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Gibt es ihn, den einen Moment, der alles verändern kann? Der gefühlvolle Liebesroman »Am Ende jenes Sommers« von Charlotte Baumann – jetzt als eBook bei dotbooks. Als Meret sich auf einer Reise durch Kenia in Lorenz verliebt, hat die junge Journalistin das berauschende Gefühl, den Richtigen gefunden zu haben. Aber Lorenz ist kein Typ für feste Bindungen: zwei Wochen Liebe, Sonne und Safari – ja. Eine langfristige Beziehung? Nein, das ist ihm zu viel. Als Meret allein nach Deutschland zurückfliegt, ist sie am Boden zerstört. Erst als sie Johannes trifft, kann Meret wieder an die Zukunft glauben. Er wirbt um sie, gibt ihr Halt und Kraft – und so stimmt sie schließlich zu, seine Frau zu werden. Alles scheint sich für sie zum Guten gewendet zu haben. Aber dann, Jahre später, meldet sich Lorenz bei ihr. Und Meret muss sich die alles entscheidende Frage stellen: Will sie wirklich ihr Familienleben aufgeben, um mit Lorenz einen aufregenden Neuanfang zu wagen? Ein bewegender, fesselnder Roman über eine Frau, die zwischen der Liebe zu zwei Männern hin- und hergerissen ist. Jetzt als eBook kaufen und genießen: »Am Ende jenes Sommers« von Charlotte Baumann. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Über dieses Buch:
Als Meret sich auf einer Reise durch Kenia in Lorenz verliebt, hat die junge Journalistin das berauschende Gefühl, den Richtigen gefunden zu haben. Aber Lorenz ist kein Typ für feste Bindungen: zwei Wochen Liebe, Sonne und Safari – ja. Eine langfristige Beziehung? Nein, das ist ihm zu viel. Als Meret allein nach Deutschland zurückfliegt, ist sie am Boden zerstört. Erst als sie Johannes trifft, kann Meret wieder an die Zukunft glauben. Er wirbt um sie, gibt ihr Halt und Kraft – und so stimmt sie schließlich zu, seine Frau zu werden. Alles scheint sich für sie zum Guten gewendet zu haben. Aber dann, Jahre später, meldet sich Lorenz bei ihr. Und Meret muss sich die alles entscheidende Frage stellen: Will sie wirklich ihr Familienleben aufgeben, um mit Lorenz einen aufregenden Neuanfang zu wagen?
Ein bewegender, fesselnder Roman über eine Frau, die zwischen der Liebe zu zwei Männern hin- und hergerissen ist.
Über die Autorin:
Charlotte Baumann ist das Pseudonym der Autorin und Übersetzerin Maria Linke. Die Mutter von zwei Kindern und stolze Großmutter eines Enkels lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Köln.
Bei dotbooks veröffentlicht Charlotte Baumann bereits ihre Romane »Sommer der Träume« und »Im Herzen bei dir«.
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Originalausgabe August 2016
Copyright © der Originalausgabe 2016 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung eines Bildmotivs von shutterstock/Glebstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH
ISBN 978-3-95824-774-1
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Charlotte Baumann
Am Ende jenes Sommers
Roman
dotbooks.
»Ganz egal, woran ich gerade denke,am Ende denke ich immer nur an dich.«
Element of Crime
»I wasn’t expecting that.«
Jamie Lawson
Gegen den Strom
Bewegungslos stand der Reiher am Ufer, auf einem Bein, den langen, gekrümmten Hals so tief in den grauen, kugeligen Federkörper gezogen, dass er im Zwielicht der Morgendämmerung kaum zu erkennen war. Die Sonne kam gerade erst hinter den Hügeln hervor, und die Nebelschwaden über dem Fluss lösten sich in dem rötlich goldenen Schimmer, den die Sonnenstrahlen über das Wasser warfen, nur langsam auf.
Meret schob das Backbord-Skull in die Dolle und legte sich leise ächzend auf den Steg, um die Halterung zuzuschrauben. Früher einmal hatte sie das mit Leichtigkeit im Stehen erledigt, etwas anderes wäre ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Aber wie lange hatte sie nicht mehr in einem Ruderboot gesessen? Zehn Jahre? Oder waren es sogar schon fünfzehn? Mit fast vierzig war man eben nicht mehr so gelenkig, und besonders viel Sport hatte sie in den vergangenen Jahren auch nicht getrieben. Ja, klar, ab und zu waren sie mal Fahrrad gefahren, einmal im Jahr ging es für zehn Tage zum Skilaufen und im Sommer ein paarmal zum Schwimmen, vor allem als Nicolas noch kleiner war. Aber sonst?
»Du kannst zufrieden sein, dass du einigermaßen anständige Gene hast«, murmelte sie leise vor sich hin. »Du könntest auch ganz anders aussehen!«
Einiges an Muskelkraft hatte sich mit Sicherheit schon verabschiedet, die Haut war nicht mehr ganz so straff wie früher, und sie hatte auch etwas zugenommen, aber zum Glück war ihr Gesamteindruck trotzdem nicht übel. Das lag wohl tatsächlich an ihrem Erbteil. Ihre Mutter war achtundsechzig, wirkte aber durchaus zehn Jahre jünger – von Weitem jedenfalls.
Meret war froh, dass sie so früh aufgestanden war. Es war ihr noch nicht einmal besonders schwergefallen. Sie hatte es immer schon belebend gefunden, wenn im ersten grauen Licht der Dämmerung die Vögel anfingen zu zwitschern. Früher war sie dann im Sommer manchmal einfach aus dem Bett geschlüpft und hinaus in den Garten oder auf die Terrasse gelaufen. Lorenz hatte das nie verstehen können. Meistens war er aufgewacht und hatte versucht, sie zurückzuhalten. Oh, wie sie das gehasst hatte! Sie war sich dabei vorgekommen wie im Gefängnis.
»Was willst du denn da draußen?«, hatte er gefragt und verschlafen hinzugefügt: »Bleib doch im Bett. Komm her.« Er hatte dabei ungehalten geklungen, als sei es ein Affront gegen ihn, wenn sie aufstünde. Dabei wollte sie nur diese ganz besondere Stimmung in der Frühe genießen, das feuchte Gras unter ihren Füßen spüren.
