Endstation Sylt - Bodo Manstein - E-Book

Endstation Sylt E-Book

Bodo Manstein

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Beschreibung

Jugendzeit, Ausbildung, die erste Liebe, der Autor Bodo Manstein beschreibt als "Stephan" in diesem autobiografischen Roman einen wesentlichen Abschnitt seines Lebens. Auch seine Rauchgewohnheiten ziehen sich wie ein roter Faden durch diesen Lebensabschnitt, eine Sucht, die er immer wieder bekämpft und loszuwerden versucht. Der eine oder andere Leser wird sich während des Lesens vielleicht auch selbst wiedererkennen und sich an seine eigene Vergangenheit erinnern.

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Prolog
Die Verführung
Der Karrierebeginn
Die erste letzte Zigarette
Einmal ist keinmal
Macht der Gewohnheit
Sport ist Mord
Ein neuer Lebensabschnitt
Wochenendbeziehung
Seefahrt
Die 2. letzte Zigarette
Die 3. letzte Zigarette
Herzschmerz
Single
Die Wende
Wieder zu Hause
Ein ganz normales Leben
Die 4. letzte Zigarette
Die 5. letzte Zigarette
Familienzuwachs
Auf Ötzis Spuren
Gesichter Sylts
Dicke und dünne Lebensfäden
Null Promille
Die Befreiung
Epilog

Endstation

Sylt

Für

Stephanie

Bodo Manstein

Endstation

Sylt

Roman

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum

Copyright: © 2018 Bodo Manstein (2. Auflage)

Bodo Manstein

24211 Preetz

www.bodomanstein.de

Lektorat: Michaela Retetzki

Umschlagfoto: Photography by Daniel Manstein

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

ISBN-13: 978-3-7375-0997-8

Alle Rechte vorbehalten.

Der Weg

Prolog

1976 Die Verführung

1977 Der Karrierebeginn

1978 Die erste letzte Zigarette

1979 Einmal ist keinmal

1980 Macht der Gewohnheit

1981 Sport ist Mord

1982 Ein neuer Lebensabschnitt

1983 Wochenendbeziehung

1984 Seefahrt

1985 Die zweite letzte Zigarette

1986 Die dritte letzte Zigarette

1987 Herzschmerz

1988 Single

1989 Die Wende

1990 Wieder zu Hause

1991 Ein ganz normales Leben

1992 Die vierte letzte Zigarette

1993 Die fünfte letzte Zigarette

1994 Familienzuwachs

1995 Auf Ötzis Spuren

1996 Gesichter Sylts

1997 Dicke und dünne Lebensfäden

1998 Null Promille

1999 Die Befreiung

Epilog

Prolog

1970 Paul McCartney verkündet die Trennung der Beatles, während Mungo Jerry sein Debüt gleich mit einem ewigen Sommerhit startet. In the summertime.

Apollo 13 meldet aus dem Weltraum 'Houston, wir haben ein Problem!' und sorgt damit ein Vierteljahrhundert später für volle Kinokassen.

In Warschau fällt Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Denkmal der Helden des Ghettos auf die Knie und setzt mit dieser Geste ein Zeichen für eine neue Ostpolitik.

Noch vor Ende der Saison verliert die Formel 1 ihren diesjährigen Weltmeister, als Jochen Rindt in Monza tödlich verunglückt.

Mit Jimi Hendrix und Janis Joplin folgen zwei Woodstock-Legenden ebenfalls der Stairway to heaven. Nun ist Brian Jones nicht mehr alleine im Klub 27.

* * *

Weit weg von alledem, in einer kleinen Ortschaft im Bergischen Land, lebte der achtjährige Stephan zusammen mit seinen Eltern und seinem ein Jahr jüngeren Bruder Oscar. In einem überschaubaren Mikrokosmos, bestehend aus fünf Häusern, ungefähr noch einmal so vielen Scheunen sowie Felder, Wiesen und Wälder, verbrachte Stephan eine unbeschwerte Kindheit. Wie alle Kinder in seinem Alter spielte er mit Vorliebe Verstecken, Cowboy-und-Indianer und Fußball. Da seine Schulfreunde jedoch weit verstreut in den umliegenden Nachbardörfern wohnten, waren sie nur schwer zu erreichen. Also verbrachte er den größten Teil seiner Zeit mit den älteren Nachbarskindern. Stephan half ihnen auf den Höfen der Eltern bei der Erledigung ihrer täglichen Pflichten. Sie trieben die Kühe auf die Wiesen, ernteten Kartoffeln und fütterten das Vieh. Dies tat er nicht nur, um mehr Zeit zum Spielen zu gewinnen, sondern weil viele der Arbeiten deutlich aufregender und kurzweiliger waren als das beste Versteckspiel. Und so ließ sich Stephan auch nicht zweimal bitten, wenn zum Beispiel Ernst vom Schulte-Hof mit dem Trecker aufs Feld hinaus musste. Stephan wusste ganz genau, dass er auch einmal den großen Trecker fahren durfte, sobald sie außer Sichtweite des Bauern waren.

Nach getaner Arbeit stiegen sie regelmäßig auf die Heuböden der Scheunen, wo sie zu den Dachbalken hinaufkletterten. Von dort schwangen sie an einem Seil wie Tarzan von einem Balken zum anderen und ließen sich anschließend in das weiche Heu fallen.

Stephans Bruder Oscar hatte für derartige Vergnügungen nicht viel übrig. Schon sehr früh in seinem Leben hatte er sich kompromisslos der Bequemlichkeit und dem Stubenhockerdasein verschrieben. Aus diesem Grund eignete er sich auch nur sehr bedingt zum Spielkameraden. Wenn Stephan genauer darüber nachdachte, war Oscar eigentlich nur die absolut letzte Alternative bei Schlechtwetter und gleichzeitigem Ausfall aller anderen Spieloptionen.

Stephans Vater war als Innenarchitekt einer Ladenbaufirma viel unterwegs. Die kurze Zeit am Abend und an den Wochenenden saß er zudem für gewöhnlich bis spät in die Nacht in seinem Arbeitszimmer. Dort zeichnete er an Grundrissen und Entwürfen für die Einrichtungen von Drogerien, Bäckereien oder Einzelhandelsgeschäften. Wie so viele andere Väter strebte auch er nach den eigenen vier Wänden, die allerdings erst einmal finanziert werden mussten.

