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Wie Menschen älter werden, wie lange sie leben und wie sich ihr Leben im Alter gestaltet, wird durch soziale und gesellschaftliche Bedingungen beeinflusst. Diese Bedingungen ändern sich über die Zeit und bilden den Hintergrund für einen Wandel der späteren Lebensphasen. Zu den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zählen eine gestiegene Lebenserwartung, Veränderungen in der Erwerbswelt, neue Lebenslaufmuster und Familienformen sowie ein Wandel in den gesellschaftlichen Werten und Normen und den Versorgungs- und Sicherungssystemen. Dieses Buch beschäftigt sich mit der Lebensphase Alter und zeigt auf der Grundlage des Deutschen Alterssurveys (DEAS), welcher Wandel sich vollzieht. Dadurch werden Chancen, Risiken und Gestaltungsoptionen für eine Gesellschaft des langen Lebens deutlich. Der DEAS wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert.
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Seitenzahl: 547
Veröffentlichungsjahr: 2010
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Wie Menschen älter werden, wie lange sie leben und wie sich ihr Leben im Alter gestaltet, wird durch soziale und gesellschaftliche Bedingungen beeinflusst. Diese Bedingungen ändern sich über die Zeit und bilden den Hintergrund für einen Wandel der späteren Lebensphasen. Zu den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zählen eine gestiegene Lebenserwartung, Veränderungen in der Erwerbswelt, neue Lebenslaufmuster und Familienformen sowie ein Wandel in den gesellschaftlichen Werten und Normen und den Versorgungs- und Sicherungssystemen. Dieses Buch beschäftigt sich mit der Lebensphase Alter und zeigt auf der Grundlage des Deutschen Alterssurveys (DEAS), welcher Wandel sich vollzieht. Dadurch werden Chancen, Risiken und Gestaltungsoptionen für eine Gesellschaft des langen Lebens deutlich. Der DEAS wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert.
Andreas Motel-Klingebiel Susanne Wurm Clemens Tesch-Römer (Hrsg.)
Altern im Wandel
Befunde des Deutschen Alterssurveys (DEAS)
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1. Auflage 2010 Alle Rechte vorbehalten © 2010 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany
Print: 978-3-17-021595-5
E-Book-Formate
pdf:
978-3-17-022732-3
epub:
978-3-17-028196-7
mobi:
978-3-17-028197-4
Geleitwort der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Vorwort
1 Wandel von Lebensqualität und Ungleichheit in der zweiten LebenshälfteAndreas Motel-Klingebiel, Susanne Wurm, Oliver Huxhold & Clemens Tesch-Römer