Johannes, das musste sie zugeben, war da ganz anders. Eigentlich hatte er sie immer so sein lassen, wie sie war. Er hatte nie versucht, sie zu ändern. Und er klammerte auch nicht.
Aber seit sie niemandem mehr Rechenschaft schuldig war, war seltsamerweise auch das Bedürfnis verschwunden, in aller Frühe auszubrechen und hinauszulaufen, wenn sie aufwachte. Sie schlief in der letzten Zeit einfach nicht mehr besonders gut. Aber war das ein Wunder? Es ging ihr viel zu viel durch den Kopf, und wenn sie mitten in der Nacht aufwachte, kreisten die Gedanken, und sie kam nicht mehr zur Ruhe. Dann stand sie eben auf, eher aus Not als aus dem Bedürfnis heraus, das Erwachen des Tages zu genießen.
Heute jedoch hatte sich das frühe Aufstehen auf jeden Fall gelohnt. Es versprach ein schöner Tag zu werden. In der vergangenen Woche hatte es ständig geregnet, und auch jetzt war noch so viel Feuchtigkeit in der Luft, dass leichter Nebel über dem Fluss lag. Die Bäume, die nun, Ende Juni, üppig grün waren, wirkten in dem blassgoldenen Schimmer der ersten Sonnenstrahlen wie mit einem Weichzeichner versehen. Die Autos auf der Uferstraße fuhren noch mit Licht, und es herrschte kaum Verkehr, sodass alles gedämpft und unwirklich erschien.
Als sie aus der Bucht mit der kleinen vorgelagerten Insel im Fluss hinausglitt, waren die Umrisse der Häuser auf der anderen Neckarseite kaum zu erahnen. Noch war es kühl, beinahe konnte sie ihren Atem sehen, aber wenn die Sonne erst einmal hinter den Hügeln hervorgekommen war, würde es sicher sehr warm werden. Unter anderen Umständen wäre sie vielleicht ins Thermalbad gegangen, wie immer, wenn sie sich in der wärmeren Jahreszeit in Heidelberg aufhielt, aber dazu hatte sie heute keine Zeit.
Schwimmen war keine Option. Sie musste ihr Leben in Ordnung bringen, und das konnte sie nur beim Rudern auf dem Fluss.
Sie saß in Barbaras Skiff, der »Cam«, dem Boot, das sich die Freundin erst vor zwei Jahren gekauft hatte. Meret konnte nur hoffen, dass sie bald wieder Gelegenheit haben würde, es auch zu nutzen. Einer der bekanntesten Bootsbauer Deutschlands hatte sein Werk in der Nähe von Heidelberg, in Eberbach, und dort hatte Barbara den Einer in Auftrag gegeben. Ein schönes, leichtes, schnittiges Boot – aber als Meret sich vom Steg abgestoßen und hineingesetzt hatte, hatte sie gemerkt, wie sehr sie aus der Übung war. Natürlich war Rudern wie Fahrradfahren: Man verlernte es nicht. Doch als sie endlich auf dem Wasser war, war sie trotz der kühlen Morgenluft bereits in Schweiß gebadet.
»Selber schuld«, murmelte sie und verzog das Gesicht. »Wer sich in Gefahr begibt …«
Nach den ersten Schlägen jedoch, mit denen sie stromaufwärts auf die Theodor-Heuss-Brücke zuruderte, hatte sie schon wieder zu ihrem Rhythmus gefunden. Na, geht doch, dachte sie. Sie zwang sich, gleichmäßig zu atmen, und konzentrierte sich auf die Bewegung, als sie langsam vorrollte, die Blätter eintauchte und dann kraftvoll zurückstieß. Ruhe und Kraft, das war in jeder Hinsicht entscheidend.
Sie warf einen raschen Blick über die Schulter. Kein Hindernis in Sicht. Um diese Uhrzeit war es auf dem Fluss friedlich und still. Die Ausflugsflotte war noch nicht in Betrieb, das Solarschiff lag noch vor Anker, und auch die großen Schubschiffe waren noch nicht unterwegs – die Kapitäne schliefen wohl noch.
Ihre Bewegungen wurden gleichmäßig und sicher. Früher war sie immer rudern gegangen, wenn sie den Kopf frei kriegen wollte. Dabei konnte sie am besten abschalten. Das hatte sie schon als Jugendliche so empfunden, und es war ganz egal gewesen, ob ihre Gedanken um Mathearbeiten oder Liebeskummer gekreist waren. Kaum saß Meret im Boot, wurde sie ganz ruhig. Doch obwohl es nach außen so wirkte, als ob sie träumte, war sie äußerst konzentriert, wenn auch auf ihre eigene Weise. Rudern war für sie wie Meditieren. Nur auf dem Wasser war sie Teil eines Ganzen, einer natürlichen, fließenden Harmonie, die sich über die Bewegungen ihres Körpers mitteilte. Es fiel ihr schwer, es in Worte zu fassen, aber nur beim Rudern hatte Meret stets das Gefühl gehabt, eins mit sich und der Welt zu sein.
Und dieses Gefühl brauchte sie jetzt.
Das Boot reagierte sofort, wenn sie nicht in ihrer inneren Mitte war. Sie war nun schon so lange aus dem Gleichgewicht und musste sich klar darüber werden, wie ihr Leben weitergehen sollte. Zu viel hing davon ab, ob ihre Entscheidung richtig ausfiel …
Erneut blickte sie sich um. Der alte Kanutenspruch fiel ihr ein: Kanuten sehen eine nette Kneipe am Ufer schon von Weitem, Ruderer erst, wenn sie dran vorbei sind. Und es stimmte ja auch: Als Ruderer schaute man in die verkehrte Richtung. Man ruderte gewissermaßen in die Zukunft, während man noch in die Vergangenheit blickte. Aber war nicht so das ganze Leben? Ohne Vergangenheit gab es keine Zukunft. Man durfte nur nicht vergessen, ab und zu auch mal nach vorne zu schauen.
