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»Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte." (Genesis 2, 2) Der achte Tag beginnt eigentlich ganz banal: Tereza und Marek zieht es für einen Langzeiturlaub in die Wüste Gobi. Dort liegt nach wie vor ein Sandkorn auf dem anderen, während manche Gebäude ihrer Heimatstadt von moosartigen Gewächsen überwuchert werden, in Emilys und Jacks unberührten Vorgarten plötzlich ein seltsames Konstrukt auftaucht und Wissenschaftler auf der anderen Seite der Weltkugel ungewöhnliche Begebenheiten in ihren Testlaboren bemerken. Marek und Tereza bekommen von all dem nichts mit. Als die eigenartigen Objekte Wochen später haushohe Dimensionen angenommen haben, kämpfen die beiden ums eigene Überleben. Dass die Welt in Chaos, Bürokratie und Hingabe zum Unvermeidlichen ertrinken zu scheint, hat für sie keinen Stellenwert. Was bedeuten große Dinge, wenn man nichts von ihnen weiß? Und wie müssen die Wesen in der Urzeit empfunden haben, als die Dinosaurier über Nacht die Welt beherrschten?
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2015
Cover
Impressum
Buchtitel
Autor und Klappentext
Buchanfang
VERÄNDERUNG
KONFRONTATION
AUSSER KONTROLLE
ANPASSUNG
Leseproben
Corinna Antelmann - VIER
Gudrun Büchler - Unter dem Apfelbaum
Jürgen Bauer - Das Fenster zur Welt
Isabella Feimer - Zeit etwas Sonderbares
Christoph Flarer, Am achten Tag
E-Book
ISBN: 978-3-903061-04-0
© 2013, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Das Genesis-Zitat zu Beginn des Buches wurde
der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift entnommen.
© 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart.
Lektorat: Gloria Hoppe
Umschlag: Jürgen Schütz
Umschlagbild: © Claudia Hantschel
Printversion: Hardcover Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-902711-21-2
www.septime-verlag.at
www.facebook.com/septimeverlag | www.twitter.com/septimeverlag
Christoph Flarer
Am achten Tag
Roman | Septime Verlag
Christoph Flarer
wurde 1979 in Meran (Südtirol) geboren. Nach erfolgreichem Architekturstudium ist der derzeit als Architekt und Musiker tätig. Flarer veröffentliche zahlreiche Texte, unter anderem für die Zeitschrift Pofl und schrieb ein bisher unveröffentlichtes Drehbuch. Seine Texte bestechen vor allem durch seinen Ideenreichtum.
Am achten Tag ist der Debütroman des jungen Autors, der sich vorrangig dadurch auszeichnet, dass Flarer eine surrealistische Welt erschafft, in der sämtliche Charaktere glaubwürdig bleiben.
Klappentext
„Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte“
(Gen 2,2)
Der achte Tag beginnt eigentlich ganz banal: Tereza und Marek zieht es für einen Langzeiturlaub in die Wüste Gobi. Dort liegt nach wie vor ein Sandkorn auf dem anderen, während manche Gebäude einer Kleinstadt von moosartigen Gewächsen überwuchert werden, in Emilys und Jacks unberührtem Vorgarten plötzlich ein seltsames Konstrukt auftaucht und Wissenschaftler auf der anderen Seite der Weltkugel ungewöhnliche Begebenheiten in ihren Testlaboren bemerken.
Marek und Tereza bekommen von all dem nichts mit. Als die eigenartigen Objekte Wochen später haushohe Dimensionen angenommen haben, kämpfen die beiden ums eigene Überleben. Dass die Welt in Chaos, Bürokratie und Hingabe zum Unvermeidlichen zu ertrinken scheint, hat für sie keinen Stellenwert.
Was bedeuten große Dinge, wenn man nichts von ihnen weiß? Und wie müssen die Wesen in der Urzeit empfunden haben?, als die Dinosaurier über Nacht die Welt beherrschten?
So wurden Himmel und Erde vollendet
und ihr ganzes Gefüge.
Am siebten Tag vollendete Gott das Werk,
das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag,
nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.
Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott,
nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde,
als sie erschaffen wurden.
Gen 2,1-4
VERÄNDERUNG
Es war ein Mittwochmorgen. Winter. Die Temperaturen eisig. Tereza reinigte die Schaufenster des Bettengeschäfts, in dem sie seit einigen Jahren arbeitete. In diesen frühmorgendlichen Stunden wurde die Innenstadt von denen bevölkert, die man dort sonst zu anderen Tageszeiten nie zu Gesicht bekam: Zulieferer und Händler mit ihren Autos, die die Geschäfte mit Waren auffüllten und hinterher gleich wieder verschwanden, bevor sich die Läden für die Kundschaft öffneten.
Tereza rieb ihre Handflächen fest aneinander und hauchte ihren warmen Atem zwischen die Finger. Während sie im Freien arbeitete und fror, war ihre Kollegin Sandra mit der Neugestaltung der Auslage beschäftigt und sichtlich froh, im Warmen bleiben zu dürfen. Tereza nahm den Lappen aus dem inzwischen lauwarmen Wasser und fuhr damit über die Glasscheiben. Bald würde sie diese Arbeit hinter sich gelassen haben. Seit ihrer Kündigung war sie wie verwandelt und eine nicht zu übersehende Beschwingtheit begleitete ihren Tagesrhythmus. Sie wusste ihre Arbeit zu schätzen, hatte sich in dieser Umgebung auch immer wohlgefühlt, aber dennoch sah sie den drei Monaten in der Mongolei mit Freude entgegen. Und allem, was danach kam.