1.1 Einleitung
1.2 Lebensqualität: Wie leben Menschen in der zweiten Lebenshälfte?
1.2.1 Gutes Leben im Alter
1.2.2 Gesellschaftliche Voraussetzungen der Lebensqualität im Alter
1.2.3 Individuelle Voraussetzungen der Lebensqualität im Alter
1.3 Vielfalt und Ungleichheit: Wie unterscheiden sich Lebenssituationen in der zweiten Lebenshälfte?
1.3.1 Vielfalt
1.3.2 Soziale Ungleichheit
1.4 Sozialer Wandel: Wie haben sich die Lebenssituationen in der zweiten Lebenshälfte gewandelt?
1.4.1 Der Wandel gesellschaftlicher Rahmenbedingungen
1.4.2 Lebensläufe und sozialer Wandel
1.5 Zusammenfassung und Ausblick
2 Datengrundlagen und Methoden des Deutschen Alterssurveys (DEAS)Heribert Engstler & Andreas Motel-Klingebiel
2.1 Einleitung
2.2 Das Untersuchungsdesign des Deutschen Alterssurveys im Überblick
2.2.1 Design der Wellen 1 und 2
2.2.2 Design, Inhalt und Ablauf der Welle 3
2.3 Die Basisstichprobe des DEAS 2008
2.3.1 Stichprobenbeschreibung und Ausschöpfung
2.3.2 Datengewichtung und Repräsentativität
2.4 Die Panelstichproben des DEAS 2008
2.4.1 Panelstichprobe der 1996 erstmals Befragten (P1996–2008)
2.4.2 Die Panelstichprobe der 2002 erstmals Befragten (P2002–2008)
2.5 Analysemöglichkeiten mit den Stichproben
2.6 Zentrale Gruppierungsvariablen des DEAS
2.7 Ausblick
3 Materielle SicherungAndreas Motel-Klingebiel, Julia Simonson & Laura Romeu Gordo
3.1 Einleitung
3.2 Datenerhebung und Konzepte
3.3 Analyseperspektiven
3.3.1 Die aktuelle Lebenssituation der 40- bis 85-Jährigen
3.3.2 Veränderungen der Lebenssituation der 40- bis 85-Jährigen über die Zeit und ihre Bestimmungsgründe
3.4 Die materielle Lebenssituation und ihr Wandel über die Zeit
3.4.1 Wirtschaftliche Ressourcen und Verhalten
3.4.2 Subjektive Bewertungen und Einstellungen
3.5 Zusammenfassung und Ausblick
4 GesundheitSusanne Wurm, Ina Schöllgen & Clemens Tesch-Römer
4.1 Einleitung
4.1.1 Gesundheitszustand: Was wird unter Gesundheit verstanden?
4.1.2 Gesundheit im sozialen Wandel: Kommen nachfolgende Geburtskohorten gesünder ins Alter?
4.2 Datengrundlage
4.3 Körperliche Gesundheit
4.3.1 Wie ist die körperliche Gesundheit?
4.3.2 Wie hat sich die körperliche Gesundheit gewandelt?
4.4 Körperliche Funktionsfähigkeit
4.4.1 Wie ist die körperliche Funktionsfähigkeit?
4.4.2 Wie hat sich die körperliche Funktionsfähigkeit gewandelt?
4.5 Subjektive Gesundheit
4.5.1 Wie ist die subjektive Gesundheit?
4.5.2 Wie hat sich die subjektive Gesundheit gewandelt?
4.6 Gesundheitsverhalten: Tabakkonsum und körperliche Aktivität
4.6.1 Wie verbreitet sind Tabakkonsum und körperliche Aktivität?
4.6.2 Wie haben sich Tabakkonsum und körperliche Aktivität gewandelt?
4.7 Zusammenfassung und Diskussion
4.7.1 Zusammenfassung
4.7.2 Diskussion
5 Gesellschaftliche Partizipation: Erwerbstätigkeit, Ehrenamt und BildungDörte Naumann & Laura Romeu Gordo
5.1 Einleitung
5.1.1 Renten- und arbeitsmarktpolitische Reformen
5.1.2 Alten- und engagementpolitische Initiativen
5.1.3 Konfligierende Zielsetzungen der renten- und arbeitsmarktpolitischen Reformen und Alten- und Engagementpolitik?
5.2 Datengrundlage
5.3 Erwerbspartizipation und Übergang in den Ruhestand
5.3.1 Muster der Erwerbspartizipation
5.3.2 Verlängerung der Erwerbstätigkeit
5.3.3 Übergang in den Ruhestand für Personen außerhalb des Erwerbslebens
5.4 Außerberufliche gesellschaftliche Partizipation
5.4.1 Muster außerberuflicher gesellschaftlicher Partizipation
5.4.2 Zusammenhang beruflicher und außerberuflicher Partizipation
5.5 Zusammenfassung und Diskussion
6 Das Wohnumfeld ÄltererKatharina Mahne, Dörte Naumann & Jenny Block
6.1 Einleitung
6.2 Bewertung der Infrastruktur im Wohnumfeld
6.2.1 Vorhandensein von Einkaufsmöglichkeiten
6.2.2 Anschluss an den öffentlichen Personennahverkehr
6.2.3 Versorgung mit Ärzten und Apotheken
6.3 Sicherheitsempfinden und Lärmbelastung im Wohnumfeld
6.3.1 Sicherheitsempfinden
6.3.2 Lärmbelastung
6.4 Zusammenfassung und Diskussion
7 Lebensformen und PartnerschaftHeribert Engstler & Clemens Tesch-Römer
7.1 Einleitung
7.2 Fragestellung
7.3 Datengrundlage und Vorgehensweise
7.4 Partner- und Elternschaft bei über 40-Jährigen im Wandel
7.4.1 Familienstand
7.4.2 Partnerlosigkeit und Partnerschaftsformen
7.4.3 Folgeehen und nacheheliche Partnerschaften
7.4.4 Kinderlosigkeit
7.4.5 Nicht-leibliche Elternschaft
7.5 Pluralisierung der Lebensformen
7.6 Stabilität und Instabilität der Lebensformen
7.7 Subjektive Bewertung ehelicher und nichtehelicher Partnerschaften
7.8 Zusammenfassung und Diskussion
7.8.1 Zusammenfassung
7.8.2 Bedeutung der Ergebnisse für Politik und Gesellschaft
8 Familiale GenerationenbeziehungenKatharina Mahne & Andreas Motel-Klingebiel
8.1 Einleitung
8.2 Datengrundlage
8.3 Struktur der Generationenbeziehungen
8.3.1 Vorhandensein familialer Generationen
8.3.2 Wohnentfernung zu den erwachsenen Kindern
8.4 Ausgestaltung der Generationenbeziehungen
8.4.1 Kontakthäufigkeit und Beziehungsenge zu den erwachsenen Kindern
8.4.2 Kontakthäufigkeit und Beziehungsenge zu den erwachsenen Enkeln
8.5 Transfers und Unterstützungsleistungen
8.5.1 Die Position Älterer im allgemeinen Transfergeschehen im Wandel
8.5.2 Transfers zwischen familialen Generationen
8.5.3 Betreuung von Enkelkindern
8.6 Subjektive Evaluation und Bedeutung von Familienbeziehungen
8.6.1 Bewertung der Familienbeziehungen im Allgemeinen
8.6.2 Wichtigkeit von Großelternschaft
8.7 Zusammenfassung und Diskussion
9 Soziale IntegrationOliver Huxhold, Katharina Mahne & Dörte Naumann
9.1 Einleitung
9.1.1 Soziale Integration im Wandel
9.1.2 Ersatz familialer durch außerfamiliale Unterstützung?
9.1.3 Fragestellung
9.2 Datengrundlage
9.3 Analysen
9.3.1 Strukturelle Netzwerkaspekte im sozialen Wandel
9.3.2 Funktionale Netzwerkaspekte im sozialen Wandel
9.4 Diskussion
9.4.1 Zusammenfassung der Analysen
9.4.2 Interpretation der Gruppenunterschiede
9.4.3 Die Bedeutung außerfamilialer Beziehungen im Wandel
9.4.4 Sozialpolitische Implikationen
10 AltersdiskriminierungOliver Huxhold & Susanne Wurm
10.1 Einleitung
10.2 Datengrundlage und Analyseperspektiven
10.3 Verbreitung von Altersdiskriminierung in der zweiten Lebenshälfte
10.4 Folgen von Altersdiskriminierung
10.5 Diskussion
10.5.1 Zusammenfassung
10.5.2 Interpretation
10.5.3 Sozialpolitische Implikationen
11 Individuelle AltersbilderSusanne Wurm & Oliver Huxhold
11.1 Einleitung
11.2 Datengrundlage
11.3 Welche Vorstellungen vom Älterwerden haben Menschen in der zweiten Lebenshälfte?
11.3.1 Negatives Altersbild: Älterwerden begleitet von körperlichen Verlusten
11.3.2 Positives Altersbild: Älterwerden begleitet von Weiterentwicklung
11.4 Haben sich die Altersbilder in den letzten Jahren gewandelt?
11.4.1 Wandel des negativen Altersbildes körperlicher Verluste
11.4.2 Wandel des positiven Altersbildes persönlicher Weiterentwicklung
11.5 Diskussion
11.5.1 Zusammenfassung
11.5.2 Unterschiede in den Altersbildern verschiedener Gruppen
11.5.3 Altersbilder im sozialen Wandel
11.5.4 Implikationen
12 Subjektives WohlbefindenClemens Tesch-Römer, Maja Wiest & Susanne Wurm
12.1 Einleitung
12.1.1 Bedeutung subjektiven Wohlbefindens
12.1.2 Facetten subjektiven Wohlbefindens
12.1.3 Determinanten subjektiven Wohlbefindens
12.1.4 Wandel subjektiven Wohlbefindens in der Gesellschaft
12.1.5 Untersuchungsfragen
12.2 Datengrundlage
12.2.1 Messung des subjektiven Wohlbefindens
12.2.2 Methodisches Vorgehen
12.2.3 Der Deutsche Alterssurvey im Vergleich zu anderen Studien
12.3 Ergebnisse
12.3.1 Lebenszufriedenheit
12.3.2 Positiver Affekt
12.3.3 Negativer Affekt
12.4 Zusammenfassung und Ausblick
12.4.1 Wie ist das subjektive Wohlbefinden von Menschen in der zweiten Lebenshälfte im Jahr 2008?
12.4.2 Wie hat sich das subjektive Wohlbefinden zwischen 1996 und 2008 gewandelt?
12.4.3 Bedeutung der Befunde für Politik und Gesellschaft
13 Die zweite Lebenshälfte: Befunde des Deutschen Alterssurveys und ihre Bedeutung für Politik und GesellschaftClemens Tesch-Römer, Andreas Motel-Klingebiel & Susanne Wurm
13.1 Altern und Alter heute: Insgesamt gute Lebensqualität bei gleichzeitig heterogenen Lebenssituationen
13.1.1 Die zweite Lebenshälfte im Überblick
13.1.2 Differenzierende Einsichten: Unterschiede in der zweiten Lebenshälfte
13.2 Die zweite Lebenshälfte im Wandel: Trends des Älterwerdens und Altseins
13.2.1 Wandel und Stabilität im Überblick
13.2.2 Differenzierende Einsichten: Heterogenität im Wandel
13.3 Einsichten für Politik und Gesellschaft
13.3.1 Altern gestalten
13.3.2 Ressourcen für das Alter weiterentwickeln
13.4 Ausblick
Abkürzungen
Autorenverzeichnis
Altwerden und Altsein gehören zu unserem Leben. Das ist eine gute Nachricht, denn ein langes Leben ist keinesfalls selbstverständlich. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass sich die Lebenserwartung seit Beginn des 20. Jahrhunderts nahezu verdoppelt hat. Mittlerweile umfasst die Lebensphase Alter oft mehrere Jahrzehnte. Viele ältere Menschen erleben diese Phase in guter Gesundheit, mit vielfältigen Interessen und Aktivitäten. Es ist ein großer Erfolg, dass Deutschland zu einer Gesellschaft des langen Lebens geworden ist.
Auch die Bedeutung des Älterwerdens und Altseins hat sich während der letzten Jahre und Jahrzehnte gewandelt. Alter ist vielfältiger geworden. Unsere eigenen Vorstellungen vom Alter sind dabei häufig noch geprägt von Bildern, die den heutigen Lebensverhältnissen nicht entsprechen. Dieses Buch dagegen beschreibt die gegenwärtige Vielfalt und den Wandel des Alters. Grundlage hierfür sind Befunde des Deutschen Alterssurveys, einer repräsentativen Bevölkerungsstudie, die seit dem Jahr 1996 im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bundesweit durchgeführt wird. Der Deutsche Alterssurvey rückt Menschen im Alter zwischen 40 und 85 Jahren in den Mittelpunkt.
Zum einen sind das die Menschen im mittleren Erwachsenenalter: Sie sind Leistungsträger in Beruf und Familie. Die Phase der späten Erwerbstätigkeit gewinnt für die Wirtschaft unseres Landes immer mehr an Bedeutung. Wichtig ist deshalb die Stärkung der Ressourcen älterer Erwerbspersonen, denn sie sind Arbeitskräfte und übernehmen gleichzeitig familiäre Fürsorgeaufgaben, sowohl mit Blick auf die Kinder als auch die Elterngeneration. Zum anderen geht es um Menschen im Ruhestand. Sie verfügen über mehr Zeit und sind vielfach bereit, sich für Familie und Gemeinschaft zu engagieren. Viele von ihnen wollen sich in der nachberuflichen Lebensphase keineswegs aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen. Sie möchten sich mit dem ganzen Schatz ihrer persönlichen und beruflichen Lebenserfahrung einbringen, mit ihrer Bildung und ihrem Wissen aktiv bleiben. Eine altersgerechte und generationenübergreifende Politik hat deshalb die Aufgabe, ältere Menschen dabei zu unterstützen, ihr Erfahrungswissen in die Gesellschaft einzubringen und die Solidarität zwischen den Generationen zu fördern.
Dabei ist es gut zu wissen, dass die Familie – allen Unkenrufen zum Trotz – zusammenhält. Der Deutsche Alterssurvey zeigt: Obwohl die Generationen häufig nicht mehr zusammen an einem Ort leben, sind die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander nach wie vor eng und gut. Das gilt besonders für die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern. Gut zu wissen ist es auch, dass eine große Mehrheit – gerade auch derjenigen ohne eigene große Familie – Rat und Unterstützung in gut funktionierenden, sozialen Netzwerken von Freunden, Bekannten und Nachbarn findet. Dieser soziale Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gewinnt gerade in Krisenzeiten an Bedeutung.
Welche Chancen Menschen heute und in Zukunft haben, ihr Alter aktiv zu gestalten, selbstbestimmt und in Würde zu leben, liegt nicht nur in den Händen jeder einzelnen Person. Faire Chancen für ältere Menschen zu schaffen, ist auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Der Deutsche Alterssurvey verbessert die Entscheidungsgrundlagen seniorenpolitischen Handelns und trägt dazu bei, zeitgerechte Altersbilder in der Gesellschaft zu verankern. Diese solide wissenschaftliche Informationsbasis ist unverzichtbar für alle, die mit klarem Blick auf die Fakten dazu beitragen wollen, dass ein gutes Leben bis ins hohe Alter möglich ist. Sie ist auch eine wertvolle Erkenntnisquelle für generationenübergreifende Politikstrategien mit Blick auf den Zusammenhalt der Gesellschaft.
Dr. Kristina Schröder
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Älterwerden und Altsein sind Erfahrungen, die wir alle – früher oder später – in unserem Leben machen. Altern und Alter sind aber auch soziale Konstruktionen. Die Prozesse des Älterwerdens und die Gestaltung der Lebensphase Alter haben sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Die Wissenschaft hilft, diesen Wandel zu beobachten und zu verstehen, und trägt zugleich zum Bild von Altern und Alter in der Gesellschaft bei. In diesem Buch beschäftigen wir uns aus den Perspektiven von Soziologie, Ökonomie und Psychologie mit der alternswissenschaftlich und gesellschaftspolitisch zentralen Frage, worin der Wandel des Alter(n)s besteht und wo sich Beständigkeit im Alternsprozess findet. Wir hoffen, dass unsere Befunde informativ für alle sind, die sich für Altern und Alter interessieren.
Dieses Buch beschreibt die Befunde des Deutschen Alterssurveys (DEAS). Wir Herausgeber möchten – auch im Namen aller Autorinnen und Autoren – jenen Menschen Dank sagen, ohne die dieses Buch nicht möglich gewesen wäre. An erster Stelle möchten wir den mehr als 14.000 Menschen danken, die in den Jahren 1996, 2002 und 2008 bereit waren, in umfassender Weise Auskunft über ihr Leben zu geben. Die Mitarbeit an solchen Befragungen ist immer mit erheblichem Aufwand verbunden. Ohne die Bereitschaft unserer Befragten, diese Studie zu unterstützen, wäre der DEAS nicht möglich.
Der DEAS wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert. Den maßgeblich im BMFSFJ für den DEAS verantwortlichen Personen – Dieter Hackler, Dr. Gabriele Müller-List, Annette Pauly, Gisela van der Laan – möchten wir für ihre fachkundige und zuverlässige Unterstützung sehr herzlich danken.
Eine bundesweite Befragung von über 14.000 Menschen in rund 290 Gemeinden macht eine komplexe Logistik notwendig. Die Datenerhebung wurde vom infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH durchgeführt. Stefan Schiel, Menno Smid und Dr. Helmut Schröder sowie ein Interviewerstab von 350 Interviewerinnen und Interviewern haben hervorragende Arbeit geleistet, für die wir sehr dankbar sind.
In verschiedenen Phasen haben wir unsere Ideen dem wissenschaftlichen Beirat des DEAS vorgelegt. Wir sind froh, dass uns ausgezeichnete Experten mit ihrem Rat zur Seite standen. Wir danken Prof. Dr. Jens Alber, Prof. Dr. Gertrud M. Backes, Dr. Walter Bien, Dr. Martin Brussig, Prof. Dr. Michael Eid, Prof. Dr. Werner Greve, Prof. Dr. Karsten Hank, Prof. Dr. Thomas Klein, Dr. Peter Krause, Prof. Dr. Mike Martin, Dr. Heinz-Herbert Noll, Prof. Dr. Ulrike Schneider, Prof. Dr. Michael Wagner und Prof. Dr. Susanne Zank.