Auch Stephans Mutter hatte Innenarchitektur studiert, war aber jetzt 'nur' noch Hausfrau. Tagaus und tagein saß sie mit zwei kleinen Kindern an diesem ja so idyllischen Ort. Hier, wo sich nicht einmal Hase und Igel Gute Nacht sagten, war der wöchentliche Besuch des fahrenden Lebensmittelhändlers die einzige Abwechslung. Früher, als sie noch in Leverkusen gewohnt hatten, war sie wenigstens auch mal unter Leute gekommen oder hatte einfach einen Schaufensterbummel machen können. Aber hier ...

Die einzige Möglichkeit, die Verbindung zur Außenwelt einigermaßen aufrechtzuerhalten, war das Telefon. Stephans Eltern besaßen eines im modischen Orange der 70er Jahre. Es stand in der sogenannten Telefonecke, die sich aufgrund der Kürze des Telefonkabels in der Regel in unmittelbarer Nähe der Telefondose befand. Diese fand sich wiederum dort, wo die Post sie angebracht hatte und das war meistens nicht die Stelle, an der man das Telefon gerne stehen gehabt hätte.

Mangels einer preisregulierenden Konkurrenz ließ sich die Post ihre Leistungen gut bezahlen. Aus diesem Grund beschränkten sich Telefonate auf das absolut notwendige Mindestmaß, das galt natürlich ganz besonders für Stephan und Oscar. Damit die beiden der Post nicht zu unerklärlichem Reichtum verhelfen konnten, war das Telefon mit einem kleinen Schloss gesichert, das so in dem zweiten und dritten Loch der Wählscheibe angebracht war, dass sich nur die 112 wählen ließ.

Die große Welt erreichte das kleine Dörfchen nur abends, wenn nach dem Abendbrot die Tagesschau vom Krieg in Vietnam und den Anschlägen der RAF berichtete.

Im Nachbarhaus, keine zwanzig Meter entfernt, wohnten zwei ältere Schwestern, die einen kleinen Hühnerhof bewirtschafteten. Der Hinterhof von Maria und Marthas Haus fand immer dann Stephans besonderes Interesse, wenn dort geschlachtet wurde.

Sorgfältig klaubte er sich dann aus den Schlachtabfällen die Hühnerfüße heraus, bei denen die Beugesehne noch aus dem Stumpf hing. Fehlte die Sehne, war der Fuß für seine Zwecke ungeeignet. Zog man nämlich an ihr, schlossen sich die Hühnerkrallen. Löste man den Zug wieder, entspannte sich auch der Fuß.

Mit diesen kleinen Gruselhändchen ausgestattet, wurden Stephan und seine Schulfreunde am nächsten Tag im wahrsten Sinne des Wortes zum Brüller bei den Mädchen der Grundschule in Thier. – Leider auch anschließend bei den Lehrern und zu Hause bei ihren Eltern.

Bei schlechtem Wetter stellte Stephan meistens den Familienplattenspieler auf, um der Langeweile zu entgehen. Dieser rangierte sogar noch vor Oscar, der wirklich die allerletzte Alternative blieb.

Dicht hockend vor dem Lautsprecher, der gleichzeitig auch der Deckel des transportablen Plattenspielers war, lauschte er besonders gerne dem Soundtrack des Musicals Hair. Doch auch die Abenteuer von Klaus Störtebeker und Lederstrumpf kamen nicht zu kurz.

Im Laufe der Zeit nahm dann das Programmangebot im Fernsehen mehr und mehr Gestalt an und bot, trotz der überschaubaren drei Programmplätze, eine ganz neue und andere Form der Freizeitgestaltung. Obwohl das Zeitfenster, das für Kindersendungen vorgesehen war, im Gegensatz zu heute noch erheblich kleiner war, tat das dem Erfolg dieser sogenannten Kinderstunde keinen Abbruch. Fernsehserien wie Die Leute von der Shilo-Ranch, Pan-Tau, Flipper oder Lassie entwickelten sich rasend schnell zu Blockbustern im Kinder- und Jugendbereich der damaligen Fernsehkultur.

Geraucht wurde zu jener Zeit alles und überall. Die Flower-Power-Ära wäre ohne Zigaretten genauso undenkbar gewesen wie verrauchte Hafenkneipen in Edgar-Wallace-Filmen oder debattierende Journalisten in Werner Höfers Internationaler Frühschoppen. Die Deutsche Bundesbahn verfügte noch über eine stattliche Zahl an Raucherabteilen und auch in Reisebussen befand sich an jedem Sitzplatz ein Aschenbecher. War man mit dem Flugzeug unterwegs, erfolgte bei Start und Landung der Hinweis: »Bitte schnallen Sie sich an und stellen Sie das Rauchen ein!«

In den miefigen Amtsstuben deutscher Behörden standen Gummibäume in einem durch Nikotin vergilbten Ambiente, in das sich der Beamte im mausgrauen Anzug nahtlos einfügte. Wo heute Helmut Schmidt für Aufsehen sorgt, war früher die qualmende Zigarette, Zigarre oder Pfeife in der Hand eines gewählten Volksvertreters ein normales und vertrautes Bild.

Rauchwaren waren derart omnipräsent, dass man besser beraten war, gleich zu Fuß zu gehen, bevor man versuchte, ein Nichtrauchertaxi zu bekommen.

Trotz allem lebten Raucher und Nichtraucher in einem scheinbar friedlichen und harmonischen Miteinander.

Auch in Stephans Familie wurde geraucht. Zwar hatte sein Vater das Rauchen bereits vor vielen Jahren aufgegeben, doch seine Mutter blieb ihrer HB treu. Stephan konnte damit gut leben, war sie doch die Ruhe in Person, was zweifellos daran lag, dass sie eben HB rauchte. Schließlich bewies das in die Luft gehende HB-Männchen doch täglich in der Fernsehwerbung, was passieren konnte, wenn man nicht zu genau dieser Marke griff.

