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Julia ist eine selbstbewusste junge Frau, der jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird und die noch nie für irgendetwas kämpfen musste. Als sie, um nach dem Abitur auf andere Gedanken zu kommen, zu ihrem Großvater in die Berge geschickt wird, nimmt ihr Leben plötzlich eine dramatische Wendung und Julia muss sich entscheiden...
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ich stand am Fenster und schaute hinaus in die erwachende Natur. Außer dem leisen Zirpen der Grillen, dem Wind in den Bäumen und den Geräuschen, die die Kühe im Stall verursachten, war nichts zu hören. Kein Autolärm drang bis hierher und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.
Über dem nahen Wald und dem kleinen Weiher stieg leichter Nebel auf. Ein Zeichen, dass der Sommer nun zu Ende ging und der Herbst begann. Die langsamere Jahreszeit stand vor der Tür und ich freute mich darauf.
Ich hatte gefunden, wonach ich immer gesucht hatte: Ruhe und Frieden.
Ja, ich war glücklich hier, denn ich hatte es geschafft. Ich hatte gelernt zu kämpfen und mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, etwas zu wagen und nicht aufzugeben.
Und ich wusste, dass ich hierhergehörte, in diese traumhafte Landschaft der Berge. Hierher zu meinen Wurzeln, zur Natur und zu den Tieren, die ich so sehr liebte.
Ja, ich hatte mich verändert. Nichts war mehr übrig geblieben von dem unerfahrenen, eingebildeten Mädchen, das – krank vor Liebeskummer – vor mehr als vier Jahren hergekommen war, in der Absicht, sich zu erholen.
Für einen Moment schloss ich die Augen und dachte zurück an damals, an den Tag, an dem mein neues Leben begann...
Noch eine knappe Stunde, dann würde ich endlich mein Ziel erreicht haben. Die Landschaft, die draußen am Fenster vorbeiflog, hatte sich gewandelt. Statt den kilometerlangen braunen, gelben oder grünen Feldern, ließ jetzt das hügelige, bewaldete Land schon so langsam die Nähe der Berge erahnen. Die schwarz-weißen Kühe des Nordens wurden nach und nach von ihren braunen Artgenossen abgelöst, die friedlich auf saftig grünen Weiden grasten. Und statt der großen Städte mit ihren Abgasen und stinkenden Schornsteinen, sah ich immer öfter kleine, beschauliche Dörfer vorüberziehen, die sich an die dicht bewaldeten Hügel schmiegten.
Es war nun schon zwei Jahre her, seit ich meinen Großvater das letzte Mal gesehen hatte – und eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust auf „Urlaub auf dem Bauernhof“. Aber meine Mutter hatte darauf bestanden – und sie hatte wahrscheinlich Recht. Denn zuhause würde mich doch nur alles an Robby erinnern.
Robby!!!
Der Gedanke an ihn trieb mir sofort die Tränen in die Augen.
Noch vor einem halben Jahr war ich so glücklich gewesen...
Als ich Robby das erste Mal gegenüberstand, war die Situation für mich mehr als peinlich: Er erwischte mich auf der Schultoilette – beim Rauchen! Nicht, dass es mir schmeckte, aber ich wollte wie alle anderen um jeden Preis dazu gehören – und meine Freunde machten es ja auch!
Ich glaubte im ersten Moment, dieser Verrückte wäre irgendein blöder Abiturient, der sich einen Spaß mit mir erlauben wollte. Und erst, als er mich vor den Direktor schleppte erfuhr ich, dass es sich bei diesem gutaussehenden jungen Mann um Robert Boland handelte, den neuen Deutschlehrer unserer Klasse.
So begann das neue Schuljahr für mich mit einem dicken Verweis und einem Eintrag ins Klassenbuch! Nicht gerade der Start, den ich mir erhofft hatte. Und das ließ ich den Neuen auch spüren. Ich war mehr als sauer auf ihn und beschloss, ihm das Leben so richtig schwer zu machen.
Wenn mich jemand auf die Palme brachte, konnte ich ziemlich ekelhaft werden. „Julia ist mal wieder zickig!“, pflegte meine Mutter dann zu sagen – und wo sie Recht hat, hat sie Recht! Also boykottierte ich den Deutschunterricht, so oft ich konnte! Ich beteiligte mich nur, wenn Robert Boland mich direkt ansprach und meine Antworten waren dann so heftig und gemein, dass ich mich manchmal selbst über mich wunderte. Deutsch wurde damit zum erklärten Lieblingsfach meiner Klassenkameraden – und ich war so was wie die Heldin! Das Einzige, worüber ich mich in den folgenden Wochen wunderte war, dass sich der liebe Herr Boland so gut wie nie gegen mich wehrte, mich nie bestrafte und sich auch sonst überaus mustergültig verhielt.