Vor der Alten Brücke fuhr sie in einem Bogen zum Neuenheimer Ufer. Das Schloss war in Dunst eingehüllt, aber oben hinter der steinernen Brüstung der Brücke standen schon die ersten Japaner mit gezückten Kameras. Wer Europa in vierzehn Tagen bereisen wollte, musste früh aufstehen, auch wenn die Motive vielleicht noch gar nicht aufgewacht waren.
Einen Moment lang hielt sie inne und ließ sich ein wenig treiben. Sie liebte den Anblick der Stadt vom Fluss aus. Das zerstörte Schloss, das hoch über der Stadt aufragte, die Heilig-Geist-Kirche und die Häuser der Altstadt auf der einen Seite, am anderen Ufer die prachtvollen Bürgervillen, eingebettet in die grünen Hügel, und die Alte Brücke, die die beiden Seiten verband.
Ihr Blick fiel auf die Villa der Buchwalds. Das Interview mit Professor Buchwald, einem der führenden Neurochirurgen an der Heidelberger Universitätsklinik, war ihre erste journalistische Arbeit gewesen. Meret war damals noch zur Schule gegangen und hatte einen Artikel für die Ruderzeitung über ihn geschrieben. Wie professionell sie sich mit ihrem kleinen Aufnahmegerät und dem Mikro vorgekommen war! Die Pracht der alten Villa am Philosophenweg hoch über dem Fluss, mit ihrer von Säulen umrahmten Terrasse und der Marmorfreitreppe, hatte sie so nachhaltig beeindruckt, dass sie ihn spontan gefragt hatte, ob er dem Verein denn nicht ein Boot stiften wolle. Für jemanden, der in einer solchen Villa wohnte, konnte das doch keine große Ausgabe sein.
Buchwald hatte damals kurz vor der Eheschließung mit seiner zweiten, viel jüngeren Frau gestanden und sich gutmütig auf ihren Vorschlag eingelassen. »Ja«, hatte er gesagt, »wenn du dafür sorgst, dass meine Ruderkameraden bei der Hochzeit Spalier stehen, dann überlege ich es mir.«
Das hatten sie natürlich sowieso getan, und er hatte tatsächlich einen Hochzeitszweier angeschafft – falls noch weitere Vereinsmitglieder heiraten wollten. Das betagte Boot mit der extra breiten Steuerbank für das Brautpaar gab es noch heute, jedenfalls hatte sie es im Bootshaus gesehen. Vielleicht wurde es sogar noch genutzt.
Meret grinste. »Ganz schön frech für eine 17-Jährige«, murmelte sie. Aber Hartnäckigkeit war immer schon eine ihrer hervorstechendsten Eigenschaften gewesen. Sie hatte stets genau gewusst, was sie wollte und wie sie es vermitteln musste.
Seit frühester Jugend hatte sie nicht den leisesten Zweifel an ihrer Besonderheit und ihrer Durchsetzungsfähigkeit gehegt. Ihre Mutter betonte noch heute, was für ein anstrengendes Kind sie gewesen sei. »Es war schlimm mit dir«, sagte sie gerne. »Kaum hattest du eine Sache erreicht, hast du schon das nächste Ziel angesteuert. Du hast dich nie mit dem Erreichten zufriedengegeben, sondern wolltest immer mehr.«
Vielleicht hatte das etwas mit ihrem Namen zu tun. Dufresnes war schon ungewöhnlich genug, selbst in Heidelberg, wo man an französische Nachnamen gewöhnt war, aber dann hatten es ihre Eltern auf die Spitze getrieben und sie nach ihrer Urgroßmutter väterlicherseits Meret genannt. Meret hatte Vor- und Nachnamen immer buchstabieren und vorsprechen müssen (ja, Düfrään, und ja, Meerett), und schon als kleines Kind hatte sie daraus abgeleitet, dass sie wohl etwas Besonderes sein musste. In den Wirren des Lebens hatte sich dieses Bewusstsein jedoch irgendwann abgenutzt. Bald wurde sie vierzig und kam sich weiß Gott nicht mehr besonders vor. Im Gegenteil, sie hatte das Gefühl, in einer Sackgasse angekommen zu sein. Wie sie sich auch drehte und wendete, sie kam nicht weiter. Sie hatte einfach die Richtung verloren, die ihr doch immer so klar vor Augen gestanden hatte.
Sie lächelte, als sie einen Reiher am Ufer entdeckte. Er stand so bewegungslos im Schatten einer Weide, dass sie ihn beinahe nicht gesehen hätte. Stocksteif, den Hals eingezogen, auf einem Bein – vielleicht schlief er, vielleicht lauerte er auf einen Fisch, vielleicht aber stand er auch einfach nur so da. Unwillkürlich fielen ihr die Flamingos im Lake Nakuru ein – völlig überwältigt hatte sie die rosarote Wolke aus unzähligen Vögeln bestaunt, damals, als alles angefangen hatte.
Voraus – und los!
(Befehl zum Losrudern)
Das Telefon auf ihrem Schreibtisch läutete. »Meret«, hörte sie die tiefe Stimme ihrer Chefin, »kommen Sie doch bitte mal in mein Büro.«
Seit einem Dreivierteljahr arbeitete Meret in der Redaktion von Schöner Reisen, und sie empfand immer noch jeden Tag wie einen Glücksfall. Sie hatte schon, während sie in München Germanistik und Romanistik studierte, ab und zu kleinere Aufträge für das Magazin übernommen. Trotzdem hätte sie nie zu hoffen gewagt, dass man ihr tatsächlich eine Stelle anbieten würde, als sie ihren Magister gemacht hatte. Über fremde Länder als Journalistin zu berichten war Merets Leidenschaft, und wie ein Schwamm sog sie alles in sich auf, was sie in der Redaktion lernen konnte.
Jetzt lief sie den langen Flur entlang, der zum Büro und Vorzimmer ihrer Chefin führte. Fast wäre sie mit Anna zusammengestoßen, der jungen Kollegin, die seit Kurzem im Sekretariat von Oda Frankenthal arbeitete.
»’tschuldigung!«, sagte Meret hastig und fügte erklärend hinzu: »Ich muss zur Chefin.«
Anna nickte. »Ist ja nichts passiert«, erwiderte sie und ging weiter. Die Tür zum Büro stand wie immer weit auf. Oda Frankenthal pflegte einen offenen Führungsstil, wie sie gerne betonte, war allerdings weit davon entfernt, der kumpelhafte Typ zu sein. Im Gegenteil, sie wirkte ziemlich Respekt einflößend.