Im Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) sind wir in vorbildlicher Weise unterstützt worden. Unseren studentischen Mitarbeiterinnen Katarzyna Kowalska, Fidan Sahyazici und Svenja Weinz gebührt höchstes Lob! In der letzten Phase des Projekts, bei der Berichtlegung, der Gestaltung der Grafiken und der Produktion des Manuskripts, hat Stefanie Hartmann uns gezeigt, wie wertvoll professionelle Unterstützung ist. Barbara Grönig, Verwaltungsleiterin des DZA, und Peter Köster, verantwortlich für die DZA-Buchhaltung, begleiten den DEAS seit Jahren mit kluger Umsicht. Allen Beteiligten danken wir sehr!
Der Kohlhammer Verlag hat uns bei der Produktion des Buches mit großer Sorgfalt exzellent unterstützt. Dies ist keineswegs selbstverständlich. Dr. Ruprecht Poensgen und Tillmann Bub möchten wir herzlich danken.
Wir haben uns bemüht, die Befunde des Deutschen Alterssurveys so leserfreundlich wie möglich zu gestalten. Daher haben wir darauf verzichtet, im Anhang der Kapitel umfangreiche Tabellen darzustellen. Leserinnen und Leser, die sich für diese Tabellen interessieren, brauchen aber nicht darauf zu verzichten. Im hinteren Buchrücken ist eine CD eingefügt, auf der sich alle Tabellen finden. Sollte diese CD verloren gehen, können die Tabellen auch auf der Website des Deutschen Alterssurveys (www.deutscher-alterssurvey.de) bzw. des Deutschen Zentrums für Altersfragen (www.dza.de) eingesehen und heruntergeladen werden.
Berlin, im Sommer 2010
Andreas Motel-Klingebiel
Susanne Wurm
Clemens Tesch-Römer
Andreas Motel-Klingebiel, Susanne Wurm, Oliver Huxhold & Clemens Tesch-Römer
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist ein langes Leben für viele Menschen selbstverständlich geworden. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland hat sich im letzten Jahrhundert fast verdoppelt. Diese Erhöhung der Lebenserwartung gehört zu den Ursachen des demografischen Wandels und wird – gemeinsam mit der niedrigen Fertilität – häufig als Problem gesellschaftlicher „Überalterung“ behandelt, ist aber eine Erfolgsgeschichte moderner Gesellschaften. Gesellschaftlicher wie wissenschaftlicher Fortschritt sind die Quellen dieser Entwicklung.
Von den heute geborenen Kindern hat die Mehrzahl die Chance, 90 Jahre und älter zu werden, wenn sich der Prozess der Lebenserwartung weiter fortsetzt (Schnabel et al. 2005). Die lange Lebensspanne eröffnet viele Möglichkeiten der Ausgestaltung des eigenen Lebens, nicht nur in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter, sondern bis ins Alter hinein. Viele jüngere wie ältere Menschen beschäftigen sich aber nur ungern mit dem Älterwerden und Altsein. Das Alter, das Altwerden, alte Menschen, das sind Themen, von denen viele Menschen einseitig negative Vorstellungen haben (Rothermund 2009). Das vorliegende Buch soll dazu beitragen, die heutige Realität des Altwerdens in Deutschland detailliert darzustellen. Wir werden die Vielfalt des Alters zeigen und dabei die positiven wie auch die negativen Seiten des Alters beschreiben.
Derzeit ist noch immer zu wenig über die Lebenssituationen von Menschen in der zweiten Lebenshälfte bekannt. Zudem ist die Frage, wie sich die wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen auf unsere Biografien und Lebensläufe auswirken. Die Lebenssituationen älterer Menschen hängen in hohem Maße auch von Ereignissen und Entscheidungen ab, die zu früheren Zeitpunkten im Leben eines Menschen stattfinden. Die Phase des höheren Erwachsenenalters ist ein Abschnitt von mehreren in der persönlichen Biografie. Kindheit, Jugend, frühes und mittleres Erwachsenenalter bestimmen hierbei wesentlich mit, wie eine Person älter wird und welches Leben sie im Alter führt. Die Lebensphase Alter wird zugleich von langfristigen gesellschaftlichen Trends, von aktuellen politischen Entscheidungen und von wirtschaftlichen Entwicklungen geformt.
In diesem Buch werden wir einerseits beschreiben, wie sich die Lebensphase Alter gegenwärtig darstellt, und andererseits diskutieren, wie sich Alter und Altern seit Mitte der 1990er Jahre gewandelt haben. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen möchten wir im vorliegenden Band zwei Fragen behandeln:
Wie leben Menschen in der zweiten Lebenshälfte und wie stark unterscheiden sich die Lebenssituationen dieser Menschen voneinander?
Wie haben sich die Lebenssituationen in der zweiten Lebenshälfte gewandelt? In welchen Lebensbereichen hat sich die Situation verbessert oder verschlechtert, in welchen finden sich Angleichungen und wo kommt es zu Differenzierungen?
Die folgenden Kapitel werden diese Fragen auf der Grundlage der Daten des Deutschen Alterssurveys (DEAS) beantworten. Der DEAS hat das Ziel, die Lebenssituationen, Lebensläufe und Lebensplanungen alternder und alter Menschen in Deutschland zu beschreiben und zu analysieren. Es handelt sich dabei um eine bundesweit repräsentative, langfristig angelegte wissenschaftliche Altersstudie. Sie stellt eine wichtige Informationsgrundlage für die wissenschaftliche Forschung und Lehre, für politische Entscheidungsträger sowie für die interessierte Öffentlichkeit dar. Der DEAS wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert.
Der DEAS untersucht Personen, die sich in der zweiten Lebenshälfte befinden, also 40 Jahre und älter sind. Durch die Betrachtung der gesamten Breite der zweiten Lebenshälfte können verschiedene Lebensabschnitte sowie Übergänge (Transitionen) im Lebenslauf untersucht werden, beispielsweise der Übergang in den Ruhestand. Menschen, die am DEAS teilnehmen, werden umfassend zu ihrer Lebenssituation befragt, unter anderem zu ihrem beruflichen Status oder ihrem Leben im Ruhestand, zu gesellschaftlicher Partizipation und nachberuflichen Aktivitäten, zu ihrer wirtschaftlichen Lage und Wohnsituation, zu familiären und sonstigen sozialen Kontakten sowie zu Gesundheit, Wohlbefinden und Lebenszielen. Damit deckt der DEAS ein breites Themenspektrum ab und ermöglicht eine Verknüpfung vor allem von gerontologischen, soziologischen, sozialpolitischen, psychologischen und ökonomischen Fragestellungen.
Die erste DEAS-Welle wurde im Jahr 1996 durchgeführt, die zweite Welle im Jahr 2002. Die aktuelle dritte Welle wurde im Jahr 2008 verwirklicht. Mit Vorliegen der dritten Welle verfügt der DEAS nunmehr über eine komplexe Stichproben- und Datenstruktur. Das kohortensequenzielle Design des Alterssurveys eröffnet vielfältige Analysemöglichkeiten (vgl. auch Kapitel 2 „Datengrundlagen und Methoden“). Für alle Befragungszeitpunkte ist es möglich, auf der Grundlage von repräsentativen Daten die Lebenssituationen und Lebenszusammenhänge im jeweils aktuellen Erhebungsjahr zu beschreiben (aktuell für das Jahr 2008). Zudem ist es möglich, die Auswirkungen des sozialen Wandels über die Zeit, das heißt die Zeitpunkte 1996, 2002 und 2008, zu analysieren. Da nicht nur zu jedem Befragungszeitpunkt eine vollständig neue Stichprobe aufgebaut wurde („Basisstichproben“), sondern zusätzlich hierzu die gleichen Personen wiederholt befragt wurden („Panelstichproben“), kann auch die individuelle Entwicklung im Zeitverlauf untersucht werden.
Schließlich ergibt sich eine weitere Analyseperspektive, indem individuelle Entwicklungen im Kontext des sozialen Wandels betrachtet werden. Hierfür können die individuellen Entwicklungen über sechs Jahre hinweg in den beiden Zeitfenstern 1996–2002 und 2002–2008 miteinander verglichen werden. Im vorliegenden Band werden die beiden erstgenannten Analysenperspektiven eingenommen: Es wird die aktuelle Lebenssituation von Menschen in der zweiten Lebenshälfte beschrieben und der soziale Wandel über die Zeitpunkte 1996, 2002 und 2008 analysiert.
Im Rahmen des DEAS wurden persönliche Interviews mit Personen durchgeführt, die in einer Einwohnermeldeamts-Stichprobe per Zufallsverfahren ausgewählt wurden. Die Interviews wurden in der Regel im Haushalt der Befragten geführt. In vielen Bereichen wurden hierbei in allen drei Erhebungswellen identische Erhebungsinstrumente verwendet. Zugleich wurden jedoch die Instrumente jeweils einer umfassenden Prüfung unterzogen, in einzelnen Bereichen modifiziert und erweitert sowie die Schwerpunktsetzungen des Surveys über die drei Wellen aktualisiert und den Wissensbedarfen in Forschung und Politik angepasst. Die Instrumente der drei Erhebungswellen sind über das Internet als Download beziehbar (www.deutscher-alterssurvey.de). Die anonymisierten Mikrodaten des DEAS werden nach Freigabe anderen Forscherinnen und Forschern zu wissenschaftlichen Analysezwecken durch das Forschungsdatenzentrum des Deutschen Alterssurveys (FDZ-DEAS) zur Verfügung gestellt sowie im GESIS Datenarchiv für Sozialwissenschaften dokumentiert.