Zu dem Haus, das Stephans Eltern gemietet hatten, gehörte auch eine Scheune, auf deren Heuboden ihr Vermieter einen Teil seiner Strohballen lagerte. Hier bauten sich Stephan und seine Freunde kleine Verstecke und Forts für ihr Cowboy-und-Indianer-Spiel.

Nur ganz selten verirrte sich mal ein Erwachsener dorthin, sodass die Scheune einen idealen und sicheren Rückzugsort für die Kinder darstellte. Aus diesem Grund war es auch nicht weiter verwunderlich, dass Stephan genau hier das erste Mal eine Zigarette rauchte.

Eigentlich war dieser sonnige Oktobernachmittag ein Tag wie jeder andere, wenn Stephan nur nicht unter einer extremen Form von Langeweile gelitten hätte. Er wusste so gut wie gar nichts mit sich anzufangen. Alle Freunde waren anderweitig gebunden und selbst sein Notnagel Oscar war nicht aus seinem Mittagsschlaf erweckbar.

So schlenderte Stephan auf der Suche nach Beschäftigung durch das ansonsten leere Haus. Sein Vater war, wie so oft, bei der Arbeit und seine Mutter hatte sich mit der Ankündigung: »Ich gehe nur mal eben kurz zu Maria und Martha!« in Richtung der beiden Nachbarinnen begeben. 'Nur 'mal eben' hieß bei diesen Besuchen in der Regel, dass innerhalb der nächsten zwei Stunden nicht mit ihrer Rückkehr zu rechnen war.

Stephans Weg führte ihn in die Küche. Vielleicht fiel ihm ja bei einem Glas Limonade noch etwas ein, womit er sich die Zeit vertreiben könnte. Noch bevor er den Kühlschrank erreichte, fiel sein Blick tatsächlich auf etwas, das sofort sein Interesse weckte: eine Schachtel Zigaretten. Seine Mutter musste sie hier vergessen haben, denn normalerweise ging sie nie ohne Zigaretten aus dem Haus.

Stephan betrachtete seinen Fund. Etwas Verbotenes zu tun, war genau der Reiz, nach dem er gesucht hatte. Vorsichtig und dabei auf der Hut, nicht überrascht zu werden, öffnete er die Schachtel. Ein angenehmer Geruch frischen Tabaks stieg ihm in die Nase und auf einmal nahm das Bild von dem, was er gegen seine Langeweile unternehmen konnte, Konturen an.

In der Schachtel fehlten bereits einige Zigaretten, aber waren es immer noch genug, um das Fehlen einer weiteren unbemerkt zu lassen? Stephan nahm eine Zigarette heraus, steckte sie wieder in die Schachtel, holte sie erneut vor und verglich das Ergebnis. – Perfekt! Niemals würde seine Mutter das Fehlen einer Zigarette bemerken.

Zufrieden und voller Vorfreude steckte er die Zigarette vorsichtig in seinen rechten Strumpf. Wie er fand, war dies nicht nur ein ideales, sondern auch ein todsicheres Transportversteck.

Stephan verließ das Haus und schlich zur benachbarten Scheune, dem ehemaligen Schweinestall. Hier befand sich hinter einem losen Stein sein Geheimfach, in dem er seine kleinen Schätze vor Oscars Zugriff verbarg. Zu den Kostbarkeiten gehörten ein paar mühsam zusammenstibitzte Streichhölzer, die er jetzt für sein Vorhaben benötigte.

Noch einmal warf er einen kurzen Blick aus dem verstaubten Stallfenster, doch weit und breit war niemand zu sehen. Sichtlich beruhigt führte er nun, als ob er einem alten Ritual folgen würde, die Zigarette einer Friedenspfeife gleich zu seinem Mund. Sorgsam strich er ein Zündholz an und hielt die Flamme an die Zigarettenspitze. Anschließend machte er genau das, was er schon so oft bei seiner Mutter beobachtet hatte: Er nahm einen kräftigen Zug.

Im gleichen Moment weiteten sich seine Augen und es schien ihm, als ob sein Innerstes zu explodieren drohte! Beißender Rauch war in seine Lungen geströmt und entlud sich nun in einer wilden Hustenattacke.

Oh, Mann!, dachte er. Bei Mutti sieht das aber immer anders aus!

Stephan holte tief Luft und merkte, wie der Hustenreiz langsam nachließ. Er hielt die Zigarette hoch und betrachtete sie prüfend, diesmal jedoch mit einer gehörigen Portion Respekt.

Soll ich einen zweiten Versuch wagen?, fragte er sich. Vielleicht habe ich ja nur zu stark gezogen.

Im Grunde sprachen seine vom Husten noch immer schmerzenden Lungen eine eindeutige Sprache, doch letztlich überwog die Neugier. Er spitzte erneut die Lippen und zog diesmal deutlich vorsichtiger an der Zigarette. Um ganz sicher zu gehen, ließ er den Rauch nicht in seine Lungen, sondern behielt ihn im Mund.

Stephan ähnelte ein wenig einem Frosch, wie er dort hinter der Stallwand hockte und mit aufgeblähten Wangen versuchte, den beißenden Qualm nicht in seine Lungen gelangen zu lassen. Zu seiner Freude passierte nichts, außer dass sich nach einigen Sekunden ein Atemreiz bemerkbar machte und sein Körper nach Sauerstoff verlangte. Hastig blies er den Rauch durch die immer noch gespitzten Lippen aus. Gerade noch rechtzeitig, bevor er wieder tief Luft holen musste.

»Na, das ging ja schon sehr viel besser«, sagte er leise zu sich selbst und fühlte sich auf einmal wie ein ganz Großer. Dadurch ermutigt nahm er sogleich den nächsten Zug. Leider nicht mit der gebotenen Vorsicht, wie er voller Schrecken bemerkte, als erneut Rauch in seine Lungen gelangte. Doch da war es schon zu spät. Ein noch heftigerer Hustenanfall als beim ersten Mal schüttelte seinen Körper.

Sichtlich ernüchtert warf er die Zigarette enttäuscht auf den Boden und trat sie aus. Nun bemerkte er auch noch so ein flaues Gefühl in der Magengegend. Irgendwie musste er jetzt ganz schnell zur Toilette. Hastig ließ Stephan die Spuren seines Misserfolgs in einem hohen Brennnesselgebüsch hinter der Scheune verschwinden und stürmte ins Haus.