Ein wenig atemlos stand Meret schließlich vor Oda Frankenthals Schreibtisch. Warum mochte die Chefredakteurin sie gerufen haben? Erwartungsvoll blickte sie sie an.
»Ich will gar nicht lange darum herumreden, Meret«, begann die kühle, dunkelhaarige Frau und zog an ihrer dünnen Zigarette, die in einer goldenen Zigarettenspitze steckte. »Wir haben niemand anderen, und es ist alles schon gebucht und verabredet, deshalb müssen Sie es machen.«
»Was machen?«, fragte Meret verwirrt.
»Na, die Reise für Jochen Spengler antreten. Sie haben doch sicher gehört, dass er sich das Bein gebrochen hat.«
Ja, das hatte sie gehört. Er war auf dem vereisten Bürgersteig vor seiner Haustür ausgerutscht. Und jetzt sollte sie …
Meret riss die Augen auf. Halleluja! »Ich soll nach Kenia fliegen?«, fragte sie. Ihre Stimme hörte sich sogar in ihren eigenen Ohren ziemlich piepsig an. »Sollte das denn nicht jemand anderes machen?«, fragte sie, verbesserte sich aber hastig: »Ich meine, jemand, der mehr Erfahrung hat als ich?«
»Ja, eigentlich schon«, beschied ihr die Chefin ungeduldig. »Aber ehrlich gesagt, ist gerade niemand frei. Und wenn es Ihre Gefühle nicht allzu sehr verletzt, sitzen Sie übermorgen Abend in der Maschine nach Nairobi. Oder haben Sie ein Problem damit, der Notnagel zu sein?«
»Nein, nein«, versicherte Meret schnell. »Nein, natürlich nicht, Frau Frankenthal, äh, Oda«, fügte sie hinzu. Es fiel ihr immer noch schwer, sich daran zu gewöhnen, dass sich in der Redaktion alle mit Vornamen und Sie anredeten. »Nein, ich freue mich riesig. Das ist ja wirklich eine nette Überraschung.«
»Kindchen«, erwiderte ihre Chefin mit grimmiger Freundlichkeit und streifte mit einer nachlässigen Handbewegung die Asche ihrer Zigarette ab, »das müssen Sie noch lernen: Geschäftsreisen sind grundsätzlich kein Anlass zur Freude. Und schon gar keine nette Überraschung. Geschäftsreisen sind Arbeit, und wenn Sie sich freuen, dann nur über gute Reportagen oder interessante Kontakte. Ist das klar?«
»Hmm«, erwiderte Meret renitent. Sie würde sich von der blöden Kuh doch nicht die Freude über die Reise verderben lassen. Sie sollte nach Nairobi fliegen! Morgen würde sie dem Kollegen Spengler einen großen Blumenstrauß ins Krankenhaus schicken. Mindestens. Und sie würde ihn in Kenia würdig vertreten, davon war sie überzeugt.
Afrika – sie flog nach Afrika! Das war der Durchbruch! Sie würde eine Reisereporterin werden, der selbst der große Egon Erwin Kisch kaum das Wasser reichen konnte!
Fragend runzelte sie die Stirn. »Brauche ich irgendwelche Visa? Impfungen? Gegen Tetanus und Polio bin ich geimpft. Und auch gegen Hepatitis A und B. Wie ist es mit Malaria?«
»Sie bekommen ein Notfall-Mittel mit«, erwiderte ihre Chefin. »Um die nötigen Papiere haben wir uns bereits gekümmert. Ihr Flug geht übermorgen Abend um 17.30 Uhr von Frankfurt. Sie fliegen über Amsterdam nach Nairobi. Holen Sie sich in der Buchhaltung einen Vorschuss und das Ticket ab. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug und erwarte, dass Sie Ihre Sache gut machen.«
»Ja, Frau Frankenthal, ich meine, Oda. Danke«, fügte Meret hinzu. Beschwingt verließ sie das Büro ihrer Chefin. Es gab viel zu tun.
Meret Dufresnes war gerade erst fünfundzwanzig geworden – und nun durfte sie schon ihre erste große Reisereportage machen! Sie war beinahe vor Stolz und Aufregung geplatzt, als sie in der Buchhaltung das Ticket nach Nairobi in Empfang genommen hatte. Safaris in Kenia erfreuten sich zunehmender Beliebtheit, und jetzt war gerade sie auserkoren worden, darüber zu berichten.
Erst als sie im Flugzeug saß, wurde sie ein wenig ruhiger. Es war aber auch alles zu aufregend. Sie flog zum ersten Mal in ihrem Leben und dann gleich so eine weite Strecke! Elf Stunden, mit Zwischenlandung in Amsterdam. Aber jetzt hatte sie erst einmal alles bewältigt, lehnte sich in ihrem Sitz zurück und kam sich vor wie eine Weltreisende.
Lässig blickte sie sich um. Der Flieger war bis auf den letzten Platz besetzt. Meret saß am Gang, worüber sie sich eigentlich geärgert hatte. Aber dann war ihr aufgegangen, dass es während des Fluges dunkel war; es war sowieso nichts zu sehen. Neben ihr am Fenster saß eine junge Schwarze, die anscheinend zu keinem Gespräch bereit war. Meret hatte sie freundlich angelächelt, als sie im letzten Moment in die Maschine gestürmt war und sich zielsicher neben sie auf den Sitz gestürzt hatte, aber sie hatte keine Miene verzogen, sich angeschnallt und sofort die Augen zugemacht. Jetzt saß sie bewegungslos neben Meret, nur ihre Hände, die in ihrem Schoß lagen, waren pausenlos in Bewegung. Was mochte mit ihr sein? Ob sie wohl einen Krankenbesuch zu Hause machte? Oder war sogar jemand gestorben? Unbehaglich wandte Meret den Blick ab. Ihr wäre es lieber gewesen, sie hätte sich während des Fluges nett mit jemandem unterhalten können, mit jemandem, der ihr vielleicht auch noch ein paar Tipps geben konnte. Na ja, es würde auch so gehen.