Es war Mitte Oktober und das Wetter spielte verrückt. Der Sommer schien noch einmal zurückgekehrt zu sein und alle wollten an diesem Tag nur das eine: raus an die warme Sonne und einfach genießen!
So auch ich.
Also schnappte ich beim ersten schrillen Ton der Schulglocke meine Mappe, verabredete mich kurz mit meinen Freunden für den Nachmittag und stürmte nach draußen.
Inmitten des Gedränges im Eingangsbereich packte mich plötzlich eine starke Hand grob am Arm und ehe ich mich versah, stand ich völlig perplex in der Bücherkammer unserer Schule.
Robert Boland lehnte mit dem Rücken an der Tür und schaute mich herausfordernd an. Im ersten Moment war ich wie gelähmt vor Schreck, dann packte mich die Wut über dieses unverschämte Handeln.
Ich ballte die Fäuste und zischte: „Was soll dieser Blödsinn? Sind Sie verrückt geworden? Lassen Sie mich sofort raus, sonst fange ich an zu schreien!“
„Was habe ich Ihnen getan, Julia?“ Robert Bolands Stimme klang sehr ruhig. „Ist es wegen dem Eintrag damals, als ich Sie beim Rauchen erwischt hatte? Ich bin doch nur meiner Pflicht nachgekommen, das hat überhaupt nichts mit Ihnen zu tun. Sie machen es sich selbst nur unnötig schwer, Julia. Ich weiß, dass Sie eine gute Schülerin sind und...“
„Okay, ich habe genug gehört!“, sagte ich frech und blitzte ihn herausfordernd an. „Lassen Sie mich gehen!“
„Oh nein! Erst versprechen Sie mir, dass Sie aufhören mit Ihrer Zickerei!“
„Zickerei?“ Ich spürte, wie ich rot wurde und ärgerte mich umso mehr. „Sie haben es doch gar nicht anders verdient!“ Ich war wütend. Was wollte dieser Grünschnabel eigentlich? Die paar Jahre mehr gaben ihm doch noch lange nicht das Recht, sich so aufzuspielen.
„Bitte, Julia! Lassen Sie uns doch vernünftig miteinander reden!“
„Vernünftig? Ich lasse mich nicht von Ihnen einschüchtern!“, rief ich, schob ihn einfach zur Seite und versuchte, die Tür zu öffnen.
Doch Boland war schneller. Seine Arme umfingen mich wie zwei Klemmen und er zog mich mit sanfter Gewalt nach hinten, weiter in den muffigen Raum hinein.
„Hilfe! Hil...!“ Ich begann zu schreien, doch plötzlich spürte ich seine Lippen auf meinem Mund.
Ich gab mich dem Gefühl des Augenblicks hin und erwiderte vorsichtig seinen Kuss. Robert Boland wurde fordernder und wilder und auf einmal begann sich das Zimmer vor meinen Augen zu drehen. Es zählte nur noch das Hier und Jetzt und ich war mir sicher, dass ich diesen Tag nie vergessen würde. Wir liebten uns im Stehen – die Bücher, die mir wie kleine Dolche in den Rücken stachen und fiese blaue Flecken und kleine Kratzer hinterließen, spürte ich kaum. Das Ganze dauerte keine fünf Minuten und als die Wellen der Gefühle über mir zusammenschlugen und ich laut zu stöhnen begann, hielt er mir einfach den Mund zu. Danach half er mir, meine Klamotten zu glätten und meine wirren Haare zu bändigen.
Na ja, das war zumindest das, was mir durch den Kopf ging, als Boland mich küsste. Doch die Wirklichkeit sah leider ganz anders aus. Sein Kuss war zögernd, ja vorsichtig – und ziemlich kurz. Dann ließ er von mir ab und schaute mich fast erschrocken an.
„Bitte! - Sie können jetzt gehen!“ Damit öffnete er die Tür und ließ mich verdutzt und sprachlos zurück.
Den Rest des Tages befand ich mich in einer Art Traumzustand. Ich war nicht mehr ich selbst.
Die Verabredung mit meinen Freunden sagte ich ab, stattdessen setzte ich mich in den Park, sah den Enten auf dem Wasser zu und hing meinen Gedanken nach.
Konnte es sein, dass dieser hübsche junge Mann sich tatsächlich für eine freche Göre wie mich interessierte? Und konnte es sein, dass mir der Gedanke daran gefiel? Vielleicht sogar mehr als das?