Der DEAS hat gegenüber anderen, früheren und aktuellen, Surveys viele Vorzüge. Im Vergleich mit der zu Beginn der 1990er Jahre gestarteten Berliner Altersstudie (BASE) hat der DEAS den wesentlichen Vorteil, über eine kleine, nur lokale Stichprobe und ihre Nachverfolgung über die Zeit hinauszugehen und große repräsentative Stichproben der deutschen Wohnbevölkerung im Wandel der Zeit und in der Entwicklung der Lebensläufe zu berücksichtigen. Während BASE einen besonderen Schwerpunkt auf die Untersuchung hochaltriger Personen legte, konzentriert sich der DEAS auf die Untersuchung des mittleren und höheren Erwachsenenalters. Auch im Vergleich zur ebenfalls vor fast 20 Jahren initiierten Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE) bietet der DEAS mit seinem deutschlandweit repräsentativen Sample, dem erheblich größeren Stichprobenumfang und der deutlich breiteren Erfassung der Lebenssituationen wesentliche Analysevorteile. Gegenüber dem ebenfalls auf die ältere Bevölkerung gerichteten europäischvergleichendem Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) hebt sich das Design des DEAS durch die wiederholten Basisstichproben, die für Deutschland deutlich höheren Stichprobenumfänge, den verstärkten Einbezug der Bevölkerung im mittleren Erwachsenenalter bei Überrepräsentierung der höheren Altersgruppen sowie die früher begonnene und bereits länger andauernde Untersuchungsperiode ab. Die DEAS-Stichproben ermöglichen Querschnitt-, Zeitreihen- und Längsschnittanalysen. Zugleich ist der Befragungsinhalt deutlich umfangreicher als jener von SHARE – letzterer konzentriert sich vor allem auf Gesundheit und materielle Sicherung im Alter. Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) stellt ebenfalls Quer- und Längsschnittdaten auch für die Population älterer Menschen bereit, zeichnet sich aber nicht durch einen spezifischen inhaltlichen Bezug zu Fragen des Alterns und Alters aus. Dadurch können wesentliche Fragen zur Lebenssituation im Alter und ihrer Entwicklung weniger angemessen untersucht werden als mit dem DEAS (Romeu Gordo et al. 2009). Dies gilt auch für den Generations and Gender Survey (GGS), eine im Jahr 2005 durchgeführte Bevölkerungsumfrage mit bislang einer Wiederholungsbefragung im Jahr 2008. Im Mittelpunkt des GGS stehen Fragen zur Fertilität, Partnerschaftsentwicklung und Familienbeziehungen im internationalen Vergleich (Ruckdeschel et al. 2006). Inhaltliche Berührungspunkte mit dem DEAS gibt es dabei hauptsächlich im Bereich der familialen Generationenbeziehungen. Der soziale Wandel der Lebenssituation älterer Menschen kann mit dem GGS nicht untersucht werden. Alle genannten Studien ergänzen sich mit Blick auf ihre Analysepotenziale für das Verständnis des Prozesses des Alterns und der Lebensphase des Alters.
Im Mittelpunkt des vorliegenden Bandes steht die wissenschaftliche Sozialberichterstattung zu Fragen des Alters und des demografischen Wandels. Die Sozialberichterstattung liefert wichtige Informationen für eine wissenschaftsbasierte Politikberatung und ist damit ein Eckpfeiler einer vorausschauenden und gestaltenden Politik für alle Generationen. Dafür ist es notwendig, die individuelle Wohlfahrt und subjektive Lebensqualität von Menschen in der zweiten Lebenshälfte kontinuierlich zu beobachten. Für politische Entscheidungen ist aber nicht allein von Interesse, wie sich die Lebenssituationen älterer Menschen im Durchschnitt darstellen, sondern auch, wie vielfältig die Lebenssituationen in der zweiten Lebenshälfte sind. Zu fragen ist hierbei auch, inwiefern diese Unterschiede auf wohlfahrtsstaatliche Institutionen und Interventionen im Kontext von gesellschaftlichen Veränderungen und Ereignissen zurückgeführt werden können. Die hier angesprochenen zentralen Konzepte von Lebensqualität, Vielfalt, Ungleichheit und sozialem Wandel werden im Folgenden diskutiert. Das Kapitel schließt mit einem kurzen Ausblick auf die weiteren Kapitel dieses Bandes.
Möchte man wissen, wie die Lebensqualität in der zweiten Lebenshälfte ist, liegen zwei Fragen nahe: Was bedeuten „gutes Leben“ oder „hohe Lebensqualität“? Wie gut ist die Lebenssituation in dieser Lebensphase und wie verteilen sich gute und schlechte Lebensbedingungen in der Bevölkerung?
Nachfolgend geht es um das Konzept der Lebensqualität, ihre verschiedenen Facetten, ihre Voraussetzungen sowie um die Entwicklung von Lebensqualität im Lebenslauf.
In den Sozial- und Verhaltenswissenschaften finden sich unterschiedliche theoretische Ansätze, in denen das, was ein gutes Leben ausmacht, anhand sehr verschiedener Kriterien definiert wird (Noll 2000).
In der sozioökonomischen Forschung ging man ursprünglich vor allem davon aus, dass individuelles Wohlergehen auf der ausreichenden Ausstattung mit materiellen und sozialen Ressourcen sowie dem Zugriff auf kollektive Güter im Kontext gesellschaftlicher Rahmenbedingungen beruht. Mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen und Gütern kann das Individuum seine Lebensbedingungen beeinflussen und in seinem Sinne steuern. Dabei gibt es seit langem ein recht komplexes Verständnis von „gutem Leben“ und individueller wie gesellschaftlicher Wohlfahrt als mehrdimensionalem Konzept (vgl. bereits Zapf 1972). In der sozioökonomischen Perspektive stehen also die objektiven Lebensbedingungen der Menschen im Vordergrund.
Verhaltens- und Sozialwissenschaften betrachten die Lebensqualität dagegen zusätzlich immer auch aus der subjektiven Perspektive der Person. Lebensqualität wird hierbei als die individuelle Bewertung der Lebensbedingungen verstanden, die vor dem Hintergrund verfügbarer Ressourcen generiert wird. Zur subjektiven Lebensqualität gehört insbesondere auch das subjektive Wohlbefinden einer Person. Hohes subjektives Wohlbefinden liegt dann vor, wenn eine Person mit ihrem Leben zufrieden ist, häufig Glück empfindet und nur selten unangenehme Emotionen, wie Trauer oder Ärger, erlebt (Diener et al. 1997).
Auch im Bereich der Alter(n)sforschung hat die Diskussion über „gutes Leben“ eine lange Tradition (Rowe & Kahn 1997; Baltes & Baltes 1989; Noll & Schöb 2002). Neben Ansätzen, in denen objektive Lebenssituationen und fördernde sozialpolitische Rahmenbedingungen als notwendige Voraussetzungen für ein aktives Altern genannt werden (Naegele 2008), stehen Konzeptionen, in denen Lebenszufriedenheit und emotionale Befindlichkeit des älter werdenden Menschen als Kriterien für ein gutes Leben genannt werden, wie schon früh beispielsweise die Disengagement-Theorie von Cumming und Henry (1961). Zudem finden sich unter anderem in der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne auch Ansätze, die ein gutes Leben im Alter nicht allein anhand objektiver Lebensbedingungen oder subjektiver Lebensbewertungen definieren, sondern Normen, Werte, individuelle Ziele und Präferenzen in die Definition mit einbeziehen. Theorien der Entwicklungsregulation verweisen darauf, dass Ziele, die Menschen verfolgen, zentral für die Bestimmung eines guten Lebens im Alter sind (Baltes et al. 2006; Brandtstädter 2007; Schulz et al. 2003). Je nachdem, ob Ziele erreicht oder nicht erreicht worden sind und ob es möglich ist, bedrohte oder unerreichbare Ziele durch neue zu ersetzen, kann von einem guten, erfüllten Leben gesprochen werden. Schließlich finden sich Ansätze, in denen die Auseinandersetzung mit universal gültigen Entwicklungsaufgaben das Kriterium für ein gutes Alter bildet. Beispiele hierfür sind die Herausforderung der Generativität oder der Lebensintegration (Erikson 1982/1988).
Abb. 1–1: Lebensqualität im Alter – ein konzeptionelles Modell
Der Begriff der Lebensqualität integriert hierbei die Vielfalt wissenschaftlicher Ansätze, die Facetten und Bedingungen eines guten Lebens beschreiben. Objektive und subjektive Lebensqualität können sowohl eine Voraussetzung und treibende Kraft („Input“) als auch ein Resultat („Outcome“) günstiger Lebensbedingungen sein. Der Begriff der Lebensqualität erweist sich aus dieser doppelten Perspektive als hilfreiches Konzept (Veenhoven 2000). In Abbildung 1–1 ist das konzeptionelle Modell dargestellt, das dem DEAS zugrunde liegt. Das Modell integriert objektive und subjektive Aspekte der Lebensqualität und versteht Lebensqualität als Einheit von äußeren und inneren (intrapersonalen) Lebensbedingungen und Lebenschancen auf der einen Seite und objektiven wie subjektiven Lebensresultaten auf der anderen.
Der DEAS bietet die Möglichkeit, die im Modell genannten Facetten der Lebensqualität im Alter abzubilden. Gutes Leben im Alter fassen wir zum einen als Vorhandensein von Lebenschancen: Einkommen und Vermögen, Ausstattung von Wohnung und Wohnumfeld, soziale Integration (Partner, Familie, Freunde) und Gesundheit sind Aspekte eines guten Lebens im Alter. Zum anderen definieren wir gutes Leben im Alter auch anhand von Lebensresultaten: subjektive Bewertungen und subjektives Erleben auf der einen Seite und gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion auf der anderen.
Wie die Lebenssituation im Alter ist, hängt wesentlich von der wirtschaftlichen Situation, den gesellschaftlichen Bedingungen und sozialpolitischen Interventionen ab. Entsprechend hängt die Lebenssituation älter werdender und alter Menschen auch von mehr oder weniger gelungener Wohlfahrtsproduktion ab. Das Niveau und die Verteilung der Lebensqualität im Alter ist dabei ein Kriterium zur Bewertung von Erfolg und Misserfolg gesellschaftlicher Wohlfahrtsproduktion und sozialpolitischer Interventionen. Verstehen wir Lebensqualität als eine Folge (auch) gesellschaftlicher Bedingungen, ist neben der Frage der allgemeinen Lebensqualität auch die Unterschiedlichkeit im Zugang zu gesellschaftlichen Gütern oder sozialen Positionen zu betrachten, durch den die Lebenschancen von Individuen, Gruppen oder Gesellschaft en bestimmt werden (vgl. Abschnitt 1.3 „Vielfalt und Ungleichheit“).