Es war ihre Idee gewesen, nach Ulaanbataar zu fliegen und von dort aus durch das ganze Land zu reisen. Marek war überraschenderweise gleich davon begeistert gewesen. Er, der sonst nicht so viel davon hielt, sich außerhalb eines bekannten Gebietes zu bewegen, hatte die Kluburlaube vielleicht auch satt. Jedes Jahr hatten sie ihre freien Tage in einer dieser Enklaven verbracht – losgelöst von der Umgebung, eingepfercht unter Stammesgleichen, die den Tag zwischen klimatisierten Zimmern, Mittagsbuffet, Pool und Cocktails verbrachten, nur um dann und wann an durchorganisierten Touren teilzunehmen, welche die romantische Illusion bestärken sollten, ein fremdes Land sowie dessen Kultur erlebt, nein, sogar verstanden zu haben. Sie konnte diesen Massenabfertigungsurlauben noch nie viel abgewinnen. Doch Marek hatte sich bisher nie dazu überwinden können, länger als eine Woche von seiner Firma fernzubleiben. Und zugegeben, auch ihre Bequemlichkeit hatte einen Teil dazu beigetragen, dass sie letztendlich immer in einer dieser Ferienanlagen gelandet waren. Mit ihrer Kündigung und dem damit verbundenen Drang, einige Dinge zu ändern, hatten sie sich dieses Jahr endlich für eine längere Auszeit und eine andere Art zu Reisen entschieden.
Tereza schrubbte mit einer groben Bürste den Sockel des Schaufensters ab. Sandra hatte ihre Arbeit im Innenbereich inzwischen erledigt. Sie winkte ihrer Kollegin zu und verschwand dann aus dem Schaufensterbereich.
Die Innere Mongolei war nur spärlich für den Massentourismus erschlossen, doch hatten Tereza und Marek sich gut darauf vorbereitet. Tereza konnte schon im Schlaf die Tagesabschnitte, -ziele und Attraktionen ihrer Route abrufen. Auf digitalen Landkarten und Satellitenbildern, sofern es denn welche gab, hatten sie sich gemeinsam die entsprechenden Orte angesehen, die Gegenden, die sie passieren würden, studiert, sich mit den landestypischen Gepflogenheiten vertraut gemacht, über kulinarische Spezialitäten informiert und die Daten auf Mareks Smartphone gespielt. Er hatte sich außerdem ein Navigationsgerät gekauft, das neueste, das gerade auf dem Markt war. Der Sommer würde gerade beginnen, wenn sie in diesem fernen Land ankamen. Zurzeit herrschten dort durchschnittlich Temperaturen von 16 bis 22 Grad Celsius. Nur die Nächte waren bitterkalt. Aber auch dafür waren sie gerüstet.
Verdammt, dachte Tereza, so sehr sie auch rieb, sie bekam das moosartige Geflecht am Fuße des Sockels nicht weg. Aber zumindest war ihr durch das kräftezehrende Schrubben etwas wärmer und in einer Woche würde sie über alle Berge sein.
Carlos saß am Ende des langen Konferenztisches einem Rudel von enttäuschten Vorgesetzten gegenüber. Des Öfteren verbrachten sie den Feierabend gemeinsam in einer Bar, aber dazu würde es heute nicht kommen. Heute würde er den Frust alleine runterspülen müssen.
Als Leiter der Abteilung war es natürlich seine Schuld, dass die Dinge nicht so liefen, wie erwartet. Aber er konnte es sich einfach nicht erklären. Alle Versuche hatten einwandfrei funktioniert, seit Monaten. Gegentests waren erstellt, die Maschinen von einer externen Arbeitsgruppe untersucht worden: Keine Fehler! Alles wunderbar! Vorverträge waren abgeschlossen worden. Man hatte sich die Hände geschüttelt, sich gegenseitig auf die Schulter geklopft und von einem erfolgreichen Projekt gesprochen. Sie hatten sich bereits auf der Zielgeraden befunden.
Doch nun klappte seit ein paar Tagen gar nichts mehr. Die frobs arbeiteten nicht mehr richtig. Carlos hatte keine Erklärung dafür. Denn auch in den Versuchsräumen, in denen die Vorgänge reibungslos abgelaufen waren und in denen man nichts mehr verändert hatte, wurden nun Fehlfunktionen produziert. Falls er und sein Team, auf das er sich blind verlassen konnte, die Ursachen für diese Defekte nicht in den nächsten Tagen finden sollten, würden die interessierten Käufer – Vorverträge hin oder her – abspringen. Sie würden das Projekt beenden und er sich um einen neuen Job und seinen Ruf kümmern müssen. Carlos sehnte sich schon jetzt nach ein paar Bier.
