während sein Hund seelenruhig weiter an dem Baum schnupperte, der ihn zu dem plötzlichen Stopp animiert hatte. »Paul, hörst du jetzt.«
Der Riesenschnauzer hob den Kopf, sah ihn scheinbar unbeeindruckt an und hob gemächlich das linke Hinterbein. Nachdem er seine Markierung gesetzt hatte, trottete er auf ihn zu.
»So ist’s brav.« Franz klopfte dem Hund auf die Schulter, gemeinsam setzten sie ihren Weg fort. Weit kamen sie nicht. Dieses Mal war es nicht Paul, der für den nächsten Stopp sorgte, sondern ein Baustellenzelt, das auf Höhe des ersten der fünf Hausboote neben dem Weg stand. Vor eineinhalb Stunden, zu Beginn ihres Spaziergangs hatte es noch nicht hier gestanden.
»Nicht schon wieder.« Franz Nietsnam verdrehte die Augen. Er blickte zu seinem Hund hinunter. »Was sagst du dazu, Paul?« Der Riesenschnauzer, den er nach dem Tod seiner Frau Elisabeth als Welpe aus einem Tierheim geholt hatte, spitzte die Ohren und legte den Kopf schief. Über die Jahre hatte sich Franz angewöhnt, mit Paul wie mit einem Menschen zu reden, und mittlerweile hatte er den Eindruck, dass sein Hund ihn auch verstand.
Er trat an das nahezu quadratische Zelt heran, das auf dem Grünstreifen zwischen Gehweg und Straße aufgestellt worden war. Durch den offenen Eingang sah er im Inneren einen Mann, der mit einer Schaufel einen Graben aushob.
»Entschuldigen Sie.« Franz beugte sich etwas vor, während sich Paul mit einem leisen Grunzen neben ihn setzte. »Sagen Sie nicht, es ist schon wieder was kaputt.«
Der Mann, der einen blauen Arbeitsoverall, klobige Sicherheitsschuhe und eine orangefarbene Signalweste trug, unterbrach seine Arbeit. Er richtete sich auf, stützte sich auf die Schaufel und sah ihn an.
»Keine Ahnung. Irgendetwas mit dem Telefon.«
»Na super.« Franz schüttelte den Kopf. »Seit zwei Monaten geht das jetzt schon so. Diesmal ist es also das Telefon. Das hatte wir bisher noch nicht. Erst das Wasser, dann …«
Der Arbeiter unterbrach ihn.
»Wohnen Sie etwa dort?«, fragte er und nickte mit dem Kopf in Richtung der Hausboote.
»Gott bewahre.« Franz sah ihn entrüstet an. »In so einer schwimmenden Baracke? Keine zehn Pferde würden mich da reinbringen. Ich wohne in einem richtigen Haus.« Er wies den Weg hinauf. »Dort hinten auf der anderen Straßenseite. Allerdings laufen unsere Leitungen auch hier entlang, und seit diese Mistdinger hier liegen, gibt’s nur Probleme. Zum Beispiel der Wasserrohrbruch neulich. Da waren wir geschlagene acht Stunden ohne Wasser.«
»Kann ich leider nicht ändern«, sagte der Arbeiter und zog an der Zigarette, die er sich zwischenzeitlich angezündet hatte. »Ich soll hier nur buddeln. Den Rest machen dann die Fachleute.«
»Ach ja? Und wann kommen die Fachleute? Heute ja wohl sicher nicht mehr.« Franz lachte verächtlich. »Am Freitagnachmittag, da sind die doch längst im Wochenende. Ein Wunder, dass Sie noch hier sind und arbeiten.«
»Stimmt.« Der Arbeiter zog ein letztes Mal an der Zigarette und schnippte die Kippe in die Grube. »Deswegen sollte ich jetzt auch zusehen, dass ich fertig werde. Schönen Tag noch.« Er nahm die Schaufel und setzte seine Arbeit fort.
»Wehe, mein Telefon ist gleich tot, wenn ich nach Hause komme.« Franz Nietsnam hob drohend den Zeigefinger. »Dann können sich Ihre Fachleute warm anziehen.«
***
Das stundenlange Warten in dem Baustellenzelt, das er eigens für den heutigen Tag gekauft hatte, strengte an. Es war nicht leicht, die Konzentration hochzuhalten. Trotzdem durfte er sich keine Unachtsamkeit erlauben, die womöglich sein Vorhaben, auf das er monatelang hingearbeitet hatte, gefährden könnte. Doch trotz aller Bemühungen schweiften seine Gedanken erneut ab. Vor ihm tauchte wieder die schmutzige Fassade des Mehrfamilienhauses auf, mit den zahlreichen Graffitis, die einen bunten Gürtel um das Erdgeschoss bildeten. Dort hatte er gewohnt, zusammen mit Conny und Nathalie. Im Inneren setzte sich das Bild des heruntergekommenen Gebäudes fort: der Hausflur mit den gesprungenen Bodenfliesen, die aufgebrochenen Briefkästen und die abblätternde Farbe im Treppenhaus. Überall war der Sanierungsstau erkennbar, der in Jahren des Nichtstuns entstanden war. Daran hatte auch der letzte Hausbesitzer nichts geändert. Ganz im Gegenteil. Schließlich hatte er das Mietshaus aus den Siebzigerjahren nur erworben, um es abzureißen und durch einen modernen Gebäudekomplex mit teuren Eigentumswohnungen zu ersetzen.