Sie lächelte die Stewardess an, die mit dem Getränkewagen vorbeikam. »Ein Wasser und einen Weißwein«, bestellte sie und schob sich das Kissen hinter den Kopf. Sie würde die Nacht schon gut hinter sich bringen.
Die Sonne stach ihr in die Augen, als sie aus der Flughafenhalle trat. Um sie herum war es heiß, hell und laut. Alle Farben wirkten viel greller als zu Hause, und einen Moment lang war sie orientierungslos. Fast wünschte sie sich, noch neben der jungen Schwarzen zu sitzen. Die hatte kurz vor der Landung das erste Mal die Augen aufgemacht, Meret angeschaut, als wäre sie ihr vorher gar nicht aufgefallen, und gefragt: »You – Maputo?«
Offensichtlich musste sie in Nairobi nach Maputo umsteigen.
Meret hatte den Kopf geschüttelt. »Nein, ich bleibe in Nairobi«, hatte sie auf Englisch erwidert.
Und jetzt stand sie allein vor dem Flughafen und blickte sich überwältigt um. Niemand hatte daran gedacht, sie abholen zu lassen – Spengler war schon häufig in Kenia gewesen. Er kannte sich aus und wusste genau, was er zu tun hatte, aber Meret hatte natürlich keine Ahnung, zumal es niemand für nötig befunden hatte, sie zu informieren. Doch sie war so berauscht von ihrer neuen Wichtigkeit, dass es ihr gleichgültig war. Sie würde einfach ein Taxi rufen und erst einmal ins Hotel fahren.
Am späten Nachmittag war sie mit einem Reiseleiter verabredet. Sie nahm ihren Rucksack von der Schulter, zog eine Plastikmappe heraus und warf rasch einen Blick in ihre Unterlagen. Ja, genau, Arne Brodersen. Er war der Neffe von Oda Frankenthal und hatte sich angeboten, Meret ein wenig einzuführen. Heute Abend wollte er sie bei einem Abendessen in seinem Haus ein paar Leuten vorstellen.
Pünktlich zur verabredeten Zeit stand Arne Brodersen in der Hotel-Lobby, um Meret abzuholen. Ein netter, schlaksiger, blonder Junge mit Nickelbrille, der nach seinem Ethnologie-Studium zum Glück einen Job als Reiseleiter bei Universitas-Reisen bekommen hatte. »Afrika ist mein Spezialgebiet«, erklärte er ihr munter, während er in atemberaubendem Tempo mit Meret durch die Stadt fuhr. Beim Fahren wies er sie auf allerlei Sehenswürdigkeiten rechts und links der Straße hin – vor allem links, dachte Meret, die sich an den Linksverkehr nur schwer gewöhnen konnte.
»Allerdings eher die nördliche Sahara«, fuhr er fort. »Ich habe meine Magisterarbeit über soziale Strukturen bei den Tuareg geschrieben. Aber Kenia und Tansania sind auch gut. Interessante Länder, tolle Safaris, Serengeti, Kilimandscharo und so. Hast du beim Landeanflug die drei Gipfel des Mount Kenya und den Kilimandscharo gesehen? Beeindruckend, was? Selbst jetzt, im Sommer, haben sie eine Schneehaube.«
»Ja«, erwiderte Meret schwach und hielt sich krampfhaft am Türgriff seines Landrovers fest, als er erneut mit einer weit ausholenden Schaukelbewegung in die Kurve fuhr. »Ende Januar und Sommer … verkehrte Welt!«
»Genau. Der afrikanische Sommer findet im europäischen Winter statt, jedenfalls jenseits des Äquators. Wusstest du das nicht?« Arne war sichtlich stolz auf seinen Wissensvorsprung.
»Doch, doch! Das musst du mir alles noch mal ganz genau erklären, wenn ich ausgeruhter bin«, sagte Meret, der nach der langen Reise ganz schön der Kopf schwirrte. »Schließlich muss ich darüber berichten.«
»Jaja, kein Problem. Ich gebe dir schon genügend Material für Tante Oda mit.« Er lachte. »Sie ist ziemlich furchterregend, was?«
»Ach, es geht«, erwiderte Meret ausweichend. Arne machte zwar nicht den Eindruck, als wollte er sie bei seiner Tante anschwärzen, aber zu viel wollte sie auch nicht gleich preisgeben, das fand sie unprofessionell.
Mittlerweile waren sie in einer ruhigen Villengegend angelangt. Hinter hohen Zäunen und Hecken lagen große, bewachte Häuser in üppig blühenden Gärten. Sie hielten vor einem Eisentor, an dem ein Wachmann saß. Er hob grüßend zwei Finger an seine zerschlissene Kappe, als Arne vor dem Tor hupte. Die beiden Männer wechselten ein paar Sätze auf Swahili, dann ging das Tor auf, und sie fuhren aufs Grundstück, eine Auffahrt entlang, die zu einem mit Bougainvillea überwucherten Bungalow führte.
Arne stellte den Motor ab und machte eine weit ausholende Handbewegung. »Das ist mein Reich«, erklärte er großspurig. »Nicht übel, was?«
Meret blickte sich mit großen Augen um. »Ja«, sagte sie langsam. »Das ist wirklich irre schön. Und du wohnst hier ganz alleine?« Sie blickte auf den großen, glitzernden Pool seitlich von der Terrasse, die weitläufigen Rasenflächen und die Palmen, die leise im Wind rauschten. Ein älterer Schwarzer mit ausgefranstem Strohhut und verblichenen Arbeitshosen schnitt gerade die Hecke. Er drehte sich um, als sie aus dem Wagen stiegen, und lächelte sie freundlich an. Arne winkte ihm zu.
»Das ist John«, sagte er zu Meret. »Er gehört quasi zum Inventar. Und er tut gerne mal so, als ob er das alles hier besitzen würde.« Er grinste breit in die Richtung des älteren Mannes. »Aber er hält uns die anderen Bittsteller vom Hals.«
»Uns?«, fragte Meret.