Endlich waren sie hier! Mehr als ein halbes Jahr waren sie auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück gewesen, hatten sich etliche Baugründe angesehen und jedes Mal versucht, sich an diesem Ort ein dauerhaftes Bleiben vorzustellen. Sie hatten sich mit dem Gedanken angefreundet und ihn meist nach ein paar Tagen wieder verworfen, bis sie sich irgendwann zu einer Entscheidung durchringen konnten. Nach zwei weiteren Jahren, die durch die Planung und Errichtung des Neubaus vergangen waren, konnten sie endlich ihr neues Heim beziehen. Jack war schon bei der Grundstückssuche nicht gerade motiviert gewesen, bei der Planung ebenso wenig. Ihm schien die Tatsache zu genügen, dass sie in die Stadt ziehen sollten. Der Rest war ihm relativ egal, Emily aber nicht. Denn die meisten Menschen erfüllten sich nur einmal in ihrem Leben den Traum eines eigenen Zuhauses, wenn überhaupt. Deshalb wollte sie alles richtig machen. Für sich und die Kinder.
Das Haus war fantastisch. Sie war froh, sich für einen jungen und motivierten Architekten entschieden zu haben, der seinerseits, wie sich später herausstellen sollte, ebenso über aufgeschlossene Bauherren erfreut war. Natürlich war das ganze Vorhaben nicht gerade billig gewesen, doch das war es ihr wert und Jack des Hausfriedens wegen auch.
Es war ein weitläufiges Grundstück, das inmitten des Villenviertels der Stadt lag. Sie waren bestrebt gewesen, ein Stück der ländlichen Atmosphäre, die mit dieser herrlichen Aussicht und dem Park vermittelt wurde, mit in die Stadt zu bringen. Emily stand in der Küche und blickte nach draußen. Es war alles genau so, wie sie es sich gewünscht hatte. Von hier aus, durch die raumhohen Glaselemente hindurch, sah man die beeindruckende Bergkette im Hintergrund. Davor standen ein paar Nachbarhäuser, riesige Bäume und dahinter folgte die Stadt, die etwas tiefer lag. Apropos Bäume, diese mussten noch gepflanzt werden.
Zum Zeitpunkt, als Jack und Emily das Grundstück erworben hatten, lag das Anwesen schon längere Zeit brach. Hecken und Sträucher wucherten ohne Einschränkung vor sich hin und das Areal befand sich in einem Zustand, der eher einem Stück Urwald als einem gepflegten Park glich.
Selbstverständlich wurde dieser Willkür ein Ende bereitet und sämtliche Pflanzen gerodet. Emily hatte auch schon vor geraumer Zeit einen Termin mit dem Gärtner vereinbart, um die Neuanlegung der Freiflächen in Angriff zu nehmen.
Sie stieg die Treppe hinauf und ging ins Schlafzimmer. Jack zog gerade seine Kleidung aus, die von einer dünnen Staubdecke überzogen war, die sich durch das Transportieren der vielen Umzugskartons im Laufe des Tages darauf angesammelt hatte. Sie trat hinter ihn, schlug die Arme um seine Taille und schob ihren Kopf neben den seinen.
»Schön haben wir es hier.«
»Ja, das stimmt«
Als Emily nach kurzer Zeit ihren Mann aus der Umarmung entließ, zog sie verwundert die Augenbrauen hoch.
»Wer ist das denn?«
»Wer?«
»Da, beim grünen Haus steht eine Frau auf dem Balkon. Ich glaube, die schaut zu uns herüber.«
Jack lächelte und zuckte mit den Achseln. »Sie wird einfach nur wissen wollen, wer ihre neuen Nachbarn sind, die so ein beeindruckendes Haus gebaut haben.«
Sie hätte auf ein noch größeres Grundstück bestehen sollen, dachte Emily.
Das Gelände des Forschungsinstituts erstreckte sich über mehr als sieben Hektar. Ruben war gerade im Begriff den Fahrstuhl zu betreten, als ihm die Leiterin der Verwaltung beim Öffnen der Aufzugtür entgegenkam. Er war etwas überrascht, denn Angestellte dieser Abteilung traf man selten in den oberen Stockwerken. Ihr Reich lag eher in den unteren Geschossen des Hauses. Ruben mochte die Frau, denn sie leistete ausgezeichnete Arbeit und war eine wichtige Schnittstelle zwischen Administration und Forschungsbereich. Sie bat ihn um eine kurze Unterredung. Deshalb kehrten sie in sein Büro zurück.
Die Kollegin aus der Verwaltung war unter anderem für die monatlichen Abrechnungen zuständig, deren Werte automatisch und in Echtzeit erfasst, elektronisch protokolliert und überwacht wurden: Lohnausgaben, Steuern, Rechnungen, Einkäufe, Wasserverbrauch, Heizkosten, ein sich ständig erneuerndes Inventar, Mitarbeiterzahlen, Stromverbrauch. Letzterer war seit zwei Monaten um ein Drittel gestiegen. Als Leiterin der Verwaltung hatte sie daraufhin die Daten wiederholt auf ihre Richtigkeit überprüft, doch auch nach mehrfacher akribischer Kontrolle wurden die Werte in dieser Höhe bestätigt. Alles schien seine Richtigkeit zu haben. Der unerklärliche Anstieg des Stromverbrauchs wurde in den regelmäßigen Berichten vermerkt, doch da die Verwaltungsleiterin wusste, dass diese Berichte meist nur überflogen statt durchgelesen wurden, suchte sie nun das direkte Gespräch mit Ruben.
Für ihn stellte der angestiegene Stromverbrauch kein ernstes Problem dar, doch hatte das Institut in den letzten Monaten weder große Neuanschaffungen getätigt, die einen solchen Anstieg rechtfertigten, noch Versuchs- und Testintensitäten oder Arbeitszeiten in hohem Maße gesteigert. Es gab also keine plausible Erklärung dafür. Ruben beschloss, sich die Daten nochmals genauer anzusehen. Er wandte sich zum Computer und rief die Zahlen ab.