Ich war bei weitem kein unbeschriebenes Blatt. Die Jungs aus unserer Stammdisco gaben sich bei mir Zuhause die Klinke in die Hand, so oft hatte ich schon meinen Liebhaber gewechselt. Ich war eben auch unheimlich sexy! Und ich wusste genau, was ich wollte!
Und jetzt? Was war mit Boland? Wie würde es weitergehen? Ich wusste ehrlich gesagt nicht, wie diese Geschichte weitergehen sollte!
Meine Klassenkameraden waren herb enttäuscht, als ich mich am nächsten Tag völlig verändert zeigte. Sobald Robert Boland das Klassenzimmer betrat, erwarteten alle, dass ich gleich wieder irgendeine dumme Bemerkung von mir geben würde – doch ich tat nichts dergleichen.
Ich saß nur da, hielt meinen Kopf gesenkt, ganz so, als ob ich angestrengt lesen würde – und gab keinen Mucks von mir. Von nun an würde ich meinen Lehrer nicht mehr ärgern. Sein Kuss hatte alles verändert.
Drei Tage später, es war mit einem Schlag winterlich kalt geworden, geschah das, worauf ich seit dem Zwischenfall in der Bücherkammer gewartet hatte.
Boland gab uns einen Aufsatz zurück und als ich mein Heft bei ihm abholte, drückte er mir verstohlen einen kleinen Zettel in die Hand und lächelte mich entwaffnend an. Ich spürte, wie ich rot wurde, senkte, verärgert über meine Gefühle, den Kopf und ging so schnell wie möglich an meinen Platz zurück.
Die Deutschstunde schien sich unendlich lang hinzuziehen. Doch schließlich schrillte die Glocke. Ich sprang sofort auf und rannte auf die Toilette.
15.00 Uhr – Schrebergartengelände Weststadt???
Das war alles. Und dennoch: mein Herz begann wie wild zu klopfen.
Ich konnte es kaum erwarten, bis die Schule zu Ende war. Zuhause schlang ich mein Essen hinunter und erzählte meiner verblüfften Mutter, ich hätte mich mit ein paar Freunden zum Lernen verabredet. Dann schwang ich mich auf mein Fahrrad und fuhr in Richtung Weststadt hinaus.
Ein eiskalter Wind pfiff mir um die Ohren und leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Ich fröstelte – aber weniger wegen dem nasskalten Wetter, sondern vielmehr vor lauter Aufregung, denn ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete.
Das Schrebergartengelände in der Weststadt war riesig. Ein schmiedeeiserner Zaun, dessen messerscharfe Spitzen noch zusätzlich mit Stacheldraht bespickt waren, schützte die kleinen Oasen vor der unsinnigen Zerstörungswut einer ziel- und orientierungslosen Großstadtjugend, wozu ich mich zum Glück nicht zählen musste. Der Eintritt wurde Fremden durch ein großes Tor verwehrt, das nur diejenigen zu öffnen vermochten, die einen dieser Vorstadtgärten ihr Eigen nennen konnten.
Vor eben diesem Tor stand ich dann zitternd und fragte mich gerade, wie um alles in der Welt ich in dieses Heiligtum gelangen sollte, als sich das Gitter wie von Zauberhand nach links bewegte und plötzlich Robert Boland vor mir stand.
„Bitte, treten Sie doch ein!“, meinte er lächelnd und machte eine einladende Handbewegung. Ich folgte ihm schweigend einen breiten Kiesweg hinab, zwischen Hecken hindurch und an verwilderten Büschen vorbei, während sich hinter uns die Außenwelt langsam verabschiedete. Fünf Minuten später, als ich schon zu zweifeln begann, dass ich jemals wieder aus diesem Labyrinth herausfinden würde, blieb Boland auf einmal stehen und ich bekam den Mund vor Staunen nicht mehr zu.
Inmitten all der schäbigen Hütten und jungfräulichen Gartenhäuschen stand, halb versteckt unter einer grünen Plane, eines dieser wunderschönen alten Wohnwagenmodelle mit der unvergleichlich hübschen Form eines Eis!
„Darf ich Ihnen mein Zuhause zeigen?“, fragte Robert Boland und schaute mich grinsend an. Als ich nicht antwortete, redete er einfach weiter. „Mein Onkel hat mir seinen Wohnwagen und dieses Gärtchen hier vermacht. Meine Eltern hätten es zwar lieber gesehen, wenn ich in den Osten zurückgekommen wäre, aber mir gefällt es hier so gut und – die Stelle an eurer Schule habe ich dann auch ziemlich schnell bekommen!“ Während er mir noch aus seinem Leben erzählte, schloss er die kleine Türe auf und winkte mir, ihm zu folgen.