»Meine beiden Kollegen wohnen auch noch hier. Jürgen und Gerd. Aber sie sind im Moment beide auf Tour.«
»Und was hast du mit den Bittstellern gemeint?«
»Ach, du glaubst ja gar nicht, auf welche Ideen die hier kommen. Da hat doch jeder einen Bruder, Vetter, Onkel oder was weiß ich, der aus irgendeinem Grund Geld braucht«, erwiderte Arne abfällig. »Und wehe, du lässt dich auf eine Geschichte ein, damit löst du die reinste Lawine aus. Tja, John lebt ganz gut davon, dass er dafür sorgt, dass uns die anderen in Ruhe lassen.«
Meret hatte skeptisch zugehört. »Hmm«, meinte sie schließlich vorsichtig. »Also, ich kann das schon verstehen. Die Schwarzen haben wahrscheinlich den Eindruck, dass alle Weißen reich sind. Und das sind sie im Verhältnis zu ihnen auch.«
»Ja, geschenkt.« Arne machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das ist doch noch lange kein Grund, alle über einen Kamm zu scheren. Ich jedenfalls habe nicht so viel Geld, und wenn Universitas nicht Haus und Hauspersonal bezahlen würde, könnte ich hier auch kaum existieren. Als Reiseleiter verdienst du doch nichts. Wenn du länger in Kenia wärst, würdest du deinen sozialromantischen Ansatz schnell verlieren. Aber, lass uns darüber nicht streiten«, fügte er versöhnlich hinzu. »Ich zeig dir das Haus und den Garten. Wenn du willst, kannst du noch in den Pool springen. In einer Stunde kommen ein paar Leute zum Barbecue.« Er wies zur Terrasse an der Seite des Hauses, wo über einer Feuerstelle schon ein großer Schwenkgrill aufgestellt worden war. Ein junger Schwarzer in Jeans und buntem Hemd war gerade dabei, die Holzscheite zum Brennen zu bringen. »Das ist Jomo, der Küchen-Boy«, erklärte er. »Und dann gibt es noch John II, den Haus-Boy.« Er lachte. »Wir sind ein reiner Männerhaushalt.«
Meret verzog das Gesicht. War sie heute Abend etwa die einzige Frau? Das konnte ja heiter werden. »Das mit dem Pool verschiebe ich«, sagte sie. »Es reizt mich zwar, aber danach müsste ich mich noch mal umziehen. Ich schaue mich lieber ein bisschen um.«
»Klar, kein Problem«, meinte Arne. »Ich führe dich herum.«
In diesem Augenblick ging das Tor auf, und ein schlammbespritzter, weißer Landrover fuhr die Auffahrt hinauf. Der Kies spritzte auf, als er mit quietschenden Bremsen vor dem Haus hielt. Türen wurden aufgerissen, und fünf Personen quollen heraus, so schnell, dass Meret Mühe hatte, sie zu zählen.
Der Fahrer, ein schlanker, großer Mann Mitte dreißig mit etwas längeren dunklen Haaren, kam mit ausgebreiteten Armen auf Arne zu. »Arne, altes Haus!«, rief er.
Meret verdrehte innerlich die Augen. Was war das denn für ein manierierter Schnösel? Wer sagte denn heute noch »altes Haus«?
Der Mann umarmte Arne und klopfte ihm auf den Rücken. »Ich habe noch ein bisschen Gesellschaft mitgebracht«, meinte er. »Du hast doch nichts dagegen?« Er wies auf die drei Frauen und den Mann, die ebenfalls aus dem Landrover ausgestiegen waren. »Aber erst einmal möchte ich unseren Gast aus Deutschland kennenlernen.« Er wandte sich Meret zu und streckte ihr die Hand entgegen. »Willkommen im Busch. Ich bin Lorenz Fischer.«
Arne ergänzte: »Lorenz ist Korrespondent für die Hamburger Zeitung. Er hilft dir bestimmt gerne bei allen journalistischen Fragen.«
»Und nicht nur da«, mischte sich eine der Frauen, eine hübsche Brünette mit langen Haaren, grinsend ein.
Meret warf ihr einen kurzen Blick zu und schüttelte dann Lorenz Fischer die Hand. »Freut mich, Herr Fischer«, sagte sie unverbindlich. »Ich bin Meret Dufresnes.«
»Oh, ein Name so schön wie die Frau, die ihn trägt«, erwiderte er.
Du lieber Himmel, was war das bloß für ein Typ? Allerdings blitzte es in seinen graugrünen Augen humorvoll. So ganz ernst schien er sich selbst nicht zu nehmen.
»Wir nennen uns hier alle beim Vornamen. Ich bin einfach nur Lorenz.« Er verzog die Lippen zu einem breiten Lächeln und enthüllte dabei einen Schneidezahn, der leicht schräg über dem zweiten stand. Seltsamerweise tat dieser kleine Makel seinem Charme keinen Abbruch, im Gegenteil, es wirkte liebenswert, genau wie das Grübchen auf seiner rechten Wange.
Meret erwiderte sein Lächeln zurückhaltend. Auf so einen Charmeur würde sie auf keinen Fall hereinfallen!
Die anderen Gäste wurden ihr ebenfalls vorgestellt. Die dunkelhaarige Frau, die mit ihren hohen Wangenknochen und den leicht schräg gestellten grünen Katzenaugen aussah wie ein exotisches Fotomodell, war Giuliana Fontana, eine italienische Fotografin, die ihr hervorragendes Deutsch ihrer deutschen Mutter verdankte. Sie war wirklich eine Schönheit, groß und langgliedrig, mit anmutigen Bewegungen. Und sie schien als Fotografin erfolgreich zu sein, denn Arne raunte Meret zu: »Sie hat schon drei Bildbände über Afrika veröffentlicht. Eine tolle Frau!« In welcher Hinsicht, ließ er offen. Eine der anderen Frauen, Judith Westphal, eine pummelige kleine Blondine mit roten Wangen und kurzen Haaren, war ihre Assistentin. Und die weiteren Freunde von Lorenz Fischer waren ein gut aussehender Schweizer Ingenieur mit seiner Frau, die als Ärztin im Nairobi Hospital arbeitete.