Rolf Linde presste die Lippen zusammen. Er verfluchte den Tag, an dem Conny und er beschlossen hatten, sich nicht dem Terror ihres Vermieters zu beugen und wie die meisten anderen Mieter auszuziehen. Wie naiv sie doch gewesen waren, zu glauben, dass das Recht auf ihrer Seite stehe. Dabei hätten sie sich an allen fünf Fingern abzählen können, wie aussichtslos ihr Widerstand gegen einen Immobilienhai wie Uwe Snyder war. Von Anfang an hatten sie nicht den Ansatz einer Chance gehabt, irgendetwas zu bewirken. Doch was hätten sie sonst machen sollen? In Hamburg an eine Wohnung für eine dreiköpfige Familie zu kommen, glich schon fast einem Lottogewinn, und eine bezahlbare zu finden, war schier unmöglich.
Vor seinem geistigen Auge sah sich Rolf die Stufen des schäbigen Treppenhauses hinaufsteigen. Eine Szene, die ihn immer wieder in seinen Albträumen verfolgte. Mit hängendem Kopf und Füßen schwer wie Blei nahm er Stufe um Stufe, bis er das Ende der Treppe erreichte. Erst jetzt blickte er zögernd und widerwillig auf. Es war stets dasselbe Bild, das ihn erwartete: Statt der Tür zu ihrer Wohnung befand sich dort ein Schafott, dessen blutige Klinge auf ihn zu warten schien. In einem Korb, der vor dem Schafott stand, lagen die abgetrennten Köpfe von Conny und Nathalie, deren leere Augen ihn anblickten.
Das Schlagen einer Autotür erlöste ihn von dem Anblick. War es endlich so weit? Hastig griff er nach dem Rucksack, der neben ihm auf dem Boden stand, zog eine Pistole heraus und erhob sich schwerfällig. Das lange Sitzen hatte seinen Tribut gefordert und seine Kniegelenke und den Rücken steif werden lassen. Rolf verzog angestrengt das Gesicht und schlich zum Zelteingang, der durch einen Reißverschluss geschlossen war. Nur einen kleinen Spalt hatte er offen gelassen. Durch diesen blickte er nun angespannt auf den Geh- und Radweg, der an dieser Stelle am Hausboot von Uwe Snyder vorbeiführte.
Er lauschte. Nichts. Wieder Fehlalarm. Wie bereits etliche Male zuvor, näherte sich niemand seinem Versteck.
»Verdammt.«
Rolf setzte sich erneut auf den Rand der knietiefen, knapp zwei Meter langen und sechzig Zentimeter breiten Grube, die er am Nachmittag ausgehoben hatte. Wo zum Teufel blieb Snyder? An den letzten Wochenenden war er nie nach elf Uhr zu seinem Hausboot gekommen.
Er steckte die Pistole zurück in den Rucksack. Dabei fiel sein Blick auf die Stelle in der Grube, an der er sich am frühen Abend erbrochen hatte, nachdem von einem der umliegenden Grundstücke Grillgeruch in das Zelt gezogen war. Der Geruch von verbrannter Holzkohle drehte ihm regelmäßig den Magen um, seit jenem tristen Wintertag, an dem er von der Arbeit nach Hause gekommen war. Für gewöhnlich erbrach er sich nicht sofort, aber die Aufregung hatte heute wohl offensichtlich ihren Teil dazu beigetragen. Selbst jetzt ließ ihn allein der Gedanke an Grillgeruch schlucken.
An dem Tag, als seine Frau und seine Tochter gestorben waren, hatte er die Wohnung betreten, in der es mal wieder eisig kalt gewesen war. Anders als sonst hatte ihn jedoch niemand begrüßt. Weder Conny mit einem zärtlichen Kuss noch Nathalie, die ihm normalerweise freudestrahlend in die Arme fiel. Tränen stiegen ihm in die Augen. Im Wohnzimmer hatte er die beiden gefunden. Es hatte so friedlich gewirkt. Scheinbar schlafend hatten seine Mädchen eng aneinandergekuschelt auf dem Sofa gelegen, in weiche Fleecedecken eingemummelt. Merkwürdig war nur der Geruch nach verbrannter Holzkohle gewesen, dem er zunächst keine Bedeutung beigemessen hatte. Die Nachbarn in der Wohnung über ihnen grillten regelmäßig. Selbst im Winter. Und so hatte sich Rolf zu den beiden hinuntergebeugt, um sie zu wecken. Mit einem Mal war ihm derart schwindelig geworden, dass er sich auf die Armlehne des Sofas hatte stützen müssen. Dabei war sein Blick auf den Holzkohlegrill gefallen, der nicht wie üblicherweise auf dem Balkon stand, sondern verdeckt hinter der offen stehenden Wohnzimmertür.
Mit der Hand wischte sich Rolf die Tränen aus den Augen und schob mit der Schuhspitze lose Erde über das Erbrochene. Er nahm eine Flasche mit Mineralwasser aus dem Rucksack und spülte sich das flaue Gefühl aus dem Magen.
Das Geräusch eines näherkommenden Autos ließ ihn erneut aufhorchen. Er steckte die Wasserflasche zurück und wollte schon nach der Pistole greifen, als das Auto, ohne die Geschwindigkeit hörbar zu verringern, vorbeifuhr.
Rolf atmete genervt aus. Seit dem frühen Abend zerrte jedes Geräusch eines sich nähernden Fahrzeugs an seinen Nerven und erhöhte die Anspannung. Selbst jetzt, wo es vergleichsweise ruhig geworden war. Sowohl auf der Straße als auch auf dem Weg vor dem Zelt. Der neugierige alte Opa mit seinem Köter war nicht wieder aufgetaucht, und auch sonst hatte ihn niemand mehr angesprochen. Längst hatte sich die Nacht über Hamburg gelegt und das Leben in der Stadt seinen Schwerpunkt verlagert: weg von Spaziergängen und sportlichen Aktivitäten am Ufer der Außenalster, hin zu heimischen Fernsehabenden, Kinobesuchen, Partys in einschlägigen Lokalen oder ausgelassenen Feiern auf den Partymeilen von St. Pauli.