»Der Verbrauch ist nur in den Versuchsgebäuden angestiegen«, murmelte er vor sich hin, während sich die Verwaltungsleiterin hinter ihn stellte, um ebenfalls einen Blick auf den Monitor werfen zu können. »Und das Merkwürdige daran ist, dass der Verbrauch tagsüber nur minimal von dem der letzten zwölf Monate abweicht. Doch der Verbrauch in den Nächten ist beachtlich gestiegen.«
Ruben runzelte die Stirn. Die Trakte, in denen die Veränderungen festzustellen waren, hatten die höchste Sicherheitsstufe. Sie waren das Herzstück des Instituts und sicherten ihnen die Finanzierung durch zahlreiche Investoren und Förderer. Ruben rief das Archiv der Überwachungskameras auf. Das System hatte bisher nichts Ungewöhnliches gemeldet, doch wollte er die Videos noch einmal einsehen.
Die Bilder der Kameras in den Außenbereichen gaben keinen Aufschluss. Ruben wechselte zu den Innenkameras und öffnete das erste Video. Auf dem Monitor waren die einzelnen Versuchsräume zu sehen, die gänzlich aus Glas waren und in denen sich Maschinen, Roboter und andere mechanische und elektronische Geräte in den unterschiedlichsten Stadien befanden. Es war immer wieder faszinierend – eine Brutstätte künstlichen Lebens und mechanischer Intelligenz. Er öffnete weitere Dateien, überall das gleiche Bild. In einigen Räumen herrschte Chaos, in anderen Ordnung – Fehlfunktionen neben reibungslosem Verhalten. Doch nichts wirklich Auffälliges war zu sehen. Jedes Video wurde zwischen 20.00 Uhr und 24.00 Uhr schwarz, da die Innenkameras nur so lange aufzeichneten, wie Menschen in den Laboratorien arbeiteten – Stromsparmaßnahmen.
Starke Oxidation gefährdet Sicherheit
des Eiffelturms.
Er fror. Obwohl er jetzt schon jahrelang so leben musste, hatte er sich immer noch nicht gänzlich an die Situation gewöhnen können. Die Kälte kam zwar meist schleichend, aber trotzdem ließ ihn der Wintereinbruch jedes Mal aufs Neue erzittern. Er kauerte sich in einem Hauseingang zusammen, warf seine Decke über die Knie und versuchte sich ganz klein zu machen, um den eisigen Temperaturen so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten. Den Kopf auf die Brust gesenkt, umklammerte er unter der zerlöcherten Decke seine beiden Knie und starrte auf den Boden.
»He! Verschwinde vom Eingang!«
Ein Fuß stieß in seine Richtung. Er rutschte, ohne den Blick zu heben, auf die andere Seite des Treppenabsatzes und ließ den Bewohner ins Haus. Im Gegensatz zur Kälte machten ihm diese Freundlichkeiten weniger zu schaffen.
Nachdem Tereza und Marek in der mongolischen Hauptstadt gelandet waren und sich zwei Tage dort aufgehalten hatten, beschlossen sie, sich einen Jeep zu mieten und die Zivilisation, früher als geplant, zu verlassen. Man konnte wahrlich nicht von einer Lebensart sprechen, die den westlichen Vorstellungen der beiden Reisenden entsprach.
Ulaanbataar war anders als europäische Städte, von den Urlaubshochburgen am Mittelmeer ganz zu schweigen. Das wussten Tereza und Marek natürlich, das hatten sie auch schon vor Reiseantritt gewusst, und doch traf diese Tatsache sie ein wenig unvorbereitet. Marek fand sich in der größten Stadt der Mongolei nicht zurecht. Er vermisste die Sauberkeit, Ästhetik, den Service und Komfort seines Heimatlandes. Das Elend auf der Straße und die in seinen Augen äußerst beschwerlichen Lebensumstände, unter denen die meisten hier hausten, waren ihm zuwider. Von romantischer Einfachheit war nicht viel zu sehen. Diese Feststellung bedrückte ihn.
Marek brauchte gar keine Worte darüber zu verlieren, Tereza hatte ihm längst angesehen, dass er sich in dieser Umgebung nicht wohlfühlte. Deshalb hatte sie vorgeschlagen, die Stadt schon einen Tag früher zu verlassen, um mit einem Landrover das Land zu erkunden, in der Hoffnung, dass der Anblick der einzigartigen Natur über den Eindruck der rauen Lebensbedingungen überhand nimmt.
Die 34-Jährige stand auf dem Beifahrersitz und stellte sich dem Fahrtwind entgegen. Ein staubiger Luftstrom blies ihr ins Gesicht. Sie schloss die Augen und versuchte, alles um sie herum zu vergessen.
»Setz dich doch, du wirst ja ganz schmutzig.« Marek zerrte an ihrem Hosenbein.
Über eine holprige Straße begaben sie sich Richtung Südosten. Sie schien nicht von vielen Autos befahren zu werden, denn Marek und Tereza waren seit Stunden keinem anderen Fahrzeug begegnet. Der Wind hatte die Fahrbahn verweht, und manchmal konnte man nur noch ahnen, wo sie weiterführte. Tereza sah aus dem Fenster und erblickte zu ihrer Rechten ein solitäres Felsgebilde.