Was findet Mutti nur an diesem Zeug?, fragte er sich, als er tief nach vorne gebeugt auf der Toilette saß. Er fühlte sich jedenfalls alles andere als gut und entspannt.

»Nie wieder«, sagte er leise, aber bestimmt und ahnte jedoch nicht, dass dies nicht der letzte gute Vorsatz zu diesem Thema bleiben würde.

Die Verführung

1976 Das Discofieber beherrscht die Charts. Penny McLean lässt mit ihrem Hit Lady Bump die Hüften beben und erzeugt so manchen blauen Fleck.

Elton John und Kiki Dee wünschen sich Don't go breaking my heart und Jonny Wakelin widmet einem legendären Boxkampf seinen Song In Zaire.

Einen Ohrwurm der besonderen Art kreiert derweil Jürgen Drews, indem er sich und einer unbekannten Schönen ein Bett im Kornfeld baut. Mit diesem Lied avanciert er viele Jahre später zum König von Mallorca.

Mamma Mia! ABBA landen einen Hit nach dem anderen und performen ihre Dancing Queen erstmals anlässlich einer Märchenhochzeit: Eine deutsche Hostess der Olympischen Sommerspiele von 1972, die 28-jährige Silvia Sommerlath, wird Frau des schwedischen Königs Carl XVI. Gustav. – Wir sind Königin!

Montreal ist in diesem Jahr Austragungsort der Olympischen Spiele. Doch die Erinnerung an die schwarzen Tage von München '72 wiegt noch schwer in den Herzen der Welt.

Nach der gewonnenen Fußballweltmeisterschaft von 1974 denkt sich Uli Hoeneß: Was genug ist, ist genug. Er semmelt einen Elfmeter über das tschechische Tor und schießt damit Deutschland zum Vizeeuropameister.

In der Formel 1 entkommt Niki Lauda auf dem Nürburgring nur knapp und mit schwersten Verbrennungen der Hölle seines brennenden Boliden.

Nicht Lauda, aber Laura. Laura Ingalls ist es nämlich, die mit fliegenden Zöpfen, dem Ruf der Schulglocke folgend, von der kleinen Farm ihrer Eltern nach Walnut Grove läuft. Im Fernsehen zieht sie damit Groß und Klein in ihren Bann.

* * *

Stephans Familie hatte inzwischen die kleine ländliche Einöde verlassen und wohnte seit Kurzem einige Kilometer entfernt in einer großen Gemeinde mit Kirchen, Schulen, Gastwirtschaften und Geschäften. Stephans Vater hatte es endlich geschafft und sich den Traum vom Eigenheim verwirklichen können.

In Lindlar fand Stephan nun nicht nur endlich Ruhe in seinem eigenen Zimmer, sondern auch schnell neue Freunde. Die Nachbarschaft wimmelte nur so von fußballbegeisterten Kindern. Und während sich Oscar zu Hause dem Sammeln und Lesen von Comics widmete, zog es Stephan nach draußen.

Ganz in der Nähe, etwas abgelegen in einem Wald, befand sich die Lindlarer Jugendherberge, zu der auch ein geteerter Bolzplatz mit zwei Toren gehörte. Hier trafen sich die Kinder, um Fußball zu spielen.

In den Sommerferien ging es wie jedes Jahr auch diesmal wieder nach Baltrum. Dort, auf der kleinsten ostfriesischen Insel, besaß Stephans Oma ein Haus, in dem sie mit ihrem 96-jährigem Vater den Sommer verbrachte.

Trotz seines hohen Alters war Uropa noch gut unterwegs. Täglich unternahm er seinen gewohnten Abendspaziergang. Leicht nach vorn gebeugt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schlurfte er mit kurzen Schritten voran, während er gleichzeitig eine dicke Zigarre paffte. Irgendwie erinnerte er Stephan dabei an eine kleine Dampflokomotive. In ein paar Jahren würde er seinen Uropa als Beweis anführen, wenn es darum ging, die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens zu relativieren. Merkwürdigerweise fand sich in jeder Familie, in der geraucht wurde, so ein Beispiel dafür, dass man trotz Rauchens steinalt werden konnte.

Doch noch war Uropa für die beiden Jungs lediglich Zeitzeuge und wandelnde Geschichte in einem. Wenn er damit begann, aus seinem Leben zu erzählen, herrschte regelmäßig gespannte Stille.

Bereits mit sechsunddreißig Jahren diente er im Ersten Weltkrieg bei der Kavallerie. Für Stephan war das fast schon ein biblisches Alter, immerhin war ihr Vater auch so alt.

Die Kavallerie kannte Stephan nur aus den Western im Fernsehen: Gerade noch rechtzeitig, wenn man es vor Spannung kaum noch aushalten konnte und grundsätzlich in letzter Minute, ertönte das erlösende Trompetensignal. Die Blauröcke kamen angaloppiert, die Indianer gaben Fersengeld und die eingekreisten Siedler verschossen jubelnd ihre letzte Munition. Zu Hause verwahrte Stephan noch viele kleine Plastikfiguren in seiner Spielkiste, mit denen er früher diese dramatischen Szenen nachgespielt hatte.

Uropa war aufrecht aus dem Ersten Weltkrieg geritten und überlebte sowohl den letzten deutschen Kaiser als auch die erste deutsche Republik.

Bereits im Rentenalter erlebte er, wie sich ein offensichtlich wahnsinniger Österreicher mit seiner angetrauten Eva in Berlin in Rauch auflöste und die Welt endlich wieder aufatmen konnte. Zu dieser Zeit blickte Uropa auf ein Leben zurück, das von epochalen Entwicklungen nur so wimmelte: Licht war jetzt elektrisch, Häuser besaßen fließendes Wasser, Pferdefuhrwerke waren nach und nach durch Autos ersetzt worden und der Traum vom Fliegen hatte sich erfüllt. Tagesaktuell gab es nun Nachrichten aus einem eckigen Kasten, der Radio hieß und in der Medizin wurden mit der Entdeckung von Röntgenstrahlen und Antibiotika Meilensteine gesetzt.