Zögernd betrat ich dieses außergewöhnliche Kleinod und fühlte mich augenblicklich in die 60ger Jahre zurückversetzt. Nicht, dass ich zu der Zeit schon gelebt hätte – natürlich nicht! Aber alles an der Einrichtung dieses fahrbaren Häuschens erinnerte mich in gewisser Weise an das Wohnzimmer der alten Dame, die im Haus neben uns wohnte und so leckeren Apfelkuchen backen konnte. Nur schien hier alles in Miniaturform zu existieren.
Die winzige Küchenzeile war rot lackiert, die kleine Polsterecke bestand aus schäbigem, graubraunem Kord, die Wände waren mit einem hässlichen gelben Blumenmuster bemalt und an der hinteren Wand, direkt unter dem größten Fenster, stand ein kurzes Bett, dessen Unterbau aus mehreren Schubladen bestand. Doch wo bei der alten Dame allerlei Nippes und Porzellangeschirr herumstand, lagen hier überall beschriebene Blätter, Bücher und Schreibzeug.
Boland bildete aus dem Durcheinander auf dem kleinen Sofa einen schrägen Haufen, der – sobald er ihn neben dem Bett abgestellt hatte – sofort zur Seite wegrutschte und sich auf dem Boden verteilte.
„Ja, liebe Julia! Setzen Sie sich doch, das Durcheinander dürfen Sie einfach nicht beachten!“, meinte er entschuldigend. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Tee oder Kaffee?“
„Eine Tasse Tee wäre jetzt genau das Richtige!“, antwortete ich, denn ich fror jetzt erbärmlich in meiner viel zu dünnen Jacke.
Robert Boland erhitzte kurzerhand Wasser in einem vorsintflutlich aussehenden Wasserkocher, hängte zwei Teebeutel in henkellose Tassen, goss das kochende Wasser ein und brachte den fertigen Trank ans Sofa. Eine kleine Obstkiste diente als Tisch. Boland schob die Bücher und den Laptop darauf einfach zur Seite.
„Ich weiß, es ist nichts Besonderes und ziemlich klein. Aber für mich genügt es. Ich muss an niemanden Miete zahlen. Und ich habe hier meistens meine Ruhe...auch wenn es manchmal fast zu einsam ist.
„Ach! Ich finde es gemütlich hier! Sie können bestimmt tun und lassen, was Sie wollen, ohne, dass sich irgendjemand beschwert. Das wäre was für mich!“ Ich schaute meinen Deutschlehrer lächelnd an und er erwiderte meinen Blick. Prompt wurde ich rot.
„Also! Raus mit der Sprache!“, sagte ich mutig. „Was wollen Sie von mir?“ Ich hoffte, so unbeteiligt und gelangweilt wie möglich zu klingen, auch wenn mir das Herz bis zum Hals schlug und ich befürchtete, dass er das Klopfen hören konnte.
„Ich weiß nicht?“ Ich hörte fast das Grinsen in seiner Stimme. „Vielleicht das Gleiche wie Sie?“
Auf einmal war mir unerträglich heiß, obwohl ich noch keinen Schluck Tee genommen hatte. Schnell senkte ich den Kopf und überlegte hastig, was ich als nächstes tun sollte. Dann spürte ich seine Hand auf meiner Schulter und zuckte zusammen.
„Okay!“ Ich schaute ihn nun direkt an. „Warum haben Sie mich hierher bestellt?“
Mit der linken Hand strich ich mir die Haare aus dem Gesicht – eine Angewohnheit, die meine Mutter manchmal fast in den Wahnsinn trieb, denn es gab Tage, da machte ich diese Bewegung tausendmal. Immer dann nämlich, wenn ich unsicher war und Angst hatte, ertappt zu werden.
Boland lachte ein offenes, freundliches Lachen und strich mir mit der Hand über die Wange. Mich durchfuhr es wie ein Blitz.
„Seit ich Sie zum ersten Mal gesehen habe, habe ich keine Nacht mehr ruhig geschlafen. Ach, liebe Julia! Ich glaube, Sie haben mich in der Hand! Sie können tun und lassen mit mir, was Sie wollen – ich bin Ihnen hoffnungslos verfallen! Ob Sie mich nun vor der ganzen Klasse lächerlich machen oder mich keines Blickes würdigen, mir ist alles egal! Wichtig ist nur, dass es Sie gibt!“
Das, was er gesagt hatte, gefiel mir sehr und ich war überrascht von der Ehrlichkeit, mit der er mir seine Gefühle gestanden hatte.
Ich grinste ihn frech an und meinte schmunzelnd: „Soll das etwa eine Liebeserklärung sein, Herr Lehrer?“
Jetzt war es an ihm, rot zu werden.