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Kurz vor halb zwölf. Schweiß trat auf seine Stirn, was er nicht der Wärme im Zelt zuschrieb, in dem es sich über die vergangenen Stunden spürbar abgekühlt hatte. Vielmehr war es die zunehmende Sorge, Snyder könnte ausgerechnet heute seine Wochenendpläne geändert haben, die einen kaum auszuhaltenden Stress erzeugte.
Er fuhr sich mit dem Ärmel des Blaumanns über die Stirn.
Wo blieb dieser Mistkerl, der sein Leben zerstört hatte?
Es war einer der wenigen bitterkalten Winter der letzten Jahre gewesen, und die Heizung war bereits im Herbst ausgefallen. Angeblich sei die Pandemie schuld, dass die alte Heizung des Mehrfamilienhauses nicht zügig repariert werden konnte. Und die Regierung. Unterbrochene Lieferketten, verunsicherte Hersteller von Heizungsanlagen, die nicht wussten, wie es mit dem politisch verordneten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen weitergehen würde, das alles hatte die Hausverwaltung aufgeführt. Vertröstungen und Ausreden. Nach all den Erfahrungen, die sie bis dahin mit ihrem Vermieter gemacht hatten, vermuteten die restlichen Mieter durch die Bank weg, dass die Heizung sogar vorsätzlich manipuliert worden war. Ein weiterer Versuch, das Haus leer zu kriegen. Bei der älteren Dame aus dem Erdgeschoss hatte es geklappt. Sie hatte im November ihre Wohnung verlassen, in der sie über dreißig Jahre gelebt hatte, und war nach Neumünster zu ihrer Tochter gezogen.
Sie wollten es doch nur etwas warm haben, dachte Linde, und Tränen traten ihm in die Augen. Er wischte sie mit dem Handrücken weg. Wut keimte in ihm. Ausgerechnet am Tag der Abrechnung machte ihm Snyder einen Strich durch die Rechnung. Monatelang hatte er dem heutigen Tag entgegengefiebert, sich akribisch vorbereitet. Sollte das alles umsonst gewesen sein?
Wieder fuhr ein Auto auf der Straße vorbei. Dieses Mal so schnell, dass Rolf nur noch kurz zusammenzuckte. Er warf einen erneuten Blick auf seine Armbanduhr. Nun war es schon fast Mitternacht. Sollte er vielleicht besser alles auf das nächste Wochenende verlegen? Konnte er so lange das Zelt hier stehen lassen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen?
In diesem Moment ertönte ein Motorengeräusch, das die Hoffnung noch einmal in ihm aufleben ließ. Es klang, als ob das Fahrzeug seine Geschwindigkeit verringern würde.
Rolf legte den Kopf schief und lauschte konzentriert mit geschlossenen Augen. Er hörte das Geräusch von Autoreifen, die über das Pflaster einer Parkbucht rollten. Das Auto stoppte, das Motorengeräusch erstarb. Für einen Moment wurde es still. Er zog langsam die Pistole aus dem Rucksack. Normalerweise müsste nun das Schlagen einer Autotür folgen, ein Indiz dafür, dass jemand aus dem Wagen ausgestiegen war. Inzwischen hatte er das alles schon mehrfach gehört, seit er hier auf der Lauer lag. Nur ein einziges Mal hatte keine Tür geschlagen, obwohl er genau mitbekommen hatte, dass ein Automotor ausgemacht worden war. Wahrscheinlich ein Liebespaar, das noch im Wagen sitzen geblieben war, um sich zärtlich voneinander zu verabschieden. Was ihn seitdem jedoch umtrieb, war der Umstand, dass er danach weder das Schlagen von Autotüren noch das erneute Starten des Motors gehört hatte. Im Grunde musste da draußen noch jemand in einem Auto sitzen. Oder hatte er es einfach nur überhört? Einfach einen kurzen Blick aus dem Zelt zu werfen, wagte er nicht, aus Angst, entdeckt zu werden. Ein Mann, der sich mitten in der Nacht, dazu an einem Wochenende, in einem Baustellenzelt aufhielt, hätte mit Sicherheit für Aufmerksamkeit gesorgt.
Rolf postierte sich am Eingang des Zeltes und blickte angespannt durch den Spalt. Deutlich waren nun auch Schritte zu hören. Das Geräusch von Menschen, die sich auf dem ungepflasterten Weg näherten, hatte sich über die vergangenen Stunden bei ihm eingeprägt. Endlich. Das musste Snyder sein. Seine Handflächen wurden feucht. Er fasste die Pistole nach und entsicherte sie. Dann nahm er mit der linken Hand das Band, das er am Zipper des Reißverschlusses befestigt hatte, fest zwischen die Finger. Es sollte ihm ermöglichen, den Zelteingang blitzschnell zu öffnen und hinauszustürmen.
Das Erste, was er sah, war der Schatten einer Person, den das Licht der Straßenlaternen auf den Weg warf. Trotz seiner Anspannung zwang er sich, ruhig zu atmen. Ab jetzt durfte er sich keinen Patzer erlauben. Alles musste exakt so ablaufen, wie er es Tausende Male in Gedanken durchgegangen war. Er hatte nur diese eine Chance.
Der Schatten desjenigen, der sich seinem Versteck näherte, wurde kürzer. Sein Herz schien ihm auf einmal im Hals zu schlagen, als er erkannte, dass es sich tatsächlich um Uwe Snyder handelte. Mit gesenktem Kopf und mit den Händen an einem Schlüsselbund herumfummelnd, ging er in Richtung seines Hausbootes.