Zwischen politischen Maßnahmen und Lebensqualität im Alter gibt es also Wechselbeziehungen. Für politische Akteure ist eine Triebfeder, die Frage nach Lebensqualität im Alter zu stellen, das Ziel, ältere Menschen zur Aufrechterhaltung von Gesundheit, Mobilität und Autonomie zu befähigen. Dabei steht zum einen ein gutes Leben im Alter an sich im Mittelpunkt. Zum anderen geht es um die Verhinderung von kostenintensivem Versorgungs- und Unterstützungsbedarf. Wird die Frage nach Lebensqualität im Alter auf Kostenaspekte verengt, ist dies problematisch. Zugleich eröffnen die in diesem Kontext entwickelten neueren politischen Paradigmen, die durch Schlagworte wie „Gesellschaft für alle Lebensalter“ und „aktives Altern“ gekennzeichnet sind, auch gesellschaftliche Potenziale für eine neue positivere Perspektive auf Alter und Altern. Diese Ansätze fördern eine moderne Gesellschaftspolitik, die auf ein breiteres Verständnis von Lebensqualität setzt. In die Untersuchung der Lebensqualität im Alter sollten daher auch die jeweiligen gesellschaftlichen Kontexte der Lebenssituation einbezogen und die Ergebnisse vor diesem Hintergrund diskutiert werden.
Aus der Perspektive individueller Lebensläufe ist Lebensqualität im Alter ein Ausdruck realisierter Lebenschancen. Diese hängen unter anderem von sozialer und regionaler Herkunft und von psychischen Ressourcen sowie von Bildungs-, Berufs- und Beziehungsverläufen in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter ab. Lebenschancen unterliegen damit Veränderungen über die Zeit. Dementsprechend ist auch Lebensqualität kein unveränderlicher Zustand, sondern kann im Verlauf des Lebens deutlich variieren.
Individuelle Lebensläufe sind eingebettet in den Kontext der historischen Zeit. Lebensqualität sollte deshalb sowohl vor dem Hintergrund der Lebensläufe der jeweiligen Person als auch im kohorten- und generationalen Kontext analysiert werden (vgl. Kapitel 1.4 „Sozialer Wandel“). Der zeitliche, gleichermaßen historisch wie biografisch zu verstehende Kontext beeinflusst die Lebensqualität von Individuen. Sozial- und verhaltenswissenschaftliche Forschung hat zum Ziel, Alternsverläufe im Kontext gesellschaftlichen Wandels zu untersuchen. Zugleich ist die theoriebasierte Hypothesenprüfung zu Voraussetzungen und Folgen individueller Entwicklung im gesellschaftlichen Kontext eine zentrale Aufgabe dieser Forschung (Backes 2003; Bengtson et al. 2009; Rosenmayr 2003; Salthouse 2006). Letzteres geht über die für dieses Buch angestrebte Sozialberichterstattung hinaus, erfolgt jedoch im Rahmen weiterer Publikationen des DEAS.
In der öffentlichen Diskussion werden ältere Menschen oftmals als homogene Gruppe angesprochen („die Alten“). Dies verkennt die große Verschiedenartigkeit individueller Lebenssituationen im höheren Erwachsenenalter. Es gibt nicht nur eine Gruppe älterer Menschen, auf die sich jedwede politische Maßnahme beziehen kann. Konsequenterweise muss die gerontologische Forschung dieser Heterogenität Rechnung tragen. Dies insbesondere dann, wenn sie die Potenziale und die Wirksamkeit sozialpolitischer Intervention angemessen untersuchen soll. Das Thema „Alter und Vielfalt“ gehört folgerichtig inzwischen auch zum Kernrepertoire der nationalen wie internationalen Alternsforschung.
Im Kontext des DEAS lässt sich die Verschiedenartigkeit von Menschen in der zweiten Lebenshälfte in unterschiedlichen Dimensionen ausdrücken. Die Variabilität einer Population wandelt sich auf der Grundlage ihrer Sozialstruktur durch die Interaktion sozialer Einflüsse, normativer Ereignisse und idiosynkratischer Entwicklungen über die Zeit (Whitbourne 2001). Dies bedeutet zwar nicht notwendigerweise eine Zunahme interindividueller Unterschiede über den Lebenslauf bis ins höhere Lebensalter. Es bedeutet jedoch, dass eine Betrachtung „durchschnittlicher“ oder typischer Lebenssituationen immer nur ein erster Schritt zu einem umfassenden Verständnis der Situation älterer Menschen sein kann. Vor diesem Hintergrund ist besonders der Blick auf die Sozialstruktur von Bedeutung, das heißt, die „[…] demografische Grundgliederung der Bevölkerung, die Verteilung zentraler Ressourcen wie Bildung, Einkommen und Beruf, die Gliederung nach Klassen und Schichten, Sozialmilieus und Lebensstilen, aber auch die soziale Prägung des Lebenslaufs in der Abfolge der Generationen“ (Zapf 1989, S. 101). Je nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe können sich im Lebensverlauf deutliche Unterschiede in der Lebenslage zwischen Personen ergeben.
Aus diesem Grund berücksichtigen die Analysen des DEAS auch die Unterschiedlichkeit (und Wandel in der Unterschiedlichkeit) der Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Forschungsleitend sind in diesem Zusammenhang zwei Begriffe:
Der Begriff der Vielfalt oder Heterogenität und
der Begriff der sozialen Ungleichheit.
Die den beiden Begriffen zugrunde liegenden Ansätze lassen sich direkt im Modell der Lebensqualität verorten, wenn es um die Verteilung der Indikatoren und ihre Entwicklung über die Zeit geht.
Mit dem Begriff der Vielfalt oder Heterogenität sind im Kontext des DEAS Unterschiede zwischen Personen und ihren Lebenssituationen gemeint, die in der älteren Bevölkerung vorliegen. Der Begriff der „Vielfalt“ beschreibt die Vielgestaltigkeit des Alters, ohne damit bereits eine Bewertung einer gesellschaftlich strukturierten Begünstigung oder Benachteiligung zu verbinden. Aus der Perspektive der sozialpolitischen Intervention stellt sich die Frage nach der Verteilung von angemessenen Zugängen zur Absicherung von materiellen und sozialen Ressourcen sowie nach den Grundlagen der Aufrechterhaltung von Selbstständigkeit und Selbstbestimmung in späten Lebensphasen. Vielfalt und Unterschiedlichkeit ist damit eine Vorbedingung sozialer Ungleichheit, jedoch nicht mit dieser gleichzusetzen.
Die empirischen Belege für das Vorliegen großer Heterogenität im Alter sind mittlerweile mannigfaltig. Eine Metaanalyse bestehender Studien zeigte beispielsweise größere Unterschiede innerhalb der Gruppe der älteren Erwachsenen als innerhalb der Gruppe jüngerer Erwachsener und zwar in den Bereichen Gesundheit, Persönlichkeit und kognitive Fähigkeiten (Nelson & Dannefer 1992). Allerdings sind in der empirischen Literatur nicht nur Belege für eine Zunahme von Heterogenität über den Lebenslauf zu finden. Vielmehr finden sich sowohl Zu- als auch Abnahmen von Vielfalt im Altersverlauf, abhängig vom Untersuchungsbereich und vom Lebensabschnitt. So wirkt sich beispielsweise die Verringerung geistiger und körperlicher Leistungsfähigkeit unterschiedlich stark auf verschiedene Lebensbereiche aus und entfaltet einen stärkeren Einfluss im hohen Alter. Dadurch, dass sich bestimmte altersphysiologische Veränderungen auf alle Menschen auswirken und die Selektivität derjenigen zunimmt, die überhaupt ein hohes Alter erreichen, ist im hohen Alter die Heterogenität teilweise wieder geringer. Beispiele für diesen Zusammenhang liefern Studien zur intellektuellen Dedifferenzierung im hohen Erwachsenenalter (Li et al. 2004). Dies verweist auf einen U-förmigen Zusammenhang von Alter und Vielfalt: Nach einer zunächst geringen Heterogenität im mittleren Erwachsenenalter nimmt die Vielfalt im „dritten Lebensalter“ zunächst zu und im „vierten Lebensalter“ wieder ab (Freund & Baltes 1998). Diese Annahme lässt sich aus Vorstellungen zur aktiven Steuerung der eigenen Entwicklung ableiten, wie sie beispielsweise im Modell der selektiven Optimierung mit Kompensation (Baltes & Baltes 1990) ausgeführt wird. Im Rahmen des vorliegenden Bandes werden Personen betrachtet, die zwischen 40 und 85 Jahren alt sind und sich damit zwischen dem mittleren Erwachsenenalter und der Schwelle zur Hochaltrigkeit befinden. Die Hochaltrigkeit ist hingegen kein Schwerpunkt des DEAS. Gerade für die im Rahmen des DEAS betrachteten Altersgruppen der bis 85-Jährigen ist es wichtig, das Phänomen der Vielfalt im Alter in den Blick zu nehmen.
Hinsichtlich zentraler Aspekte der Lebensqualität (zum Beispiel materielle Lage, Gesundheit, Wohlbefinden) werden deshalb nicht nur Durchschnittswerte herangezogen, um eine (vermeintlich) homogene Gruppe älterer Personen zu beschreiben. Vielmehr wird ergänzend betrachtet, wie hoch die Heterogenität ist, die sich hinter diesen Werten verbirgt, um der Vielfalt von Lebenssituationen in der zweiten Lebenshälfte Rechnung zu tragen. Zentral ist hierbei zu untersuchen, welche Sozialstrukturmerkmale mit der beobachteten Heterogenität korrespondieren.
Soziale Ungleichheit ist als eine sozial strukturierte Benachteiligung oder Bevorzugung hinsichtlich der Zugangsmöglichkeiten zu verfügbaren (und erstrebenswerten) Ressourcen, sozialen Gütern und Positionen zu verstehen. Soziale Ungleichheit bezieht sich darauf, dass für bestimmte Personen, Gruppen von Personen bis hin zu Gesellschaft en Einschränkungen oder Begünstigungen erwachsen (Kreckel 1992). Benachteiligungen entstehen oft mals vor dem Hintergrund von Unterschieden in der Sozialstruktur, also sozialer oder räumlicher Herkunft, Bildung, beruflichen Tätigkeiten, sowie Unterschieden in den verfügbaren wirtschaftlichen Ressourcen wie Einkommen und Vermögen. Definitionen sozialer Ungleichheit greifen, im Gegensatz zum Konzept der „Vielfalt“, auf normative Setzungen zurück. Dies wird daran deutlich, dass sich Urteile über die Qualität von Gütern, Positionen und Ergebnissen (Outcomes) an normativen Vergleichskriterien orientieren. Als soziale Ungleichheit werden dementsprechend vor allem solche Differenzierungen bezeichnet, die als gesellschaftlich problematisch gelten und als veränderungswürdig betrachtet werden.
