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Dieses e-book steckt voller Überraschungen, unterschiedlicher Figuren und seltsamer Begebenheiten. Alle Geschichten spielen an außergewöhnlichen Orten, die den Leser in andere Welten entführen. Sie erzählen vom Rebellen-Kampf, von später Heimkehr, von alten Briefen und unerfüllter Sehnsucht. Acrylgemälde und Fotos unterstreichen die besondere Atmosphäre dieser Geschichten.
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Seitenzahl: 41
Veröffentlichungsjahr: 2014
Acryl: Ingrid Leibhammer
Ihr bunter filigraner Flügel spannte sich weit oben über ihrem Haar. Er war prall gefüllt, so dass sie voller Vertrauen schwebte, lautlos und weich. Gelöst von dem Unten, abgehoben aus dem Jammertal. Ohne Bodenhaftung war sie ein Vogel, der sich aufschwingt zur Sonne. Ihr Flügel würde nicht schmelzen. Unter ihren Füßen drehten sich winzig die Felder und Wiesen. Ein Jauchzen kam von ihren Lippen, sie tirilierte wie eine Lerche. Ihre Finger zogen an den Leinen, und sie tanzte in Kreisen. Neben ihr schraubte sich ein Adler in die Höhe und wackelte mit den Flügeln zum Gruß, als wolle er ihr zuzwinkern. „Jaaa, ich kann’s genauso gut wie ihr!“ rief sie zu ihm hinüber.
Sie spürte die auffrischende Brise im Gesicht und schaffte es, im Sog zu bleiben. Frei und schwerelos schwebte sie aufwärts in der dritten Dimension. Näher mein ... , summte es in ihr. In den Wolken sah sie ein gütiges bärtiges Gesicht. Ein Zeigefinger streckte sich ihr entgegen.
Die Harfenmelodie löste alle Spannungen.
Plötzlich fuhr sie im Fahrstuhl rasend schnell in die Höhe. Wie ein Blatt im Wind verlor sie die Kontrolle, wurde hierhin und dorthin geschleudert. Die Füße waren eiskalt, die Hände blau gefroren, ihre Nase spürte sie nicht mehr. Es schmerzte, wenn sie ihre Finger zwang, die Leinen zu ziehen. Der Wind pfiff in den Ohren. Der Adler hatte sie im Stich gelassen und sich auf einer Felskante in Sicherheit gebracht. „Ich bin verloren ... kann nichts tun!“ Das erniedrigende Gefühl der Ohnmacht überwältigte sie. Diesen Gewalten war sie ausgeliefert, hing hilflos an den Leinen. Dennoch trug ihr Flügel sie, fiel nicht in sich zusammen. Hoffentlich nicht!
Der Blitz blendete ihre Augen, das Grollen vibrierte durch ihren Körper und die kalten Tropfen durchnässten sie. Der Lift wurde noch schneller, eine Autobahn nach oben. Jeder Atemzug ein anstrengendes Ziehen nach Luft. Und ihr Kopf schmerzte. In ihren Ohren war das Dröhnen eines Düsenflugzeugs. Was machte sie hier in Finsternis und Nässe? Wie war sie in diese Teufelsstürme geraten? Die Pforte stand weit offen, aber sie wollte nicht hinein. Sie war doch viel zu jung. Sie strampelte und sträubte sich. Jedoch fiel ihr nichts ein, wie sie wieder hinunter kommen konnte. Ihre Tränen gefroren. Ein Engel dort drüben im aufblitzenden Licht! Seit der Schule waren ihr keine Engel mehr in den Sinn gekommen, damals kannte sie alle Hierarchien auswendig und der Pastor freute sich.
Ihr Kopf fiel nach vorne, sie wusste nichts mehr.
Die Strömung riss ab und der Flügel fiel in sich zusammen.
Sie fiel, fühlte wie sie stürzte, ins Leere, unendlich tief kam es ihr vor. Ihre Arme breiteten sich aus, suchten nach Halt. Sie konnte nun wieder leichter atmen. Plötzlich ein Ruck, als wäre sie auf eine Mauer geprallt. Der Flügel ... wieder prall voll und steuerbar!
Acryl: Ingrid Leibhammer
Foto: Uli Leibhammer
Puh, der Staub von Jahrzehnten. Fühlt sich wie Mehl an und kitzelt mich in der Nase. Warum hat sie bloß alles gehortet, als ob der dritte Weltkrieg bevorstünde. Der Speicher ist voll gepfropft mit Büchern und Kladden, Lederstiefeln, einer Geige, einem Rucksack ... Sogar ihre uralte Puppe sitzt hier im Schrank hinter Glas wie bestellt und nicht abgeholt. Ein zerschlissenes Tagebuch. Ein Foto ... den kenne ich nicht. Kann kein Verwandter sein. Es steht auch nichts auf der Rückseite. Schlank, ein offenes Lächeln. Gut siehst du aus, Unbekannter. Und Briefe! Die nehme ich mit. Wird schwierig werden, die Handschrift zu entziffern. Wahrscheinlich ist es langweiliges Zeug von der Verwandtschaft, aber jetzt hat die Neugierde mich gepackt.
Was ist das denn? Dieser Brief muss ihr besonders teuer gewesen sein. Sieh hat ihn sorgfältig verwahrt. Ganz unten zwischen den Stapeln.
Meine Liebste,
übermorgen werde ich mich auf die Weiterreise begeben. Komm mit mir! Lass einfach alles zurück. Fang mit mir neu an! Es wird dir an nichts fehlen, obwohl ich Maler bin. Angeblich ein armer Schlucker. Du wirst reich sein. Wir sind füreinander geschaffen. Worte brauchen wir nicht um uns zu verstehen. Ich fühle dich immer an meiner Seite, Tag und Nacht ...
So romantisch kenne ich Vater gar nicht. Stammt wohl aus der ersten Zeit, als sie auf Wolke sieben schwebten. Aber ... Maler? War er doch nie. Das muss jemand anderes an eine Verwandte geschrieben haben.
Oder doch für Mutter?! Das Datum ... Da muss sie ungefähr vierzig gewesen sein. Unsere Mutter? So romantisch ... Das gibt’s doch nicht. Sie stand mit beiden Beinen fest auf der Erde, arbeitete auf dem Feld, fuhr den Traktor, bewältigte den Alltag. Unserem Vater war sie ein guter Kumpel. Die beiden haben zusammengehalten. So nüchtern und vernünftig, zuverlässig und fleißig. Nun sind sie unter der Erde. Da sieh mal einer an, unsere Mutter. Hätte ich ihr nicht zugetraut. Sie muss ihn geliebt haben, den kunstbegabten Fremden. Aber gegangen ist sie nicht. Und niemand von uns hat etwas gemerkt. Ob Vater was geahnt hat? Wie konnte sie ihr Gefühl so verbergen?