»Lass uns da hinüberfahren.« Tereza zeigte auf das soeben Entdeckte, das sich aus der flachen Wüstenlandschaft steil hervorhob. Mareks Augen folgten ihrem Arm, dann kehrten sie aufs Navigationssystem zurück.
»Das liegt nicht auf unserer Route.«
»Aber wir können es ja zu unserer Route machen. Wir fahren einfach hin!«
»Und?«
»Wir sehen es uns an! Vielleicht können wir hinaufsteigen und dort oben übernachten. Morgen fahren wir auf unserer Route weiter.«
»Da drüben ist nichts.«
»Wie bitte?« Tereza spähte nochmals aus dem Fenster, um sich zu vergewissern, dass das Felsmassiv nicht Produkt ihrer Einbildung war.
»Das Navigationssystem hat keine Informationen zu diesem Felsbrocken. Also sind da weder irgendwelche Steinritzungen zu finden, noch wird sich dort Dschingis Khan einst niedergelassen haben.«
»Ja, aber, können wir nicht …«
»Steht irgendetwas in deinen Unterlagen darüber?«
Eifrig schlug Tereza in einem ihrer Reiseführer nach und blätterte in den ausgedruckten Informationszetteln vor und zurück. »Nein, aber …«
»Siehst du, da ist nichts.«
Sie fuhren weiter.
Sandra hielt beide Hände ins warme Wasser und starrte auf den pilzartigen Fleck auf dem Sockel des Schaufensters. Wieso war er so groß? Hatte ihn Tereza beim Reinigen der Außenanlagen in der vergangenen Woche nicht bemerkt? Entweder sie hatte ihn übersehen, was sich Sandra kaum vorstellen konnte, oder es war ihr zu mühsam gewesen, ihn ordentlich zu entfernen. Bei der Hartnäckigkeit dieser Schmutzstelle erschien letztere Variante wesentlich einleuchtender und nach Terezas Kündigung und ihrem Abflug Richtung Asien war dieses Problem nun sowieso nicht mehr ihres.
Sandra war erstaunt über den Entschluss ihrer Arbeitskollegin, denn es war so gar nicht typisch für Tereza, alles stehen und liegen zu lassen und einfach zu verschwinden, noch dazu in ein so ödes Land. Außerdem war es heutzutage nicht leicht, einen vernünftigen und vor allem gut bezahlten Job zu bekommen. In Anbetracht dessen kam ihr die ganze Aktion ein wenig unüberlegt vor.
Die Verkäuferin rieb nochmals kräftig über die verunreinigte Stelle. Der Pilz, oder was immer es war, ließ sich nicht entfernen.
Ruben und sein engster Mitarbeiterstab versammelten sich vor dem Computer in seinem Büro. Nachdem die Auswertung der Überwachungskameras keine Auflösung des Problems gebracht hatte, hatte sich Ruben entschlossen, die Kameras auch über Nacht laufen zu lassen – natürlich nur so lange, bis sich die Dinge klärten. Es war ja keine große Sache. Ihr Institut verschlang Unmengen an Strom, aber es gab ganz andere Ausgaben, die sich im exorbitanten Bereich befanden. Im Vergleich dazu war die Stromrechnung ein gern bezahltes Trinkgeld. Trotzdem schien der angestiegene Stromverbrauch ein wenig eigenartig. Aus diesem Grund ging er der Sache nach. Ruben lenkte seine Augen auf den Bildschirm.
15.30 Uhr: Im Forschungstrakt wimmelte es von Programmierern, Biologen, Physikern, Chemikern, Querdenkern und Visionären aus vielen anderen Bereichen. Durch die biometrische Identifikation wurde jede Person erfasst. Der Bildschirm zeigte Informationen zu jedem Angestellten: Name, Spezialgebiet, die Stunden, die er am heutigen Tag bereits im Labor verbracht hatte, und den Arbeitsbereich, mit dem er sich gerade beschäftigte. Die Maschinen, Computer, künstlichen Objekte, oder wie immer man sie auch nannte, befanden sich in den vielen Glaskuben und bewegten sich darin.
18.47 Uhr: Noch immer war dasselbe Bild zu sehen. In einigen Forschungskisten herrschte wenig Aktivität. Die Vorgänge waren primitiv und selbst für Außenstehende nachvollziehbar. In anderen Kuben wiederum waren die Abläufe und Maschinen so komplex, dass man gar nicht mehr verstand, was dort vor sich ging.
In einem Glaswürfel hatte man anscheinend eine neue Software installiert. Die spinnenähnlichen Maschinen bewegten sich nicht mehr wie vorher am Boden, sondern ausschließlich an den Wänden, wobei sich einige zu einer Kugel zusammenzogen und über die senkrechten Glasscheiben rollten. Dabei hinterließen sie verschiedene Spuren – manche eine Farblinie, andere stecknadelartige Kugeln, während dritte wiederum Einkerbungen auf der Glasoberfläche hinterließen. Trat eine der anderen Spinnen auf eine aufgekratzte Stelle, fiel sie zu Boden.