In der Alterssozialberichterstattung steht zunächst die Ungleichheit zwischen älteren Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt im Fokus. In einer Studie wie dem DEAS stellt sich aber auch die Frage, ob sich soziale Ungleichheit in verschiedenen Altersgruppen beziehungsweise Kohorten unterschiedlich darstellt und inwieweit sich diese Ungleichheitsrelationen über die Zeit gewandelt haben. Schließlich stellt sich die Frage nach Veränderungen sozialer Ungleichheit über den Lebenslauf von Kohorten und Generationen. In der sozialen Gerontologie werden häufig vier Hypothesen diskutiert, die sich mit der Veränderung sozialer Ungleichheit über den Lebenslauf befassen: Kontinuität, Angleichung, Differenzierung und Altersbedingtheit sozialer Ungleichheit im späten Lebenslauf (Dannefer 2003; Ferraro et al. 2009; Motel-Klingebiel et al. 2004).
Die Kontinuitätshypothese nimmt dabei an, dass soziale Ungleichheit innerhalb einer bestimmten Geburtskohorte über den späten Lebenslauf stabil bleibt (Kohli 1990). Demgegenüber geht die Angleichungshypothese davon aus, dass mit dem Alter eine Homogenisierung oder Destrukturierung stattfindet, das heißt, soziale Ungleichheit abnimmt. Begründet wird dies mit der Standardisierung sozialer Positionen, die aufgrund der zunehmenden Bedeutung institutioneller Regelungen in späteren Lebensphasen auftreten kann. Die Differenzierungshypothese postuliert hingegen eine Verstärkung von Ungleichheit im Alter, denn es wird angenommen, dass sich Ungleichheiten aufgrund der fortwährenden Wirkungen vorlaufender Begünstigungen und Benachteiligungen und ihres Zusammenspiels im späten Lebenslauf weiter verschärfen (Dannefer 2003; Ferraro et al. 2009; O’Rand 2003). Die Hypothese der Altersbedingtheit nimmt schließlich einen Wechsel der Ursachen für Ungleichheiten im Lebenslauf an. Sie ist keine Alternative zu den zuvor genannten Hypothesen, sondern ergänzt diese.
Gerade die Betrachtung der Veränderung von sozialer Ungleichheit im Lebensverlauf verbindet die Frage nach Vielfalt und Ungleichheit mit zeitlichen Veränderungen. Soziale Ungleichheit kann sich in Ausmaß, Form und Strukturen über die Zeit hinweg verändern, und zwar nicht allein mit Blick auf Individuen, sondern auch mit Blick auf Gesellschaft en. Dieser Dynamik, die mit dem Begriff des sozialen Wandels bezeichnet wird, wenden wir uns im folgenden Abschnitt zu.
Mit dem Begriff des sozialen Wandels werden die qualitativen, wie quantitativen Veränderungen von Gesellschaften, von gesellschaftlichen Teilgruppen und von individuellen Verhaltensweisen und Wertorientierungen über die historische Zeit bezeichnet. Auch wenn die Soziologie nicht über eine paradigmatische Theorie sozialen Wandels verfügt, „die unangefochten den Anspruch auf Erklärung der Dynamik moderner Gegenwartsgesellschaften stellen könnte“ (Weymann 1998, S. 18), wird doch einhellig fest gestellt, dass sozialer Wandel als strukturelle Veränderung eines sozialen Systems verstanden werden kann. Die dabei ablaufenden Wandlungsprozesse betreffen die Makroebene (Sozialstruktur, Kultur, Wirtschaft), die Mesoebene (Institutionen, korporative Akteure, Gemeinschaft en) und die Mikroebene (Personen, Lebensläufe). Theorien des sozialen Wandels beziehen sich auf den Verlauf des Wandels, auf seine Ursachen sowie auf seine Wirkungen mit Blick auf Sozialstruktur und individuelle Lebenssituationen.
Für die Mikroperspektive des DEAS sind zwei Aspekte des sozialen Wandels von Interesse. Zum einen geht es darum, die Auswirkungen des Wandels gesellschaftlicher Rahmenbedingungen auf individuelle Lebenssituationen zu untersuchen. Wir wollen fragen, wie gesellschaftliche Entwicklungen und politische Maßnahmen die Situation und das Wohlbefinden von älter werdenden und alten Menschen beeinflusst haben. Hierbei geht es um die Beobachtung der Lebenssituationen von Gesellschaftsmitgliedern im Verlauf der historischen Zeit. Zum anderen ist von Interesse, wie der Wandel der Lebensweisen als eine treibende Kraft einen Wandel sozialer Systeme bewirkt. In diesem Sinne kommt dem Wandel der Generationen als Antrieb für sozialen Wandel eine erhebliche Bedeutung bei. Verschiedene Geburtskohorten sind in unterschiedliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Kontexte eingebettet. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, die Analyse sozialen Wandels mit der Lebenslauf- und Generationenforschung zu verknüpfen und die gesellschaftliche Dynamik des vergangenen Jahrhunderts in den Blick zu nehmen. In ähnlicher Weise unterscheiden Baltes und Kollegen (Baltes 1979) zwei Trends des sozialen Wandels: Trends, die sich direkt auf die institutionellen Rahmenbedingungen des Älterwerdens auswirken (zum Beispiel sozialpolitische Interventionen), sowie Trends, die aufgrund von Veränderungen in der Bevölkerung entstehen (zum Beispiel Veränderungen in der Verteilung von Ressourcen oder Veränderungen in Werthaltungen).
In der Untersuchung sozialen Wandels aufgrund der Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen sind drei Fragen zu stellen (Müller & Schmid 1995):
Die
deskriptive
Frage „Was wandelt sich?“
Die
explanatorische
Frage „Warum vollzieht sich der Wandel?“
Die
evaluative
Frage „Was bedeutet der Wandel für politische Bewertung und Entscheidungen?“
Empirisch wird im DEAS vor allem die erste Frage untersucht: Wie wandeln sich die Lebenssituationen von Menschen in der zweiten Lebenshälfte? Hierbei wird untersucht, ob (und inwiefern) gesellschaftliche Trends ihren Niederschlag in der Lebensqualität von älter werdenden und alten Menschen finden.
Abb. 1–2: Zeitachse mit ausgewählten Ereignissen im Zeitraum 1996 bis 2008 – bisheriger Erhebungszeitraum des DEAS
Mit Blick auf gesellschaftliche Ereignisse und sozialpolitische Maßnahmen wird mit der zweiten Frage den Ursachen für diesen Wandel nachgegangen. Schließlich ist es auch eine Aufgabe der Sozialberichterstattung, die dritte hier gestellte Frage zu beantworten und den beobachteten Wandel zu interpretieren und zu bewerten.
Im Rahmen des DEAS wird die Frage, wie gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Veränderungen die Situation von Menschen in der zweiten Lebenshälfte beeinflussen, mit Blick auf den Zeitraum zwischen 1996 (Zeitpunkt der ersten DEAS-Welle) und 2008 (Zeitpunkt der dritten DEAS-Welle) gestellt. Gerade um Fragen nach Ursachen und Bewertungen von Veränderung in Lebensbedingungen zu beantworten, ist es unabdingbar, bedeutsame gesellschaftliche und politische Entwicklungen nachzuzeichnen, die die Lebenssituation von Menschen in der zweiten Lebenshälfte beeinflussen. In Abbildung 1–2 sind ausgewählte gesellschaftliche Ereignisse und sozialpolitische Maßnahmen dargestellt, die sich zwischen 1996 und 2008 vollzogen haben. Insbesondere Veränderungen in der Sozialpolitik (Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Sozialhilfe sowie Grundsicherung für Arbeitsuchende) sind von Bedeutung für die Lebenssituationen von Menschen in der zweiten Lebenshälfte.
Gesellschaft: Der gesellschaftliche Wandel in Deutschland war in den letzten zwölf Jahren besonders durch das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten gekennzeichnet. Im Jahr 1996 lag die Vereinigung gerade sechs Jahre zurück, 2009 wurde der 20. Jahrestag des Mauerfalls begangen. Seit Beginn der 1990er Jahre haben sich die Lebensbedingungen in Ost- und Westdeutschland angenähert. Politisch ist der Zeitraum zwischen 1996 und 2008 durch zwei Wechsel in der Regierungskoalition zu charakterisieren. Im Jahr 1998 wurde die schwarz-gelbe Koalition des Kanzlers Kohl durch die rot-grüne Koalition von Kanzler Schröder abgelöst. Dieser folgte dann im Jahr 2005 die schwarz-rote Koalition von Kanzlerin Merkel. Die wirtschaftliche Entwicklung war in den letzten zwölf Jahren durch eine Abfolge von konjunkturellen Auf- und Abschwüngen gekennzeichnet. Nach der Rezession des Jahres 1993, Folge der im vorhergehenden Wiedervereinigungsboom aufgetretenen Übersteigerungen und der daraufhin einsetzenden restriktiven Geldpolitik, trat ein Aufschwung ein, der im Jahr 2001 endete (Ende des Booms in der IT- und Kommunikationsbranche). Nach einer wirtschaftlichen Schwächephase begann im Jahr 2005 ein relativ starkes Wirtschaftswachstum, das in die weltweite Finanzkrise des Jahres 2008 mündete. Trotz dieser wirtschaftlichen Fluktuation war das Wachstum des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts und des durchschnittlichen preisbereinigten Einkommens in den letzten zwölf Jahren positiv. Allerdings stiegen in dieser Zeit die Arbeitslosenquote sowie das Risiko der Privatinsolvenz.