Während sie noch alle dastanden und sich miteinander bekannt machten, kam ein weiteres Auto durch das Tor, eine große Peugeot-Limousine, in der ein älteres Ehepaar saß. Sie trugen beide Safari-Kleidung, der Mann zu Merets Belustigung sogar einen Tropenhelm. Arne stellte sie ihnen als Elias und Daphne Hartmann vor. »Meine Chefs«, verkündete er. »Herr Hartmann hat Universitas-Reisen vor fünfzehn Jahren gegründet, und es ist eines der erfolgreichsten Unternehmen für Abenteuer-Reisen mit Komfort in Afrika.«
Elias Hartmann winkte bescheiden ab. »Na, da gibt es wohl noch größere und erfolgreichere als uns«, sagte er. »Aber ich kann wirklich nicht klagen.« An Meret gewandt, fügte er hinzu: »Das passt ja hervorragend, dass wir gerade jetzt hier sind, wo Sie für Schöner Reisen über Safaris in Kenia berichten wollen. Wir stehen Ihnen selbstverständlich jederzeit für Fragen zur Verfügung. Wenden Sie sich nur an uns.«
»Ja, gern.« Meret lächelte das ältere Ehepaar an. Es ging alles viel leichter, als sie gedacht hatte. Die beiden mochten skurril wirken, aber sie schienen wirklich sehr nett und hilfsbereit zu sein.
»Na, jetzt sind wir ja vollzählig«, freute sich der Gastgeber. »Was wollt ihr trinken? Bier? Das gute Tusker?«
Es wurde ein lustiger Abend. Meret, die normalerweise nicht so schnell Freundschaften schloss, hatte nach einer Stunde das Gefühl, alle seit einer Ewigkeit zu kennen. Das Bier tat ein Übriges, und als es, ziemlich früh und ziemlich übergangslos, dunkel wurde, waren alle schon ein bisschen beschwipst und unterhielten sich angeregt.
»Hast du gesehen, wie rasend schnell die Sonne untergeht? Als ob sie über den Rand der Schüssel fällt!«
Lorenz hatte es sich, offensichtlich sehr zum Ärger seiner langhaarigen Begleitung, zur Aufgabe gemacht, Meret zu betreuen. Er hatte sich gleich neben sie gesetzt, und unterhielt sie mit Geschichten aus seiner Zeit in Afrika. Er lebte bereits seit zwei Jahren in Nairobi und hatte gerade für zwei weitere verlängert. »Danach muss ich allerdings wieder nach Europa zurück. Daran führt kein Weg vorbei. Eigentlich habe ich gar keine Lust dazu, wenn ich mir vorstelle, dass ich dann wieder jeden Tag in die Redaktion muss! Und mein Landy muss auch hierbleiben.« Er verzog das Gesicht. »Aber noch ist es ja nicht so weit. Na, immerhin haben sie mir noch mal zwei Jahre zugestanden. Und wer weiß, was in der Zeit alles passiert.«
»Wer ist denn dein Landy?«, fragte Meret interessiert. »Dein Haus-Boy?«
Lorenz lachte. »Nein, mein Kraftwagen«, erklärte er.
Meret schluckte. Der Mann hatte anscheinend einen unerschöpflichen Vorrat an altertümlichen Ausdrücken – dabei sah er gar nicht so antiquiert aus. Und trotz seiner merkwürdigen Ausdrucksweise war er unterhaltsam. Meret war fasziniert von seinen Schilderungen der Lebensumstände in Kenia. Sie hätte ihm stundenlang zuhören können, zumal er so lebhaft und plastisch erzählte, dass sie die Szenen förmlich vor sich sah.
Giulianas Assistentin Judith, die ein liebes Lächeln hatte und dabei bemerkenswert schöne Zähne enthüllte, und Arne waren ein Paar, wie Meret feststellte. Die beiden Ehepaare entpuppten sich als äußerst nett und witzig. Vor allem die Schweizer, Carla und Vigo, brachten alle zum Lachen, indem sie erzählten, auf welche Probleme sie stießen, weil bei ihnen die Frau das Geld verdiente und der Mann scheinbar nichts tat.
»Das ist so mühsam, oder?«, erklärte Carla und rollte ihre großen braunen Augen. »Hier ist es einfach nicht üblich, dass der Mann sich um Haus und Garten kümmert und die Frau das Geld verdient. Unsere Boys tun jedenfalls alle so, als würde ich Vigo aushalten.«
»Also, ich hätte nichts dagegen«, erwiderte ihr Mann lachend. »Das wäre doch ein Leben. Du müsstest mir nur genügend Taschengeld geben, und das würde ich dann mit Giuliana verprassen.« Er legte der dunkelhaarigen Schönheit den Arm um die Schultern, aber sie entwand sich ihm ärgerlich.
»Ich fahre nach Hause«, erklärte sie an Lorenz gewandt. »Bestell mir ein Taxi, ich habe Kopfschmerzen.«
Gleichmütig winkte Lorenz dem Küchen-Boy Jomo, der immer noch am Grill stand und die letzten Steaks wendete. Er sagte ein paar Sätze auf Swahili zu ihm, woraufhin der Junge nickte und ins Haus ging.
Oh, oh, dachte Meret, da ist aber jemand sauer. Doch sie war sich keiner Schuld bewusst. Zwar musste sie sich eingestehen, dass ihr dieser unbekümmerte Lorenz Fischer, der ihr anfangs so schnöselig vorgekommen war, überraschend gut gefiel, aber sie hatte sich ihm schließlich nicht an den Hals geworfen.
Also lächelte sie freundlich, als Giuliana sich verabschiedete und sich eng an Lorenz schmiegte, der sie zum Tor brachte.
»Ach, unser Lorenz«, sagte Vigo, der Schweizer. »Alle Frauen lieben ihn. Du doch auch«, fügte er an seine Frau gewandt hinzu, und Meret meinte, einen kleinen bitteren Unterton zu entdecken.
»Nicht mehr als dich, Chéri«, erwiderte Carla besänftigend. Sie warf ihrem Mann einen warnenden Blick zu.