Rolf Linde spannte die Muskeln an. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzten die Gesichter von Conny und Nathalie vor seinem geistigen Auge auf. Es schien, als wollten sie ihm Mut spenden. Er holte tief Luft und nickte. Es war Zeit. Zeit für Gerechtigkeit.
Im Internet fanden sich Berichte über die ersten Getreideexporte der Ukraine seit Kriegsbeginn sowie den Abschluss der Kanadareise des Papstes. Der deutsche Gesundheitsminister warnte bereits jetzt, mitten im Sommer, vor einem Coronaherbst, und die Schlagzeile in den Lokalteilen der regionalen Nachrichtenportale beherrschte ein schwerer Verkehrsunfall, der sich in der Nacht in Hamburg-Eilbek ereignet hatte. Merkwürdigerweise fand sich nirgendwo eine Meldung über das bedauerliche Ableben des Immobilienkönigs Uwe Snyder. Nicht einmal in den Radionachrichten.
»Das kann doch nicht sein«, sagte Jean Delarue und legte das Smartphone kopfschüttelnd vor sich auf den Tisch. Er nahm einen Schluck von seinem Espresso und verzog angewidert das Gesicht. Über das Hin- und Herscrollen hatte er den Kaffee vergessen, der inzwischen kalt geworden war. Er drehte sich zu der Bedienung um, die an der Tür zur Terrasse des Hotels Altair stand, in dem er sich eingemietet hatte, und hob die Hand. Sofort setzte die Servicekraft ein freundliches Lächeln auf und kam zu ihm herüber an den Tisch.
»Darf es bei Ihnen noch etwas sein?«, fragte sie und strich sich eine Strähne ihrer kurzen braunen Haare hinter das rechte Ohr.
»Bitte noch einen Espresso.« Delarue schob ihr seine Tasse hinüber. »Und den können Sie wieder mitnehmen.«
Die junge Frau warf einen kurzen irritierten Blick auf die halb volle Espressotasse.
»War damit etwas nicht in Ordnung?«
»Er ist kalt. Meine Schuld.«
»Oh, das tut mir leid. Ich bringe Ihnen natürlich sofort einen frischen.«
Jean Delarue widmete sich wieder seinem Smartphone, während sich die Servicekraft entfernte. Es wollte ihm partout nicht in den Kopf, dass einfach keine Meldung zu Snyders Tod zu finden war. Erneut tippte er dessen Namen in die Suchmaschine des Browsers, und wie die Male zuvor erhielt er innerhalb einer Sekunde seitenweise Einträge. Kein Wunder bei einem derart bekannten Immobilienmogul, der in Hamburg nicht nur eine Größe im Immobiliengeschäft war, sondern auch regelmäßig mit angeblich zweifelhaften Geschäftspraktiken für Aufsehen sorgte. Es konnte nicht sein, dass sein Tod keine Meldung wert war.
»Bitte schön. Ein heißer Espresso für Sie.« Die Bedienung war wieder an seinen Tisch getreten und stellte mit einer schwungvollen Bewegung eine Tasse vor ihm ab.
»Danke«, sagte Jean Delarue und nippte sofort an dem dampfenden Getränk.
Die Servicekraft nickte und ging zurück an ihren Platz neben der Terrassentür.
Er ließ den Blick hinaus auf die Alster wandern, deren Wasseroberfläche im Licht der Mittagssonne funkelte. Wie konnte es sein, dass bisher niemand über die Leiche von Uwe Snyder gestolpert war, der seit letzter Nacht tot auf dem Gehweg lag? Oder hatte man ihn längst gefunden und die Polizei eine Nachrichtensperre verhängt? Nur aus welchem Grund?
***
Im Love House brannte bereits die Luft, obwohl es noch genug freie Plätze gab, sowohl an den Tischen als auch an der Theke. Grund für die ausgelassene Stimmung war eine Gruppe junger Männer.
Basti heiratet? Ich bin nur zum Saufen hier. In großen Lettern prangte der Spruch auf der Vorderseite ihrer weißen T-Shirts. Darunter war eine aufpoppende Bierflasche mit Bügelverschluss abgebildet.
Ronny beobachtete das Treiben von seinem Stammplatz am rechten Ende des Tresens und schüttelte belustigt den Kopf, bevor er seine Flasche mit einigen kräftigen Zügen leerte. Er stellte sie vor sich auf die Theke und winkte die rothaarige Frau heran, die hier bediente.
»Noch eins, Elli.«
»Haste noch nich’ jenug?« Elli griff mit einem abschätzigen Blick nach der Flasche.
»Wenn ich genug habe, sage ich dir als Erstes Bescheid. Und nun sieh zu.« Er scheuchte sie mit einer Handbewegung davon, woraufhin Elli die Augen verdrehte und zum Getränkekühlschrank schlenderte.
Ronny sah ihr mit glasigem Blick hinterher.
Du alte Schlampe, dachte er. Meinst wohl ’ne große Lippe riskieren zu können, nur weil ich hier nichts mehr zu sagen habe? Er verschränkte die Arme und legte sie vor sich auf den Tresen, hinter dem ein großflächiger Spiegel nahezu die gesamte Breite der Wand einnahm. Aus seiner Zeit als Geschäftsführer des Love House wusste er, dass es sich um einen halb durchlässigen Spiegel handelte. Durch ihn ließ sich aus dem dahinter liegenden Raum nahezu das komplette Lokal überblicken. Dort hatte sich das Büro seines ehemaligen Chefs befunden. Doch Lexi war tot und er nicht mehr Geschäftsführer.