Arbeitsmarktpolitik und Arbeitslosenversicherung: Im Jahr 2000 wurden die europäischen Richtlinien über Teilzeitarbeit und befristete Arbeitsverträge in Deutschland umgesetzt, mit dem Ziel, die Akzeptanz für Teilzeitarbeit zu erhöhen. Im Jahr 2002 wurde das Job-AQTIV-Gesetz wirksam, das eine effizientere Arbeitsvermittlung zum Ziel hatte. Im Jahr 2003 traten die beiden ersten Teile der Hartz-Gesetze in Kraft (Hartz I: Erleichterung von neuen Formen der Arbeit, Förderung der beruflichen Weiterbildung durch die Arbeitsagentur, Einführung des Bildungsgutscheins, Zeitarbeit mit Personal-Service-Agenturen; Hartz II: Regelung der Beschäftigungsarten Minijob und Midijob, Ich-AG, Einrichtung von Jobcentern). Im Jahr 2004 trat das dritte Hartz-Gesetz in Kraft (Hartz III: Umbau der Bundesanstalt für Arbeit in die Bundesagentur für Arbeit). Im Jahr 2005 trat das vierte Hartz-Gesetz in Kraft (Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe, Reduzierung des Bezugs von Arbeitslosengeld auf 18 Monate). Alle Maßnahmen kombinieren eine Reduzierung der Sozialleistungen mit verstärkten Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit, die zum Ziel haben, dass arbeitslose Menschen rasch wieder Erwerbsarbeit finden.
Rentenpolitik: Im Jahr 1997 hatte die schwarz-gelbe Koalition das Rentenreformgesetz 1999 (RRG 1999) verabschiedet. Schwerpunkte des Gesetzes waren die Abschaffung der Altersrente wegen Arbeitslosigkeit und Altersteilzeitarbeit, die Einführung einer früher beginnenden Altersrente für Frauen, die Neuordnung der Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit, die Anhebung der Altersgrenzen für Schwerbehinderte sowie die Einführung eines Faktors in die Rentenformel, der den Anstieg der Lebenserwartung berücksichtigt (Demografiefaktor). Teile dieses Reformgesetzes wurden im Jahr 1999 rückgängig gemacht. Im Jahr 2001 trat das Gesetz zur Reform der Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit in Kraft (zweistufige Erwerbsminderungsrente, Anhebung der Altersgrenze bei der Altersrente für schwerbehinderte Menschen). Im Jahr 2002 wurde die Riesterrente eingeführt, die es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ermöglichen soll, privat für die Alterssicherung vorzusorgen. Im Jahr 2003 trat das Gesetz über eine bedarfsorientierte Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung in Kraft. Hierbei handelt sich um eine eigenständige, bedürftigkeitsabhängige Leistung. Im Jahr 2006 wurde die Altersgrenze für den frühesten Bezug der vorzeitigen Altersrente stufenweise vom 60. auf das 63. Lebensjahr angehoben, um Frühverrentungen zu verhindern. Im Jahr 2008 trat das Gesetz zur Rente mit 67 in Kraft (Anhebung der Altersgrenze für die Rente ab 2012 von 65 auf 67 Jahre; Geburtsjahrgänge ab 1964 werden erst mit 67 Jahren ohne Abzüge in Rente gehen können). Insgesamt bezwecken die Rentenreformen seit Mitte der 1990er Jahre eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit sowie eine Senkung der Renteneinkünfte, insbesondere zukünftiger Rentenempfänger, mit dem Ziel der Sicherung des gesetzlichen Rentensystems.
Gesundheitspolitik: Mit dem „Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung“ wurde im Jahr 2004 eine Reihe von Änderungen wirksam (Wettbewerb im Gesundheitssystem, mehr Eigenverantwortung der Versicherten). In den letzten Jahren traten zwei weitere wesentliche Gesetze in Kraft: 2006 das „Gesetz zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit in der Arzneimittelversorgung“ (keine Zuzahlung nur für Arzneimittel, die 30 Prozent oder mehr unterhalb eines festgesetzten Festbetrags liegen) und 2007 das Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung (schrittweise Einführung der Krankenversicherungspflicht, Ausbau der integrierten Versorgung, erweiterte Wahlmöglichkeiten für die Versicherten). Insgesamt hatten die Reformen in der Gesundheitspolitik das Ziel, die Kosten des Gesundheitssystems zu senken, insbesondere durch Eigenbeteiligung der Versicherten sowie durch stärkere Regulierung.
Pftegepolitik: Bereits im Jahr 1995 trat die Pflegeversicherung (SGB XI) als Pflichtversicherung in Kraft. Da es sich bei der Pflegeversicherung um einen neuen Zweig der Sozialversicherung handelte, veränderte sich in den folgenden Jahren die Infrastruktur, insbesondere durch eine Vielzahl neu gegründeter Anbieter im ambulanten Sektor. Auch die Inanspruchnahme von Leistungen veränderte sich in den ersten Jahren der Pflegeversicherung (leichte Absenkung der Zahl von Pflegegeldempfängern, Anstieg der Zahl von Pflegeheimbewohnern). Im Jahr 2005 wurde ein Zusatzbeitrag für kinderlose Mitglieder der sozialen Pflegeversicherung eingeführt. Im Jahr 2008 trat die erste größere Reform der Pflegeversicherung in Kraft (schrittweise Anhebung der Pflegesätze bis 2012, Leistungen für die Betreuung demenzkranker Menschen, finanzielle Förderung von Selbsthilfeorganisationen, Pflegeurlaub von zehn Tagen und Pflegefreistellung bis zu sechs Monate). Insgesamt bezweckt die Pflegeversicherung eine Stärkung der Unterstützung der Familien und weiteren sozialen Netzwerke bei der Betreuung und Pflege von Familienangehörigen.
Sozialhilfepolitik und Grundsicherung: Im Jahr 2003 wurde die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung eingeführt. Hierbei handelt es sich um eine bedarfsorientierte Sozialleistung zur Sicherstellung des notwendigen Lebensunterhalts. Der Zweck der Grundsicherung ist es, sogenannter versteckter oder verschämter Altersarmut vorzubeugen. Von Bedeutung hierbei ist, dass – entgegen der sonst üblichen Unterhaltspflicht aufgrund des Subsidiaritätsprinzips – die Kinder der betroffenen Personen nicht vom Sozialhilfeträger in die Pflicht genommen werden.
Insgesamt zeigen sich unterschiedliche, teils divergente Entwicklungen in der Sozialpolitik. Zum einen ist eine deutliche Begrenzung und sogar Zurücknahme sozialpolitischer Leistungen zu konstatieren (Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, Krankenversicherung). Zum anderen gibt es neue Formen sozialer Sicherung (Grundsicherung, Pflegeversicherung). Obwohl viele dieser Maßnahmen eine allgemeine Reduzierung sozialpolitischer Leistungen mit sich brachten (zum Beispiel durch Zuzahlungen für Gesundheitsleistungen, private Vorsorge für die Alterssicherung), sind die Wirkungen gesellschaftlich differenziert und wirken so auf die Verteilung sozialer Ungleichheitspositionen – zwischen Altersgruppen und zwischen Generationen aber auch innerhalb von ihnen. Beispielweise gelten Änderungen des Rentenrechts, etwa mit Blick auf eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters, in unterschiedlicher Weise für Angehörige unterschiedlicher Geburtskohorten. Zudem muss davon ausgegangen werden, dass sich die gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen der Sozialpolitik auf Menschen unterschiedlichen Alters, auf Männer und Frauen, auf Menschen in Ost- und Westdeutschland sowie auf Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten unterschiedlich ausgewirkt haben, auswirken und auswirken werden. Die Abschätzung tatsächlicher künftiger Verteilungswirkungen ist angesichts der Vielzahl von weiteren Einflussmöglichkeiten problematisch, sodass eine dauerhafte Beobachtung der tatsächlichen Entwicklungen wissenschaftlich unabdingbar ist und politisch dringlich geboten scheint.
Eine Veränderung der Lebenssituation älterer Menschen und der Ausgestaltung der Altersphase sollte nicht allein vor dem Hintergrund von Veränderungen der aktuellen gesellschaftlichen Kontexte diskutiert werden wie sie im vorangegangenen Abschnitt 1.4.1 vorgestellt wurden. Vielmehr sind spätere Lebensphasen erheblich durch frühere Lebensabschnitte mit geprägt, denn der gesamte bisherige Lebenslauf stellt materielle wie immaterielle Ressourcen für das höhere Alter bereit und beeinflusst die Lebensformen und Wünsche im Alter. Gesellschaftliche Entwicklungen und politische Entscheidungen treffen auf Menschen unterschiedlichen Alters – diese sind in je unterschiedlicher Weise davon betroffen. Lebensläufe vollziehen sich in Abhängigkeit von ihrer historischen und gesellschaftlichen Einbettung unter sehr unterschiedlichen Bedingungen.
Von hoher Bedeutung ist die Tatsache, dass die Struktur des Lebenslaufs als zeitliche Abfolge unterschiedlicher Lebensphasen in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Gesellschaft steht. Sozialer Wandel wird auch durch die Abfolge von Generationen vorangetrieben. Die historische Lagerung bestimmter Geburtskohorten und ihrer Lebensläufe kann im Sinne Karl Mannheims (Mannheim 1928) zur Ausbildung von Generationen führen, die sich durch spezifische Lebensweisen, Einstellungen, Planungen und Ressourcen ausweisen. Er führt zur Beschreibung des Sachverhalts die Hierarchie von Generationslagerung, Generationszusammenhang und Generationseinheit ein. Generationslagerung bezeichnet Geburtskohorten, die einem ähnlichen historischen Kontext entstammen; Generationenzusammenhang meint die Teilhabe an gemeinsamer Geschichte und kulturellen Strömungen und Generationseinheiten bedeutet eine identitätsstiftende Verarbeitung der gemeinsamen Geschichte sowie einheitliche Reaktionen der zu einer Generationseinheit gehörenden Mitglieder.
Zu fragen ist, welche gesellschaftlichen Entwicklungen das Alter und Altern von Generationen prägen und ob sich im 20. Jahrhundert Veränderungen nachzeichnen lassen, die einen Wandel des Alters implizieren. Nachfolgend sollen hierfür beispielhaft drei Generationen skizziert werden, deren Lebensläufe sich deutlich unterscheiden: Erstens die 1945er- und Auftaugeneration, zweitens die 1968er- und integrierte Generation sowie drittens die Babyboomer-Generation in Ost- und Westdeutschland. Der Wandel des höheren Lebensalters zeigt sich derzeit vor allem als Übergang zwischen den beiden ersten Generationengruppen. Die Babyboomer-Generation stellt hingegen derzeit die älteren Erwerbstätigen und die „Alten der Zukunft“.