„Aber, aber...!“ Ich lachte laut. „Sie wissen doch, dass Sie das nicht dürfen!“
„Ach ja? Soll ich Ihnen was sagen, Julia? Das ist mir im Moment so was von egal! Ich habe mein Herz an Sie verloren und da kann keine noch so strenge Regel auch nur einen Tick daran ändern. Ich bin nur ein paar Jahre älter als Sie – und hätten wir uns unter anderen Umständen kennen gelernt, würde niemand etwas dagegen sagen!“
Ich schwieg, doch mein Herz klopfte wie wild. Robert Boland schob vorsichtig die Obstkiste zur Seite – der Tee war vergessen. Er kniete sich vor mich hin, legte einen Finger unter mein Kinn und hob es an, so dass ich gezwungen war, ihn anzuschauen. Er betrachtete mich prüfend und als er gefunden hatte, wonach er suchte, huschte ein liebevolles Lächeln über sein Gesicht. Dann beugte er sich vor und noch ehe ich etwas sagen konnte, verschlossen seine Lippen die meinen.
Es war, als ob wir miteinander verschmelzen würden. Erst nach einer halben Ewigkeit gab er mich wieder frei.
„Ich liebe dich, Julia! Ich kann an nichts anderes mehr denken!“ Seine Stimme war belegt, so sehr schienen die Gefühle ihn zu überwältigen. Mein Herz flog ihm zu und ich umarmte ihn spontan. Wir küssten uns wieder, dieses Mal aber wild und fordernd – und als unsere Körper warmen Früchten glichen, begannen wir, uns gegenseitig auszuziehen, langsam und zärtlich zuerst, dann immer schneller, atemloser. Seine Zunge glitt über meine nackte Haut und ließ mir kalte Schauer über den Rücken rieseln. Meine Finger gingen auf Entdeckungsreise und was sie fanden, machte mich fast verrückt vor Verlangen. Als Robert Boland endlich in mich eindrang war es, als ob ich diesen Mann und seinen Körper schon ewig kennen würde.
Wenn ich heute daran zurückdenke, dann weiß ich, dass das damals der schönste Tag in meinem Leben war. Es war der Beginn einer besonderen Zeit, der Anfang einer wunderbaren Liebe.
Es war nicht einfach für uns, denn wir mussten unsere Gefühle vor den anderen verbergen und diese Heimlichtuerei machte mich manchmal fast krank. Aber das Wissen um unsere Liebe gab uns Kraft und ließ uns so manche Durststrecke überwinden. In den zwei Jahren unseres Zusammenseins wurde mir erst so richtig bewusst, was Liebe bedeutete. All die kleinen Flirts, die paarmal, als ich dachte, ich sei verliebt – ja sogar mein erstes Mal – all das war im Vergleich dazu unwichtig gewesen. Das, was Robby und mich verband war mehr, war tiefer, stärker, beständiger.
Zumindest glaubte ich das.
Bis die ganze Sache aufflog und Robby mit sofortiger Wirkung von der Schule verwiesen wurde. Wer uns verpfiffen hat weiß ich bis heute nicht genau. Wahrscheinlich hatte uns ein Kollege von Robby beschattet. Jedenfalls war es das Ende unserer Beziehung.
Als ich Robby an diesem besagten Tag nach der Schule in der Schrebergartengelände besuchen wollte, war er bereits mitten im Aufbruch. Er hängte gerade den Wohnwagen an seinen alten VW Käfer an, begrüßte mich kaum und war ziemlich wortkarg.
„Ich werde das Land verlassen. Ich habe es satt, nach deren Pfeife zu tanzen. Zeit, das Leben zu genießen, Abenteuer zu erleben. Ich bin noch zu jung für diese Tretmühle!“ Dann schaute er mich mit durchdringendem Blick an. „Und für dich wird es das Beste sein, wenn du mich so schnell wie möglich vergisst!“
„Aber ich dachte es wäre dir ernst mit mir! Ich habe geglaubt, das mit uns ist was Besonderes, für die Ewigkeit! Wir lieben uns doch!“
„Für die Ewigkeit? Pah, dass ich nicht lache! Mensch, Julia! In was für einer Welt lebst du eigentlich? Schau dich doch mal an! Du hast doch noch nie für irgendetwas kämpfen müssen. Alles wird dir in den Schoß gelegt. Papa verdient gutes Geld; Mama liest dir jeden Wunsch von den Augen ab. Dein Leben ist so einfach! Da passe ich nicht rein!“
Ich konnte nicht glauben, was er da sagte. Noch vor ein paar Stunden war alles in Ordnung gewesen.