20.34 Uhr: Langsam verließen die Forscher ihre Arbeitsplätze. Nur wenige Kammern waren noch in Betrieb. In einer davon befanden sich streichholzschachtelgroße Teile, die sich schwerfällig bewegten. Einige konnten sich kaum auf ihren vier Leichtmetallfüßen halten. Ruben sah zu Stine, die fasziniert auf den Bildschirm starrte. Sobald ein Objekt in die unmittelbare Nähe eines anderen kam, nahm es seine Farbe an. Und noch eine weitere Wandlung trat ein: Immer wenn sich die Objekte näherten und ihr Aussehen veränderten, verbesserte sich auch ihr Gang. Stießen zwei Schwerfällige aufeinander, stolperten beide weiterhin unbeholfen durch den Raum. Doch wenn ein besserer Geher auf ein sogenanntes Neugeborenes traf, marschierte dieses augenblicklich mit demselben sicheren Gang weiter wie die Maschine, die das Gehen bereits erlernt hatte. Innerhalb von fünfzehn Minuten sausten alle Teile mit einer vorher nie für möglich gehaltenen Geschwindigkeit über den Boden.
22.07 Uhr: Der letzte Mitarbeiter verließ das Gebäude. In allen Glaswürfeln war der Strom ausgeschaltet. Kein Licht brannte und es gab keine Aktivität.
Bis jetzt hatten weder Ruben noch sonst jemand etwas Ungewöhnliches feststellen können. Er klickte in der Zeitleiste ein wenig weiter.
22.13 Uhr: Ruben starrte ungläubig auf den Bildschirm. Was er dort sah, konnte er nicht glauben!
Emily fuhr über die Ringstraße. Der Pendlerverkehr war hier nicht so stark wie auf den anderen Straßen. Es war zehn vor acht. Die Kinder zankten sich auf den Rücksitzen, doch sie hatte keine Lust, sie zurechtzuweisen. In diesem Alter waren Rangeleien ständig an der Tagesordnung und ließen die zweifache Mutter inzwischen kalt, sofern die Gefechte nicht außer Kontrolle gerieten oder zu sehr an ihren Nerven zehrten.
Sie bog rechts ab und erreichte wenig später die Privatschule. Als das Auto stehen blieb, öffnete Shane sofort die Tür, und als er ein knappes »Bis zum Mittag!« seiner Mutter zurief, hatte er schon fast den ganzen Hof überquert. Emily hoffte, dass diese Euphorie noch lange anhalten würde. Bei Katie, der Älteren, war die Begeisterung für die Schule schon seit geraumer Zeit verflogen.
»Pass auf deinen Bruder auf«, sagte Emily, während sie sich zu ihrer Tochter umdrehte. Die Kapuze weit über die Stirn gezogen, murrte Katie etwas Unverständliches vor sich hin und schob sich langsam über die Ledersitze aus dem Wagen. Dann schlug sie die Tür zu. Emily sah ihrer Tochter nach, bis sie im Eingang des Schulgebäudes verschwunden war.
Nachdem sich Emily durch den nun überall zäher gewordenen Stadtverkehr geschoben hatte, kam sie endlich zu Hause an und parkte den Wagen in der Garage. Ihre Haushälterin, die sie erst vor zwei Tagen eingestellt hatten, begrüßte sie im Treppenhaus. Jack, der ausnahmsweise zu dieser Uhrzeit noch zu Hause war, stand mit einer Tasse Kaffee in der Hand im Wohnzimmer und blickte nach draußen.
Emily warf ihre Handtasche aufs Sofa. »Heute kommt der Gärtner und beginnt mit der Bepflanzung. Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht?«, fragte sie ihren Mann. »Ich finde, wir sollten die Sträucher im Garten pflanzen, oder was meinst du?«
Emily seufzte. Natürlich interessierte es ihn nicht im Geringsten.
»Ich hätte gerne, dass in die Richtung des grünen Hauses die zwei Buchen gepflanzt werden, die wir bestellt haben.«
»Warum genau dort?«
»Einfach so.«
»Seit wann kennst du die Wortkombination einfach so?«
»Na gut. Weil diese Frau oft am Fenster steht und zu uns rüber starrt«, gab Emily zu.
»Die starrt doch nicht.«
»Doch.«
Jack warf einen Blick in die Richtung des Hauses. Hinter dem besagten Fenster war niemand zu sehen. »Und wenn schon, stört dich das denn?«
»Allerdings.«
»Aber wir haben doch eine fantastische Aussicht! Es ist doch egal, wer zu uns hinübersieht.«
»Mir nicht.«
»Jedes Mal, wenn du sie am Fenster stehen siehst, schaust du ja auch zu ihr«, versuchte Jack seiner Frau ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen.
»Ich sehe ihr aber nicht ins gesamte Wohnzimmer.« Und in die Küche, dachte sie im selben Atemzug. »Und außerdem haben sie nicht so große Glasflächen wie wir. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht viel sehen.«
»Fenster sind eben dazu da, hinauszuschauen. Deshalb kann man auch hineinschauen.«
»Ich regle das mit dem Gärtner.«
Die Diskussion, das wusste Jack, war somit beendet.
Sie war sauer! Marek folgte seit fünf Tagen stur dem Navigationssystem. Eine monotone, emotionslose Stimme lotste sie durch das Land. Egal, was links und rechts geschah oder zu sehen war, Marek bestand darauf, der vorgeschlagenen Route zu folgen. Selbst wenn in vier Metern Entfernung ein achtes Weltwunder zu bestaunen gewesen wäre, hätte er es ignoriert, da war sich Tereza sicher.