»Dein Bier.« Elli stellte eine volle Flasche Bier vor ihn auf den Tresen und zog sich ohne ein weiteres Wort zurück.
Ronny trank einen Schluck. Lautes Gejohle aus Richtung des Junggesellenabschieds erregte erneut seine Aufmerksamkeit. Unter den Anfeuerungsrufen seiner Freunde hatte sich einer aus der Gruppe schwerfällig erhoben. Schwankend lehnte er sich zu der Stripperin hinüber, die vor ihm auf dem Tisch tanzte und mittlerweile nur noch einen knappen Stringtanga trug. Umständlich stopfte er ihr ein paar Love House-Dollar in den Slip, stieß sodann einen triumphierenden Schrei aus, während er gleichzeitig die Arme in die Höhe riss. Dann fiel er rücklings auf seinen Platz zurück.
Ronny grinste, als er den Spruch auf dem T-Shirt las, der nun deutlich zu lesen war. Ich heirate! Die anderen sind nur zum Saufen hier. Er nahm einen Schluck Bier und blickte gedankenverloren auf die Flasche zwischen seinen Händen. Es war eine gute Zeit gewesen, die er hier verbracht hatte. Wenn auch nur kurz. Knapp vier Jahre lag das inzwischen zurück, dass Lexi ermordet worden und er selbst im Knast gelandet war. Von heute auf morgen war sein Traum von der ganz großen Kohle zerplatzt. Bis dahin war er immerhin vom Türsteher eines Nachtklubs in St. Georg zum Geschäftsführer eines florierenden Striplokals auf St. Pauli aufgestiegen. Waren es die Erinnerungen an diese Zeit, die ihn jetzt ständig wieder hierherzogen?
Er warf Elli einen grimmigen Blick zu, die ihm demonstrativ den Rücken zuwandte. So wie immer, wenn er hier war. Früher hätte sie sich das nicht erlaubt, die kleine Schlampe, und sie ließ keine Gelegenheit aus, ihm ihre Verachtung zu zeigen.
Ronny nahm einen kräftigen Schluck. Vielleicht sollte ich dir einfach mal deine arrogante Fresse so richtig polieren. Wütend leerte er die Flasche und knallte sie auf den Tresen.
»Zahlen.« Umständlich zog er ein Bündel Geldscheine aus der Hosentasche, während Elli zu ihm herüberschlenderte. Sie nahm seinen Bierdeckel und zählte die zahlreichen Striche und Kreise zusammen, die darauf notiert waren. Ein Strich für ein Bier, ein Kreis für einen Schnaps.
»Dreiundsechzig fünfzig.« Sie sah ihn mit erhobenen Augenbrauen an, während sie gelangweilt auf einem Kaugummi herumkaute.
Ronny warf ihr aus tranigen Augen einen skeptischen Blick zu.
»Wat is’?«, fragte sie spitz.
»Warst wohl in der Volkshochschule«, sagte er. »Früher hast du nicht so schnell rechnen können.«
»Kannst ja nachrechnen, wenn de mir nich’ traust.« Elli hielt ihm den Bierdeckel hin, doch Ronny winkte mit einer ungelenken Geste ab. Er zupfte einen Fünfziger und einen Zwanziger aus dem Geldbündel.
»Stimmt so«, sagte er und knallte die Scheine mit der flachen Hand auf den Tresen.
Unbeeindruckt nahm Elli die Geldscheine und die leere Flasche. Sie drehte sich wortlos um und ließ ihn stehen.
Ronny schickte ihr ein schiefes Grinsen hinterher, während er das Geldbündel wieder in die Hosentasche steckte. Wir sehen uns noch, meine Liebe. Verlass dich drauf. Er rutschte von seinem Hocker, stützte sich kurz an der Theke ab und verließ schwankend den Nachtklub.
Draußen vor der Tür blieb er einen Moment stehen. Die Große Freiheit platzte inzwischen aus allen Nähten. Regelrechte Menschenmassen schoben sich kreuz und quer im Licht der unzähligen Leuchtreklamen, die überall an den Gebäuden angebracht und über die Straße gespannt waren, an ihm vorbei. Nach mehr als zwei Jahren Pandemie lechzten die Leute förmlich danach, sich wieder ausgelassen von einem Vergnügen ins nächste zu stürzen.
Ronny reihte sich schwankend in den Strom ein, der in Richtung Reeperbahn zog. Es war so voll, dass sein schlingernder Gang kaum Auswirkungen auf sein Stehvermögen hatte. Eingekeilt zwischen vergnügungssüchtigen Kiezbesuchern ließ er sich einfach mittreiben.
Mit einem Mal traf ihn ein heftiger Stoß in den Rücken.
»Verdammte Scheiße.« Er fuhr fluchend herum, sah aber nur in fragende oder gleichgültige Gesichter derjenigen, die an ihm vorüberzogen.
Ronny Lunkowitz fasste sich an die Stelle, an der ihn der Schlag getroffen hatte. Er spürte nun trotz seines Alkoholpegels einen heftigen Schmerz. Er taumelte. Um ihn herum begann alles zu verschwimmen. Er stützte sich mit der Hand an der Hauswand zu seiner Rechten ab und schüttelte den Kopf, um wieder klar zu sehen. Doch stattdessen legte sich ein schwarzer Schleier über seine Augen. Seine Beine gaben nach. Instinktiv drehte er sich mit dem Rücken zur Wand, fiel gegen sie und rutschte langsam an ihr zu Boden.