Die Mitglieder der 1945er- und Auftau-Generation (Geburtskohorten 1918–1930) wurden im Nationalsozialismus sozialisiert und wuchsen unter den Bedingungen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges heran. Sie erlebten Beginn und Ende des Zweiten Weltkrieges. Anschließend integrierten sie sich in die konkurrierenden Systeme der beiden deutschen Staaten und wurden als junge Erwachsene in unterschiedlicher Weise vom Aufbau zweier deutscher Gesellschaft en und der hiermit verbundenen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung geprägt. Biografisch waren der (häufigere) Wechsel von Ost nach West und der (seltenere) Wechsel von West nach Ost eine Lebensoption, die im Jahr 1961 ein plötzliches Ende fand und erst ab 1990 wieder offen stand – für die meisten Personen dieser Generation in einem Alter, in dem sie bereits im Ruhestand waren. Beide Generationen waren durch das alte Gesellschaft ssystem des nationalsozialistischen Deutschlands geformt und gleichzeitig Träger eines neuen beziehungsweise wesentlich renovierten Gesellschaftssystems. Diese Generation ist für die Analysen des DEAS von besonderem Interesse, da sie die älteste Generation darstellt, die von den Geburtsjahrgängen betrachtet im DEAS vollständig enthalten ist.
Die 1968er-Generation und die integrierte Generation (Geburtskohorten der späten 1930er bis Mitte 1940er Jahre) wurden in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg geboren, erlebten die Staatsgründungen als Kinder und wuchsen unter den Bedingungen des Wirtschaftswunders (West) und des Aufbaus (Ost) heran. Sie profitierten in großem Umfang von beiden Entwicklungen und den damit verbundenen erheblichen Entwicklungs- und Aufstiegschancen, reagierten aber in je unterschiedlicher Art und Weise auf diese als junge Erwachsene vorgefundenen Gesellschaften. Während die 1968er im weiteren Lebenslauf den Beginn einer (von ihnen mit ausgelösten) Bildungsexpansion erlebten, allerdings auch von der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre betroffen waren, anschließend aber weithin erfolgreiche Karrieren erfuhren, erlebte die integrierte Generation des Ostens ihre Krise mit dem Zusammenbruch der DDR. Dieser führte zu einem Umbruch des Arbeitsmarktes und für viele Menschen zu Arbeitslosigkeit. Davon waren ältere und jüngere Mitglieder der integrierten Generation in unterschiedlicher Weise betroffen. Für die Älteren hielten sich aufgrund von günstigen Übergangsregelungen die materiellen Folgen in Grenzen. Im Vergleich mit den Ruhestandsaussichten in der DDR war für sie damit zunächst sogar ein relativer Aufstieg verbunden. Die Jüngeren dieser Generation stellen hingegen aufgrund vielfach abgebrochener Erwerbskarrieren in Teilen die „Wendeverlierer“ dar. Während die 1968er in Westdeutschland die Liberalisierung der Gesellschaft vorantrieben und so den Weg für die Babyboomer bereiteten, ihnen aber auch gleichzeitig Karrierewege verstellten, steht die integrierte Generation Ostdeutschlands für die ideologische und kulturelle Verhärtung der Gesellschaft.
Die zwischen der Mitte der 1950er und der ersten Hälfte der 1960er Jahre geborene Babyboomer-Generation sind besonders geburtenstarke Jahrgänge, denen sehr viel schwächer besetzte Geburtskohorten folgen. Die Babyboomer in West- und Ostdeutschland fanden weitgehend etablierte wirtschaftliche und politische Systeme vor. In Westdeutschland gab es vor allem aufgrund der Masse von Personen eines Jahrgangs, aber auch aufgrund einer Verlangsamung der wirtschaftlichen Entwicklung nur bedingt Spielraum für berufliche Aufstiege. Und dies trotz der im Zuge der Bildungsexpansion der 1970er Jahre gegenüber ihren Vorgängerkohorten massiv gestiegenen Bildungschancen dieser Gruppe. Ähnliches galt in Ostdeutschland, aber aus anderen Gründen. Hier hatte der bis in die 1970er Jahre hinein erfolgreiche Aufbau des Systems, und insbesondere der Erfolg der integrierten Generation zu einem beschränkten Zugang zur sozialistischen Dienstklasse geführt und vielfach Aufstiege erschwert oder unmöglich gemacht. Die Babyboomer Ostdeutschlands verschärften so die Legitimitätskrise der DDR und können letztlich als eine treibende Generation des Systemwechsels angesehen werden. Während die Babyboomer des Westens auf eine sich bereits liberalisierende Gesellschaft trafen, die sich beispielsweise durch zunehmende Lebensoptionen und den sukzessiven, wenn auch nicht vollständigen Abbau von Geschlechterungleichheiten kennzeichnen lässt, sahen sich die ostdeutschen Babyboomer auch außerhalb der Erwerbssphäre einem verfestigten Gesellschaftssystem gegenüber, das wenig Spielraum zur Entfaltung, Aufstieg und Wirksamkeit ließ.
Die deutsche Vereinigung erlebten die Babyboomer im Alter etwa zwischen Mitte 20 und Mitte 30 – also in relativ frühen Phasen ihrer Erwerbskarrieren oder am Ende ihrer Ausbildung. Seitdem sind ihre Erwerbskarrieren allgemein unter einigermaßen günstigen wirtschaftlichen Bedingungen verlaufen. Im Allgemeinen ist bei ihnen eine zunehmende Pluralisierung von Lebensformen und Lebensläufen bis zum Renteneintritt zu konstatieren, deren Auswirkung auf die Alterssicherung offen ist. Die Babyboomer werden die erste Generation sein, die voll von den in den letzten Jahren beschlossenen Leistungsabsenkungen des Systems sozialer Sicherung, insbesondere der öffentlichen Alterssicherung und den Folgen der Privatisierung sozialer Sicherung betroffen ist und künftig sein wird. Diese Generation ist mit einer deutlich veränderten Struktur der gesetzlichen Alterssicherung konfrontiert. Und allein schon aufgrund ihrer Kohortenstärke sinkt nach dem reformierten Rentenrecht ihre individuelle Altersrente.
Die Lebensqualität der Menschen in der zweiten Lebenshälfte ist der zentrale Gegenstand der Analysen zur dritten Welle des DEAS. Lebensqualität ist ein wesentliches Kriterium zur Bewertung von Erfolg und Misserfolg gesellschaftlicher Wohlfahrtsproduktion und sozialpolitischer Interventionen (Wahl et al.
2005; Veenhoven & Hagerty 2006; Hajiran 2006; Schulz-Nieswandt 2006; Stroup 2007). Lebensqualität wird hierbei sowohl als objektive Lebenslage als auch subjektive Lebensbewertung gefasst. Eine reine Erfassung der durchschnittlichen objektiven und subjektiven Lebenslagen ist jedoch nicht ausreichend. Um ein besseres Verständnis der Lebenssituationen zu erreichen, muss die zweite Lebenshälfte auch in seiner Vielfalt beschrieben werden.
Der DEAS leistet deshalb Beiträge zur Sozialberichterstattung mit Blick auf die objektiven Lebenslagen und das subjektive Wohlbefinden von Menschen in der zweiten Lebenshälfte zum einen im Hinblick auf das Niveau zentraler Aspekte zum anderen in Bezug auf Verteilungen und Häufigkeiten. Es werden Differenzierungen nach Alter, Geschlecht, Region (Ost/West) und Bildungsstand vorgenommen. Mit Blick auf den sozialen Wandel, seine Grundlagen und Folgen geht es um die Frage, wie gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Veränderungen die Situation von Menschen in der zweiten Lebenshälfte beeinflussen und umgekehrt von den Lebenswünschen und Lebensläufen angetrieben werden.
Alle Beiträge dieses Bandes rücken im jeweiligen Themengebiet die Frage der Lebensqualität ins Zentrum ihrer Analysen. Dabei spiegelt der Begriff der Lebensqualität sowohl das „gute Leben“ als auch seine Bedingungen wider (vgl. Veenhoven 2000). Lebensqualität kann als Ausdruck und Resultat ungleich verteilter Lebensbedingungen und Lebenschancen von Personen verstanden werden, die sich in verschiedenen Lebensphasen befinden, zu verschiedenen historischen Zeitpunkten geboren wurden und in unterschiedlichen kulturellen und sozialen Umwelten leben. Lebensqualität beinhaltet materielle und nicht materielle, objektive und subjektive, individuelle und kollektive Aspekte (Motel-Klingebiel et al. 2003; Katz et al. 2005; Rapley 2003). Im Kontext des DEAS wird Lebensqualität als ein multidimensionales Konstrukt verstanden.
Die Formulierung eines Modells der Lebensqualität dient damit im DEAS vor allem der konzeptionellen Gestaltung der Analysestruktur und dem inhaltlichen Bezug der Ergebnisse aufeinander.
Die Kapitel des Buchs berücksichtigen sowohl die Vielfalt und Ungleichheit der relevanten Lebenssituationen als auch ihren Wandel zwischen 1996 und 2008. Im Folgenden wird zunächst der Deutsche Alterssurvey in seinem methodischen Aufbau näher beschrieben (Kapitel 1 „Datengrundlagen und Methoden“). Es werden – nach Informationen zur Methodik des DEAS – die grundlegenden Bedingungen der Lebenssituation im Alter angesprochen: Mit den Themen materielle Lage, Gesundheit, berufliche und gesellschaftliche Partizipation sowie Wohnen und Wohnumfeld stehen zentrale Aspekte der Lebenschancen im Mittelpunkt. Daran anschließend werden wesentliche Fragen von gesellschaftlichen Beziehungen dargestellt. Diese Beiträge behandeln die Themen Lebensformen und Partnerschaft, familiale Generationenbeziehungen, soziale Netzwerke, erlebte Altersdiskriminierung sowie Altersbilder. Damit stellen sie die gesellschaftliche Integration in der zweiten Lebenshälfte ins Zentrum. Die empirischen Analysen schließen mit einer Darstellung des subjektiven Wohlbefindens von Menschen in der zweiten Lebenshälfte als einem wesentlichen subjektiven Ergebnisaspekt der Lebensqualität in der zweiten Lebenshälfte. Das letzte Kapitel des Buches widmet sich einer Gesamtschau zur Lebensqualität älterer Menschen und setzt dabei die Ergebnisse der verschiedenen Lebensbereiche zueinander in Beziehung. Zudem werden die gesellschaftsrelevanten Folgerungen und politischen Implikationen diskutiert.
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