Sie hatte die Einstellungen am Gerät verändert und dem Ding eine andere Stimme verpasst. Doch nach zwei Stunden nervte sie auch der Klang dieser Stimme, und ebenso Mareks Verhalten. So hätten sie genauso gut wieder ans Mittelmeer fahren oder noch besser gleich zu Hause bleiben können. Abseits der Route sei es nicht sicher. Was war hier bitte nicht sicher? Tagelang hatten sie kein Dorf und keine Menschenseele mehr gesehen – ja nicht einmal ein Tier, das größer war als eine Eidechse! Sollten sie von hinterhältigen Sträuchern und radikalem, staubtrockenem Wüstensand attackiert werden? Tereza war enttäuscht. Sie hätten nichts planen, keine Reiseführer studieren, hätten einfach alles auf sich zukommen lassen sollen. Aber unter diesen Voraussetzungen wäre Marek sicher nicht mitgefahren – was ihr gegenwärtig sogar lieber gewesen wäre.
Knappe sechs Jahre war sie nun mit diesem Mann zusammen, obwohl es Dinge an ihm gab, die sie störten. Er war nicht anpassungsfähig, unspontan, konnte sich über nichts freuen, war ständig in Sorge und übervorsichtig. Natürlich wollte er sie beschützen und kümmerte sich um sie – was sie in gewisser Weise ja verstand und auch nett fand – aber er übertrieb es einfach. Er verließ sich auf diese verdammten Geräte, die er mit sich schleppte und die eine höhere Stellung einnahmen als ihre oder seine eigene Meinung – Abenteuerurlaub, von wegen! Zudem telefonierte er jeden Tag mit seinem Satellitenhandy nach Hause: Arbeit, Geschäfte, Freunde, Arbeit, Organisatorisches, Arbeit, Arbeit, Arbeit. Sie musste etwas ändern.
Er stand am Ufer des Flusses, der sich, nur von leisen Wassergeräuschen begleitet, durch die Stadt schob. Hier war der einzige Ort, an dem sich seinesgleichen unbehelligt aufhalten konnten. Natürlich gab es noch weitere Stellen, an denen er sich des Öfteren niederließ. Doch dort war er unentwegt der Willkür anderer Menschen ausgesetzt. Irgendeiner fühlte sich früher oder später belästigt. Ob er nun im Park lag, auf einer Bank schlief, in einem Treppenaufgang saß oder sich in einer Vorhalle aufhielt. Es war immer jemand zuständig für den Bereich. Ein Hausmeister, ein Sicherheitsmann, besorgte Eltern oder der Parkdienst. Einige duldeten ihn länger, aber willkommen war er nirgends.
Er nahm einen Schluck aus seiner Bierdose. Er und die anderen Obdachlosen standen jeweils zu fünft oder zu sechst in der Runde und diskutierten. Einige hatten sich schon mit einem Schlafsack oder ein paar Decken unter die Sträucher zurückgezogen und schliefen. Hier kam die Polizei selten vorbei, um sie zu vertreiben, außer der Neue war wieder so betrunken, dass er sein Megafon herausholte und den Wolkenkratzern Anweisungen zuschrie und sie beschimpfte, weil sie sich gegenseitig die Vorfahrt nahmen. Aber heute blieb er ruhig und ließ die Skyline stehen, wo sie war.
Als der Fleck am Sockel des Schaufensters immer größer wurde, rief Sandra ein Reinigungsteam. Der Geschäftsführer, stand neben ihr im sicheren Abstand zum Schaufenster. Gemeinsam beobachteten sie, wie die Männer in Gummistiefeln mit einem Hochdruckreiniger den Sockel säuberten. Die Gemeindeverwaltung hatte bereits mit Konsequenzen bis hin zur Geschäftsschließung gedroht, sollte das Problem nicht in Kürze in den Griff zu bekommen sein.
Innerhalb der letzten Wochen hatte Sandra dreimal die Arbeiter mit den Hochdruckreinigern holen müssen. Das Geflecht wuchs immer schneller nach und war mit jedem Mal hartnäckiger als zuvor.
In der darauffolgenden Woche brachten auch die Wasserdampfgeräte keinen Erfolg mehr.
Carlos saß vor dem Interface und ihm dröhnte der Kopf. Sie würden bis zu den Anfängen des Skripts zurückkehren müssen, um das Problem zu lösen. Die Programmierung war hoch entwickelt und kompliziert. Eine Schleife beeinflusste die andere, eine weitere konnte eine dritte und vierte verstärken oder reduzieren. Diese zeitgleiche und vielschichtige Beeinflussung war mit Fortdauer des Projekts nicht mehr nachvollziehbar. Einzelne Befehle konnten weder einfach herausgenommen noch isoliert werden, denn jeder hatte Einfluss auf andere. Hier im Labor wurden die Prozesse um ein Vielfaches beschleunigt, dadurch verkomplizierte sich die schnelle Aufschlüsselung der Vorgänge und wurde – bei aller Fachkompetenz, die er und seine Mannschaft aufwiesen – undurchschaubar. Es war Donnerstag, 10.00 Uhr: Zeit für die Fütterung.
Der Gärtner hatte ganze Arbeit geleistet. Der Park, der seit Baubeginn von einem Dschungel in eine gepflegte Grünfläche verwandelt worden war, war nun mit vielen Bäumen und Sträuchern bepflanzt.