Hastig wühlte sich Erik van der Kolk durch die Flut von gehefteten und losen Seiten, die kreuz und quer verstreut auf seinem Schreibtisch herumlagen. An irgendeiner Stelle unter den zahlreichen Papieren vibrierte sein Smartphone. Er hob einige herumliegende Umlaufmappen hoch und fand es schließlich unter den Fotos, die er sich vor fünf Minuten angesehen hatte.
Ein Blick auf das Display bestätigte seine Vermutung: Es gab Arbeit. Niemand außer der Rufbereitschaft der Mordkommission hätte ihn an einem Wochenende, kurz vor drei Uhr morgens, angerufen.
Mit einem leisen Seufzer nahm er das Gespräch an.
»Guten Morgen, Martin, was gibt’s denn?«
»Tut mir leid, dich wecken zu müssen, Erik, aber wir haben eine niedergestochene Person auf der Großen Freiheit«, sagte Kriminaloberkommissar Pohlmann am anderen Ende der Leitung.
»Schon gut, Martin. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn wir mal ohne Einsatz durch ein Wochenende gekommen wären.«
Die Rufbereitschaft der Mordkommission war in der dienstfreien Zeit und an den Wochenenden die erste Anlaufstelle für die Schutzpolizei und den Kriminaldauerdienst. Im wöchentlichen Wechsel teilten sich die sechs Mordbereitschaften des Landeskriminalamtes Hamburg diesen Dienst.
»Hatten wir das denn jemals?«, fragte Martin. »Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern.«
»War auch mehr eine rhetorische Frage«, sagte Erik. »Also, was wissen wir bisher?«
Dass sein Kollege ihn nicht geweckt hatte, erwähnte er nicht. Es hätte nur unnötige Rückfragen gegeben. Von seinem persönlichen Dämon, mit dem er seit über vier Jahren in dem zum Arbeitsraum umfunktionierten Schlafzimmer nahezu jede Nacht rang, wusste bisher nur Niki. Und daran wollte er auch jetzt nichts ändern.
»Kurz vor Mitternacht ist eine männliche Person auf der Großen Freiheit plötzlich zusammengebrochen. Offensichtlich wurde der Mann niedergestochen und dabei lebensgefährlich verletzt. Er ist bereits im UKE und wird dort notoperiert.«
»Und was wissen wir bisher? Gibt es schon einen Verdächtigen?«
»Nein. Laut der Zeugen, die noch vor Ort befragt wurden, ist der Mann aus heiterem Himmel zusammengebrochen. Ich habe Christine und Lutz rausgeschickt, damit sie mit den Kollegen des KDD vor Ort alles Notwendige einleiten. Die Kriminaltechniker sind ebenfalls auf dem Weg.«
»Du hast mich aber jetzt nicht angerufen, um mir das zu sagen, oder?« Erik ahnte, dass mehr hinter der Sache steckte. Martin war ein erfahrener Ermittler und seit Langem sein ständiger Vertreter in der Mordbereitschaft 5. Niemals würde er ihn mitten in der Nacht anrufen, um ihm lediglich mitzuteilen, dass alles nach Vorschrift verlief.
»Nein, es geht um das Opfer«, sagte Martin. »Ich denke, es interessiert dich, um wen es sich handelt.«
»Ach ja? Und wer ist es?«
»Ronny.«
»Ronny?«, fragte Erik und überlegte kurz. »Doch nicht etwa …«
»Ronny Lunkowitz, genau der.«
»Das ist wirklich interessant. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass der wieder draußen ist.«
»Sogar schon fast drei Jahre«, sagte Martin. »Aber tröste dich, ich musste auch erst einmal scharf nachdenken. Ende 2018 ist er wegen Beihilfe zum Menschenraub und Menschenhandel zu einem Jahr verknackt worden.«
»Richtig. Echt Wahnsinn, wie die Zeit vergeht.«
Ronny Lunkowitz hatte vor seiner Inhaftierung im Love House für Alexander Lütke, auf dem Kiez besser als Lexi bekannt, gearbeitet. Neben dem Nachtklub hatte es in den Obergeschossen Zimmer gegeben, die an Prostituierte vermietet worden waren, die Lexi selbst rekrutiert hatte. Darunter auch regelmäßig junge Mädchen, mit denen er jedoch etwas anderes im Schilde führte. Mit der Aussicht auf das große Geld hatte er sie zu sich ins Love House gelockt, dort betäubt und sie über den Seeweg außer Landes gebracht, wo zahlungskräftige Kunden warteten. Eine von ihnen war Annalena gewesen, die drogenabhängige Tochter eines Kollegen und Freundes. Im letzten Moment hatte van der Kolk sie damals zwar befreien können, dennoch war sie kurze Zeit später in einer Absteige in St. Georg nach einer Überdosis elendig an ihrem eigenen Erbrochenen erstickt. Und damit nicht genug. Am Tag von Annalenas Beerdigung hatte ein durchgeknallter Rechtsradikaler ihren Vater erschossen.
»Erik?« Die Stimme seines Kollegen riss van der Kolk aus seinen Gedanken.
»Ja?«
»Du hast an Annalena und Patrick gedacht, stimmt’s?«
Erik räusperte den Kloß in seinem Hals weg.
»Geht schon wieder.«
»Ging mir genauso. Erst verreckt die Tochter an diesen Scheißdrogen, und dann knallt auch noch so ’n rechter Vollpfosten …« Martin brach ab. »Tut mir leid, wenn ich alte Wunden wieder aufgerissen habe.«
»Schon gut, Martin. Ich denke auch so oft genug an die beiden. Aber es tut halt jedes Mal so verdammt weh.« Er atmete tief durch. »Wo ist Ronny denn genau niedergestochen worden?«
»Nicht weit von seiner früheren Wirkungsstätte entfernt.«
»Dem Love House? Er arbeitet doch wohl nicht wieder dort?«
»Das versuchen Christine und Lutz gerade herauszufinden«, sagte Martin.