Dem Radio folgte das Fernsehen und in dem konnte Uropa dann sogar live noch gleich das nächste Jahrhundertereignis mitverfolgen: Der erste Mensch betrat den Mond!

Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!

Die Menschheit in Deutschland kämpfte zwischenzeitlich mit einem Hitzesommer, der erst siebenundzwanzig Jahre später getoppt werden sollte. Für die vier Urlauber aus Lindlar hätte es nicht besser kommen können und so genoss man die Zeit am heißen Nordseestrand. Sogar Oscar hatte für diese Zeit sein Stubenhockerdasein unterbrochen und suchte ebenfalls die erfrischenden Abkühlungen im Meer.

Nach drei Wochen hatte aber auch dieser Traumurlaub ein Ende. Und auch wenn für Stephans Eltern der Urlaub nun vorüber war, hatte er noch einen großen Teil der Ferien vor sich. Kaum zu Hause angekommen gab es für ihn dann auch kein Halten mehr. Noch bevor seine Eltern den ersten Koffer ausgepackt hatten und Oscar in seinem Zimmer verschwunden war, hatte Stephan sich bereits auf dem Weg zu seinem besten Freund Bernd gemacht. Er musste unbedingt wissen, was sich während seiner dreiwöchigen Abwesenheit in Lindlar ereignet hatte.

Stephan rannte den Berg hinab, und als er in die Straße einbog, in der sein Freund wohnte, sah er Bernd, als dieser gerade das Haus verließ.

»Hallo, Bernd!«, rief Stephan.

»Hey, ihr seid ja wieder da!«, sagte Bernd und sah ihn freudestrahlend an. »Das passt ja prima.«

Er klopfte auf den Schlafsack unter seinem Arm. »Michael und ich wollen die nächsten Tage zelten.«

Bernd wies in Richtung der Wiese auf der anderen Straßenseite, wo bereits ein großes gelbes Viermannzelt fertig aufgebaut stand.

»Willst du nicht mitmachen?«

»Natürlich, wenn ihr noch Platz habt!«

»Hallo! – Ist das vielleicht ein Viermannzelt?!«

»Okay, ich bin dabei«, sagte Stephan mit einem breiten Grinsen. Genau so konnten die Ferien weitergehen.

»Michael und Bernd wollen zelten«, rief Stephan, noch bevor er ganz durch die Haustür war. »Darf ich auch?«

Restlos außer Atem stand er vor seiner Mutter und sah sie mit dem treuen Hundeblick eines fast vierzehnjährigen Teenagers an.

»Aber Kind, wir sind doch gerade erst zurückgekommen! Meinst du nicht ...«

»Ach bitte, Mutti! Es ist doch so schönes Wetter und wir haben schließlich noch Ferien.«

Stephans Mutter lächelte milde.

»Also gut«, sagte sie. »Meinetwegen. Aber macht keinen Unsinn!«

Den letzten Satz hörte Stephan schon nicht mehr. Längst war er, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinaufgesprungen und in seinem Zimmer verschwunden. Dort packte er eilig ein paar Sachen zusammen und stopfte sie in seine Sporttasche. Er fegte die Treppe hinunter, warf seiner Mutter im Vorbeigehen noch ein kurzes »Tschüss, Mutti!« zu, bevor die Haustür auch schon hinter ihm zuschlug.

Gut, dass das Zelt schon steht, dachte er auf dem Weg zu Bernd. Ein Viermannzelt hatte zur damaligen Zeit wirklich enorme Ausmaße und war mit Innen- und Außenzelt alles andere als schnell und leicht aufzustellen. Dazu benötigte man neben einer gewissen Erfahrung auch eine Vielzahl von helfenden Händen. Ansonsten konnte es leicht passieren, dass der Aufbau eines so großen Zeltes zu einer ebenso großen Herausforderung wurde. Hiervon legte auch das HB-Männchen im Fernsehen regelmäßig Zeugnis ab.

In ihrem kleinen Ferienlager hatten sich die drei schnell eingerichtet. Jetzt hockten sie gemütlich im Eingangsbereich des Zeltes, in dem sich der angenehm warme Abendwind fing. Sie bequatschten gerade aufgeregt ihre bisherigen Ferienerlebnisse, als Bernd ganz beiläufig, als sei es das Normalste von der Welt, einen Tabakbeutel aus der Hosentasche zog.

Stephan war platt. – Seit wann rauchte Bernd?

»Möchtest du auch?«, fragte dieser und hielt ihm den geöffneten Beutel entgegen.

Bei Stephan klingelten plötzlich alle Alarmglocken.

»Lass das bloß sein!«, rief eine innere Stimme aus irgendeiner Ecke seines Unterbewusstseins, wo offenbar noch seine ersten Raucherfahrungen gespeichert waren.

»Nein, danke, lieber nicht!«, sagte er und schob den Tabaksbeutel mit einer abwehrenden Geste zurück.

»Du traust dich wohl nicht?«

Michael sah ihn mit einem breiten Grinsen an, während er mit einer wichtigen Geste die Zigarette nahm, die Bernd ihm hinhielt.

»Natürlich traue ich mich«, sagte Stephan. »Schließlich habe ich schon mal geraucht!«

Mit festem Blick sah er dabei Michael in die Augen und war insgeheim froh, dass Zelte keine Balken hatten.

Bernd drehte bereits die nächste Zigarette und Stephan staunte, wie behände er aus einem Stück Papier und etwas Tabak eine Zigarette rollen konnte. Das Blättchen zwischen dem linken Daumen, Zeige- und Mittelfinger haltend, portionierte er mit der anderen Hand den Tabak im Beutel, bevor er ihn auf das Blättchen legte. Dort verteilte er ihn gleichmäßig mit den Zeigefingern und rollte anschließend das Blättchen ein paar Mal hin und her. Zum Schluss fuhr Bernds Zunge über den gummierten Streifen, dann rollte er die Zigarette zu Ende und schob sie sich lässig in den Mundwinkel.