„Aber warum denn auf einmal nicht mehr? Nur, weil wir erwischt worden sind? Das ist doch völlig egal!“
„Nein, das ist eben nicht egal! Wo immer ich mich jetzt auch bewerben werde, diesen Makel werde ich für immer mit mir herumtragen. Es ist wie ein Brandzeichen! Boland treibt es mit seinen Schülern!“
„Dann nimm mich mit, Robby! Bitte! Ich gehe überall hin mit dir. Lass mich nicht hier zurück! Ich liebe dich!“
Er sah mich mit ernsten Augen an, dann nahm er mich in die Arme und drückte mich ganz lange an sich und ich glaubte schon, alles würde gut werden. Als er mich aber schließlich von sich wegschob, hatte sich sein Gesichtsausdruck vollkommen verändert. Seine Augen blickten mich kalt an und seine Stimme klang unbewegt und leer.
„Vergiss es, Julia! Unsere Wege sind nicht dieselben. Je eher du das begreifst, desto besser. Und jetzt mach mir keine Szene, sondern lass mich endlich gehen!“
Ich war wie versteinert. Der Schock über Robbys Sinneswandel saß tief. Er war doch der Mann meines Lebens! Meine große Liebe! Und so stand ich nur da, sah zu, wie er seine restlichen Sachen packte und gab keinen Mucks mehr von mir. Und während der Schnee in dicken Flocken auf mich herabfiel und meine Hände und Füße langsam gefroren, ließ ich ihn ziehen. Er fuhr an mir vorbei, ohne sich von mir zu verabschieden, ohne auch nur ein einziges Mal zurückzublicken. Es war, als ob es mich gar nicht geben würde, als ob unsere Liebe nie existiert hätte.
Auf dem ganzen Weg zurück durch die Schrebergärten und auch noch während der Fahrt mit dem Bus nach Hause, stand ich irgendwie neben mir. Erst als ich die Tür meines Zimmers hinter mir geschlossen hatte, begann ich so langsam zu begreifen, was geschehen war. Und da brach das ganze Elend mit einer solchen Wucht über mich herein, dass es mich völlig aus der Bahn warf. Als gegen Abend meine Mutter von der Arbeit nach Hause kam, fand sie mich, zusammengerollt wie ein Säugling, auf meinem Bett liegend vor. Meine Augen waren vom vielen Weinen zugeschwollen, die Nase rot und dick und in meinem Kopf dröhnte ein Trommelsolo vom Feinsten!
Eine halbe Nacht und mehrere Kilo Taschentücher später, hatte meine Mutter alles aus mir herausgeholt und als sie endlich genug wusste, um sich einigermaßen ein Bild machen zu können, tat sie das einzig Richtige, was eine Mutter in diesem Fall tun konnte: sie ließ mich in Ruhe und sagte mir, dass ich immer zu ihr kommen könnte, wenn ich sie bräuchte. Keine Vorwürfe, keine Ratschläge, keine Worte des Mitleids. Das Verständnis meiner Mutter und ihre grenzenlose Liebe waren der Grund, warum ich diese ersten schweren Stunden überhaupt überstehen konnte.
Ich streifte ziellos durch die Gegend ohne von dem, was um mich herum geschah, irgendetwas wahrzunehmen. Immer wieder suchte ich all die geheimen Orte auf, an denen wir uns getroffen und geliebt hatten. Ich fuhr sogar zu den Schrebergärten in der wahnwitzigen Hoffnung, Robby würde dort auf mich warten und mir erzählen, dass alles nur ein Spaß gewesen war. Mehr als einmal landete ich an der U-Bahn-Station, bereit, mich vor den nächsten Zug zu werfen. Doch glücklicherweise siegte immer meine Angst vor den Schmerzen, die ich dabei wahrscheinlich erleiden würde. Dann schloss ich mich wieder stundenlang im Badezimmer ein, aß und trank nichts mehr und verging fast vor Sehnsucht und Kummer.
Ich blieb der Schule für eine ganze Woche fern und als ich dann mutig genug war, mich meinem Schicksal zu stellen, musste ich erfahren, dass sich alle meine Freunde von mir abgewandt hatten. Ob sie mir böse waren, weil ich ihnen nie etwas von Robby erzählt hatte oder ob sie einfach nur neidisch waren – ich sollte es nie erfahren. Und so zog ich mich vor allen zurück, widmete mich nur noch der Schule und büffelte wie eine Wahnsinnige.