»Okay, dann melde dich, sobald ihr Genaueres wisst. Oder es etwas Neues zu Ronnys Zustand gibt. Ich mache heute sicher sowieso kein Auge mehr zu.«
Sie verabschiedeten sich, und Erik legte das Smartphone zur Seite. Er rieb sich die Augen. Inzwischen war es halb vier. In knapp zwei Stunden würde die Sonne aufgehen. Er lehnte sich in seinem Bürosessel zurück und sah auf das Foto von Najuma, das an einer Pinnwand über dem Schreibtisch hing.
»Dann werde ich mich mal wieder um dich kümmern.« Er griff nach der Umlaufmappe, die protokollierte Zeugenaussagen zum Fall Betty enthielt. Sie gehörten, genau wie alles andere auf dem Tisch, zu einer Ermittlungsakte, die er sich auszugsweise kopiert hatte, bevor sie bei der Cold-Case-Einheit des LKA gelandet war.
Der Fall der ermordeten Prostituierten Najuma Haita hatte im Januar 2018 für große Aufmerksamkeit in der Hansestadt gesorgt, nachdem Jogger die zerstückelte und in Plastiksäcke verpackte Leiche rund um die Alster gefunden hatten. Mit den Ermittlungen hatte der Leiter der Mordkommission seinerzeit die Mordbereitschaft 5 beauftragt, auch aufgrund der Erfahrungen, die Erik van der Kolk aus seiner Zeit als Milieufahnder in St. Georg gesammelt hatte. Tatsächlich hatte er Najuma sogar dabei kennengelernt. Sie hatte Medizin studiert und ihr Studium und ihren Lebensunterhalt zunächst in seiner Stammkneipe, dem Goedeke Michel, verdient, bevor sie unter dem Namen Betty zu der in ihren Augen lukrativeren Sexarbeit gewechselt hatte. Im Dezember 2017 war sie zu einem vermeintlichen Freier ins Auto gestiegen und nicht wieder zurückgekehrt.
Van der Kolk hatte damals geschworen, dass er nicht eher ruhen würde, bis er Najumas Mörder gefunden hatte. Und so ermittelte er, seit der Fall Betty bei der Cold-Case-Einheit lag, inoffiziell und von zu Hause aus auf eigene Faust weiter.
Die Mappe, die er sich gegriffen hatte, enthielt drei protokollierte Zeugenaussagen von Prostituierten aus St. Georg. Er öffnete sie und schloss sie sofort wieder.
»Das hat doch alles keinen Sinn.« Genervt warf er die Mappe zurück auf den Schreibtisch, atmete tief ein und aus, dann faltete er die Hände hinter dem Kopf. Zigmal hatte er die Aussagen bereits gelesen, immer auf der Suche nach jenem winzigen Detail, das sein Team und er vielleicht übersehen hatten. Unabhängig voneinander hatten die drei Frauen ausgesagt, dass Najuma auffällig oft ziemlich genau gegen zwanzig Uhr in der Brennerstraße in das Fahrzeug eines mutmaßlichen Freiers eingestiegen und den Rest der Nacht nicht mehr gesehen worden war. Ein Sachverhalt, der an und für sich nicht ungewöhnlich war. Es kam nicht selten vor, dass Prostituierte die ganze Nacht bei gut zahlenden Stammkunden verbrachten. Ob es sich letztlich um verschiedene Freier gehandelt hatte oder jedes Mal um denselben, hatte sich nicht ermitteln lassen. Für Letzteres sprach lediglich eine vage Beschreibung, die sie bekommen hatten: Der Fahrer hatte ein Basecap getragen und es tief ins Gesicht gezogen. Erik van der Kolk blickte frustriert zur Decke seines im Halbdunkel liegenden Arbeitszimmers, in das nur die Schreibtischlampe etwas Licht warf. Auch dieser Hinweis hatte letztlich nie zu einer Spur geführt.
***
Am Ende hatte die Müdigkeit dann doch noch ihren Tribut gefordert. Im Fall Betty war er nicht weitergekommen, und Martin hatte nicht mehr angerufen. Daraufhin hatte sich Erik schließlich für ein kleines Nickerchen auf die Schlafcouch im Wohnzimmer zurückgezogen. Ein Schläfchen, das in diesem Moment durch das Klingeln seines Smartphones beendet wurde. Er hob den Kopf und blinzelte verschlafen zur Zeitanzeige des kugelförmigen Smartspeakers, der zu seinen Füßen an der gegenüberliegenden Wand auf der Fernsehbank stand. Zehn nach acht. Wenigstens hatte es für vier Stunden gereicht.
Er wälzte sich zum Couchtisch, rechts neben dem ausgezogenen Schlafsofa, und nahm das Smartphone herunter, während er sich mit der anderen Hand die Augen rieb. Das Display zeigte die Nummer der Rufbereitschaft an.
»Guten Morgen, Martin«, sagte er, nachdem er auf das Symbol mit dem grünen Telefonhörer getippt hatte. »Wie geht’s Ronny? Hat er die OP gut überstanden?«
»Moin, Erik. Ja, hat er. Über den Berg ist er aber noch nicht. Es besteht weiterhin Lebensgefahr. Aber deswegen rufe ich nicht an.«
»Sondern?«
»Wir haben einen Leichenfund.«
»Scheiße.« Erik setzte sich fluchend auf. Das ganze Wochenende war ruhig gewesen, und ausgerechnet heute, am letzten Tag der Bereitschaft, gab es nach dem Angriff auf Ronny auch noch eine Leiche.