Was war nur in den drei Wochen, in denen er auf Baltrum war, alles passiert? Vor seiner Abfahrt war Rauchen jedenfalls kein Thema für sie gewesen und jetzt beherrschte sein Freund das Zigarettendrehen, als ob er noch nie etwas anderes gemacht hätte.

»Na, was ist nun?«, fragte Michael, während er seine Zigarette anzündete. »Ich denke, du hast schon mal geraucht?«

»Natürlich«, sagte Stephan und fügte mit dem Brustton der Überzeugung an: »Ich dreh' mir meine aber selber.«

»Na dann, hier«, sagte Bernd und hielt Stephan seinen Tabaksbeutel hin. Zögernd nahm er den Beutel und blickte nun doch leicht verunsichert in die Runde, schließlich hatte er ja noch nie eine Zigarette gedreht. Doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Stephan zupfte ein Blättchen aus der Packung, portionierte den Tabak, wie er es eben bei Bernd gesehen hatte, und verteilte den Tabak auf dem Blättchen.

Klappt doch prima, dachte er und rollte die Zigarette zwischen den Fingern. Dabei schielte er gelegentlich zu Michael und stellte mit Genugtuung fest, dass dieser ihn staunend beobachtete. Voller Zuversicht begab sich Stephan nun daran, das Blättchen einzurollen, doch so sehr er sich auch bemühte, es wollte einfach nicht klappen. Schließlich passierte das Unvermeidliche: Das Blättchen zerriss in der Mitte.

Bernd lachte, und Michael lachte auch.

Warum lacht eigentlich Michael?, dachte Stephan ärgerlich. Der hat doch seine Zigarette auch nicht selbst gedreht. Bestimmt konnte er das auch gar nicht.

»Ist mir auch am Anfang passiert«, sagte Bernd und klopfte ihm ermutigend auf die Schulter. »Probier es noch mal!«

Stephan nickte unsicher. Doch ein Blick zu Michael, der ihn von oben herab angrinste, weckte all seinen Ehrgeiz. Und mit leichten Hilfestellungen von Bernd schaffte er es tatsächlich, seine erste Zigarette zu drehen. Stolz betrachtete er sie von allen Seiten und war mit dem Ergebnis durchaus zufrieden.

»Jetzt musst du sie aber auch rauchen!«, rief Michael sofort.

Stephan zögerte. Wieder war da die mahnende Stimme in seinem Kopf.

»Los!«, rief Michael und hielt ihm Bernds Feuerzeug hin. »Oder hast du Angst, in die Hose zu machen?«

Stephan schluckte. Natürlich hatte er Angst. Plötzlich erinnerte er sich wieder, wie er damals auf der Toilette dem Rauchen abgeschworen hatte.

»Blödsinn« war allerdings dann das, was über seine Lippen kam. Irgendwie musste er das jetzt überstehen und Michael beweisen, dass er nicht gelogen hatte. Und so beugte sich Stephan der Verführung. Langsam hob er das Feuerzeug und zündete sich die Zigarette an. Tunlichst darauf bedacht, ja keinen Rauch in seine Lungen kommen zu lassen, paffte er die ersten Züge schnell hintereinander weg. - Lebenserfahrung zahlt sich eben aus.

»Was ist das denn?«, fragte Michael und sah ihn ungläubig an. »Du rauchst ja wie ein Mädchen! Du musst auf Lunge! So, hier!« Er nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch anschließend demonstrativ langsam wieder aus.

Wie ein Mädchen?, dachte Stephan. Lauf doch mal eben zu meiner Mutter, die zeigt dir dann, wie ein Mädchen raucht. Er blickte Hilfe suchend zu Bernd, doch von dort erhielt er keine Unterstützung. Ganz im Gegenteil, wie eben sein Cousin, nahm auch Bernd jetzt einen tiefen Lungenzug, hielt die Luft an, ganz ohne Froschbacken zu machen, und blies sie anschließend mit einem genüsslichen Seufzer aus.

Bernd war ein Jahr älter als Stephan und kam nach den Ferien schon in die Untertertia. Das verlieh ihm genau die Art natürlicher Autorität, der Stephan in diesem Moment hilflos ausgeliefert war, wollte er nicht als Weichei vor Michael dastehen. Er gab sich einen Ruck und nahm den zweiten Lungenzug seines Lebens. Zu seiner Überraschung blieb der erwartete Hustenanfall aus. Verwundert betrachte Stephan die Zigarette und zog erneut daran. Dabei bemerkte er, wie schwer es war, überhaupt Rauch in die Lungen zu bekommen. Irgendwie hatte er das von seinem ersten Rauchversuch anders in Erinnerung. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass durch seine ungeschickten Drehversuche der Tabak derart fest zusammengedrückt worden war, dass nur wenig Luft durch die Zigarette gesogen werden konnte.

Stephan fühlte sich cool und auf einmal so richtig schön erwachsen. Stolz blickt er abwechselnd von Michael zu Bernd, bis sich auf einmal ein Gefühl in seiner Magengegend ausbreitete, dass er noch zu gut in Erinnerung hatte. Zum Glück war Bernds Elternhaus ganz in der Nähe und sie hatten einen Haustürschlüssel bekommen für den Fall, dass noch jemand auf die Toilette musste.

Und Stephan musste!

An diesem Abend gab es noch viel zu erzählen. Stephans kurzer Ausflug ins Haus war zu seiner Erleichterung kommentarlos geblieben. Nachdem er zurückgekommen war, hatte er auch gleich den Schlüssel an Michael übergeben, der sie daraufhin mit einer merkwürdigen Eile in Richtung Haus verließ. Offenbar war Michael doch nicht so raucherfahren, wie er eben noch getan hatte.

Von jenem Abend an wurde die Zigarette zum ständigen Begleiter der drei Jungs. Auch nachdem die Ferien zu Ende waren, änderte sich daran nichts. Bernd und Stephan stießen in der Schule zu den kleinen Rauchergruppen, die sich regelmäßig in den Pausen heimlich in den Toilettenräumen oder hinter der Sporthalle trafen.

Bis kurz vor Ferienende hatte Stephan seine Zigaretten immer bei Bernd geschnorrt. Doch dann war ihm die Frage »Darf ich mir auch eine drehen?« so unangenehm geworden, dass er kurzerhand sein Taschengeld zusammengekratzt und sich seinen ersten eigenen Tabak gekauft hatte.