Trotz all der schlaflosen Nächte und den Tagen voller Tränen und Trauer schaffte ich es, genug Kraft und Wissen für mein Abitur zusammen zu kratzen. Ich bestand die Prüfungen mit Bravour und machte so den schlimmsten Prophezeiungen meiner Mutter ein Ende. Doch als ich mich auch danach noch mehrere Stunden am Tag in meinem Zimmer einschloss oder eine Ewigkeit im Park zubrachte, auf einem Stein sitzend und in den See starrend, machte meine Mutter mir einen Vorschlag, den ich annehmen musste, weil mir selbst klar war, dass ich sonst nie wieder richtig zu mir kommen würde. Ich wusste noch immer nicht, was ich mit meiner Zukunft anfangen sollte, fühlte mich einsam und allein und vergrub mich mehr und mehr in meinem Selbstmitleid.
„Ich habe gestern mit deinem Onkel telefoniert“, meinte meine Mutter eines Abends, als ich von einem meiner einsamen Streifzüge zurückkehrte. „Er meinte, die frische Bergluft und eine andere Umgebung würden dir guttun und dich auf andere Gedanken bringen. Du könntest dich ein wenig um deinen Großvater kümmern und Joe bei der Arbeit helfen – oder einfach nur relaxen und wieder zu dir selbst finden. Er hat auch gesagt, du könntest bleiben so lange du möchtest. Bis du weißt, was du aus deinem Leben machen willst!“
...Und nun saß ich im Zug in Richtung Süden, unterwegs in die tiefste Provinz – und war mir auf einmal gar nicht mehr so sicher, ob ich da überhaupt hinwollte. Aber ich hatte es meiner Mutter versprochen.
„Wenigstens zwei Wochen!“, hatte sie gesagt, als ich meine Sachen zu packen begann und mir erste ernsthafte Zweifel kamen. Seit wir in der Stadt lebten, waren wir jedes Jahr höchstens ein, zweimal in die Berge gefahren, um meinen Großvater zu besuchen. Wir hatten immer in einem der besten Hotels gewohnt und nur wenige Stunden auf dem Hof meiner Großeltern verbracht. Denn meine Mutter liebte es, in ferne Länder zu reisen, Urlaub an einsamen Stränden in der Karibik zu machen – aber sie hasste die Berge und das einfache, ländliche Leben auf dem Bauernhof ihrer Kindheit.
Sie war gerade erst achtzehn geworden, als sie mit mir schwanger wurde. Mein Vater, der Sohn des Bürgermeisters unseres Heimatdorfes, hatte gerade erst die Schule beendet und keine Lust, seine Zukunftspläne wegen eines Kindes in den Sand zu setzen. Er wies jegliche Schuld an dem Unglück, wie er es nannte, von sich, machte meiner Mutter heftige Vorwürfe, sie habe ihn hintergangen und ausgenutzt – und flog kurzerhand nach Amerika, um dort, fern der Heimat, in aller Ruhe zu studieren. Von da an wurde meine Mutter im Dorf gemieden, ja sogar als Flittchen beschimpft, so dass sie sehr bald genug hatte von der kleinbürgerlichen Umgebung. Meine Großeltern, die mit Leib und Seele an ihrer Heimat hingen, beknieten meine Mutter, sie solle doch den Nachbarsjungen heiraten, eine gute Partie, aber nicht besonders attraktiv. Doch meine Mutter hatte andere Vorstellungen. Sie wollte weg aus der Provinz, ihr Glück in der Ferne suchen, in die Stadt gehen, Karriere machen.
Als ich fünf Jahre alt war, brannte sie mit dem Kinderarzt unseres Dorfes durch. Wir verließen bei Nacht und Nebel unser kleines Zuhause und zogen mit Jakob Burkhardt, meinem Stiefvater, in den Norden. Jakob wurde dort sehr schnell ein angesehener Arzt und meine Mutter war bald überall sehr beliebt. Sie blühte auf, kleidete sich in Designer-Klamotten, spielte Tennis und Golf – und wurde Mitglied im Fitness-Club.
So verließ ich also den Ort meiner Kindheit und erst fünf Jahre später, als meine Großmutter ganz plötzlich starb, kehrten wir für ein paar Tage zurück. Meine Mutter fühlte sich irgendwie schuldig, es tat ihr sehr weh, dass sie sich nicht mehr von ihrer Mutter hatte verabschieden können und sie brauchte sehr lange, um über deren Tod hinweg zu kommen. Von da an besuchten wir Großvater jedes Jahr. Doch nachdem ich Robby kennengelernt hatte, hatte ich es irgendwie immer geschafft, mich durch irgendwelche fadenscheinigen Vorwände vor diesen lästigen Besuchen zu drücken und stattdessen die Chance genutzt, mehrere Tage mit Robby verbringen zu können.
Ich war mit Leib und Seele Stadtmensch geworden. Von der Art her wie ich mich kleidete, bis zu meiner Ausdrucksweise, der man nichts Regionales mehr anmerkte. Mein Hochdeutsch war lupenrein und ich hatte jetzt schon Schwierigkeiten damit, den Schaffner zu verstehen, dessen Sprache in meinen Augen tiefstes Provinzdeutsch war.