Die Standorte wurden genau bestimmt: Emily hatte sie so gewählt, dass die Anlage wie natürlich gewachsen erschien, an strategisch wichtigen Stellen jedoch Bäume standen. Nur wenige davon waren Jungbäume. Die meisten waren schon mehrere Jahre alt, um zumindest die Zeit, die die Pflanzen benötigten, um ihre endgültige Größe zu erreichen, zu überbrücken. Das Fenster im grünen Haus konnte man vom ersten Stockwerk aus nicht mehr sehen.
Zufrieden ging Emily durch den Garten und strich mit der Hand über eine Heckenkirsche. Die Kinder spielten mit Freunden am anderen Ende des Grüns. Sie sah es gern, wenn andere Kinder zu Besuch kamen. So wusste Emily genau, wo sich ihre Sprösslinge herumtrieben und mit wem sie Kontakt hatten. Gegebenenfalls konnte sie immer ein Auge auf sie werfen. Im Dorf hatten sich ihre Kinder fast uneingeschränkt bewegen können – was hätte auch passieren sollen? Sie waren mit der Umgebung vertraut und kannten die Menschen in ihrem Umfeld. Doch hier in der Stadt konnte man leicht den Überblick verlieren. Emily schritt bis ans Ende des Gartens, an dem eine Stahlkonstruktion ihren Grund von dem Gehsteig und der Straße abtrennte. Eine visuelle Grenze bildete diese Konstruktion noch nicht, doch mit dem Montieren der Zaunbretter würde ihr Garten von der Straße nicht mehr einsehbar sein.
Als der letzte Mitarbeiter den Trakt verlassen hatte und durch die Schleuse nach draußen gegangen war, herrschten Ruhe und Finsternis in den Versuchsgebäuden. Nach einigen Minuten kam jedoch wieder Bewegung in die Hallen. Zuerst begriff Ruben nicht genau, was geschah. Zu dunkel war die Szenerie auf dem Überwachungsvideo, doch allmählich erkannte er, was dort vor sich ging.
Die Maschinen und Roboter bewegten sich. Das war doch nicht möglich! Sie mussten, nein, sie hatten sich selbst wieder eingeschaltet! Nach einiger Zeit brannte in allen Kuben Licht und alles sah genauso aus wie auf den Videoaufzeichnungen vom Tage, nur dass keine Menschen zu sehen waren. Es wirkte gespenstisch.
Wie war das möglich? Jemand musste von außen die Steuerung übernommen haben. Vielleicht hatte sich ein Angestellter im Labor versteckt oder war in das Gebäude eingedrungen, hatte einen Tunnel gegraben oder …
Rubens Mitarbeiter schienen ebenso Tausende Möglichkeiten durchzuspielen, sahen dabei aber genauso ratlos aus wie er selbst.
Die Stadtverwaltung hatte man informiert. Das inzwischen nutzlos gewordene Reinigungsteam, ein paar Stadtgärtner und Sandra standen vor den Schaufenstern des Bettengeschäfts. Einer der Gemeindeangestellten hockte vor der Säule, auf dem sich der Fleck befand. Dieser hatte sich nicht nur auf der Mauer weiter ausgebreitet, sondern wölbte sich auch zunehmend nach außen. Das Gewächs war so groß, dass man es nicht mehr übersehen konnte. Abwechselnd berührten oder strichen sie über das Ding und diskutierten, um was es sich hier handeln konnte. Es war härter als Moos, jedoch beweglich und fühlte sich kühl an. Es schimmerte leicht dunkelgrün bis bläulich, je nachdem, aus welchem Winkel man es betrachtete, und es schien aus vielen kleinen Elementen zu bestehen. Dabei waren die Formen der einzelnen Teile sehr unterschiedlich. Die Stadtgärtner hatten versucht, dem Befall mit verschiedenen Herbiziden beizukommen, doch die Pflanze schien dagegen resistent zu sein.
Keiner der hier Versammelten hatte so etwas je gesehen. Schließlich holte einer der Gärtner Hammer und Meißel aus seinem Kastenwagen und löste ein Stück Mauer samt dem hartnäckigen Etwas aus dem Sockel. Anschließend verputzten sie den Fuß des Laubenbogens wieder. Sollten sich noch Sporen im Gestein befunden haben, waren diese nun ebenfalls entfernt. Das dürfte genügen.
Inzwischen war das Skript weiter gewachsen. Die frobs wurden immer intelligenter und lösten fortwährend komplexere Aufgaben. Carlos setzte die nächsten Zeilen des Codes wieder ein und beobachtete deren Auswirkung. Diese Maschinen wurden mit dem Ziel entwickelt, verschiedenste Aufgaben in großen Unternehmen zu übernehmen. Doch nicht nur, um jene blind zu erledigen, sondern durch künstliche Intelligenz Zusammenhänge zu erkennen und wenn möglich, Verbesserungen in angewandten Systemen und Abläufen vorzunehmen. Deshalb mussten sie nicht nur externe Inputs erfassen und bewerten, sondern mit dem ganzen System der anderen frobs und den Geräten in Echtzeit kommunizieren. Carlos und sein Team wollten die Computer so weit entwickeln, dass dieses Netzwerk seiner Umwelt entsprechend selbst Entscheidungen treffen würde. Bei den Tests hatte auch alles wunderbar funktioniert, bis vor zwei Monaten.
Der Wissenschaftler warf einen Blick auf die ausgegebenen Daten. Die frobs arbeiteten einwandfrei und erledigten die Aufgaben laut Programmierung. Er fügte einen weiteren Codeabsatz in das Skript ein.
Tereza und Marek