»Viel kann ich dir nicht dazu sagen. Die Leiche muss erst noch vollständig ausgegraben werden. Bisher haben wir nur eine Hand. Der Hund eines Spaziergängers hat sie beim Herumschnüffeln entdeckt und ausgebuddelt.«
»Und wo?«
»Am Ufer der Außenalster.«
»Schon wieder die Alster. Warum immer wir?« Van der Kolk schüttelte den Kopf. Erst die zerstückelte Leiche von Najuma, dann 2018 drei Brandleichen und zuletzt der vereitelte Mordanschlag auf ranghohe Politiker.
»Wir waren in den letzten Jahren auch an genug anderen Orten, Erik.«
»Hast ja recht, Martin. Ich bin vielleicht etwas übersensibel, wenn es um Leichen an der Alster geht. Wo muss ich genau hin?« Erik war inzwischen aufgestanden, hatte das Smartphone umständlich zwischen Schulter und Wange geklemmt und stieg mit steifen Bewegungen in seine Jeans.
»Zur Schönen Aussicht, in Höhe der neuen Liegeplätze für Hausboote.«
»Kenn ich.« Erik schlüpfte in seine ausgetretenen blauen Sneaker. »Und dort wurde unbemerkt ein Mensch begraben?«, fragte er verwundert. »Dort herrscht doch nahezu ständig Hochbetrieb. Spaziergänger, Radfahrer, Jogger …«
»Dazu kann ich nichts sagen, das musst du dir schon selbst ansehen. Soll ich dir einen Wagen schicken?«
»Nein, lass mal. Mit dem Rad bin ich schneller.«
Erik verabschiedete sich von seinem Kollegen, legte das Smartphone zur Seite und eilte ins Bad.
Eine Katzenwäsche und knappe zehn Fahrradminuten später erreichte er die Liegeplätze der Hausboote. Eine Wand aus Schaulustigen, die sich auf der gesamten Breite des Weges und der angrenzenden Rasenflächen drängelten, hinderte ihn an der Weiterfahrt. Die Hälse gereckt oder aufgeregt miteinander tuschelnd standen sie dort und hielten immer wieder aufs Neue ihre Smartphones in die Höhe, um über die Köpfe der anderen hinweg Fotos zu schießen.
Erik stieg vom Rad und zückte seinen Dienstausweis.
»Die Polizei. Einmal durchwärts bitte.« Langsam schob er sein Mountainbike durch die Menschenmenge, die ihm nur widerwillig Platz machte. Vielen Gesichtern war eine gewisse Irritation anzusehen, während sie den Störenfried musterten, der sich zwar als Polizist auswies, jedoch eher einem Hafenarbeiter ähnelte: ausgebeulte Jeans, schwarzer Hoodie und eine ausgewaschene Dockermütze auf dem Kopf, unter der lange grau melierte Haare hervorlugten, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren.
Er erreichte die Absperrung aus rot-weißem Flatterband, die sich vom Alsterufer über den Geh- und Radweg, den angrenzenden Grünstreifen und die Straße bis zu den anliegenden Grundstücken erstreckte. In regelmäßigen Abständen sorgten Schutzpolizisten dafür, dass sich niemand unberechtigt Zutritt verschaffte. Einer von ihnen trat sofort auf ihn zu, warf einen kurzen Blick auf den Dienstausweis und wies mit der einen Hand auf einen Sichtschutzzaun, den die Kriminaltechniker um den Fundort der Leiche aufgestellt hatten. Mit der anderen hob er das Flatterband hoch.
»Dort drüben.«
»Danke«, sagte Erik, passierte mit eingezogenem Kopf die Absperrung und sah sich um, während er sein Fahrrad zu einer der Bänke schob, die den gesamten Uferweg in regelmäßigen Abständen säumten. Nach wie vor war es ihm unverständlich, dass jemand hier ungesehen einen Menschen vergraben hatte. Selbst von den oberen Etagen der Villen, die jenseits der Straße hinter dicht bewachsenen Vorgärten lagen, hatte man einen ungehinderten Blick auf diese Stelle.
Er lehnte sein Mountainbike an die letzte Bank vor dem Sichtschutzzaun und ging zu Kriminaloberkommissarin Christine Nader, die ihn dort in voller Schutzmontur erwartete.
»Moin, Erik. Martin hat dich bereits angekündigt«, sagte sie und reichte ihm eine Schutzausrüstung.
»Danke.« Er nahm ihr die Ausrüstung ab und warf einen kurzen Blick zu einem weißen Faltpavillon, der über einer Grube stand und unter dem Kriminaltechniker Spuren sicherten. »Was hast du inzwischen für mich?«
»Ich fange mal in St. Pauli an, bis du hier fertig bist«, sagte Christine. »Das geht auch ziemlich fix. Für den Überfall auf Lunkowitz gibt es keinerlei Zeugen, und die beiden Ersthelfer haben nur auf den am Boden liegenden Mann reagiert.«
»Und im Love House?«, fragte Erik, während er in den Schutzanzug schlüpfte.
»Lunkowitz hat das Love House um ungefähr zweiundzwanzig Uhr betreten und kurz nach Mitternacht wieder verlassen. In der Zeit hat er laut Aussage der Bedienung ordentlich was getankt. Mehr aber auch nicht. Es gab weder einen Streit mit anderen Gästen noch sonst etwas Auffälliges.«
»Danke, Christine. Und hier?« Erik nickte in Richtung des Faltpavillons und zog sich Füßlinge über die Schuhe. »Als ich vorhin mit Martin telefoniert habe, war erst eine Hand ausgegraben. Wie es aussieht, sind die Kollegen inzwischen schon weiter.«
Christine nickte.