Damit war nach dem Rauchen auf Lunge der zweite wichtige Schritt auf seinem Weg zum Raucher getan.

Der Karrierebeginn

1977 Ein Feuerwerk der Popmusik wird abgebrannt. Smokie und Howard Carpendale leben, jeder in seiner Sprache, Tür an Tür mit Alice.

Fleetwood Mac sind der Meinung Go your own way, was Peter Gabriel möglicherweise offenbar dazu veranlasst, Genesis zu verlassen.

In das Buch der Ewigkeit gravieren Queen ihre Hymne We are the Champions und in Memphis tritt der King of Rock 'n' Roll seine letzte Reise an. - Farewell Elvis.

Kate 'Ma' Barker, eine Verbrecherin aus der amerikanischen Staatsfeinde-Ära, inspiriert Frank Farian für den Hit Ma Baker, mit dem er seine Gruppe Boney M. in die Charts jagt.

Deutschland steht seit Jahren mit seinen eigenen Staatsfeinden im Kampf. Doch bevor sich in diesem Jahr die erste Führungsgeneration der RAF in Stuttgart-Stammheim das Leben nimmt, mussten viele unschuldige Menschen im Kugelhagel der Terroristen sterben.

Im Sportbereich feiert Niki Lauda nach seiner Genesung ein fulminantes Comeback und wird mit Ferrari Formel-1-Weltmeister.

Borussia Mönchengladbach wird zum fünften Mal seit 1970 Deutscher Fußballmeister.

Im Fernsehen sorgt die Tatort-Folge Reifezeugnis für Aufsehen. Dies liegt nicht alleine an dem Tabuthema eines Lehrer-Schülerin-Verhältnisses, das in dieser Folge behandelt wird. Vielmehr ist es Nastassja Kinski, die sich splitternackt in ihrer ersten Fernsehrolle zeigt, die die Fernsehnation spaltet.

* * *

Die nackte Nasti, wie Stephan und seine Freunde die Kinski 'liebevoll' nannten, war natürlich auch das Thema in der BRAVO. Diese heimliche Pflichtlektüre kauften sich die beiden 'Männer' selbstverständlich nicht selbst. Saskia, Bernds jüngere Schwester, teilte jedoch gerne ihre Hefte mit ihnen, schließlich durfte sie dafür, quasi als Gegenleistung, in deren Bundesliga-Tippklub mitmachen.

Saskia war Stephans erste Freundin gewesen, wobei ihre Beziehung nur sehr kurz währte. Schon nach wenigen Tagen hatte er mit ihr Schluss gemacht. Es war ihm irgendwie peinlich gewesen, eine Freundin zu haben. Doch schon kurze Zeit später hatte er diese Entscheidung, die seinem unreifen Jungencharakter entsprungen war, verflucht. Nachfolgende Versuche, Saskia wieder für sich zu gewinnen, blieben zu seinem Bedauern erfolglos. Letztlich fügte er sich in sein selbst verschuldetes Schicksal und pflegte dafür die tiefe Freundschaft, die zwischen ihnen entstanden war. Saskia war für ihn eine Schwester im Geiste, mit der man durch dick und dünn gehen konnte. Und so sollte es auch noch viele Jahre bleiben.

Wenn Stephan und Bernd ausnahmsweise mal nicht Fußball spielten, hockten sie regelmäßig bei Bernd zusammen und hörten Musik.

Bernd hatte ein separates Zimmer im ersten Stock seines Elternhauses, das direkt von der Haustür aus über das Treppenhaus zu erreichen war. So konnte er jederzeit Freunde empfangen, ohne dass seine Eltern Wind davon bekamen. Dieser Weg entwickelte sich schnell zum idealen Schmuggelpfad für Mädchen und Alkohol.

Stephans Musikgeschmack war breit gefächert, er hörte alles, was ihm gefiel. Bei Bernd war das schon anders. Für ihn gab es nur Hardrock und Heavy Metal, sonst nichts. Das galt insbesondere für die aktuelle Popmusik. Äußerte Stephan zum Beispiel beim Durchblättern von Saskias BRAVO, dass Jeans on doch irgendwie ein toller Song sei, erntete er dafür sofort ein spöttisches Grinsen. Ihren gemeinsamen musikalischen Konsens fanden sie aber bei Gruppen wie Queen, AC/DC und natürlich den Scorpions. Und lag erst das aktuelle Livealbum von Rainbow auf dem Plattenteller, gab es keinerlei Diskussion mehr. Mit geschlossenen Augen lauschten die beiden in absoluter Ruhe und Harmonie der Stimme von Ronnie James Dio.

In Lindlar veranstaltete die Katholische Junge Gemeinde (KJG) im Jugendheim regelmäßig eine Diskothek, die von ihren Mitgliedern organisiert und durchgeführt wurde. Auch Stephan und Bernd zählten zu dem Helferkreis.

Im Vorfeld so eines Diskotheken-Wochenendes, das einmal im Monat stattfand, gab es jede Menge vorzubereiten. Der Saal musste bestuhlt und dekoriert, die Musik- und Lichtanlage aufgebaut und die Getränkeausgabe bestückt werden. Am Veranstaltungsabend stellten dann alle Helfer im stündlichen Wechsel das Personal für Abendkasse und Getränkeverkauf. Lediglich der Posten des Discjockeys wurde nicht gewechselt. Hierfür eignete sich nur jemand, der auch in einer ehrenamtlich betriebenen Dorfdisco wusste, wie man auflegte und moderierte. Schließlich war er der Garant für ein volles Haus. Und auch wenn der Gewinn der Veranstaltungen ausschließlich in die Gemeindearbeit floss, fielen letztlich auch die Jugend- und Freizeitveranstaltungen hierunter, zu denen neben der Disco auch der Klubraum zählte.