Anstrengend, diese Ehepaare, fand Meret auf einmal. Anstrengend und langweilig. Nach Giulianas Aufbruch war die Stimmung ein wenig abgesackt. Nein, so etwas will ich nie erleben, dachte sie mit der Arroganz einer 25-Jährigen. Um die Situation aufzulockern, fragte sie betont munter in die Runde: »Kann mir denn mal jemand das Kreuz des Südens zeigen? Das wollte ich immer schon mal sehen.«
In der Zwischenzeit war Lorenz vom Tor zurückgekommen. Ehe noch jemand von den anderen antworten konnte, hatte er den Arm um sie gelegt und führte sie an den Rand des Gartens, wo es dunkel war und sie freie Sicht auf den Himmel hatten. Hier zirpten die Grillen besonders laut, und Meret hatte auf einmal das Gefühl, mitten im Busch zu stehen. Sie war sich der Nähe von Lorenz überdeutlich bewusst.
»Da oben«, Lorenz zeigte auf das Sternbild, das am südlichen Himmel stand, »das ist das berühmte Kreuz des Südens.« Er drückte seine Wange an ihre, um ihren Blick in die richtige Richtung zu lenken. »Es sieht ein bisschen so aus wie die Drachen, die wir als Kinder gebaut haben: Vier Sterne bilden ein Trapez, und drei Sterne führen wie eine Schnur hinunter. Siehst du«, er rückte immer näher, »da ist es!«
Er roch gut, stellte Meret fest. Ein kleines bisschen nach Mandeln. Und würzig, nach den französischen Zigaretten, die er rauchte.
Aufmerksam blickte sie zum Himmel. »Ja, ich sehe es«, sagte sie dann leise. »Komisch, ich hatte es mir ehrlich gesagt etwas spektakulärer vorgestellt.« Sie drehte den Kopf, um Lorenz anzublicken. Aber das war ganz offensichtlich ein Fehler, denn jetzt war sein Mund ihrem so nahe, dass sie gar nicht mehr anders konnten, als sich zu küssen.
»Das war aber jetzt nicht meine Absicht«, protestierte Meret schwach, aber es war zu spät. Er hatte warme, feste Lippen, und er küsste gut. Unwillkürlich schlang sie ihm die Arme um den Hals und schmiegte sich an ihn.
»Hey, ihr beiden, was macht ihr da?«, rief Arne von der Terrasse her. »Benimm dich, Lorenz. Meret ist nur zum Arbeiten hier!«
Lorenz löste sich von Meret und schaute sie an. Diese Augen! Ihr wurde ganz schwindlig unter seinem Blick.
»Das sollten wir noch mal wiederholen«, meinte er und lächelte sie an. »Es hat mir gefallen, Bella. Du gefällst mir. Auch wenn das jetzt gar nicht deine Absicht war.« Er lachte leise.
Der Klang seiner Stimme klingt, wie Schokolade schmeckt, ging es Meret durch den Kopf. Und er hat ein schönes Lachen. »Nein, ich küsse normalerweise nicht so schnell«, wehrte sie sich. »Also, ich meine, ich … das ist nicht … Ach, ist ja egal«, stotterte sie überrumpelt, als Lorenz sie weiter nur amüsiert anblickte. Die Sache wuchs ihr ein wenig über den Kopf. Sie war noch nicht ganz zwölf Stunden in Kenia, und es war entschieden zu viel passiert.
Aber das schien Lorenz nicht zu interessieren. »Wie sehen denn deine Pläne aus?«, erkundigte er sich.
»Ich weiß nicht so genau«, erwiderte Meret verwirrt. »Wie meinst du das jetzt?«
»Also zunächst mal hatte ich nur an morgen gedacht.«
Meret wurde rot, aber das sah er ja zum Glück im Dunkeln nicht. »Ich glaube, morgen früh frühstücke ich mit den Hartmanns bei mir im Hotel. Anschließend wollen sie mir die Stadt zeigen. Und übermorgen soll ich mit auf Safari, ins Samburu National Reserve, wenn ich mich recht erinnere.«
»Ja, das hört sich gut an«, erklärte Lorenz. »Hast du nicht Lust, in einer Woche mit mir zu kommen? Ich schreibe eine Reportage über die Hominiden-Funde am Turkana-See.«
»Ich weiß nicht«, sagte Meret zögernd. »Ich muss ja meinen Auftrag erfüllen.«
»Ach, das klappt schon. Hier kontrolliert dich doch keiner«, meinte Lorenz. »Außerdem macht es deine Reportage spannender. Das Rift Valley wird dir gefallen. Die Landschaft ist toll, so ursprünglich. Ich hole dich einfach im Samburu ab. Du hast doch gesagt, du bist zwei Wochen hier – das kriegst du schon alles unter einen Hut.«
Entweder lag es an Merets Müdigkeit oder an Lorenz’ Überredungskünsten – schließlich willigte sie ein. Arne jedenfalls schien nichts Merkwürdiges daran zu finden, als Lorenz ihm erläuterte, was sie vorhatten.
Erst als Meret im Hotelzimmer in ihrem Bett lag – Lorenz hatte sie im Landrover mit in die Stadt genommen und sich am Hotel eher beiläufig von ihr verabschiedet – und die Ereignisse des Tages noch mal Revue passieren ließ, merkte sie, wie überwältigt sie war.
Frei weg!
(Nach einem Manöver weiterrudern)
Schlaflos wälzte sie sich hin und her. Lorenz Fischer beschäftigte sie. Dabei hatte sie ihn doch erst vor wenigen Stunden kennengelernt, und genau genommen war er nicht einmal ihr Typ. Er war fast zehn Jahre älter als sie, und außerdem drückte er sich so komisch aus. Ein bisschen altmodisch, fand Meret. Aber er war witzig, das musste sie zugeben. Sie hatte heute Abend so viel gelacht wie schon lange nicht mehr. Na ja, es konnte sicher nichts schaden, wenn sie mit ihm die paar Tage noch an den Turkana-See fuhr. Danach musste sie sowieso wieder nach Hause. Und er hat schöne Hände, dachte sie schläfrig.
Der Schlaf wollte sich jedoch immer noch nicht einstellen. Schließlich meinte sie, die Ursache gefunden zu haben. Sie stand auf, schaltete die Klimaanlage aus und den Deckenventilator ein. »African Feeling«, murmelte sie befriedigt, und unter dem gleichmäßigen Surren fielen ihr endlich die Augen zu.