Mir graute vor dem, was mich bei meinem Großvater erwartete.
Als ich aus dem Zug stieg, brannte mir die Sonne erbarmungslos ins Gesicht. Obwohl es bereits früher Abend war, hatte sie noch immer eine enorme Kraft.
Wieder bereute ich es, hierher gefahren zu sein. Lieber wäre ich jetzt am Badesee und würde in der Sonne braten. Ob hier überhaupt eine annehmbare Bademöglichkeit auf mich wartete? Seufzend setzte ich meine Sonnenbrille auf und stopfte meine Haare unter die obercoole Schildmütze, die ich mir vor einer Woche gekauft hatte.
Suchend blickte ich mich auf dem fast leeren Bahnsteig um. Wo war nur Onkel Joe?
„Du bist doch bestimmt Julia, oder?“, fragte eine freundliche Stimme hinter mir. Erschrocken drehte ich mich um. Mir gegenüber stand ein großer, schlaksiger junger Mann, der irgendwie verwahrlost aussah. Das lag hauptsächlich an den schulterlangen blonden Haaren, die ihm in alle Richtungen vom Kopf abstanden. Irgendwie erinnerte er mich an einen dieser Hippies aus den alten Filmen, die sich meine Mutter so gern anschaute. Seine Kleidung war äußerst schlabberig, ziemlich alt und völlig durchlöchert. Und sie stand vor Dreck! Außerdem brachte diese ganze unglaubliche Erscheinung noch ein Stück Land mit sich mit: er roch durchdringend nach Kuhstall und Mist!
Aber das Ungewöhnlichste an diesem Menschen waren seine Augen: grüne, glänzende Sterne, versteckt unter buschigen Augenbrauen, durchdringend und mit einem Ausdruck, der mich fast umhaute und mein Herz schneller schlagen ließ. Dieser Mann war eine Schönheit! Nur schien er selbst davon nichts zu ahnen!
Das markante Gesicht meines Gegenübers verzog sich plötzlich zu einem frechen, fast unverschämt schiefen Grinsen und ich wurde mir auf einmal bewusst, dass ich den Fremden mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen anstarrte.
„Und wer will das wissen?“, fragte ich eine Spur zu barsch, während ich mir mit der linken Hand die Haare aus dem Gesicht strich. Der junge Mann kratzte sich verlegen am Kopf und setzte eine alte, braune Baskenmütze auf sein linkes Ohr.
„Oh, tut mir leid! Ich sollte mich vielleicht zuerst einmal vorstellen. Ich bin Georg, Joes Freund. Er hat mich gebeten, dich abzuholen, weil er gerade mitten im Melken ist!“
Georg streckte mir eine Hand hin. Eine schöne, gepflegte Hand, braungebrannt mit langen, wohlgeformten Fingern. Keine schmutzigen Fingernägel, keine schorfige Haut. Die nächste Überraschung!
Nur bei seiner Ausdrucksweise stellten sich meine Nackenhaare auf. Tiefste Provinz, jedes einzelne Wort! Oh mein Gott! Meine Mutter hatte Recht gehabt! Ich würde mir schwertun, mich daran zu gewöhnen!
„Na ja, da kann man dann wohl nichts dagegen machen!“, gab ich knapp zurück.
„Stimmt!“, antwortete er grinsend. „Also, gehen wir!“
Georg wollte mir den Rucksack abnehmen, doch ich ging einfach in Richtung Ausgang davon, ohne mich weiter um seine Anwesenheit zu kümmern. So blieb ihm nichts anderes übrig, als mir zu folgen. Vor dem Bahnhofsgebäude blieb ich dann kurz stehen und ließ ihn vorangehen. Und da wartete auch schon die nächste Überraschung auf mich. Sein Auto war der Hammer! Ein Oldtimer allererster Sahne! Mercedes! Der helle Wahnsinn!
„Wow!“, entfuhr es mir. „Das ist ja gigantisch! In einem solchen Schlitten wollte ich schon immer mal mitfahren!“
„Also dann! Los geht’s!“, meinte Georg grinsend und öffnete die Beifahrertüre. Ich warf meinen Rucksack mit Schwung auf die Rückbank und ließ mich auf den heißen Sitz fallen. Doch im gleichen Augenblick wollte ich auch schon wieder raus! Es war, als würde ich mitten im Kuhstall sitzen und es hätte mich nicht einmal gewundert, wenn mir der heiße Atem einer Kuh in den Nacken gestiegen wäre und eine raue Zunge mein Ohr abgeschleckt hätte!