Stephan eignete sich nicht besonders zur Rampensau und bei Bernd schloss schon sein Musikgeschmack den Einsatz als DJ aus. Daher beschränkten die beiden sich auf die Erledigung der vielen anderen Jobs. Besonders begehrt war natürlich die Arbeit hinter der Theke, wo man quasi direkt an der Quelle war. Der regelmäßige Wechsel hatte außerdem den Vorteil, dass man sich außerhalb der Schichten unter die Gäste mischen und ebenfalls abrocken konnte.

Um allen Altersgruppen gerecht zu werden, erstreckte sich das Disco-Wochenende über zwei Tage. Am Samstag fand die sogenannte 'Große Disco' statt und sonntags folgte die kleine. Der Unterschied zwischen beiden lag darin, dass es samstags Party bis 24 Uhr gab. Außerdem durfte Alkohol getrunken und geraucht werden, also eher etwas für die Großen.

Alle Jugendlichen unter sechzehn Jahre gingen hingegen am Sonntag zum Feiern. Dann trank man Cola und Limonade und war spätestens um 22 Uhr auf dem Heimweg.

Da die Kleinen ja noch nicht offiziell rauchen durften, war Rauchen am Sonntag in der Disco natürlich auch verboten. Aus diesem Grund standen dann viele kleine Rauchergrüppchen bei Wind und Wetter mit ihren Zigaretten vor der Tür des Jugendheims und rauchten, was das Zeug hielt.

Dreißig Jahre später würde man sich an diese Regelung erinnern und auch Erwachsene zum Rauchen vor die Tür schicken. Wer weiß, vielleicht sitzt ja einer der wenigen Nichtraucher von damals heute auf der Regierungsbank.

Für Stephan und Bernd galt diese Regelung nur sehr, sehr eingeschränkt. Aufgrund ihres Helferstatus durften sie natürlich auch schon in die 'Große Disco', wo sich niemand darum scherte, ob sie rauchten oder Alkohol tranken.

Stephan stand jetzt schon immer häufiger am Kiosk und verlangte: »Einmal Drum mit Blättchen!«

Den Tabaksbeutel trug er normalerweise lässig in der Gesäßtasche seiner Jeans. Sobald er jedoch in die Nähe seiner Erziehungsberechtigten kam, verschwand die Packung sofort in ihrem bewährten Transportversteck. Erst in der Sicherheitszone seines Zimmers zog Stephan sie dann wieder aus dem Strumpf hervor und versteckte sie im Deckel seines Mikroskopierkoffers hinter einem Styroporeinsatz.

Die Anzahl der Zigaretten, die Stephan täglich rauchte, stand in direkter Abhängigkeit zur Höhe seines Taschengeldes. Dies unterlag wiederum vielen weiteren Einflussfaktoren. Zunächst war dort die Bundesliga-Tippkasse, in die er dummerweise immer mehr einzahlte, als er am Ende rausholte. Außerdem trank man in Stephans Clique natürlich auch ab und zu mal ein 'Gläschen'. Neben Bier hatte sich Sangria aus Kostengründen zu einem beliebten Standardgetränk entwickelt. Bei Sangria schätzten die Jungs ganz besonders die hervorragenden Recyclingmöglichkeiten. Selbst kleinste Reste ließen sich zusammenschütten und mit ein paar Früchten zu einer wirkungsvollen Bowle aufpeppen. Doch auch die ausgeklügeltsten Recyclingverfahren waren irgendwann erschöpft und schließlich musste auch Stephan seinen Obolus in die Getränkekasse entrichten.

Doch trotz permanenter Ebbe im Portemonnaie kam er irgendwie immer über die Runden. Erst am Tag seiner Konfirmation verbesserte sich seine finanzielle Situation erheblich. Es war das erste Mal, dass er seinen Namen mit dem Begriff Reichtum verband.

Im Gegensatz zur Vielzahl seiner Freunde, die wöchentlich in die Kirche mussten, war Religion nie ein beherrschendes Thema in ihrer Familie gewesen. Trotzdem oder gerade deswegen hatte sich Stephans Einstellung zur Kirche und zum christlichen Glauben relativ differenziert entwickelt. Von Kindheit an war er als Protestant in einer erzkatholischen Gegend aufgewachsen. Dieser Kontrast musste dazu geführt haben, dass er sich frühzeitig und völlig unbewusst den Gedanken der ökumenischen Bewegung zu eigen gemacht hatte. Schon als Grundschüler musste er regelmäßig an Messen der katholischen Kirche teilnehmen. Dies war die damals sehr häufig praktizierte Form des Religionsunterrichts in den kleinen Dorfschulen. Und Stephan hatte die Schule eines sehr kleinen Dorfes besucht. In seinem Elternhaus erlebte er die so viel freiere Form der evangelischen Kirche, die sich für ihn dadurch äußerte, das Religion so gut wie nicht thematisiert wurde. Zur Kirche gingen seine Eltern mit Oscar und ihm nur zu besonderen Familienanlässen. So hatte Stephan den Neid seiner katholischen Freunde genossen, wenn er noch spielen durfte, während sie selbst zum wöchentlichen Kirchgang oder zum Ablegen der Beichte genötigt wurden.

Für Stephan war Religion kein Zwang und seinen Glauben an Gott trug er jederzeit in sich, auch ohne regelmäßigen Kirchbesuch. Letztlich war es auch seine eigene und ganz persönliche Entscheidung, sich konfirmieren zu lassen. Dass er in aller Bescheidenheit auch die zu erwartenden Aufmerksamkeiten in seine Entscheidungsfindung hatte einfließen lassen, musste er ja nicht jedem auf die Nase binden.

Auf die Konfirmation folgte der Sommer. Wieder war ein Schuljahr geschafft und wieder ging es in den Ferien nach Baltrum. Dort stellte Stephan voller Freude fest, dass es dort nun auch einen Jugendklub gab.

Dieser neue In-Treffpunkt ähnelte sehr stark der Lindlarer Dorfdisco, wobei die Leitung hier nicht bei der Kirche lag, sondern beim Fremdenverkehrsverein. Doch wie in Lindlar, rekrutierte sich auch hier die Helferschar aus den Reihen der örtlichen Jugend. Im Baltrumer Jugendklub hatten die älteren Insulanerkinder das Ruder in der Hand, dementsprechend locker war auch hier die Aufsicht. Niemand musste zum Rauchen vor die Tür gehen.